Nicht Tote, noch auch Lebende beklagt jemals der Weisen Schar.
Nie war die Zeit, da ich nicht war, und du und diese Fürsten all, 12
Noch werden jemals wir nicht sein, wir alle, in zukünftger Zeit!
Denn wie der Mensch in diesem Leib Kindheit, Jugend und Alter hat, 13
So kommt er auch zu neuem Leib, -- der Weise wird da nicht verwirrt.
Der Atome Berührung nur ist kalt und warm, bringt Lust und Leid, 14
Sie kommen, gehen, ohn' Bestand, -- ertrage sie, o Bhârata!
Der weise Mann, den diese nicht erregen, o du starker Held, 15
Der Leid und Lust gleichmütig trägt, der reift für die Unsterblichkeit.
Es gibt kein Werden aus dem Nichts, noch wird zu Nichts das Seiende! 16
Die Grenze beider ist erschaut von denen, die die Wahrheit schaun.
Doch wisse, unvergänglich ist die Macht, durch die das All gewirkt! 17
Des Ewigen Vernichtung kann bewirken Niemand, wer's auch sei.
Vergänglich sind die Leiber nur, -- in ihnen weilt der ew'ge Geist, 18
Der unvergänglich, unbegrenzt -- drum kämpfe nur, du Bhârata!
Wer denkt, es töte je der Geist oder werde getötet je, 19
Der denkt nicht recht! Er tötet nicht, noch wird jemals getötet er.
Niemals wird er geboren, niemals stirbt er, 20
Nicht ist geworden er, noch wird er werden,
Der Ungeborne, Ewige, Alte -- nimmer
Wird er getötet, wenn den Leib man tötet.
Wer ihn als unvernichtbar kennt, als ewig und unwandelbar, 21
Wie kann ein solcher töten je, wie töten lassen, Prithâ-Sohn?
Gleichwie ein Mann die altgewordnen Kleider 22
Ablegt und andre, neue Kleider anlegt,
So auch ablegend seine alten Leiber
Geht ein der Geist in immer andre, neue.
Es schneiden ihn die Waffen nicht, es brennet ihn das Feuer nicht, 23
Es nässet ihn das Wasser nicht, es dörret ihn auch nicht der Wind.
Zu schneiden nicht, zu brennen nicht, zu nässen nicht, zu dörren nicht, 24
Er ist beständig, überall, fest, ewig, unerschütterlich.
Unsichtbar und unvorstellbar und unveränderlich heißt er, 25
Darum, sobald du ihn erkannt, darfst du nicht mehr beklagen ihn.
Und wenn für stets geboren auch, für stets gestorben du ihn hältst, 26
Doch darfst du, Held mit starkem Arm, um diesen trauern nimmermehr.
Denn dem Gebornen ist der Tod, dem Toten die Geburt bestimmt, -- 27
Da unvermeidlich dies Geschick, darfst nicht darüber trauern du.
Unsichtbar sind die Anfänge der Wesen und ihr Ende auch, 28
Die Mitte nur ist sichtbar uns -- was gibt's für Grund zur Klage da?
Der Eine schauet ihn als wie ein Wunder, 29
Der Andre spricht von ihm als einem Wunder,
Der Dritte hört von ihm als einem Wunder,
Doch hört er's auch, es kennet ihn doch Keiner.
Die Seele unverletzbar ist, ewig, in eines Jeden Leib, 30
Darum die Wesen allesamt darfst du betrauern nimmermehr.
Auch wenn du deine Pflicht bedenkst, geziemt sich's dir zu zittern nicht, 31
Denn für den Krieger gibt es ja nichts Bessres als gerechten Kampf.
Als hätte sich von ungefähr des Himmels Pforte aufgetan, 32
So grüßen freudig, Prithâ-Sohn, die Krieger einen solchen Kampf.
Wenn diesen pflichtgemäßen Kampf du aber nicht bestehen wirst, 33
Im Stiche lassend Pflicht und Ruhm, wird Übles nur dein Anteil sein.
