Produced by Markus Brenner, Juliet Sutherland, Wolfgang
Menges and the Online Distributed Proofreading Team at
https://www.pgdp.net
Anmerkungen zur Transkription:
Passagen, die im Originaltext kursiv (in der Einleitung) oder gesperrt
(im Gedicht) hervorgehoben waren, sind hier durch _Unterstriche_
gekennzeichnet. Griechische Passagen sind durch $Dollarzeichen$
gekennzeichnet. Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Buchende an den Anfang
versetzt. Weitere Anmerkungen befinden sich am Ende des Textes.
[Illustration: Verlags-Signet]
RELIGIÖSE STIMMEN
DER VÖLKER
HERAUSGEGEBEN V. WALTER OTTO
DIE
RELIGION DES
ALTEN INDIEN
II
ÜBERTRAGEN UND EINGELEITET
VON LEOPOLD VON SCHROEDER
BHAGAVADGITA
DES ERHABENEN SANG
VERLEGT BEI EUGEN DIEDERICHS
JENA 1922
ZEHNTES BIS VIERZEHNTES TAUSEND
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in
fremde Sprachen vorbehalten. Copyright
1922 by Eugen Diederichs Verlag in Jena
GEDRUCKT IN DER HOFBUCHDRUCKEREI RUDOLSTADT
INHALT
Seite
EINLEITUNG I
ERSTER GESANG 3
ZWEITER GESANG 9
DRITTER GESANG 17
VIERTER GESANG 22
FÜNFTER GESANG 27
SECHSTER GESANG 31
SIEBENTER GESANG 36
ACHTER GESANG 39
NEUNTER GESANG 42
ZEHNTER GESANG 46
ELFTER GESANG 51
ZWÖLFTER GESANG 58
DREIZEHNTER GESANG 61
VIERZEHNTER GESANG 65
FÜNFZEHNTER GESANG 68
SECHZEHNTER GESANG 70
SIEBZEHNTER GESANG 73
ACHTZEHNTER GESANG 76
ANHANG / LITERATUR ZUM STUDIUM DER BHAGAVADGITA 84
EINLEITUNG
Die Bhagavadgîtâ ist ein philosophisches Gedicht -- und nicht mit Unrecht
nennt _Wilhelm von Humboldt_ sie »das schönste, ja vielleicht das einzig
wahrhafte philosophische Gedicht, das alle uns bekannten Literaturen
aufzuweisen haben.« In der Tat ist es wohl das einzige in der
Weltliteratur, welches ganz diesem Begriff entspricht, d. h. _wirklich
philosophisch_ und doch zugleich ein _echtes, von höchstem poetischen
Schwunge getragenes Gedicht_ ist, was sich nicht einmal von dem berühmten
gedankenreichen, aber doch mehr trockenen, philosophischen Gedichte des
Lucrez »De natura rerum« völlig behaupten läßt. Daß ein solches Gedicht
gerade bei den Indern entstehen konnte, ja entstehen mußte, das begreift
sich leicht, wenn man weiß, in welchem Grade dies hochbegabte Volk vor
anderen Völkern schon früh, schon im vedischen Altertum von großen
philosophischen Gedanken erfaßt und durchdrungen wird, mit welcher Energie
es um die Klärung und Ausgestaltung seiner Weltanschauung fort und fort
ringt, in welcher Ausdehnung hier philosophische Gedanken durch
Jahrhunderte und Jahrtausende sich mit den religiösen Vorstellungen
verbinden und verschmelzen, aus ihnen erwachsen und sie wiederum bestimmen,
ja auch Leben und Handeln bestimmen und beherrschen. Es begreift sich, wenn
man zugleich die Kraft der Poesie, die echt arische Fähigkeit
hochfliegender Begeisterung kennt, die in diesem merkwürdigen Volke seit
alters wirkt und lebt, bald schlummernd, träumend, bald in hellem Jubel
erwachend, mit elementarer Macht aufflammend. Schon aus dem Rigveda tönen
uns so erhabene, ergreifende Klänge philosophischer Poesie entgegen, wie
sie jenes berühmte Lied vom Weltenursprung enthält, das mit den Worten
anhebt: »Damals war weder Sein noch Nichtsein« usw. Und dann gleich in den
ältesten Upanishads, vielleicht 7-800 Jahre vor Christo, welche Größe und
Kraft, welche Kühnheit und Klarheit der philosophischen Gedanken und
Bilder, mit welchem poetischem Schwung, mit welcher feurigen und stolzen
Begeisterung verkündet! Wie tief lassen uns die schon oft geschilderten
philosophisch-theosophischen Wettkämpfe jener Zeit hineinblicken in das
leidenschaftliche Suchen und Ringen nach Erkenntnis der Wahrheit, in die
Kraft der Begeisterung, mit der die gefundene Weisheit verkündet wird. Und
diese Bewegung der Geister setzt sich fort in der weiteren
Upanishaden-Literatur, sie zieht sich durch das große Epos Mahâbhârata, sie
gewinnt im Buddhismus und Jainismus neue Formen, sie kristallisiert sich in
den verschiedenen philosophischen Systemen und Kommentaren, sie lebt auch
in den Gesetzbüchern, sie schimmert und leuchtet in den Purânen und
unzähligen anderen Werken. Und sie treibt die Menschen dazu, der Welt zu
entsagen, um nur den großen, ewigen Gedanken zu leben.
Sie erfaßt in der Folge auch die Eroberer, die Herrscher des Landes aus
nichtindischem Stamme, zwingt den edlen Prinzen Mohammed Daraschakoh, Krone
und Reich der Großmoguln in die Schanze zu schlagen, um für die Wahrheit
siegend unterzugehen[1]. Sie erfaßt auch die höher gearteten europäischen
Besucher des wunderbaren Landes mit unwiderstehlicher Gewalt. Sie setzt
sich fort bis in die Gegenwart, bis zu jenem nackten Heiligen mit dem
Gesichte eines alten deutschen Professors, Lehrers oder Pastors, der vor
kurzem noch in einem Garten von Benares vor einer Kapelle saß, die sein
eigenes Bildnis in Marmor enthielt, und der zu den Bemerkungen
lebenslustiger Spötter wohl milde lächeln und ihnen kopfschüttelnd
zuflüstern konnte: »Alles, was uns umgibt, ist nicht Wirklichkeit, sondern
nur ein Traum!«[2].
Ja, in diesem Lande konnte und mußte philosophische Dichtung entstehen, wie
sie in schönster, reichster Blüte die Bhagavadgîtâ uns vorführt.
