Sie lebte ein Leben ohne Liebe, das war es -- ein verfehltes Leben für
eine Frau.
Ihr war das Schicksal etwas schuldig geblieben -- noch konnte sie
fordern -- oder -- --
Sie sprang empor und lief zum Spiegel. Noch war sie nicht alt, aber
schon im Stadium unbarmherzigen Welkens, jenes frühen Welkens, das in
einem Verlöschen aller Farben, in einem Rücktritt jeglicher Frische
besteht. Nie hatte sie etwas für ihren Körper, für ihren Teint getan.
Das glatt gebürstete, im Nacken zu einem Knoten zusammengedrehte
Haar gab ihrem Antlitz einen strengen, scharfen Ausdruck, machte sie
älter, als sie in Wirklichkeit war. Wenn es nach Liebe war, wonach
sie hungerte, wie kam es, daß keiner von denen, die sich ihr genaht,
ihr Liebe eingeflößt hatte? Keiner ihr Herz angezogen, ihre Sinne in
Wallung gebracht?
Die Begierde hatte sie erschreckt, hatte das, was Liebe hatte werden
können, erstarren lassen. Wohl hatte sie dieses Erlebnis, diese
Enttäuschung auf ihrem Lebensweg für die Kunst reifen lassen, aber den
Glauben an die reine, tiefe Liebe hatte sie verloren.
Sie nennen es Liebe und ist doch nur Sinnlichkeit -- das, was sich
anzieht. -- --
Nein -- nicht nach dem Manne stand ihr Verlangen, nicht nach dem
Rausch der Sinne -- das Kind war es, das sie begehrte, und darum
mußte die Liebe rein sein -- rein, ohne Begehrlichkeit -- das war das
Glück. Dieses vorlaute, dreiste Wesen dort drüben im Teezimmer hatte
die Glocke in ihrem Herzen zum Schwingen gebracht, und nun läutete
sie, läutete: ich sehne mich -- oh, wie sehne ich mich -- ich habe
noch nicht das Glück genossen -- -- und ich sehne mich so namenlos
danach -- --
Es klopfte.
»Darf ich ein bißchen zu Ihnen kommen?«
»Herzlich erfreut, Frau Ebba, kommen Sie herein und lassen Sie uns
gemütlich weiterplaudern, es ist gut, daß Sie da sind -- sehr gut --
und jetzt spüre ich auch wahrhaftig Hunger -- einen Wolfshunger. Ich
lasse mir noch etwas kaltes Fleisch bringen, mache uns eine Tasse Tee,
und dann erzählen auch Sie mir von Ihrem Blütentraum.«
Sie eilte geschäftig im Zimmer umher, ordnete das Gerät des Teetisches,
schob zwei bequeme Sessel an den Kamin, entzündete die Spiritusflamme
unter dem kleinen silbernen Teekessel, gab dem eintretenden Mädchen
ihren Auftrag und bot sich niederlassend Ebba die Zigarettendose.
»Arg vom Sturm zerzaust sind diese Blüten.«
»Es werden Ihnen neue erstehen, Sie sind noch jung, Frau Ebba.«
»Was nutzt mir die Zahl der Jahre, wenn Erlebtes mich alt macht? Ich
bin eine Frau ohne Heim, ohne Pflichten, ein vom Wind verwehtes Blatt.
Ich deutete Ihnen an, was mir geschehen. Wir liebten uns, er, der
junge, elegante Rechtsanwalt, und ich, die reiche Fabrikantentochter.
Unserer Heirat stand nichts im Wege, nur daß ich eigentlich noch zu
jung war. Mit achtzehn Jahren sollte man noch nicht heiraten. Doch
gleichviel, wer weiß, ob ich, wenn ich später geheiratet, nicht
dieselben Erfahrungen gemacht hätte -- möglicherweise mit einem anderen
Mann auf andere Art, es sollte wohl so sein -- Schicksalsbestimmung, --
ich glaube daran. Wir lebten sehr glücklich und zufrieden. Mein Mann
gehörte zu den gesuchtesten Rechtsanwälten Hamburgs. Wir hatten einen
großen geselligen Kreis. Ich wäre restlos glücklich gewesen, wenn in
mir nicht die Sehnsucht nach einem Kindchen, einem kleinen lieben
Ding, welches mein ureigenstes Mein gewesen wäre, gelebt hätte.
