Die mannigfalt'gen, himmlischen, in Farb' und Form verschiedenen.
Schau die Adityas, die Vasus, die Rudras, Açvin, Marutas, 6
Viele, nie zuvor geschaute Wunder, schau sie, o Bhârata!
In Einem schau die ganze Welt, was sich bewegt und nicht bewegt, 7
In meinem Leibe sieh das hier, und was du sonst noch sehen magst.
Doch wirst du mich nicht können sehn mit diesem deinem eignen Aug', -- 8
Ein himmlisch Auge geb' ich dir, -- schau mein, des Herren, Wundermacht!
SANJAYA SPRACH
So sprach er und sodann, o Fürst, -- Hari[142], der große Wunderherr, 9
Offenbarte dem Prithâ-Sohn seine Gestalt als höchster Gott.
Mit manchem Munde, manchem Aug', manch wunderbarem Angesicht, 10
Versehn mit manchem Götterschmuck und Götterwaffen schwingend viel.
Götterkränz' und -Kleider tragend, an Himmelsduft und -Salben reich, 11
Ganz Wunder, strahlend, grenzenlos, das Antlitz allerwärts gewandt.
Wenn das Licht von tausend Sonnen am Himmel plötzlich bräch' hervor, 12
Zu gleicher Zeit, -- das wäre gleich dem Glanze dieses Herrlichen.
In Einem dort die ganze Welt vereint, doch mannigfach geteilt, 13
In des Gottes der Götter Leib erblickte sie der Pându-Sohn.
Da, von Erstaunen ganz erfüllt, am Leibe schauernd, neigte sich 14
Arjuna mit dem Haupt und sprach die Hände faltend zu dem Gott:
ARJUNA SPRACH
Die Götter schau' ich all in deinem Leibe, 15
O Gott, so auch die Scharen aller Wesen,
Brahman, den Herrn, auf seinem Lotussitze,
Die Rishis alle und die Himmelsschlangen.
Mit vielen Armen, Bäuchen, Mündern, Augen, 16
Seh ich dich, -- allerwärts endlos gestaltet;
Nicht Ende, Mitte, noch auch Anfang seh' ich
An dir, du Herr des Alls, du allgestalt'ger!
Mit Diadem, mit Keule und mit Diskus, 17
Ein Berg von Glanz, nach allen Seiten strahlend,
So seh' ich dich, ringsum schwer anzuschauen,
Wie strahlend Feu'r und Sonnenglanz, unmeßbar.
Das Unvergängliche, höchst Wissenswürd'ge, 18
Der größte Schatz bist du des ganzen Weltalls,
Du bist des ew'gen Rechtes ew'ger Hüter,
Als ew'gen Urgeist hab' ich dich begriffen.
Ohn' Anfang, Mitte, End', unendlich kraftvoll, 19
Mit Armen ohne End', mond-sonnen-äugig,
Mit einem Mund wie strahlend Opferfeuer
Seh' ich mit eigner Glut dies All dich wärmen.
Was zwischen Erd' und Himmel ist, erfüllst du 20
Mit dir allein, und jede Himmelsgegend, --
Die Dreiwelt bebt, wenn deine wundersame
Schreckensgestalt sich ihren Blicken zeiget.
Sieh dort der Götter Scharen zu dir treten, 21
Furchtsam, die Hände faltend, sie dich preisen;
Heil! ruft die Schar der Seher und der Sel'gen, --
Sie preisen dich mit prächt'gen Lobgesängen.
Die Rudras, Adityas, Vasus und Sâdhyas[143], 22
Allgötter, Açvin, Marutas und Manen,
Gandharven, Yakshas, Asuras[144] und Sel'ge,
Sie alle schau'n empor zu dir voll Staunen.
Dein Riesenleib mit vielen Mündern, Augen, 23
Mit vielen Armen, vielen Schenkeln, Füßen,
Mit vielen Bäuchen, Rachen voller Zähnen, --
Es bebt die Welt, ihn schauend -- ich auch bebe.
Den Himmel rührend, strahlend, mannigfarbig, 24
Mit offnem Munde, großen Flammenaugen, --
Schau' ich dich so, dann zittert meine Seele,
Nicht find' ich Festigkeit und Ruh', o Vishnu.
