Sie nickte. »Es war schrecklich! Nicht nur einmal, sondern dreimal
hatte ich eine unglückliche Liebe. Da werden Sie verstehen, daß man
Schluß machen will.«
»Gnädiges Fräulein belieben zu scherzen. Bei Ihrer Jugend --«
»Gott, ich habe eben früh angefangen. Mit zwölf Jahren verliebte ich
mich sterblich in meine Erzieherin, eine dunkeläugige leidenschaftliche
Polin, die eines schönen Tages mit der Wirtschaftskasse meiner Mutter
verschwand. Dann kam mein Klavierlehrer an die Reihe, der meine Liebe
tötete, als er mir freudestrahlend erzählte, daß er sich verlobt
hätte und sich als Glücklichster der Sterblichen fühle; seine Braut
sei ein Engel. Sie werden begreifen, daß dies mich ernüchterte.
Nichtsdestoweniger kam dann die übliche Tanzstundenliebe, welche höchst
tragisch endete. Mein Vater traf mich und den Erwählten meines Herzens
in der Konditorei unseres kleinen Garnisonstädtchens bei Apfelkuchen
und Schlagsahne. Ihm wurde in meiner Gegenwart eine Ohrfeige
angeboten, bedenken Sie -- und ich wurde schreckensbleich und bebend
in Erwartung der Strafpredigt hinweggeführt. Sie sehen, ich habe kein
Glück in der Liebe.«
»Allerdings unerhörtes Pech, gnädiges Fräulein. Ich begreife
vollkommen, daß Ihnen die Lust vergangen ist. Doch trotzdem möchte ich
raten, es noch einmal auf einen Versuch ankommen zu lassen, gnädiges
Fräulein müssen Ihre Liebe nur einem Würdigeren zuwenden.«
»Und Sie glauben, daß ich den hier finden werde?«
»Ich bin sicher.«
»Und ich bin sicher, daß dies nicht der Fall ist.«
»Warum, wenn ich fragen darf?«
Das liebenswürdige und amüsierte Lächeln, welches auf dem Antlitz
Gerda von Wangenheims geruht hatte, schwand. Ihre Züge wurden kalt und
abweisend, hochmütig zog sie die Brauen in die Höhe und erwiderte:
»Weil die Männer es hier nicht ehrlich meinen, weil sie die Achtung vor
der Frau verloren zu haben scheinen.«
»Gnädiges Fräulein, darauf kann ich Ihnen nur erwidern: Ich bitte Sie
zu bedenken, daß es die Frau ist, welche den Ton angibt, der zwischen
Mann und Frau herrscht.«
»Sie wollen damit sagen, daß die Frau selbst es ist, die die
Herabminderung der ihr schuldigen Achtung verursacht hat?«
»Genau das. Es sind nicht alle Damen wie Sie, gnädiges Fräulein.«
Nachdenklich blickte sie ihn an. Ein lautes Lachen Miß Webbs ließ sie
zu dieser hinüberschauen. »Sie mögen recht haben -- wie traurig für uns
Frauen.«
»Darf ich mir einen Rat gestatten, gnädiges Fräulein? Sie wollen
Künstlerin werden, ausübende Künstlerin, ich kenne den Werdegang der
Künstlerinnen ziemlich genau -- es ist ein schwerer -- oft ein bitterer
Weg. Gnädigste, für die Art Ihrer Persönlichkeit doppelt schwer, Sie
sollten anders sein.«
»So wie diese vielleicht?« Verächtlich schürzte sie die Lippen und
blickte auf die Amerikanerin.
»Wir lassen aber nicht mit uns spielen! Wir spielen!« rief Miß Webb
über den Tisch hinüber, Lotte Wunsch zu. »Es hat eine jede Frau in
der Hand, richtig einzusteigen. Sie müssen wissen, ich betrachte den
Weg des Lebens als einen langen Schienenstrang, auf welchem die Wagen
rollen, rollen auf und ab. Es gibt erster, zweiter und dritter Klasse
-- was hindert mich, bequem erster Klasse zu fahren?«
»Vielleicht der Zufall der Geburt?«
»Man kann aussteigen unterwegs! Was hindert mich, aus der dritten
Klasse in die erste überzugehen? Was hindert mich, mein Gepäck als
Ballast zum Fenster hinauszuwerfen? Wer kann mir verbieten, Station zu
machen, wo es mir beliebt? Zum Mitfahren aufzufordern, wer mir genehm
ist? Wir müssen uns das Leben einrichten, wie es uns beliebt, wir
haben ein Recht auf Genuß und Freude.«
»Und die Pflichten?«
»Überflüssiges Gepäck!«
»Von Ihnen kann man lernen,« gab ihr Lotte Wunsch zur Antwort, dann
sich zu Gehring wendend: »Das ist auch eine Auffassung des Lebens.«
»Was wollen Sie? Gibt sie nicht eine Illustration unserer heutigen
Gesellschaft? Sind nicht viele auf dem Wege, den sie gezeichnet?