Es werden deine Schande dann die Wesen künden immerfort, 34
Dem aber, der in Ehren steht, ist Schande mehr als selbst der Tod.
Furcht vor dem Kampf hielt dich zurück, so denken dann die Helden all, 35
Und wo du hoch geachtet warst, da wirst du bald verachtet sein.
Und viele böse Reden wird dann führen deiner Feinde Schar, 36
Beschimpfend deine Tüchtigkeit, -- und was ist schmerzlicher als dies?
Im Tod gehst du zum Himmel ein! Siegst du, fällt dir die Erde zu! 37
Darum erheb' dich, Kuntî-Sohn, entschlossen wieder zu dem Kampf!
Gleich achtend Glück und Ungemach, Gewinn, Verlust, Sieg oder Tod, 38
Bereite nun zum Kampfe dich! So wird kein Übel dir zu Teil.
Dies ist Weisheit durch Reflexion, nun höre die der Andacht auch! 39
Mit solcher Weisheit wohlversehn, streifst du der Taten Fesseln ab.
Hier gibt es für dein Streben nie Vernichtung oder Minderung; 40
Ein wenig dieses frommen Brauchs bewahrt dich schon vor großer Furcht.
Entschlossenheit, o Kuru-Sproß, birgt diese Weisheit ganz allein! 41
Der Unentschloßnen Weisheit ist gar weitverzweigt und ohne End.
Gar blumenreiche Rede führt im Mund der Unverständ'gen Schar, 42
Am Vedenwort erfreun sie sich und sprechen: Andres gibt es nicht!
Ihr Höchstes ist das Himmelsglück! Ihr Wort verheißt als Lohn der Tat 43
Höh're Geburt, -- für Opferwerk sei Herrschaft und Genuß der Lohn.
An Genuß und Herrschaft hängend, durch solche Rede sinnberaubt, 44
Erlangen niemals sie, vertieft, die Weisheit der Entschlossenheit.
Der Qualitäten Reich gehört der Veda an -- davon sei frei! 45
Frei von der Gegensätze Band, frei von Besitz, Herr deiner selbst!
So viel ein Brunnen nützt, in den das Wasser strömt von allerwärts, 46
So groß ist für die Priesterschaft der Nutzen, den der Veda bringt.
Bemühe nur dich um die Tat, doch niemals um Erfolg der Tat! 47
Nie sei Erfolg dir Grund des Tuns, -- doch meid' auch Tatenlosigkeit!
In Andacht fest, tu deine Tat! Doch häng' an nichts, du Siegreicher! 48
Laß den Erfolg ganz gleich dir sein, -- der Gleichmut ist's, der Andacht heißt.
Die Tat steht ja, du Siegreicher, unter des Geistes Andacht tief! 49
Im Geiste such die Zuflucht du! Kläglich, wen Tatenfrucht bewegt.
Beides, Guttat und Übeltat, gibt der Andächt'ge völlig auf; 50
Drum weihe ganz der Andacht dich! Andacht bringt Heil auch bei der Tat.
Die tatgeborne Frucht gibt auf, wer andächtig und weise ist! 51
Von der Geburten Fessel frei gelangt er an den Ort des Heils.
Wofern dein Geist den dichten Wald der Torheit überwinden wird, 52
Dann wird der Ekel fassen dich ob Allem, was der Veda lehrt.
Wenn -- abgewandt dem Vedenwort -- dein Geist nur fest und unverrückt 53
In der Vertiefung weilen wird, dann wird die Andacht dir zuteil.
ARJUNA SPRACH
Den weisen und vertieften Mann, was zeichnet ihn, o Krishna, aus?[77] 54
Was ists, das der Andächt'ge spricht? wie ruhet er? wie wandelt er?
DER ERHABENE SPRACH
Wenn des Herzens Begierden all er gänzlich aufgibt, Prithâ-Sohn, 55
Am Selbst und durch das Selbst vergnügt, -- dann heißet er in Weisheit fest!
