Wer, nicht auf Tatenfrucht bedacht, die pflichtgemäße Tat vollbringt, 1

Ist entsagungs- und andachtsreich[99], nicht wer feuer- und tatenlos[100].

Was man Entsagung nennt, das ist Andacht -- wisse, o Pându-Sohn! 2

Denn wer den Wünschen nicht entsagt, der kann auch nicht andächtig sein.

Der Weise, der nach Andacht strebt, dem ist die Tat sein Element, 3

Doch wer die Andacht hat erreicht, deß Element ist Seelenruh.

Wer an sinnlichen Dingen nicht, noch an den Taten irgend hängt, 4

Und allen Wünschen hat entsagt, der hat die Andacht, heißt's, erreicht.

Man bring' sein Selbst durch's Selbst empor, nicht bring' herunter man das Selbst! 5

Das Selbst ist ja sein eigner Freund, das Selbst ist auch sein eigner Feind.

Dem ist das Selbst sein eigner Freund, der durch das Selbst das Selbst besiegt; 6

Doch kämpft es mit der Außenwelt, dann wird das Selbst sich selbst zum Feind.

Wer sich bezwang und ruhig ward, in dem wohnt still der höchste Geist, 7

In Kält' und Hitze, Lust und Leid, in Ehren und in Schanden auch.

In der Erkenntnis voll beglückt, gipfelhoch stehend, sinnbezähmt, 8

Andächtig heißt der Yogin dann, wenn Erdkloß, Stein und Gold ihm gleich.

Wer gegen Freund und Widerpart, Gleichgült'ge, Feind' und Sippen auch, 9

Gegen Gute wie Böse auch gleichgesinnt ist, der ragt empor.

Der Yogin soll beständig sich abmühen in der Einsamkeit, 10

Allein, bezähmend Sinn und Selbst, nichts hoffend, des Besitzes bar.

An reinem Ort sich hinstellend einen sicher stehenden Sitz, 11

Nicht allzu hoch, zu niedrig nicht, darauf ein Kleid, Fell, Kuça-Gras;

Den Geist auf EINEN Punkt richtend, zügelnd Denken, Sinne und Tun, 12

Sich setzend auf den Sitz üb' er Andacht, zur Rein'gung seiner selbst.

Gleichmäßig Körper, Nacken, Haupt unbewegt haltend, bleib' er fest, 13

Schauend auf seine Nasenspitz' -- nicht blick' er hier- und dorthin aus.

Ruhigen Selbstes, frei von Furcht, der Keuschheitsregel untertan, 14

Den Sinn zügelnd, an mich denkend, andächtig sitz' er, mir geweiht.

Sein Selbst beständig rüstend so, andächtig, mit bezähmtem Geist, 15

Geht er zu meinem Frieden ein, deß höchstes Ziel Nirvâna ist.

Wer zuviel ißt, kennt Andacht nicht, noch der, der ganz und gar nicht ißt; 16

Nicht wer zu sehr verschlafen ist, noch wer stets wacht, o Arjuna.

Wer mäßig ißt und sich erholt, mäßig wirket in Handlungen, 17

Mäßig im Schlaf und Wachen ist, hat Andacht, die den Schmerz zerstört.

Bei wem das Denken ganz bezähmt stille verharret in dem Selbst, 18

Wenn von Begierden er ganz frei, dann wird er andächtig genannt.

Wie die Lampe, vom Wind geschützt, nimmer flackert, -- dies Gleichnis gilt 19

Vom Yogin, der sein Denken zähmt und Andacht übet an dem Selbst.

Wo das Denken zur Ruhe kommt, durch Andachtsübung eingedämmt, 20

Und wo man, mit dem Selbst das Selbst schauend, sich an dem Selbst erfreut;

Wo man das grenzenlose Glück, dem Geist faßbar, den Sinnen nicht, 21

Kennend und fest darin stehend sich von der Wahrheit nicht bewegt;

Und hat man DEN Gewinn erlangt, ihn über jeden andern schätzt[101], 22

In dem verharrend man vom Schmerz, auch schwerem, nicht mehr wird bewegt;

Solche Lösung vom Schmerzverein, wisse, die wird ANDACHT genannt; 23

Die Andacht üb' entschlossen man, und werde ihrer nimmer satt.

