Inge sah sie ungläubig an. »Bei dir wird es viel schwerer sein, ich
glaube, mit dir ist nichts anzufangen nach dieser Richtung. Du scheinst
mir zu verbohrt in deine Ideen, aber besuchen kann ich dich ja doch. Es
ist ja nicht nötig, daß ich dir alles erzähle, ich werde heraussuchen,
was ich für dich passend finde.«
»Du kannst mich ja so nach und nach an alles ›Moderne‹ gewöhnen,
vielleicht werde ich noch moderner als du und erwache eines Morgens
als Übermensch -- das ist ja wohl auch so ein Schlagwort?«
»Längst abgetan, Tante. Wir ganz Modernen wollen gar nicht Übermensch
sein, im Gegenteil, wir wollen unsere kleinen Sünden und Schwächen
haben, das ›Über‹ verpflichtet zu Stärke, das ist uns zu schwierig.«
»Ah, jetzt fange ich an zu verstehen, wie ihr denkt, und ich möchte
dir einen Vorschlag machen. Ich will es versuchen, dich zur Stärke,
zur Überwindung deiner Schwächen zu bringen, und du versuchst es, mich
wankend zu machen und mich zu den Modernen hinüberzuziehen, wir wollen
kämpfen, kämpfen mit offenem Visier, du siehst, ich bin ehrlich; nimmst
du den Kampf an, Inge?«
»Ja, Tante Ebba, ich nehme an. Du bist doch ein famoser Mensch, und
du gefällst mir, trotzdem du unmodern bist. Noch nie hat Mama oder
eine von den andern Müttern so mit mir gesprochen, immer tun sie, als
ob wir Kinder wären, und wissen ganz genau, daß wir es nicht sind,
nicht sein können. Sie sind nicht ehrlich, nicht offen zu uns. Du
kommst und nimmst mich so, wie du mich findest. Du siehst mich als
Kind und schiltst mich aus, du siehst mich als denkenden Menschen und
sprichst mit mir, wie du mit einem Erwachsenen sprichst, glaube mir,
ich bin kein Kind mehr, und ich weiß genau, was ich will, du wirst
sehen, ich bleibe fest und verteidige meine Ansichten. Ich freue mich
jetzt ordentlich darauf, mit dir zu kämpfen. Eigentlich habe ich mich
immer danach gesehnt, mich mit jemand aussprechen zu können. Ich habe
wohl meine Freundin Blanka, aber die findet immer alles richtig, was
ich sage, und das ist langweilig. Ich brauche sogar jemand, der mir
widerspricht, das ist doch viel interessanter, Widerspruch reizt mich
und bestärkt mich erst recht in meinem Willen.«
»Nun, habe ich es dir nicht gleich gesagt, daß wir uns schon
zusammenfinden werden? Ich glaube, in deinem jungen Herzen ist doch ein
Stückchen von der Liebe geborgen, die mein Bruder für mich hegte, und
das will ich mir ausgraben, du böses ganz modernes Mädchen du.«
»Ach, Tante, sentimental ist nicht modern.«
»Ich bin ja auch noch nicht modern, ich will es ja erst werden.«
»Ich weiß eigentlich nicht -- du -- ich komme bald zu dir, kann ich
auch mal Blanka mitbringen?«
»Gewiß kannst du das, aber nicht das erstemal, ein bißchen müssen wir
uns noch allein aussprechen, und nun bestelle deiner Mutter viele Grüße
und sage ihr, daß ich mich recht gut mit ihrer Tochter unterhalten
habe.« -- -- --
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Dieses also, dem Sumpf der Großstadt zuschwebende Geschöpf war
ihre Nichte, die Tochter ihres Bruders! War es möglich, sie noch
zurückzuhalten? Oder war es vielleicht schon zu spät?
Ebba schauderte.
Hatten der Vater, die Mutter jemals in die Seele ihres Kindes geschaut?
Die Mutter, welche ihr Leben genoß, die sich ledig wähnte ihrer Mutter-
und Erzieherpflichten, weil ihr im Kultus ihrer Begehrlichkeiten keine
Zeit für die eigene Familie übrigblieb? Oder der Vater, welcher im
Herbeischaffen des harten, kalten Geldes vergaß, den Seinen Wärme und
Liebe zu spenden? Der zu schwach war, die Zügel zu ergreifen, um ein
strenges Regiment zu führen?
Du, Lukas, bist der Schuldige. An dir war es, deinem Weibe Einhalt
zu gebieten auf dem Wege, den sie betreten. Du hast sie zur Mutter
gemacht, du mußtest auch darauf achten, daß sie ihre Mutterpflichten
ausübte.
Arme verwilderte Seele! Wo war die Hand, die dich geleiten sollte? Wo
das Mutterherz, das dich liebevoll behütete vor Schlacken und Schmutz,
die dein junges Gemüt vergiften mußten?
Unbehütet, ungeleitet griffen deine jungen Hände nach leuchtenden
Blüten, nach schillerndem Kraut, welches dir entgegenwucherte. Wahllos
fülltest du deine Hände, ohne zu wissen, daß Gift aus den Blüten drang,
daß Unkraut deine Hände füllte. Denn dein Weg war voll davon, da der
Gärtner, pflichtvergessen, nicht gejätet hatte.