In Leiden unerschrocknen Sinns, in Freuden des Verlangens bar, 56
Frei von Leidenschaft, Furcht und Zorn, andächtig, -- der ist ein Asket!
Wer jeglichen Verlangens bar, ob's schön ihm oder unschön geht, 57
Nicht Freude fühlet, noch auch Haß, -- bei Solchem steht die Weisheit fest.
Wenn von sinnlichen Dingen ab er ganz die Sinne in sich zieht, 58
Gleichwie die Schildkröt' in sich kriecht, -- dann steht bei ihm die Weisheit fest.
Die Sinnendinge weichen fort von dem, der streng enthaltsam ist; 59
Die Neigung bleibt, doch sie auch weicht, sobald er auf das Höchste schaut[78].
Auch dem vernünft'gen Manne, der sich redlich müht, o Kuntî-Sohn, 60
Rauben die Sinne den Verstand, ihn aufregend mit Ungestüm.
Sie alle bänd'gend sitze er in Andacht ganz mir zugewandt! 61
Wer Herr der eignen Sinne ist, bei dem nur steht die Weisheit fest.
Wer an sinnliche Dinge denkt, wird bald zu ihnen neigen sich, 62
Aus solchem Hange wird Begier, aus der Begier entsteht der Zorn.
Aus dem Zorn die Betörung kommt, dann tritt Gedächtnisstörung ein, 63
Dann geht zugrund die Einsicht ihm, und endlich geht er selbst zugrund.
Wer aber lebt in dieser Welt mit Sinnen, die ihm untertan, 64
Die frei von Haß und Leidenschaft, der kommt zu ruh'ger Heiterkeit.
Und solche Heiterkeit läßt ihn verlieren all und jeden Schmerz, 65
Bei heitrem Geiste wird sich ihm die Einsicht ja befest'gen bald.
Wer nicht andächtig ist, dem geht Erkenntnis und Vertiefung ab; 66
Es fehlt der Seelenfriede ihm, -- wie kann ein Solcher glücklich sein?
Sobald der Geist sich richtet nach der losen Sinne Wanderschar, 67
Dann reißt ihm das die Einsicht fort, gleichwie der Wind das Schiff im Meer.
Darum, wer seine Sinne ganz, von Allem in der Sinnenwelt 68
Zurückhält, o Großarmiger, bei Solchen steht die Einsicht fest.
Wo's Nacht für alle Wesen ist, da wachet, wer sich zügeln will; 69
Wo Alles wacht, da ist es Nacht, dem Weisen, der die Wahrheit schaut.
Wer wie das Meer, in das die Wasser strömen, 70
Das sich anfüllet und doch ruhig dasteht, --
Wer so in sich die Wünsche läßt verschwinden,
Der findet Ruhe -- nicht, wer ihnen nachgibt.
Der Mann, der jeden Wunsch aufgab und nichts verlangend lebt dahin, 71
Von Eigennutz und Selbstsucht frei, der geht zum Seelenfrieden ein.
Dies ist der Brahman-Standpunkt, Freund! Wer ihn erreicht, wird nicht betört! 72
Wer auch im Tod dabei verharrt, der wird in Brahman ganz verwehn.
DRITTER GESANG
ARJUNA SPRACH
Wenn du die Einsicht höher stellst als wie die Tat, Janârdana[79], 1
Warum zur fürchterlichen Tat treibst du mich an, o Keçava?
Mit doppelsinn'ger Rede so verwirrest du mir nur den Geist, 2
Dies Eine sag mir ganz bestimmt, wodurch das Heil ich mag empfahn!
DER ERHABENE SPRACH
Ein Doppelstandpunkt ist von mir vorhin verkündet, Reiner, dir: 3
Die Erkenntnis der Denkenden und der Andächt'gen frommes Tun.
Nicht durch Vermeidung jeder Tat wird wahrhaft man vom Tun befreit, 4
Noch durch Entsagung von der Welt gelanget zur Vollendung man.
