»Nun -- ob Sie auch den Schrei nach dem Kinde haben? Man sagt bei uns,
die deutsche Frau mit einem Beruf will sehr oft ein Kind, aber keinen
Mann, sie will Mutter sein, ohne zu heiraten. Ist das richtig? Wie kann
man wünschen, ein Kind zu bekommen? Kleine Kinder sind schrecklich.
Niemals möchte ich Kinder haben, sie sind lästig und machen so viel
Mühe.«
Mit einem energischen Ruck warf sie den Oberkörper nach vorn, setzte
die Füße fest auf den Boden und fragte eindringlich zu Fräulein Wunsch
hinüber: »Wollen Sie ein Kind?«
»Es wäre wirklich schade, wenn Ihre Mutter ebenso gedacht hätte
wie Sie. Im übrigen scheinen Sie aus Schlagwörtern Ihre Kenntnis
der deutschen Frau herzuleiten. Ich würde Ihnen auch raten, länger
hierzubleiben, um Ihr Wissen an der Quelle zu vervollständigen.«
»Oh, Sie sind böse, weil ich das gefragt habe, das müssen Sie nicht
sein. Ich frage nicht aus Neugierde, ich habe viel Interesse für die
deutsche Frau, ich suche sie zu studieren. Ich weiß, die Deutschen
haben viel Herz, oder sagen Sie Gemüt? Ich kann es wohl verstehen,
daß man wünscht, Kinder zu haben, wenn man verheiratet ist, aber wie
eine Frau, die nicht verheiratet ist, sich ein Kind wünschen kann, das
begreife ich nicht. Sagen Sie, Mrs. Holm, wünschen Sie sich ein Kind?«
»Ich wäre unendlich glücklich, wenn mir in meiner Ehe ein Kind
beschieden wäre.«
»~Well~, Sie waren verheiratet. Aber Sie, Fräulein von Wangenheim, wie
denken Sie darüber?« Die lebhaften braunen Augen wandten sich gespannt
und voller Neugierde der ihr zur Rechten sitzenden jungen Dame zu.
Ein flammendes Rot überzog die zarten bleichen Wangen, kühle,
abweisende Blicke trafen die Augen der Fragenden: »Aber -- ich bitte
--«
Erstaunt blickte die Amerikanerin sie an: »Ich denke, Sie sind
Künstlerin und wollen zur Bühne gehen? Da darf man nicht prüde sein,
Fräulein von Wangenheim, da werden Sie noch ganz andere Dinge zu hören
bekommen.«
»Ich will nicht zur Bühne gehen, ich will Konzertsängerin werden.«
»Einerlei. Nicht wahr, Sie studieren bei Professor Sommer?«
»Jawohl.«
»Es soll ein sehr interessanter Mann und guter Lehrer sein. Ich habe
viel von ihm gehört. Ich wollte auch Gesang studieren. Sie müssen
wissen, wir Amerikaner lieben die Musik sehr. Aber ein Studium nimmt
viel Zeit. Ich bin zu praktisch, ohne Vorteil Geld auszugeben. Ich habe
keine Zeit zum Studieren, ich liebe es mehr, mich zu amüsieren.«
»Ja, das Studium kostet viel Geld.«
»Die Ausbildung Ihrer Stimme ist eine Kapitalsanlage, die Ihnen später
Zinsen bringen wird, vorausgesetzt, daß Sie wirklich Stimme haben.«
»Der Professor hat mir große Hoffnungen gemacht.«
»Waren Ihre Eltern denn mit Ihrer Ausbildung einverstanden? Sie sind
aus einer Offiziersfamilie, Ihr Vater ist, wie ich gehört habe,
Oberstleutnant. Ist man in diesen Kreisen nicht etwas ablehnend gegen
das Künstlertum, wenigstens wenn es die eigene Familie betrifft?«
Ein leichter Zug der Pein huschte über die jetzt wieder bleichen Züge
Fräulein von Wangenheims, aber sich bezwingend erwiderte sie:
»Im allgemeinen wohl, Miß Webb. Auch ich hatte einen Kampf zu bestehen,
ehe mir die Einwilligung meiner Eltern zuteil wurde, aber -- wie Sie
sehen -- ich bin siegreich aus dem Kampf hervorgegangen und -- der
Oberstleutnant mußte sich dem Rekruten ergeben.«
»Also: Siegerin. Sie werden auch hier siegen, glauben Sie mir --« und
ein so prüfender Blick flog über Gerda von Wangenheim, daß ihr wieder
das Erröten kam.
