»Habe auch nicht die Absicht, ich bin mit mir zufrieden, wie ich bin.«
»Du bist beneidenswert. Wo ist übrigens Inge? Ich habe sie heute noch
nicht zu Gesicht bekommen.«
»Wie solltest du auch, wenn du verhindert bist, mit uns zu speisen.«
»Es war mir leid genug, aber die Sitzung ging vor. Mit großer Mühe
konnte ich mich frei machen, um Ebba diese Stunde widmen zu können.
Bitte, laß doch Inge rufen.«
Thea klingelte und fragte das eintretende Stubenmädchen nach Fräulein
Inge.
»Fräulein Inge ist mit einer Freundin spazieren gegangen.«
»Hattest du ihr denn nicht gesagt, daß wir meine Schwester erwarteten?«
»Ich kam so abgehetzt zu Tisch, habe tatsächlich vergessen, davon zu
sprechen, entschuldige, Ebba. Es ist auch so schwer, das Kind von
seiner Tageseinteilung abzuhalten.«
Dieses Mal traf der erstaunte Blick die Schwägerin.
»Ja, ja, ich bin eine schwache Mutter. Aber sage selbst, soll ich mich
die wenigen Stunden, in denen ich mit meiner Tochter zusammen bin,
herumärgern?«
»Warum bist du so wenig mit ihr zusammen?«
»Mein Gott, weil ich keine Zeit habe. Du glaubst gar nicht, wie ich in
Anspruch genommen bin. Man hat doch Verpflichtungen der Gesellschaft
gegenüber, unsere Stellung bringt das mit sich. Dann gehöre ich zwei
Vereinen an, bin natürlich im Vorstand, das kostet auch Zeit.«
»Aber warum tust du das, wenn dich dies deiner Familie abspenstig
macht?«
Thea lachte.
»Liebste Ebba, heute ist doch eine Frau nicht dazu da, nur in
Häuslichkeit aufzugehen, man hat doch auch andere Interessen.«
»Du kennst die moderne Ehefrau nicht,« sagte Lukas, »kennst nicht die
Befriedigung der eigenen Interessen -- rücksichtslos.«
»Ja, liegen denn die Interessen der Frau nicht in der Familie, wenn sie
so glücklich ist, Mann und Kind zu besitzen?«
Lukas zündete sich eine Zigarre an, sah nachdenklich vor sich hin und
erwiderte: »Du bist weltfremd, liebes Kind.«
»Manchmal hat man gerade als Familienmutter seinen Beruf verfehlt,
Ebba.«
»Wie kannst du so etwas sagen, Thea. Niemals kann ich dir da
beistimmen. Bist du denn nicht glücklich, deinen Mann und eine blühende
Tochter zu haben?«
»Glücklich -- natürlich bin ich glücklich, aber weil ich außer dem
Gatten und der Tochter noch meine Stellung in der Gesellschaft
habe -- --«
»Weil sie Vorstandsdame verschiedener Vereine ist und ihren sonstigen
Interessen nachgehen kann --« fiel ihr ihr Gatte ins Wort. »Ja, liebe
Schwester, die Welt sieht hier anders aus als daheim, ich habe auch
umlernen müssen, es wird dir ebenso ergehen.«
Er war aufgestanden und hielt ihr beide Hände hin.
»Ebba, zum erstenmal seit langer Zeit habe ich meine Arbeit vergessen,
habe in Ruhe geplaudert, das kommt selten vor, wir haben nie Zeit,
weder Thea noch ich, die Verpflichtungen -- du begreifst! Aber komm,
wenn du magst, du bringst die Ruhestimmung mit aus alter Zeit. Ich
sagte, du wirst auch umlernen müssen -- weißt du -- ich möchte
wünschen, du tust es nicht.
Doch nun leb wohl, also um elf Uhr treffe ich dich bei Bissings, Thea.
Auf Wiedersehen.«
Ebba, die sich gleichfalls erhoben hatte, wollte sich von ihrer
Schwägerin verabschieden.
»Es tut mir wirklich leid, Inge nicht gesehen zu haben, ich hatte mich
so darauf gefreut. Inge muß doch jetzt bald fünfzehn sein, weißt du,
ich habe sie seit meiner Hochzeit nicht gesehen, das werden jetzt fünf
Jahre.«
»Ach, entsetzlich, wie die Zeit vergeht. Weißt du, das ist doch was
Schreckliches im Leben einer Frau, die großen Kinder, dadurch wird man
alt. Heutzutage gibt es Mittel und Wege genug, sich jung zu erhalten,
kein Mensch sieht einem die Jahre an, aber wenn dann die großen Kinder
auftauchen, dann geht das Rechnen los. Du kannst froh sein, daß du
keine Kinder hast!«
»Aber, Thea, du versündigst dich.«
»Natürlich wäre ich unglücklich, wenn ich sie hergeben sollte. Mein
Gott, das mag wohl keine Mutter -- aber das Leben ist doch so viel
bequemer ohne Kinder.«
»Mir scheint, du machst es dir auch trotzdem bequem.«
»Ich bin nun mal nicht dafür geschaffen, im Haus zu sitzen, Kinder zu
hüten und Strümpfe zu stopfen, das gibt es heute überhaupt nicht mehr,
wer wird in solchem Kleinkram aufgehen.«
»Du mußt nicht übertreiben, es gibt doch einen Mittelweg. Man kann viel
geistige Interessen haben und doch seinem Haushalt vorstehen, seine
Kinder erziehen und dem Mann ein angenehmes Heim schaffen.«
Thea lachte.