So vergingen drei Jahre, da fing ich an, bei meinem Manne ein unstetes,
flackerndes Wesen zu beobachten. Von mir aufmerksam gemacht, wurde er
noch nervöser. Ich beobachtete ihn und hielt ihn für überanstrengt in
seiner Arbeit. Er schonte sich nicht, arbeitete oft bis spät in die
Nacht hinein, wie ich meinte. Er wurde aufgeregt und mißtrauisch, weil
er sich beobachtet wußte. Es kam zu Szenen zwischen uns, in welchen
er sich die Spioniererei verbat. Genug, ich kam dahinter, daß mein
Mann ein leidenschaftlicher Spieler war. In seinem Büro, welches nicht
mit unserer Wohnung in Verbindung stand, fanden nachts Zusammenkünfte
statt, bei denen wahnsinnig gespielt wurde. Mein Mann verlor. Er
verspielte sein ganzes nicht unbedeutendes Einkommen und hatte bereits
mein eingebrachtes Vermögen verspielt. Mein Vater stellte ihn zur Rede
-- er zeigte Reue und gab sein Ehrenwort, keine Karte mehr anzurühren.
Er hat sein Ehrenwort gebrochen. Nach zwei Monaten war er verschwunden,
nach Unterschlagung ihm anvertrauter Depots. -- -- --
Da haben Sie meine Blüten.
Ich löste meinen Haushalt auf, Sie können sich wohl denken, daß ich
nicht mehr sein mochte, wo alle mein Unglück kannten. Das Mitleid, die
bedauernde Neugierde, sie machten mich elend, und so siedelte ich nach
hier über.«
»Und warum gerade nach hier?«
»Weil hier mein Bruder mit seiner Familie lebt, so habe ich doch
wenigstens einen Anhalt und Menschen, die mir nahe stehen. Sie wissen,
die Pensionszeit hier ist nur ein Übergang, ich will wieder mein
eigenes Heim haben, meine eigene Häuslichkeit. Und Sie, Lotte Wunsch,
müssen recht, recht oft zu mir kommen. Lassen Sie uns Freunde sein.«
»Mit tausend Freuden. Ich bin Ihnen in treuer Freundschaft zugetan und
will es bleiben.«
Und mit kräftigem Druck nahm sie die ihr entgegengestreckte Rechte.
»Wissen Sie, daß ich Angst um Sie habe, Ebba?«
»Inwiefern?«
»Jung, schön, reich, alleinstehend -- in jeder Gestalt wird die
Versuchung an Sie herantreten: Fangarme werden sich nach Ihnen
ausstrecken. Aber, Sie haben einen Tugendwächter -- ehe der nicht zur
Strecke gebracht ist --«
»Das dürfte wohl gar nicht so schwer sein.«
»Achtunddreißig Jahre alt und noch einen ungeküßten Mund.«
»Kein Beweis. Spät in Brand geraten, desto lodernder. Aber wäre es
nicht doch ratsamer, wenn ich auf den Schutz meines Bruders baute? Um
an ihm eine Stütze zu haben, bin ich hergekommen.«
»Rechnen Sie nicht zu sehr damit. Väter, Gatten und Gattinnen, Brüder
und Schwestern haben selten Zeit für die Ihren, immer nur für die
anderen.
Darf ich übrigens mal den Namen Ihres Bruders erfahren? Ich kenne so
ziemlich alles, was zur Gesellschaft gehört, da wird mir auch Ihre
Familie nicht entgangen sein.«
»Mein Bruder ist der Bankdirektor Lukas Westphal.«
Lotte Wunsch sprang auf, warf ihre Zigarette in den Aschenbecher und
stieß einen Pfiff hervor.
»Frau Thea Westphal also ist Ihre Schwägerin?«
»Allerdings, Sie kennen Sie?«
Lotte nickte. »Da suchen Sie Halt und Familienanschluß? Haben Sie Ihre
Verwandten schon gesehen?«
»Nein. Nur telephonisch haben wir uns gesprochen. Wir konnten uns noch
nicht auf einen bestimmten Tag einigen, da meine Schwägerin stets etwas
vorhatte.«
»Und wie lange sind Sie schon hier?«
»Zwei Wochen.«
»Da haben wir es ja! In zwei Wochen keine Stunde Zeit für die Schwester
und Schwägerin. Eine moderne Frau in Berlin hat keine Zeit, selbst
nicht für Mann und Kinder, Sie werden es schon sehen.
