Furchtlosigkeit, Wesensreinheit, in Wissensandacht Festigkeit, 1

Spenden, Selbstbezähmung, Opfer, Studium, Buße und Redlichkeit;

Nichtschäd'gen, Wahrheit, Nichtzürnen, Nichtverleumden, Friede, Verzicht, 2

Milde, Mitleid mit den Wesen, Scham, Nichtbegier, Nicht-Unstätsein;

Kraft, Reinheit, Festigkeit, Geduld, Nichtkränken, nicht hochmüt'ger Sinn, 3

Die finden sich bei Einem, der zum Götterlos geboren ist.

Heuchelei und Stolz und Hochmut, ein rauhes Wesen, Zornigkeit, 4

Nichtwissen auch -- bei dem, der zu Dämonenlos geboren ist.

Götterlos führt zur Erlösung, Dämonenlos zur Fesselung! 5

Nicht traure, denn zum Götterlos bist du geboren, Pându-Sohn!

Zwiefach ist hier der Wesen Art: teils göttlich, teils dämonisch auch; 6

Die göttliche ist schon erklärt, nun hör' von der dämonischen.

Weder Handeln noch Nichthandeln verstehn dämonische Menschen recht; 7

Guter Wandel, Reinheit, Wahrheit -- die finden sich bei ihnen nicht.

Die Welt ist unwahr, ohne Halt und ohne Herrn, -- so sagen sie; 8

Nicht folgerecht entstand die Welt, Begierde nur rief sie hervor.

In diese Ansicht ganz verbohrt, törichten Sinnes und verderbt, 9

Richten durch Freveltaten sie die Welt zugrund, -- unsel'ges Volk!

Von unstillbarer Gier erfüllt, voll Trug und Stolz und Übermut, 10

Töricht, böse Dinge wählend, führen ein schmutz'ges Leben sie.

Ihr Denken schweift ganz unbeschränkt, meint: mit dem Tod ist alles aus![163] 11

Genießen ist ihr höchstes Gut! »Es gibt nichts weiter«, denken sie.

In hundert Hoffnungen verstrickt, der Gier verfallen und dem Zorn, 12

Häufen sie, ihrer Lust zu lieb, sich unrechtmäßig Schätze auf.

Nun hab' ich dieses schon erlangt und jenen Wunsch erreich' ich noch, 13

Dies hab' ich schon, und jener Schatz, der wird in Zukunft mir zuteil;

Dieser Feind ist schon getötet, die andern werd' ich töten noch, 14

Ich bin Herr, ich bin Genießer, bin erfolgreich, glücklich und stark!

Ich bin reich, ich bin von Adel! welcher Andre ist mir wohl gleich? 15

Opfern, schenken, froh sein will ich! so denken sie, verblendet ganz.

Wirr durch allerhand Gedanken, gefangen in des Irrtums Netz, 16

Ergeben völlig dem Genuß, in schmutz'ge Hölle stürzen sie.

Selbst sich ehrend, aufgeblasen, voll Stolz, voll Hochmut auf ihr Geld, 17

Bringen sie heuchelnd Opfer dar, die dieses Namens gar nicht wert.

Ichsucht, Gewalt, Begierde, Stolz und Zorn -- dem sind ergeben sie; 18

Mich hassen sie im eignen Leib wie auch in Andern, grimmerfüllt.

Diese Hasser, die greulichen, die schlechtsten Menschen in der Welt, 19

Die argen, schleudr' ich fort und fort in dämonischen Mutterschoß.

Durch dämonischen Mutterschoß betört in jeglicher Geburt, 20

Erreichen sie mich nimmermehr und wandeln so die tiefste Bahn.

Dreifältig ist das Höllentor, wodurch die Seele geht zugrund[164]: 21

Begierde, Zorn und Habsucht sind's -- darum laß fahren diese drei!

Befreit von diesen, Kuntî-Sohn, den drei Pforten der Finsternis, 22

Wirket der Mensch sein Seelenheil und wandelt so die höchste Bahn.

Doch wer nach seiner Willkür lebt, nicht achtend heiliges Gesetz, 23

Nicht erreicht die Vollendung der, nicht Glück und nicht die höchste Bahn.

