Zunächst muß noch einmal von hier aus Rückwärtiges beleuchtet werden.

Wenn der Erzieher in dem Knaben gegenüber der leidenschaftlichen Gier

sich zu vergessen jenes zweite von Natur aus schwächere Gefühl: Gefäß

zu sein für seine eigenen immer wachsenden Kräfte, ausspielt und stark

macht (und gerade dies ist ja Sache der Erziehung), stärkt er damit die

weiblich gerichteten Kräfte des Knaben. Inbrunst schwingt stets nach

der weiblichen Seite hin. Und so kann es kommen, daß der Knabe in dem

meist so kurz dauernden Zustand seiner vollendeten Knabenhaftigkeit

in sich selbst den Ausgleich zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit

vollbringt und darstellt. Er ist das inbrünstige Gefäß für seine

eigene leidenschaftlich schwellende Kraft. Erklärt ist daraus, daß die

Knaben sich zu dieser Zeit gerade von Mädchen abgestoßen fühlen. Sie

brauchen sie nicht, weil sie ja genug von weiblicher Kraft in sich

haben. Kurz ist dieser Zustand meist und hört auf in dem Augenblick,

wo sich seine Leidenschaft nach außen wendet, wo ihn das ferne Sein

weiblicher Geschlechtlichkeit zum Ausbruch aus sich selbst lockt. Das

Mädchen in der Zeit seiner Reife stellt ebenso wie der Knabe eine in

sich geschlossene Einheit dar, die eine Zeitlang gar keine Berührung

von außen her verträgt. Scheue, herb abweisende Bewegungen kommen zu

dieser Zeit in die Gebärdensprache des Mädchens. Noch hilfloser als der

Knabe ist das Mädchen in seiner Unnahbarkeit und meist noch weniger

in ihrem Zustand geachtet. Die Mutter hat in den meisten Fällen ihr

eigenes schweres Leben die Not ihrer Jugend vergessen lassen, so daß

sie verständnislos bleibt. Statt Raum um das Kind zu breiten, jagt sie

es gerade zu den anderen Menschen hin. Man führt das junge Mädchen in

die Geselligkeit ein. Auch hier sonnen sich die Erwachsenen, die Mütter

an den Erfolgen ihrer Kinder, sind stolz auf die Liebe, die durch die

mädchenhaft verhaltene Schönheit erregt wird und wärmen an dieser Glut

Erinnerungsträume aus ihrer eigenen Jugend auf. Und dabei wird an den

Mädchen gezerrt und geschüttelt, geschmeichelt und verbogen, was nie

wieder gut zu machen ist. Wenige wehren sich dagegen und flüchten sich

hinter den Schutzwall der in ihnen liegenden männlichen Teilkräfte.

Sie werden dann meist spröde und unbeugsam. Die meisten geben es aber

von da an auf, einsam zu sein. Sie werden gefallsüchtig, lüstern und

sehen ihren Lebenszweck darin, andere Menschen anzulocken, je älter

sie werden desto absichtlicher und immer mehr mit der Entfaltung aller

Willenskräfte. Hier geschieht also dasselbe wie beim Knaben, die

Verwirrung des eigenen geschlechtlichen Rhythmus durch viel zu frühe

Willensentfaltung, und gerade dies ist das entscheidend Verderbliche.

Darin liegt ja auch der Grund, weswegen sie auch später über die

von der Natur gesetzten Inbrunstzeiten der monatlichen Reinigung

hinwegjagen. Sie müßten einsam sein können und ganz in sich selbst

beruhen in dieser Zeit, und gerade das haben sie nicht gelernt oder

längst verlernt. Bei allen Naturvölkern ist es Gesetz, daß die Frau zur

Zeit ihrer monatlichen Blutung von keinem Manne berührt werden darf,

ja nicht einmal in die Nähe eines Mannes kommen darf. Sie ist unrein,

sie geht in die Einsamkeit -- wie auch die Knaben zur Zeit ihrer Reife

in die Wälder geschickt werden. Dagegen ist in der europäischen Welt

der Zustand schließlich so geworden, daß die Frauen durch allerlei

Künste und Mittel voreinander und vor allem vor den Männern dieses

»Unwohlsein«, wie sie es nennen, zu verbergen wissen. So ist der

Eigenrhythmus der weiblichen Geschlechtlichkeit gerade an der Stelle

fast vollkommen zerstört, wo das Naturgesetz am offensichtlichsten

zutage treten sollte.

