Unter vielen Namen wurde diese schöpferische Pause immer wieder und

wieder erkannt. Mit dem Namen +Wissen+ bekommt sie nunmehr ihren

umfassendsten Sinn. Wissen ist allerdings Macht, aber Macht aus der

Ruhe. Dieses letzte Wissen ist +nicht+ notwendig an irgendwelche

Einzelfähigkeiten gebunden, kann nicht gelernt werden, geübt werden,

ist überhaupt willensmäßig nicht zu erreichen, und braucht sich

schließlich auch nicht notwendig in Tat umzusetzen. Sondern dem

Menschen, dessen Leben nach seinem eigenen Gesetz schwingend geworden

ist, können alle Dinge zu +gewußten+ werden, beliebig, sobald er in die

Tiefe seines Bewußtseins hinabsteigt. Irrtum, Täuschung, Nichtwissen

bedeutet dann nur: nicht tief genug hinabgelangen in die Ruhelage,

bedeutet eigenwilliges und freilich oftmals sehr notwendiges Verharren

in irgendwelchen oberen Zwischenschichten.

Das Hinabschwingen in die Tiefen des eigenen Blutes, das Eingehen in

die Atempausen, das Versinken in Tiefschlaf, das Schweigen und innere

Verstummen, aus dem ein Werk aufwächst, die Tiefe der Inbrunst, aus der

die Liebe sich fortgesetzt erneuert ... es ist immer dieselbe Tiefe

der schöpferischen Pause. Diese schöpferische Pause schien bisher

unter allen diesen Benennungen gerade im +Dunkel des Unbewußten+ zu

sein. Was ist dunkler als Blut, als inbrünstige Liebe! Es schien dies

alles als Gnade, als Gottesgabe, als das, was alle Religionen letzten

Endes verehren; die dunkle schaffende Kraft hinter aller lichtbewegten

Gestaltung. Spüren, ahnen, glauben waren die Worte, die diesen Abgrund

des Unbewußten umkreisten.

Doch all dies Unbewußte kann +Gewißheit+ werden. Unsere Worte: Wissen,

Bewußtsein, reichen lange nicht mehr weit genug, diesen Zustand des

Gewißwerdens zu bezeichnen. Sie sind schwach und geringfügig geworden

infolge des verengten und gestrafften Lebens der nördlichen Menschen.

Die Menschen haben den Mut zur Gewißheit des Wissens verloren, weil

sie allzu lange gezählt und gemessen, zerbohrt und zerteilt und

zergliedert, geprüft und gezweifelt haben, wo doch eigentlich alles

zu Tage tritt, unzerlegbar und ganz mit der strahlenden Gewißheit des

Einmalig-Lebendigen. Das Wissen bekam so etwas Lauerndes. Den Dingen

ihre Geheimnisse ablauschen, eindringen in ihre Zusammenhänge, das war

das Streben der Menschen, die sich die Wissenden nannten und als Hüter

des wissenschaftlichen Gutes galten. Sie wollten überwältigen, sie

wollten herrschen über das, was sie mit ihrem Wissen durchschauten.

Dies Herrschgelüste war ja der Grund, weswegen das Wissen Marktware

wurde, ein Gegenstand, der für Geld zu kaufen ist und Geld einbringt.

* * * * *

Die entscheidende Wendung, auf die ja jetzt alle Einzelnen wie alle

Völker so inbrünstig warten, kann erst geschehen, wenn Wissen wieder

den umfänglichen Sinn von Weisheit in sich schließen wird. Wissen,

Bewußtwerden, Weisheit, ist der Weg, der zu dem wissenden Abbau des

eigenen Lebens und also zum bewußten Tode führt.

Hier ist die Aufgabe des Erziehers, das ganze junge Leben durch die

Übermittlung des Wissens dem +Tod entgegen zu entspannen+. Es gilt die

jungen Menschen die Fähigkeit zu lehren, daß sie nicht nur aus einem

dunklen Drang in ihre schöpferische Ruhelage hinabzuschwingen vermögen,

sondern hell und klar +wissen+, was sie damit tun und zu welchem Ende

es führt. Leben lernen war der +eine+ Blick, unter den alle bisherigen

Gedankenführungen fielen. Sterben lernen ist der +zweite+ Blick, unter

den diese Gedankenführungen fallen. Der Bildung zum Leben steht die

Erziehung zum Tode gegenüber. Und dies zweite macht die schwierigere

Hälfte der Führungskunst aus.

