bildnerischen Fähigkeiten helfen ihm hier nichts. Leicht und unmerklich
verfällt er dem Besitzgedanken, wenn er vergißt, daß er lebendige unter
seiner Hand wachsende Menschen vor sich hat. Mit der +Gewalt+ seiner
Liebe kann er über die Kinder kommen, sie zur Unterwürfigkeit verführen
und so zum Tyrannen wider Willen werden. Oder er kann in seiner
hingebenden Liebe gar zu hinfällig werden und so dann wieder ungewollt
ihre tyrannischen Instinkte erwecken.
Ehrfurcht als Liebeshemmung
Schon jetzt ist es klar geworden: Liebe ist mit dem Machtgedanken
schicksalhaft verleitet. Die Erziehung zur Liebe wird sich also mit
dem Machtgedanken auseinanderzusetzen haben. Die Haltung des Führenden
wird daher grundsätzlich +anders+ sein als zuvor. Bisher handelte es
sich um die Entfaltung des +einzelnen+ Menschen. Der Führer stand
sorgend, hütend, wartend daneben. Der Mensch wächst aber nicht
+ungestört+ und +unbekümmert+ wie eine Pflanze, um eigne Blüte und
Frucht hervorzubringen. Sondern er hängt entscheidend von den +anderen+
Menschen ab, gibt und empfängt von der Gemeinschaft der Menschen.
Von dem rhythmischen Wechsel dieses zwischen-menschlichen Gebens und
Nehmens ist von nun an die Rede. Hierbei handelt es sich um etwas, das
nicht so wie bisher »von selbst« geschieht. Dem einzelnen Menschen,
wenn er so wächst wie er wächst, wird es nicht einfallen, sich um den
andern zu kümmern. Vielmehr wird ihn, wie geschildert wurde, der dunkle
Trieb zur Machtentfaltung, zur Besitzergreifung des anderen zwingen,
zumal wenn der andere mit ihm dasselbe versucht. Hier muß der Führende
auf irgendeine Weise seinen Anvertrauten jene beiden Erfahrungen
vermitteln, welche die Liebe bedingen: ein jeder ist in sich selbst
allein und hat kein Recht an den anderen: aber +trotzdem+ ist es
möglich, zueinanderzukommen durch freiwillige Hingabe. Wie geht dieses
vor sich?
Aus der Tiefe des Selbst steigen +hemmende+ Kräfte, die jene
elementaren Machttriebe dem anderen Menschen gegenüber zu dämmen
vermögen. Und nun schwillt diese selbst-hemmende Kraft an, fließt
über, gibt sich hin, löst sich auf in den andern. Dieses Wissen von
der liebewirkenden Kraft der Hemmung gilt es zu wecken. Jedes Wissen
hängt ursächlich mit dem Wissen vom Tode zusammen. Nichtswissenwollen
stammt aus Todesfurcht. Und so ist in allen Menschen ein leises
Sträuben auch gegen dieses Wissen von dem Segen der Hemmungen.