Nie kann man frei von allem Tun auch einen Augenblick nur sein, 5
Die in uns wohnende Natur zwingt Jeden, irgend was zu tun.
Wer seine Tatorgane zwingt und dasitzt, doch betörten Sinns 6
Im Geist der Sinnendinge denkt, wird ein verkehrter Mensch genannt.
Doch wer die Sinne durch den Geist bezwingend sich ans Handeln macht 7
Mit seinen Tatorganen -- doch nicht daran hängt --, der stehet hoch.
Vollbringe die notwend'ge Tat, denn Tun ist besser als Nichttun; 8
Des Körpers Unterhaltung schon verbietet es dir, nichts zu tun.
Außer dem Opfer[80] steckt die Welt ganz in den Fesseln ihres Tuns, 9
Darum vollbring du solche Tat[81], doch ohne dran zu hängen je.
Einst sprach Prajâpati, als er das Opfer und die Menschen schuf: 10
Durch dieses sollt ihr fruchtbar sein, dies soll die Wunschkuh sein für euch.
Fördert damit die Götter ihr! Die Götter sollen fördern euch! 11
Euch gegenseitig fördernd so, sollt finden ihr das höchste Heil.
Genüsse, die ihr wünscht, spenden die Götter dann euch, so verehrt, 12
Doch wer solch Glück genießt und nicht den Göttern opfert, ist ein Dieb.
Von allen Sünden wird befreit, wer nur von Opferresten lebt; 13
Wer für sich selber kocht, ist schlecht, und Sünde ist's, was er genießt[82].
Durch Speise lebt der Wesen Schar, durch Regen wächst die Speise auf, 14
Durch's Opfer kommt der Regenguß, das Opfer ist des Menschen Tat.
Dies Tun stammt von der Gottheit her, die Gottheit aus dem ew'gen Sein, 15
Drum ist die Gottheit allerwärts vorhanden in dem Opfer stets.
Wer dies in Gang gekommne Rad nicht immer weiter rollen läßt, 16
Sündig, fröhnend der Sinnenlust, -- der lebt vergeblich, Prithâ-Sohn!
Doch wer sich an dem Selbst erfreut und durch das Selbst gesättigt ist, 17
Im Selbst allein vergnügt -- der Mensch, der ist von allem Tun erlöst.
Er hat's nicht nötig, daß etwas geschehn ist oder nicht geschehn, 18
Noch sucht bei allen Wesen er Zuflucht aus irgend einem Grund.
Drum, ohne dran zu hängen je, führ' aus die Tat, die deine Pflicht! 19
Wer handelt ohne Hang zur Welt, der Mensch erreicht das höchste Ziel.
Durch solche Tat kam Janaka[83] nebst Andern zur Vollkommenheit; 20
Auch im Hinblick auf die Ordnung der Menschenwelt mußt handeln du.
Was irgend nur der Beste tut, das tun die andern Menschen auch, 21
Was er als Richtschnur stellet hin, demselben folgt die Menschheit nach.
In den drei Welten hab' ich nichts, o Prithâ-Sohn, zu führen aus, 22
Noch zu erlangen, was mir fehlt, und doch beweg' ich mich im Tun.
Denn wenn ich mich nicht unentwegt im Tun bewegte immerdar, 23
Was wär's? da alle Menschen doch nur meinen Spuren folgen nach?
Zugrunde ging' die ganze Welt, wenn ich die Tat nicht würde tun, 24
Ein Chaos brächt' ich dann hervor und mordete die Wesen all.
Die Toren hängen an der Tat, die sie vollführen, Bhârata, 25
Der Weise tu sie ohne Hang, sich mühend um der Menschheit Wohl.
Nicht mache irr die Toren er, die an den Taten hängen fest, 26
Gern tu der Weise jede Tat, andächtig stets sie führend aus.
Die Taten kommen all zu Stand durch Eigenschaften[84] der Natur; 27
Wen Selbstbewußtsein töricht macht, der denkt: Ich bin der Täter, ich!