Schau deine Rachen ich mit dräunden Zähnen, 25
Dem Feuer ähnlich bei der Zeiten Ende,
Dann weiß ich nichts und finde nirgends Zuflucht, --
Sei gnädig, Götterherr, du Weltenwohnstatt!
Und diese Söhne all des Dhritarâshtra, 26
Zusamt den Scharen königlicher Helden,
Bhîshma und Drona, samt des Lenkers Sohne[145],
Zusamt den Unsrigen, den besten Kämpfern;
Sie nahen eilend sich zu deinen Rachen, 27
Den schrecklichen, klaffend mit dräunden Zähnen;
Es stecken manche schon zwischen den Zähnen,
Man kann sie sehen mit zermalmten Köpfen!
Gleichwie der Ströme mächt'ge Wasserwogen 28
Zum Meere hin, ihm zugewendet, laufen,
So diese Helden aus der Welt der Menschen
Bewegen sich in deine Flammenrachen.
Wie Schmetterlinge in ein flammend Feuer 29
In voller Hast zum Untergange eilen,
So eilen auch zum Untergang die Menschen
In voller Hast hinein in deine Rachen.
Du leckst und züngelst rings umher, verschlingend 30
Die Menschen alle mit den Flammenrachen;
Die ganze Welt mit ihrem Glanz erfüllend
Glühn deine fürchterlichen Strahlen, Vishnu!
Sag mir, wer bist du, fürchterlichgestalt'ger? 31
Verehrung dir, du höchster Gott, sei gnädig!
Dich Uranfänglichen möcht' ich erkennen,
Denn nicht begreifen kann ich die Erscheinung.
DER ERHABENE SPRACH
Ich bin die Zeit, die alle Welt vernichtet, 32
Erschienen, um die Menschen fortzuraffen;
Auch ohne dich sind sie dem Tod verfallen,
Die Kämpfer all, die dort in Reihen stehen.
Darum erheb' dich! Ruhm sollst du erwerben! 33
Den Feind besiegend, freu' dich reicher Herrschaft!
Durch mich sind diese früher schon getötet,
Du sei nur Werkzeug, Kämpfer mit der Linken.
Den Drona, den Jayadratha, den Bhîshma, 34
Den Karna und die andern Kämpferhelden,
Die ich getötet, töte du! nicht zittre!
Kämpfe! du wirst im Streit die Gegner fällen.
SANJAYA SPRACH
Als dieses Wort des Krishna er vernommen, 35
Die Hände faltend, zitternd, ihn verehrend,
Sprach wieder also Arjuna zu Krishna,
Nur stammelnd, ganz in Furcht, vor ihm sich neigend:
ARJUNA SPRACH
Mit Recht erfreuet sich an deinem Ruhme 36
Die Welt und ist dir ehrfurchtsvoll ergeben;
Die Rakshas[146] fliehn entsetzt nach allen Seiten,
Der Sel'gen Scharen all vor dir sich neigen.
Und warum sollten sie sich dir nicht beugen, 37
Dem ersten Schöpfer, würd'ger selbst als Brahman?
Du Götterherr, Endloser, Weltenwohnstatt,
Du bist der Ew'ge, Höchste, Sein und Nichtsein!
Du bist der erste Gott, der alte Urgeist, 38
Du bist der höchste Schatz des ganzen Weltalls,
Wisser und Wissenswürdges, höchste Stätte,
Du hast das All gespannt, Endlosgestaltger.
Wind, Feuer, Yama, Varuna, der Mond auch, 39
Prajâpati bist du, und erster Ahnherr;
Verehrung dir, Verehrung tausend Male,
Und mehr noch, mehr, Verehrung dir, Verehrung!
Verehrung dir im Angesicht, im Rücken, 40
Von allen Seiten Ehre dir, du Alles!
Unendlich mannhaft, unermeßlich kraftvoll,
Vollendest du das All und bist selbst Alles.
Wenn ungestüm, für meinen Freund dich haltend, 41
Ich »Krishna«, »Yâdava«[147] und »Freund« dich nannte,
Unkundig deiner wunderbaren Größe,
Zu unbedachtsam oder zu vertraulich;
Und wenn im Scherz ich dich nicht richtig ehrte, 42
Im Wandeln, Ruhen, Sitzen oder Essen,
Ob du allein warst, ob vor allen diesen, --
Ich bitt' dich um Vergebung, Unermeßner!