Nur das stärkste Mittel kann hier helfen: Zwang! Zwang in einem
besonderen Sinne! Der Führende muß +sich selbst+ mit seiner ganzen
Persönlichkeit seinen Anvertrauten +gegenüber+ stellen, sich ihnen +in
den Weg stellen+, sich +unumgänglich+ machen. In keinem Fall darf er
diesen Gegensatz zwischen ihnen verwischen lassen. Er selbst stellt
eben mit seiner ganzen Persönlichkeit für seinen Anvertrauten +den+
anderen Menschen dar. Und diesen anderen Menschen (sich selbst) muß er
gegen ihn wahren und wenn es notwendig ist, verteidigen. Er muß den
jungen Menschen spüren lassen, daß er kein »Recht« an ihm hat, daß
Liebe nicht Besitzergreifung ist. So leicht ist es ja möglich, daß
seine Vertrauten sich +gewöhnen+, ihn in Anspruch zu nehmen, so wie
man tagtäglich seinen Stiefel oder andere Gegenstände benützt; hält
sich doch der Führende zu jedem Spiel, zu jeder gemeinsamen Arbeit
bereit, Offenheit und Hingebung an das gemeinsame Leben ist seine Lust
und sein Gestaltungstrieb vollauf damit beschäftigt. Aber es gibt
Zeiten, wo die +Offenheit+ dem Anderen gegenüber +Lüge+ wird. Es gibt
Stunden, wo sein eigenes Leben und Arbeiten ihm befiehlt, sich zu
verschließen und ganz mit sich allein zu bleiben. Hier darf er sich
nicht +aus sich herauszerren+ lassen durch die gewohnheitsmäßig an ihn
gestellte Forderung der Anderen. Er muß die Kraft haben, +nein+ zu
sagen, nicht notwendig mit Worten, sondern mit der ablehnenden Regung
seines ganzen Willens. Läßt er sich an solchem Tage +doch+ verleiten,
den Forderungen der Anderen nachzugeben, so tritt das Schlimmste,
die Lüge zwischen ihn und seine Vertrauten. Solche Herablassung,
lustlose Hingabe, Verstellung in irgendeinem Sinne wird durch die
überquellende Lebenslust der Kinder zunächst vielleicht überdeckt
werden und ist darum so besonders schadenvoll. Geschieht diese
täuschende Herablassung, diese Hingabe aus Pflicht öfter, so »merken«
dann die Zarten doch sehr bald etwas, und damit ist das Vertrauen an
seinem Grunde erschüttert. Hier also gilt es, die Kraft zum Nein, zur
Ablehnung, zur Selbstbewahrung aufzubringen und dem Anderen deutlich
zu machen: Heut ist ein Tag der Ferne zwischen mir und dir. Heut ist
alles verschlossen in mir, und wenn ich auch neben dir stehe, bin ich
dir doch fremd. Diese Erfahrung wird dem jungen Menschen nun gewaltsam
den Abgrund aufreißen, der sein Selbst von allen Menschen trennt. Der
Kampf gegen den Besitzgedanken ist hiermit bewußt eröffnet. Wenn in
früher Jugend schon ein gewichtiger Mensch dem Jüngeren bedeutet:
hier ist deine Grenze, du hast kein Recht, in das verschlossene
Gebiet des Anderen einzudringen, so entsteht zunächst +Ehrfurcht+ vor
diesem Anderen, Ehrfurcht vor dem Älteren, Ehrfurcht vor der Ferne
des anderen Menschen wird auch im Kreise der gleichaltrigen Genossen
dem Miteinanderleben die notwendige Spannung geben. Auch der Führende
seinerseits wird durch die Ehrfurcht vor der geschlossenen Art seiner
Anvertrauten ihnen in ihrer Einsamkeit nicht zu nahe treten und so
Machtwunsch und Besitzwillen in sich überwinden.
Ehrfurcht hemmt jedes vorzeitige Wollen, Ehrfurcht läßt innehalten,
Ehrfurcht hüllt sich schützend um alle noch nicht zur Reife gelangten
Liebesformen. Aber Ehrfurcht ist nicht nur eine +Durchgangsform+,
sondern unter Umständen auch etwas +Endgültiges+. Es ist durchaus
möglich, daß es im Verhältnis zwischen Menschen +überhaupt+ nicht,
oder von einem bestimmten Zeitpunkt an endgültig +nicht mehr+ zur
Entfaltung der Liebe kommt. Dann bleibt es aber doch möglich, daß
dieses Entferntsein kein gleichgültiger, sondern ein liebesgerichteter
Zustand ist. Dieser Zustand des liebenden Entferntseins wird heute
selten zugelassen und fast überall in die Scheinformen von Leidenschaft
und Inbrunst hinauf- und hinabgezerrt. Der höfliche Verkehrston
oberer Gesellschaftsschichten, ebenso die höfliche Umgangsart der
Menschen in südlichen und orientalischen Ländern, schließlich die
Geselligkeitsformen der Menschen vor 1840 etwa drückt ungefähr nach
außen hin aus, was hier gemeint ist: Wohlwollendes Entferntsein,
Einandergeneigtsein, ehrfurchtsvolle Achtung des Unbekannten.
