»Aber Inge, ihr habt eine Tochter, du hast Pflichten gegen sie.«
Er zuckte die Achseln. »Ich hatte so wenig Zeit, und jetzt -- ist es
wohl schon zu spät.«
Tränen verdunkelten ihren Blick. »Nein, nicht zu spät. Schick mir oft
Inge, Lukas. Willst du? Sieh, ich bin einsam -- ohne Zweck, ohne etwas,
das mir Freude macht, ich meine ohne etwas, um dessentwillen es sich
lohnt, zu leben, vielleicht kann ich ihr etwas sein.«
»Gern, wie gern, Ebba -- das heißt, wenn sie mag.«
Die Uhr im anstoßenden Speisezimmer schlug die achte Stunde.
Erschrocken sprang er auf.
»Um des Himmels willen, ich sollte Thea begleiten, es ist
Premierenabend im Deutschen Theater -- und ich habe dir noch
nicht einmal gesagt, was mich zu dir geführt hat. Ich habe deine
Scheidungsklage meinem Anwalt übergeben, es wird alles in die Wege
geleitet. Er hat mir die Versicherung gegeben, daß es kaum nötig ist,
dich persönlich zu belästigen.«
Sie waren aufgestanden. Die schlanke brünette Frau, deren Antlitz
unendliche Güte und tiefe Traurigkeit spiegelte, streckte ihm beide
Hände entgegen: »Willst du zu mir kommen, wenn du dich nach Ruhe
sehnst, Lukas? Willst du mein Haus als das deine betrachten?«
Und der müde schlaffe Mann fühlte etwas in sich aufsteigen, eine
würgende Bitterkeit kam über ihn, doch er bezwang sich. Sein
gebeugter Körper reckte sich empor, er legte seine Hände in die ihm
entgegengestreckten und sprach: »Ich will.« -- -- --
»Ebba, stellen Sie sich einen Moment in den Erker -- so -- so ist es
recht -- ganz wundervoll,« jubelte Lotte Wunsch, »schauen Sie, Fräulein
von Wangenheim, ist es nicht wie ein Bild? Der passendste Rahmen, den
Sie sich schaffen konnten, ist diese Umgebung!«
»Sie sind ein Kind, Lotte.«
»Danke für das Kompliment, fehlte nur noch, daß Sie mir die Saugflasche
umhängen.«
»Na, wenn nicht gerade umhängen, vielleicht noch in die Hand drücken,«
neckte Ebba.
Und Lottes Augen strahlten. Ein Lächeln von Glückseligkeit verjüngte
ihre Züge. Sie ergriff eine blaßrosa Rose aus dem auf dem Tisch
stehenden Blumenarrangement und warf sie nach Ebba.
»Sie Übermut, Sie,« drohte diese, »aber nun vertreten Sie mich einmal
und zeigen Sie Fräulein von Wangenheim mein kleines Nest, derweilen ich
schnell in die Küche husche.«
»Sehr geschmackvoll, wirklich harmonisch das Ganze,« sprach Gerda.
»Diese schweren dunklen Mahagonimöbel wirken herrlich zu der blauen
Farbe der Vorhänge, sie geben dem Raum etwas Ruhiges, Abgedämpftes.«
»Und hier, vom Erker aus überschauen Sie die kleine ruhige Straße. Die
Zweige der Kastanie vor dem Fenster können Sie greifen.«
»Ich hätte nie geglaubt, daß man hier in Berlin so etwas
Abgeschiedenes, ich möchte beinahe sagen, so eine weltentrückte
Stimmung finden könne. Ein Hauch von Ruhe und Frieden weht einem
entgegen. Mir ist, als würde hier dem ärgsten Sturm Halt geboten, als
sei dies ein stilles Hafenbecken, in welches Schiffbrüchige sich retten
müßten.«
Ebba war zurückgekommen und stand vor dem hinter ihr wieder
zurückfallenden Vorhang. Das dunkle Haar, welches locker zurückgekämmt,
ließ die klare weiße Stirn, auf welcher zwei Falten eingegraben waren,
die sie älter erscheinen ließen, frei. Das Dunkel der Haare verschwamm
mit dem Dunkel des Sammets. Das veilchenfarbene Tuchkleid fiel in
langen Falten herab und bedeckte ihre Füße, wie es bei einem Marmorbild
zu sein pflegt. Die Handgelenke umschlossen die eng anliegenden Ärmel.