Vater der Welt, die sich bewegt und fest ist, 43
Verehrungswürdig, mehr uns als ein Lehrer, --
Dir gleich ist niemand, -- wer dir überlegen?
In dieser Dreiwelt, unvergleichlich mächt'ger!
Mich beugend drum, den Körper niederwerfend, 44
Such' deine Gnade ich, du Herr der Ehren!
Wie seines Sohns ein Vater, Freund des Freundes,
Geliebter der Geliebten -- mußt du schonen.
Noch nie Geschautes freu' ich mich zu schauen, 45
Allein vor Furcht bebt mir das Herz und zittert,
Zeig' die Gestalt, o Gott mir, die ich kenne,
Sei gnädig, Götterherr, Wohnstatt der Welten!
Mit Diadem und Keule, mit dem Diskus 46
In deiner Hand, so wünsch' ich dich zu sehen;
Nimm wieder an die Form mit den vier Armen,
Du tausendarmiger, du allgestalt'ger!
DER ERHABENE SPRACH
Aus Gnaden hab' ich dir nun offenbaret 47
Mein höchstes Wesen hier, kraft meiner Allmacht, --
Strahlend, unendlich, ganz und uranfänglich, --
Kein Andrer hat vor dir sie je gesehen.
Nicht durch den Veda, Opfer, Studium, Spenden, 48
Zeremonien oder graus'ge Büßung
Kann mich in solcher Form ein Andrer schauen
Im Menschenvolk, du großer Held der Kurus!
Nicht soll dich Angst befangen und Verwirrung 49
Beim Anblick meiner schrecklichen Gestaltung,
Von Furcht befreit, fröhlichen Sinnes wieder
Sollst du mich schaun, so wie ich dir bekannt bin.
SANJAYA SPRACH
Als Krishna so zum Arjuna gesprochen, 50
Da zeigt' er sich in alter Art ihm wieder,
Und so beruhigte er den Erschreckten,
In freundlicher Gestalt, der hochgesinnte.
ARJUNA SPRACH
Da wieder deine menschliche Gestalt ich schau', die freundliche, 51
Kehrt die Besinnung mir zurück und wieder werd' ich, der ich war.
DER ERHABENE SPRACH
Die schwer zu schauende Gestalt, die du von mir gesehen hast, 52
Nach deren Anblick sehnen sich sogar die Götter immerfort.
Durch Veden nicht, durch Buße nicht, durch Spenden und durch Opfer nicht 53
Bin ich in dieser Form zu schaun, wie du mich jetzt gesehen hast.
Nur wer mich ganz allein verehrt, der kann mich schaun in solcher Form, 54
Kann mich erkennen ganz und gar und endlich eingehn auch in mir.
Wer handelt so, wie's mir gefällt, mich ehrt, mich liebt, die Welt verschmäht, 55
Und allen Wesen freundlich ist, der kommt zu mir, o Pându-Sohn!
ZWÖLFTER GESANG
ARJUNA SPRACH
Die so beständig andachtsvoll dich verehren, und die dem Kult 1
Des Unvergänglichen sich weihn[148] -- wer ist der Andacht besser kund?
DER ERHABENE SPRACH
Die ganz in mich versenkt nur mir andächtig stets Verehrung weihn, 2
Von höchstem Glauben ganz erfüllt, denen gebührt der Andacht Preis.
Doch die dem Unvergänglichen, Unsichtbaren Verehrung weihn, 3
Das üb'rall weilt, unvorstellbar, fest, unbeweglich, gipfelhoch;
Die, bänd'gend ihrer Sinne Schar, gleichgesinnt gegen Jedermann, 4
An aller Wesen Heil sich freun, -- auch die erlangen mich gewiß.
Mehr Mühsal aber haben sie, die sich dem Unsichtbaren weihn; 5
Von Körperwesen wird nur schwer das unsichtbare Ziel erreicht.
Die aber all ihr Tun auf mich hinwerfen, mir ergeben ganz, 6
In Andacht, die nur mir geweiht, mich verehren, in mich versenkt,
Denen werd' ich ein Retter sein aus dem Meere der Todeswelt, 7
In Kürze schon, o Prithâ-Sohn, wenn all ihr Denken mir gehört.