Ich will Ihnen etwas sagen, Ebba. Unsere Großstadtmenschen huldigen dem
Ichkultus, der Hingabe an ihre eigene Persönlichkeit. Ein grenzenloser
Egoismus lockert das Wurzelreich von Sitte, Moral und Pflichtgefühl --
und was das schlimmste ist, er untergräbt den Familiensinn. Man lebt
für sich, nicht für die anderen.«
»Nein, nein, Sie malen zu schwarz. So ist es nicht, ich kann das nicht
glauben.«
»So werden Sie es lernen. Warum wollen Sie schon gehen, es ist nicht
spät, so bleiben Sie noch ein wenig.«
»Ich bin müde, Berlin greift an, ich bin den Trubel in den Straßen
nicht gewöhnt, lassen Sie mich gehen.«
»Dann auf morgen, Frau Ebba, und -- gute Freundschaft, dabei bleibt es.«
»Gewiß -- und gute Nacht.« -- -- --
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Lotte stand vor dem Spiegel und löste den Knoten ihres kastanienbraunen
Haars. Da fiel es in kurzen Locken auf ihre Schultern, die Straffheit
des Scheitels löste sich, leicht fiel eine Strähne nach vorn und
bedeckte die linke Ohrmuschel. Wohl schimmerten Silberfäden hier und
da, und doch, war dies das strenge, ältliche Gesicht, welches ihr aus
dem Spiegel entgegenschaute? Ein erstauntes Lächeln verjüngte ihre
Züge. Sie fühlte sich erlöst und befreit.
Ja, sie hat mich getroffen, wo es am wehesten brennt.
Ich habe geschrieen nach dem Kinde. Es ist etwas Unnatürliches, das
Leben einer Frau ohne Kind. Es macht uns zu zwecklosen Wesen. Taube
Nüsse am Baum des Lebens!
Hinweg mit dir, du grinsendes Gespenst, welches mir den Weg
versperrte, den Zweck meines Lebens zu erfüllen, ich werde dich
bezwingen.
Festhalten will ich dich, dich, das Tier im Menschen, durch meine
Kunst. Dich, die Begierde, die Gier nach Lust, will ich ihnen zeigen
in einer Fratze, so grauenhaft, daß ihnen das Blut erstarren wird
und Entsetzen sie erbeben macht, wenn sie darin ihr eigenes Selbst
erkennen. -- -- --
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»Das ist ja eine wenig angenehme Lage, in der du dich befindest, liebe
Ebba. Hat denn dein Mann gar nichts von sich hören lassen, hast du
keine Ahnung, wo er sich befindet?«
»Ich weiß nichts, absolut nichts.
Ich fand seinen Abschiedsbrief auf meinem Schreibtisch. Er bat mich um
Verzeihung für das Leid, das er über mich bringe. Er hätte geglaubt,
seine Liebe zu mir würde seine Spielleidenschaft verdrängen. Er habe
auch wirklich das erste Jahr unserer Ehe keine Karten angerührt,
aber dann sei es mit doppelter Macht über ihn gekommen, er könne
nicht anders, er wüßte, daß er daran zugrunde gehen wird, aber seine
Leidenschaft sei stärker als sein Wille. Er bereue es, mich an sich
gekettet zu haben und mir Kummer bereiten zu müssen, aber seine
Spielleidenschaft sei so groß, daß sie alles hinwegfege: Liebe,
Ehrlichkeit und Rücksichtnahme.«
»Unerhört, bodenlos! Keine Rücksichtnahme, das ist es! Denkt nur an
sich und seine Spielwut, ohne der Familie, der er durch seine Heirat
angehört, zu gedenken. Wenn unser Vater nicht die veruntreuten Gelder
gedeckt und alles getan hätte, um die Untersuchung niederzuschlagen,
würde dein Mann, mein famoser Schwager, jetzt steckbrieflich verfolgt!
Meine ganze Stellung wäre ins Wanken gekommen! Eine saubere Geschichte
hat uns der Herr da eingebrockt!«
»Entsetzlich, entsetzlich!« hauchte Frau Thea, »wir hätten Berlin
verlassen müssen.«
»Ich bitte, regt euch nicht auf. Die Geschichte ist ja nicht an die
große Glocke gekommen, hier in Berlin weiß niemand davon. Die einzige
Leidtragende bin doch nur ich.«
»Gott sei Dank, daß es uns nicht trifft. Ebba -- ich hätte es nicht
ertragen, einen solchen Skandal in der Familie! Gewiß, du bist
beklagenswert, aber du hast recht, hier weiß ja niemand etwas von der
ganzen Geschichte. Du bist jung, schön, hast dein gutes Auskommen,
du wirst ein nettes Haus machen, und in kurzer Zeit bist du darüber
hinweg. Das Berliner Leben wird dich trösten. Hier kommt man gar nicht
zum Nachdenken. Meinst du nicht auch, Lukas? Wir werden Ebba in die
Gesellschaft einführen, wer weiß, vielleicht findet sich das Vergessen
noch gar in Gestalt einer guten Partie.«
»Ich danke dir für deine gute Absicht, Thea. Für eine sogenannte gute
Heirat bin ich nicht zu haben, im übrigen vergißt du, daß ich nicht
geschieden bin.«
»Das ist schlimm -- sehr schlimm -- wie soll man dich da überhaupt
einführen? Nicht Witwe, nicht geschieden, und doch ohne Mann.«
»Du giltst selbstverständlich als geschiedene Frau, denn es unterliegt
doch keinem Zweifel, daß wir alle Schritte tun werden, um eine
Scheidung für dich zu erlangen,« warf der Direktor ein.