Das Kleid hatte keinen Ausschnitt, sondern war bis zum Halse herauf
geschlossen. Ihre in die Falten greifende Hand und ihr weißes Gesicht
wirkten plastisch, wirkten als verkörperte Ruhe.
»Sie verstehen es, sich ein Heim zu schaffen und gemütlich zu machen,
Frau Holm, jetzt begreife ich Ihre Sehnsucht nach ureigener Umgebung.«
Gerda war zu ihr getreten. Ebba zog Gerdas Arm durch den ihren, und
beide betraten zusammen das Speisezimmer, während Lotte ihnen folgte.
»Ich muß gestehen, ich wäre nicht imstande, mir eine so stilvolle
Umgebung zu schaffen, ich habe gar keinen Sinn dafür, ich lebe einzig
und allein meiner Kunst.«
»Ich meine, andere glücklich machen ist auch eine Kunst, und das ist
das Bereich von Ebba Holm,« erwiderte Lotte.
Ebba lächelte traurig. »Und fand doch nicht Verständnis bei dem
einen --«
»Lassen Sie es gut sein, Verständnislose wird es immer geben, das darf
Sie nicht mutlos machen. Bewahren Sie sich den Glauben an das Gute im
Menschen, erhalten Sie sich Ihre Ideale. Uns modernen Großstadtmenschen
sind die Ideale im Kampf des Lebens erstickt worden. Die Gebote der
Nächstenliebe werden mit Füßen getreten. Kein Mensch kennt heutzutage
mehr als seine eigenen Interessen. Jeder erfüllt nur die Wünsche seines
eigenen Selbst. Wir leben im Zeitalter des Egoismus, des Ich-Kultus.
Bleiben Sie der ruhende Pol, der den Glauben an die Menschheit nicht
verliert.«
»An meinem Wollen soll es nicht mangeln, aber die Erfahrungen, die uns
das Leben bringt! Sie selbst, sind Sie nicht mit geschwellten Segeln
hinausgezogen, und waren Sie es nicht gerade, welche meinen Glauben
zerstören wollte?«
»Ebba, gerade Sie sind es ja, welche den Glauben an die Menschheit
wieder in mir erweckt hat, Sie haben einen Zwiespalt in mir geschaffen.
Es kann so schlecht doch nicht um die Menschen beschaffen sein, wenn
man Geschöpfen, wie Sie es sind, begegnet.«
»Sie werden überschwänglich, Lotte, aber daß Ihnen das Vertrauen zu
den Menschen wiedergekehrt ist, das freut mich herzlich. Doch nun
lassen Sie uns bitte von etwas anderem sprechen, bis jetzt ist in
unverantwortlicher Weise von mir die Rede gewesen, als Hausfrau muß ich
energisch dagegen Einspruch erheben. Schnell, erzählen Sie mir etwas
aus der Pension. Was gibt es Neues dort, Fräulein von Wangenheim?«
»Die neueste Attraktion ist ein bleicher, griechischer Jüngling mit
großen melancholischen Augen, sämtliche jungen Damen huldigen ihm. Er
selbst scheint sich noch nicht schlüssig zu sein, welcher er die Gnade
seiner Gunst zuteil werden lassen soll.«
»Und Miß Webb ist wieder auf einer neuen Station angelangt, Baron
Reitzenstein, mit welchem sie eine kleine Strecke im Luxuszug zu fahren
beliebte, ist zum Aussteigen aufgefordert, und Graf Wietersheim ist
eingestiegen,« sprach Lotte.
»Eine schreckliche Person.« Und Gerda verzog verächtlich die Mundwinkel.
»Was wollen Sie, sie versteht es, sich die Männer nutzbar zu machen,
echt amerikanisch! Für sie sind die Männer nur dazu da, um die Launen
der Frau zu befriedigen. Sie fordert Luxus, Amüsement und Flirt!