* * * * *

Die überwiegende Mehrzahl von Männern sucht nach einer ganz kurzen

und meist jäh gebrochenen Knabenzeit sogleich seine leidenschaftliche

Erfüllung in dem anderen Geschlecht. Die Schranke der Ehrfurcht vor

der Fremdheit der Frau hält also nicht mehr stand. Sie ist beim ersten

Ansturm gleich zerbrochen. Hemmungslos prasselt das nächste in das

fernste, verzischt und verbrennt. Der Frau wird Gewalt angetan. Sie

wird aus der inbrunstgerichteten Zeit willkürlich herausgerissen,

hinaufgerissen auf leidenschaftliche Höhe, meist ehe es von Natur so

weit gekommen ist. Seit Jahrtausenden ist das so. Hier gilt es, mit

aller Kraft den Wall der geschlechtlichen Hemmungen aufzurichten,

das Wissen von der Ferne weiblicher Geschlechtlichkeit, von der

Unnahbarkeit der Frau groß zu machen.

Nicht alle Männer brechen so frühzeitig und unhaltbar aus ihrer

Knabenzeit heraus. Gerade im Gegensatz dazu kann es geschehen, daß

sie schwer oder gar nicht daraus herauskommen. Sie vergessen es

gewissermaßen, aus der inbrunsttiefen Zeit ihrer schöpferischen Pause

aufzutauchen. Sie erstarren in ihrer knabenhaften Vollendung. Sie

fürchten sich davor, wieder in Stücke zu gehen und den verlorenen Teil

suchen zu gehen. So werden sie ängstlich in ihrer selbstgenügsamen

Vollendung. Mit ihrer wollenden Regung halten sie an ihrer Reinheit

fest. Immer bleiben sie Gefäß für ihre steigende und fallende Kraft,

aber langsam wird es ihnen überhaupt unmöglich, über ihren eigenen Rand

überzufließen. Zwischen dem zu frühen Ausbrechen aus dem Knabentum und

dem zu langen Verharren darin geht der Weg, den der Erzieher nur führen

kann, wenn er Knaben und Mädchen zugleich erzieht. Er braucht dann nur

die verschiedene Geschlechtlichkeit verschieden zu betonen, einfach

durch die verschiedene Art und Weise, wie er sich zu jedem Einzelnen

stellt. Und das wird beispielhaften Einfluß haben. Die Knaben wird er

in ihrer Männlichkeit lächelnd, schweigend, unmittelbar aus seiner

eigenen Männlichkeit heraus anerkennen. Dem Frauentum der Mädchen wird

er in jeder Gebärde selbst ehrfürchtig und scheu gegenüberstehen.

Seiner selbst ganz sicher und doch zugleich ganz und gar liebeweit

offene Frage, was da so fern von ihm und doch ihm zugewandt geschieht.

So werden die Knaben es dann auch machen. Sie werden die Scheu vor

dem Weiblichen von vornherein lernen. Ritterlichkeit nannte es eine

vergangene Zeit. Diese scheue Zugewandtheit zu dem anderen Geschlecht

wird jedes voreilige Zueinanderprasseln hemmen. Nicht nur die wilde

verfrühte Leidenschaftlichkeit, auch die heute aufgekommene ersatzhafte

Neigung zu allen möglichen Formen burschikoser Kameradschaftlichkeit

wird dadurch ausgeschlossen werden. Die Ferne des anderen Geschlechtes

wird weder rücksichtslos ausgelöscht, noch auch phrasenhaft vertuscht

werden, sondern wird ruhig und klar in ihrer ganzen Weite anerkannt

werden. Damit wird der Bogen des +Trotzdem+ immer mehr an Spannkraft

gewinnen. Die Ferne des anderen Geschlechtes wird nun immer heißer

begehrt werden. Aus der knabenhaften Selbstgenügsamkeit und

Ausgeglichenheit heraus wird sich die bewußt einseitige Männlichkeit

ausprägen und immer steigern. Und aus der mädchenhaften Sprödigkeit

und Herbheit wird Frauentum ausreifen. Diese gegeneinander sich

immer deutlicher ausprägende geschlechtliche Reife wird das Gefäß

ausgeglichener Selbstgenügsamkeit von Knaben- und Mädchentum an einem

Tage in gemeinsam aufspringender Leidenschaft sprengen. Aufhebung aller

eigensüchtigen, eigengewichtigen Schwere, Tod des Selbst wird sein.