»Mir wäre es lieb, Lukas, die ganze Ehegeschichte ruhen zu lassen. Ich
denke nicht daran, mich wieder zu verheiraten, da ist es doch ganz
gleichgültig, ob ich frei bin oder nicht.«
»Da irrst du, liebes Kind, irrst du ganz gewaltig. Ganz entschieden
protestiere ich dagegen, daß du die Frau dieses Lumpen bleibst! Wer
kann wissen, was dieser saubere Herr noch alles auf dem Kerbholz hat --
oder -- was noch alles kommen kann! Urkundenfälschung -- Falschspieler
-- und wie die schönen Dinge, in welche diese Art aalglatt
hineinschlüpft, alle heißen. Ich danke für diese Verwandtschaft! Du
mußt los, ganz los! Willst du die Frau eines Zuchthäuslers sein?«
Aufgeregt ging er im Zimmer auf und ab.
»Du magst recht haben, Lukas -- ich fürchte auch nur all die
Unannehmlichkeiten.«
»Hast du gar nicht. Ganz einfache Chose. Ich nehme einen tüchtigen
Rechtsanwalt und gebe ihm die nötigen Informationen. Du wirst
überhaupt gar nicht behelligt. Erfährst nachher nur das Resultat der
ausgesprochenen Scheidung.«
»Wenn es so einfach wäre.«
»Aber natürlich. Das Schwerste und Schlimmste hast du hinter dir. Muß
ja eine scheußliche Zeit für dich gewesen sein.«
»Wenn du wüßtest, wie ich gelitten! Ich habe ihn geliebt, Lukas,
von ganzem Herzen. -- Du kannst begreifen, welches Weh die herbe
Enttäuschung über mich gebracht hat.«
»Ich begreife, Ebba. Es ist ein harter Schlag für dich gewesen, aber
ich hoffe, du kommst darüber hinweg. Du bist noch jung, in der Jugend
überwindet man leicht. Es ist sehr vernünftig, daß du nach Berlin
gekommen bist, hier ist der richtige Ort, um dich deinen Kummer
vergessen zu machen. Halte dich nur an Thea und stürze dich mit ihr in
die Geselligkeit, paß auf, wie bald dein Leid versunken und vergessen
ist.«
»Hältst du mich für so oberflächlich, Lukas?«
»Oberflächlich! Warum das so ausdrücken! Mit Dingen, die nicht zu
ändern sind, muß man sich abfinden können. Du warst von jeher geneigt,
alles zu schwer zu nehmen. Nimm das Leben leichter, es lohnt nicht,
sich abzuquälen.«
Erstaunt hefteten sich ihre Augen auf den Bruder. War dieser nur an
sich, an seine Stellung und Ansehen denkende Mann, der ihr riet, sich
möglichst schnell über schicksalsschwere Erlebnisse hinwegzusetzen,
ihr ernster Bruder?
Und -- klang da nicht ein leichter Unterton von Bitternis aus seinen
Worten?
»Ich will es versuchen, Lukas,« und sie streckte ihm die Hand über den
Tisch hinüber. »Ich weiß, du meinst es gut mit mir, aber daß mir das
glücken wird -- ich meine, das Leben leicht zu nehmen -- das glaube ich
nicht.«
»Unsinn, Ebba,« warf Thea, welche ungeduldig in ihrem Sessel auf die
Beendigung des Gesprächs gewartet hatte, ein. »Du mußt nur wollen. Ohne
einen Schuß Leichtsinn wäre das Leben überhaupt nicht lebenswert; wer
ihn nicht hat, der muß sich eben dazu zwingen.«
»Und wer ihn gleich mit auf die Welt gebracht, hat manchmal zuviel
davon,« bemerkte Lukas.
»Besser als zu wenig! Da ich weiß, wohin du zielst, lieber Mann, kann
ich mein überschüssig Teil gleich auf Ebba übertragen, dann wäre uns
beiden geholfen.«