+selbst+ mitreißt? Der Abstand von einem halben Menschenalter zwischen
ihm und seinem Vertrauten begünstigt die Schwingungsstärke. Es gibt
kein Verwahren vor dem Schicksal der leidenschaftlich sich steigernden
Liebe.
Der Führer ist inmitten einer Schar junger Menschen, die täglich um
ihn ist, dem Leben hingegeben, so rettungslos wie kein anderer Mensch.
An kein Werk, an keinen Beruf kann er sich für die Dauer halten.
Vielleicht kann er sich einige Zeit verschließen, wenn es sein Leben
so will. Aber sobald er sich wieder öffnet, öffnet er sich auch seinen
Vertrauten. Sie sind da, und er ist für sie der Mensch, den sie
verehren, den sie, wenn sie in das Alter ihrer Reife getreten sind,
vielleicht als ersten Menschen lieben werden. Wo Liebe ist, kann es
auch zu leidenschaftlichen Gipfelungen kommen.
Leidenschaft fordert immer volle Ausschließlichkeit. Der Führer
ist dann nicht mehr unbedingt für alle da, er ist auch nicht mehr
Erzieher und Lehrer. Er ist Liebender für seinen Geliebten. Wenn das
gemeinschaftliche Leben schon so stark geworden ist, daß es +alle+
trägt, so werden die Anderen dann ruhig ihren Weg gehen und in
Ehrfurcht geschehen lassen, was geschieht. Aber auch dann, wenn es noch
nicht so weit ist, wenn ein solches Schicksal das gemeinschaftliche
Leben aller bedroht, wenn die Anderen es +nicht+ ertragen, muß es
+trotzdem+ geschehen. Denn es gibt kein Verwahren gegen das Schicksal.
Rücksicht auf die Anderen nehmen, heißt den geliebten Menschen auf der
Woge seiner steigenden Liebe allein lassen. So kommt es hier unter
Umständen zu der Entscheidung: führender Dienst an den Vielen oder
Verrat an dem geliebten Einen. Diese Entscheidung ist schwer.
Das Schwerste aber ist, in der Leidenschaft noch Führer des Geliebten
zu bleiben. Und das wieder erfordert: nicht festhalten und nicht
sich festhalten lassen, wo die Woge wieder +hinab+geht. Es erfordert
zu zeigen: hier ist es zu Ende. Es erfordert, als Wissender
stillschweigend die Folgen auf sich zu nehmen, die Leidenschaft mit
sich bringt und zugleich den geliebten Neuling in dieses Wissen
einzuweihen.
* * * * *
Solcher erster Aufschwung der Liebe aus der Tiefe der ersten
Knabeninbrunst überwölbt nun durch Jahre hindurch alle Liebesregungen
des jungen Menschen, bis er dann in den Zeiten seiner reifenden
Jünglingschaft wieder in eine neue entscheidende Periode der
+Liebesferne+ tritt.
Diese Ruhezeit und noch mehr die nächstfolgende große Lebenspause,
die Reifezeit des Mannes wird durchpflügt von der Unrast des Lebens.
Liebe und Leidenschaft kann aber nur groß und umspannend werden, wenn
an diesen entscheidenden Stellen genügend Raum um den in sich selbst
Versunkenen blieb, wenn er nicht vorzeitig aus sich herausgezerrt
wurde und sich nicht zerren und nicht locken ließ. Wo einer noch Macht
hat über Menschen, die sich in diesen Lebenspausen befinden, leistet
er ihnen den entscheidenden Dienst nur dadurch, daß er Raum um sie
breitet, daß er sie entfernt von den Anderen und daß er sich selbst in
ihrem Gesichtsfeld auslöscht.
Es ist gewagt von diesen großen Bogenschwüngen zwischen Inbrunst
und Leidenschaft zu sprechen, wo doch das tausendfältige Spiel der
täglichen Liebesregungen verwirrend dazwischen schwingt und eigentlich
immer das allein Spürbare ist. Diese großen Schwingungen, die von den
einzelnen wenigen ganz großen Inbrunstpausen des Lebens ausschwingen,
+sind+ aber da und jedem sichtbar, der seinen Blick weitet und große
Strecken eines Lebens überblickt.