Drum sei dir Richtschnur das Gesetz, bei der Feststellung deines Tuns. 24

Weißt du, was das Gesetz bestimmt, dann kannst du deine Taten tun.

SIEBZEHNTER GESANG

ARJUNA SPRACH

Doch die nicht achten das Gesetz, doch gläubig Opfer bringen dar, 1

Auf welchem Boden stehen die? -- Güte, Leidenschaft, Finsternis?

DER ERHABENE SPRACH

Dreifach der Menschen Glaube ist, -- aus ihrem Wesen wächst er auf, 2

Drum kann er gut, voll Leidenschaft, oder auch ganz verfinstert sein.

Wie eines Jeden Wesen ist, so ist sein Glaube, Bhârata! 3

Aus Glauben ist der Mensch gemacht -- wie er glaubet, so ist er selbst.

Die Götter ehrt der Guten Schar, die Elben Leidenschaftliche, 4

Gespenster und der Geister Heer ehret das Volk der Finsternis.

Die graus'ge Büßung üben aus, wie das Gesetz sie nicht befiehlt, 5

Voll Trug und Ichsucht, voll Begier, voll Leidenschaft und voller Trotz;

Ganz sinnlos peinigend die Schar der Elemente in dem Leib, 6

Und mich auch, der im Leibe weilt, -- die sind dämonengleich gesinnt.

Dreifach ist auch der Speise Art, wie einem Jeden sie gefällt, 7

Dreifach Opfer, Buße, Spenden -- vernimm nun deren Unterschied.

Was Leben, Sein, Gesundheit, Kraft, Glück und Freude vermehren kann, 8

Schmackhafte, milde, feste Speise, liebliche, ist den Guten lieb.

Scharf, sauer, salzig, allzu heiß, streng, unmilde, brennender Art, -- 9

Das liebt der Leidenschaftliche, das schafft ihm Krankheit, Weh und Schmerz.

Was abgestanden, unschmackhaft, stinkend und schon verdorben ist, 10

Überbleibsel und Unreines, das liebt das Volk der Finsternis.

Wo man nach Vorschrift Opfer bringt, nach dem Erfolge nicht begehrt, 11

Nur denkend: Also ist es Pflicht! -- solch Opfer ist der Guten Art.

Doch wo man nach Erfolg begehrt und Heuchelei beim Opfer übt, 12

Ein solches Opfer ist die Art der Leidenschaftbefangenen.

Ohne Regel, ohne Speisung, ohne Lieder und Opferlohn, 13

Ohne Glauben -- solch ein Opfer nennt man die Art der Finsternis.

Götter, Priester, Lehrer, Weise ehren, Reinheit und Redlichkeit, 14

Keusches Wesen, Nichtverletzen -- dies die Buße des Körpers ist.

Rede, welche nicht erreget, die wahr ist und voll Freundlichkeit, 15

Übung in dem Veda-Studium -- das heißt die Buße mit dem Wort.

Herzensheiterkeit und Milde, Schweigen, Bezähmung seiner selbst, 16

Reinheit des Wesens -- dieses ist des Herzens Buße, wie man sagt.

Solche Buße dreifacher Art, wenn sie im Glauben wird geübt, 17

Andächtig, ohne Fruchtbegier -- die ist der guten Menschen Art.

Doch wenn's geschieht um Ehr' und Ruhm, oder sogar aus Heuchelei, 18

Das ist schwankend und ohne Halt -- das ist die Art der Leidenschaft.

Doch wird mit Pein'gung seiner selbst die Buße töricht ausgeübt, 19

Oder Andern zum Verderben -- das ist die Art der Finsternis.

Wenn man spendet nur, weil es Pflicht, und an Vergeltung gar nicht denkt, 20

Am rechten Ort, zur rechten Zeit -- _die_ Spende ist der Guten Art.

Doch tut man es um Gegendienst, oder im Hinblick auf Erfolg, 21

Oder ungern -- das ist die Art der Leidenschaftbefangenen.

Wenn man unwürd'gen Menschen gibt, unpassend auch nach Ort und Zeit, 22

Unfreundlich, mit Geringschätzung -- das ist die Art der Finsternis.