»~Good Evening~, Mr. Winkelmann, es ist nett, daß Sie kommen, um mich
zu entführen. Ach, wie wohltuend wirken Sie in diesem bunten Raum und
unter uns farbenfreudig gekleideten Damen!«
»Als dunkler Punkt,« warf Lotte Wunsch dazwischen.
»Wirklich, ich wurde schon ganz nervös. Schauen Sie dieses Schwelgen
in Farben, Sie in Ihrem Smoking bringen etwas Ruhe hinein, Sie wirken
direkt dekorativ.«
»Sollte ich nicht auch noch anders wirken?«
Kurt Winkelmann neigte sich über die ihm entgegengestreckte Hand der
Amerikanerin, begrüßte kameradschaftlich Lotte Wunsch und verbeugte
sich verbindlich vor Ebba Holm.
»Und hier, unsere jüngste Mitpensionärin, Fräulein von Wangenheim.«
Kurt Winkelmann war eine schlanke und vornehme Erscheinung mit
schmiegsamen, lässigen Bewegungen. In dem bartlosen Antlitz saß eine
kühne, etwas scharf hervorspringende Nase und dunkle, von langen
Wimpern beschattete Augen. Volles, kastanienbraunes Haar fiel in die
hohe klare Stirn. Es war sein Sport, der bestgekleidetste Weltmann zu
sein und als der schickste und eleganteste Lebemann der Welt zu gelten.
Sein geübtes weltmännisches Auge, das sich nur mit Schönheit und
Eleganz beschäftigte, nahm die neue Erscheinung in sich auf. Sie ist
sehr schön, das ist wahr. Die Haare, die Haut, der zarte Teint, die
Figur, alles ist herrlich! Und dennoch -- sie war nicht mit dem Schick
angezogen, ohne den eine moderne Frau in seinen Augen ein Unding war.
Ihr Kleid hatte nicht den tadellosen Schnitt, es war nicht der letzten
Mode entsprechend. Das Haar von jenem schönen rötlichen Blond, welches
wie Gold schimmert, war zu wenig gelockert, ihm fehlten die von der
Mode vorgeschriebenen Wellen. Alles in allem eine eigenartige Schönheit
von außergewöhnlichem Reiz, aber -- keine elegante Frau nach seinem
Geschmack.
Leicht hatte sie das Haupt geneigt und einen flüchtigen Blick über
den Ankömmling gleiten lassen, dann plauderte sie ruhig weiter. Sie
schien nicht das Interesse für ihn zu empfinden, das er gewöhnlich im
Entgegenkommen aller Frauen fühlte, denen man ihn vorstellte. Eine
Persönlichkeit wie er, Weltmann vom Scheitel bis zur Sohle, und diese
junge, provinzialisch angezogene Person war gar nicht neugierig, ihn
kennenzulernen?
»Mr. Winkelmann, wo werden Sie mich hinführen? Bitte, sagen Sie, Sie
hatten mir einen besonders netten Abend versprochen.«
»Erst werden wir ein Konzert besuchen, in welchem die Hempel singt.«
»Oh, ~wonderfull~,« sie klatschte in die Hände -- »und dann --«
»Ja, das ist eine Überraschung, kann ich noch nicht verraten.«
»Aber bin ich auch richtig gekleidet, ~look at me~?« Sie war
aufgesprungen, stellte sich in die Mitte des Zimmers und drehte sich
langsam gleich einer Mannequin herum.
Ihren schlanken zierlichen Körper umspannte gleich einer Haut ein
weicher, grasgrüner Seidenstoff, jede Linie scharf abzeichnend. Der
schlanke Hals, um den eine dreifache Perlenschnur gewunden war, tauchte
gleich einer Lilie aus dem grünen, zarten Gewebe, welches den spitzen
Ausschnitt umgab, hervor.
Übermütig blitzten ihm die braunen Augen aus dem leicht gepuderten,
pikanten Antlitz entgegen.