Drum richt' auf mich nur deinen Sinn und senk' in mich nur deinen Geist, 8
So wirst du wohnen auch in mir nach dieser Zeit unzweifelhaft.
Doch kannst dein Denken du in mich noch nicht versenken ganz und gar, 9
Dann suche zu erreichen mich durch Andacht, die du eifrig übst.
Bist du auch dazu noch zu schwach, dann weihe dich dem Tun für mich, -- 10
Wenn meinethalb du Werke tust, wird auch Vollendung dir zuteil.
Wenn du auch das nicht leisten kannst, auf die Andacht zu mir gestützt, 11
Verzicht' auf aller Taten Frucht, als Einer, der sich selbst bezähmt.
Mehr ist Erkenntnis als Bemühn, Versenkung noch viel höher steht, 12
Noch höh'r Verzicht auf Tatenfrucht, -- dann ist der Seelenfrieden da.
Wer keinem Wesen feindlich ist, freundlich gesinnt und mitleidsvoll, 13
Von Selbstsucht und von Dünkel frei, geduldig, gleich in Leid und Lust,
Zufrieden, immer andachtsvoll, sich zügelnd, dem Entschlusse treu, 14
Mit Sinn und Geist in mich versenkt, -- wer so mich ehrt, der ist mir lieb.
Vor dem die Welt nicht zittern muß, der auch nicht zittert vor der Welt, 15
Wer frei von Freude, Unmut, Furcht und Aufregung, der ist mir lieb.
Unbekümmert, rein und tüchtig, unparteiisch und unverzagt, 16
Alle Pläne fahren lassend, -- wer so mich ehrt, der ist mir lieb.
Wer nicht frohlocket und nicht haßt, um nichts trauert und nichts begehrt, 17
Wer Wohl und Übel fahren läßt und mich verehrt, der ist mir lieb.
Gleichmütig gegen Feind und Freund, gleichmütig gegen Ehr' und Schmach, 18
Kält' und Hitze, Glück und Unglück, befreit vom Hängen an der Welt;
Lob und Tadel gleich viel achtend, schweigsam, zufrieden immerdar, 19
Ohn' Haus und Heim, von festem Sinn, -- solch ein Verehrer ist mir lieb.
Und die dem Nektar meines Worts, dem heiligen, Verehrung weihn, 20
Glaubensvoll, mir ganz ergeben, mich liebend -- ja, die sind mir lieb!
DREIZEHNTER GESANG
DER ERHABENE SPRACH
Dieser Leib, o Sohn der Kuntî, er wird bezeichnet als das »Feld«, 1
Wer diesen kennt, den nennet man den »Feldkenner«[149] -- es ist der Geist!
Wisse, daß ich Feldkenner bin auf allen Feldern, Bhârata! 2
Vom »Feld« und von dem »Feldkenner« das Wissen ist des Namens wert[150].
Doch was das Feld und wie es ist, wie sich verändernd und woher, 3
Auch des Feldkenners Art und Macht vernimm in Kürze nun von mir.
In manchen Rhythmen sang es einst vielfältig manches Sängers Mund, 4
In klaren, wohlbegründeten Brahman-Büchern verkündet ist's.
Die Elemente und das Ich, der Verstand, das Unsichtbare, 5
Zehn Sinne und der inn're Sinn[151], auch die fünf Sinnesreiche noch;
Begehren, Hassen, Lust und Leid, Körper, Denken und Festigkeit, -- 6
Zusammen wird's das »Feld« genannt, in dem ein ew'ger Wechsel wohnt[152].
Bescheidenheit und Redlichkeit, das Nichtverletzen, die Geduld, 7
Reinheit, Ehrfurcht vor dem Lehrer, Beständigkeit, Selbstzügelung;
Entsagung von der Sinnenwelt, vor allem auch Selbstlosigkeit, 8
Ein recht Erwägen, wie Geburt, Tod, Alter, Krankheit Schmerz bewirkt;
Kein Hang zur Welt, noch Sichklammern an Söhne, Gattin, Haus und Hof, 9
Beständige Gleichmütigkeit bei jedem Schicksal, gut und bös;
Verehrung, die sich nicht verirrt, durch Andacht, die nur mir geweiht, 10
Das Wohnen in der Einsamkeit, an Gesellschaft sich nicht erfreun;
Stetes Erkennen höchsten Geist's, die Einsicht in des Wissens Zweck, 11
Das ist es, was man Wissen nennt, -- was anders ist, Nichtwissen heißt's.