Dreifach ist des Brahman Name: das Om! -- das Das! -- das Seiende! -- 23

Priester, Veden und Opfer sind von Diesem vormals festgesetzt.

Die Theologen rufen drum zu Anfang immer erst ihr »Om«, 24

Bei Opfer, Spenden, Büßungen, wenn nach der Regel sie geschehn.

Die nach Erlösung Strebenden, die auf Erfolg nicht gehen aus, 25

Rufen »das Das!« zu Anbeginn der Opfer, Buß' und Schenkungen.

Von dem Sein und von der Güte braucht man das Wort »das Seiende«[165], 26

Auch bei rühmenswerten Taten wird dieser Ausdruck angewandt.

In Opfer, Buß' und Spenden auch Beständigkeit heißt »Seiendes«, 27

Und was man tut zu solchem Zweck, erhält denselben Namen auch.

Was ohne Glauben ausgeführt, sei's Opfer, Spende, Buße, Tat, 28

Das wird »Nichtseiendes«[166] genannt, -- ist nach dem Tode nichts, noch hier.

ACHTZEHNTER GESANG

ARJUNA SPRACH

Der Entsagung Wesen wünsch' ich zu kennen, o Großarmiger, 1

Und des Verzichtes Wesen auch; erkläre sie gesondert mir!

DER ERHABENE SPRACH

Entsagt man wunscherzeugter Tat, so wird Entsagung das genannt; 2

Verzicht auf aller Taten Frucht, das nennt Verzicht der Weisen Schar.

Gib auf das Tun, als eine Schuld! so sagen ein'ge Denker uns; 3

Das Opfern, Spenden, Bußetun gib nicht auf! sagen Andere.

Höre meine Entscheidung hier von dem Verzicht, du Trefflichster! 4

Der Verzicht, o du Manntiger, wird als dreifältiger gerühmt.

Das Opfern, Spenden, Bußetun gib nimmer auf, nein, führ es aus! 5

Denn das Opfer, Spend' und Buße, sie läutern den Verständigen.

Doch muß man diese Taten tun, nachdem man auf das Hängen dran 6

Und auf Erfolg verzichtet hat, -- den höchsten Standpunkt nenn' ich das.

Entsagung der notwend'gen Tat, die wäre übel angebracht; 7

Unterlassung bloß aus Torheit zählt man zur Art der Finsternis.

Wenn man aus Furcht vor Leibesmüh die Tat aufgibt, weil sie beschwert, 8

Das ist die Art der Leidenschaft -- solch ein Verzicht bringt keine Frucht.

Doch tut man die notwend'ge Tat, nur denkend: »So ist's meine Pflicht!« 9

Aufgebend Neigung und Erfolg -- solch ein Verzicht ist Guter Art.

Nicht haßt ein unerfreulich Werk, noch hängt an dem erfreulichen 10

Der Verständ'ge, der verzichtet, erfüllt von Güte, zweifelfrei.

Nicht möglich ists, im ird'schen Leib, aufzugeben jedwede Tat, 11

Doch wer die Frucht der Tat aufgibt, der heißet ein Verzichtender.

Erwünscht, gemischt und unerwünscht -- dreifält'ge Frucht der Tat erlangt 12

Der Nichtentsagende, im Tod -- doch niemals der Entsagende.

Vernimm nun, du Großarmiger, die fünf Prinzipien noch von mir, 13

Die die Sânkhya-Lehre[167] kündet, zur Vollendung jedweden Tuns:

Ein Standort und ein Handelnder[168] und Organe verschiedner Art, 14

Mancherlei besondres Streben, das Schicksal als das fünfte noch.

Welches Werk mit Körper, Rede und Gedanken der Mensch beginnt, 15

Sei es nun richtig, sei's verkehrt, die fünf Prinzipien sind dabei.

Wer darum also sich allein für den Täter der Taten hält, 16

Infolge seiner Unbildung, der sieht nicht recht und ist ein Tor.

Wer kein selbstsücht'ges Wesen hat, wessen Geist nicht beflecket wird, 17

Ob alle Welt er tötet auch, tötet doch nicht, wird nicht verstrickt[169].

Wissen, Wissenswürd'ges, Wisser -- dreifach der Antrieb ist zur Tat; 18

Werkzeug, Handelnder und Handlung, -- dreifach der Inbegriff der Tat.