Begierden, die der Wunsch erzeugt, aufgebend all ohn' Unterschied, 24

Die Schar der Sinne mit Vernunft im Zaume haltend allerwärts;

Werd' langsam, langsam ruhig man, und mit standhaft gewordnem Geist, 25

Versenke man sich in das Selbst und denke an nichts Andres mehr.

Wo immer nur ausbrechen will der schwankende, unstäte Sinn, 26

Da soll man bänd'gen ihn in sich und zum Gehorsam bringen ihn.

Denn den Andächt'gen, dessen Sinn beruhigt ist, wird höchstes Glück 27

Erfüllen, -- leidenschaftgestillt, Brahman-geworden, ist er rein.

Sein Selbst beständig übend so, wird der Andächt'ge, sündenfrei, 28

Erlangen unbegrenztes Glück, wo er mit Brahman sich berührt.

Sich selbst in allen Wesen sieht und alle Wesen auch in sich, 29

Wer so sein Selbst in Andacht übt und Alles schaut gleichmütig an.

Wer mich allüberall erblickt und Alles auch in mir erblickt, 30

Dem kann niemals entschwinden ich, und er entschwindet niemals mir.

Wer mich in allen Wesen ehrt, der Einheitslehre huldigend, 31

Der, wie er immer sich bewegt, bewegt sich andachtsvoll in mir.

Wer nach Analogie des Selbst allüberall das Gleiche sieht, 32

Ob es nun Lust sei oder Leid, steht in der Andacht obenan.

ARJUNA SPRACH

Die Andacht, welche so von dir samt dem Gleichmut verkündet ist, 33

Sie hat -- ich seh' es -- nicht Bestand, denn schwankend ist einmal der Mensch.

Es schwankt der innre Sinn, Krishna, ist ungestüm, gewaltsam, hart; 34

Zu zügeln ihn acht' ich so schwer als wie des Windes Zügelung.

DER ERHABENE SPRACH

Gewiß, Großarmiger, der Sinn ist schwer zu zügeln, schwankend auch, 35

Doch, Kuntî-Sohn, durch Anstrengung und Entsagung zwinget man ihn.

Wer sich nicht zähmt, der kann nur schwer Andacht erreichen -- denk' ich mir -- 36

Wer sich bezwang und wer sich müht, kann solcherart erreichen sie.

ARJUNA SPRACH

Wer sich nicht zähmt, doch gläubig ist, -- bei der Andacht, schwankenden Sinns, 37

Andachtsvollendung nicht erreicht, o Krishna, welchen Weg geht der?

Geht er nicht, scheiternd beiderseits, zerrißnen Wolken gleich zugrund, 38

Ohn' allen Halt, Großarmiger, verirret auf dem Weg zu Gott?

_Den_ Zweifel mußt du, Krishna, mir auflösen, daß nichts übrig bleibt, 39

Es findet ja kein Andrer sich, der diesen Zweifel löst, als du.

DER ERHABENE SPRACH

O Prithâ-Sohn, nicht hier noch dort muß solch ein Mann zugrunde gehn, 40

Denn Niemand, der redlich verfährt, soll in das Elend kommen, Freund![102]

Wenn in der Welt der Frommen er geweilet viele Jahre lang, 41

Ersteht in reinem, edlem Haus aufs Neu, wer aus der Andacht fiel;

Oder er wird geboren gar in andächtiger Weisen Haus, -- 42

Und solcherlei Geburt ist doch schwer zu erlangen in der Welt.

Und hier erlangt denselben Geist er wieder, wie im alten Leib, 43

Und ringt von nun an eifriger um die Vollendung, Kuru-Sohn.

Sein ehemaliges Bemühn reißt ihn selbst wider Willen fort; 44

Wer der Andacht Erkenntnis sucht, hat mehr als Schriftgelehrsamkeit[103].

Wenn er nur eifrig sich bemüht, andachtsvoll und von Sünden rein, 45

Vollendet durch manche Geburt, wandelt er dann die höchste Bahn.

Höher steht der andächt'ge Mann als die Büßer und Weisen gar, 46

Höher auch als die Werkfrommen -- drum sei andächtig, Arjuna!