Glauben Sie, daß sie auch nur einem einzigen der vielen Verehrer eine
Spur von Gefühl entgegenbringt?«
Gerda sah erstaunt auf Lotte. »So glauben Sie wirklich, das alles hat
mit Liebe gar nichts zu tun?«
»Nicht das Geringste! Das ist es ja, was ich ihr zum Vorwurf machen
möchte. Sie versteht die Kunst, alles zu nehmen und nichts zu geben,
alle Hoffnungen zu erwecken, die Sinne zu schüren und bis zu glühender
Flamme emporlodern zu lassen und nichts zu erfüllen. Das Spiel einer
seelenlosen Kokette.«
»Daraus möchte ich ihr keinen Vorwurf machen. Warum? Wenn die Männer
auf solch eine Kokette hereinfallen, geschieht ihnen schon recht, wenn
sie genarrt werden. Von diesem Gesichtspunkt betrachtet, übrigens ein
Spiel, das mich reizen könnte.«
Ebba und Lotte sahen auf Gerda, in deren Augen eine gewisse Grausamkeit
aufblitzte.
»Es könnte Ihnen von nicht geringem Nutzen in Ihrer Laufbahn
sein, Fräulein von Wangenheim, wenn Sie es verständen, sich die
Leidenschaften der Männer nutzbar zu machen, aber -- ich warne Sie --
kalt wie Marmor, hart wie Stahl müssen Sie sein, wenn Sie triumphieren
wollen. Es ist ein gefährliches Spiel.«
»Lassen Sie das,« sprach Ebba unwillig zu Lotte, »hören Sie nicht
darauf,« wandte sie sich dann an Gerda, »überlassen Sie die Koketterie
den seelenlosen Puppen, ich nehme an, daß Sie zuviel Gemüt besitzen,
um mit der Leidenschaft, sei es auch immer, welche es sei, zu
spielen. Gewiß, das Begehren des Mannes geht oft über das Maß des
Erlaubten hinaus, an uns ist es, ihn in seine Schranken zu verweisen
und sein Begehren zu zügeln, nicht noch zu stacheln durch berechnete
Herzlosigkeit.« --
Man war beim Nachtisch angelangt. Sie knabberten Schokolade, aßen
kleine Kuchen, und Ebba bot Lotte die Zigaretten an, »Sie rauchen doch
auch, Fräulein von Wangenheim?«
Lotte reichte das Feuerzeug hinüber. »Ich kann mir nun mal nicht
helfen, den Genuß einer Zigarette möchte ich mir nicht nehmen lassen.«
In kleinen kurzen Wölkchen blies sie den Rauch in die Höhe, dann
ergriff sie ihr Glas und sprach grüßend zu Gerda: »Auf Ihre Zukunft,
Fräulein von Wangenheim, wann werden Sie an die Öffentlichkeit treten?«
»Nächsten Herbst gedenke ich mein erstes Konzert zu geben.«
»Dann müssen wir tüchtig vorarbeiten. Es ist notwendig, daß Sie mehr
hervortreten. Was haben Sie für Beziehungen angeknüpft?«
»Eigentlich keine. Ich kenne außer unsern Pensionsleuten niemand.«
»Nun, dann müssen wir Sie einführen. Jetzt vor Weihnachten ist nicht
mehr viel los, da ist alle Welt mit dem Fest beschäftigt. Aber in den
Monaten Januar bis März ist Hochflut in Berlin, da müssen Sie sich in
den Strudel stürzen. Versuchen Sie auf Privatfestlichkeiten, auf den
jetzt so beliebten Tees, bei denen alle Welt zusammentrifft, zu singen
und Interesse zu erregen.«
»Ach, Fräulein Wunsch, ich finde das so entsetzlich! Es liegt mir so
gar nicht, die Menschen zu umwerben und zu umschmeicheln. Ich habe
immer gemeint, die Kunst allein sollte die Menschen zwingen.«
»Im Grunde tut sie das auch. Aber was nützt Ihnen Ihre Kunst, wenn
Sie niemand haben, auf den Sie sie wirken lassen können? Sie müssen
bedenken, niemand kennt Sie, weiß etwas von Ihnen. Gerade hier in
Berlin tauchen eine Unmenge Künstler auf, die sich berufen fühlen und
denen eine jede Berechtigung eines öffentlichen Auftretens abzusprechen
ist. Das Publikum ist mißtrauisch geworden und verhält sich ablehnend
unbekannten Künstlern gegenüber.«
»Wozu ist dann aber die Kritik da?«
»Gute Kritiken sind allerdings sehr notwendig und beeinflussen Publikum
und Agenten, doch volle Häuser schaffen sie Ihnen nicht. Sie müssen
doch auch die Kosten eines Konzerts in Berechnung ziehen. Wollen
Sie alles aus Ihrer Tasche bezahlen, soll Ihnen durch Verkauf der
Billetts nichts zurückfließen? Wollen Sie vor leeren Wänden singen? Mit
vornehmer Zurückgezogenheit ist es nicht zu machen, glauben Sie mir,
ich meine es gut mit Ihnen.«
»Ich weiß es, Fräulein Wunsch, nur dies alles entspricht so wenig
meinem Charakter.«
Lotte zuckte die Achseln und zündete sich eine neue Zigarette an.