In den nördlichen Ländern und den unteren Gesellschaftsschichten,
wozu auch die meisten bürgerlichen Kreise gehören, und in der letzten
Hälfte des 19. Jahrhunderts ist diese Achtung voreinander allmählich
geschwunden, sicherlich aus der dumpfen Sehnsucht nach bewegteren
Formen unmittelbarer Liebe. In den sogenannten gebildeten Schichten
erstarrte ja die Liebe. Andeutende Beispiele genügen: die gute
bürgerliche Ehe führt zwar bestenfalls zu einem gemeinsamen Leben in
Achtung voreinander, aber sie endigt auch darin. Der gut erzogene Sohn
+verharrt+ in der Ehrfurcht vor dem Vater, die Schüler in Ehrfurcht
vor den Lehrern, der Beamte in Ehrfurcht vor dem Vorgesetzten. In
allen diesen Fällen handelt es sich um die +besten+ Fälle. Und gerade
gegen diese +Mustergültigkeit+, die ein durchaus auskömmliches Leben
miteinander sichert, erhebt sich der Sturm der Masse, welche in sich
spürt: der Damm muß zerbrochen werden. Es gilt einzig und allein
zueinanderzukommen. Und nun prallen die Menschen in ihrem Liebeswillen
ungehemmt und zügellos aufeinander. Sie zerquälen und zerreißen sich
mit ihrem Liebeswillen, oder was seltener und +gar nicht+ schlechter
ist: mit ihrem Haß. Freundschaften, Ehen, Kreise und Bünde entstehen
aus diesem reißenden Willen nach Vereinigung um jeden Preis. All
diese neuen Gemeinschaftsformen sind dazu verurteilt, sofort wieder
zu zerbrechen, oder doch in sich unmöglich zu werden, weil eben das
Medium, die Ehrfurcht voreinander nicht da ist.
So ist es das Erziehungsamt der lebendigen Einzelnen, die Ehrfurcht
zu wahren und +trotzdem+ zueinander durchzustoßen. Diese wenigen
Lebendigen spüren den gleichen Drang in sich wie die große Masse:
die erstarrte Liebesordnung im Verhältnis der Menschen zueinander zu
zerbrechen. Aber sie wissen, daß dieser Durchbruch zueinander nur stark
sein kann, wenn die Liebe +Zeit+ hatte zu wachsen und also sich zu
ihrer ganzen Größe aufzustauen.
Leidenschaft und Inbrunst
Durch den Damm der Hemmungen, durch die Ehrfurcht muß durchgestoßen
werden in die dahinter liegenden Höhen- und Tiefengebiete der Liebe.
Von +Zeit+ und Gezeiten war bisher nur bei der rhythmischen Teilung des
Einzellebens die Rede. Das Leben des einzelnen Menschen wächst durch
die Zeiträume seines Lebens. +In der+ Zeit, doch +blind+ vor ihr.
Wer nun in Beziehung zu einem anderen Menschen gerät, setzt zunächst
auch dort stillschweigend seine eigene Lebensbewegung voraus. Doch
merkt er dann bald, daß etwas nicht stimmt. Für den +Anderen+ sind
andere +Zeiträume+ maßgebend, sind die rhythmischen Schwingungen
des Lebens kürzer oder länger, sind die Pausen dichter oder weiter
gesät, jedenfalls an anderer Stelle liegend. Dementsprechend sind auch
die Aufschwünge des Lebens häufiger oder seltener und meist nicht
gleichzeitig. Jeder trägt seine eigene Zeit in sich, und Getrenntsein
heißt andere Zeit haben. Was Ehrfurcht genannt wurde, ist die Verehrung
der anderen Zeit des Geliebten. Diese Ehrfurcht gebietet, auf ihn zu
warten oder ihm vorauszugehen, beides im Hinblick auf ihn. Es ist
leidenschaftliches Verlangen der Liebe, den Rhythmus des eigenen
Lebens dem des anderen gleichzustimmen, den Geliebten zu begleiten,
mitzuschwingen wo es irgendeiner Gipfelzeit entgegengeht. Hier
wird Liebe in hinreißender Form. Wo der Geliebte in Ehrfurcht eine
Zeitlang gewartet oder ruhig ein Stück vorausgegangen ist, und nun die
aufschießende Wucht des anderen Lebens gewaltig hinterdrein flutet,
steigert sich Liebe zu ihrer leidenschaftlichen Gipfelung.