Zunächst einmal dies zweite gehört untrennbar zum ersten. Wie der

Schatten zum Licht, wie das Tal zum Gebirge. Die Erziehung zum Tode

darf also niemals aufgespart werden. Sie muß immer zugleich da sein mit

der Bildung zum Leben. Alles was bisher gesagt wurde, wäre für sich

allein Lüge ohne die nunmehr folgende Ergänzung. Aber auch umgekehrt:

der schließende Teil dieser Gedankenfolge hat für sich selbst keinen

Sinn, sondern nur im Zusammenhang mit dem Vorhergegangenen. Es ist

nicht so, als könnte der junge Mensch zunächst einmal leben lernen

gewissermaßen im Treibhaus seiner jugendlichen Kraft und Schönheit.

Dieser Fehlgedanke liegt sehr nahe. Die Jugend, die jetzt jung ist,

hängt sehr fest im Leben. Mehr noch als sonst eine Jugend. Die

großen Sterbezeiten führen da, wo sie zu Ende zu gehen scheinen,

diese Erscheinung notwendig mit sich. Wie viele sind sinnlos leicht

gestorben, ohne zu wissen, was das Leben wert ist. Nun ist es, als

ob das Leben selbst sich empört hätte, als es sein Gut überall

leichtsinnig und unerkannt verschüttet sah. Zeit der Stauung kommt.

Aufbäumung des Lebens gegen den Tod. Stolze, schöne, eigenwillige

Menschen überall, die aber nicht mehr die Beugekraft der Hingabe

besitzen, Vereinsamte, die nicht mehr lieben können. Das sind die

Übriggebliebenen, Brüder von denen, die so jung und zu leicht und viel

zu unwissend gestorben sind.

Das hingebende Wissen, d. h. der wissende Abbau zum Tode ist das, was

ihnen allen not tut. Nur das Wissen, das Verbindungen schlägt, das

Zusammenhänge schafft, also das Ich des Menschen in die Dinge hinein

erweitert und auflöst, hat den großen entspannenden Wert. Was als

Wissen in den Schulen übermittelt wird, bewirkt das Gegenteil. Es macht

gerade zu Besitzenden, die rund und geschwollen von den Wissensstoffen

werden, daß sie ihr eigenes kleines Leben ängstlich festhalten und

niemals das große Leben durch sich hindurchfluten lassen. +Unter

sich+ zusammenhanglos werden die einzelnen Wissenschaften gelehrt

und auch mit den +Lernenden+ nicht in Zusammenhang gebracht. Man

rechnet hier ziemlich leichtsinnig auf die Selbsttätigkeit der jungen

Menschen, während man sie ja sonst auf allen Gebieten, wo sie wirklich

selbsttätig sein können, gängelt. Man beschränkt sich darauf, in den

jungen Köpfen Wissen von ganz verschiedener Art und Gestalt zu häufen:

Geschichte, Physik, Botanik, fremde Sprachen. Fragt man ein Schulkind,

was es eigentlich gelernt hat, so ist die Antwort: in Physik haben wir

jetzt gerade das Gay-Lussacsche Gesetz gehabt, in Geschichte haben wir

das Zeitalter des Perikles gehabt, in Latein haben wir den accusativ

cum infinitiv durchgenommen. Wenn das Kind fleißig ist, kann es das

alles auch hersagen.

Hier ist dann eigentlich überhaupt kaum mehr zu den Zusammenhängen

durchzudringen. Das Kind würde höchst erstaunt sein, wenn man es durch

Fragen dahin lenken würde, die Verbindung zwischen einem physikalischen

und einem grammatischen Gesetz etwa von selbst aufzusuchen. Physik

ist ihm eben Physik, und Latein ist ihm Latein. Für jedes Fach muß er

besonders lernen, mehr oder weniger, je nach seiner Begabung. Aber

es ist unmöglich zu verlangen, daß es von selbst dazu kommt, die

Wissenszweige als miteinander verbundene +menschliche+ Kulturgüter zu

begreifen und also den Punkt zu finden, wo das alles in ihm selbst

verwurzelt ist. Und doch kommt es +nur+ darauf an.