Pflichten! Wer denkt denn heute an die ihm auferlegten Pflichten?
Viele sicher nicht. Ich finde, daß der größte Teil der Menschen nur
seinen persönlichen Interessen nachgeht, daß das liebe Ich ganz in den
Vordergrund gerückt ist und daß das Bewußtsein des Pflichtgefühls im
Schwinden begriffen ist.«
»Ich will Ihnen etwas sagen, Herr Gehring. Wer wie ich zwanzig
Jahre hier mit offenen Augen gelebt hat, der weiß, wie es mit dem
Pflichtgefühl und der Moral bestellt ist, weiß es nur zu gut. Aber ich
wollte mich zwingen, anders zu sehen. Frau Holm hat mir den Vorwurf
gemacht, daß ich zu skeptisch sei, ich sehe nur immer das Schlechte und
Gemeine in dem Menschen und lasse das Gute nicht gelten. Ich wollte
das, was Sie Illustration unserer heutigen Gesellschaft nannten, nicht
wahr haben, nun kommen Sie und setzen mir gleich wieder die schwarze
Brille auf.«
»Gnädige Frau,« sinnend sah der Architekt auf Ebba Holm. »Ich bin
überzeugt, daß Fräulein Wunsch bei Ihnen nur das Gute sieht.«
»Wie könnte es anders sein,« sprach Lotte.
»Sie ersehen daraus, daß Fräulein Wunsch wohl zu unterscheiden vermag
und daß schwarz ist, was sie schwarz sieht. Sie stehen dem Leben hier
noch fremd gegenüber. Sie werden es anders finden, als Sie es sich
vorgestellt, haben es vielleicht schon empfunden. Enttäuschungen stehen
für jeden Menschen bereit, sie führen uns oft erst auf den richtigen
Pfad. Sehen lernen ist für starke Naturen immer von Vorteil.«
»Ich bin keine starke Natur, Herr Gehring.«
»Das sind Sie doch, Sie wissen es nur nicht.«
»Übrigens, Herr Gehring, können Sie uns nicht zu einer netten Wohnung
für Frau Holm verhelfen? Sie sitzen doch an der Quelle, wir suchen und
suchen und können nicht das Rechte finden.«
»Ja, wenn Sie hier draußen im modernen Westen suchen, werden Sie
niemals das Passende für die gnädige Frau finden, das heißt, nach
meinem Empfinden. Ich kann mir Frau Holm nur in dem nach meinem Sinne
für sie passenden Rahmen vorstellen.«
»Und der wäre?«
»Eine kleine, ruhige Straße, ein paar verträumte Bäume, ein altes,
gemütliches Haus mit einem Erker, an welchen die Zweige einer alten
Kastanie schlagen, verstohlene Sonnenstrahlen --«
»Oh, Sie Künstler,« rief Lotte Wunsch, »wie Sie zu zeichnen verstehen!
Und im Erker die Hausfrau im Gewand von matten Farben, schwere
fließende Falten --«
Ebba lachte auf. »Das soll für mich passen? Man merkt die Phantasie der
Künstler! Sie malen ja da ein Märchen aus.«
»Welches Wirklichkeit werden könnte,« erwiderte Gehring.
»Schnell, schnell, wo ist es, sagen Sie,« eiferte Lotte.
»Und keine ›schicken‹ Möbel, keine Moderichtung, Biedermeier oder
dergleichen, nein, einige schwere, gediegene Stücke, gut verteilt,
dunkle, satte Vorhänge statt Türen, an den Fenstern lichte, feine
Gewebe -- doch -- gnädige Frau müssen mit vorhandenen Möbeln rechnen?«
»Nein,« hart und scharf klang es ihm entgegen, daß er erschrocken
zusammenzuckte.
Sie bemerkte es und fühlte sich veranlaßt, dieses harte Nein zu
erklären.
»Ich wünsche mich loszulösen von allem.«
Er neigte verstehend das Haupt.
»Aber wo in aller Welt ist dieses Nest, wenn Sie es schon so genau
beschreiben, wissen Sie es auch zu finden?«
»Geduld, Fräulein Wunsch, gewiß, es ist schon vorhanden und wartet nur
auf die Einwohnerin, es liegt im alten Westen, in der Margaretenstraße.«
»Ich weiß, ich weiß,« jubelte Lotte, »ich kenne das Haus.«
»Eine Wohnung von vier Zimmern im zweiten Stock -- gerade die Höhe der
Baumkronen.«
»Morgen schon will ich hinaus und sehen, ob mir die Wohnung zusagt.«
»Gestatten Sie, daß ich Sie hinführe, gnädige Frau?«
»Wenn Sie mir Ihre Zeit widmen können, so wäre das sehr liebenswürdig
von Ihnen.«
»Also abgemacht, morgen vormittag holen Sie uns ab, denn
selbstverständlich bin ich die Dritte im Bunde,« rief Lotte.