Hier liegt die Gefahr, weil sich die zwei Menschen dem Gesetz der

wieder abschwingenden Kräfte meist nicht völlig fügen. Besonders der

Mann wird meist die Leidenschaft übersteigern. Mit Willen festgehaltene

geschlechtliche Leidenschaft scheidet aber sofort stärkstes Gift aus,

das die bindende Liebe augenblicks zerfressen kann. Hier muß die

Frau wissen, daß sie führend ist, führend sein muß. Die Frau allein

vermag aus der Tiefe ihrer geschlechtlichen Eigenart den Abschwung

der Bewegung einzuleiten. Der geschlechtlichen Art des Mannes

entspricht es ja von Natur eigentlich nicht zu hemmen, da gerade die

leidenschaftlichen Höhepunkte bei ihm Periode bilden müssen. Solange

die Frau an dieser führenden Stelle versagt, +ver+führt sie also zu

immer neuen, immer sich steigernden Zügellosigkeiten oder aber sie

zwingt dem Mann gegen seine eigene geschlechtliche Natur hier doch die

Zügel in die Hand, daß er sich besinnt in Augenblicken, wo es gerade

seiner Natur gemäß wäre, besinnungslos zu sein. Nur die Frau, die

gelernt hat, in ihre schöpferische Ruhelage hinabzugelangen, vermag

hier Führerin zu sein.

Die tägliche Erneuerung der Liebe

Alle die großen Schwingungen, der ganze Bogen des Liebeslebens, das

Schwingen der Lebensalter, schließlich die sexuelle Periode der Liebe

reichen noch nicht heran an das, was Liebe eigentlich ist, an das

tägliche Auf und Ab von Leidenschaft und Inbrunst. Nur jene ganz

kleinteiligen Schwingungen lassen mit Sicherheit spüren: hier in

diesem Augenblick ist -- war -- inbrünstige oder leidenschaftliche

Regung. In einem gefüllten Leben wechselt Einsamkeit mit Liebesregung

in einem ständig zuckenden Wechselstrom des täglichen Lebens. Wo einer

im täglichen Leben spürt, daß alle seine einsamen Stunden leer und

trostlos geworden sind, gibt es für ihn nur eins: sich ungehemmt der

inbrünstigen Liebesregung zu überlassen. Er ist dann geladen mit seiner

Einsamkeit und stark Liebe zu geben. Nichts ist sinnloser, als in

solchem Augenblicke sich selbst zu zwingen, an seinem Werk, an seiner

Ruhe festhalten zu wollen. Nur in der Hingabe besteht dann das Heil.

Aber umgekehrt gibt es nach jedem höchsten Augenblick gesteigerter

Liebesregung nur eins: sich fallen lassen in die Einsamkeit seines

Selbst. Einsamkeit ist die schöpferische Pause für die Liebe, und Liebe

ist die schöpferische Pause für die Einsamkeit. Es sind die Pole,

zwischen denen alle täglichen Regungen hin und her fluten. Wo dieser

Wechselstrom nicht strömt, wird das tägliche Leben sinnlos und quälend.

Unmittelbar nahe an der Wirklichkeit pulst für jeden Menschen dieser

Wechselstrom.