Diese ganze in den Schulen sich so ernsthaft gebärdende Methode,

Wissenschaft zu häufen und zuvor erst noch in kleinste Teile zu

zerpflücken, züchtet recht eigentlich ein +Verharren+ in +kindischem+

Wesen, einen Zustand, für den das Fachwort +Infantilismus+ sehr

zutreffend ist. Die für den Kindergarten und die Spielschule der

jüngeren Kinder +sehr+ richtige Methode, +spielend+ Stoff zu häufen,

wird ausgerechnet an den Stoffen geübt, die einzig und allein eine

spielende Behandlung sehr +schwer+ vertragen, ja ausschließen, an den

Wissensstoffen. Alle +künstlerische+ und +handwerkliche+ Tätigkeit kann

ohne Schaden für die Sache spielend von dem kleinsten Kind versucht

und spielend geübt werden, weil das Wesen dieser Dinge Spiel ist. Aber

ein philosophisch oder gelehrt spielendes Kind wirkt widersinnig,

ja grauenhaft und frivol. Deshalb sind lernende Schulkinder, die

eigentlich spielen müßten und nun spielend das Wissen zerhacken, ein

so erschütternder Anblick. Denn das wahre Wissen ist todernst und der

Gegenpol zu jedem Spiel, nämlich ausdruckslos tief. Wissen ist kein

Kinderspiel. Die zu früh aufgelegte Wissenslast läßt die Menschen nicht

wachsen, läßt sie vielmehr zwergenhaft verkümmern. Die abgemüdeten und

augenschwachen Gesichter und die gebeugten Rücken und dünnen Hälse

heutiger Schulkinder sind Beweis genug.

+Jugend+ ist +stark+. Sie würde vielleicht sogar +diesen+ Widersinn

überstehen, wenn nun wenigstens zur Zeit der Geschlechtsreife eine

Umstellung erfolgen würde. Aber hier geschieht das entscheidend

Verderbliche. Das Wissen wird auch von da an weiter spielerisch

kindisch in den einzelnen Fächern zerpflückt. Man läßt die jungen

Menschen die Wissensstoffe weiterhin zusammenhang+los+ in sich

aufhäufen. Und so wird erreicht, daß die jungen Menschen in ihrer

stärksten schöpferischen Zeit kindisch und interesselos herplappern,

was ihnen eigentlich die erlösende Brücke in die umgebende Welt

sein müßte. Das stärkste Mittel, aus der Enge des eigenen Selbst

sich zu entspannen, das wissende Begreifen, wird zu nutzlosem Spiel

verschwendet.

* * * * *

Hier gibt es nur eins: entschlossener Widerstand, Bruch mit der

bisherigen Art der Erziehung. Nicht aus Mißachtung der Wissenschaft,

sondern gerade aus dem tiefen Glauben an den Erlösungswert des wahren

Wissens. Der Führer zum Leben muß die +Erlebnisse+ des jungen Menschen,

welche die erste Entspannung durch Wissen herbeiführen werden, von

Anfang an genau beobachten. Er muß sie in sich selbst mit erleben und

in Reihe bringen. Es handelt sich hier um das In-reihe-bringen der

nachdenklichen, der tiefen Stunden im Leben des Kindes. Alle Kinder

haben von klein auf solche Stunden, öfter oder seltener, je nach der

Anlage. Die Kinder mit großer Lebenskraft haben solche Stunden selten,

aber meist sehr intensiv, die mit geringerer Kraft öfter, aber mit

weniger Nachdruck. Es sind dies die Stunden, wo das Wissen vom Tode

sich zum ersten Mal ankündigt. Der Erzieher kann es fast mit den Augen

sehen, wie das Kind in solcher Stunde durch die Nebelschutzhülle des

Selbst aus sich herausgreift: tastend, fragend: Was ist das? Warum das?