»Immer ~allright~, Miß Webb.«
»Eigentlich hätten Sie dieses Konzert auch besuchen müssen, Fräulein
von Wangenheim, so etwas sollten Sie sich nicht entgehen lassen.«
»Gnädiges Fräulein interessieren sich für Musik?« und er neigte sich zu
Gerda von Wangenheim.
»Ich studiere Gesang.«
»Ah -- also angehende Künstlerin --« und er heftete einen seiner
verschleierten und heißen Blicke auf sie.
»Fräulein von Wangenheim wird Karriere machen,« rief die Amerikanerin,
indem sie sich von dem eintretenden Zimmermädchen den Mantel um die
Schultern legen ließ.
»~I’m ready~, Mr. Winkelmann.« -- -- --
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»Naseweis und frech wie ein Spatz.«
»Sagen Sie lieber gänzlich unerzogen, Fräulein Wunsch.«
»Nein, das möchte ich nicht sagen, Frau Holm. Ich habe schon zuviel
gut erzogene junge Damen ein schlechtes Benehmen zeigen sehen, daß ich
nicht auf dem Standpunkt stehe, daß schlechtes Benehmen stets eine
Folge schlechter Erziehung ist.
Was hier zutrifft, weiß ich nicht. Im allgemeinen wird den
amerikanischen jungen Damen eine sehr gute, sogar strenge Erziehung
zuteil. Allerdings genießen sie im Umgang mit jungen Männern eine
große Freiheit, wobei ›drüben‹ gar keine Gefahr besteht, denn die Frau
genießt ja in Amerika einen ganz andern Schutz als hier bei uns. Sie
ist dem Manne tatsächlich ein Wesen, dem man Achtung schuldig ist und
dem kein Mann wagen wird, sich unehrerbietig zu nahen.«
»Sie können doch im Ernst nicht behaupten wollen, daß ein gut erzogenes
junges Mädchen unserer Kreise sich derartig benehmen kann, wie es diese
Dame tut?«
»Unter Umständen noch viel schlimmer. Sie kennen unsere Großstadtluft
nicht -- die zersetzt. Man ist so vielen Einflüssen ausgesetzt. Es
gehört schon Charakter dazu, sich rein zu halten und den verwilderten
Elementen fern zu bleiben. Glauben Sie mir, ich spreche nicht so
obenhin. Seit zwanzig Jahren lebe ich hier, stehe mitten im Leben, habe
viel wohlerzogene Töchter guter Familien an mir vorüberziehen sehen.
Viele sind bergab geschritten -- moralisch -- denn der Weg bergab
führte oft zur Höhe des gesellschaftlichen Lebens -- zu Ruhm und Glanz.«
»Sie wollen uns schon verlassen, Fräulein von Wangenheim?«
»Ich habe mich heute mit dem Studium überanstrengt. Ich möchte die
Stunde bis zum Abendessen zum Ruhen benutzen.«
Gerda von Wangenheim stand in ihrer schlanken Höhe vor den beiden
Damen, reichte ihnen die Hand und schritt schwebenden Schrittes aus dem
Zimmer.
»Eine herrliche Erscheinung.«
»Und eine gut erzogene junge Dame, Frau Holm. Ob sie nach einem Jahre
noch so wirken wird?«
»So lassen Sie doch Ihren Skeptizismus aus dem Spiel. Man muß an das
Gute im Menschen glauben; das wäre ja entsetzlich, wenn man allen
Menschen nur das Schlechte und Gemeine zutrauen wollte. Sie sind ein
ganz unglücklich veranlagtes Wesen, wenn Sie bei den Menschen nur die
Anlage zum Bösen sehen.«
»Keine Veranlagung, Frau Ebba, das Leben hat mich so denken gelehrt!