Seit Jahrhunderten, ja seit Jahrtausenden schon ist die Bhagavadgîtâ in
Indien selbst berühmt und hoch gefeiert. Ebendarum gehörte sie wohl auch
schon zu den ersten Werken der altindischen Literatur, die in Europa
bekannt wurden. Schon im Jahre 1785 wurde die geistvolle Dichtung durch den
Engländer _Wilkins_ übersetzt und trug nicht wenig dazu bei, die
Aufmerksamkeit der Europäer auf die alte Sanskrit-Literatur zu richten. Der
Führer der Romantiker, die sich Indien so wahlverwandt fühlten und fühlen
mußten --denn Indien ist das Land der Romantik -- _August Wilhelm von
Schlegel_, der erste Professor des Sanskrit in Deutschland, gab den
Originaltext des Gedichtes im Jahre 1823 heraus und versah denselben mit
einer musterhaften lateinischen Übersetzung[3]. Und ein Mann wie _Wilhelm
von Humboldt_ war so mächtig davon ergriffen, daß er an seinen Freund
Gentz, den bekannten Diplomaten, schrieb: er _danke Gott_, daß er ihn so
lange habe leben lassen, um dieses Gedicht noch lesen zu können! -- Das
Wort ist schon oft angeführt worden, doch hier ist es am Platze und durfte
nicht fehlen. Humboldt widmete diesem Gedichte dann noch eine eingehende
geistvolle Abhandlung, die zum besten gehört, was über den Inhalt der
Bhagavadgîtâ geschrieben ist[4].
Wenn man die Bhagavadgîtâ ein philosophisches Gedicht nennt, so ist das
eigentlich nicht genug -- die Bezeichnung ist nicht erschöpfend.
Philosophie, Dichtung und Religion, einschließlich die Moral, sind hier
tatsächlich eins. Es wäre zu wenig, wenn man sagen wollte, sie sind
untrennbar eng verbunden, unauflöslich mit einander verschmolzen -- denn es
handelt sich hier nicht um eine Verbindung oder Verschmelzung! Nein, sie
sind eins, sind ein Ganzes, als solches organisch gewachsen, und ebendarum
untrennbar. Der Forscher mag die Elemente sondern, wie er auch die Pflanze
oder den Tierkörper zerlegt, in Wahrheit aber liegt eine organische Bildung
vor, die ganz einheitlich aus dem indischen Geiste entsprossen ist -- eine
religiös-philosophische Dichtung mit starkem ethischen Einschlag -- ein für
Indien höchst charakteristisches Produkt, denn gerade die Einheit von
Philosophie, Religion und Moral, getragen von hohem dichterischen Schwunge,
tritt uns in diesem Lande so eindrucksvoll entgegen, womit nicht gesagt
sein soll, daß die Inder nicht auch streng systematische, nüchtern
analytische philosophische Betrachtung gekannt haben. In der Bhagavadgîtâ
aber handelt es sich in der Tat »um eine Philosophie, die nicht als
Lehrgebäude bewundert werden, sondern den ganzen Menschen durchdringen und
erneuern, also Religion sein will, die verlangt, daß man sie lebt«[5].
Mit Recht hebt _Chamberlain_ gerade diese organische Einheit von
Philosophie und Religion als das auszeichnende Merkmal des indischen
Geistes hervor. »In _einer_ Beziehung -- sagt er -- steht das geistige
Leben der Indoarier unerreichbar hoch über dem unsrigen: insofern nämlich
dort die Philosophie Religion war und Religion Philosophie«. »Kein Mann
stand in Indien geistig so tief, daß er nicht etwas Philosophie besessen
hätte, kein kühnster Flügelschlag des Denkens erhob den außerordentlich
Begabten so hoch, daß er nicht noch inbrünstig religiös geblieben wäre«[6].
Äußerlich betrachtet erscheint die Bhagavadgîtâ als eine Episode des großen
Epos Mahâbhârata, dem sechsten Buche desselben angehörend, eine Episode,
die in der orginellsten, ja in wahrhaft indischer Weise der Erzählung
eingefügt ist:
Krishna, eine Inkarnation des Gottes Vishnu, geleitet den Pânduiden Arjuna
als dessen Wagenlenker in den großen Kampf der Kuru und Pându-Söhne. Als
Arjuna seine Verwandten, Freunde und Lehrer vor sich in den Reihen der
Feinde erblickt, zögert er vorzugehen, wird unschlüssig und kleinmütig.
Wie soll er mordend vorgehen gegen diese ihm nahestehenden Menschen? -- Da
ermahnt ihn Krishna, solche Bedenken fahren zu lassen und seine Pflicht als
Kämpfer zu tun. Es entspinnt sich ein Gespräch und Krishna entwickelt nun
angesichts beider Heere in achtzehn Gesängen dem Arjuna seine ganze Welt-
und Lebensanschauung, aus welcher die Pflicht, handelnd vorzugehen, als
praktische Konsequenz resultiert[7].
Entsprechend diesem unmittelbar praktischen Anlaß der ganzen Erörterung ist
es vor allem die praktische Moral, die in leuchtenden Zügen hier
hervortritt, als das große Ergebnis alles dessen, was Krishna vorträgt, der
strahlende Gipfel seiner gesamten Darlegung, wohl geeignet, als Leitstern
des Lebens zu dienen. Auf dem Grunde metaphysischer Spekulation baut sich
hier eine erhabene Sittenlehre auf, wie wir sie in den eigentlichen
Systemen der Philosophie schmerzlich vermissen, eine Sittenlehre, die in
ihrer Strenge und Reinheit wahrhaft imponierend wirkt und es wohl verdient,
dem kategorischen Imperativ Immanuel Kants an die Seite gestellt zu werden.
Tu deine Pflicht!
Nach dem Erfolg des Handelns frage nicht!
Das ist das Leitmotiv dieser Lehre. Den ewigen heiligen Geboten der Moral
folgend sollen wir unentwegt tapfer handelnd unsere Pflicht erfüllen,
unbekümmert darum, wie schwer es uns ankommt; nie darnach fragend, welcher
Erfolg uns dabei erblühen möchte. Dann winkt uns zuletzt als schönster Lohn
»die höchste Bahn«, d. h. der Eingang zu der ewigen heiligen Gottheit, die
die Grundlage der gesamten Weltordnung bildet und auch uns allen unsere
Pflichten gesetzt hat.
Entsprechend dem System der Sânkhya-Philosophie, wie auch der vereinigten
Sânkhya-Yoga-Lehre, wird hier -- zum mindesten in gewissen Partieen des
Textes -- ein ursprünglicher Dualismus von Natur und Geist gelehrt
(prakriti und purusha). Beide sind anfangslos und ewig (vgl. Bhag. XIII,
19); der Körper, dem Bereiche der Natur angehörig, ist zusammengesetzt und
vergänglich, an seiner Erhaltung nichts gelegen. Die Seele einfach und
unvergänglich, mit verschiedenen Körpern sich umkleidend, bis sie die
Vereinigung mit dem höchsten Wesen erlangt. Diese Vereinigung soll aber
nicht in untätiger Beschaulichkeit gesucht werden, obwohl auch die
zeitweilige Meditation ihre volle Berechtigung hat. Wir sollen vielmehr
_handelnd_ unsere Pflicht erfüllen, aber mit absolutem Gleichmut, ohne
Rücksicht auf die Folgen, ohne Begier nach den Früchten unseres Tuns, nur
dem reinen Pflichtgebot gehorchend.