Und unter den Andächt'gen all, wer mich verehret glaubensvoll, 47

Sein Innres ganz mir wendend zu -- gilt mir als der Andächtigste.

SIEBENTER GESANG

DER ERHABENE SPRACH

An mir hängend mit Herz und Sinn, Andacht übend, auf mich gestützt, 1

Wie du mich ganz erkennen wirst, von Zweifel frei, das höre nun!

Dies Wissen und Erkennen dir verkünden will ich ohne Rest; 2

Wenn du's erkannt hast, bleibt dir hier nichts zu erkennen übrig mehr.

Unter Tausenden von Menschen strebt nach Vollendung Einer kaum, 3

Von den erfolgreich Strebenden kennt wahrhaft mich kaum Einer noch.

Erde, Wasser, Feuer, Äther, Luft, Sinn, Geist, Selbstbewußtsein auch -- 4

Dies Alles ist meine Natur, die sich achtfältig hat verteilt.

Die niedre ist das! außer ihr hab' ich noch eine höhere 5

Natur, -- sie ist das Leben selbst und sie ist's, die die Welt erhält.

Aus ihrem Schoße kommen all die Wesen her -- dies fasse recht! 6

Ich bin für diese ganze Welt der Urquell und der Untergang.

Es gibt nichts Höheres als mich, -- kein andres Ding, was es auch sei! -- 7

Auf mich ist dieses All gereiht wie Perlenreihen an der Schnur.

Ich bin des Wassers Feuchtigkeit, ich bin das Licht in Sonn' und Mond, 8

Das heilge Om der Veden all, der Ton im Äther, Kraft im Mann!

Der reine Duft im Erdenkloß, der Glanz im Feuer, das bin ich! 9

Das Leben in den Wesen all, die Buße in den Büßern auch.

Der ew'ge Same bin ich auch von allen Wesen -- wisse dies! 10

Die Einsicht der Einsichtigen, der Würd'gen Würde, das bin ich.

Ich bin der Kraftbegabten Kraft, die frei von Neigung und Begier; 11

Die Liebe, die erlaubt und recht, in allen Wesen -- die bin ich!

Ja, alles Sein -- der Güte Reich, der Leidenschaft und Finsternis -- 12

Es stammt aus mir, es ist in mir, -- doch ich bin darum nicht in ihm!

Verwirret durch all dieses Sein in der drei Qualitäten Reich, 13

Erkennt die Welt es nicht, daß ich höher und unvergänglich bin.

Mein göttlich Scheinbild dieser Welt[104], darüber kommt man schwer hinweg! 14

Doch wer mir selbst sich wendet zu, der zwinget dieses Zauberbild.

Die Frevler, die Gemeinen und die Toren kommen nicht zu mir; 15

Beraubt des Wissens durch den Schein suchen sie bei Dämonen Heil.

Vier Arten guter Menschen gibt's, die mich verehren, Arjuna: 16

Wer Leid trägt, wer erkennen will, wer Gut erwirbt, wer wissend ist.

Der Beste ist der Wissende, der andächtig nur Eins verehrt; 17

Ich bin der Freund des Wissenden vor Allem, und er ist mein Freund.

Vortrefflich sind sie alle, doch der Wissende, das ist mein Selbst, 18

Denn mit andächt'ger Seele kommt zu mir er als zum höchsten Heil.

Wenn der Geburten Reih' zu End', gelangt zu mir der Wissende; 19

»Gott ist das All!« -- schwer findet sich ein Edler, welcher das erkennt.

Die, denen Gier das Wissen raubt, die gehn zu andern Göttern hin, 20

Halten an manche Regel sich, -- sie lenkt die eigene Natur.

Und welche Gottheit Einer auch im Glauben zu verehren strebt, -- 21

Ich sehe seinen Glauben an und weis' ihm zu den rechten Platz.

Wenn er in festem Glauben strebt nach seines Gottes Huld und Gnad', 22

Dann wird zu Teil ihm, was er wünscht, denn gern wend' ich ihm Gutes zu[105].

Doch bleibt beschränkt nur der Erfolg bei denen, die beschränkten Sinns: 23

Die Götter findet, wer sie ehrt! wer mich verehrt, gelangt zu mir!