Hier ist der Ort, wo die +Frage+, die erste echte notwendige Frage

entsteht. Diese echte Frage kommt aus dem Grunde des Selbst und darf

nicht verwechselt werden mit den spielerischen Frageformeln der

gewöhnlichen kindlichen Rede. Unter tausend Fragen kommt vielleicht

eine einzige aus dem Grunde, alle anderen hängen wie schillernde Blasen

an der Oberfläche. Alle diese +oberflächlichen+ Fragen verlangen auch

nur spielende Beantwortung. Viel zu ernst nehmen viele Eltern und

Erzieher solche Fragen des Kindes. Das Kind fragt ja meist nur, um sich

bemerklich zu machen, will damit sagen: ich bin auch noch da. Und dies

kann ihm der Erzieher natürlich auch auf andere Weise bestätigen als

durch eine wohldurchdachte Antwort. Menschen, die pedantisch an einem

viel zu engen Wahrheitsbegriff festhalten, fühlen ihr Gewissen sich

regen, wenn sie auf eine Frage nicht gleich wahrheitsgemäß antworten.

Es sind dieselben, die Märchen unwahr schelten, die Lüge und Geheimnis

verwechseln, die lachenden Ernst nicht kennen. Die meisten Fragen

wollen +nur+ gehört, +nicht+ beantwortet werden.

Ganz selten einmal kommt aber doch unter den hundert anderen die eine

echte Frage auf und die gilt es dann festzuhalten. Wo jede Frage des

Kindes +gleichmäßig+ sorgfältige Behandlung findet, ist es unmöglich,

Unterschiede in der Bewertung der Fragen zu machen. Man erklärt und

antwortet dann einfach immerfort und betont die Antwort auf die

wesentliche Frage gar nicht stärker als die Antwort auf die anderen

Fragen.

Wahllosigkeit in der Beantwortung frühester Kinderfragen ist in der

Tat sehr viel schuld an der allgemeinen Gleichmacherei heutiger Zeit.

Unterscheidungsvermögen, Bewertung, Urteil kann den Kindern nur

anerzogen werden, wenn sie schon sehr früh aufmerksam werden auf die

Schichten verschiedener Tiefe in ihnen selbst, aus denen ihre Fragen

kommen. Und das kann eben wieder nur geschehen durch eine +verschieden+

betonte Beachtung ihrer Fragen. Die Bewertung der Fragen muß also sehr

verschieden sein. Die obersten Schichten der Fragen kommen unmittelbar

selbsttätig hervor unter dem mehr oder weniger leichten Druck der

alltäglichen Freuden und Leiden des Lebens. Diese Fragen bezeugen

zugleich die durchschnittlich sehr hohe Anteilnahme jedes Kindes an der

Außenwelt. Fragt es, so will es damit sagen, dies Ding macht mir Spaß,

oder das tut mir weh.

Die oberste Schicht der Fragen stammt noch aus der Zeit, wo das Kind

vollständig in den dunklen Besitzwünschen seiner vorgeburtlichen Zeit

befangen war. Den allerersten, besitznehmenden, hinzeigenden Gebärden

des Kindes entsprechen seine ersten Worte: da ... da. Es will damit

zeigen, was es haben will. Zunächst gibt es da keine Frage, alles

ist fraglos gewiß. Auch die Fragenschicht bei dem etwas älteren

Kinde hat noch nahezu den gleichen, hinweisenden Gewißheitswert.