* * *
»Weißt du, Tante Ebba, ich habe Papa einmal zu Weihnachten einen Spruch
geschenkt: ›Mag draußen die Welt auch ihr Wesen treiben, mein Heim
soll meine Ruhestatt bleiben.‹ -- Den Spruch, auf schönem Holzbrett
gezeichnet, habe ich gekauft und dann fein säuberlich die Buchstaben
ausgepinselt. Ich hatte nicht über den Sinn der Worte nachgedacht. Ich
fand nur das Brett sehr hübsch aussehend und war sehr ärgerlich, daß
Papa, statt es aufzuhängen, es seufzend in seinen Schreibtisch schloß,
ich habe nie mehr daran gedacht. Aber heut, hier bei dir kommt mir die
Erinnerung an diesen Spruch, und ich verstehe, warum Papa ihn in seine
Schublade getan. Tante Ebba, wir haben wohl ein Zuhause, aber wir haben
kein Heim.«
»Wie meinst du das, Inge?«
»Daß es bei uns keine Ruhe, keine Gemütlichkeit gibt. Glaubst du denn,
daß es möglich sei, mit den Eltern auch nur eine halbe Stunde allein
zusammen zu sitzen und zu plaudern? Ausgeschlossen! Entweder es ist
Besuch da, oder es klingelt das Telephon, oder Papa, der sich kaum
gesetzt hat, springt auf: ›Kinder, ich hab’ ja keine Zeit, mein Gott,
ich hätte ja beinah meine Konferenz vergessen.‹ Ich habe das ja alles
gar nicht empfunden, aber jetzt, seit ich dich besuche -- ach, Tante
Ebba, ich wünschte, du wärest nicht zu uns gekommen!«
»Kommst du gern zu mir?«
»In acht Tagen ist es heute das dritte Mal, daß ich bei dir bin, da
bedarf es wohl keiner Antwort. Aber ich komme jetzt nicht sobald wieder
-- nein, ich will nicht.«
»Und warum nicht?«
»Weil -- nun ja -- weil du etwas in mir erweckt hast -- etwas, nach
dem ich mich sehne und das ich doch nicht haben kann -- und auch nicht
haben will -- nein, wir sind eben moderne Menschen und brauchen keine
Liebe -- Gefühlsduselei is Blech --«
Ärgerlich setzte sie ihre Kaffeetasse nieder, griff nach einem Stück
Kirschkuchen und häufte sich einen Berg Schlagsahne auf ihren Teller.
»Is auch so ’n Lockmittel von dir, Kirschtorte und Schlagsahne. Könnte
ich mich tatsächlich totessen. Is schon das vierte Stück, wenn Mama
übrigens wüßte, daß ich hier so oft herausflitze, die würde sich
wundern.«
»So hast du nicht davon gesprochen, daß du bei mir gewesen bist?«
»Als ich das erstemal hier war, habe ich es erzählt und auch
pflichtschuldigst deine Grüße bestellt. Aber sie hörte gar nicht hin.
Sie hatte sich gerade in ihrem Klub geärgert, war wieder mal große
Uneinigkeit zwischen den Vorstandsdamen, und das müssen wir dann
ausbaden. Papa aber freute sich und sagte, ich solle recht oft zu dir
gehen.«
»So kümmert sich deine Mutter gar nicht um deine Ausgänge?«
»I bewahre! Dazu hat sie gar keine Zeit. Ist auch sehr klug von ihr,
denn ich ließe mich doch nicht kontrollieren. Du vergißt immer, Tante,
daß die moderne Erziehung der Jugend die Freiheit nicht beschneidet.
Wir sollen lernen, für uns selbst einzustehen.«
»Ich vergesse immer, daß Mutterliebe und Kinderliebe ein überwundener
Standpunkt sind.«
»Vielleicht wäre es anders, Tante Ebba, wenn die Mütter so wären, wie
du bist.«
»Ja, um des Himmels willen, glaubst du denn wirklich, daß alle Mütter
so sind wie -- --«
»Wie meine Mutter -- sprich es ruhig aus. Ja, das glaube ich, denn ich
kenne keine anderen.
Du mußt wissen, Tante, daß keine von all den Müttern als eine Mutter
gelten will. Fange doch nur mal mit dem Äußeren an. Immer jung, immer
schick, man darf ihnen nie die großen Kinder ansehen, sie machen es uns
doch selbst unmöglich, Ehrfurcht vor ihnen zu haben. Ehrfurcht haben
vor dem Alter ist eine Beleidigung, denn es gibt kein Alter. Alle sind
sie und bleiben sie jung.
Weißt du, ich habe schon oft zu Blanka gesagt, ich verstehe gar nicht,
warum die modernen Menschen eigentlich Kinder kriegen, wenn sie ihnen
doch so lästig sind. Ich zum Beispiel möchte keine Kinder haben, und
schon gar eine Tochter! Niemals!«
»Wenn nun alle so dächten wie du, dann würde ja die Welt entvölkert.«
»Das könnte mir gleich sein, wenn ich nur meine Bequemlichkeit hätte!