»Unsinn! Sie haben sich doch nun mal diesen Beruf gewählt, haben
sogar darum kämpfen müssen mit den Traditionen Ihres Hauses, haben
diese überwunden, nun müssen Sie weiter auf selbstgewählter Bahn. Im
übrigen denken Sie es sich viel schwieriger, als es in Wirklichkeit
ist. Ich glaube sogar, daß man es gerade Ihnen leicht machen wird,
sich durchzusetzen, denn bei Ihnen sind die Vorbedingungen, die
Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, vorhanden. Sie sind jung, von
selbstbewußter vornehmer Haltung. Sie brauchen nur aufzutauchen, und
das Interesse ist erweckt.«
»Wie wäre es, wenn Fräulein von Wangenheim auf dem Tee meiner
Schwägerin im Januar sänge?«
»Das wollte ich eben vorschlagen, Frau Ebba. Bei Thea Westphal verkehrt
ganz Berlin, alles, was sich zur Gesellschaft rechnet, kommt da einmal
im Monat zusammen. Eine bessere Gelegenheit, sich in Szene zu setzen,
können Sie nicht finden. Und wie ich Frau Thea kenne, wird sie entzückt
sein, ihren Gästen einen neuen angehenden Star vorsetzen zu können,
für die nötige Stimmungsmache ist sie besonders geeignet.«
»Ich bin Ihnen beiden von Herzen dankbar, es ist mir viel leichter ums
Herz, wenn ich Sie zur Seite weiß und auf Ihre Hilfe zählen kann, so
allein, ganz allein zwischen wildfremden gleichgültigen Menschen, der
Gedanke macht mich ein wenig schaudern.«
* * *
»Unangemeldet zu Mama zu kommen, Tante Ebba, das ist riesenhaft
leichtsinnig von dir. Nun hast du den ganzen Weg umsonst gemacht, Mama
ist doch nie zu Hause.«
»Es tut nichts, Inge, dann plaudere ich eben ein bißchen mit dir.«
»Mit mir? Ist dir das nicht langweilig?« Und ein erstaunter Blick flog
zu Ebba hinüber.
»Gar nicht langweilig, im Gegenteil, ich denke es mir gerade recht
interessant, sich einmal mit dir zu unterhalten.«
Und sich setzend, zog sie Inge auf den nebenstehenden Sessel hernieder.
»Du weißt, ich bin fremd hier. Ich will nicht nur die Stadt, ich will
auch die Menschen, ihre Art und ihr Wesen kennen lernen. So ein junges
Mädchen von heut ist doch beneidenswert. Wieviel Gelegenheit hat sie,
sich auszubilden, ihre Fähigkeiten zu entwickeln und einen Beruf zu
ergreifen; ihr jungen Großstadtkinder sitzt an der Quelle, braucht nur
zuzugreifen, alle Wege stehen bereit. Als ich so alt war wie du, war es
noch anders, da waren uns noch die Hände gebunden.«
»Da führte man euch noch am Gängelbande und beschnitt euch die Flügel,«
fiel Inge ein. »Ein Glück, daß ich später auf die Welt gekommen bin.
Heute fangen doch die Eltern an, vernünftig zu werden und sehen ein,
daß auch wir ein Recht auf Freiheit haben und daß man auch schon bei
der Jugend mit Charakterveranlagungen zu rechnen hat.«
»So -- und welches ist denn nun deine Charakterveranlagung, wenn ich
fragen darf?«
Inge sah sie nachdenklich an.