Aber es mischt sich doch bereits das erste, leise +Erstaunen+ mit

hinein und verwandelt so das einfach hinweisende +Da+ in das +Was

ist da+. Das heißt, der andere soll doch auch hinsehen, was da so

Seltsames ist. Das Staunen entsteht also aus einer, wenn auch noch so

leisen +Stauung+ des bis dahin allumfassend gewesenen Besitzwunsches

und findet damit zugleich die erste Form der Mit-Teilung in dem

fragenden Tonfall. Diese erste Stauung, Formprägung, Mitteilung ist

für die Geschichte der Menschen von so gewaltiger Bedeutung wie in

der Erdgeschichte die erste leichte Krustenbildung über der feurigen

Kugel. Diese erste Kräuselung bedeutet Anfang und Bedingung für jedes

selbständige Einzelleben. Die staunende Regung in der Frage des Kindes

muß also vor allen Dingen durch die Antwort befriedigt werden. Nicht

Erklärung, sondern Mit-Staunen, Mit-Freude, Mit-Leiden sind die beste

Antwort. Nur Eltern und Erzieher, für die die Dinge selbst noch höchst

staunenswert sind, können allerdings von innen her die Fähigkeit

aufbringen, sich mitzufreuen restlos und vorbehaltlos, weil auch für

sie das Leben in seinem Kern unerklärlich geblieben ist. Wo ein Mensch

sein Leben schon so zersetzt hat, daß er sich nicht mehr staunend in

überströmender Freude einer einzelnen Erscheinung oder auch einem

großen zusammenhängenden Geschehen hinzugeben vermag, ist er als

Erzieher nicht mehr geeignet. Dies ist vielmehr der Prüfstein aller

erzieherischen Fähigkeiten. Nur dieses Vermögen zur unbedingten Freude

an den Dingen ermöglicht es, die Fragen des Kindes nach ihrer Schwere

zu sondern, die leichten spielend leicht dem Kind wieder zurückzuwerfen

und nur die wenigen schweren zu behalten.

* * * * *

Wie sind solche schwerwiegenden Fragen nun eigentlich beschaffen,

bei welchen Gelegenheiten kommen sie heraus? Solche Fragen tauchen

auf, immer da, wo das Kind in seine Ruhelage hinabschwingt, wo es

nach erregtem Spiel tiefatmend sich niedersetzt, am Abend eines

sonnedurchglühten Tages, in den Reifezeiten des Jahres und vor allem

zu Zeiten, in denen das Kind seinem Beschützer in kindlicher Inbrunst

zugetan ist. In diesen Zeiten muß der Führer ganz offen sein. In

solcher Ruhezeit sieht das Kind dann vielleicht zum ersten Mal ein

Tier, eine Katze oder einen Sperling +wirklich+ als ein Wesen außer

ihm, fern von ihm, nicht mehr als das selbstverständliche Besitztum

kindlichen Machtwillens. Es ahnt zum ersten Mal: fern von mir ganz

unbeteiligt und unbekümmert um mich geht dies alles da draußen seinen

Weg durchs Leben. Und es flüchtet sich die dunkle, die echte Frage

aus dem Innern des Kindes hilfeflehend an seinen Beschützer: Was

geschieht da so fern von mir? Hier geschieht in dem Kind selbst etwas

unsagbar Schmerzhaftes, etwas wie eine zweite Geburt. Der Abgrund des

Getrenntseins reißt sich auf. Dem Erzieher bleibt nur übrig, dem Kinde

auf solche ernsthaft fragende Regung hin zu bestätigen: Ja, dieses

Tier, dieser Vogel ist ganz und gar außerhalb deines Bereiches. Und

wenn du dich auch noch so sehr anspannst, du hast keine Macht darüber.

Ja, auch wenn du diesen Wesen etwas antun willst, wenn du sie quälst

oder tötest, tust du ihnen nur Unrecht an. Und du vermagst doch

niemals, sie zu besitzen. Höchstens sterben sie dir, und ihr Leben

zerrinnt dir dann unter den Fingern. Kindliche Grausamkeit hat hier, wo

die echte, die dunkle Frage auftaucht, ihren Ursprung und kann darum

niemals durch Verbot und Ermahnung bekämpft werden, sondern nur aus

dem Wissen heraus, wie schwer es ist, diesen Abgrund des Getrenntseins

zwischen sich selbst und den Dingen zu begreifen und anzuerkennen.

Grausamkeit ist ja nur das Nichtbegreifen, das Sichwehren gegen diese

Wahrheit. Es ist die Rache des Unwissenden, der sich an dem schuldlosen

Gegenstand vergreift, zu der Zeit, wo er merkt, daß er doch nicht

allmächtig ist.

* * * * *

Aus der Tiefe seines Wissens heraus muß der Erzieher in solchem

Augenblick und später bei ähnlichen Gelegenheiten immer wieder dem

Kinde das fremde Leben ringsum begreiflich machen.