»Es ist recht schade, gnädige Frau, daß Sie uns verlassen wollen,«
wandte sich Gerda von Wangenheim zu Ebba. »Ich werde Ihr Fortgehen
als eine große Lücke empfinden. Sie waren für mich so eigentlich der
ruhende Punkt in diesem Getriebe und schienen mir ein Stückchen Heimat.«
»Sie müssen mich recht oft besuchen. Wirklich, denn glauben Sie, ich
werde mich doch recht einsam fühlen.«
»Warum bleiben Sie eigentlich nicht hier? Sie können doch auch hier
alle Bequemlichkeiten haben, ohne die Last der Wirtschaftssorgen, und
Sie wären nicht ganz allein.«
»Immer hier unter fremden Menschen, ohne eigenes Heim, ohne meine
kleinen Sorgen, ein Leben ohne Zweck und Ziel? Ich wäre totunglücklich.«
»Einen Haushalt führen, sich mit Dienstboten herumärgern müssen, das
denke ich mir schrecklich. Das ist doch alles so kleinlich, der Alltag
tritt so direkt an einen heran.«
»Was wollen Sie, Fräulein von Wangenheim, wir haben sechs Tage Alltag
und nur einen Tag Festtag. Sie sind Künstlerin, Sie haben sich diesen
Beruf gewählt, Sie dürfen so denken, aber wie traurig wäre es für das
Familienleben, wenn alle Frauen so dächten.«
»Glauben Sie nicht, daß es viele Frauen gibt, ich meine verheiratete
Frauen, welche die Sorgen des Haushaltes für nicht vereinbar halten mit
ihrer höheren Bildung und mit ihren geistigen Interessen?«
»Ich weiß, es gibt« -- und vor ihren Augen tauchte das Bild ihrer
Schwägerin auf -- »der arme Mann.«
»Sie sagen: der arme Mann! Ich kann die Männer nicht bedauern, denn
sie selbst sind es, die dieses Mißverhältnis geschaffen. Vor der Ehe
wollen sie die Frau als eine elegante, schicke, ich möchte beinah sagen
pikante Dame, sonst gehen sie achtlos an ihr vorüber und -- heiraten
sie dann eine solche Dame, dann soll sie mit einem Male all dies
hintenansetzen und nur im Kleinkram aufgehen.«
Gehring, welcher dem Gespräch gefolgt war, wandte sich an Gerda.
»Gnädiges Fräulein, es ist wohl schwierig, einem Teil die Schuld
beimessen zu wollen. Eine junge Dame, welche kein Interesse für den
›Kleinkram‹ -- wie Sie es zu nennen belieben -- hat, sollte eben
nicht heiraten, und ein Mann, welcher eine Hausfrau und Mutter für
seine Kinder wünscht, sollte vorsichtig sein in seiner Wahl. Glauben
Sie mir, eine Frau kann eine gute Hausfrau sein, ohne dadurch ihre
geistigen Interessen zu schädigen. Gerade weil sie geistig auf einer
Höhe steht, wird sie verstehen, daß sie es ist, welche den Grundstein
des Hauses in Händen hat, daß auf dem Fundament, auf welchem sie ihr
Haus errichtet, das Wohlergehen und die Zukunft des Hauses beruhen.«
* * *
Müde und abgespannt lag Gerda auf ihrem Lager und konnte den Schlaf
nicht finden. ›Es ist ein bitterer Weg, Gnädigste, der Weg der
Künstlerinnen -- für die Art Ihrer Persönlichkeit doppelt schwer -- Sie
sollten anders sein.‹ Anders sein -- das hieß: sich hinwegsetzen über
Anstand und gute Erziehung -- hieß Konzessionen machen dem Künstlertum.
Nein, niemals -- wie könnte sie bestehen vor Ihrer Familie und vor
sich selbst. Sie wußte, was sie der Stellung ihres Vaters, ihrem Namen
schuldig war.
Oh, sie kannte sie bereits, die krummen Wege, die auf zur Höhe führten.
Die Studiengenossinnen hatten sie unterrichtet, hatten auch kein
Hehl daraus gemacht, daß sie durchaus nicht abgeneigt, diese Wege
zu wandeln, die Hände, die sich ihnen dort entgegenstrecken würden,
um sie möglichst schnell zum Ruhm, zu Ehre und Verdienst zu führen;
daß sie mit tausend Freuden bereit wären, diese Hände zu ergreifen.