Doch wer den Doppelunterschied[85] von Kraft und Tat in Wahrheit kennt, 28
Der hängt nicht fest, der kennt das Reich, da Kräft' in Kräften walten fort.
Wen dieses Spiel der Kräfte täuscht, der hänget an der Kräfte Tun, 29
Schwach ist er und kennt nicht das All -- wer's kennt, der lasse den in Ruh.
Drum wirf auf mich hin all dein Tun, nur denkend an den höchsten Geist, 30
Nichts hoffend und begehrend nichts, so kämpfe, frei von allem Schmerz.
Die Menschen, welche immerdar nachfolgen diesem meinem Wort, 31
Die gläubig sind und murren nicht, befrein durch ihre Taten sich.
Die aber, murrend wider mich, nicht folgen diesem meinem Wort, 32
In aller Einsicht ganz verwirrt, die Toren, wisse, gehn zugrund.
Der Weise auch tut immer das, was der Natur in ihm entspricht; 33
Die Wesen gehn nach der Natur -- was will der Zwang bewirken da?
An jedem Sinnesgegenstand hängt Neigung und Abneigung fest, -- 34
Nicht fall' in deren Herrschaft er, sie sind ja seine Gegner beid'.
Die eigne Pflicht steht oben an, und brächte sie uns auch den Tod! 35
Tu noch so gut die fremde Pflicht, sie bringt dir doch nichts als Gefahr.
ARJUNA SPRACH
Allein, von wem denn angespornt, begeht der Mensch die sünd'ge Tat, 36
Auch wenn er selbst es gar nicht will, als trieb' ihn irgend eine Macht?
DER ERHABENE SPRACH
Das ist die Gier, das ist der Zorn, der aus der Leidenschaft entspringt! 37
Das ist der Böse, der verschlingt! ja wisse, dieser ist der Feind.
Wie's Feuer wird vom Rauch verhüllt und wie der Spiegel durch den Schmutz, 38
Wie von der Haut der Embryo, so ist von dem umhüllt die Welt.
Die Einsicht ist von ihm umhüllt, der stets der Feind des Weisen ist, 39
Von ihm, dem proteusartigen, dem Feu'r, das unersättlich ist.
Die Sinne, Innensinn, Verstand -- die werden sein Gebiet genannt, 40
Durch sie verwirrt den Menschen er, indem die Einsicht er umhüllt.
Drum zügle du von Anfang an die Sinne, edler Bhârata, 41
Gib auf das Böse, es zerstört Erkenntnis und Erfahrung dir.
Die Sinne kennt als mächtig man, mächt'ger noch ist der Innensinn, 42
Mächt'ger als dieser der Verstand, weit mächt'ger noch das ew'ge Selbst.
Wenn seine Macht du hast erkannt, dann stärke durch das Selbst dein Selbst, -- 43
Töte den Feind, Großarmiger, den Proteus, den man schwer bezwingt.
VIERTER GESANG
DER ERHABENE SPRACH
So hab' die Andachts-Lehre[86] ich verkündet dem Vivasvant einst, 1
Vivasvant hat dem Manu sie, Manu Ikshvâku mitgeteilt.
So ging von Mund zu Mund sie fort, die Königsweisen kannten sie, -- 2
Doch durch die lange Zeit ging dann verloren diese Lehre hier.
Die alte Andachts-Lehre ists, die hab ich jetzt verkündet dir, 3
Weil mein Verehrer du und Freund -- ein hehr Geheimnis ist sie ja.
ARJUNA SPRACH
Du bist von späterer Geburt, Vivasvant lebte früher doch, -- 4
Wie soll ich's denn verstehn, daß du verkündet ihm die Lehre einst?
DER ERHABENE SPRACH
Gar viel Geburten hab' ich schon durchlebt -- du auch, o Arjuna! -- 5
Ich weiß von ihnen allen noch[87], doch du weißt nichts davon, o Held!
Zwar ungeboren, ewig auch und aller Wesen Herr bin ich, 6
Und doch entsteh' ich oftmals neu durch meines Wesens Wunderkraft.