Von Ehrfurcht war schon die Rede als von dem trennenden Wall

zwischen den Menschen, der die Liebe zueinander hemmt und doch

zugleich anwachsen läßt. Ehrfurcht in noch umfassenderem Sinn ist

das verbindende Medium zwischen den Menschen und allen Dingen. Wenn

die Erfahrung, daß die Dinge fern und fremd sind, dem Kinde nicht

mehr verschleiert ist, wird sich an einem schöpferischen Tage der

Besitztrieb stauen. Und wenn der Damm, der da entsteht, liebewärts

aufgestaut war, so wird nun damit in dem nachdenkenden Kinde das

wirkliche, das ehrfürchtige Wissen von den Dingen anwachsen.

Es gibt daraufhin vorbereitende Arbeit. Der Erzieher wird das

Gedächtnis des Kindes üben, indem er ihm die Dinge, nach denen es

erstaunt fragt, +benennt+. Benennung ist nicht Erklärung, soll

zunächst einmal nur die Fülle, die fremd vor dem Kinde da liegt,

zerteilen, gliedern, unterscheiden lassen. Nicht +näher+ soll ihm

das alles durch die Benennung gebracht werden. Es soll die Dinge an

ihrem Namen nur behalten und aufreihen lernen, wie es ihm beliebt.

Durch die Namengebung wird eigentlich den Wesen und Dingen ringsum

Ehrfurcht bezeugt. Menschen im Zustand von Begierde kommen noch nicht

zu eingehender Namengebung. Namen gibt man erst den Dingen, an denen

man Freude hat und vor denen man sich fürchtet. So kann im Kindesalter

Ehrfurcht hauptsächlich durch Namengebung vermittelt werden. Darum

ist es so besonders wichtig, daß dem Kinde auch +wirklich+ nur die

Dinge, nach denen es fragt und die ihm verwunderlich erscheinen,

benannt werden. Wo ein Kind mechanisch lernt, ohne vorher von seinen

staunenden Sinnen zu der Frage geführt zu sein, wird die Ehrfurcht vor

dem Ding dadurch von vornherein untergraben. Es lernt viel zu viele

Dinge benennen und erklären, ehe es sie überhaupt gesehen hat. Es wird

»blasiert«.

Das ist fast niemals wieder gut zu machen. Wenn es nämlich später

einmal das Ding in Wirklichkeit sieht, dessen Namen ihm schon bekannt

ist, ist seine staunende Regung abgestumpft. »Ach, das weiß ich

schon, das kenne ich schon« sagt es, kommt also gar nicht zur Frage

von innen heraus. Der vorher gewußte Name hindert zu der Wirklichkeit

und zu der Freude daran zu kommen. Und dies leiert sich dann so

weiter. Die heutige wissenschaftliche Bildung tut ja -- wenige

Ausnahmen abgerechnet -- die gleiche beschreibende, also gewissermaßen

vorbereitende Arbeit, ohne doch jemals zu dem eigentlichen Zweck der

Wissenschaft durchzustoßen. Es wird fieberhaft an dem »Rüstzeug«

für das Wissen gearbeitet. Aber das Rüstzeug wendet man nur immer

wieder an, um neues Rüstzeug damit herzustellen. Der Hochmut der

»wissenschaftlich Gebildeten« ist der zurückgebliebene Stolz, die

»Blasiertheit« der Kinder, die viel »wissen«, das heißt viel Namen

gelernt haben und dabei das Fragen gründlich +ver+lernt haben. Und

das alles geschieht, weil an der entscheidenden Stelle die Erziehung

versagte.

* * * * *

Zur Zeit der Geschlechtsreife wächst der Wissenstrieb mit einem

gewaltigen Schuß aus der Tiefe des Menschen. Das einzige Begehren

der jungen Menschen ist zu dieser Zeit: das Dunkel über ihre

Geschlechtlichkeit aufzuhellen, zu +wissen+, was mit ihnen vorgeht.

Darüber wurde schon gesprochen. Es muß noch einmal aufgegriffen werden,

soweit es sich hier um den Trieb zu +wissen+ handelt.

Der junge Mensch fühlt an seiner Geschlechtlichkeit sein Bewußtsein

überhaupt erst erwachen. Alles in ihm wandelt sich. Er muß darüber

staunen. Es wächst an, erfüllt ihn ganz und gar und wird nun in ihm

zu der brennenden Frage: Was ist das? Und daraufhin erhält er dann

entweder eine Antwort, die der heute geltenden Wirklichkeit vielleicht

gemäß sein mag, aber nicht der Wahrheit auf den Grund geht. Er wird in

»beschreibendem« Sinne geschlechtlich aufgeklärt. Er erfährt, +wie+ das

alles ist, keineswegs aber +warum+ das so ist. Die Folge davon ist,

daß er dann bald aufhört, zu fragen, weil ihm eben alles fraglos wird.