Ich habe soeben die dualistische Sânkhya-Lehre als philosophische Grundlage
der Bhagavadgîtâ erwähnt. Indessen kann keine Rede davon sein, daß wir die
Lehren dieser Philosophie in dem Gedichte rein und konsequent vorgetragen
finden. Es gibt vielmehr nicht wenige Stellen, welche zu diesem System
durchaus nicht stimmen wollen, sondern ihm geradezu widersprechen. Diese
Widersprüche konnte schon _W. v. Humboldt_ s. Z. nicht übersehen. Er suchte
dieselben, recht einleuchtend, folgendermaßen zu erklären: »Es ist ein
Weiser -- sagt er -- der aus der Fülle und Begeisterung seines Gefühls
spricht, nicht ein durch eine Schule geübter Philosoph, der seinen Stoff
nach einer bestimmten Methode verteilt und an dem Faden einer kunstvollen
Ideenverkettung zu den letzten Sätzen seiner Lehre gelangt«[8].
Mit diesen Worten W. v. Humboldts, die zweifellos ihre volle Berechtigung
haben, suchte man sich lange über die vielen anscheinenden Widersprüche und
Divergenzen des tiefsinnigen Gedichtes hinüberzuhelfen. Es ist ein Gedicht
und soll ein Gedicht sein, darum darf man eine streng systematische
Gedankenentwicklung hier auch nicht erwarten. Es ist ein Weiser, ein
hochgestimmter Dichter, der hier redet, kein Philosoph von Fach --wie man
heute sagen würde --, ein tief religiös und ethisch gerichteter, mit
allerlei Philosophie und Theosophie seines Landes vertrauter und dafür
begeisterter Dichter, der aus dem Überschwang seiner Empfindung heraus in
wechselnden Stimmungen redet. Das ließ in der Tat so manche Inkonsequenzen
erklärlich und entschuldbar erscheinen[9].
Dennoch war es nicht leicht, sich mit diesen Dingen abzufinden, wenn man
sich in das Studium der Bhagavadgîtâ mit einigem Ernst vertiefte. Der
Dichter bekannte sich anscheinend deutlich zur Sânkhya-Yoga-Lehre. Er
nannte sie öfters mit ihrem Namen, pries ihre Weisheit mit hochklingenden
Worten und sagte direkt, daß er sie verkünde. Er gab das dualistische
Grundprinzip dieser Lehre klar an, bediente sich einer ihr so
charakteristischen Theorie wie der Lehre von den drei Gunas, den drei
Qualitäten, nach denen die ganze Welt geordnet und eingeteilt ist (sattva
Güte oder Wesenheit, rajas Leidenschaft, tamas Finsternis) u. a. m. Aber es
fehlte auch nicht an zahlreichen Versen, die ganz deutlich Vedântagedanken
aussprachen; Gedanken, die ganz wohl in einer Upanishad stehen konnten und
die es durchaus begreiflich erscheinen ließen, daß die Bhagavadgîtâ selbst
geradezu als eine Upanishad bezeichnet wurde, resp. die einzelnen Kapitel
derselben als Upanishaden[10].
Vedânta und Sânkhya liegen weit auseinander. Der Vedânta, dessen feste
Grundlage in den Upanishaden, den ältesten philosophischen Traktaten der
Inder, vorliegt, ist streng monistisch und idealistisch -- die indische
All-Eins-Lehre. Der Atman-Brahman, die heilige Weltseele, ist der Urgrund
alles Seins, aus ihm allein ist Alles, ist die gesamte Welt hervorgegangen,
wie die Funken aus dem Feuer springen, wie das Spinngewebe aus dem Leibe
der Spinne hervorgeht, wie die Töne aus der gespielten Laute herausquellen.
Unsere eigene Seele aber ist im innersten Kern mit dieser Weltseele
identisch. Nur ein Irrtum läßt uns überall Verschiedenheit sehen, denn in
Wahrheit ist das ganze All nur Eins, das $hen kai pan$ -- und das
principium individuationis ist bloß eine Täuschung, durch Unwissenheit
erzeugt, bloß ein Schein. Wer diese Täuschung erkennt, diesen Schein
durchschaut, in Allem nur das Eine sieht -- den _einen_ Herrn[11] --, sich
selbst als identisch mit dem Atman-Brahman erkennt, der ist erlöst. Die
Sânkhya-Philosophie ist im Gegensatz dazu streng dualistisch, realistisch
und rationalistisch. Sie geht von dem aus, was die empirische Beobachtung
uns darbietet. Die Materie (Natur) auf der einen Seite, eine Vielheit
individueller Seelen auf der anderen Seite, das sind nach dieser Lehre die
beiden, total voneinander verschiedenen, gleicherweise ewigen Prinzipien,
aus denen diese Welt zusammengesetzt und aufgebaut ist. Die vielen
individuellen Seelen sind in die Körper gebannt, sie wandern durch die
Körper, von einem zum andern, bis endlich die Seele zu der Erkenntnis ihrer
totalen wesenhaften Verschiedenheit von dem Körper gelangt. Dann ist sie
erlöst, dann wandert sie nicht weiter nach dem Tode, ist für immer von dem
Körper befreit. Von einem Gott, von einer Weltseele ist in diesem System
nicht die Rede. Wie war es möglich, in ein und demselben Dichterwerke so
fundamental verschiedene Lehren wie Sânkhya und Vedânta zu vereinigen, zu
mischen oder auch nur nebeneinander zu verkünden? Und wie ging es zu, wie
ließ es sich erklären, daß ein Gedicht von so ausgesprochen theistischer
Tendenz wie die Bhagavadgîtâ, der Verherrlichung des großen Gottes
Krishna-Vishnu gewidmet, gerade die Sânkhya-Lehre sich zur philosophischen
Grundlage erwählen konnte, -- die Sânkhya-Lehre, deren atheistischer
Charakter so deutlich hervortrat? Hier lagen große Rätsel verborgen. Doch
sie sollten nicht vergeblich ihrer Lösung harren.
Diese Lösung wurde in zielbewußter Weise vorbereitet durch die gründliche
Erforschung der altindischen Philosophie, der sich die europäischen
Indologen insbesondere in den letztvergangenen drei Jahrzehnten mit großem
Erfolge gewidmet haben. Gerade die deutschen Gelehrten sind an dieser
Arbeit in erster Linie beteiligt gewesen, allen voran _Paul Deussen_ und
_Richard Garbe_, welche beide sich ein unvergängliches Verdienst um diesen
Zweig der Forschung erworben haben[12].