Denn immer, wenn die Frömmigkeit hinschwinden will, o Bhârata, 7
Ruchlosigkeit ihr Haupt erhebt, dann schaffe ich mich selber neu[88].
Zum Schutz der guten Menschen hier und zu der Bösen Untergang, 8
Die Frömmigkeit zu fest'gen neu, entsteh' in jedem Alter[89] ich.
Und wer mein Werden und mein Tun, das göttliche, in Wahrheit kennt, 9
Erleidet keine Neugeburt, -- er geht im Tode zu mir ein.
Von Neigung, Furcht und Zorn befreit, mir ähnlich und auf mich gestützt, 10
Durch der Erkenntnis Buße rein, gingen schon Viele auf in mir.
Wie diese mir sich wenden zu, so liebe ich hinwiedrum sie; 11
Es wandeln meinen Bahnen nach durchaus die Menschen, Prithâ-Sohn.
Erfolg bei seinen Taten wünscht der Mensch, wenn er die Götter ehrt, 12
Rasch kommt ja in der Menschenwelt Erfolg, der aus der Tat entspringt.
Ich bin's, der die vier Kasten schuf, nach Art und Tun sie unterschied, 13
Wisse, ich bin es, der da wirkt und nicht wirkt, ich, der Ewige.
Mich kann die Tat beflecken nicht, -- die Frucht der Tat begehr' ich nicht! 14
Wer so mich und mein Wesen kennt, wird nicht gefesselt durch die Tat.
In solcher Einsicht strebten schon die Alten der Erlösung zu, 15
Darum vollbringe du die Tat, wie schon die Alten sie vollbracht.
Was ist denn Tat? was ist Nichttun? -- das ist's, was Weise selbst verwirrt; 16
Drum will die Tat ich künden dir, wodurch du kommst vom Übel frei.
Denn achten muß man auf die Tat, achten auf unerlaubtes Tun, 17
Muß achten auf das Nichttun auch, -- der Tat Wesen ist abgrundtief.
Wer in der Tat das Nichttun schaut und in dem Nichttun grad' die Tat, 18
Der ist ein einsichtsvoller Mensch, andächtig tut er jede Tat.
Wer Gier und Wunsch bei jeglichem Beginnen ganz und gar verbannt, 19
Wer in des Wissens Feu'r die Tat verbrannt hat, heißt ein weiser Mann.
Wer an der Taten Frucht nicht hängt, stets zufrieden, nicht Hülfe braucht, -- 20
Wenn er im Tun sich auch bewegt, so tut er doch in Wahrheit nichts.
Nichts wünschend, zügelnd seinen Geist, aufgebend jeglichen Besitz, 21
Nur mit dem Körper tu'nd die Tat, -- so bleibt er frei von Sündenschuld.
Vergnügt mit dem, was er bekommt, nicht neidisch, Gegensatz-entrückt[90], 22
Gleich bei Erfolg wie Mißerfolg, wird er durch keine Tat verstrickt.
Wer frei von Hang ist und erlöst, wem in Erkenntnis ruht der Geist, 23
Indeß er sich um's Opfer müht, dem löst das Tun sich völlig auf.
Die Gottheit ist das Opfer selbst, die Gottheit lebt im Opferfeu'r, 24
Drum geht zur Gottheit ein der Mensch, der an solch göttlich Tun gedenkt.
Die Einen führen Opfer aus, die dem und jenem Gott geweiht, 25
Die Andern bringen Opfer dar im Feuer der Theologie.
Gehör und andre Sinne bringt der Eine im Entsagungsfeu'r, 26
Der Andre bringt die Sinnenwelt im Feuer seiner Sinne dar[91].
Der Sinne und des Atems Tun bringt mancher Andre ganz und gar 27
Im Feu'r der Selbstbezähmung dar, das durch Erkenntnis ist entflammt.
Noch Andre bringen Hab und Gut, bringen Buße und Andacht dar, 28
Stilles Studium und Erkenntnis als Asketen der strengsten Art.