Auch wenn es den meisten Menschen verwehrt ist, zu ihrer Zeit einsam
zu sein, weil die anderen es nicht zulassen oder auch sie selbst nicht
Mut genug haben, in ihre Tiefe einzugehen, sie spüren doch die Stelle,
wo es hätte sein sollen. Sie wissen genau, in diesem Jahr ist es
gewesen ...
Rhythmus der Liebe im Jahr
Das einzelne Jahr hat seine Inbrunstzeiten und Leidenschaftszeiten.
Das natürliche Jahr, das Sonnenjahr, das für die Tiere und ihre
Liebesregungen so entscheidend ist, schlägt auch durch das Gefüge des
menschlichen Jahres hindurch; gerüstweise bleibt es erkennbar. Die
Jahreszeiten sind in ihrer Liebesgerichtetheit verschieden. Die großen
Sammelzeiten des Jahres im späten Herbst, im tiefen Winter, die Zeit,
wo der Sommer sich vorbereitet und die Früchte ansetzen, schließlich
die Zeit, wo der Herbst sich vorbereitet (oft schon in den letzten
Julitagen), diese Sammelzeiten des Jahres machen es dem Menschen, der
mit dem Jahr zu leben gelernt hat, leicht, sich in seine Inbrunst zu
versenken. Verschlossen zu sein ist dann der Natur gemäß. Es sind das
die Zeiten, wo nichts sichtbar wird, sondern alles unter der Oberfläche
geschieht.
Dem gegenüber stehen die leidenschaftlichen Zeiten des Jahres,
Gebezeiten, in denen die Liebe sichtbar wird. Zu Anfang des Winters
ist solche Zeit, die Frühlingszeit des Winters, die das alte Lied
meint: es ist ein Ros entsprungen ... Manchmal ist diese Gipfelzeit
kurz, aber stets in der gesamten Natur zu spüren. Die eigentliche
Frühlingsgipfelzeit ist sehr viel länger von den frühesten bis zu den
spätesten Blüten. Um die Zeit der heißen Nächte liegt dann die oft nur
kurze Gipfelzeit des Sommers. Und in den jauchzenden Tagen des reifen
Herbstes schwingt sich die Natur wieder zu einer Gipfelzeit auf, die
oftmals lange dauert, von der Zeit der Kornreife bis zur Zeit, wo die
letzten Äpfel reif werden.
Freilich das menschliche Jahr flutet vielfach über diese naturgesetzten
Zeiten hinweg, daß die Grenzen sich verschieben. Doch dies bleibt: es
+sind+ Gebezeiten und Inbrunstzeiten der Liebe im Jahr eines jeden
Menschen deutlich zu spüren, und auch hier ist es Sache des führenden
Erziehers, ferne zu halten und zu schaffen, wo seine Anvertrauten die
Kraft des Jahres in sich sammeln, und mitzuschwingen, wo sie geben und
blühen und jauchzen in ihrer Liebe.
Der sexuelle Rhythmus der Liebe
Durch die gegeneinander beweglichen Brunst- und Inbrunstzeiten des
Jahres flicht sich in sehr viel strengerem Wechsel der +monatliche+
Rhythmus. Hier ist von der geschlechtlichen Liebesgerichtetheit zu
sprechen. Die monatliche Periode der Frau gibt in ihrer strengen
Gesetzlichkeit das führende Zeichen für die Menschen. Auf Tag und
Stunde ist der Eintritt dieser monatlich wiederkehrenden Reinigungszeit
bei gesunden Frauen vorausbestimmbar. Davon war bereits die Rede,
soweit es den Rhythmus des Einzelmenschen betraf. Wie ist diese
Tatsache für das Miteinanderleben der Menschen auszudeuten?