»Du scheinst doch ernsthaft darüber nachgedacht zu haben, folglich mußt
du auch über dich selbst im klaren sein.«
»Bin ich auch, und es macht mir auch gar nichts aus, dir meine
Veranlagung zu gestehen, denn schließlich ist man ja nicht
verantwortlich dafür.«
»Du machst mich aber wirklich neugierig, es scheint ja etwas ganz
Gefährliches zu sein.«
»Ich bin veranlagt, Verbrechen zu begehen.«
Ebba lachte hell auf.
»Du lachst. Wenn du wüßtest, wie nahe ich daran war, eine Mörderin
zu werden, zweimal, Tante Ebba. Das erstemal war ich neun Jahre alt.
Es war in der Schule, wir hatten einen Streit bekommen und schrien
aufeinander ein, ich überschrie sie alle, denn ich war im Recht. Unsere
Klassenälteste war die einzige, welche sich an unserm Streit nicht
beteiligte. Sie stand mir gegenüber und sah mich ruhig an. Plötzlich
schnitt sie mir eine höhnende Grimasse und schrie mir zu: ›Pfui, siehst
du häßlich aus.‹ Da stürzte ich voller Wut auf sie zu, packte sie an
der Kehle und würgte sie, bis ihr der Atem ausging. Wäre die Lehrerin
nicht auf das Geschrei der anderen herbeigestürzt, so hätte ich sie
erwürgt. Und dann das zweitemal, das war noch viel schlimmer. Da, da
wollte ich meine Mutter vergiften.«
Ebba fuhr auf.
»Ja, nun bekommst du doch einen Schreck. Es ist noch gar nicht lange
her, vielleicht drei Monate. Ich verliebte mich in einen Oberleutnant,
einen himmlischen Menschen, eigentlich ein bißchen zu alt für mich,
aber wie es eben trifft, gegen die Liebe kann man nicht an. Er merkte,
daß ich in ihn verschossen war, und begann mir Blicke zuzuwerfen,
Blicke -- ich sage dir, die Augen -- ich war ganz futsch. Eines Tages,
als ich wieder auf dem Wege war, um ihm zu begegnen -- denn ich kannte
genau die Stunde seines Ausganges, wenn er mit seinem Freund auf den
Bummel ging -- was sehe ich da? Meine Mutter mit ›ihm‹ Aug’ in Auge
zärtliche Blicke austauschen. Ich stand dicht neben ihnen, sie sahen
mich nicht, ich wollte vorstürzen und ihnen entgegenrufen: ›Hier steht
die große Tochter‹, ich tat es nicht, denn mein Herz krampfte sich
zusammen, und ich konnte keinen Laut hervorbringen. Als ich wieder
atmen konnte, waren sie verschwunden. Zu Haus angelangt, nahm ich die
Schwefelholzschachtel und schnitt von allen Hölzchen die Köpfe ab,
verwahrte sie sorgfältig und tat sie andern Tags der Mutter in den
Morgenkaffee und wartete auf ihren Tod. Ich weiß nicht, ob sie den
Kaffee getrunken hat, sie starb nicht, du weißt es.«
»Pfui, du hast eine häßliche Seele und bist ein böses Kind.« Empörten
Blickes maß Ebba die junge Gestalt. »Schämst du dich nicht?«
»Warum? Kann ich dafür? Damals tat es mir leid, es ist wahr, ich hatte
das Gefühl, schlecht und böse gehandelt zu haben. Aber dann las ich
über die Veranlagung zum Bösen, daß der Mensch gar nicht schlecht
handeln könne, wenn er nicht die Veranlagung dazu in sich trüge. Ich
habe zweimal ein Verbrechen begehen wollen -- da ich es wollen konnte
-- lag der Keim in mir -- ich war nicht schuld, sondern der, der das
Wollen in mich gelegt, trägt die Verantwortung.«
Ebba sprang auf. »Du hast ja nette Ideen in dich aufgenommen. Ich hätte
dich doch für verständiger gehalten. Was schwatzest du für einen Unsinn
zusammen. Wie ein jeder Mensch die Keime des Bösen in sich trägt,
ebenso birgt er auch das Gute in sich. Den Menschen ist die Fähigkeit
gegeben, das Böse zu bekämpfen, das Gute zu fördern. Je mehr das Gute
überwiegt, desto höher steht der Mensch. Veranlagung nennst du, was
verletzte Eitelkeit, was unbeherrschte Wut und Eifersucht ist. Nicht
deine kindische Ansicht über deine Charakterveranlagung empört mich,
nein, daß du in so unehrerbietiger Weise von deiner Mutter sprichst,
das ist es, was mich zornig macht. Wie darfst du das wagen?«
»Ich verstehe dich nicht, Tante, was habe ich denn gesagt? Daß Mama mit
dem Oberleutnant geflirtet hat? Mein Gott, du mußt mich doch nicht für
so dumm halten, daß ich das nicht merken sollte. Oder glaubst du etwa,
es sei nicht wahr?