Aber alle denken ja nicht so, das weiß ich wohl. Du, glaube ich,
würdest gern eine Tochter haben.«
»Ich habe stets gewünscht, eine Tochter zu besitzen, aber jetzt --«
»Seit du mich kennst,« fiel Inge lachend ein, »fürchtest du dich.
Tantchen mein, weißt du denn nicht, daß deine Tochter nie so sein
könnte, wie ich bin, wie Blanka, wie all meine andern Freundinnen es
sind? Du, du wärest eben eine wirkliche Mutter, mit Ehrfurcht und
Respekt und wie die schönen Dinge alle heißen, ganz, ganz anders.
Würdest du in Vereine rennen und zu Hause alles gehen lassen, wie es
geht? Würdest du dir mit Herren Rendezvous geben? Würdest du alle
vier Wochen zum Friseur laufen und dich auffärben lassen? Na, deine
aufgerissenen Augen sprechen Bände. Siehste, wo bleibt da der Respekt,
die Ehrfurcht?
Nee, Tante, überwundener Standpunkt. Schwächen haben wir ja alle,
unsere Eltern eben auch, schadet nichts, wenn wir Kinder sie kennen,
bringt uns ein bißchen in Vorteil. Ein Glück, daß du nicht meine Mutter
bist, Tante Ebba.«
»So spricht dein Mund, dein Herz aber denkt anders, Inge.«
»Pah -- Herz! Wenn man keins hat, legst du eins in einen hinein. Aber
bei mir nich zu machen, ich lasse mich nicht rumkriegen.«
»Warum willst du nicht zugeben, daß du Gemüt hast?«
»Weil ich keins habe, keins haben will. Und nun will ich machen, daß
ich davonkomme, sonst entdeckst du wirklich noch sogenannte gute
Eigenschaften an mir.«
»Wirst du bald wiederkommen?«
»Nee, vorläufig nich, is mir zu gefährlich! Du entdeckst Herzen, das is
nich mein Fall.«
»Du bist ein mit allerhand krausem Zeug angefüllter Kindskopf, Inge, es
ist schade um dich. Aber möglich, daß du recht hast, mit Egoismus und
Gefühllosigkeit kommt man vielleicht weiter, bleibe du nur vor allen
Dingen modern.«
»Spottest du über mich?«
»Nicht im geringsten, ich versuche es, mich in deine Ideen
hineinzufinden.
Daß du nicht sobald wiederkommen willst, tut mir übrigens leid, ich
wollte dich gern mit Fräulein Wunsch bekanntmachen.«
»Lotte Wunsch, der Bildhauerin?«
»Eben der!«
»Die ist mir schrecklich interessant, Tante, natürlich komme ich.
Klingle mich man an, is ja auch Blödsinn, du kannst in mir nich
entdecken, was nich is, und bekehren lasse ich mich nich.«
* * *
In dichten weichen Flocken war der Schnee den ganzen Tag über zur
Erde gefallen, Häuser, Bäume, Straßenlaternen mit seinem schneeigen
Weiß bedeckend. Unaufhaltsam war das Geriesel heruntergestäubt, zum
Jubel der Kinder, zur Freude der Erwachsenen, nun hatte man doch einen
richtigen Weihnachtsabend.
Berlin im Schnee. Das war etwas Seltenes. Der Verkehr stockte. Die
elektrischen Bahnen mußten den Betrieb teilweise einstellen. Die Wagen
und Autodroschken wurden bestürmt und konnten sich nur mit Mühe den Weg
bahnen durch die dichte weiße Masse.
Die hastigen Großstadtmenschen schimpften, daß sie nicht schnell genug
vorwärtskämen, aber dem Schimpfen war ein Unterton beigelegt. Freude
und Lust an dem Neuen, Ungewohnten hatten sie alle. Hastig stürmten sie
vorwärts, die frische klare Winterluft in tiefen Zügen einatmend.
In der stillen Margaretenstraße stand eine Frau am Fenster und schaute
auf die tanzenden und glitzernden Flocken. Unaufhörlich fiel der
Schnee voll Gelassenheit und sehr dicht vom Himmel. Eine wunderbare
Lautlosigkeit. Wenn ein Windhauch durch die Bäume ging, der die Zweige
leicht anblies, rieselte weiße Streu herab. Die einsame Frau öffnete
das Fenster, streckte die Hände hinaus, und leicht und locker fielen
die glitzernden Sterne hinein. Mehr, immer mehr. Jetzt bildeten sie
schon eine dichte Masse, und prickelnde Kühle durchdrang die Haut.
Da kam ein Hauch und entführte die schimmernde Pracht. Mit leeren
Händen stand sie da. Langsam rollten zwei Tränen über ihre Wangen. Mit
ausgestreckten, leeren Händen und weiß nicht, ob das Schicksal gewillt
ist, jemals wieder etwas hineinzulegen, was wert ist, festgehalten zu
werden.
Von der nahen Matthäikirche läuteten soeben die Glocken den Heiligen
Abend ein.
Man feierte das Andenken an die Geburt eines Menschensohnes, der durch
seine Liebe zu den Menschen ein Gottessohn geworden.