Unsichtbar bin ich! nur der Tor kann glauben, daß ich sichtbar ward! 24

Mein höhres Sein, das ewige, das höchste, blieb ihm unbekannt.

Nicht Jedem bin ich offenbar, weil mich der Mâyâ Schein verhüllt, 25

Betört erkennt die Welt mich nicht, den Ungebornen, Ewigen.

Ich kenne die vergangenen, die gegenwärt'gen Wesen all, 26

Und die noch ruhn im Zukunftsschoß! doch Niemand gibt es, der mich kennt.

Der doppelten Verwirrung Raub, die aus Neigung und Haß entspringt, 27

Werden die Wesen allesamt in dieser Schöpfung ganz verwirrt.

Die frommen Menschen aber, die das Böse von sich abgetan, 28

Vom Doppel-Irrwahn auch befreit verehren sie mich festen Sinns.

Die zu mir flüchten, strebend nach Erlösung von Alter und Tod, 29

Die kennen dieses Brahman ganz, das höchste Selbst, das ganze Werk!

Die mich kennen als Haupt und Herrn der Wesen, Götter, Opfer all, -- 30

Auch sterbend daran halten fest -- die Frommen kennen wahrhaft mich.

ACHTER GESANG

ARJUNA SPRACH

Was ist das Brahman? und was ist das höchste Selbst? was ist das Werk? 1

Was ist's, das ob den Wesen all und über allen Göttern steht?

Wie und wer kann in diesem Leib schon über allen Opfern stehn? 2

Und in der Todesstunde, wie erkennen die Bezähmten dich?

DER ERHABENE SPRACH

Brahman ist ew'ges, höchstes Sein, sein Wesen ist das höchste Selbst, 3

Die Schöpfung, die den Ursprung all der Wesen wirkt, ist »Werk« genannt.

Werden[106] über den Wesen steht, über den Göttern der Urgeist, 4

»Über den Opfern« -- DAS BIN ICH, schon hier im Leib, du bester Mensch!

Wer in der Todesstunde mein gedenkend scheidet aus dem Leib, 5

Der gehet in mein Wesen ein, darüber kann kein Zweifel sein.

An wessen Wesen immer er gedenkt, wenn er den Leib verläßt, 6

In dessen Wesen geht er ein und paßt sich dessen Wesen an.

Zu allen Zeiten denke drum an mich allein und kämpfe frisch! 7

In mich versenk' Sinn und Verstand, dann gehst du sicher ein in mich.

Wenn fleißig Andacht er geübt, nichts Andres in Gedanken sucht, 8

Dann geht zum höchsten Urgeist ein, dem himmlischen, wer an ihn denkt.

Wer an den alten Weisen, den Regierer, 9

Der feiner ist als fein, sich stets erinnert,

Den Schöpfer dieses Alls, der unausdenkbar,

Der sonnenfarbig, jenseit alles Dunkels, --

Wer festen Sinns im Tode sein gedenket, 10

Hingebungsvoll und mit der Kraft der Andacht,

Den Lebensgeist zwischen den Brauen sammelnd,

Der geht zum höchsten Urgeist ein im Himmel.

Was Vedenkenner »unvergänglich« nennen, 11

Wohin die neigungsfreien Büßer kommen,

Wonach begehrend man in Keuschheit lebet,

_Die_ Stätte will ich dir in Kürze schildern.

Des Körpers Tore schließend all, den Sinn im Herzen fest haltend, 12

Den Lebensgeist im Kopf sammelnd, der strengen Andacht zugewandt;

Brahmans einsilbigen Namen »Om«! aussprechend und gedenkend mein -- 13

Wer so den Leib verlassend stirbt, der wandelt auf der höchsten Bahn.

Wer an nichts Andres jemals denkt und immerdar an mich gedenkt, 14

Wer in beständ'ger Andacht lebt, der ist es, der mich leicht erlangt.

Die Edlen, die zu mir gelangt und die Vollendung so erreicht, 15

Erleiden keine Neugeburt, wo Schmerz wohnt und Vergänglichkeit.