Im Aushauch bringen dar den Hauch, im Hauch den Aushauch Andere, 29
Hemmend des Hauchs und Aushauchs Weg, der Atmungshemmung ganz geweiht.
Andre, sich der Speis' enthaltend, bringen Leben im Leben dar. 30
Das Opfer kennen diese all, das Opfer macht sie sündenfrei.
Wer Opferrestes Nektar speist, der geht in's ew'ge Brahman ein; 31
Doch wer nicht opfert, der erlangt nicht diese, wie denn jene Welt?
So mannigfalt'ge Opfer sind in Brahmans Munde dargebracht, -- 32
Sie alle stammen aus der Tat, -- dies wisse! dann wirst du erlöst.
Besser als Opfer allen Guts ist der Erkenntnis Opfer, Held! 33
Denn jede Tat, ganz lückenlos, in der Erkenntnis liegt sie drin.
Dies wisse, wenn du fromm dich beugst, die Lehrer fragst und sie verehrst, 34
Erkenntnis werden lehren dich die Weisen, die die Wahrheit schaun.
Hast du's erkannt, o Pându-Sohn, wirst du nicht wiederum betört, 35
Dadurch wirst alle Wesen du in dir erschaun und dann in mir.
Auch wenn ein größrer Sünder du als alle andern Sünder bist, 36
Doch wirst mit der Erkenntnis Schiff, du fahren über's Meer der Schuld.
Gleichwie das Feuer, wenn es flammt, zu Asche all das Brennholz macht, 37
So brennt auch der Erkenntnis Feu'r zu Asche alle Taten dir.
Kein Läutrungsmittel gibts ja hier, das der Erkenntnis sich vergleicht; 38
Das findet selber in sich selbst, wer durch Andacht vollendet ist.
Dem Gläub'gen fällt Erkenntnis zu, der nach ihr sucht, die Sinne zähmt; 39
Wer die Erkenntnis fand, gelangt zum höchsten Seelenfrieden bald.
Wer unwissend und glaubenslos dem Zweifel nachgibt, geht zugrund; 40
Nicht diese, noch auch jene Welt, noch Glück ist je des Zweiflers Teil.
Doch wer der Andacht weiht sein Tun, den Zweifel durch Einsicht zerstört, 41
Sein selber mächtig ist, fürwahr, den binden auch die Taten nicht.
Zerschneide mit des Wissens Schwert den Zweifel, der aus Torheit stammt, 42
Im Herzen! Weih der Andacht dich! Erhebe dich, o Bhârata!
FÜNFTER GESANG
ARJUNA SPRACH
Du lobst Entsagen jeder Tat und lobst doch ihre Übung auch -- 1
Was ist das Bess're von den zwei'n? Das sage klar entschieden mir.
DER ERHABENE SPRACH
Entsagen sowie Übung auch der Tat, sie bringen beide Heil, 2
Doch höher als Entsagung noch wird die Übung der Tat geschätzt.
Das ist der stets Entsagende, der nichts hasset und nichts sich wünscht, 3
Denn von den Gegensätzen frei[92], kommt leicht er von der Fessel los.
Denken und Andacht[93] scheiden nur die Toren, doch die Weisen nicht; 4
Wer ganz sich nur dem Einen weiht, erlanget aller beider Frucht.
Durch Denken und durch Andacht wird derselbe Standpunkt doch erreicht; 5
Denken und Andacht sind nur Eins, -- wer das erkennt, hat recht erkannt.
Doch Entsagung, Großarmiger, wird ohne Andacht[94] schwer erreicht; 6
Der Weise, der in Andacht lebt, erreichet auch die Gottheit[95] bald.
Der Andacht lebend, reingesinnt, bezähmend Geist und Sinne ganz, 7
Mit aller Wesen Seele eins, -- wird er, auch handelnd, nicht befleckt.