Doch der erste Anstoß, durch welchen der philosophische Inhalt der
Bhagavadgîtâ in ein ganz unerwartet neues Licht gestellt werden sollte,
erfolgte von anderer Seite her. Er ging von dem scharfsinnigen und
gelehrten Jesuitenpater _Joseph Dahlmann_ aus, der sich mit großer Energie
in das gewaltige indische Epos und die überaus schwierige Frage seiner
Entstehung und Zusammensetzung hineingearbeitet hatte. _Dahlmann_
veröffentlichte zunächst i. J. 1895 ein geistvolles Buch über das
Mahâbhârata als Epos und Rechtsbuch[13] und ließ demselben schon in dem
darauffolgenden Jahre ein glänzend geschriebenes Werk über den wichtigen
Begriff des _Nirvâna_ folgen, das als Studie zur Vorgeschichte des
Buddhismus bezeichnet war, in der Tat aber weit mehr bot, als sich nach
diesem Titel erwarten ließ[14]. In diesem Buch untersuchte der Verfasser
mit großem Scharfsinn die älteste Entwicklung der Philosophie bei den
Indern, kam vielfach zu neuen Resultaten und versuchte, auf Grund derselben
ebenso kühn wie energisch eine neue Konstruktion der Entstehung und
Entwicklung des indischen Denkens. Er bemühte sich zu zeigen, daß der
nüchtern rationalistischen und atheistischen Sânkhya-Philosophie, wie sie
uns aus den erhaltenen Lehrbüchern des indischen Mittelalters bekannt ist,
eine ältere, noch ganz und gar theistische Form ebenderselben Philosophie
vorausgegangen sein möchte. Und er findet diese ältere Form der
Sânkhya-Philosophie in dem großen Epos Mahâbhârata, insbesondere auch in
der berühmtesten philosophischen Episode desselben, unsrer Bhagavadgîtâ,
erhalten. Was man früher als das Resultat eines Synkretismus, einer
Verschmelzung von Sânkhya und Yoga mit theistischen und vedântistischen
Elementen ansah, das erklärte Dahlmann kühn für das Ältere,
Ursprünglichere, aus dem die uns bekannte Form der rationalistischen und
atheistischen Sânkhya-Lehre erst auf dem Wege einer Jahrhunderte langen
Umbildung sich entwickelt hätte. Durch diese Theorie wurde der
Bhagavadgîtâ, wie auch den anderen philosophischen Partien des Mahâbhârata
ein sehr viel höherer Wert zugesprochen, als man ihnen früher beizumessen
wagte; und es steht dieselbe in deutlichem Zusammenhang mit Dahlmanns
Ansicht von dem hohen Alter, dem organischen Wachstum und durchaus
einheitlichen Charakter des Mahâbhârata, welches er sich schon lange vor
Buddha entstanden und ohne wesentliche Veränderung erhalten denkt, im
Gegensatz zu der herrschenden Theorie einer mehrfach stattgefundenen
tiefgreifenden Überarbeitung, die übrigens auch in der Tradition eine
starke Stütze hat. Im ganzen hat Dahlmanns geistreich und scharfsinnig
verfochtene Hypothese bei den kompetenten Fachgenossen nur wenig Beifall
gefunden. Speziell der Theorie, daß die Bhagavadgîtâ und verwandte
philosophische Teile des großen Epos eine ältere, resp. die älteste Form
der Sânkhyalehre uns darböten, ist einer der vorzüglichsten Kenner der
altindischen Philosophie, _Hermann Jacobi_, mit nüchterner Kritik sehr
bestimmt entgegen getreten[15]. Sie fand auch sonst entschieden mehr
Ablehnung als Beistimmung, trotzdem Dahlmanns Buch überaus fesselnd
geschrieben ist und die Theorie in seiner Darstellung etwas sehr
Bestechendes hat. Die meisten Forscher -- so Garbe, Jacobi, Pischel
u. a. -- hielten an der Anschauung fest, daß wir in der Bhagavadgîtâ und
den verwandten philosophischen Texten des Mahâbhârata, im ganzen, d. h. in
der vorliegenden Form, nichts Altes und Ursprüngliches vor uns haben,
vielmehr jüngere Entwicklung, Weiterbildung, Kontamination und
Verschmelzung verschiedener Lehren, somit also Texte von nur mäßiger
Bedeutung für die Geschichte der indischen Philosophie.
Diesen Standpunkt klar und bestimmt, mit ebenso viel Scharfsinn wie
gründlichster Sachkenntnis, unter Aufstellung wesentlich neuer
Gesichtspunkte verfochten und bis in seine letzten Konsequenzen hinein
verfolgt zu haben, ist das unleugbare Verdienst von _Richard Garbes_
Übersetzung der Bhagavadgîtâ und der ihr vorausgeschickten, eingehenden und
hochinteressanten Einleitung[16]. Wenn dabei Dahlmanns energischer Vorstoß
in ganz anderer Richtung unberücksichtigt bei Seite liegen blieb, so tut
das dem Werte des von Garbe hier positiv Gebotenen keinen wesentlichen
Eintrag.
_Adolf Holtzmann_, der Jüngere, glaubte die Widersprüche in der
Bhagavadgîtâ in der Weise erklären zu können, daß er annahm, das Gedicht
habe in seiner ursprünglichen Form einen ganz pantheistischen Charakter
getragen, sei aber dann in dem Sinne einer speziellen Verehrung des
Krishna-Vishnu, des zum Gotte erhobenen epischen Helden, theistisch
umgearbeitet worden. Gerade umgekehrt will _R. Garbe_ die Sache angesehen
wissen. Er betont mit Recht, daß der ganze Charakter des Gedichtes, seiner
Anlage und Ausführung nach, überwiegend _theistisch_ sei: »Ein persönlicher
Gott, Krishna, tritt auf, in der Gestalt eines menschlichen Helden, trägt
seine Lehren vor, fordert von dem Hörer neben Pflichterfüllung vor allen
Dingen gläubige Liebe zu ihm und Ergebung, offenbart sich dann in
besonderer Gnade in seiner überirdischen, aber immer noch menschenähnlichen
Gestalt, und verheißt dem Gläubigen als Lohn der Gottesliebe, daß dieser
nach dem Tode zu ihm eingehen, in die Gemeinschaft Gottes gelangen
werde«[17]. Dieser persönliche Gott Krishna, dessen Verehrung die
ursprüngliche Fassung des Gedichtes mit Hilfe der Sânkhya-Yoga-Lehre
philosophisch zu fundieren gesucht hätte, sei dann erst später, durch eine
vedântistische Überarbeitung des Textes, die auch in anderen Teilen des
Mahâbhârata sich erkennen lasse, zum Allgott erhoben worden.
Krishna ist die große Gestalt, die im Mittelpunkte der Bhagavadgîtâ steht.