Zunächst ist jeder hier mehr oder weniger unterworfen dem Gesetz des

Sonnentages. Es gibt Zeiten des Tages, die liebegerichtet sind und

Zeiten, die das Selbst zur Einsamkeit drängen. Von den schaffenden,

den aufbauenden Zeiten des Tages wurde schon gesprochen. Jetzt muß

noch einmal davon gesprochen werden. Denn es sind zugleich die Zeiten

schöpferischer Pause, in denen die Liebe stark wird, ohne noch sichtbar

zu werden. In den Stunden einsamer Morgenarbeit (Arbeit ist immer

einsam, auch wenn sie mit anderen zusammengetan wird) ballt sich

hauptsächlich die Liebeskraft für den ganzen Tag zusammen. Am frühen

Morgen ist es das Bestreben des Menschen, mit sich allein zu sein, wenn

auch nur eine kurze Zeit. Menschen, die lange schlafen, werden dieses

Alleinsein weniger nötig brauchen, weil sie der Morgenschlaf genügend

isoliert und in die Tiefe ihres Selbst geführt hat. Später am Vormittag

kann sich jeder sehr viel leichter und sicherer zu dem anderen

Menschen finden. Er sieht ihn, hört ihn, spürt ihn um sich. Er tut

mit ihm gemeinschaftlich, was gerade not ist. Und er kommt ihm nahe.

Am Nachmittag wechselt der Strom öfter, der Nachmittag hat nach einer

kurzen Zeit der Ruhe im allgemeinen liebegerichtetes Vorzeichen, und

erst am späten Nachmittag, wenn die schöpferische Kraft wieder langsam

und zäh die Oberhand gewinnt, wird das Verlangen zur Absonderung wieder

stark werden. Doch hat der Wechselstrom am Nachmittag nicht mehr die

Stoßkraft wie am Morgen. Die Sonne verliert an Kraft und in demselben

Maße gewinnt der Mensch gewissermaßen Übergewicht über die tragenden

Kräfte des Sonnentages und so vermag er hier schon sehr viel leichter

den Wechselstrom nach seinem Willen zu lenken. So ist es begreiflich,

daß im gesamten Volksleben nachmittags Arbeit und Geselligkeit viel

mehr durcheinander geht als am Vormittag. Am Abend und in der Nacht

wird dieses Übergewicht des Menschentages über den Sonnentag noch

größer. Die Abende werden liebesbetont sein können oder auch werktätig

je nach der Eigengesetzlichkeit des einzelnen Menschenlebens. Erst in

der zweiten Hälfte der Nacht kommt »Es« wieder über den Menschen und

läßt einsame Arbeit erschlaffen oder die Liebesregung einschlafen.

Tiefschlaf kommt und bereitet die neue Morgeneinsamkeit vor.

* * * * *

Mit diesem Gesetz von Liebesnähe und Liebesferne innerhalb des

Sonnentages ist nur das allgemeine Schema zu geben. Der Führende wird

ganz sacht und sicher dafür sorgen müssen, daß die Morgeneinsamkeit

und die nachmittägliche Ruhe und die Zeit des Tiefschlafes, diese drei

großen Perioden der täglichen Liebesferne im allgemeinen innegehalten

werden. Das Bild der ganzen Tageseinteilung wird so im Großen stets

nach diesem umfassenden Gesetz geprägt sein müssen. Für jeden einzelnen

Menschen bleibt trotzdem das Wechselstromnetz von Liebesnähe und -ferne

unberechenbar und andersartig an jedem neuen Tage. Denn jeder wandelt

eben das Gesetz in seiner Weise ab. Es wird Tage geben, in denen die

Liebe ganz und gar überflutend den Tag in seiner Richtung ganz allein

bestimmt und es gibt Tage, die allein zur schöpferischen Arbeit oder

zur Versenkung in sich selbst bestimmt sind. Doch kann der Rhythmus des

Wechselstromes auch sehr viel zuckender gehen und vielmals am Tage von

einem Pol zum anderen überspringen. Das läßt sich weder vorher sagen

noch willkürlich beeinflussen. Wie die Pulsschläge des Herzens jagen

oder langsam werden, unberechenbar, unbeeinflußbar durch Willen, so

ist es auch mit dem Wechselstrom von Liebesnähe und -ferne in dieser

seiner kleinteiligsten Rhythmik. Wer hier seiner selbst sicher geworden

ist, braucht keine Furcht mehr zu haben, daß die Liebesferne einsamer

Stunden die Liebe selbst schädigen könnte. Nein, im Gegenteil, gerade

diese Zeiten sind ja Zeiten der Werbung. Wer in der Frühe die Vögel hat

singen hören, weiß es: Jeder Vogel ist ganz in sich selbst, in seiner

schwingenden Stimme, und doch dient dieses alles gerade zur Lockung des

anderen, es bedeutet nichts als Liebeswerbung. So ist es. Wo der andere

Mensch am fernsten ist und ganz in sich selbst zurückgezogen, wirbt er,

lockt er ungewollt und unbewußt am meisten, weil eben ganz aus sich

selbst.