Die Welten, bis zu Brahmans Welt, bewahren nicht vor Neugeburt, 16

Doch wer zu mir gekommen ist, für den gibt's keine Neugeburt.

Die, denen Brahmans Tag bekannt, der tausend Weltenalter währt, -- 17

Und Brahmans Nacht, die grad so lang, -- die kennen wahrhaft Tag und Nacht.

Aus dem Unsichtbaren entspringt das Sichtbare, wann kommt der Tag, -- 18

Wann kommt die Nacht, dann löst sich's auf im Innern, das unsichtbar heißt.

Der Wesen Schar, die immer neu geworden ist, sie löst sich auf, 19

Wann kommt die Nacht, -- doch unbedingt ersteht sie neu, wann kommt der Tag.

Doch jenseit dieses Lebens gibt's ein andres, ewig, unsichtbar, 20

Das, ob auch alle Wesen hier vergehen, selber nicht vergeht.

Unsichtbar, unvergänglich heißt's, man nennt es auch die höchste Bahn; 21

Erreicht man's, kehrt man nicht zurück! sieh, das ist meine höchste Statt!

Der höchste Urgeist wird erlangt durch Liebe, die nichts Andres sucht, -- 22

Er, in dem alle Wesen sind, durch den die ganze Welt gemacht.

Wann aber zur Nichtwiederkehr der Fromme kommt, sobald er stirbt, 23

Wann Wiederkehr sein Schicksal bleibt, das will ich nun verkünden dir:

Feuer, Licht, Tag, wachsender Mond, das Halbjahr, wo die Sonne hoch, 24

Wenn dann ein Brahmankenner stirbt, dann geht er auch zu Brahman ein.

Rauch und Nacht und schwindender Mond, das Halbjahr, wo die Sonne tief, 25

Da geht der Fromme zu dem Licht des Mondes und kehrt einst zurück.

Der helle und der dunkle Pfad, sie sind als ewige bekannt, 26

Einer führt zur Nichtwiederkehr, auf dem andern kehrt man zurück[107].

Wer diese beiden Pfade kennt, der Fromme wird niemals betört, 27

Zu allen Zeiten weihe dich der Andacht drum, o Arjuna!

Was für das Vedalesen, Opfern, Büßen 28

Und Spenden auch als Tugendlohn verheißen,

Weit über das hinaus gelangt der Fromme,

Der dies erkennt, -- er kommt zur höchsten Stätte!

NEUNTER GESANG

DER ERHABENE SPRACH

Nun will ich das Geheimste dir verkünden -- hör mich willig an! -- 1

Wenn dieses Wissen du erlangt, dann wirst vom Übel du erlöst.

Königs-Wissen und -Geheimnis, das höchste Läutrungsmittel ist's, 2

Deutlich faßbar, heilig, ewig, und doch zu üben kinderleicht.

Die Menschen, welche glaubenslos sich dieser Lehre nicht vertraun, 3

Verfehlen mich, -- sie kehren um auf des Todes, der Wandrung Bahn.

Durch mich ist ausgespannt dies All, die Welt -- unsichtbar bin ich selbst -- 4

Die Wesen alle sind in mir, ich aber bin in ihnen nicht.

Und wied'rum sind sie NICHT in mir -- sieh mein, des Herrschers Wundermacht! -- 5

Mein Ich weilt in den Wesen nicht, doch trägt es sie und bildet sie.

Wie der Wind in dem leeren Raum allüberall beständig geht, 6

So auch die Wesen allesamt weilen in mir -- das fasse recht!

Die Wesen all beim Weltenend' gehn ein in meine Urnatur, 7

Bricht dann ein neu Weltalter an, dann schaffe ich sie wieder neu.

Fußend auf meiner Urnatur schaff' ich sie neu und wieder neu, 8

Die ganze Schar der Wesen hier, streng nach dem Willen der Natur.

Und all dies Tun und wieder Tun legt mir doch keine Fesseln an; 9

Ganz gleichmütig bin ich dabei und häng' an diesen Taten nicht.

Ich wache drüber, -- die Natur gebiert, was steht und was sich regt; 10

Aus diesem Grund, o Kuntî-Sohn, bewegt sich weiter fort die Welt.