»Du bist köstlich! Du, da fällt mir ein, ich werde dich mit Exzellenz
Werner, Vorstandsmitglied unseres Vereins zur Bekämpfung des
Geburtenrückganges, bekannt machen. Die wettert ja gegen uns moderne
Frauen. Wir wären nur zu bequem, Kinder zu kriegen, wir wollten
unsere Schönheit nicht verderben, wollten uns die Mühe nicht nehmen,
die Kinder zu erziehen, um ungehindert unsern Vergnügungen nachgehen
zu können, ja, wir modernen Frauen seien schuld an dem Zerfall der
Familie. Ihr würdet ja großartig zusammenpassen, die hätte eine Freude
an dir! Und ich stiege in ihrer Achtung -- woran mir allerdings nichts
liegt --, denn du bist ja meine Schwägerin.«
»Diesem Verein gehörst du an?«
»Ich bin sogar im Vorstand. Was willst du, man muß eine Rolle spielen
in der Welt. Man muß von sich reden machen, so -- oder so.«
* * *
Nachdenklich schritt Ebba Holm die Tiergartenstraße entlang. Der Besuch
bei ihrem Bruder hatte ihr kaum erst zur Ruhe gekommenes Innere wieder
in Aufruhr gebracht. Bis zum Abendessen in der Pension hatte sie
noch eine Stunde Zeit, und so hatte sie den kleinen Umweg durch den
Tiergarten gewählt, um zum Steinplatz zu gelangen.
War es möglich?
Mein Gott, sie hatte sie gekannt, öfter war Lukas mit ihr in Hamburg
gewesen, auch sie hatte auf der Hochzeitsreise einige Tage mit
ihrem Gatten in Berlin zugebracht, niemals zuvor hatte sie diese
Oberflächlichkeit bei Thea erkannt.
Sah sie heute die Menschen anders als damals, als sie noch mit
ungebeugter Seele durchs Leben schritt?
Hatten die Menschen -- oder hatte sie sich gewandelt? Um des Himmels
willen, nicht Hausfrau sein! Nein -- schöngeistigen Interessen
nachgehen! Um eine Rolle zu spielen, sich einem Verein zur Verfügung
stellen, der das Zusammenhalten der Familie predigte, um darüber die
eigenen Familienbande zu lockern!
Ein schmerzliches Lächeln glitt über ihr Antlitz, und eine Bitterkeit
drang ihr ins Herz.
Alles, alles, was sie entbehren mußte, hielt diese Frau in Händen! Mit
vollen Händen hatte das Schicksal sie beschenkt, und achtlos warf sie
das, was ihr als das höchste Glück einer Frau erschien, zur Seite. Eine
moderne Frau! Eine Frau für alle andern, nur nicht für die eigene
Familie! Das war ihres Bruders Frau.
Und er? War dies die Gefährtin, die er sich erhofft?
›Weißt du, Ebba, meine Frau muß nur für mich leben, darf keine
Modepuppe sein, sie braucht nicht hübsch zu sein, nein, es wäre mir
viel lieber, wenn sie häßlich wäre, denn, weißt du, mit einer hübschen
Frau in Berlin leben, was doch mein jetziger Posten erfordert, das ist
eine gefährliche Sache.
Meine Tätigkeit ist aufreibend. Meine Stellung bringt auch
Repräsentationspflichten mit sich. Ich möchte mir eine kleine Insel
schaffen, auf die ich mich rette aus Arbeit und Gesellschaft und
Menschentrubel. Eine Oase, auf welcher liebende, fürsorgende Hände mich
umschlingen, die mir Hast und Sorge von der Seele nehmen.‹
So sprach Lukas, als er das erste Mal hinüberkam nach seiner Berliner
Anstellung. Sechs Monate später heiratete er Thea Weil, die Tochter
eines reichen Berliner Fabrikanten. Armer Bruder, du hattest umlernen
müssen! Ob es dir schwer geworden? Mußtest du Herzblut darüber lassen?
Das Leben leicht nehmen! Ja, wenn das so ginge!
Wie oft hatte sie versucht, über das, was ihrem Herzen Wunden
geschlagen, hinwegzukommen. Es ging nicht, die Narben brannten sie
und verursachten ihr Schmerzen. Langsam rollten zwei Tränen über ihre
Wangen.
Es war dunkel geworden, als sie über die Corneliusbrücke schritt und
beim Einbiegen auf den Kurfürstendamm mit Lotte Wunsch zusammentraf.
»Guten Abend, Frau Ebba, was schleichen Sie so müde einher, als lägen
tausend Lasten auf Ihrer Seele?«
Ebba war aus ihrem Sinnen emporgefahren und blickte auf die
Bildhauerin, die fröhlich mit geröteten, frischen Backen sie anlachte.
»Und Sie jagen im Sturm daher, als wollten Sie alles, was Ihnen
hinderlich in den Weg tritt, verjagen.«
»Will ich auch. Sie haben genau das Richtige gesagt -- alles fege ich
hinweg -- auch Ihr schweres Herz, kleine Frau.«
Und sie hakte sich in Ebbas Arm und zog sie von dannen.
»Ebba, hören Sie. Ich muß mich befreien von -- dem Häßlichen, was da
auf meinem Weg war -- um das zu können, muß ich es festhalten -- muß
ich ihm noch einmal ins Auge schauen, um dann befreit zu sein. Fort« --
sie machte eine fortschiebende Handbewegung. »Sie sehen mich so fragend
an, ich kann Ihnen das hier auf der Straße nicht erklären. Auch sind
wir gleich ~at home~ -- Sie kommen in mein Atelier -- dann will ich
Ihnen von meiner Arbeit sprechen -- die mich befreien soll von dem, das
mein Verlangen nach Liebe zerstörte. -- -- Was sind Sie schweigsam,
Liebe -- wo kommen Sie her?«
»Ich war bei meinen Verwandten.«
»Ach so -- eine geplagte moderne Frau, Frau Thea Westphal -- nicht
wahr?«