Tante Ebba, ich glaube, du bist ganz anders als die anderen alle. Du --
du findest es wohl schrecklich, wenn man einen Freund hat? Sieh mal,
Papa hat doch nie Zeit --«
»Um Gottes willen sei still, schweig, ich kann dich nicht anhören --«
Und Ebba preßte die schlanken Hände gegen die Schläfen und stöhnte
qualvoll -- »wie furchtbar, welch Abgrund.«
»Aber, Tante Ebba, wir sind doch moderne Menschen, wir wissen, daß
ein jeder das Recht hat auf Persönlichkeit, daß wir der Veranlagung
Rechnung tragen müssen.«
»So höre endlich auf mit deinem dummen Geschwätz. Du hast dir das Hirn
angefüllt mit Ideen, die für dich noch unverdaulich sind, du sprichst
über Dinge, die -- doch wie kann ich dir Vorwürfe machen, nicht du
trägst die Schuld -- Inge, ich kann es nicht glauben, daß du verdorben
bist, es kann nicht sein, bist du doch das Kind meines Bruders. Ich
will dir etwas sagen, Inge, komm oft zu mir, besuche mich und erzähle
mir all deine Leiden und Freuden, auch von deinen -- Liebschaften
kannst du mir sprechen, ich werde dir keine Vorwürfe machen, nein,
wahrlich nicht, denke, ich sei deine ältere Freundin, ich will
versuchen, mich in deinen Gedanken zurechtzufinden, ich will lernen,
›modern‹, wie du es nanntest, zu denken, vielleicht finden wir uns
zusammen. Ich habe meinen Bruder, deinen Vater, sehr geliebt und möchte
ein Teilchen dieser Liebe auf seine Tochter übertragen. Willst du mir
nicht helfen, Inge?«
Bittend sahen die ernsten Augen zu dem jungen Mädchen hinüber, mit
sanftem Druck legte sie die zarte, weiße Hand auf ihre Schulter.
»Ich glaube kaum, daß wir uns verstehen werden, Tante. Ich bin ein
so durch und durch moderner Mensch und du -- verzeihe mir, wenn ich
es ausspreche -- aber du bist so altmodisch in deinen Ansichten, wie
könntest du da Verständnis für mich haben?«
»Wenn du auch ein moderner Mensch bist, so bist du doch mit vierzehn
Jahren noch kein ganz fertiger Mensch, wenn du mir auch weit über dein
Alter hinaus zu ragen scheinst in mancher Beziehung, so ist doch immer
noch die Möglichkeit vorhanden, daß du deine Ansichten änderst oder
ergänzt.«
»Ändern -- nie.«
»Nun gut. Du änderst dich nicht, aber es wäre ja möglich, daß ich mich
ändern könnte, sieh mal, dein Vater war auch einmal ein ganz unmoderner
Mensch, genau so wie ich -- und heut -- oder ist er auch altmodisch?«
»Papa,« fiel Inge lebhaft ein, »nein, Papa ist ja mein Ideal als Mann.
Das heißt zum Heiraten. Er läßt Mama alles tun und machen, was sie
will, kümmert sich kaum um sie und mich, denn er hat keine Zeit, da
er eine Stellung einnimmt und für uns arbeiten muß. Papa ist ein ganz
moderner Ehemann. Du sagst, er hatte auch Ansichten wie du? Das kann
ich nicht glauben!«
»Und doch ist es wahr.«
»Wenn du es sagst, muß ich es glauben, denn schwindeln tust du nicht.«