Oder er erhält keine Antwort darauf, sondern muß seine gewöhnliche

Lernarbeit weitertun. Also ein viel zu schnelles und lediglich

beschreibendes Wissen oder gar kein Wissen überlichtet oder verdunkelt

sofort das eben erwachende Bewußtsein. Was wird daraus? Eitle,

blasierte, rücksichtslose Menschen, denen gar nichts mehr geschehen

kann, für die das Leben eine ganz selbstverständliche Rechenaufgabe

wird, auf der einen Seite. Finstere oder geduckte Menschen, die allen

anderen und sich selbst mißtrauen, auf der anderen Seite.

Hier hat der Führer zum Leben seine letzte Aufgabe, aus der

geschlechtlichen Frage über alle Vorbereitungen und Beschreibungen

hinweg zu der Tiefe des wahren Wissens zu führen. Dabei muß ihm

unablässig gegenwärtig bleiben, daß alle Fragen in dieser Zeit aus

dem Dämmern der geschlechtlichen Kräfte entstehen. Davon war schon

eingehend die Rede. Er muß ihnen Räume öffnen, die sie selbst dann

mit ihrer eigenen Fragekraft überspannen können. Das Kind hat vorher

gelernt, die Dinge ringsum zu benennen und aufzureihen und in diesem

untergeordneten Sinn zu wissen. Jetzt aber prallt die Frage: was ist

das, wirkungslos ab an der Härte der geschlechtlichen Problematik.

Beschreibende Aufklärung +kann+ hier nicht mehr genügen, weil ja zum

ersten Mal der Gegenstand der Frage sich nicht mehr +außerhalb+

befindet, sondern in dem fragenden Selbst, in seiner eigenen Tiefe

steckt. Helfen kann ihm jetzt nur Begründung, Entwicklung, Einsicht

in die Zusammenhänge. Mit jenem tiefen Bezug auf den Fragenden selbst

heißt die Frage jetzt einzig und allein: warum.

* * * * *

Zwei große Zusammenhangsreihen werden sich von nun an dem in einem

neuen Sinn Fragenden auftun. Die erste Fragereihe geht auf örtliche,

auf gleichzeitige Zusammenhänge, verbindet alles Gestaltete im

Raum unter einander und mit dem Schauenden selbst. Antwort auf die

Frage wird hier immer mehr oder weniger gleichnishaft bleiben.

Erkenntnis der Ähnlichkeit der Dinge in Gestalt und Lage, Erkenntnis

der Verwandtschaft in Stoff und Trieb und Richtung wird das bunte

Durcheinander ordnen und auferbauen, bis es licht und klar und einfach

erscheint. Hier kann die Naturwissenschaft, wenn sie sich über die nur

benennende, beschreibende Vorform erhoben hat, als +Formenlehre+ in

einem umfassenden Sinn Aufschluß geben.

Die Verwandtschaft der Formen in der Erscheinung der Dinge wird

aber dem Fragenden nicht genügen. Fragt er weiter, so stößt er auf

die zweite Reihe, auf die zeitlichen Zusammenhänge der Dinge. Das

Schaubare, Gestaltete ist ja nicht nur räumlich verbunden, ist nicht

nur einander ähnlich und verwandt in seiner Erscheinung. Es gibt auch

unsichtbare Zusammenhänge in die Tiefe der Zeit hinein. Zusammenhänge,

in denen gewissermaßen ein Verbindungsstück zu fehlen scheint.

Entwicklung, Geburt und Wiedergeburt, die Ursächlichkeit der Dinge

wird hier Problem. Die Antwort gibt sich hier nicht in gleichnishafter

Form sondern in Form des Schlusses. In den Geisteswissenschaften, den

Kulturwissenschaften, in der Geschichte können hauptsächlich solche

zeitlichen Zusammenhänge vermittelt, solche ursächlichen Probleme

gestellt werden.

Die schöpferische Pause · 第 10 / 11 段