Der Führende muß hier also vor allen Dingen die Furcht voreinander

entkräften, so daß jeder seiner Anvertrauten sich dem Wechselstrom gern

und willig überläßt. Falsche Liebe wird nicht mehr sein, kann nicht

mehr sein, wenn der junge Mensch täglich immer wieder ohne Scheu für

längere oder kürzere Zeit zu sich selbst kommt, wie sein Lebensgesetz

es verlangt. Die meisten Kinder geraten in ihrem täglichen Rhythmus

schon früh durcheinander. Entweder werden sie lieblos behandelt und

die Zeit, in der sie sich mit sich selbst beschäftigen müssen, wird

über Gebühr lang. So ist es vor allen Dingen in den unbemittelten

Schichten häufig genug. Sie leiden dann an Liebesleere. Ihr ganzes

Leben bleibt unerfüllt von Liebe. Und später versuchen sie dann, die

Liebe herbeizuzwingen oder sperren sich trotzig gegen jede Liebesregung

ab. Die Anderen aber, die Kinder reicher und unbeschäftigter Eltern

werden von den Erwachsenen gezwungen, auch in ihren einsamen Stunden

immer wieder Liebe an ihre Umgebung abzugeben. Man beschäftigt sich

dauernd mit ihnen. So werden sie zuletzt hungrig nach sich selbst

und schlaff und arm an Liebeswillen. Der Führer zum Leben muß nun

die Stunden des Tages wägen und niemals zulassen, daß das lebendige

Wechselströmen von einem Pol zum anderen aufhört. Auch muß er darauf

achten, daß die Umschaltung von Liebesnähe und -ferne beliebig schnell

geschehen kann. Dieses erfordert viel Übung. Was ehedem als Erziehung

zur Demut und Selbsthingabe, gesellschaftlich gesprochen, als Erziehung

zur Höflichkeit gelehrt wurde, hat den Übungswert, solche schnelle

Umschaltung gründlich zu lernen. Ein höflicher Mensch hat es infolge

seiner Übung erreicht, sich schnell aus der Selbstruhe oder aus

irgendeiner Arbeit loszumachen, um für den Anderen da zu sein. Nur ist

die Höflichkeit zu einer ein- für allemal gültigen Formel erstarrt.

Und damit wird ja gerade die lebendige Hingabe aus immer wieder neuem

Antriebe erstickt. Die Lust am Gekonntem, am Erlernten ist da zu groß

geworden. Hier bleibt die tägliche Aufgabe des Führenden, den täglichen

Verkehrston der miteinander lebenden und arbeitenden Genossen stets von

neuem auf eine ins Lebendige aufgelöste Höflichkeit abzustimmen. Nur

wenn er selbst vermag, leicht hinüberzuschwingen aus dem liebesfernen

in den liebesnahen Zustand, wird sein Beispiel stark genug wirken.

Er versagt in dem Augenblick, wo er zu schwerfällig in seinem Selbst

bleibt und zu langsam in seiner Bereitschaft.

* * * * *

Hier wird das Geheimnis des Miteinanderlebens im Tiefsten berührt.

Zwischen diesem Wechselstrom werden täglich alle Regungen der

Menschen hin und her getrieben und erscheinen in einem Augenblick als

selbsteigenes Werk und im nächsten Augenblick schon als Liebestat.

Das Fernste wird zum Nächsten und Unterschiede sind nicht mehr.