Er ist selbst der Bhagavant, der Erhabene, als dessen Sang (Gîtâ) das
Gedicht bezeichnet wird. Er ist es, nach dem auch die alte monotheistische
Sekte der Bhâgavatas sich benennt, als deren vornehmstes Erbauungsbuch wir
die Bhagavadgîtâ zu betrachten haben, ja der sogar aller Wahrscheinlichkeit
nach als der Stifter dieser Sekte anzusehen ist. Davon geht Garbe aus und
darauf legt er mit Recht ein besonderes Gewicht. Krishna, der Sohn des
Vasudeva und der Devakî, der schon in der Chândogya-Upanishad erwähnt wird,
und zwar in sehr charakteristischem Zusammenhang mit ausgesprochen
ethischen Lehren[18], er ist bekanntlich einer der Haupthelden des
Mahâbhârata, speziell der nationale Held des Stammes der Yâdava, dem er
entsprossen. Aber er ist nicht nur ein sagenhafter Held, er ist ein
wirklicher Mensch, eine historische Person gewesen, ein streitbarer
Krieger, der zugleich Religionsstifter war, der in seinem Volke und unter
den verwandten Nachbarstämmen eine theistische, resp. monotheistische
Religion begründete, die in der Folge eine starke Lebenskraft bewährt hat
und durch Râmânuja im 12. Jahrhundert nach Chr. neu reformiert zu hoher
Bedeutung gebracht ward, die bis in die Gegenwart noch fortdauert. Es war
von Anfang an eine populäre Religion, die, unabhängig von der vedischen
Überlieferung und von dem eigentlichen Brahmanentum, wahrscheinlich von
vornherein die moralische Seite betonte, eine kraftvoll ethische
Kshatriya-Religion, jener von Garbe schon früher so eindrucksvoll
geschilderten Zeit entsprossen, in welcher die Krieger und Könige in Indien
so vielfach an Stelle der Priester die geistige Führung an sich gerissen
hatten[19]. Einige Jahrhunderte vor Buddha dürfte dieser Held, im doppelten
Sinne des Wortes, wohl gelebt haben, der nach seinem Tode dann selbst zum
Gott erhoben, resp. als eine Verkörperung des von ihm verkündigten und
gefeierten großen einen Gottes betrachtet wurde[20].
Einem Zuge der Zeit und des Volkscharakters folgend bemühte man sich
nachmals, die Verehrung dieses vergöttlichten Religionsstifters Krishna
auch philosophisch tiefer zu studieren, und verwendete dazu das altberühmte
System der Sânkhya-Lehre (resp. Sânkhya-Yoga), dessen realistischen und
dualistischen, rationalistischen und atheistischen Charakter ich bereits
oben mit kurzen Zügen zu schildern versucht habe, ebenso wie seinen
naturgemäß scharfen Gegensatz zu der ganz idealistischen All-Eins-Lehre des
Vedânta, der Upanishaden. Diese Verbindung des ursprünglichen Monotheismus
der Bhâgavatas mit den Lehren des Sânkhya-Yoga »erforderte -- wie Garbe
hervorhebt -- mancherlei Umdeutungen und Entstellungen der beiden Systeme;
denn nur so konnte der Theismus der Bhâgavatas mit den Lehren des
ausgesprochen atheistischen Sânkhya-Systems und des nur äußerlich mit
einer theistischen Etikette versehenen Yoga-Systems verbrämt werden. Wenn
deshalb die Gîtâ zahlreiche Abweichungen von den ersten
Sânkhya-Yoga-Lehren, d. h. von den in den Lehrbüchern der beiden Systeme
vertretenen Anschauungen aufweist, so wäre es ganz verfehlt, hier ältere
Stufen des Sânkhya-Yoga zu erblicken«[21].
In der Folge wäre dann noch Krishna mit dem großen brahmanischen Gotte
Vishnu identifiziert und die sektiererische Religion der Bhâgavatas durch
diesen Prozeß dem eigentlichen Brahmanentum ganz einverleibt worden. Dies
wäre nach Garbe der Standpunkt des echten alten Gedichtes der Bhagavadgîtâ
gewesen: Verehrung des zum Gotte erhobenen, mit Vishnu identifizierten
Krishna, nicht ohne Gewaltsamkeit aufgebaut auf der philosophischen
Grundlage der Sânkhya-Yoga-Lehre[22].
Viel später, als dann die All-Eins-Lehre des Vedânta zur Vorherrschaft
gelangte und in immer weiteren Kreisen populär wurde, so daß diese Bewegung
auch das große Epos berührte und stark in Mitleidenschaft zog, hätte nach
Garbes Darstellung eine vedântistische Überarbeitung der Bhagavadgîtâ, wie
auch anderer Teile des Mahâbhârata, stattgefunden -- seiner Berechnung nach
etwa im 2. Jahrhundert nach Chr.[23]. Und damit erst wäre dem berühmten
Gedichte diejenige Fassung gegeben worden, in welcher dasselbe auf uns
gekommen ist. Kein Wunder also, daß es an Widersprüchen und Unstimmigkeiten
aller Art nur allzu reich ist.
In seiner Übersetzung hat Garbe den kühnen Versuch gemacht, die von ihm
vorausgesetzten Zusätze, im Sinn und Geiste der Vedânta-Lehre, in der Weise
auszuscheiden, daß er sie durch kleineren Druck charakterisierte. Er
glaubte dadurch mehrfach einen besseren Zusammenhang des Textes
wiederhergestellt zu haben, als die überlieferte Form des Gedichtes ihn uns
darbietet.
Ganz anders sieht _Deussen_ die Sache an, ganz anders und weniger gewaltsam
lösen sich in seinen Augen jene scheinbaren und wirklichen Widersprüche und
Unstimmigkeiten der Bhagavadgîtâ.
Ein Jahr nach dem Erscheinen von Garbes Übersetzung der Bhagavadgîtâ ließ
Deussen die seinige erscheinen[24], und zwei Jahre darauf (1908) kam die
dritte Abteilung des ersten Bandes seiner Allgemeinen Geschichte der
Philosophie heraus, in welcher die nachvedische Philosophie der Inder,
darunter auch die Philosophie des Epos, die Philosophie der Bhagavadgîtâ in
grundlegender, sehr überzeugender Weise behandelt wurde[25].
Schon in dem Vorwort zu seiner Übersetzung der »Vier philosophischen Texte
des Mahâbhâratam« spricht sich Deussen dahin aus, daß er in der
Bhagavadgîtâ nicht das Produkt eines philosophischen Synkretismus, nicht
eine Mischphilosophie, sondern eine Übergangsphilosophie zu sehen geneigt
sei[26], nicht das Resultat wiederholter Vermengung verschiedener Systeme,
sondern ein organisch gewachsenes Denken, das den Übergang von der alten
Philosophie der Upanishaden zu den späteren Systemen bildete. Und wenn er
in seiner Übersetzung das Wort sânkhya durch »Reflexion« oder »berechnende
Überlegung«, das Wort yoga durch »Hingebung«, »Verinnerlichung«,
»Meditation« wiedergibt, so ließ sich schon daraus entnehmen, daß Deussen
unter diesen Worten etwas wesentlich anderes verstehe als die später
wohlbekannten Systeme, welche den Namen Sânkhya und Yoga tragen.