Ehre! Sie lachte verächtlich, was hatten die für einen Begriff von
der Ehre! Wie sagte doch eine ihrer Kolleginnen! ›Was nutzt mir meine
Ehre, wenn ich ewig am Boden kleben soll? Ich will auf zur Höhe, zur
Höhe des Ruhms. Und hätte ich zehn Mädchenehren zu vergeben, ich würde
sie alle hingeben, gelangte ich dadurch nach oben.‹ Nein -- zu diesem
Grundsatz würde sie sich nie bekennen -- für sie gab es nur den geraden
Weg. -- Auch er mußte nach oben führen -- zur Höhe des Ruhmes. Sie
ließ sich nicht beirren. Und dennoch, lag nicht in diesen Worten eine
gewisse Größe? War diese nicht bereit, ihrer Kunst alles zum Opfer zu
bringen, alles -- wenn es sich um die Kunst handelte? Gehörte nicht
zum Künstlertum ein Hinwegsetzen über vieles? Sie selbst, hatte sie
nicht ihrer Kunst schon Konzessionen machen müssen? Der leichte Ton
der Kollegen und Kolleginnen, war es ihr nicht schwer, sehr schwer
geworden, sich daran zu gewöhnen? Sie, die wohl gehütete Tochter aus
vornehmem Hause, allein in der großen Stadt, war allen möglichen
Nachstellungen ausgesetzt. Lebte sie nicht schon in einem ganz anderen
Kreis, war sie sich nicht anfangs deplaciert vorgekommen? Waren dies
nicht alles schon Opfer, welche sie ihrem Künstlertum gebracht hatte?
Kleine Opfer -- würde sie zurückschrecken vor größeren?
Nein -- mit weißem Kleide wollte sie oben stehen, auf lichter Höhe,
auch nicht der Saum ihres Kleides sollte besudelt werden, rein vor der
Welt, rein vor sich selbst wollte sie ihr Ziel erreichen -- sonst war
es wertlos für sie, es erreicht zu haben.
Sie schloß die Augen. Und Traumbilder umgaukelten sie.
Sie sah sich auf lichter Wolke stehen, im schneeigen Gewande. Mit
ausgebreiteten Armen, auf dem Haupt ein funkelndes Diadem, dem Ziele
ihrer Sehnsucht entgegenschwebend. Dunkle Wolken kamen ihr entgegen und
hinderten sie, ihren Weg fortzusetzen. Sie strebte vorwärts, umsonst --
Schattenhände streckten sich ihr entgegen -- drohten und forderten --
da löste sie einen Stein aus dem Diadem, das sie auf dem Haupte trug,
warf ihn ihnen zu -- und ein Stück des Weges schwebte sie voran. Doch
immer wieder vertraten ihr dunkle Schatten den Weg. Stein um Stein der
funkelnden Strahlenkrone brachte sie zum Opfer, und noch nicht war sie
am Ende ihres Weges. Den Saum ihres Kleides hatte sie emporgerafft,
in Reinheit hatte sie ihn bewahrt, aber die Strahlenkrone war ihr vom
Haupt gesunken, nun hatte sie zu opfern nichts mehr.
Da traf sie an eine Biegung ihres Weges, und als sie sich wendete, lag
das Ziel ihr greifbar vor den Augen. In schimmernder Pracht lag er vor
ihr, der Thron, welchen die Menschheit der Kunst errichtet hatte. Gold
und Juwelen funkelten ihr entgegen, purpurne Rosenblüten bedeckten den
Boden, Lorbeergewinde bildeten den Hintergrund. Jubelnd und jauchzend
setzte sie den Fuß auf die Stufe, welche hinaufführte. Da packte eine
rauhe Hand den Saum ihres Kleides und höhnte ihr entgegen: Da hinauf im
weißen Kleide? Gib her das Kleid. Hier dies güldene Gewand soll deine
Glieder decken, und die Hand riß und zerrte an ihrem Kleide. Sie wehrte
sich und schrie: In meinem Kleide bleibe ich und schreite dort hinauf,
genug der Opfer schon brachte ich dar, mir blieb nichts als dieses
Gewand, nehmt ihr mir auch dies, so verliere ich mich selbst! Und
ihr Fuß versuchte die zweite Stufe zu erreichen. Da wich sie zurück,
denn drohend wuchs ein Schatten ihr entgegen, aus welchem Blicke ihr
entgegenfunkelten, die sie beschmutzten. ›Nicht hinauf, wenn du nicht
imstande bist, dich selbst als letztes Opfer darzubringen. Ich stehe
zwischen dir und diesem Thron.‹
Und sie wich zurück, wich grausend zurück und wandte das Haupt. Umsonst
die Strahlenkrone geopfert, umsonst den langen schweren Weg -- vor dem
letzten, da schreckte sie zurück, und weinend sank sie zusammen.
Noch einmal wendete sie sehnsüchtig den Blick, so nahe dem Ziel, so
nahe der Höhe, und nun zurück auf die Erde, geheftet an den Boden.
Lüstern funkelten die Augen aus dem Schatten ihr entgegen, Arme
streckten sich gleich langen, feinen Saugadern nach ihr aus. Zu Füßen
des Schattens auf der untersten Stufe aber, da lag ihr geopfertes
Diadem. Matt, trübe und glanzlos lag es da. Da riß sie sich ihr weißes
Gewand ab, legte es zu der Krone und warf sich in die ausgestreckten
Arme. Und sie stand auf dem Thron im güldenen Gewand, ein neues Diadem
auf dem Haupte, sie stand auf purpurnen Rosen, und die Rosenblätter
flüsterten zu ihr empor: ›Herzblut gibt Purpur.‹ -- -- --
* * *
»Und dadurch denken Sie das Häßliche, das Ihnen den Weg zum Liebesleben
versperrte, hinwegzuschaffen?«
»Ja, Ebba, das denke und hoffe ich.«
Erregt ging Lotte in ihrem Atelier auf und ab.