Liebe! Ihr ganzes Herz war voll davon. Gern wollte sie schenken, in
verschwenderischer Fülle ausschütten -- aber wo -- wohin damit? Wer
wollte ihre Liebe? Wer fragte danach?
Es war ein Gefühl von Vereinsamung und grenzenloser Verlassenheit
in ihr, wenn sie einen Menschen gewußt hätte, an den sie sich hätte
anklammern können, der ihr half, ihrem Leben Inhalt zu geben. Niemand
war da, den sie mit der Fülle ihrer Liebe überschütten dürfte, der nach
ihr verlangte und dem sie etwas sein konnte, niemand.
»Tante Ebba!«
Sie fuhr herum.
»Inge, du?«
»Tante Ebba, ich wollte dir helfen, den Baum putzen, denn du -- du hast
doch heute abend Besuch, und weil du heute beim Baumschmücken so allein
--« Hastig waren die Worte über ihre Lippen gekommen, jetzt stockte
sie und sah unsicher zu Ebba empor.
»Und zu Haus? Wird man dich nicht zu Haus vermissen?«
Inge machte eine wegwerfende Handbewegung. »Merkt kein Mensch, daß ich
nicht da bin. Um neun Uhr offizielle Bescherung -- um zehn Uhr großes
Weihnachtsessen -- zwanzig Menschen. Baum habe ich schon am Vormittag
geschmückt. Tante -- bist du böse, daß ich gekommen bin? Habe ich dich
gestört?«
»Böse? Du dummes, dummes Mädchen du, keine größere Freude hättest du
mir antun können.« Fest zog sie das junge Mädchen in ihre Arme und
drückte einen Kuß auf die frischen kalten Lippen.
»Puh, wie naß du bist! Mein Gott, du bist der reine Sturzbach. Bist
wohl ohne Schirm gegangen?«
»Natürlich, was denkst du! Schnee, da geht man drunter weg, is doch
fein. Hab’ mich draußen schon geschüttelt wie so’n nasser Köter, na,
etwas bleibt schon hängen, macht nichts, alter Mantel, aber nun laß uns
rasch den Baum schmücken, denn ein bißchen möchte ich gern still mit
dir darunter sitzen. Ich möchte mal eine richtige stille und gemütliche
Weihnachtsstunde haben.«
»Zum Baumschmücken kommst du zu spät, Inge. Auch mein Bäumchen steht
schon schmuckbeladen und harrt nur noch, daß ich ihn im Kerzenschimmer
erstrahlen lasse. Laß es dich nicht verdrießen, um so länger können
wir bei seinem Schein zusammensitzen. Denn jetzt werden wir zwei
zusammen das Weihnachtsfest feiern. Rasch, trage deine nassen Sachen
hinaus, inzwischen werde ich für dich die Lichter entzünden, für dich
ganz allein, Inge, du sollst deinen Weihnachtsabend haben hier bei
mir.« -- -- --
Ebba und Inge standen sich unter dem im Silberschmuck und Kerzenschein
schimmernden Baum gegenüber. Einen großen Strauß Christrosen hielt Inge
der Tante entgegen. Strahlend schauten die jungen Augen zu ihr empor.
»Das ist alles, was ich dir geben kann, Tante Ebba. Diese schönen,
ernsten und stillen Blüten sind meine Weihnachtsgabe für dich.«
»Viel, viel mehr gibst du mir mit diesen Blüten, Inge. Ich war allein,
mutterseelenallein, ich fühlte mich so einsam und verlassen und
sehnte mich nach ein bißchen Liebe. Ich sehnte mich nach einem warmen
fühlenden Herzen, da tratest du in das Zimmer, -- Inge, schenkst du mir
mit diesen Blüten nicht auch ein wenig Liebe?«
Da umschlangen zwei weiche Arme ihren Hals, und eine zarte Wange
schmiegte sich an die ihre, und zwei junge Lippen flüsterten:
»Ich wußte, daß du einsam sein würdest, und darum kam ich. Und es sieht
doch beinahe so aus, als ob du mich erwartet hättest. All die schönen
Bücher sind für mich? Der Kamm, du, der ist ja echt Schildpatt, soll
ich den wirklich haben? Mama hat ja nicht mal nen echten! Nein, du bist
zu lieb, Tante, mich so zu beschenken!«
»Kind, ich habe ja niemand sonst, den ich beschenken kann.«
»Aber Tante Ebba, da fällt mir ein, ich habe ja doch noch etwas
für dich, das hätte ich beinahe vergessen! Steckt noch in meiner
Manteltasche, warte einen Augenblick.«
Hastig lief sie aus dem Zimmer, um sogleich wieder mit einem in
feuchtes Zeitungspapier eingewickelten Gegenstand zurückzukehren.