Bestätigung und weitere Aufklärung ließ nicht lange auf sich warten. In der
dritten Abteilung des ersten Bandes seiner Allgemeinen Geschichte der
Philosophie schildert uns _Deussen_ in der Tat die Philosophie des epischen
Zeitalters, speziell auch die Philosophie der Bhagavadgîtâ als eine
Übergangsphilosophie der soeben angedeuteten Art, für welche er die Zeit
etwa von dem Jahre 500-200 vor Chr. in Anspruch nimmt. Er weist mit vollem
Rechte darauf hin, daß schon die Sprache und die Metrik des großen Epos in
der Mitte stehen und einen Übergang bilden von der Zeit des Veda zu
derjenigen des klassischen Sanskrit, im indischen Mittelalter. »Mehr aber
noch als Sprache und Metrum sind es die im Mahâbhârata vorliegenden
philosophischen Gedanken welche unzweifelhaft das verbindende Mittelglied
zwischen der Vedaphilosophie der Upanishaden und den philosophischen
Systemen der klassischen Zeit, vor allem dem späteren Sânkhya bilden«[27].
»Und wo sonst, wenn nicht in diesen, nach Sprache, Metrik und Gedanken
zwischen der vedischen und der klassischen Literatur die Mitte haltenden
epischen Texten hätten wir den Übergang vom Idealismus der älteren
Upanishads zum Realismus des klassischen Sânkhya zu suchen? -- -- Freilich
sind diese nicht die ursprünglichen (für uns verlorenen) Denkmäler jenes
Entwicklungsganges, sondern enthalten nur deren poetische Reflexe im Geiste
der Mahâbhârata-Dichter, welche keine systematischen Denker waren und
daher oft ältere und jüngere Gedanken in einer wenig zusammenstimmenden
Weise bunt durcheinander mischen. In diesem Sinne ist nichts dagegen
einzuwenden, wenn man in ihrer Philosophie eine Mischung sieht, nicht
sowohl zwischen der Upanishadlehre und dem klassischen Sânkhya, als
vielmehr zwischen den verschiedenen Phasen, welche von jener zu diesem im
Verlaufe mehrerer Jahrhunderte übergeleitet haben«[28].
Die letztere Bemerkung _Deussens_ stimmt durchaus zu der früher von uns
angeführten Äußerung _Wilhelm von Humboldts_[29]. Im übrigen zeigt sich
seine Annahme und Feststellung einer in den epischen Texten uns erhaltenen
Übergangsphilosophie ganz unleugbar nahe verwandt mit der Theorie
_Dahlmanns_ von einer im Epos, und speziell auch in der Bhagavadgîtâ,
aufbewahrten älteren Form der Sânkhya-Lehre, die sich von der späteren
atheistischen Lehre dieses Namens durch einen kraftvollen theistischen Zug
deutlich genug unterschieden und an die ältere Spekulation über das
Brahman-Atman angelehnt hätte, resp. aus ihr hervorgewachsen wäre. Ein
Sânkhya also, das noch tatsächlich Brahmavidyâ, d. h. noch
Brahman-Wissenschaft war[30].
Allerdings wären nach _Deussens_ Ansicht die Worte Sânkhya und Yoga in den
epischen Texten überhaupt noch gar nicht als Bezeichnungen philosophischer
Systeme zu fassen, wie dies in späteren Zeiten der Fall ist. »Ursprünglich
aber haben sie eine andere Bedeutung und sind nur verschiedene _Methoden_,
um zu demselben Ziele, nämlich zur Erlangung des Atman zu führen, welcher
einerseits als die ganze unendliche Welt sich ausbreitet, andererseits voll
und ganz im eigenen Inneren zu finden ist. Im ersteren Sinne kann der Atman
erfaßt werden durch Reflexion über die mannigfaltigen Erscheinungen der
Welt und ihre innere Wesensidentität, und diese _Reflexion_ heißt Sânkhya
(von sam + khyâ, berechnen, reflektieren); andererseits ist der Atman
ergreifbar durch _Zurückziehung von der Außenwelt_ und _Konzentration auf
das eigene Innere_, und diese _Konzentration_ heißt _Yoga_«[31].
»Die Philosophie der epischen Zeit ist aus der Atmanlehre der Upanishads
hervorgewachsen und schließt sich zunächst an diese an, um sich erst
nach und nach von derselben zu entfernen«[32]. Neben reinen
Upanishadgedanken finden wir daher in den epischen Texten auch vielfach
andersartige Gedanken und Lehren, unter denen die Ansätze und
weitentwickelte Ansätze zu den späteren Systemen des Sânkhya und Yoga
oft schon recht deutlich hervortreten[33]. Die Gedanken der
All-Eins-Lehre, der Upanishaden oder des Vedânta, wären darnach aber
doch durchaus als die älteren zu betrachten; diejenigen, welche zu dem
späteren Sânkhya und Yoga stimmen, als die jüngeren. Die historische
Darstellung muß sich bemühen, »deutlich zu sondern, was im Epos
durcheinander wogt, und zu zeigen, wie der ursprüngliche Idealismus der
Upanishadlehre nach und nach zum Realismus des Sânkhya-Systems sich
verhärtet«[34]. Wie man sieht, eine durchaus andere Ansicht als
diejenige, für welche Garbe eintritt. Sie hat vor der letzteren den
unleugbaren Vorzug, daß unter diesem Gesichtspunkt die Philosophie der
Bhagavadgîtâ, wie diejenige des Epos überhaupt, als ein ganz natürlich
und einfach, organisch gewachsenes Gebilde sich darstellt, welches aus
der in den philosophischen Texten der jüngsten Vedaperiode, den
Upanishaden, verkündeten All-Eins-Lehre, der Atman-Philosophie oder
Brahman-Wissenschaft, ganz unmittelbar hervorgeht, um dann allmählich
und ganz naturgemäß zu späteren Lehren und Systemen hinüber zu leiten.
Die Annahme gewaltsamer Konstruktionen und Überarbeitungen, die
geflissentlich bemüht gewesen wären, den ursprünglichen Charakter der
ursprünglich hier verkündeten philosophischen Gedanken zu verwischen und
zu verdecken, die Annahme der ganz unnatürlichen Zusammenschweißung
einer ausgesprochen theistischen Religion mit einer ebenso ausgesprochen
atheistischen Philosophie, kommen in Wegfall. Und ein weiterer Vorzug in
Deussens Betrachtung ist seine umfassende Heranziehung der anderen
philosophischen Texte des Mahâbhârata, zu denen die Bhagavadgîtâ gehört
und in deren Mitte sie durchaus organisch hineinpaßt. Man hat den
Eindruck einer durchaus gut möglichen Entwicklung[35].
Und es liegt auf der Hand, daß eine theistische Religion, wie der Held und
Religionsstifter Krishna sie nach Garbes überzeugenden Ausführungen
verkündet zu haben scheint, nicht nur sehr natürlich in der letzten
Vedazeit erwachsen konnte, die an monotheistischen Neigungen und Ansätzen
auch sonst noch so manches aufweist, resp. in der Zeit des Übergangs vom
Veda zum Epos[36], sondern daß auch eine solche Religion sich recht einfach
und natürlich mit der Atman-Brahman-Lehre der Upanishads verbinden mochte,
weit natürlicher als mit einer ausgesprochen atheistischen Lehre, wie die
eigentliche Sânkhya-Philosophie dieselbe darbietet.