Öfter noch als der Atem, mehrmals in einer Atemsekunde vermag der

Mensch durch eine leichte Umstellung des Wechselstromes zu dem

Grunde hinabzutauchen, wo es keine Unterschiede mehr gibt zwischen

ich und du. Alles Vorhergesagte wird erst an dieser tiefsten Stelle

unmittelbar greifbar. Liebe ist ja nur in einem einzigen verfliegenden

Augenblick spürbar. In einem solchen Augenblick prallen die

Lebensalter aufeinander. Das menschliche Jahr spitzt sich in seiner

Liebesgerichtetheit vielleicht auf einen einzigen solchen Augenblick

zu. Die geschlechtliche Liebe bäumt sich im Augenblick auf. An jedem

Tage kann es unzählige Male zu solchem polaren Zusammenströmen und

Auseinanderströmen kommen. Zwischen inbrünstiger Gespanntheit und

leidenschaftlicher Opferung des Selbst ist das Wechselstromnetz der

liebesnahen und liebesfernen Augenblicke über alle Tage, Monate, Jahre

und Lebensalter des Menschen ausgespannt. Und immer ist der Augenblick

der Umschaltung, der als das Opfer der stets von neuem erzeugten

Wärme von dem +einen+ verlangt, von dem +andern+ geschenkt wird, der

+schöpferische+ Augenblick. Dies Innehalten ist zeitlich nicht mehr

merkbar, so kurz ist es. Es ist die schöpferische Pause in ihrer

flüchtigsten Form, der Blutwelle vergleichbar und wohl auch mit dem

flutenden Blut ein und dasselbe.

Erziehung zum wissenden Leben

Das Wissen ist ein Abbau des Eigenlebens in die Welt hinein. Es gilt

Brücken zu schlagen zwischen all den fremden Dingen ringsum und vor

allem von sich selbst zu diesen umgebenden Dingen. Nur wo dieses

Suchen der Zusammenhänge in dem Drang geschieht, sich selbst abzubauen,

sich liebend hinzugeben, wird die Kenntnis der Dinge zur wahren

Wissenschaft.

Alles andere, was unter dem Namen Wissenschaft heute erscheint, ist

die Überlieferung technischer Fähigkeiten aus einem Wissen heraus, das

der Mensch allmählich erlernt hat. Jede dieser Fähigkeiten erfordert

ein bestimmtes Fachwissen, das man auch außerhalb jedes Zusammenhangs

sich aneignen und üben kann, um dann damit zu arbeiten. All diese

sogenannten Wissenschaften, am offensichtlichsten die medizinischen

und juristischen Wissenschaften, aber auch alle angewandten

Naturwissenschaften und die übrigen Wissenschaften, so wie sie heute

meistens betrieben werden, sind eigentlich solche Fertigkeiten aus

Wissenschaft. Wenn diese Tätigkeiten recht betrieben werden, sind

es Auswirkungen des Menschen selbst, der sie betreibt, Früchte, die

abfallen von seinem Leben. Durch Schaffung günstiger Bedingungen kann

der einzelne Mensch sich so entwickeln, daß er zur Ausübung dieser

Fertigkeiten geeigneter wird als andere. So wie auch der Künstler

sich einer +bestimmten+ Kunst zuwendet und in ihr sein Werk schafft.

In gleichem Sinne könnte der Künstler von seiner Kunst als von seiner

»Wissenschaft« sprechen, denn er schafft ja auch nicht allein aus

sich heraus, sondern eignet sich zuvor und dann immer wieder die

Fähigkeiten der gesamten Vergangenheit an. Bei den meisten der kleinen

Künstler ist das vielleicht nicht so ohne weiteres sichtbar. Aber

schaut man zu den großen, so wird es klar. Leonardo hat den tiefen

Ernst wissenschaftlicher Methode in jedem seiner Werke enthalten. Auch

George besitzt diese herbe Sachlichkeit des wissenden Menschen durch

und durch. Und doch sind sie in jeder Linie ihres Lebens Künstler

geblieben, d. h. Schaffende aus sich selbst.