Die Toren nur mißachten mich in meiner menschlichen Gestalt, 11

Sie kennen nicht mein höh'res Sein, den großen Herrn der Wesen all.

Eitles hoffend, Eitles wirkend, Eitles wissend, verstandberaubt, 12

Halten sie an die trügende Natur böser Dämonen sich.

Die Edlen aber halten sich an meine göttliche Natur, 13

Mich ehren sie und mich allein als ew'gen Urquell alles Seins.

Sie rühmen mich ohn' Unterlaß, streben zu mir hin fest und treu, 14

Sie huld'gen in Verehrung mir und weihen sich der Andacht ganz.

Der Erkenntnis Opfer bringen Andre dar und verehren mich, 15

Der ich All-Eins und vielfach doch gesondert überall hin schau' --

Ich bin das Opfer, Gottesdienst, der Manen Trank, das heil'ge Kraut, 16

Das Opferlied, das Opferschmalz, das Feuer und die Spende ich!

Ich bin der Vater dieser Welt, bin Mutter, Schöpfer, Ahnherr auch, 17

Bin Lehre, Läutrung, heilges Om, bin Rik, Sâman und Yajus auch[108].

Weg, Erhalter, Herrscher, Zeuge, Wohnort, Zuflucht und guter Freund, 18

Ursprung, Vergehen, fester Stand, der Schatz, der ew'ge Same auch.

Die Wärme schaff' ich, Regen, Flut halt' ich zurück, laß' strömen ich, 19

Ich bin Unsterblichkeit und Tod, bin Sein und Nichtsein, Arjuna!

Die vedenkund'gen frommen Somatrinker 20

Sie streben opfernd nach der Bahn zum Himmel;

Wenn sie erlangt die reine Welt des Indra,

Genießen sie im Himmel Götterfreuden.

Wenn dort den großen Himmel sie genossen, 21

Wenn ihr Verdienst erschöpft, gehn sie zur Erde;

So, die sich halten an der Veden Satzung,

Erlangen Gehn und Kommen, wunschbesessen.

Doch die nur mir Verehrung weihn und an nichts Andres denken mehr, 22

Diesen ganz mir hingegebnen gewähr' die volle Wohlfahrt ich.

Auch die glaubensvoll ergeben andern Göttern Verehrung weihn, 23

Selbst diese ehren doch nur mich, wenn auch nicht grade regelrecht.

Denn der Genießer und der Herr von allen Opfern bin nur ich; 24

In Wahrheit kennen sie mich nicht, drum sinken wieder sie hinab[109].

Die sich Göttern und Vätern weihn, gehn zu Göttern und Vätern hin, 25

Geisterdiener zu den Geistern; wer mich verehrt, der kommt zu mir.

Wer in Verehrung Blüt' und Blatt, Frucht und Wasser mir bietet dar, 26

Solch Huld'gungsopfer frommen Sinns nehm' ich an und genieß' es auch.

Was du tust und was du issest, was du opferst und was du gibst, 27

Wenn du büßest, Sohn der Kuntî, -- dies Alles bringe du mir dar!

So wirst frei du von den Fesseln, die gut und böses Tun dir bringt, 28

Ob du nun handelst oder nicht, erlöset gehst du ein zu mir.

Gleich bin zu allen Wesen ich, ich habe weder Feind noch Freund, 29

Doch die liebend mich verehren, die sind in mir, in ihnen ich.

Ein großer Sünder selbst, wenn er mich verehrt und nur mich allein, 30

Soll gelten als ein guter Mann, weil er sich recht entschieden hat.

Er wird gar bald ein frommer Mann und geht zu ew'gem Frieden ein! 31

Erkenne dies, o Kuntî-Sohn -- wer mich verehrt, geht nicht zugrund!

Wenn sie an mich nur halten sich -- stammen sie auch aus schlechtem Schoß, 32

Weiber, Vâiçyas und Çûdras selbst -- sie wandeln doch die höchste Bahn.

Wie viel mehr reine Brahmanen und fromme Königsweisen auch! 33

In diese nicht'ge, arge Welt hineingestellt, verehre mich!

An mich denkend, mich verehrend, mir opfernd, huld'ge mir allein! 34

Gibst du in Andacht mir dich hin, dann gehst du einstmals ein zu mir.