Das Erlebnis +gleicher Zeitaufschwünge+ ist das Hinreißende
daran. Durch den Gleichklang des steigenden Doppellebens wird die
letztmögliche Näherung an den Zustand des Ungetrenntseins erreicht.
Wo es wieder hinabgeht, ist die Gefahr. Es geht nicht gleichzeitig
hinab. Einer macht den Anfang. Kein Bild »wie er war, da man ihn am
meisten liebte« darf nun im Hinabgleiten hemmen. Die ehrfürchtige
Grundregung läßt den Geliebten nun wieder in das Entfernte gleiten, in
die Zeitfolge, die ihm allein gemäß ist. Es gilt wieder zu warten, nun
aber in Richtung auf den Tiefpunkt, wo das Leben des Anderen in seine
Ruhelage hinabschwingt. Das tosende Licht des gemeinsamen Aufschwungs
kann Mißklänge übertäuben. Hier aber wo es schweigt, wo es gärt, wo das
Leben sich sammelt, sinkt Liebe zu der Tiefe ihrer Gewißheit. In dieser
Tiefe der schöpferischen Pause ist es gegeben, in Liebe ganz und gar zu
+sein+. Hier ist das Gegenbild der Gipfel-Leidenschaft, unsichtbare,
unregbare, unerschütterbare Inbrunst.
Wer es vermag, in schöpferischer Inbrunst den Anderen zu erwarten, also
in seinem eigenen Grunde noch liebe-gerichtet zu sein, für den erst
ist der Besitzgedanke wirklich und endgültig aufgehoben. Das nur erst
ahnende Wissen von dem Entferntsein des Anderen braucht Ehrfurcht,
als den ersten schützenden Wall vor der Machtgier. Inbrunst macht
den Wall der Ehrfurcht überflüssig. In der gemeinsamen Tiefe +ist+
Ungetrenntsein, in der Tiefe jedes Atemzuges, in der Tiefe jeder Nacht
ist es zu spüren. Macht wird reizlos und darum sinnlos. In dem dunklen
Jubel dieser umfassenden Gewißheit muß die glänzende Wunschgestalt
von Herrschaft und zeitlichem Besitz auseinanderstieben. Viel tiefer,
unterhalb des Stromes von Zeit und Raum wird der Geliebte +wahrhaft+
besessen.
Inbrunst ist das Gegenbild der Leidenschaft. Es ist die
Liebes-Verhaltenheit, die in jedem einzelnen Menschen je nach Maß
seiner Kraft verborgen liegt. In ihrem inbrünstigen Zustand tritt Liebe
nicht in die Erscheinung. Auch wenn gar niemand zu lieben da ist,
vermag es inwendig zu brennen und weiter zu brennen. Hier gilt all das,
was von der Kraft der schöpferischen Pause gesagt wurde. Je tiefer der
liebende Mensch in die Tiefe der schöpferischen Pause hinabschwingen
kann, desto tragender wird seine Liebe, desto krampfloser seine
leidenschaftlichen Aufschwünge. Trennung von dem Geliebten, Abschied,
Entfernung, jedes gewollte und ungewollte Alleinsein wird in dem
liebe-gerichteten Menschen sogleich zu inbrünstiger Entspannung
umgewandelt.
Die Tiefe des ruhenden Atems, die Entspannung des Tages in die Nacht,
die Ruhe nach einer gereiften Tat ... immer der Abgrund, wo sich die
neue Lebenswoge bildet, heißt dann Inbrunst. Ist der andere, der
geliebte Mensch wieder da und wirklich bei sich selbst, so ist die
Woge der Liebe, die sich aus dieser Tiefe herauf ihm entgegenwölbt,
fast greifbar in ihrer überflutenden Stärke. Ist der Geliebte fern,
so ergießt sich dieselbe Kraft vielleicht in eine neue Tat oder auch
nur springquellhaft müßig in irgendeine einsame körperliche Regung,
irgendeine ausdruckgefüllte Gebärde, die keiner sieht, oder auch in
einen klaren Gedanken, der bald wieder vergessen ist und verfällt.