»Du schaust verwundert. Ja, vertrauenerweckend sieht das ja nun gerade
nicht aus. Zum Unglück ist das Papier auch noch feucht geworden, und
die ganze Chose wird wohl ziemlich feucht geworden sein.«
»Das tut nichts, Inge. Wenn nur der Inhalt nicht verdorben ist.«
Inge sah übermütig zur Tante empor. »Ich hab’ ein bißchen Angst, es
fühlt sich ganz weich an und war doch ganz hart. Und weißt du, es
war auch gar nicht meine Absicht, es dir zu schenken. Es kam ganz
zufällig. An der Potsdamer Brücke brüllt mich so ’n kleiner Knirps an:
›Freileinchen, koofen Se mir mein letztes Herz ab, tun Se’s doch, denn
kann ick bei Muttan jehn, sehn Se, so scheen rot, und een Herz kann
doch jeder brauchen und bloß zehn Fennje.‹
»Na, du weißt ja, für Herzen habe ich nun gerade nichts übrig, aber
der arme Bengel tat mir leid, und das Herz leuchtete mir so herrlich
entgegen, und ich dachte, wenn ich auch keins gebrauche, so könnte ich
es dir doch mitbringen. Ich zog also meine Börse und gab dem Jungen
fünfzig Pfennig dafür. Der Mund blieb ihm vor Staunen offen stehen,
seine Stupsnase ragte in die Luft, dann stieß er ein Indianergeheul
aus, drückte mir das eingewickelte Herz in die Hand, schwenkte seinen
Korb und lief wie besessen davon.«
Inge hatte das nasse Papier entfernt und hielt in ihren Händen ein mit
rotem Zucker übergossenes Herz, auf dem die schönen Worte prangten: Ich
liebe dich.
»Willst du es haben, Tante Ebba? Aber sieh, es ist wirklich ganz weich
geworden, ich glaube, wir müssen es erst trocknen, damit es sich wieder
verhärtet.«
Lächelnd nahm Ebba das Herz und legte es behutsam auf einen Bogen
Seidenpapier. »Unter meinen Händen soll es sich wieder härten, bliebe
es bei dir und hätte keine Pflege, würde es sich ganz verhärten, könnte
Risse und scharfe Kanten bekommen, so daß es Gefahr liefe, in Stücke zu
springen. Ich will es hüten und pflegen, wenn du es mir lassen willst.«
»Natürlich will ich es dir lassen, denn ich -- ich weiß ja doch nichts
damit anzufangen.« Und lachend wirbelte sie Ebba im Zimmer umher, dann
plötzlich einhaltend: »Nun aber setzen wir uns ganz still unter den
Baum und schauen in den Kerzenschimmer.«
Lange saßen sie schweigend Hand in Hand, dann flüsterten die jungen
Lippen: »Wenn du meine Mutter wärest!«
»Ich will es sein, Inge.«
»Darf ich Mutter zu dir sagen?«
Schweigend nickte Ebba. Sprechen konnte sie nicht, denn ein Schluchzen
saß ihr in der Kehle. Ihr wochenlanges Bemühen ward von Erfolg gekrönt.
Es war ihr gelungen, diese junge Seele von Schmutz und Schlacken zu
befreien, den Kern, der von Häßlichem überwuchert, an die Oberfläche zu
bringen. Nun lag dieses junge Herz in ihren Händen, an ihr war es, es
zu hüten und zu pflegen, es zu bewahren vor schlechten Einflüssen.
Eine junge Seele hatte sich ihr zu eigen gegeben, ein Mensch war da,
der sie brauchte, dem sie etwas sein konnte.
Weihnachten, das Geburtsfest der Liebe, es spendete ihr der Gaben
schönste, es gab und forderte Liebe. --
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»Jeder Mensch trägt sein Schicksal in sich.«
»So glauben Sie an eine Vorbestimmung?«
»Nicht in dem Sinne des Sichbeugens. Unser Schicksal ist uns
vorgezeichnet, es zu erfüllen -- die Mittel und Wege dazu sind
uns anheimgegeben. Wir lenken unser Schicksal auf Grund unserer
Charakterbildung. Wir selbst sind verantwortlich für unser Leben.«
»Eine schwere Verantwortung wäre uns da aufgebürdet, Herr Gehring, und
nicht viele würden bestehen.«
»Schwer wohl nur in dem Sinne, daß man sich seiner Verantwortung nicht
bewußt wäre.«
»Ich empfinde umgekehrt! Das Bewußtsein meiner eigenen
Verantwortlichkeit könnte mich zu Boden drücken.«
»Sie sagen wohlweislich: Könnte, Fräulein Wunsch, eine Natur wie die
Ihrige kämpft mit dem Leben und zwingt das Schicksal.«
Lottes Augen flammten auf. »Sie haben recht, ich habe gekämpft,
und ich werde weiter kämpfen. Ich werde das Schicksal zwingen nach
meinem Willen, bin ich verantwortlich, so könnte man mich auch zur
Verantwortung ziehen, etwas versäumt zu haben. Das darf nicht sein. Ich
selbst bin mein Schicksal -- Sie haben recht, Gehring.«
»Nein, nein, sagen Sie das nicht! Ich selbst sollte verantwortlich sein
für mein verpfuschtes Leben? Das wäre eine Vorstellung, die mich zu
Tode peinigen könnte.« Und Ebbas zarte weiße Hand strich nervös über
die Stirn.