ZEHNTER GESANG

DER ERHABENE SPRACH

Nun höre noch ein Wort von mir, ein höchstes, du Großarmiger! 1

Ich sag' es dir, weil du mich liebst und weil ich auf dein Heil bedacht.

Es kennen meinen Ursprung nicht die Götter noch die Weisen auch, 2

Weil ich der Götter Urquell bin und auch der Weisen allesamt.

Wer mich kennt als den Herrn der Welt, der ungeboren, anfangslos, -- 3

Ein solcher Mensch ist nicht betört, der wird von allen Sünden frei.

Einsicht, Wissen, Nichtbetörung, Geduld, Wahrheit und Zucht und Ruh, 4

Glück, Leid, Entstehen und Vergehn, Gefahr, sowie auch Sicherheit;

Nichtverletzung, Gleichmut, Frieden, Buße, Spenden, Ehre und Schmach, -- 5

Die mannigfachen Zustände der Wesen stammen all von mir.

Die sieben Weisen alter Zeit und die vier Manus[110] ebenso, 6

Sie sind im Geist von mir gezeugt, deren Kinder die Menschen sind.

Wer diese Macht und Wunderkraft an mir in voller Wahrheit kennt, 7

Dem wird zuteil nie wankende Andacht, -- da kann kein Zweifel sein.

Ich bin der Ursprung dieses Alls, aus mir geht dieses All hervor, -- 8

In solcher Ansicht huld'gen mir die Weisen, ganz von Lieb' erfüllt.

Mein denkend, in mir lebend ganz und sich erweckend wechselsweis, 9

Erzählend immerdar von mir, sind sie zufrieden und sind froh.

Diesen Immerandächtigen, die mich verehren liebevoll, 10

Verleih' des Geistes Andacht ich, durch welche sie zu mir eingehn.

Diesen auch aus Barmherzigkeit vernichte ich die Finsternis 11

Des Nichtwissens mit hellem Licht des Wissens, ruhend in mir selbst.

ARJUNA SPRACH

Höchstes Brahman, höchste Stätte und höchste Läuterung bist du! 12

Den ew'gen Geist, den himmlischen, den Urgott, mächtig, ungebor'n --

So nennen dich die Weisen all, -- auch der Gottweise Nârada, 13

Asita, Vyâsa, Devala[111] -- und auch du selber sagst es mir.

Dies Alles halte ich für wahr, was du mir sagst, o Keçava! 14

Denn deine Offenbarung ist Göttern und Geistern unbekannt,

Du selber aber kennst dich wohl durch dich selber, o höchster Geist, 15

Der Wesen Heiland du und Herr, Gott der Götter und Herr der Welt!

Du kannst es künden ohne Rest, denn himmlisch ist ja deine Macht, 16

Mit welcher Macht du diese Welt durchdrungen hast und stehst so da.

Wie erkenn' ich dich, Heiliger, wenn ich auch immer denk' an dich? 17

In welchem Zustand deines Seins soll ich dich fassen, Herrlicher?

Ausführlicher erzähl' mir noch von deiner Wunderkraft und Macht! 18

Hör' ich den Nektar deines Wort's, dann hör' ich mich wohl niemals satt.

DER ERHABENE SPRACH

Wohlan, so will ich's künden dir, denn himmlisch ist ja meine Macht, -- 19

Das Wichtigste nur nenn' ich dir, denn End' und Grenzen hab' ich nicht.

Ich bin die Seele dieser Welt, in aller Wesen Herz bin ich, 20

Ich bin der Anfang, Mitte ich und Ende auch der Wesen all.

Vishnu unter den Adityas[112], die Sonn' in der Gestirne Schar, 21

Marîci[113] in der Marut Schar, der Mond im Sternenheer bin ich!

Bin der Sâman von den Vedas, bin Indra in der Götter Heer, 22

Von den Sinnen der innre Sinn, -- der Wesen Einsicht, das bin ich.

Bin von den Rudras Çankara[114], Kuvera[115] in der Yakshas Heer, 23

Bin von den Vasus[116] all das Feu'r, von den Bergen der Meru[117] ich.