Wissen, Tat sowie auch Täter sind dreifach nach der Qualität; 19

Die Qualitätenlehre zeigt's; nun höre, wie sich das verhält:

Wodurch in allen Wesen man das eine, ew'ge Sein erblickt, 20

Ungeteilt in den geteilten -- solch Wissen ist von guter Art.

Doch wenn in allen Wesen man verschiedne Wesenheiten sieht, 21

Ganz für sich und streng gesondert -- so sieht die Leidenschaft es an.

Doch hängt das Denken ohne Grund an einem Ding, als wär's das All, 22

Der Wahrheit nicht gemäß, beschränkt -- das ist die Art der Finsternis.

Die pflichtgemäße Tat, die frei von Weltlust, Leidenschaft und Haß 23

Getan ist ohne Rücksicht auf Erfolg -- die ist von guter Art.

Doch wenn, getrieben von Begier, von Ichbewußtsein ganz erfüllt, 24

Hart sich mühend die Tat man tut -- das ist die Art der Leidenschaft.

Wenn, ohne Rücksicht auf die Kraft, auf Folgen, Schädigung, Verlust, 25

Blindlings die Tat begonnen wird -- das ist die Art der Finsternis.

Frei von Weltlust, nicht sich prahlend, voll Festigkeit und Energie, 26

Gleich bei Erfolg und Mißerfolg -- solch einen Täter nennt man gut.

Wer Erfolg begehrt, habsüchtig, Andre verletzend, unrein ist, 27

Bald froh, bald traurig -- der gehört dem Reich der Leidenschaften an.

Wer fahrlässig, gemein und frech, heimtückisch, hinterlistig, faul, 28

Feig, saumselig -- solch ein Täter gehört zum Reich der Finsternis.

Auch den dreifachen Unterschied des Verstands und der Festigkeit, 29

Vernimm, je nach der Qualität, ganz klar gelegt, jedes für sich.

Der, was zu tun, zu lassen ist, Gefahr sowie auch Sicherheit, 30

Verstrickung wie Befreiung recht erkennet, _der_ Verstand ist gut.

Der das Recht sowie das Unrecht, was zu tun und zu lassen ist, 31

Nicht recht erkennt, solcher Verstand gehört zum Reich der Leidenschaft.

Wenn er das Unrecht hält für Recht, die Dinge ganz verkehrt ansieht, 32

Ganz umnachtet, solcher Verstand gehört zum Reich der Finsternis.

Die Festigkeit, mit welcher man Herz und Sinne und Lebenskraft 33

In Andacht unverrückt festhält, das nenn' ich gute Festigkeit.

Die Festigkeit, mit welcher man, was recht, nützlich und angenehm, 34

Liebend, fruchtbegehrend, festhält, gehört zum Reich der Leidenschaft.

Die Festigkeit, mit der ein Tor Schlaf, Furcht, Trauer, Kleinmütigkeit 35

Und Übermut nicht fahren läßt, gehört zum Reich der Finsternis.

Nun höre vom dreifachen Glück durch mich, du bester Bhârata! 36

Wo man ruht nach ernster Arbeit und an der Mühsal End' gelangt,

Glück, das am Anfang Gift erscheint, am End' dem Nektar ähnlich ist, 37

Ein solches Glück ist wahrhaft gut, durch Geistesheiterkeit erzeugt.

Ein Glück, das anfangs nektargleich, am Ende doch als Gift sich zeigt, 38

Die Sinne fesselnd an die Welt, gehört zum Reich der Leidenschaft.

Glück, das gleich und in der Folge die Seele mit Verblendung schlägt, 39

In Schlaf, Faulheit, Nachlässigkeit -- solch Glück gehört zur Finsternis.

Nicht auf Erden, noch im Himmel, unter den Göttern etwa gibt's 40

Ein Sein, das von der Qualität, der natürlichen, völlig frei.

Was Priester, Adlige und Volk, auch was die Çûdras[170] tun, mein Freund, 41

Die Taten alle sind verteilt nach Qualitäten ihrer Art.