»Ich tu doch nichts!« so denken darf der fromme, wahrheitskund'ge Mann, 8
Ob er auch sieht, hört, fühlt und riecht, ob er auch ißt, geht, atmet, schläft;
Ob er auch spricht, entleert, ergreift, die Augen öffnet oder schließt, 9
Er weiß: die Sinne müssen sich bewegen in der Sinnenwelt.
Wer handelt ohne jeden Hang und all sein Tun der Gottheit weiht, 10
Wird durch das Böse nicht befleckt, wie's Lotusblatt durch's Wasser nicht.
Mit ihrem Leib, Sinn und Verstand, und mit den Sinnen ganz allein, 11
Tun die Andächt'gen jede Tat, ganz ohne Hang -- um rein zu sein.
Wer fromm aufgibt die Frucht der Tat, erlangt die höchste Seelenruh, 12
Wer unfromm hängt an dem Erfolg, wird durch begehrlich Tun verstrickt.
Bewußt aufgebend alles Tun, sein selber Herr, sitzt glücklich da 13
In der neuntor'gen Stadt[96] der Geist, nichts tuend, nichts veranlassend.
Nicht Täterschaft, noch Taten auch schafft Er, der Herrscher dieser Welt, 14
Noch den Kontakt von Tat und Frucht, -- da waltet vielmehr die Natur.
Nicht irgend Jemands böse noch auch gute Tat nimmt an der Herr[97], -- 15
Das Wissen liegt in Finsternis, und dadurch wird der Mensch betört.
Doch wem Unwissenheit zerstört durch Erkenntnis des Atman ist, 16
Deß Wissen läßt der Sonne gleich helleuchtend schaun das höchste Heil.
Dies kennend, mit ihm wesensgleich, ruhend auf ihm, ergeben ihm, 17
Geht man und kommt nicht wieder her, durch Wissen frei von aller Schuld.
Ein Priester, welcher weis' und fromm, ein Elephant und eine Kuh, 18
Ein Hund, ein Hundeesser selbst -- dem Weisen sind sie alle gleich.
_Die_ haben hier den Himmel schon[98], die ganz gleichmütig sind gestimmt; 19
Sündlos, gleichmütig Brahman ist, darum in Brahman ruhen sie.
Nicht freut er über Liebes sich, erschricket vor Unliebem nicht, 20
Wer starken Geistes, unbetört, das Brahman kennt und ruht in ihm.
Nicht hängend an der Außenwelt, findet er in sich selbst das Glück; 21
Wer andachtsvoll nach Brahman strebt, erlangt ein unvergänglich Glück.
Denn der Genuß der Außenwelt trägt schon in sich des Schmerzes Keim, 22
Wie er entsteht, vergeht er auch -- der Weise freut daran sich nicht.
Wer, eh er sich vom Körper löst, den Gier- und Zorn-gebornen Drang 23
Zu bezwingen imstande ist, der Mann ist fromm und glücklich der.
Wer in sich selbst beglückt, selig, von innrem Licht erleuchtet ist, 24
Der Fromme wird zum Brahman selbst und wird im Brahman ganz verwehn.
Im Brahman ganz verwehen sie, die Weisen, die, von Sünden rein, 25
Sich zügelnd, frei von allem Streit, an aller Wesen Heil sich freun.
Asketen, die den Sinn bezähmt, von Gier und Zorn sich ganz befreit, 26
Des Atman Wesen kennen, _die_ sind dem Verwehn in Brahman nah.
Sich lösend von der Außenwelt, starr auf die Nasenwurzel schau'nd, 27
Den Hauch und Aushauch regelnd gleich, die durch der Nase Innres gehn;
Zügelnd die Sinne, Herz und Geist, ganz der Erlösung zugewandt, 28
Befreit von Wünschen, Furcht und Zorn, -- so ist für immer er erlöst.
Mich kennend als den Herrn der Welt, dem Opfer und Askese gilt, 29
Der aller Wesen wahrer Freund, gelangt zum Seelenfrieden er.
SECHSTER GESANG
DER ERHABENE SPRACH