Wisse, daß ich der erste bin von den Priestern, Brihaspati![118] 24

Von den Feldherrn bin ich Skanda[119], von den Seen bin ich das Meer.

Von den Rishis bin ich Bhrigu, von den Worten bin ich das Om[120], 25

Im Gottesdienst ein leis Gebet, als Gebirg der Himâlaya;

Der Açvattha[121] von den Bäumen, von den Gottweisen Nârada, 26

Als Gandharve Citraratha[122], von den Seligen Kapila[123];

Wisse, ich bin Uccâihçravas[124] unter den Rossen, meerentstammt, 27

Als Elephant Airâvata[125], -- unter Menschen bin ich der Fürst;

Von den Waffen der Donnerkeil, unter den Kühen Kâmaduh[126], 28

Als Erzeuger der Liebesgott, unter den Schlangen Vâsuki[127].

Bin Ananta[128] bei den Nâgas, bin Varuna[129] im Wasserreich, 29

Bin von den Vätern Aryaman, bin Yama[130] in der Zwingherrn Schar.

Bin Prahlâda[131] bei den Dâityas, unter den Zählenden die Zeit, 30

Bin der Löwe unter den Tieren, unter den Vögeln Garuda[132];

Bin von den Reinigern der Wind, bin Râma in der Helden Schar, 31

Bin von den Fischen der Delphin, von den Flüssen der Gangâ-Strom.

Anfang und End' der Schöpfungen und Mitte bin ich, Arjuna, 32

Kunde höchsten Geists im Wissen, der Redner Rede, das bin ich!

Unter den Lauten bin ich A[133], bin Dvandva[134] als Compositum, 33

Ich bin die Zeit, die nie vergeht, bin der Schöpfer, der allhin schaut.

Ich bin der Tod, der alles raubt, der Ursprung deß, was werden soll; 34

Als Weib: die Ehre, Anmut, Red', Erinnrung, Einsicht, Kraft, Geduld.

Von den Sâmans bin ich Brihat[135], von den Metren die Gâyatrî[136], 35

Bin als Monat Mârgaçîrsha[137] und der Frühling als Jahreszeit;

Der Würfel unter dem, was trügt, der Glanz der Glänzenden bin ich, 36

Der Sieg bin ich, Entschluß bin ich, der Guten Güte, das bin ich.

Vâsudeva[138] bei den Vrishnis, unter den Pândus Arjuna, 37

Vyâsa[139] unter den Asketen, unter den Dichtern Uçanas[140].

Der Stock bin ich der Strafenden, die Politik der Kämpfenden, 38

Als Geheimnis bin ich Schweigen[141], bin das Wissen der Wissenden.

Was nur von allen Wesen hier der Same ist, ja das bin ich! 39

Es gibt kein Ding, das ohne mich besteht; sei's ruhend, sei's bewegt.

Kein Ende gibt's, o edler Held, meiner himmlischen Wunderkraft, 40

Andeutungsweise hab' ich nur von ihrem Umfang dir erzählt.

Was es Herrliches irgend gibt, was schön ist und was kraftvoll ist, 41

Das, wisse, stammet alles her aus einem Teile meiner Kraft.

Indeß, was soll dir, Arjuna, dies mannigfalt'ge Wissen all? -- 42

Mit einem Teile meiner selbst hab' ich dies Weltall festgestellt!

ELFTER GESANG

ARJUNA SPRACH

Da mir zu Liebe du das Wort, das höchst geheimnisvolle, sprachst, 1

Das höchsten Geistes Siegel trägt, bin ich von allem Irrtum frei.

Der Wesen Werden und Vergehn hab' ich ausführlich nun gehört, 2

Von dir, du Lotusäugiger, -- und deine ew'ge Herrlichkeit.

So wie du hier geschildert hast dich selbst, du höchster aller Herrn, 3

So möcht' ich schaun deine Gestalt, die göttliche, du höchster Geist!

Wenn du's für möglich hältst, daß ich dies schauen kann, du Mächtiger, 4

Dann, Herr der Andacht, zeige mir dich selber als den Ewigen!

DER ERHABENE SPRACH

Bhagavadgita — Des Erhabenen Sang Religiöse Stimmen der Völker: Die Religion des alten Indien II · 第 3 / 7 段