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Es war Gesellschaftsabend in der Pension Mohrmann. In Gruppen hatte man
sich im Besuchs- und Teezimmer zusammengefunden und saß plaudernd umher.
Diese Gesellschaftsabende in der Pension waren sehr beliebt. Nicht
nur, daß die jeweiligen Gäste sich zusammenfanden, auch diejenigen,
welche vorzeiten hier gelebt, jetzt ihr eigenes Heim hatten oder
anderswo untergekommen waren, fanden sich an diesem Abend ein. Auch
Freunde und Bekannte konnten durch Pensionsgäste eingeführt werden.
Durch den Zufluß neuer Elemente wurde die Unterhaltung angeregt, neuer
Gesprächsstoff geschaffen, und neue Beziehungen knüpften sich an.
Die Ecke des Teezimmers mit den bunt bespannten tiefen Sesseln war
wieder von Miß Webb, Ebba Holm und Lotte Wunsch mit Beschlag belegt
worden. Zu ihnen fanden sich jetzt Fräulein von Wangenheim, die sich
bemühte, an Ebbas Seite zu kommen, Herr Winkelmann, Architekt Gehring
und ein junger Baron, welcher, durch Winkelmann eingeführt, heute das
erste Mal erschienen war.
Miß Webb winkte den Baron an ihre Seite, während Winkelmann zwischen
sie und Fräulein von Wangenheim zu sitzen kam.
»Sie berufen sich auf mein Herz, Mr. Winkelmann. Das, was die Deutschen
Herz nennen, das gibt es nicht in Amerika, an der Stelle, wo bei Ihnen
das Herz sitzt, sitzt bei uns die Vernunft.«
»Ich dachte, die säße bei normalen Menschen im Kopf.«
»Bei uns hat man zweimal Vernunft, im Kopf und im Herzen.«
»Wie muß es da mit der Liebe bestellt sein, Miß Webb,« warf der Baron
ein.
Sie saß in ihren Sessel geschmiegt. Die Hand, auf der ein rosafarbener
Hauch lag, machte eine fortscheuchende Bewegung. Alles an ihr zeigte
die verfeinerte Lebenskultur der Dame von Welt. Der Kopf mit den
reichen Haarwellen saß auf schlankem, edelgeformtem Halse. Der weiße
Nacken war von zarter Rundung, und unter den halbgeschlossenen
Augenlidern blitzte Lebensdrang und versteckte Neugier.
»Die Liebe! Ein Zeitvertreib, ein Spiel, um das Leben prickelnd und
amüsant zu gestalten.«
Winkelmann lachte auf. »Sie fassen die Liebe richtig auf, nur daß ich
eine derartige Auffassung noch nie bei einer Frau gefunden habe.«
»Sie können sich also niemals verlieben oder eine Leidenschaft zu einem
Manne empfinden?«
»Ich hasse Aufregungen, Baron -- ich wünsche zu herrschen -- beides
schließt die Liebe aus.«
»Also tatsächlich kein Herz.«
»Nun, vielleicht könnte ich mir ja während meines Aufenthaltes in
Deutschland versuchsweise eins anschaffen -- wenn es ohne Schmerzen
abgeht.« Und sie warf ihm einen aufmunternden, koketten Blick zu.
Er sah sie an. »Wer so aussieht wie Sie, wird niemals Schmerzen durch
die Liebe leiden.«
»Das hoffe ich!« Und wieder traf ihn ein feuriger Blick.
Winkelmann hatte sich zu Gerda von Wangenheim gewandt. Seine Blicke
gingen über die elegante, vornehme, aber unmodisch gekleidete
Erscheinung, die ihm mit ruhigen, klaren Augen gerade ins Gesicht
blickte. Kein aufmunternder Blick, kein mißtrauisches Zurückweichen, an
das ihn die Frauen gewöhnt hatten.
Er fragte sich, ob diese Gleichgültigkeit nicht nur erkünstelt wäre,
aber er kannte die tausend kleinen, weiblichen Schliche zu genau, um
nicht sehr bald ihre absolute Aufrichtigkeit zu fühlen.
Ihre ruhige Gelassenheit erregte sein Interesse, er war es nicht
gewöhnt, von den Frauen mit solcher Gleichgültigkeit behandelt zu
werden.
Mußte es nicht köstlich sein, auf diesem ruhigen Antlitz die
Leidenschaft zu entfesseln, diesen schlanken Körper bebend und zitternd
in den Armen zu halten und in diesen leuchtenden, unschuldig blickenden
Augen den lodernden Funken zu wecken, diesem Weibe den Stempel des
Wissens aufzudrücken?
Er wußte, daß jede Frau ihre schwache Stunde hat. Sich nur nicht durch
Vornehmheit, tadellosen Ruf oder sichtbare Kälte zurückschrecken lassen.
Vornehmheit und eisige Kälte wehte ihm entgegen.
Begierde -- tolles Begehren war es, das sein Blut für das ruhige schöne
Geschöpf zu erhitzen begann.
»Gnädiges Fräulein, ist die Liebe für Sie auch nur Zeitvertreib?« Und
er hüllte sie ein mit einem jener durchdringenden Blicke, unter denen
das Blut aufspringt und wild durch die Adern jagt.
Sie errötete wie ein kleines Kind. Das Blut schimmerte durch ihre zarte
Haut und brachte auf derselben matte, opalfarbene Lichter hervor. Sie
zog die fein geschwungenen Augenbrauen in die Höhe und erwiderte:
»Einen Zeitvertreib habe ich nicht nötig, da ich mit meinem Studium
vollauf beschäftigt bin.«
Sie wußte zu antworten. Er war entzückt.
»Gnädiges Fräulein betreiben Ihr Studium wirklich ernsthaft, als
ausübende Künstlerin?«
»Berufs wegen, wenn man von der Kunst so sprechen darf.«
»Und gnädiges Fräulein haben keine Zeit für -- für andere Dinge?«
Sie lächelte. »Oh, ich finde schon Zeit, wenn mich gerade etwas
Besonderes interessiert.«
»Wozu die Liebe nicht zu rechnen ist?« Und er sah ihr lachend in die
Augen.
»Interessiert mich allerdings nicht.«
»Schon die zweite Dame heute abend, welche von diesem schönen Gefühl
nichts wissen will.«
»Mein Gott, ich habe schon zu schlimme Erfahrungen gemacht und habe es
abgeschworen, mich jemals wieder damit zu befassen.«