Ruhe, Selbstbeherrschung, Buße, Reinheit, Geduld und Redlichkeit, 42

Rechtes Wissen und Gläubigkeit ist Priesters Pflicht, nach SEINER Art.

Heldenmut, Kraft und Festigkeit, Geschick im Kampf, Furchtlosigkeit, 43

Spenden und rechtes Herrentum ist Adels Pflicht, nach seiner Art.

Viehzucht, Ackerbau und Handel ist Volkes Pflicht nach seiner Art, 44

Im Dienen bloß besteht die Pflicht für den Çûdra, nach seiner Art.

Wer Freude hat an seiner Pflicht, der Mann erlangt Vollkommenheit; 45

Wie man, seines Tuns sich freuend, Vollendung findet, höre das!

DEN, von dem die Wesen stammen, von dem das All geschaffen ist, 46

DEN durch seine Taten ehrend, erlangt Vollendung hier der Mensch.

Wie sie auch sei, die eigne Pflicht ist besser stets als fremde Pflicht; 47

Bleibt man treu dem eignen Wesen, dann bleibt man frei von aller Schuld.

Tat, die mit dir geboren ist[171], wenn sie auch sündig, gib nicht auf! 48

Von Sünde ist doch alles Tun wie das Feuer vom Rauch umhüllt[172].

Wer mit dem Geist an nichts mehr hängt, sich selbst besiegt und nichts begehrt, 49

Zur Vollendung der Tatfreiheit[173] kommt er durch der Entsagung Kraft.

Wie er nach der Vollendung auch das Brahman noch erreicht, hör an! 50

In Kürze will ich's künden dir, es ist des Wissens höchster Stand.

Mit gereinigtem Geist versehn, sich bezähmend mit Festigkeit, 51

Verzichtend' auf die Sinnenwelt, Neigung und Haß abwerfend ganz;

Einsam lebend, wenig essend, bezähmend Worte, Leib und Geist, 52

Ganz Andacht und Kontemplation, der Entsagung ergeben ganz;

Selbstbewußtsein, Gewaltsamkeit, Stolz, Zorn, Begierde und Besitz 53

Aufgebend, selbstlos, friedevoll -- so wird er reif zum Brahman-Sein.

Brahman-geworden, heitern Geists, trauert er nicht und wünschet nicht, 54

Gegen alle Geschöpfe gleich, faßt höchste Liebe er zu mir.

Durch die Liebe erkennt er mich in Wahrheit, wer und wie ich bin; 55

Hat er in Wahrheit mich erkannt, kommt er zu mir ohn' Aufenthalt.

Auch wenn er alle Taten stets ausführt, -- auf mich vertrauend ganz, 56

Erlangt durch meine Gnade er eine ewige feste Statt.

Im Geiste alles Tun auf mich hinwerfend, mir ergeben ganz, 57

Auf des Geistes Andacht bauend, denke beständig nur an mich.

Mein denkend, die Gefahren all durch meine Gnade du besiegst; 58

Doch wenn du, allzu selbstbewußt, mein Wort nicht hörst, gehst du zugrund.

Wenn du in deinem Eigensinn etwa »ich will nicht kämpfen!« denkst, 59

Vergeblich ist dann dein Entschluß -- es wird dich treiben die Natur.

Gefesselt durch die eigne Pflicht, wie sie aus deiner Art entspringt, 60

Wirst, was du töricht nicht gewollt, du wider Willen dennoch tun.

Im Herzen aller Wesen drin wohnet der Herr, o Arjuna! 61

Er bewegt wie im Puppenspiel die Wesen alle wunderbar.

Bei ihm such' deine Zuflucht du mit ganzer Seele, Bhârata! 62

Durch seine Gnad' erlangst du dann höchsten Frieden und ew'gen Stand.

Ein Wissen hab' ich dir vertraut, das noch geheimer als geheim; 63

Nachdem du's ganz erwogen hast, verfahre weiter, wie du willst.

Doch das Allergeheimste noch vernimm von mir, das höchste Wort, 64

Du bist mir teuer, überaus, darum verkünd' ich dir das Heil.

Mein gedenkend, mich verehrend, mir opfernd, beuge dich vor mir! 65

Zu mir dann kommst du! Wahrheit ist's, was ich versprech' -- du bist mir lieb.