In der Tiefe ihres Ursprungs sind alle diese Regungen des einsamen
Selbst mit den Liebesregungen eins und dasselbe. Wer in sich Bescheid
weiß, vermag sogar durch einen ganz kleinen Ruck in der Tiefe große
Umstellungen an der Oberfläche zu bewirken. Doch wird dies stets
Geheimnis bleiben.
Der Rhythmus der Liebe innerhalb der Lebensalter
Es soll nun im einzelnen betrachtet werden, wie dies Gegenspiel von
Inbrunst und Leidenschaft durch alle jene Rhythmengefüge, von denen
bisher die Rede war, hindurchpulst. Zunächst soll der weitestgespannte
Lebensrhythmus, die große Welle der Lebensalter, in ihrer
Liebesgerichtetheit überschaut werden. Der Abstand der Jahre ist ja für
Menschen, die sich lieben, von ausschlagender Bedeutung. Es gibt da
liebesnahe und liebesferne Abstände. Gleiches Alter läßt keineswegs am
reibungslosesten zueinanderkommen. Aus diesem Grunde bleiben sich oft
Geschwister, die nur ein oder zwei Jahre auseinander sind, und infolge
ihres nahen Beieinanderlebens die wesentlichen Lebenserfahrungen
gleichzeitig machen, so fremd.
Erst wenn der Abstand der Jahre etwas größer wird, etwa drei oder vier
Jahre dazwischen treten, wird das Verhältnis günstiger. Geschwister
in diesem Jahresabstand halten gewöhnlich am stärksten zusammen.
Die streng durchgeführte Altersklassentrennung ist so besonders
lebensfeindlich, weil das rechte Spiel von Inbrunst und Leidenschaft
in einer Schar gleichaltriger Knaben künstlich gestaut wird. Die
Luft der Schulklassen ist darum voll unerträglicher Spannung, die
sofort gelöst würde, wenn man die Jungen wenigstens in der Schulpause
nach ihren Neigungen zu älteren Freunden aus einer höheren Klasse
laufen ließe. Aber der Geist der Klassenschichtung ist so stark, daß
die Kinder schon gar nicht mehr auszubrechen wagen, auch wenn die
Gelegenheit sich ergibt.
Wo der Jahresabstand noch größer wird, wo etwa sieben Jahre zwischen
zwei Menschen stehen, scheint damit wieder etwas Hemmendes zwischen sie
zu treten. Bei Geschwistern, die so weit auseinander sind, wird das
deutlich. Der Ältere ist dann schon zu alt, um sich noch auf gleicher
Stufe stehend zu empfinden und doch noch nicht alt genug, um dieses
Ältersein klar und schön sprechen zu lassen. Sie stehen unsicher
zueinander. Erweitert sich der Jahresabstand noch mehr, so scheint
das Verhältnis wieder günstiger zu werden. Über all dies kann nur
andeutungsweise gesprochen werden, weil sich dergleichen Feststellungen
nicht in ein System bringen lassen. Viele Beobachtungen müssen erst
noch gemacht werden. Sicherlich ist der Jahresunterschied zwischen
zwei Menschen gleichen Geschlechts und zwei Menschen verschiedenen
Geschlechts dann auch noch verschieden zu bewerten. Hier kommt es nur
darauf an, festzustellen, daß der Altersunterschied dem Verhältnis der
Menschen zueinander +überhaupt+ eine ganz bestimmte Tonhöhe gibt, die
auch immer ungefähr die gleiche bleibt, wenn sie nun miteinander älter
werden.