Glauben Sie mir, als ich mit achtzehn Jahren hier einzog, in die große
Stadt, an die Quelle des pulsierenden Lebens, da lag es vor mir, das
Leben, voll eitel Sonnenschein, da glaubte ich an die Menschen, die
Glückbringer. Mit ausgestreckten Händen stand ich da: gebt, was gut und
schön ist in euch, um euch. Auch ich will euch beschenken, ich bringe
meine Jugendkraft, mein heiliges Glühen für alles Schöne und Edle,
helft mir schaffen, genießen -- leben. Ich war jung, Frau Ebba, da hat
man noch Blütenträume!«
»Das Leben erfüllt uns selten die Blütenträume.«
Lotte Wunsch nickte. »Und es ist gut so. Wir Künstler brauchen
Bitternisse, Hindernisse! So erst kommen wir zum Schaffen. Die große
Enttäuschung im Leben einer Frau ist gewöhnlich der Mann. So war es
auch bei mir.
Mit achtzehn Jahren kam ich nach Berlin, um mich der Kunst zu widmen.
Nach den Studienjahren in der Kunstschule ging ich in das Atelier
des Professor Stein, um unter seiner Leitung zu arbeiten. Ich war
eine eifrige Schülerin und, wie mir der Professor versicherte, sehr
talentvoll. Er mochte ausgangs der Fünfziger gewesen sein, als ich
bei ihm arbeitete. Er war verheiratet und hatte zwei Töchter, von
denen die eine mit einem Offizier verlobt war. Er sprach wenig während
der Arbeit, liebte es aber, sich in den Pausen und nach Schluß der
Arbeitszeit mit mir zu unterhalten. Wir saßen dann gemütlich in der
Plauderecke des Ateliers und rauchten Zigaretten. Ab und zu tranken wir
auch wohl ein Glas Wein zusammen. Wir sprachen über Kunst und Theater.
Er erzählte mir auch mal einen derben Atelierwitz und amüsierte sich,
wenn ich darüber in Verlegenheit geriet. Er meinte: daran müssen Sie
sich gewöhnen, Kleine, das ist Atelierton. Ich hatte auch weiter keinen
Arg, war er doch mein Lehrer und in meinen Augen der alte Herr mit zwei
erwachsenen Töchtern. Das ging nun so eine Weile. Eines Tages, als wir
wieder saßen, plauderten und rauchten -- er hatte hastig drei Gläser
Wein hinuntergestürzt -- sah er mich scharf an und sagte: ›Du mußt
übrigens ein vorzügliches Aktmodell abgeben.‹ Ich erschrak. ›Zieh dich
einmal aus.‹ Ich sprang entsetzt in die Höhe. Da fing er unbändig an
zu lachen und schrie mich an: ›Willst eine Künstlerin sein und tust so
zimperlich? Weißt doch, daß wir den menschlichen Körper studieren, wo
wir ihn finden. Brauchst doch selbst die Leiber der anderen für deine
Zwecke, also herunter mit dem Firlefanz, ich will Studien machen an dir
-- weiter nichts.‹
Zitternd und bebend war ich in eine Ecke geflüchtet. Er war an den
großen schwarzen Sammetvorhang getreten, dessen Falten er ordnete.
Jetzt wendete er sich und sah mich stehen. Er kam auf mich zu,
streichelte mir das Haar und sagte: ›Kind, ich tue dir doch nichts,
du als Künstlerin mußt mich doch verstehen. Ich suche wochenlang nach
einem Körper wie der deine, tue mir den Gefallen und sträub’ dich
nicht, du weißt doch, du dienst der Kunst damit. Komm, hier, trink noch
ein Glas, und dann laß uns arbeiten.‹
Ebba Holm -- eine Stunde habe ich vor dem Vorhang gestanden -- es
waren Qualen der Hölle, die ich erlitt. Ich schwor mir zu, der Kunst
zu entsagen und nie, nie mehr den Meißel anzurühren. Und kehrte wieder
des anderen Tags und arbeitete wie eine Rasende. Und nach der Arbeit
stand ich wieder eine Stunde vor dem schwarzen Vorhang und diente
seinem Werk. Als ich ging, flüsterte er heiser vor Aufregung: ›Nur noch
morgen, Kind, ich danke dir.‹
Und als ich kam, bat er: ›Laß heut deine Arbeit, wir wollen gleich
anfangen.‹
Ich stand -- stand und krampfte den emporgestreckten rechten Arm in
die Falten des Vorhanges -- so war die Stellung -- da -- da sah ich
zwei gierige, lüsterne Augen, hörte ich stöhnen -- ich wollte schreien
-- doch schon umkrampften mich seine Arme, bedeckten brennende Küsse
meinen jungen Leib -- ich wehrte mich wie eine Rasende -- immer
fester umschlang er mich -- wir stürzten zur Erde -- im Fallen riß
ich den Vorhang herunter -- das war meine Rettung. Er verwickelte
sich und suchte sich zu befreien -- dabei mußte er mich loslassen --
ich entschlüpfte und stürzte nach meinen Sachen. -- Als ich, in Eile
bekleidet, forteilen wollte, kam er zitternd auf mich zu: ›verzeih‹ --
ich spie ihm ins Gesicht, ging -- und kam nie wieder -- -- --
Da starb, was edel ist, in den Menschen, da versank die Schönheit des
Menschengeschlechts. Nur noch die Begierde sah ich nackt und häßlich,
wie sie die Menschen beherrscht.