»Einer Gorgo sollen sie ins Antlitz schauen, von deren Grauenhaftigkeit
die Phantasie der Antike noch keine Ahnung hatte. Die Begierde, dieser
Moloch hält sie alle in seinem Bann. Abreißen will ich ihnen die
Maske vom Gesicht und ihnen das wahre Antlitz zeigen, wie es darunter
verborgen: eine Fratze, verzerrt von Leidenschaft, wilder Gier und
niedrigen Gelüsten. Ein unerbittlicher Ankläger soll vor ihnen stehen!«
Sie war vor Ebba, die schweigend auf dem Diwan saß, stehengeblieben.
Ihre Augen glühten fieberhaft, eine lange niedergerungene
Leidenschaftlichkeit kam zum Ausdruck.
»Begreifen Sie doch, daß ich nicht stumm bleiben darf, es würde mich
zermalmen!
Ach, diese Sehnsucht -- dieser stets gewaltsam niedergehaltene Schrei
in der Brust -- nach Liebe, Ebba -- nach Glück,« flüsterte sie.
»Ich glaube, Sie sind grausam, Lotte! Sie hatten sich Idealmenschen
geschaffen, und da Sie enttäuscht wurden, sind Sie hart geworden.«
Lotte lachte bitter auf: »Ist das nicht grausam, die Seele eines jungen
Mädchens in den Schmutz zu treten, ihren Körper zur Erfüllung niederer
Begierden zu begehren? Meinen Sie, daß es mir allein so gegangen?
Grausam hat man mir den Altar der Liebe besudelt, ich will ihn wieder
rein waschen, indem ich meine Stimme erhebe und anklage.«
»Und glauben Sie die Menschen bessern zu können, indem Sie ihnen einen
Spiegel vorhalten?«
»Nein, dazu bin ich wohl nicht berufen -- aber mich -- meine Seele will
ich von ihrem Druck befreien.
Ich habe einen großen Abscheu kennen gelernt vor der Liebe -- ich habe
gelacht und geweint in bitterem Weh -- und doch -- man hat nur ein
einziges Leben zur Verfügung -- das ist kein Leben ohne Liebe -- ich
will leben, das ist mein Recht!«
»Ich glaubte immer, Frauen Ihrer Art finden ihre Befriedigung in
ihrem Beruf, sind voll ausgefüllt vom Leben. Es erstaunt mich, Sie so
sprechen zu hören.«
»Glauben Sie doch das nicht! Eine Frau, welche behauptet, einzig und
allein durch ihren Beruf Befriedigung zu finden, welche das Bedürfnis
nach Liebe ableugnet, ist nicht ehrlich. Wir Frauen, wenn wir echte
Frauen sind, können nur das Glück durch die Liebe erfahren, alles
übrige ist nichts, ist nur Betäubung unseres ungestillten Verlangens.
Unsere Kunst, unsere Arbeit, das alles ist nichts, das wahre Glück
bringt uns erst die Erfüllung unserer Sehnsucht, das Stillen unseres
flammenden liebeglühenden Herzens.«
»Und die freie Liebe? Lassen Sie auch diese gelten?«
»Unbedingt, sobald sie nicht niedrigen Begierden entspringt. Ich habe
soviel gesehen in meinem Leben, daß ich gelernt habe, jedes gewaltige
Gefühl als ein natürliches Recht anzusehen.«
»Ich glaube, daß Sie recht haben, ich halte das Leben einer Frau für
verfehlt, wenn sie ohne Liebe durchs Leben gegangen, trotz all des
Leids, welches die Liebe für uns im Gefolge hat.«
* * *
Einen Strauß herrlich roter Rosen hielt Gerda von Wangenheim in den
Händen.
Kurt Winkelmann.
Welches Recht hatte er dazu? Achtlos legte sie den Strauß auf den
Tisch, zerriß die beigefügte Karte in kleine Stückchen und warf
sie in den Papierkorb. Der hochmütige Ausdruck ihrer Gesichtszüge
vertiefte sich. Der Rosenduft erfüllte das Zimmer, sie konnte ihn nicht
vertragen, sie klingelte dem Stubenmädchen und gab ihr die Weisung,
den Strauß fortzunehmen, in das Gesellschaftszimmer oder sonstwo
hinzustellen, der Duft bereite ihr Kopfschmerzen.
Tat sie ihm unrecht? Hatte man ihr nicht oft Blumensträuße gesandt?
Und sie hatte sie genommen, freudig, gleichgültig, gemessen nach den
Gefühlen, welche sie dem Spender entgegenbrachte.
War sie zu feinfühlig?