Wie der Herztakt des Blutes sich der Aufsicht des Willens entzieht, so
ist auch die steigende und fallende Bewegung der geschlechtlichen Säfte
der willentlichen Beeinflussung des Menschen entzogen. Wenigstens von
der einen Hälfte, der weiblichen Hälfte der Menschheit ist dies mit
Sicherheit zu sagen. Durch das Leben des Mannes geht allerdings +auch+
ein monatlicher Rhythmus, ein Rhythmus von etwas kürzerer Wellenlänge
als bei der Frau[3]. Dieser Rhythmus ist aber bei den meisten Männern
nicht mehr spürbar, d. h. von allzu starker Willensanspannung übertäubt
worden. Wenige werden diese Taktschläge regelmäßig in sich hören. Nur
wer in die Zeit seiner eigenen Knabenreife hinabzulauschen versteht,
wird wissen, um was es sich handelt. Um die Reifezeit beginnt bei dem
Knaben der Saft zu steigen. Die Kraft spannt alle Glieder. Auch das
männliche Zeugungsglied streckt sich zum ersten Mal. Und in später
Nacht, wenn der Schlaf schon dünn geworden ist und die volle Kraft
des jungen Körpers sich in den Morgen hebt, kann die letzte Welle
irgendeines Traumes zur unwillkürlichen Vergießung des Samens drängen.
Nach solcher Entspannung folgt nun wieder eine Zeit des Aufbaues der
sexuellen Kräfte etwa einen Monat lang, und wieder kommt die Zeit der
Krafthöhe und drängt nach Entspannung dieser Kraft. Diese nächtlichen
Entladungen des Samens in etwa monatlicher Wiederkehr sind aber nur
ein +äußerstes+ Mittel des Körpers, Stauungen zu vermeiden. Bei einem
gesunden Leben wird es selten dazu kommen. Auch ohne Samenverlust wird
der Körper in die Zeit seiner Schwäche zurückzuschwingen vermögen. Denn
die nach außen drängenden Kräfte können auch im Innern des Körpers
verbraucht werden[4].
Die Zeit der sexuellen Krafthöhe ist bei vielen Menschen die Zeit
der Gefahr, wo ihr eigener oder auch fremder Wille Übermacht über
die natürliche Gesetzlichkeit ihres Körpers bekommt. +Willkürlich+
wird durch Onanie eine gewaltsame Entspannung der sexuellen Kraft
herbeigeführt. Von da an vermag der junge Mensch die natürliche,
periodisch ihn überkommende Entspannung nicht mehr abzuwarten. Eigene
leidenschaftliche Wunschbilder oder fremde Verführung übersteigern
seinen Rhythmus, beschleunigen sein Entwicklungstempo oft so übermäßig,
daß der Knabe nach wenigen Monaten einem »Erwachsenen« nach Wort
und Gebärde ähnlich sieht. Dabei wird sein Blutkreislauf gewaltig
gesteigert und seine Haut bleich. Bei schwächlichen Knaben wird dieses
übersteigerte Tempo durch ihren schleppenden Gang, ihre müde Haltung
und ihre verhetzten Augen sehr sichtbar. Starken Knaben wird man
äußerlich nicht so viel ansehen. Sie halten es aus. Aber die Schwächung
der Kräfte ist überhaupt gar nicht die +schädlichste+ Folge der Onanie.
Sie wäre wohl auszugleichen. Der entscheidende Schaden liegt in der
Beschleunigung des Rhythmus der geschlechtlichen Kraftwiederkehr. Ein
+natürlicher+ Ablauf wird durch eine +willkürlich+ herbeigeführte
Ersatzhandlung zunichte gemacht. Dies ist entscheidend und prägt der
ganzen heutigen Kultur den Stempel auf. Was rhythmisch hätte von
selbst geschehen müssen, gerät unter die Knechtschaft des Willens.