Gerade unter dieser Voraussetzung versteht man sehr viel besser, wie der
kraftvolle Theismus der Krishna-Religion, der innige Gottesglaube, die
hingebende Gottesliebe, die sogen. Bhakti der Bhâgavatas, sich unentstellt
auf der philosophischen Grundlage erheben und erhalten konnte, die man ihr
untergebaut hatte. Entwicklungsansätze und kräftig vorschreitende Gedanken
in ganz anderer Richtung waren damit, wie wir bereits bemerkt haben, nicht
ausgeschlossen[37].
Daß aber die _Gottesliebe_ nach der Bhagavadgîtâ der Gipfel aller Weisheit
ist, daß dieser erhabene religiöse Begriff geradezu den Grundton der
Bhagavadgîtâ bedeutet, auf den alles gestimmt ist, in dem alles ausklingt;
und daß gerade dadurch dies Gedicht als Lehrbuch der Bhâgavatas deutlich
hervortritt, hat Garbe selbst sehr eindrucksvoll geschildert. Die
Bhagavadgîtâ ist, wie er sagt, »das Hohelied der Bhakti, der gläubigen und
vertrauensvollen Gottesliebe. Sowohl auf dem Wege der Erkenntnis wie auf
dem der selbstlosen Pflichterfüllung führt die Liebe zu Gott mit
unbedingter Sicherheit zum Ziel. Von diesem Gedanken ist das ganze Gedicht
erfüllt, um ihn zu verkünden, ist es verfaßt worden«[38].
Das ist in der Tat der herzerwärmende, begeisternde Kern des herrlichen
Gedichtes, die zentrale Kraft desselben, die das Ganze durchstrahlt und in
Verbindung mit den erhabensten philosophischen Gedanken ihm immer aufs
Neue, in Ost und West, die Herzen erobert hat. Als die köstlichste Frucht
dieses Wunderbaums aus dem fernen Osten erscheint aber weiter jene reine,
strenge, erhabene, mannhaft tapfere Sittenlehre, deren wir bereits gedacht
haben, deren ganze Schönheit aber nur das Gedicht selbst offenbaren kann.
Ich verzichte darauf, den Inhalt desselben hier auch nur in flüchtigen
Strichen zu zeichnen. Es ist besser, den Text selbst reden zu lassen, auch
aus dem Grunde, weil eine eigentliche Gedankenentwicklung gar nicht
vorliegt. Gleich in seiner ersten Rede, ja in den ersten Versen derselben,
offenbart Krishna den innersten Kern seiner Weisheit, zu dem er auf den
verschiedensten Wegen immer wieder zurückkehrt. Es ist ganz richtig, was
_Richard Fritzsche_ in seiner schönen Besprechung von Deussens »Vier
philosophischen Texten des Mahâbhârata«, deren Perle ja die Bhagavadgîtâ
darstellt, darüber bemerkt[39]: »Die Texte lassen sich wie in Bibelsprüche
zerlegen und zeigen auch keinen eigentlichen Gedankenfortschritt, sondern
es ist, wie _Goethe_ im Westöstlichen Divan sagt«:
»Dein Lied ist drehend wie das Sterngewölbe,
Anfang und Ende immerfort dasselbe«[40].
BHAGAVADGITA
ERSTER GESANG
DHRITARASHTRA[41] SPRACH
Im heilgen Land, im Kuru-Land, zusammentreffend kampfbereit, 1
Was taten dort, o Sanjaya[42], die Meinen und die Pândava[43]?
SANJAYA SPRACH
Als nun Duryodhana[44] das Heer der Pândus aufgestellet sah, 2
Da trat er zu dem Lehrer[45] hin, der König, und sprach dieses Wort:
Sieh dort der Pându-Söhne Heer, o Lehrer, das gewaltige, 3
Von deinem Schüler aufgestellt, dem klugen Sohn des Drupada[46].
Da stehen Helden, Pfeilschützen, dem Arjuna und Bhîma[47] gleich, 4
Yuyudhâna[48] und Virâta[49] und Drupada, der Wagenheld.
Dhrishtaketu[50], Cekitâna[51] und Kâçis[52] heldenhafter Fürst, 5
Purujit[53] und Kuntibhoja[54] und Çâivya[55] auch, der Männerstier.
Yudhâmanyu, der tapfre Held, und Uttamâujas[56], kraftbegabt, 6
Subhadrâs Sohn[57], der Drâupadî Söhne[58], auf hohen Wagen all.
Die Besten aber auch bei uns nimm, bester der Brahmanen, wahr, 7
Die Führer dieses meines Heers, -- dich zu erinnern, nenn' ich sie:
Du selbst und Bhîshma[59], Karna[60] auch und Kripa, der im Kampfe siegt, 8
Açvatthâman[61] und Vikarna[62], wie auch des Somadatta Sohn;
Und viele andre Helden noch, ihr Leben opfernd meinethalb. 9
Schwingend der Waffen mancherlei, sie alle mit dem Kampf vertraut.
Nicht ist genügend unser Heer, ob Bhîshma auch sein Führer ist, 10
Genügend aber ist ihr Heer, an dessen Spitze Bhîma steht.
In all den Heeresreihen hier am rechten Platze aufgestellt, 11
Sollt denn ihr all, wie viel ihr seid, den Bhîshma schützen, wie ihr könnt.
Drauf ihm erweckend Kampfesmut blies laut das Muschelhorn der Greis, 12
Der hehre Ahn des Kuru-Stamms[63], daß es wie Löwenbrüllen scholl.
Die Muscheln und die Pauken drauf, die Trommeln und Drommeten all, 13
Die wurden da mit Macht gerührt, daß zum Getöse wuchs ihr Schall.
Auch Krishna und des Pându Sohn[64] bliesen die Himmelsmuscheln laut, 14
Auf hohem Wagen stehend da, von lichten Rossen fortgeführt.
Krishna die Dämonsmuschel[65] blies, die Gottgeschenkte Arjuna, 15
Die große Muschel Pâundra blies der Schreckensmann Wolfseingeweid[66].
Die Siegesmuschel blies der Fürst, der Kuntî Sohn Yudhishthira, 16
Doch Nakula und Sahadev[67] auf Tonreich und Juwelenblüt.
Der Kâçi-Fürst, der beste Schütz, und Çikhandin[68], zu Wagen hoch, 17
Virâta, Dhrishtadyumna und Satyakas unbesiegter Sohn[69];
Drupada samt der Enkel Schar[70] und Abhimanyu, starken Arms, 18
Sie bliesen all, o Erdenherr, auf ihren Muscheln hier und dort.
Und dies Getön zerspaltete der Dhritarâshtra-Söhne Herz, 19
Da es den Himmel und die Erd' von wirrem Lärm erdröhnen ließ.