Ich lernte sehen. Ich sah nicht nur das, was mir geschehen -- nein
-- ich sah auch, was um mich war -- was in meiner Umgebung geschah.
Im Taumel der Lust, im Begehren nach Gold und Sinnenreiz sah ich die
Menschen. Vor meinen Augen war der Vorhang des Idealismus gesunken.
Ich sah die Menschen nackt -- sah sie so, wie sie sind. Ich habe das
Vertrauen zu den Menschen verloren.«
»Sollten Sie nicht ungerecht urteilen?«
»Es gibt Ausnahmen -- aber daß es eben Ausnahmen sind, ist gewiß.«
»Und -- haben Sie nie jemand liebgehabt?«
»Ich konnte nicht. Verschüttet war mir der Weg zur Liebe, Ebba Holm.
Wohl streckte sich manche Hand aus, wollte mich führen und deutete
glückverheißend auf das geöffnete Tor -- aber -- auf dem Weg lag ein
Gespenst -- zwei gierige, lüsterne Augen -- ich konnte nicht an ihnen
vorbei -- ich fand nicht den Mut, einzutreten in das Land der Liebe --
ich hatte sehen gelernt.«
»Sie Arme!«
»Nein, nicht arm -- zum starken, willensfesten Menschen hat mich das
Schicksal geformt -- ich habe meine Arbeit, meine Kunst. Meine Arbeit,
meine Aufgaben haben mich ausgefüllt.«
»Sind Sie ganz befriedigt, sind Sie ganz glücklich?«
»Darauf hat, glaube ich, kein Mensch berechtigten Anspruch. Auch Sie
sind nicht glücklich, Frau Ebba, und hatten doch die Liebe zur Seite.«
»Sie haben recht, vom Glücklichsein träumt man nur.«
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Das Läuten zum Abendessen klang durch das Haus.
Lotte Wunsch fuhr empor aus ihrer Gedankenwelt. Jetzt unter Menschen
-- unter viele Menschen -- schwatzen -- lachen -- oberflächliches Zeug
reden -- nein -- sie verzichtete lieber auf das gemeinschaftliche
Abendessen.
Sie streckte sich auf den Diwan und schloß die Augen.
Vom Glücklichsein träumt man nur!
Wovon sollte sie träumen? Konnte sie mit ihren achtunddreißig Jahren
überhaupt noch träumen? Sie ein Verstandesmensch? Sie, die das Denken
über das Fühlen stellte!
Wo suchte sie ihr Glück?
In der Arbeit.
Nein -- nein -- das ist nicht wahr -- die Arbeit allein, sie brachte
nicht das Glück.
Ihrer Kunst, ihrem großen Ziele hatte sie sich hingegeben mit Eifer und
Glut, alles andere von sich gewiesen. Die hohe Aufgabe, die sie sich
gestellt, hatte sie ganz erfüllt, und der Erfolg, sich als tüchtige,
gefeierte Bildhauerin zu sehen, hatte ihr große Befriedigung gebracht
-- und doch, und doch dieses Verlangen -- wonach? Wie kam es, daß sie
oft ein Gefühl ängstlichen, ungestillten Sehnens schmerzlich erfaßte,
ein Gefühl der Leere, des Bangens sie beschlich?
War dieses, durch Arbeit und Erfolg im Beruf glücklich sein, nicht
ein kühles Verstandesglück, das mit dem eigentlichen Glück gar nichts
gemein hat?