Schwer ist die Befreiung aus dieser Knechtschaft. Der Erzieher, der
den Knaben das Häßliche und Entstellende dieser Samenverluste wissen
läßt, ihm »ins Gewissen« redet, hat damit wenig getan, selbst wenn er
so viel Macht auf den Knaben ausübt, daß er die Onaniegelüste von da an
unterdrückt. Denn er hat damit auch nur wieder Willenskraft und zwar
von allerstärkstem Grad in dem Knaben wachgerufen, damit er aus Furcht
vor den schädlichen Folgen, aus Furcht vor ihm, von jener anderen
Willkürhandlung abläßt. Willkür wird durch Willkür vertrieben. Niemals
kann das die Wiederkehr des natürlichen Eigenrhythmus bewirken. Aus dem
übermäßig beschleunigten Rhythmus der Kraftwiederkehr wird von da an
ein übermäßig stockender Rhythmus. Schließlich machen Angstträume den
Schlaf untief und ungewollte Samenergießungen quälen den Knaben öfter
und öfter.
Hier gibt es nur eine Hilfe, das Einlenken in den eigenen Rhythmus.
Nicht angestachelte Willenskraft kann hier helfen, sondern allein die
vertrauende Hingabe an den rhythmischen Lauf der Natur in dem eigenen
Körper.
Der Knabe fühlt in dieser Zeit nur, daß eine Kraft in ihm hoch kommt,
eine Kraft, die zur Vergießung ihrer selbst drängt. Das Wissen von
dieser neuen Möglichkeit zu verströmen muß all sein Denken und Sein
durchdringen. Dies ist das eine. Ein anderes +schwächeres+ Gefühl
ist aber mit dem ersten verschwistert. Kurz bevor die steigende Kraft
in ihm zu ihrem höchsten Gipfel kommt, spürt er: ein +Behälter+ bin
ich, ein Gefäß, in dem die Säfte steigen und ... fallen. Und dieses
schwächere, aber umfassendere Gefühl, daß die Kraftwelle auch wieder
fallen muß, ist die natürliche Ursache für jede geschlechtliche
Hemmung. Mit der steigenden Kraft wächst auch schon, was sie hemmen
wird. Nicht Willensanspannung darf der Führer hervorrufen. Dies innere
Wissen vom Steigen und Fallen der Kraftwelle muß er vielmehr hüten
und pflegen. Hier ist er wahrhaft Erzieher, der sein eigenes +Wissen+
helfend in immer wieder neuen Formen darbieten kann. Locken, reizen, ja
zwingen muß er den Knaben, dieses Wissen in sich groß zu machen. Denn
in diesem hemmenden Gefühl ist zugleich das Geheimnis seiner künftigen
geschlechtlichen Steigerung verborgen. Die Kraft steigt und fällt. Wenn
sie aber +wieder+ steigt, ist sie noch drängender, noch zwingender,
noch herrlicher geworden als vorher. Sie fällt aber auch diesmal
wieder, um abermals gewaltiger anzusteigen. Die sich immer machtvoller
ballenden, immer drängender, flutender, brausender werdenden Kräfte +in
sich+ zu fassen, ist nur möglich für den, der hinabzuschwingen vermag
in die +schöpferische Ruhelage+.
* * * * *
Die ältere Erziehung übersah geflissentlich alles, was mit der
geschlechtlichen Kräftewiederkehr, überhaupt mit der Geschlechtlichkeit
zu tun hat. Man ließ den Knaben mit seiner +Kraft+ allein fertig
werden und stärkte durch allerhand Mittel, vor allem durch Ermahnung,
Warnung, Strafe einzig und allein die +Hemmungen+ in ihm. Die neue
Erziehung fällt in den entgegengesetzten Fehler: der Knabe wird auf
die in ihm erwachende Kraft aufmerksam gemacht. Dabei aber werden
häufig die hemmenden Gegenkräfte in ihm selbst durch frühzeitige
Rationalisierung zerstört. Und dies wirkt eigentlich noch schlimmer
als die alte Erziehung. Die edelste und geistigste Steigerung wird
durch +Geheimhaltung+ der +besonderen+ Zwecke hervorgelockt. Geheimnis
darf nicht verwechselt werden mit absichtlichem Verschweigen und
wissentlicher Täuschung, wie es jetzt häufig geschieht. Denn das
Geheimnis verhüllt eben nur die naheliegenden Zwecke, um gerade desto
stärker die eigentliche Richtung weisen zu können.