»Gnädige Frau, Sie sprechen von einem verpfuschten Leben und stehen
erst im Anfang Ihres bewußten Lebensweges. Wie können Sie wissen,
ob nicht gerade dies, das Sie verpfuscht nennen, für Ihr weiteres
Leben notwendig war, ob nicht gerade dies Sie auf den Pfad gebracht
hat, der zum Zweck und Ziel Ihres Lebens Ihnen bestimmt ist. Wenn
man so jung ist wie Sie, darf man nicht von einem verfehlten oder
verpfuschten Leben sprechen. Ihr Leben zu erfüllen steht Ihnen noch
bevor. Warten Sie noch zwanzig Jahre, und dann überschauen Sie Ihren
Lebensweg. Vielleicht empfinden Sie dann, daß Ihnen der Kampf mit Leid
und Schmerzen zum Segen geworden und daß Sie keinen dieser Leidenstage
aus Ihrem Leben streichen möchten, denn aus diesem Leid erwuchs Ihnen
vielleicht, was Ihr Leben reich und glücklich machte. Hören Sie
folgende Verse von Lulu von Strauß und Torney:
Sieh, auch der Schmerz ist unermeßlich reich!
Und keinen möcht ich missen und vergessen
Der Schmerzenstage, die mein Fuß durchmessen.
Sie waren schwarzen Marmorstufen gleich.
Stumm bin ich über sie hinweggeschritten,
Hoch türmten sich die Stufen Stein auf Stein,
Und meine Tränen, die mir niederglitten,
Verlöschten immer vor den müden Schritten
Des dunklen Marmors edlen Spiegelschein.
Heut aber weiß ich, da ich rückwärts sehe:
Der Zug der Stufen führte mich zur Höhe!
Mir will das Herz in ernstem Dank sich weiten,
Und auf der schwarzen Marmorstufen Glanz
Leg ich als Opfer vor dem Weiterschreiten
Noch einen vollen roten Rosenkranz.«
»Das ist schön gesagt, und ich danke Ihnen. Zweimal bin ich heute am
Heiligen Abend wirklich beschenkt worden. Vor wenigen Stunden schenkte
sich mir ein Kinderherz, um das ich ehrlich und eindringlich geworben,
und jetzt zeigen Sie mir den Weg, mir meine Schmerzenstage nutzbar zu
machen. Das allein schon braucht mich nicht gereuen zu lassen, daß
ich mein Lebensschifflein nach hier, nach der großen kalten Weltstadt
Berlin gelenkt habe.«
»Fingen Sie schon an zu bereuen, Ebba?«
»Ja, Lotte. Sie wissen, den Anschluß an meine Familie konnte ich nicht
finden. Die Menschen sind gleichgültig und egoistisch, und alles um
mich herum stößt mich ab. Ich werde nie recht heimisch werden können?«
»Und wir? Haben Sie nicht uns?«
»Daß ich Sie, Lotte, und auch Sie, Herr Gehring, gefunden habe und Sie
zu meinen Freunden rechnen darf, das läßt mich an meinen glücklichen
Stern glauben. Und nun lassen Sie mich danken, Ihnen beiden danken, daß
Sie gekommen sind, mit mir den Weihnachtsabend zu verleben und mich
mein Alleinsein vergessen zu machen.«
Sie hob das bis zum Rand mit dem perlenden Sekt gefüllte Glas und stieß
an die ihr entgegengehaltenen Kelche. Schweigend tranken sie den edlen
Saft.
»Glauben Sie nicht, daß ich Ihnen mehr Dank schulde? Mich, den einsamen
Junggesellen, dulden Sie hier in der Sphäre Ihres heimischen Herdes
und schaffen mir einen rechten und wahren Weihnachtsabend.«
»Na, und ich erst! Glauben Sie, es wäre mir gemütlich gewesen, die
offizielle Feier in der Pension mitzumachen oder allein in meinem
Zimmer am Kamin zu hocken und meinen Punsch zu schlürfen? Oder in
meinem Atelier den weißen Marmorstatuen zuzutrinken? Also, nach
reiflicher Überlegung -- nicht wahr, Gehring -- nicht Sie -- sondern
wir haben zu danken.«
»Lotte, als ob Sie es nicht auch verständen, es gemütlich zu machen.«
»Das schon. Gewiß, wir haben oft nette und trauliche Stunden auch
bei mir gehabt. Aber Weihnachten -- Weihnachten sollte man immer
im gemütlichen Heim, nicht im Pensionszimmer, nicht im Restaurant
verbringen. Weihnachten ist ein Familienfest und sollte nur in der
Familie oder in ganz intimem kleinem Kreis gefeiert werden.«
»So denke ich auch. Und doch, ist es nicht sonderbar, Familien, die
still und glücklich dieses herrliche Fest in dem Kreise der Ihrigen
verbringen können, laden sich fremde Menschen ein oder gehen gar zu
einem üppigen Weihnachtsessen in ein feines Weinrestaurant. Wir, die
wir keine Familie haben, tun uns zusammen und suchen uns gegenseitig
das Familienglück zu ersetzen.«
»Ja, es geht wunderbar zu in der Welt. Das ist ja vielfach das
Mißgeschick unseres Lebens, daß wir nie das, was wir besitzen, richtig
einschätzen, nie das Glück mit Bewußtsein uns zur Seite sehen, es immer
erst erkennen, wenn es uns verlassen will.«
Friedvoll und ruhig brannten die Kerzen. Der Geruch von Wachs und
Tanne schwebte im Zimmer. Schweigend saßen die drei und schauten auf
das durch die ausstrahlende Wärme leise zitternde silberne Engelshaar.