Was war es, das beim Gedenken an diesen Mann ein Gefühl der Empörung in
ihr emporflammen ließ? Daß sie diesen Rosenstrauß als eine Beleidigung
empfand?
Gestern abend im Konzert hatte sie ihn getroffen.
Er hatte gebeten, sie nach Hause begleiten zu dürfen, und sie, deren
Blut und Nerven durch den wunderbaren Gesang der Hempel in Aufregung
waren, hatte seine Begleitung gern angenommen. Ungern wäre sie mit der
Bahn nach Haus gefahren, der Gang durch den Tiergarten war ihr eine
Wohltat, um so mehr, da es ein wundervoller Abend war und sie jetzt so
selten dazu kam, spazierenzugehen, ihr Studium ließ ihr nicht die Zeit
dazu. Seine Begleitung ermöglichte ihr den Gang durch die klare, kalte
Nacht.
Sie waren über den Potsdamer Platz geschritten und lenkten in die
Bellevuestraße ein. Als sie an dem hellerleuchteten Restaurant
Rheingold vorüberkamen, sah er sie von der Seite an und bemerkte:
»Ich darf es wohl nicht wagen, Ihnen, gnädiges Fräulein, ein Glas Wein
anzubieten?«
Mit großen, erstaunten Augen sah sie abweisend zu ihm auf: »Wenn es
Ihnen leid tut, mir Ihre Begleitung angeboten zu haben --«
»Um Gottes willen, gnädiges Fräulein, ich konnte nur dem Versuch nicht
widerstehen, Ihre Gesellschaft noch länger zu genießen.«
»Es ist ein reichlich langer Weg bis zum Steinplatz, mir will es jetzt
fast scheinen, daß ich Ihre Zeit zu lange in Anspruch nehme.«
»Gnädiges Fräulein, verzeihen Sie mir.«
Sie zog ihre Hand aus dem Muff und machte eine wegwerfende Bewegung.
Dann schritt sie fest und gerade in die Höhe gereckt voran. Eine
Atmosphäre von Kühle und Unnahbarkeit um sich ziehend.
Er biß sich auf die Lippen. Diese feindselige, fast verächtliche
Kälte, welche sie ihm gegenüber zur Schau trug, reizte ihn bis aufs
Blut. Niemals bis heut hatte er um eine Frau zu kämpfen brauchen,
gleich reifen Früchten waren sie ihm in die Arme gesunken, er hatte
nur die Hand auszustrecken brauchen -- und diese hier -- lächerlich
-- diese Kälte wollte er -- mußte er durchdringen -- alles wollte er
daransetzen, sie zu zwingen -- der Besitz dieser war von Wert -- er
kostete Kampf. Das war ein anderer Reiz. Eine nie empfundene, aber
vorgeahnte Lust erfüllte ihn. Einen verzehrenden, glühenden Blick warf
er auf die ruhig neben ihm einherschreitende Gestalt.
Schweigend waren sie so die Tiergartenstraße entlanggeschritten und
bis zur Ecke der Regentenstraße gekommen, da brach Gerda das Schweigen
und begann in leichtem Plauderton über das heutige Konzert zu sprechen.
»Ich glaube wohl, es muß ein herrliches Gefühl sein, dort oben zu
stehen, umrauscht vom tobenden Beifall der Menge.«
»Wenn Sie erst so weit sein werden, gnädiges Fräulein.«
»Wieviel Arbeit, Kraft -- und Kummer, ehe man eine solche Höhe erreicht
-- und wenn es auch wirklich immer zur Höhe ginge.«
»So kleinmütig? Glauben Sie nicht an Ihr Künstlertum?«
»Ist es nicht begreiflich, sich klein zu fühlen, wenn man eine solche
Künstlerin gehört hat? Oh, wer diese Höhe erreichen könnte -- einmal --
ein einziges Mal so die Herzen treffen können, aufrühren die Menschen
bis in ihr tiefstes Sein. Mein Gott, muß das ein Gefühl sein!«
Leidenschaftlich hatte sie die Worte hervorgestoßen, in heftiger
Bewegung preßte sie den Muff gegen die Brust und atmete stoßweise.
Winkelmann sah auf die Erregte. Da war es ja, das Temperament, welches
er geahnt, verborgen, ihr unbewußt schlummerte es in ihr -- seine
Aufgabe wird es sein, es zu lenken auf Bahnen --
Schweigend gingen sie weiter.
Sie waren den Kurfürstendamm entlang gegangen und näherten sich der
Gedächtniskirche.
»Gnädiges Fräulein, es ist unbedingt notwendig, daß Sie Beziehungen
anknüpfen, wenn Sie die Absicht haben, hier in Berlin ein Konzert zu
geben, ich möchte Sie bitten, über mich zu verfügen, ich kann Ihnen
von großem Nutzen sein nach dieser Richtung hin. Sie müssen Tees und
Gesellschaften besuchen, müssen sich einen Kreis schaffen, der sich für
Sie persönlich interessiert. Ich kann Sie bekannt machen mit Agenten,
Kritikern, Direktoren und so weiter.«
»Mit einem Wort, Sie können mich lancieren, wenn Sie wollen?« Sie
sprach es verächtlich.