Alle Satzungen aufgebend, such' mich allein als Zufluchtsort! 66

Von allen Sünden werd' ich dann dich erlösen -- sei unbesorgt!

Doch künde niemals dieses Wort dem, welcher keine Buße tut, 67

Der mich nicht ehrt, auf mich nicht hört, wider mich murret fort und fort.

Wer dies geheimnisvolle Wort meinen Verehrern weitergibt, 68

Höchste Verehrung zollend mir, der kommt zu mir ganz zweifellos.

Ja, keiner von den Menschen all tut Liebres mir, als solch ein Mann! 69

Kein andrer wird auf Erden mir drum lieber sein als eben der.

Und wer dies heilige Gespräch zwischen uns beiden sich einprägt, 70

Mit des Wissens Opfer ehret mich ein Solcher -- so denke ich!

Der Mann auch, welcher glaubensvoll dies hört und nicht dawider murrt, 71

Auch der wird als Erlöster wohl die reine Welt der Frommen schaun.

Hast du's gehört, o Prithâ-Sohn, mit ganz davon ergriffnem Sinn? 72

Und ist dir der Unwissenheit Betörung nun dadurch zerstört?

ARJUNA SPRACH

Die Torheit ist durch dich zerstört, Erinnrung ist mir aufgewacht, 73

Ich stehe fest, der Zweifel schwand, -- ich werde tun nach deinem Wort.

SANJAYA SPRACH

So hab' ich dies Gespräch gehört, das wunderbar' entzückende, 74

Zwischen Krishna Vâsudeva und dem hochherz'gen Prithâ-Sohn.

Durch Vyâsas Gnade hörte ich dieses geheime, höchste Wort, 75

Von Krishna, der leibhaftig dort von Andacht sprach, der Andachtsherr.

Immer wieder mich erinnernd an dies Gespräch, so wunderbar, 76

Das heil'ge, das ich dort gehört, freu' ich mich immer, fort und fort.

Immer wieder mich erinnernd, der wunderbaren Gottgestalt,

Erfaßt gewalt'ges Staunen mich, und ich freue mich fort und fort.

Wo Krishna weilt, der Andachtsherr, und der Schütze, der Prithâ-Sohn, 77

Da ist Glück, Sieg und Gedeihen, so glaub' ich, unerschütterlich!

ANHANG

LITERATUR ZUM STUDIUM DER BHAGAVADGITA

Textausgaben; kritische Beiträge; Übersetzungen

Die beste Ausgabe des Sanskrittextes der Bhagavadgîtâ ist bis auf den

heutigen Tag die von A. W. V. SCHLEGEL geblieben, deren wir bereits oben

gedacht haben. Die erste Auflage derselben, nebst der klassischen

Übersetzung Schlegels ins Lateinische, erschien im Jahre 1823 in Bonn unter

dem Titel: BHAGAVAD-GITA, id est $thespesion melos$ sive almi Krishnae et

Arjunae colloquium de rebus divinis, Bharateae episodium, textum recensuit,

adnotationes criticas et interpretationem Latinam adjecit AUGUSTUS

GUILELMUS A SCHLEGEL, in Academia Borussia Rhenana typis Regiis MDCCCXXIII,

prostat apud Eduardum Weber, Bibliopolam. -- Die zweite Auflage ist sodann

cura CHRISTIANI LASSENI, Bonn 1846 erschienen: noch wertvoller durch

Lassens kritische Beiträge und bequemer benutzbar, weil hier die

lateinische Übersetzung unter dem Text gegeben ist. -- Eine Ausgabe der

Bhagavadgîtâ mit französischer Übersetzung veranstaltete der ausgezeichnete

französische Orientalist EUGÈNE BURNOUF, unter dem Titel: BHAGADVAD-GITA,

le divin chant de bienheureux. Texte sancrit (en caract. latin.) et

traduction française par E. BURNOUF, Nancy 1861. -- Eine andere schon

früher der Engländer J. C. THOMSON, unter dem Titel: BHAGAVAD-GITA, new

edition of the Sanskrit text by J. C. THOMSON, Hertford 1855.