Grundsätzlich ebenso müßte es auch in allen jenen wissenschaftlichen

Fertigkeiten, in den Fachwissenschaften sein. Dann würden jene groben

Verzerrungen fortfallen, die heute das Leben aller fachwissenschaftlich

arbeitenden Menschen so unmöglich machen. Als Ärzte, als Richter,

als chemische, physikalische, technische Berater der Menschen würden

doch diese alle nur +sich selbst+ ausdrücken wollen und können. Mit

dem Mut zur freien Künstlerschaft! Nicht mehr gebunden an den Wahn,

als könnten sie in den Besitz eines außer ihnen selbst befindlichen

Haufens von Wissen gelangen, das allen anderen unzugänglich sei und sie

zu Auserwählten erhebe, weil sie nun lebenslänglich daraus schöpfen

könnten. Wissen sei Macht, sagt man und wiederholt man überall. So

ist es auch; aber es sollte damit sein wie mit dem Namen Gottes,

den man nicht unnütz brauchen darf. Unheil ist, wenn Wissen schon

von vornherein und allein zum Zweck dieser Machtausübung angeeignet

wird. Und so ist es ja fast ausschließlich heut geworden. Um Geld zu

erwerben, also um dem Anderen überlegen zu sein in der Lebensstellung,

ergreifen die Menschen heut eine Fachwissenschaft als Beruf. Überlegen

sein, mehr als die andern sein, das ist der Wunsch und die Sehnsucht,

die schon in die Kinder unserer hohen Schulen vom ersten Anfang an

eingepflanzt wird. Es ist dieselbe Sehnsucht, die als dunkle Erinnerung

an den vorgeburtlichen Zustand den Menschen zur Besitzergreifung des

anderen Menschen drängt. Schon die kleinen Schuljungen treiben ihr

Lernen ja wie sie ihre Markensammlung betreiben: mehr können, mehr

wissen, mehr haben als die andern, das vor allem läßt sie lernen,

darin werden sie groß gezogen, um es einst den Erwachsenen dann darin

gleich tun zu können. Wissenschaft wird eine möglichst unfehlbare

Vorbereitung zum Geldverdienen und zu Erlangung von Macht. Und die

wenigen, für die Machtübung in dieser primitiven Form nicht mehr den

allgewaltigen Reiz hat, machen ihre Wissenschaft zu ihrem Gott, den

sie anbeten, dessen selbst geschaffener Macht sie sich beugen, weil

sie das Verlangen haben, sich +irgendwem+ zu beugen. Sie sprechen von

der Disziplinierung des Geistes. Fragt man warum, so sagen sie: Eben

um des Geistes willen, um der Wissenschaft willen. Sie konstruieren

ein Gesetz, daß es notwendig sei, +das+ Wissen, +den+ Geist zu hüten,

zu überliefern, zu mehren. Als wäre der Geist, die Wissenschaft ein

Für-sich-selbst-bestehendes, dem man Opfer bringen müßte, um dann

freilich doch nach langem Dienst ein Auserwählter und Liebling dieses

Götzen zu werden und den wohlverdienten Lohn davonzutragen. Also +doch+

zuletzt Entgelt und Lohn!

In Wahrheit kann man doch in lernbaren wissenschaftlichen Fertigkeiten

immer nur sich selbst ausdrücken, genau nach Art des Künstlers.

Wo überhaupt ein Wissender nach +Ausdruck+ sucht, erweist er sich

eben gerade durch diesen Ausdruckswillen als ein +Werkschaffender+,

einer, dessen Kraft gestaltend überquillt und der eben +nicht+ an dem

schauenden Wissen genug hat.

Wahre Wissenschaft will aber nicht mehr Ausdruck, sondern Schweigen.

Wahres Wissen ist streng genommen unüberlieferbar und stirbt mit dem

Menschen, der weiß, unausgedrückt und unausdrückbar durch ein Werk oder

eine Lehre, höchstens hier und da erkennbar in dem Gesamtleben dieses

wissenden Menschen. Alles was +überlieferbar+ ist, also in die Form des

Gekonnten, des Fertigen, des Systems übergegangen, erweist sich damit

nicht mehr als Wissen im Sinn eines unbezweifelbaren Gewißseins. Die

spielende Lust des Gestaltungstriebes hat es vielmehr aus dem Dunkel

der Gewißheit heraufgerissen.

Hiermit ist wieder der entscheidende Punkt erreicht. Wahres Wissen

hat seinen Sinn in der schöpferischen Ruhelage, in die der Mensch

hinabschwingt.

* * * * *

Die schöpferische Pause · 第 9 / 11 段