Wo zu frühzeitig von den besonderen Zwecken der sexuellen Kräfte,
von Fortpflanzung der Art, von Zuchtwahl ... wo immerfort von
Vorbereitung, Reinhaltung und Sparen der Kraft für die kommende Höhe
des Lebens gesprochen wird, wird damit die geschlechtliche Kraft
allmählich aber sicher ihres Geheimnisses entkleidet. Der so gewaltsam
aufklärende Erzieher verletzt damit, was früher Schamgefühl genannt
wurde, den Raum der Hemmungen, der um den Knaben gebreitet ist und
unbetretbar für ihn sein sollte. Was haben denn auch die tatsächlichen
Zwecke der geschlechtlichen Kraft, ihre Folgen, überhaupt ihre
beschreibende Naturgeschichte mit dieser Kraft +selbst+ zu tun? Alle
ausmalenden Bilder, ganz gleich, ob sie die Herrlichkeiten oder die
dahinterlauernden Gefahren der geschlechtlichen Zukunft darstellen,
arbeiten nur darauf hin, die lebendige +Wucht+ dieser Kraft selbst
zu zerstören. Zu früh ins Gebiet der gesonderten Vorstellungen, ins
»Wirkliche« der »Tatsachen« führen, heißt, lebendiges Wasser, ehe es
stromstark geworden ist, in gegrabene Kanäle ableiten. Die gestaltlose,
dunkle, schaffende Kraft, die nur erst als steigende und fallende
Bewegung in dem jungen Körper spürbar wird, ist +allein+ die Wahrheit;
und diesen wuchtenden, ganz ungegliederten Wahrheitsblock muß der
Erzieher mit seinem führenden Wesen bejahen, mit allen stürmischen
Pulsschlägen seines eigenen Herzens bekräftigen.
An die Schwere dieser ungestalten Wahrheit reicht nur Traum und Mythos.
Vielleicht erzählt ihm der Knabe selbst das Bruchstück irgendeines
Traumes, in dem nicht mehr wie früher von lauter bunten Einzeldingen
die Rede ist, wie sie gestern und vorgestern +wirklich+ geschehen sind,
aus denen vielmehr +zusammenfassende Bewegung+ spricht. Vielleicht
erzählt er: Wasser, ein Strom war ich, Schalen, Mulden, Felsentrichter
waren da, in die es hineinsprudelte. Und immer mehr Wasser war da, und
herabstürzend füllte es alles aus, brach alles weg, immer schneller
ging es und in großer Masse fiel es besinnungslos herab. Wenn der Knabe
in den durch den monatlichen Rhythmus vorbestimmten Nächten solche
aus dem Tiefschlaf hervorbrechenden Bilder von bewegter Kraft träumt,
bringt er aus seiner schöpferischen Ruhelage einen völlig entspannten
Körper in den Morgen mit. Der Knabe hat dann +selbst+ den rechten Weg
zur Entspannung seiner Kräfte gefunden, eintauchend in die Ruhe seines
Selbst. Der Führer kann ihm in dieser Zeit nur dadurch helfen, daß er
ihm Räume eröffnet, die ebenso weit und tief sind, wie dieses erste
Erleben seiner geschlechtlichen Kraft in ihm. Er wird ihn das Gebirge
mit seinen aufgesteilten Massen, die Ebene in ihrer dahinfließenden
Fülle sehen lassen. Aus der beliebigen Gegend, die man seit jeher
kennt, wo man rennen und klettern und spielen und Pilze sammeln konnte,
wächst plötzlich der +Raum+ und seine Füllung mit Gestalt. Weil der
Knabe selbst voll steigender und fallender Bewegung ist und seinen
Körper als das umschließende Gefäß dafür empfindet, wird ihn die
fließende, strömende, steigende, fallende, in sich zur Ruhe kommende
Bewegung der Natur in seinem eigenen Inneren erregen und ihn ebenso
vielgestaltig, ebenso weiträumig werden lassen.