Ich sag' dir, was man wissen muß, was die Unsterblichkeit verschafft, 12
Das anfangslose, höchste Brahm, nicht Sein noch Nichtsein wird's genannt.
Hände und Füße, Augen, Köpf' und Münder hat es überall, 13
Auch Ohren hat's in aller Welt, das All umfassend steht es da;
Strahlend durch aller Sinne Kraft, von allen Sinnen doch ganz frei, 14
Alltragend, qualitätenlos, und doch der Qualitäten froh;
In- und außerhalb der Wesen, sich bewegend und unbewegt, 15
Unerfaßbar ob der Feinheit, ganz fern und wiederum ganz nah;
Nicht zerteilet in den Wesen und wie zerteilt doch steht es da, 16
Als der Wesen Träger kenn' es, der sie verschlingt und wieder zeugt.
Das Licht der Lichter wird's genannt, das über aller Finsternis, 17
Wissen, wißbar, wissenswürdig, in Jedes Herzen steckt es drin.
So vom »Feld« und von dem Wissen und Wissenswürdgen sagt' ich dir[153], -- 18
Wer mich verehrt und dies erkennt, wird teilhaft meines Wesens sein.
Natur und Geist -- das wisse du -- ohne Anfang sie beide sind; 19
Doch Veränd'rung und Qualität entspringen beid' aus der Natur.
Bei allem, was das Tun betrifft, dafür ist die Natur Prinzip, 20
Beim Genießen von Lust und Leid wird der Geist das Prinzip genannt.
Der Geist, in die Natur gebannt, schmeckt, was sie schafft, die Qualität, 21
Sein Hängen an der Qualität ist Ursach steter Neugeburt.
Der Zeuge, der Gewährer auch, Träger, Genießer, großer Herr 22
Und höchstes Selbst[154] auch wird genannt in diesem Leib der höchste Geist[155].
Wer so den Geist und die Natur zusamt den Qualitäten kennt, 23
Wo und wie er sich auch bewegt, erleidet keine Neugeburt.
Durch Versenkung schauen Manche in sich und durch sich selbst das Selbst, 24
Andre schaun's durch Kraft des Denkens[156], durch Werkübung noch Andere;
Andre ehren es unwissend, da sie von Andern es gehört; 25
Auch sie besiegen so den Tod, der heil'gen Schrift ergeben ganz.
So oft ein Wesen auch entsteht, sei es beweglich oder fest, 26
Es _wird_ durch die Vereinigung des Felds und des Feldkundigen.
Wer in den Lebewesen all denselben höchsten Herrn erblickt, 27
Der nicht vergeht, wenn sie vergehn, -- wer das erkennt, hat recht erkannt.
Denn wer denselben Herrn erkennt als den, der Allen innewohnt, 28
Verletzt das Selbst nicht durch das Selbst und wandelt so die höchste Bahn[157].
Und wer die Taten allerwärts durch die NATUR nur sieht geschehn, 29
Das SELBST dabei als nichthandelnd erkennet, der hat recht erkannt.
Wenn er die Sonderexistenz der Wesen all in Einem schaut, 30
Und von Diesem aus entwickelt, dann wandelt er zum Brahman hin.
Dies ewige und höchste Selbst, ohn' Anfang, ohne Qualität, 31
Wenn es auch in dem Körper wohnt, doch handelt's nicht, wird nicht befleckt.
Der Äther ist allüberall[158], wird nicht befleckt, weil er zu fein, -- 32
So wird das Selbst auch nicht befleckt, auch wenn's in allen Körpern weilt.
Wie die Sonne die ganze Welt allein mit ihrem Licht erhellt, 33
So erleuchtet das ganze Feld der Herr des Felds, o Bhârata!
Die zwischen Feld und Feldkenner den Unterschied mit Wissensaug' 34
Erkennen, die Erlösung auch von der Natur, -- die gehn zu Gott.
VIERZEHNTER GESANG
DER ERHABENE SPRACH
Weiter will ich dir verkünden das höchste Wissen, das es gibt, 1
Welches kennend die Weisen all höchste Vollkommenheit erreicht.