»Mein Gott, ohne diesen Klimbim geht es eben nicht, und wenn es Ihnen
Ernst ist mit Ihrem Streben, dann müssen Sie das alles mit in den
Kauf nehmen. Klappern gehört zum Handwerk! Sie müssen sich in Positur
setzen, das ist hier, in unserer Gesellschaft, besonders nötig. Je mehr
Sie selbst aus sich machen, desto höher schätzen Sie die anderen.«
»Ekelhaft.«
»Was wollen Sie! Diese kleinen Opfer werden Ihnen hundertfach belohnt,
wenn Sie dort oben stehen, umrauscht und umjubelt. Also schlagen Sie
ein und verfügen Sie über mich.« -- --
Sie hatte ihm die Hand gegeben, und sie hatten sich an der Tür der
Pension verabschiedet voneinander, und als sie auf ihrem Zimmer
angelangt, da hatte sie den Muff auf einen Sessel geworfen, die
Handschuhe abgestreift und in die Ecke geschleudert, hatte schluchzend
die Hände vor das Gesicht geschlagen und geweint. -- Was sollte das
alles? Konnte sie nicht allein ihren Weg finden? Sie, Gerda von
Wangenheim, sollte buhlen um die Gunst der Menschen?
Warum hatte sie geweint? Mußte sie sich nicht freuen der angebotenen
Hilfe, wollte er nicht die Steine zusammentragen, um den Thron zu
errichten, auf welchen sie hinaufstrebte?
Sie empfand sein Anerbieten als eine Beleidigung, es lag etwas darunter
verborgen, das fühlte sie. Die Gedanken dieses Mannes waren nicht rein,
das Tasten seiner Blicke empfand sie als einen körperlichen Schmerz.
Wo waren die Rosen, daß sie sie unter die Füße trat?
* * *
Ebba probierte die Wirkung einer bronzenen Vase, welche, gefüllt
mit herrlichem blaßlila Flieder, ihr von ihrer Schwägerin heute
übersandt worden war. Sie besaß nun ihr Heim, nach welchem sie sich
gesehnt hatte. Ein Gefühl wohligen Behagens empfing sie. Sie stellte
den Fliederstrauß auf ihren Schreibtisch, trat zurück und prüfte
die Wirkung. Wundervoll hoben sich die zarten Blüten gegen den
tiefblauen Ton der Tapete. Sie war zufrieden. Aber dort, der hellrote
Tulpenstrauß, er tat ihren Augen weh. Sie haßte grelle Farben. Sie
konnte sie nur vorübergehend ertragen. Beim Umherschweifen ihrer
Blicke freute sie sich wohl oft eines hellfarbenen, freudigen Tones,
er brachte Abwechselung in gedämpfte Farben, die sie bevorzugte,
aber lange war es ihr nicht möglich, darauf zu verweilen, er machte
sie unruhig. Um sie herum mußten weiche, satte Töne sein. Sie trug
den Rosenstrauß in den Vorflur, setzte ihn dort auf das kleine
weißlackierte Tischchen, neben welchem die weißen, mit dunkellila
Leinen bespannten Sessel zum Sitzen einluden. So, hier paßte er
hin, die satte lila Farbe dämpfte das leuchtende Rot. Sie trat in
ihr Arbeitszimmer zurück, rückte hier noch an einem Sessel, gab
einer Bronze noch einen andern Platz und schritt in das anstoßende
Speisezimmer, um selbst den Abendtisch zu arrangieren. Es war
eigentlich noch zu früh dazu, aber was machte es, sie freute sich so
sehr, tätig sein zu können, es machte ihr Spaß, ihre Schätze auskramen
und die Wirkung des Geschirrs auf dem feinen Damast zu probieren. Ob
wohl jene Gläser sich besser machen würden unter dem gelben Scheine des
Seidenschirms, welcher über dem runden Tisch leuchtete? Oder ob sie
die matt bernsteinfarbenen nahm? Welches Blumenarrangement sollte sie
für die Mitte wählen? Sie war reichlich mit Blumen bedacht. Sträuße
und ganze Körbe hatte man ihr als Glücksspende für die neue Wohnung
ins Haus gesandt. Sie brauchte nur die Wahl zu treffen. Hier dieses
Arrangement, es war zu prunkvoll, paßte nicht für die intime kleine
Feier, erwartete sie doch nur zwei Gäste, Lotte Wunsch und Gerda von
Wangenheim. Ihre Hand griff nach einem Strauß dunkelroter Rosen, sie
setzte ihn auf den Tisch. Sie empfand ihn als zu glutvoll unter der
starken Beleuchtung. Die dunkelrote Pracht schien ihr intensiver,
duftender, wenn sie abgedämpft. Sie brachte einen feinen venezianischen
Kelch, in welchem mattrosa japanische Blüten steckten, in die Mitte des
Tisches, und die Blüten behaupteten ihren Platz.