Hier ist auch der Grund, weswegen ihn zur Zeit der Reife seine
eigene aufquellende Freude naturgemäß zur eigenen Gestaltgebung in
Tanz und Ton und Wort und Bild drängt. Räume werden da geöffnet, und
die steigende Kraft kann sie mit Gestalt füllen. Davon war schon im
einzelnen die Rede.
Hier ist auch der Grund, weswegen gerade zur Reifezeit dieselbe Freude
naturgemäß die +Frage+ nach dem Wesen dieser Kräfte draußen und drinnen
hervorruft und also zur »Wissenschaft« drängt. Davon wird noch die Rede
sein. Alles Schauen, alles gestaltende Tun, alles drängende Wissen ist
in diesen Jahren nichts als die hemmende Schicht, die das vorzeitige
Ergießen verhindert und zugleich die Steigerung bewirkt.
* * * * *
Wie eine immer wachsende Wärme +bleibt+ nun die steigende und fallende
Kraft in dem Menschen drin. Die Kräfte können sich vielleicht jahrelang
in sich selbst ausgleichen und so immer höher ansteigende Lebenswärme
erzeugen. Hier ist das Geheimnis, warum knabenhafte Schönheit
und Geschlossenheit unmittelbar und ungewollt Liebe entzündet.
Knabenhaftigkeit ist rhythmisches Steigen und Fallen in sich selbst
bei ständiger Steigerung. Selten und kurz ist das Wunder knabenhafter
Vollendung und dann von weltbewegender Wirkung. Die griechische Kunst
in ihrer herben Zeit, die Kunst des Donatello, des Memling, die Rede
des Meisters Ekkehard ist von solcher verhaltenen Wärme strahlend. Hier
ist dem Wunder, das nur an dem Knaben erscheint, Ausdruck gegeben. Auch
heute vermag die innere Glut knabenhafter Verhaltenheit wieder die
große Kunst zum Ausbruch reiner Gestalt zu bewegen. Maximin hat die
Kunst Georges in fließende Bewegung gebracht.
Was ist knabenhafte Verhaltenheit? Es ist Inbrunst, Verharren in der
schöpferischen Ruhelage zur Zeit der geschlechtlichen Reife. Wie immer
das Gleiche: hier wird nichts +getan+, aber Entscheidendes +geschieht+.
Dieser Zustand innerer Glut, der den Menschen nur für die kurze Zeit
der Knabenjahre erfüllt und Wärme für das ganze Leben bereiten soll,
wird nun in der schlimmsten Weise mißbraucht. +Auch+ von den jungen
Menschen selbst. Davon war schon die Rede. Mißbraucht vor +allem+
aber durch die +erwachsenen+ Menschen, die mit dem Knaben zusammen
sind. Eltern, Lehrer, Erzieher, alle zehren sie von diesem kostbaren
Gut, als gehörte es ihnen. Meist wissen sie es nicht, aber sie zerren
den jungen Körper, wo er ganz schmiegsam und biegsam und hilflos
ist, nämlich an seiner geschlechtlichen Verhaltenheit. Sie verlangen
von ihm eine zugemessene Arbeit, reizen seinen Ehrgeiz und loben und
tadeln und schmeicheln willkürlich an ihm herum. Sie verlangen, daß
der Knabe alles ihnen »zuliebe« tut. Warum? Sie wollen sich daran
wärmen. So werden sie zu Verführern wider Willen und bringen es endlich
dahin, daß der Knabe seine geschlechtliche Inbrunst viel zu früh in
körperliche oder geistige Arbeit umsetzt, an der sie ihre »Erfolge«
sehen können, an der sie sich freuen, an der sie sich wärmen. Hier
wird auch der wissende Erzieher leicht Verführer. Denn auch er wärmt
sich machtsüchtig, wenn auch meist nicht so prahlerisch und eitel an
der inneren Glut, die von den Knaben ausgeht. Gar zu gern läßt auch er
sich etwas »zuliebe« tun. Ja, er lockt zu sich heran und bringt Liebe
frühzeitig zum Ausbruch. Unter den verschiedensten Formen kann sich das
verbergen und sehr harmlos und sachlich, ja sogar geistig aussehen.