Auf dieses Wissen fest gestützt sind Eins geworden sie mit mir, 2
Auch Weltschöpfung, Weltvernichtung bringt ihnen nicht Geburt und Schmerz.
Das große Brahman ist mein Schoß, in den ich leg' den Lebenskeim, 3
Das Werden aller Wesen hat dort seinen Ursprung, Bhârata.
In allen Mutterschößen, Freund, welche Gestalten auch entstehn, 4
Brahman ist deren Mutterschoß, den Samen geb' als Vater ich.
Güte, Leidenschaft, Finsternis[159], die Qualitäten der Natur, 5
Sie fesseln in dem Leibe hier den Geist, den unvergänglichen.
Güte ist strahlend, leidenlos, weil sie von allen Flecken frei, 6
Sie fesselt durch das Hängen an dem Glück und an dem Wissen dich.
Die Leidenschaft ist voll Begehr, erzeugt das Hängen an dem Durst[160], 7
Sie fesselt deine Seele hier durch Hängen an der Tatenlust.
Finsternis aus Nichtwissen stammt und alle Sterblichen betört, 8
Sie fesselt durch Nachlässigkeit, Faulheit und Schlaf, o Bhârata.
Güte läßt hängen an dem Glück, Leidenschaft an der Tatenlust, 9
Finsternis an Nachlässigkeit, nachdem das Wissen sie umhüllt.
Zwingst Leidenschaft und Dunkel du, dann tritt die Güte siegreich vor, 10
Wenn Leidenschaft und Güte-Dunkel; wenn Güt' und Dunkel-Leidenschaft.
Wenn in des Leibes Pforten all des Wissens helles Licht erscheint, 11
Dann wisse wohl, dann wuchs in ihm die Qualität der Güte groß.
Habsucht, Streben, Unternehmen von Taten, Unruh und Begier, 12
Diese entstehn, o Bhârata, wenn Leidenschaft erwachsen ist.
Ein finstres Wesen, Nichtstreben, Nachlässigkeit, Betörung auch, 13
Diese entstehn, o Kuru-Sohn, wenn Finsternis erwachsen ist.
Ward Güte in dem Menschen groß, dann nach dem Tod erreichet er 14
Jene fleckenlosen Welten der höchsten Wissens Kundigen.
Stirbt er in Leidenschaft, dann kommt er unter Tät'gen neu zur Welt, 15
Stirbt er im Dunkel, wird er neu geboren aus betörtem Schoß.
Die Frucht der recht getanen Tat ist guten Wesens, fleckenlos, 16
Die Frucht der Leidenschaft ist Leid, -- Nichtwissen ist des Dunkels Frucht.
Aus der Güte entsteht Wissen, aus der Leidenschaft die Begier, 17
Nachlässigkeit, betörter Sinn, Nichtwissen aus dem Dunkel stammt.
Hinauf gehn, die an Güte reich, -- Leidenschaft in der Mitte bleibt; 18
Hinunter geht der Finsterling von der niedersten Qualität.
Wenn keinen Täter du mehr kennst als nur der Qualitäten Schar, 19
Auch weißt, was über diesen steht, -- dann gehst du in mein Wesen ein.
Wenn der Mensch die leibzeugenden drei Qualitäten hat besiegt, 20
Frei von Geburt, Tod, Alter, Schmerz erlangt er die Unsterblichkeit.
ARJUNA SPRACH
An welchen Zeichen wird, o Herr, solch ein siegreicher Mensch erkannt? 21
Wie ist sein Wandel? wie gelangt er über alle drei hinaus?
DER ERHABENE SPRACH
Wenn er das Licht, das Streben auch und die Betörung, Pându-Sohn, 22
Nicht haßt, wenn sie geworden sind, nicht wünscht, wenn sie geschwunden sind;
Wenn von den Qualitäten er, gleichmütig ganz, nicht wird bewegt, 23
»Die Qualitäten wirken!« denkt und stille steht, sich gar nicht rührt;
Gleich achtend Glück und Ungemach, gleich achtend Erdkloß, Stein und Gold, 24
Was lieb und unlieb, -- festen Sinns, gleich achtend Tadel wie auch Lob;
In Ehren wie in Schanden gleich, zu Freunden und zu Feinden gleich; 25
Aufgebend all und jeden Plan, der ward der Qualitäten Herr.