Die Uhr im Speisezimmer schlug mit tiefen, dunklen Tönen sieben Uhr.
Nun hatte sie noch eine Stunde Zeit. Sie wollte dem Mädchen in der
Küche ein wenig behilflich sein, ihr zeigen, wie sie das Anrichten
der Schüsseln liebte. Wenn sie dem Mädchen auch selbständiges
Arbeiten zutrauen konnte, so war es für sie doch Bedürfnis, daß in
ihrem Haushalt in allem ihren eigenen Wünschen entsprochen wurde.
Die persönliche Note liebte sie nicht nur in ihrer Kleidung, in dem
Arrangement der Möbel und Blumen, auch bis hinein in das Küchenreich
wünschte sie damit zu dringen. Als sie eben die Küche betreten, sich
eine große Wirtschaftsschürze vorgebunden, klingelte es.
Ihr Bruder, der Bankdirektor Westphal, wünschte sie zu sprechen.
»Lukas, du kommst zu mir, beraubst dich deiner Zeit?«
»Du hast recht, dich zu wundern. Möchte ich doch selbst darüber
erstaunen, daß ich Zeit finde, mich mit der Angelegenheit anderer zu
beschäftigen.«
»Sage mir nur, warum bringst du eine solche Unruhe in dein Leben? Du
hast dein gutes Auskommen, hast deine Stellung, hast erreicht, was dir
wünschenswert erschien, ich sollte meinen, du könntest dir wirklich ein
wenig Ruhe gönnen.«
»Du hast ja recht, Ebba -- aber du kennst eben den modernen
Großstadtmenschen nicht, dem ist keine Ruhe vergönnt. Ruhe ist
Stillstand, und Stillstand ist Rückschritt.«
»Ich bitte dich, es muß doch einen Ruhepunkt geben im Leben eines
jeden. Jeder sollte sich doch der Früchte freuen, die er gesäet hat.«
»Dazu haben wir keine Zeit.«
»Also über dem ewigen Vorwärtsstreben kommt ihr nicht zum Genuß dessen,
was ihr erreicht habt. Es ist dies etwas Ungesundes, etwas Krankhaftes.
Ich kann nicht glauben, daß sich ein jeder sein Leben so zimmert.
Was zum Beispiel treibt dich immer wieder, immer mehr zu erraffen,
warum genügt dir das Erworbene nicht? Warum überbürdest du dich mit
Direktionsposten, bist Aufsichtsrat mehrerer Gesellschaften, gönnst dir
Tag und Nacht keine Ruhe, erkläre mir das. Warum?«
»Kind, das ist schwer zu erklären. Wenn ich offen sein soll, so muß ich
dir gestehen, daß mir das alles selbst nie zum Bewußtsein gekommen
ist. Erst jetzt, als du und mit dir unsere schöne ruhige Jugendzeit
mir wieder vor Augen trat, sah ich, daß ich niemals zum Atemschöpfen
gekommen bin. Warum? Wieso? Es ist hier nun einmal so der Kurs. Man
steuert hinein und merkt es kaum, in welches Eilzugtempo man gekommen
ist. Verschnaufen, aussteigen, das gibt es nicht, dann nimmt ein
anderer deinen Platz ein, und du kannst sehen, wo du bleibst. Das Leben
kostet viel, sehr viel, wenn man eine elegante Frau hat, die Ansprüche
an einen stellt. Man versteht eben heute nicht mehr anspruchslos zu
sein. Die gesteigerte Kultur der großen Städte ist ein Moloch, dem
wir alle anheim fallen. Ich muß arbeiten, um das alles aufbringen zu
können, viel arbeiten.« Und seinen Mund umspielte ein zerstreutes müdes
Lächeln.
»Und Thea? Kann sie es mit ansehen, daß du dich aufreibst bei diesem
Leben?«
»Meinst du wirklich, daß sie das sieht? Das alte Wort, daß Mann und
Frau eins sein sollen, hat für uns keine Bedeutung. Unsere Wege haben
sich schon seit langem getrennt.
Nein, sie weiß nichts von mir. Niemals fragt sie nach meinen
innerlichen Gedanken, nach dem, was mein Inneres bewegt. Wir sind
einander tatsächlich Fremde. Sie weiß nicht einmal von jenem
Verständnis, mit welchem das Weib die Erde dem Manne zum Paradiese
machen kann.«
»Aber ihr habt doch aus Liebe geheiratet, es kann doch nicht immer so
gewesen sein zwischen euch?«
»Was man so Liebe nennt! Was weiß man denn voneinander vor der Ehe!
Du -- du hast doch deinen Mann auch aus Liebe geheiratet, es ist das
Sonderbare im Leben, daß immer die nichtzusammenstimmenden Menschen
zueinander finden. Ja: wenn ich eine Frau gefunden hätte, wie du es
bist! Sie geht auf in den gesellschaftlichen Zerstreuungen. Sie lebt
von fremden Menschen mit fremden Menschen.