Als Arjuna nun vor sich sah der Dhritarâshtra-Söhne Schar, 20
Und der Geschoße Regen schon begann, hob er den Bogen hoch;
Sodann, zu Krishna hingewandt, sprach er dies Wort, o Erdenherr[71]: 21
Inmitten beider Heere hier halt', Ewiger du, den Wagen an!
Bis ich mir diese angesehn, die kampfbegierig stehn in Reihn, -- 22
Mit wem ich denn da kämpfen soll im heißen Mühen dieser Schlacht.
Zum Kampf bereit seh' ich sie stehn, die hier am Ort versammelt sind, 23
Dem argen Dhritarâshtra-Sohn[72] im Streite ihren Arm zu leihn.
Also gemahnt von Arjuna hielt Krishna gleich, o Bhârata, 24
Inmitten beider Heere dort den herrlichsten der Wagen an.
Vor Bhîshma und vor Drona dann, und vor den Erdenherrschern all, 25
Sprach er: Sieh, Sohn der Prithâ[73], dort herbeigeströmt der Kuru Schar!
Da sah der Sohn der Prithâ stehn die Väter und Großväter dort, 26
Lehrer, Brüder und Oheime, Söhne, Enkel und Freunde auch;
Schwäher wie auch Gefreundete, in beiden Heeren gleicherweis; 27
Als alle die Verwandten dort der Kuntî Sohn kampffertig sah,
Von höchstem Mitleid übermannt, sprach er kleinmütig dieses Wort: 28
ARJUNA SPRACH
Ich sehe der Verwandten Schar, o Krishna, kampfbereit genaht,
Da werden meine Glieder schwach und es verdorret mir der Mund, 29
Ein Zittern geht durch mein Gebein und meine Haare sträuben sich;
Gândîva[74] sinkt mir aus der Hand, die Haut an meinem Körper brennt, 30
Nicht länger kann ich aufrecht stehn, wie unstät irrt mein Geist umher.
Und Zeichen schau ich, aber ach, gar böse Zeichen, Keçava[75]! 31
Kein Heil mehr seh' ich, wenn im Kampf ich die Verwandten umgebracht.
Krishna, den Sieg begehr' ich nicht, noch Herrschaft, noch die Freuden all! 32
Was soll die Königsherrschaft uns, was der Genuß, das Leben selbst?
Um derentwillen wünschenswert Herrschaft, Besitz und Freuden sind, 33
Die stehn in Reihen hier, im Kampf aufopfernd Leben, Hab und Gut.
Lehrer, Väter und Söhne sind's und ebenso Großväter auch; 34
Oheime, Schwäher, Enkel sind's, Schwäger wie auch Verwandte sonst.
Diese zu töten wünsch' ich nicht, und sollten sie mich töten auch, 35
Selbst um der Dreiwelt Herrschaft nicht, -- wie denn um Erdenherrschaft nur?
Wenn Dhritarâshtras Söhne wir gefällt, wie würden je wir froh? 36
Die Sünde haftete uns an, wenn diese Gegner wir gefällt.
Darum nicht dürfen töten wir der blutsverwandten Kuru Schar; 37
Wenn wir den eignen Stamm gefällt, wie könnten je wir glücklich sein?
Und wenn auch diese es nicht sehn, durch Gier beraubet des Verstand's, 38
Daß Sünde im Verwandtenmord und Schuld in Freundeskränkung liegt;
Wie sollten wir's verstehen nicht, vom Bösen uns zu wenden ab, 39
Die wir doch den Verwandtenmord als Sünde deutlich vor uns sehn?
Bei Stammesmord zu Grunde gehn die alten Stammespflichten auch; 40
Ist dies geschehn, bemächtigt sich das Unrecht bald des ganzen Stamms.
Dann, durch des Unrechts Übermacht, sind bald verderbt des Stammes Frau'n, 41
Und sind die Frauen erst verderbt, tritt auch die Kastenmischung ein.
Die Mischung führt zur Hölle hin die Stammesmörder wie den Stamm; 42
Verlust der Manenopfer stürzt die Väter aus der Sel'gen Reich[76].
So durch der Stammesmörder Schuld, die selbst zur Kastenmischung führt, 43
Auflösen sich die ewigen Standes- und Stammespflichten all.
Wo aber in der Menschenwelt die Stammespflichten aufgelöst, 44
Folgt unausweichlich Höllenpein als Strafe -- also hörten wir.
O weh, wie schwere, sünd'ge Tat sind wir entschlossen hier zu tun, 45
Da aus Begier nach Thron und Glück wir morden wollen unsern Stamm!
Wenn wehrlos, ohne Widerstand, die Dhritarâshtra-Söhne mich 46
Erschlagen wollten in dem Kampf, -- fürwahr, mir würde wohler sein!
SANJAYA SPRACH
So sprach im Kampfe Arjuna und ließ im Wagen nieder sich, 47
Ließ fahren Pfeil und Bogen da, durch Schmerz verwirrt in seinem Geist.
ZWEITER GESANG
SANJAYA SPRACH
Als so von Mitleid übermannt und tränenüberströmten Aug's 1
Arjuna in Betrübnis sank, sprach Krishna zu ihm dieses Wort:
DER ERHABENE SPRACH
Woher kommt dieser Kleinmut dir im Augenblicke der Gefahr? 2
Unrühmlich und unwürdig ganz des edlen Manns, o Arjuna!
Verbanne die Unmännlichkeit! Sie ziemt dir nicht, o Prithâ-Sohn! 3
Die Schwäche, die erbärmlich ist, gib auf! Erhebe dich, du Held!
ARJUNA SPRACH
Wie soll ich hier in diesem Kampf den Bhîshma und den Drona auch, 4
Die beide ich verehren muß, mit scharfen Pfeilen greifen an?
Weit besser, die hochwürd'gen Lehrer schonen 5
Und Bettlerbrot auf dieser Erde essen!
Denn töt' ich sie, ob sie auch schätzelüstern,
Mit Blut befleckt fortan wär' meine Speise!
Wir wissen's nicht, was mehr uns würde frommen, -- 6
Wenn wir die Sieger -- wenn wir die Besiegten?
Was soll das Leben uns, wenn wir getötet
Die Kuru-Söhne, die dort vor uns stehen?
Die jammervolle Lage bricht mein Wesen, 7
Die Pflicht verwirrt sich mir, -- ich muß dich fragen:
Was wär' die bessere Entschließung? sag mir's!
Dein treuer Schüler bin ich, -- lehre _du_ mich!
Nicht seh ich, was den Gram mir je verscheuchte, 8
Der meine Sinne ganz ausdörren müßte, --
Erlangt' ich auch der Erde reichste Krone,
Ja, bei den Göttern selbst die Oberherrschaft;
So sprach der Ringellockige, der Held, zum ew'gen Gott gewandt; 9
Ich will nicht kämpfen! -- also rief noch einmal er, dann war er still.
Doch lächelnd sprach zu ihm darauf, als er ihn so voll Kleinmut sah, 10
Inmitten beider Heeresreihn, der heilge Krishna dieses Wort:
DER ERHABENE SPRACH