Dieses Schüren der inneren Glut ist und bleibt aber doch immer ein
eigenmächtiges und meist gefallsüchtiges Stören des fremden Lebens, ehe
es Zeit war.
* * * * *
Der Führer zum wahren Leben wird hier immer nur auf das eine sehen,
wie er die geschlechtliche Inbrunst in dem Knaben hüten kann, so daß
sie ganz und gar in ihm bleibt. Nur wenn er selbst ihm stets herb und
verhalten gegenübersteht, kann das gelingen. Er braucht darum seine
eigene Lust an den jungen Menschen nicht etwa zu verbergen und zu
unterdrücken, nur hinabschwingen, untertauchen lassen muß er diese Lust
in die inbrünstige Tiefe seiner eigenen Liebe, bis sie sich nicht mehr
laut und zügellos gebärdet, sondern ganz still und mild von innen her
strahlend geworden ist.
Aus der Tiefe seiner wohl behüteten geschlechtlichen Inbrunstzeit wird
der Knabe nun die Kraft zu seiner ersten geschlechtlichen Leidenschaft
aufbringen. Und diese Leidenschaft ist eine Opferung seiner
knabenhaften Verhaltenheit. Geschlechtliche Hingabe bringt Schmerz,
bringt das Ende des in sich selbst beschlossenen Lebens, bringt in
jedem Fall das erste Vertrautwerden mit dem Tode. Die in dem Gefäß des
Körpers bereitete Wärme, diese an den Rand gestiegene Kraft wird auf
einmal dem geliebten Menschen hingegeben. Weiter kann hier nichts
gesagt werden. Geschlechtliche Hingabe entzieht sich jeder allgemeinen
Behandlung durch Worte und bleibt die eigenste Angelegenheit des
Menschen. Der Führer kann da nichts tun, als den Vertrauten in seine
Mannheit entlassen. In der Gewißheit, daß dem Menschen, der in sich
selbst zu schwingen gelernt hat, nichts Gesetzloses mehr geschehen kann.
Wenn der Mensch so aus der verhaltenen Glut der Knabenjahre in die
gespannte Kraft seines Mannestumes eingegangen ist, braucht es für ihn
in seiner eigenen Geschlechtlichkeit keine Hemmung mehr zu geben. Er
ist von sich aus frei. Wohl aber bleibt die Hemmung bestehen, welche
durch die Ferne des geliebten Menschen auferlegt wird: Ehrfürchtige
Haltung vor der geschlechtlichen Ferne der Frau. Das Mädchen geht ja
einen ganz anderen Weg der Geschlechtlichkeit. Unumstößlich sicher
ist das geschlechtliche Leben der Frau um die Inbrunstzeiten, die
Zeiten der ruhenden Liebe, um die Zeiten der schöpferischen Pause
gruppiert und aufgebaut. Die erste Blutung, die an einem Tage ganz
unerwartet das Mädchen in die ruhende Lage zwingt, sieht für die
Entwicklung der weiblichen Geschlechtlichkeit an derselben Stelle,
wie der erste nächtliche Kräfteüberschuß des Knaben. Aus diesen
höchst verschiedenen Anfängen ist die ganze Verschiedenartigkeit des
geschlechtlichen Lebens erkennbar. Periodischer Kräftewiederkehr des
Knaben entspricht eine monatliche Schwächewiederkehr des Mädchens. Das
spannt eine unüberbrückbar scheinende Ferne zwischen die Geschlechter.
Die leidenschaftlichen Höhepunkte bilden beim Mann die Periode, die
inbrünstigen Tiefpunkte bei der Frau. Wahre Liebe muß nun das Wunder
vollbringen, diese gewissermaßen im weitesten Abstand voreinander
hergleitenden Rhythmen dennoch zusammenklingen zu lassen.