Der Geruch und die flimmernden Flämmchen spannen sie ein. Sie waren
entrückt und saßen in einer Sphäre vollkommener Weltabgeschiedenheit.
Gehrings Blicke ruhten auf Lotte. Ihr klares offenes Gesicht, in
welchem die großen forschenden Augen die herrschende Stellung
einnahmen, hatte sie nachdenklich in die auf den Armstuhl gestützte
Rechte gelegt. Ihre Augen waren sehr ausdrucksvoll. Zuweilen blitzte
ein gütiger, oft ein zorniger Strahl darin auf. Die Reife der
Lebensanschauung gaben ihrem Gesicht etwas überaus Anziehendes.
Sie schien die Blicke Gehrings zu fühlen. Ruhig erhob sie den Blick,
schaute und sah ihm geradeswegs in die Augen. Und ein Strom gewaltiger
Freude durchzitterte ihr Herz und schwoll zum gewaltigen Meer. Ihr
lange umkrampftes Herz konnte sich wieder dehnen, die Kette war ihr von
den Gliedern gefallen, wie ein Feuer, wie eine Gewitterwolke erhob die
Liebe sich.
Fest wurzelten die Blicke ineinander. Groß und dunkel glänzten ihm
die Augen entgegen, und sie strahlten und flammten, als bräche ein
sprühendes, geheimes Innenleben unaufhaltsam aus ihnen hervor. Und
sein Blut kam in Wallung. Oft schon hatte er diese Frau getroffen,
und noch nie war sie ihm begehrenswert erschienen. Ihre Klugheit und
Lebenserfahrung hatte er geschätzt, stets war es ihm ein Vergnügen
gewesen, mit ihr eine Unterhaltung zu pflegen, und oft waren sie
sich im Meinungsaustausch begegnet. Aber nie, niemals war ein Funke
aufgesprungen, aus dem hätte ein Feuer entstehen können. Und heut?
Heut war er da, dieser Funke, es schien, als bedürfe es nur eines
leisen Anhauches, und er wollte aufglimmen und anschwellen zu lodernder
Flamme. Was war geschehen?
Und die Blicke wurzelten ineinander, und seine Lippen flüsterten in die
Stille hinein: »Was haben Sie?«
»Den Willen zum Glück.«
Und die Augen ließen voneinander.
Ebba war zusammengezuckt und sprach: »Das sagen Sie so laut, Lotte? Ich
denke, vom Glücklichsein träumt man nur!«
»Nein, ich will nicht nur träumen, ich will es erjagen und will es
halten, fest, ganz fest, und wäre es auch nur ein ganz, ganz kleines
Weilchen -- das Glück.«
* * *
Lotte hatte angestrengt den ganzen Vormittag gearbeitet. Jetzt legte
sie die Modellierstäbchen zur Seite, griff zu den nassen Tüchern und
umhüllte ihr Werk. Ermüdet warf sie sich in einen tiefen Sessel und gab
sich der Ruhe hin. Ach, es tat so wohl, den Nerven eine kurze Schonung
zu gönnen.
Rasch war sie mit ihrem Werk vorangekommen. Damals, als der Gedanke
in ihr aufsprang, hatte sie in kurzer Zeit die Skizzen entworfen, und
jetzt war sie daran, ihr Werk auszuführen. Sie fühlte, wie mit jedem
Tag die Arbeit sie mehr und mehr befriedigte, wie sie hineinwuchs in
ihr Werk. Wie Gestalten und Gedanken sich ihr entgegendrängten, um
festgehalten zu werden, und wie es wuchs, gigantisch, groß, weit über
das, was sie gewollt, hinaus. Sie war sich ihres Talentes bewußt, die
Anerkennung ihres Könnens berechtigte sie, daran zu glauben. Aber dies
-- dies konnte sie noch emporwachsen lassen, dies konnte etwas werden,
was auf die Knie zwang.
Sie fröstelte. Das Feuer im Ofen war heruntergebrannt. Im Eifer der
Arbeit hatte sie vergessen, Kohlen aufzuschütten. Oben auf den Dächern
lag die klare, strahlende Wintersonne. Ihre tief unten gelegenen
Fenster hatten keinen Anteil daran.
Sonne! Wer dich halten könnte und sich in deine Strahlen hüllen dürfte.
War es ein unbilliges Verlangen, im Sommer des Lebens sich zu sehnen
nach weichen, warmen Sonnenstrahlen?
Sie schloß die Augen. Und nun war sie eingehüllt in weiche, warme
Strahlen, und aus den Strahlen leuchteten ihr liebeverlangend zwei
Augen entgegen, zwei Arme umfingen sie zärtlich und nahmen sie sanft an
ein liebeheischendes Herz.