In Indien sind, nach der im Jahre 1808 in Calcutta gedruckten, noch eine

ganze Reihe von Ausgaben der Bhagavadgîtâ erschienen, deren Aufzählung aber

kaum nötig sein dürfte, da sie kritisch meist ohne Bedeutung sind.

Dagegen hat zur Kritik des Textes einen wichtigen Beitrag der große

Indologe OTTO BÖHTLINGK geliefert, in den Berichten der phil. histor.

Klasse der Königl. Sächs. Gesellschaft der Wissenschaften, Sitzung vom

6. Febr. 1897, unter dem Titel: BEMERKUNGEN ZUR BHAGAVADGITA.

Für das Verständnis des Inhaltes bildete lange Zeit, neben WILHELM VON

HUMBOLDTs schon erwähnter Abhandlung »Über die unter dem Namen

Bhagavad-Gîtâ bekannte Episode des Mahâbhârata« (Berlin 1825, 1826) die

seiner Ausgabe beigefügte lateinische Übersetzung von A. W. VON SCHLEGEL

die klassische Grundlage, welche jetzt aber natürlich in mancher Beziehung

veraltet ist. Im Grunde genommen wurde sie erst 80 Jahre später durch die

deutschen Übersetzungen von R. GARBE und P. DEUSSEN in den Schatten

gestellt, während über die englische Übersetzung von KASHINATH TRIMBAK

TELANG (1882, in den Sacred Books of the East erschienen) BÖHTLINGK

a. a. O. p. 2 folgendermaßen urteilte: »Der gelehrte Inder hat bisweilen

von Schlegel zurückgestellten Lesarten den Vorzug gegeben und damit einen

besseren Sinn gewonnen; in andern Fällen hat er auch die allgemein

überlieferten Lesarten richtiger als Schlegel aufgefaßt; er hätte aber auch

gar vieles von diesem lernen können.«

Die zuerst erschienenen deutschen Übersetzungen waren größtenteils nicht

von erheblicher Bedeutung.

Bruchstückweise war die BHAGAVADGITA ins Deutsche übersetzt schon in

FRIEDRICH SCHLEGELs bahnbrechendem Buche Ȇber die Sprache und Weisheit der

Inder« (1808) und dann namentlich von WILHELM VON HUMBOLDT in seiner

bereits erwähnten klassischen Abhandlung.

Eine vollständige deutsche, doch noch ganz unzulängliche Übersetzung bot

C. R. S. PEIPER, Leipzig 1834; dann J. LORINSER eine solche mit reichlichen

Anmerkungen, in denen er sich vergeblich bemühte, die Abhängigkeit der

Bhagavadgîtâ von christlichen Lehren zu erweisen. Der Titel lautet:

Bhagavad-Gita, übersetzt und erläutert von J. LORINSER, Breslau 1869[174].

Bald folgte auch ROBERT BOXBERGER mit seiner recht angenehm lesbaren,

stellenweise wirklich schönen Übersetzung in gereimten Versen, unter dem

Titel: Bhagavad-Gîtâ oder Das Lied von der Gottheit, aus dem Indischen

übersetzt, Berlin 1870. Ferner der Theosoph Dr. FRANZ HARTMANN 1892 mit

einer Übersetzung, die ohne die erforderliche Sprachkenntnis, von einem

ganz verstiegenen Standpunkt aus verfaßt, doch von Wärme und Begeisterung

für den Gegenstand erfüllt ist (vgl. über dieselbe Böhtlingk a. a. O. p. 1,

2).

Wissenschaftlich auf der Höhe stehen heute nur die beiden schon früher

erwähnten deutschen Übersetzungen von RICHARD GARBE (1905) und PAUL DEUSSEN

(1906 und 1911); beide in Prosa, die Garbesche mehr nüchtern-kritisch,

diejenige von Deussen wärmer und schwungvoller gehalten (die genauen Titel

siehe Einl. p. IX und XI). Beide sollen durch meine poetische, im Versmaß

des Originals gegebene Übersetzung ergänzt werden.