* * * * *
Der Erzieher wird allmählich für diese Tonhöhe, die sich für ihn aus
dem Altersunterschied zu jedem seiner Anvertrauten ergibt, ein völlig
sicheres Gefühl bekommen. Doch der Unterschied der astronomischen
Jahre gibt ja nur das Gerüst für die eigentlichen Unterschiede der
Lebensalter. Es gilt, dichter an das Geschehen heranzutreten. Überall
da, wo ein Mensch in eine Pause zwischen zwei Lebensalter eingetreten
ist, verlangt er nach Einsamkeit, nach weitem Raum für sich selbst
und Entfernung von den Menschen. Diese Zeiten der Knabenreife um
das 15. Jahr, der Jünglingsreife um das 20. Jahr, der Mannesreife
um das 30. Jahr sind Zeiten der Liebesferne. Tadelnde Worte wie
Egoismus, Selbstsucht, Lieblosigkeit bezeichnen diese Zustände
schlecht und oberflächlich. Liebe +ist+ schon +da+, nur verborgen
und ungestaltet. Ja, es sind dies vielmehr gerade Sammelzeiten der
Liebe, Zeiten der Inbrunst. Der Liebeswille steckt drin, kann aber
nicht heraus. Und wenn die Menschen um ihn herum keine Ehrfurcht vor
diesem Zustand haben und den in sich selbst gebundenen Menschen zu
Liebesbezeugungen reizen, durch Worte oder Gebärden oder Klagen oder
vorwurfsvolle Blicke, so entsteht notwendig geheimer oder offener
Haß gegen die liebend-unwissenden Peiniger. Immer wo Liebe in Haß
umschlägt ist es darum, weil aus dem Zustand inbrünstiger Liebesferne
+vorzeitig+ versucht wurde, Liebe zu wecken. Offener Haß durchbrennt
und zerstört dann plötzlich alle hemmenden Schichten der Ehrfurcht.
Solch leidenschaftlicher Haß erreicht genau die gleiche Höhe wie
leidenschaftliche Liebe. Nur ein Unterschied ist, daß Hassende einsam
bleiben. Sie kommen +nicht+ in gleichen Rhythmus, weil der eine von
beiden nicht warten konnte, und den anderen mitriß oder für immer
stehen ließ. Haß ist nichts als überschnellte Liebe. Oft fehlt nur eine
ganz geringe ehrfürchtige Regung, ein unmerkbar kleiner Augenblick
inbrünstiger Sammlung ... und reinste Liebe würde in hohem Bogen
aufsteigen, wo nun flammender Haß wütet.
Nur bei starken Menschen wird solche über-raschte Liebe zu offenem Haß.
Bei schwächeren Menschen bleibt der Haß verborgen, wird unterdrückt,
wirkt aber deswegen fast noch zerstörender. Dies ist der heute
fast überall zutage tretende Zustand. Verborgener Haß, verzerrte
Liebesbezeigung, verkrampfte Leidenschaft ist überall.
Der Führende aber muß Raum breiten um den Knaben in der Zeit seiner
Liebesferne. Sich selbst muß er unscheinbar machen. Selbst wenn
Menschen auf dieselbe Wohnstube beschränkt sind, können sie sich ja
einander entfernt machen. Freilich gehört dazu das stets ehrfürchtige,
ja inbrünstige Wissen um den Zustand des anderen. Dann schlafen die
müßigen oder gierigen Fragen ein. Dann werden die Blicke kühl und
vertrauensvoll ruhig. Dann verlieren die Hände das hastige Greifen
und die Arme das Raffen, das den in sich versunkenen Knaben immer
wieder aus sich herauslockt und reizt, sich darzustellen. So kann der
wissende Erzieher den Raum, den sein Vertrauter braucht, unmerklich
wachsen lassen. Auch den anderen Gefährten muß er das begreiflich
machen. Mit Spaß und Spott übermütig sich aneinander zu reiben, sind
die naturgemäßen Formen kindlicher Liebesäußerung. Gleichaltrige
Knaben kurz vor ihrer Geschlechtsreife haben den Hang, im Spiel
sich gegenseitig anzustacheln und einander bis aufs Blut zu reizen.