Da sprang sie auf, reckte die Arme empor und jubelte: »Ach du, ach du,
kommst du dennoch?«
Nicht dem Herbst entgegengehen müssen, ohne den Frühling und Sommer
genossen zu haben!
Wird es kommen, das Glück? Ihr Weibesglück? -- -- Sie hatten sich nicht
wiedergesehen seit dem Weihnachtsabend. Schweigend waren sie durch die
stille, weiße Weihnachtsnacht gegangen. Einmal war er stehengeblieben
und hatte gesagt: »Heut sehe ich Sie anders als sonst, Fräulein
Wunsch.« »Ich weiß es.« Und er hatte ihr die Hand entgegengestreckt:
»Geben Sie mir die Hand und lassen Sie uns wie Kinder nach Hause
gehen.« -- Nach Hause -- und Hand in Hand, schweigend, waren sie durch
die Nacht gegangen.
Und sie wußte nun, daß sie ihn liebte, liebte mit all der
aufgespeicherten Zärtlichkeit, mit dem nach Liebe und Glück
verlangenden Herzen.
»Ach du, ach du, liebst du mich?«
Wer die Spannkraft des Wünschens und festen Wollens hat, der hat die
Erfüllung schon in sich. Es ist in dem Menschen oft eine Intensivität
des Wollens und Wünschens, der das Schicksal meist nicht widerstehen
kann.
Das Blut rauschte ihr in den Ohren, es war noch jung, dieses Blut, noch
so unverbraucht! Und so voller Sehnsucht und Glückshunger! Schaffen ist
Schöpferfreude. Zur Freude gehört die Liebe. Ein einziger Mensch muß
das Echo der Welt sein. Ein einziger Mensch, der nur ihr gehörte!
* * *
»Bitte, meine gnädige Frau, wer ist diese vornehme, auffallend schöne
Erscheinung dort am Kamin?«
Der junge Gardeleutnant stand, das Monokel im Auge, vor Thea Westphal.
»Das ist ein aufgehender Stern an unserm Konzerthimmel, mein lieber
Herr von Zedlitz, eine angehende Konzertsängerin. Wird heut bei mir
ihr erstes kleines Debüt haben. Ich bin überzeugt, sie wird Karriere
machen.«
»Mit dieser Erscheinung ohne Zweifel.«
»Mit dieser Bemerkung dürften sie sich bei der Dame nicht gut
einführen, Herr von Zedlitz. Sie scheinen nicht zu wissen, daß Künstler
ihre Karriere nur ihrer Kunst zu verdanken wünschen -- wenigstens
offiziell.«
»Pardon, Gnädigste, ich bin zwar gänzlich unmusikalisch,
nichtsdestoweniger zweifle ich keinen Augenblick, daß das Talent der
Dame der äußeren Erscheinung entspricht. Einfach fabelhaft. Und der
Name, wenn ich bitten darf?«
»Gerda von Wangenheim.«
»Wangenheim? Mein Vater kannte einen Oberstleutnant von Wangenheim in
einem ostpreußischen Nest, dicht an der russischen Grenze. Könnte --«
»Kann wohl stimmen. Ihr Vater ist Oberstleutnant, und sie kommt aus
Ostpreußen.«
Er pfiff leise durch die Zähne. »Feudale alte Familie. Und Sie sagten,
sie geht zur Bühne?«
»Sie will Konzertsängerin werden.«
»Nun, jedenfalls Sängerin von Beruf. Darf ich Sie bitten, mich der Dame
vorzustellen?«
Gerda, die, von einem Kreis von Herren umgeben, lässig am Kamin stand,
neigte flüchtig das blonde Haupt, als Thea ihr den jungen Zedlitz
zuführte.
Thea war stehengeblieben. Die Gegenüberstellung dieser beiden
Frauengestalten wirkte als Folie und gegenseitige Unterstreichung. Die
pikante, prickelnde und soubrettenhafte Schönheit Theas machte die
kühle und vornehme Atmosphäre Gerdas noch wirkungsvoller. Winkelmann,
der neben Gerda am Kamin lehnte, ließ seine Blicke zwischen den beiden
Frauengestalten wandern. Er, der Frauenkenner, stellte sich vor eine
Wahl. Bei dieser -- Pikanterie, toller Leichtsinn, lockende Genußsucht.
Bei jener -- kühle Gelassenheit, Eiseskälte, die Feuerströme decken
konnte. Ihn reizten Berge von Eis und Schnee, durch die er seinen Weg
finden wollte, um Glut und Leidenschaft anzufachen zu siedender Flamme.
Thea sah prüfend auf Gerda. Wie modern war sie heute gekleidet. Ein
mattblaues Chiffonkleid, auf veilchenfarbener Seide gearbeitet,
umspannte eng den schlanken Körper. Die goldfarbenen Haare, welche kein
Hut verdeckte, waren leicht gewellt und am Hinterkopf lose von einem
Kamm gehalten. Kein Schmuck beeinträchtigte die zarte, opalfarbene
Haut. Ihr Gesicht, welches für gewöhnlich blaß, war heute übergossen
von einem zarten rosa Hauch, ein Zeichen der Erregung, hervorgerufen
durch ihr erstes öffentliches Singen.