Ins Englische übersetzt wurde die Bhagavadgîtâ: nach WILKINS (1785) noch

von GARDENER (Bangalore 1848); von J. C. THOMSON (Hertford 1855); von

KASHINATH TRIMBAK TELANG (Bombay 1875: Bhagavadgîtâ, translated into

English Blank Verse cet.); von demselben im 8. Bande der Sacred Books of

the East (Bhagavad-Gita, with the Sanatsujâtîya and the Anugîtâ, transl. by

K. Tr. Telang, Oxford 1882); desgl. von J. DAVIES (Bhagavad-Gita,

translated with notes by J. Davies, London 1882).

Ins Französische: von LANGUINAIS (Paris 1832); von E. BURNOUF (Nancy 1861).

Ins Neugriechische: von DEMETRIOS GALANOS (1848).

Ins Polnische: von STANISLAW FRANCISZEK MICHALSKY (Krakau 1910).

NB.: Eine umfassende Zusammenstellung der sehr umfangreichen, auf die

Bhagavadgîtâ bezüglichen Literatur, von welcher ich hier nur das Wichtigste

habe anführen können, bot seinerzeit Dr. ADOLF HOLTZMANN (der Neffe) in

seinem sehr fleißigen, doch vielfach angefochtenem Werke: DAS MAHABHARATA

UND SEINE TEILE, Kiel 1892-95 (4 Bände); und zwar im 2. Bande »DIE NEUNZEHN

BÜCHER DES MAHABHARATA« (1893), p. 120-153. Gegenwärtig naturgemäß auch

schon veraltet und nicht mehr vollständig, da inzwischen wichtige neue

Arbeiten erschienen sind.

RELIGIÖSE STIMMEN DER VÖLKER

HERAUSGEGEBEN VON PROFESSOR DR. W. OTTO

ANLAGEPLAN

1. DIE RELIGION DES ALTEN INDIEN

I. Aus Brahmanas und Upanisaden. Herausgegeben von Professor A.

Hillebrandt. br. M 25.--, Leinen M 36,--

II. Bhagavadgita / Des Erhabenen Sang. Übertragen und eingel. von Prof.

Leop. von Schroeder. 14. Tausend.

III. Texte zur indischen Gottesmystik. Aus dem Sanskrit übertragen von

Rudolf Otto. 2 Bände

a) Vischnu Narayana. (Neuauflage in Vorbereitung)

b) Siddhanta des Ramanuja. br. M 15.--, geb. M 24.--

IV. Reden Buddhas in Auswahl

2. DIE RELIGION DES ALTEN IRAN. Herausgegeben von Dr. H. Junker.

I. Awesta in Auswahl. Enthält eine Auswahl aus den sog. Verspredigten

Zarathusthras und den übrigen Teilen des Awesta

II. Mittelpersische Texte. Erstmalige Übersetzungen aus dem religiösen

Schrifttum des iranischen Mittelalters (III.-VII. Jahrhundert)

3. DIE RELIGION DER BABYLONIER UND ASSYRER. Herausgegeben von Professor A.

Ungnad. br. M 40.--, Leinen M 52.--

Der Band enthält umfangreichere Auszüge aus den mythisch-epischen Texten

(Schöpfungsgedicht, Gilgameschepos u. a.), eine Auswahl der wichtigsten

Psalmen und Zaubertexte, ferner Proben babylonischer Wahrsagekunst und

ritueller Vorschriften.

4. URKUNDEN ZUR RELIGION DES ALTEN ÄGYPTEN. Herausgegeben und eingeleitet

von Dr. A. Roeder. (z. Zt. vergriffen)

Inhalt: Götterhymnen / Die Osirisreligion / Der Volksglaube (Lieder,

Denksteine u. a.) / Die Atonreligion des Achnaton / Die Zaubersprüche / Die

großen Mythen / Das Dogma der Kirche / Die Totentexte.

5. DIE RELIGION DER ALTEN GRIECHEN. Herausgegeben von Professor Malter. 2

Bände

Die Texte sind entnommen: Homer, Hesiod, Pindar, den Tragikern und anderen

Dichtern, den Philosophen, sowie den Schriftstellern und Inschriften, die

über den Volksglauben, die Orphiker und die Mysterien Auskunft geben.

6. DIE RELIGION DES ISLAM. Herausgegeben und eingel. von Prof. J. Hell

Bhagavadgita — Des Erhabenen Sang Religiöse Stimmen der Völker: Die Religion des alten Indien II · 第 5 / 7 段