Wenn aber die Zeit heran ist, wo einer von ihnen durch die Nähe des
anderen heimlich verletzt ist und die anderen nichts merken und auch
er selbst kaum etwas weiß, muß der Führer ihnen die Augen öffnen,
daß sie sehen, was sie tun. Dann werden sie in Ehrfurcht vor dem
Geschehen, das ihnen da sichtbar wird, zurücktreten und Raum lassen um
den Ruhebedürftigen. Haben sie doch auch gelernt, einen in der Sonne
Liegenden nicht zu stören, einen in Arbeit Vertieften nicht zu fragen,
einen Schlafenden niemals zu wecken. So behütet wird nun in dem so
Gefernten die Liebe wachsen und groß werden und sich an einem Tage zum
ersten Mal leidenschaftlich erheben. Der gewaltig aufsteigende Rhythmus
des jungen Lebens sucht nach gleichklingendem Leben, nach einem
Menschen, der gleich ihm dehnbar ist und sehnsüchtig nach dem Auf und
Ab des Lebens, der erfüllt ist gleich ihm von dem rasenden Verlangen,
zugleich sich hinzugeben und zugleich zu genießen. Acht haben auf sich
selbst oder auf den Menschen, dem die Leidenschaft gilt, ist jetzt
unmöglich. Sinnlos ist jeder Gedanke eines Dritten, der in ermahnendem,
vorbeugendem, abhaltendem Sinn darauf hinweisen wollte. Bewegtes Leben
türmt sich auf, das sich nicht selbst bewahrt und rücksichtslos auch
den Geliebten nicht bewahrt.
* * * * *
Wie steht der Erzieher nun solchem Geschehen, solchem Schicksal der
Leidenschaft gegenüber? Zunächst also, wenn es sich +fern+ von ihm
selbst vollzieht, +zwischen+ zweien seiner Anvertrauten.
Der, den er jahrelang führte und täglich behütete, den er in das
lebendig strömende Wasser stieß, daß er seine Tage von da an in
Schönheit dahin brachte und seine Kraft in gelungene Werke fließen
ließ, der, den er liebte in inbrünstiger Freudigkeit, der ihm nahe
war, ja mit der Glut seines jungen Lebens ihn hielt und begeisterte
... plötzlich wirbelt ihn sein fremdes Schicksal fort. Eifersucht
ist solchem Geschehen gegenüber die kleinsinnig-sinnlose Regung des
Augenblicks. Der ältere Mensch muß sich hier auf die Klanghöhe seines
Jahresabstands besinnen. Nur so wird ihm möglich werden, hier +nicht+
einzugreifen. Nur so wird ihm die große umfassende Gebärde gelingen,
die allein solchem Schicksal gemäß wird.
Solange die Woge dieses fremden Doppelschicksals im Schwung ihrer
Aufwärtsbewegung ihn umbraust, bleibt sein Wissen stumm; sein Wissen,
daß Leidenschaft etwas Bewegtes ist und also etwas, das sein Ende
in sich selbst trägt. Leidenschaftliche +Zustände+, +anhaltende+
Leidenschaft gibt es nicht. Wo die Woge der Leidenschaft zurückflutet
und nur noch von dem erregten Willen der Liebenden zwangsmäßig
gehalten wird, für +diesen+ Augenblick muß er sein Wissen vom Ende
der Leidenschaft bereithalten und irgendwie bei seinen Vertrauten
zur Geltung bringen. Daß auch sie ja sagen zu dem Ende, ja sagen
zu den Folgen ihrer leidenschaftlichen Erhebung. Denn wirklich und
unvermeidbar folgt Leid, wo Leidenschaft festgehalten wurde. Die Formen
dieses Leides werden verschieden sein, und die Betroffenen werden gar
nicht wissen, wie ihnen geschieht. Sie werden es am eigenen Leibe
verspüren als körperliche oder seelische Reizbarkeit, als Krankheit,
Unlust, Unfähigkeit zu gewohnter Arbeit. Auch in ihrer Gemeinsamkeit
wird das Leid zu spüren sein als Fernegefühl oder gar als Haß, und
wird sie zu Abschied und Trennung drängen. Und nun ist es die führende
Aufgabe des Erziehers, die beiden Menschen, denen ihre Leidenschaft
so zum Leide gereicht, in seine inbrünstig bereitgehaltene Liebe
aufzufangen, sie zu trösten, zu beschwichtigen und mit diesem seinem
liebe-gerichteten Verhalten auf die +neuen+ Gipfelungen der Liebe
hinzuweisen, die ihnen jede neue gemeinsame Lebenswallung bringen muß.
Wenn sie nur jetzt nachgeben und sich in ihre Ferne fallen lassen, wird
jeder neue Atemzug, jeder neue Morgen, jede in ihnen selbst wieder
ansteigende Kraftwelle sie sicher geleiten.
* * * * *