Und wer mich fest und unverrückt in liebevoller Andacht ehrt, 26
Besiegt der Qualitäten Reich und wird für Brahmans Wesen reif.
Ich bin des Brahman Fundament, des unsterblichen, ewigen, 27
Des ewigen Gesetzes auch, des Glückes, das alleinzig ist.
FÜNFZEHNTER GESANG
DER ERHABENE SPRACH
Wurzelaufwärts, zweigeabwärts, so steht der ew'ge Feigenbaum, 1
Dessen Blätter Veda-Lieder; den Veda kennt, wer diesen kennt.
Abwärts und aufwärts gehen dessen Zweige, 2
Qualitäterwachsen, Sinnendinge sprossend;
Nach unten auch die Wurzeln sich verbreiten,
Die durch der Taten Band die Menschen fesseln.
Seine Gestalt erfaßt man nicht auf Erden, 3
Nicht End' noch Anfang, noch des Baumes Dauer;
Wenn dieser Baum mit seinen mächt'gen Wurzeln
Durch der Entsagung hartes Schwert gefällt ist,
Dann muß man suchen jene höchste Stätte, 4
Von der die Wandrer nimmer wiederkehren,
Denkend: Ich geh' zu jenem ersten Urgeist,
Von dem seit Alters alles Werden ausgeht.
Von Stolz und Torheit frei, Welthangbesieger, 5
Im höchsten Selbst nur lebend, ohn' Begehren,
Befreit von Lust und Leid der Gegensätze,
Geht unbeirrt man so zur ew'gen Stätte.
Den Ort erhellt die Sonne nicht, der Mond nicht und das Feuer nicht; 6
Von wo man nimmer wiederkehrt, ja, meine höchste Wohnstatt ist's.
Ein Teil von mir in dieser Welt als Einzelseele lang schon lebt, 7
Die Sinne samt dem innern Sinn zieht er an sich aus der Natur.
Wenn er als Herr den Leib erlangt und wenn er wieder tritt hinaus, 8
Die Sinne fassend geht er hin, gleichwie der Wind die Düfte faßt.
Gehör, Gesicht, Gefühl, Geschmack, Geruch, sowie den innern Sinn, 9
Als Herr bemeisternd steht er da und genießet die Sinnenwelt.
Ob er hinaus geht oder bleibt und genießt, qualitätbegabt, 10
Törichte Menschen sehn ihn nicht, des Wissens Aug' nur läßt ihn schaun.
Andächt'ge, die sich drum bemühn, die schaun ihn in dem eignen Selbst, 11
Doch Toren, Unbereitete, ob sie sich mühn auch, sehn ihn nicht.
Der Glanz, der in der Sonne ist und diese ganze Welt erhellt, 12
Der in dem Mond, im Feuer ist, das, wisse, ist mein eigner Glanz.
Eindringend in die Erde trag' die Wesen ich mit meiner Kraft, 13
Die Pflanzen all laß ich gedeihn als Soma, der im Saft besteht.
Zum Feuer werdend dring' ich ein in der belebten Wesen Leib, 14
Mit Hauch und Aushauch fest vereint koch' ich vierfache Speise dort[161].
In eines Jeden Herz bin ich gedrungen, 15
Erinnrung, Wissen und Bestreiten wirk' ich,
Durch alle Veden bin ich zu erkennen,
Bin Vedenkenner, schaffe den Vedânta[162].
Zwei Arten Geist gibt's in der Welt, -- einer vergeht, der andre nicht; 16
Der erste sind die Wesen all, den andern nennt man »Gipfelhoch«.
Der höchste Geist ein andrer ist, er wird das höchste Selbst genannt, 17
Er dringet in die Dreiwelt ein und trägt sie als der ew'ge Herr.
Weit mehr als der vergängliche, mehr als der unvergängliche 18
Bin ich -- drum heiß' ich in der Welt und in der Schrift der höchste Geist.
Wer von Betörung frei mich so erkennet als den höchsten Geist, 19
Der weiß Alles und ehret mich von ganzem Herzen, Bhârata!
Geheimnisvollste Wissenschaft ist so von mir verkündet dir; 20
Wer sie erfaßt, ist weisheitsvoll und hat, fürwahr, das Ziel erreicht.
SECHZEHNTER GESANG
DER ERHABENE SPRACH