was in ihm steckt, wird dann vielleicht früher oder später, meist aber
erst zur Zeit der geschlechtlichen Reife merken, daß sein Raumschatz
für irgendeinen +bestimmten+ Ausdruck seines Willens plötzlich
nicht mehr genug hergibt. Das Licht des inneren Raumes mit aller
Gestalt darin wird erloschen sein. Dunkelheit wird sein, Nicht-Raum,
Nicht-Gestalt. Hier wird der Führer wieder sehr notwendig sich der
Pflege des +einen+ Anvertrauten zuwenden müssen. Und an dieser Stelle
ist dann wieder der schöpferische Tiefpunkt erreicht. Wie aus dem
Schweigen das eigene Wort, so entwickelt sich aus dem inneren Dunkel
das eigene Schauen. Doch muß an dieser entscheidenden Stelle gewartet
werden, lange vielleicht in aller Übung und allem Lernen innegehalten
werden.
Wer etwa die Briefe des jungen Feuerbach kennt, wird verstehen, was
hier gemeint ist. An der entscheidenden Stelle seiner Jugend war
ihm versagt, Gestalten+fülle+ einzuatmen. Und so wurde sein ganzes
Schaffen verhauchende Verzweiflung, ein gigantischer Kampf mit den
leeren Räumen, die er niemals mehr ganz zu füllen vermochte, weil sie
ihm zur Zeit seiner Reife leer geblieben waren. Die Geschichte vieler
dem frühem Tode oder dem Wahnsinn verfallener Künstler von Raffael bis
van Gogh ist die Leidensgeschichte vergewaltigter Knaben von hoher
sinnlicher Begabung. Sie alle wurden durch die Schulen, durch ihre
Meister, durch die Zeitumstände gezwungen, aus ihrem Dunkel viel zu
früh aufzutauchen. Bei weniger stark sinnlich begabten Menschen kann
die Wirkung natürlich nicht so merkbar werden. Es tritt im Gegenteil
ein völliges Versiegen aller künstlerischer Begabung ein. Als Kinder
können sich ja die meisten Menschen zeichnerisch ausdrücken. Wenn sie
dann aber in das Entwicklungsalter eintreten und der Zeichenunterricht
geht immer in der gewohnten Weise fort, so verlieren sie einfach jede
Lust und gehören nachher eben zu den Menschen, die »nicht zeichnen
können«.
* * * * *
Hier vermag der Führende viel zu tun, oder vielmehr zu unterlassen.
Alle zeichnerische Betätigung läßt er für eine Zeit ganz und gar
vergessen, das Dunkel des raumlosen Zustandes läßt er in dem jungen
Menschen anwachsen, bis seine Augen selbst beweglich werden und nach
Befreiung aus dieser Innen-Dunkelheit suchen. Und nun läßt ihn der
Führende einbrechen in die weiten Räume der Landschaft draußen, läßt
ihn die Gestaltenfülle der Menschen und Dinge einfangen in den dunklen
Raum seines Schauens. Bewußte Augenübung und Einprägung von bestimmten
Formen durch Zeichnen und Abzeichnen wird jetzt von Vielen wie von
selbst begehrt werden. Die Lust, nachahmend hervorzubringen, wird nun
immer größer werden, ja vielleicht bei einigen sich zu fröhlichem
Könnertum verselbständigen. Da wird dann der Führer eingreifen und
irgendwie begreiflich machen müssen, daß ja das eigentlich gar nicht
die ursprüngliche Absicht war. Denn Künstler werden ist schwer und
jenseits der Nachahmung. Und bei solchen Gelegenheiten wird es dann
vielleicht an der Zeit sein, mit dem so in das Können abgeirrten jungen
Menschen gemeinsam vor das Werk eines großen Künstlers zu treten. In
der Stille der Betrachtung wird es dann klar werden, was eigentlich
künstlerische Notwendigkeit ist und wahrer Ausdruck eines inneren
Schauens. Das überschüssige Können wird sich wieder eingliedern in den
Gesamtplan des durch die innere Schau bedingten Bildungswillens. Und
bei den Höchstbegabten wird aus alledem die Ausübung eines gestaltenden
Handwerkes oder einer bildenden Kunst erwachsen können.
* * * * *
Das Zwischenreich sinnlicher Ausdruckformen dehnt sich auf der andern
Seite in die Weite von Klang und Schall und Ton. Auch dieses Reich der
Töne ist dem spielenden Kind von Anfang an vertraut. In seinem Lachen
und Jauchzen und tausendfachen Geschrei bricht es immer wieder von
neuem aus dem engen Körpergewölbe hinaus in den schwingenden Luftraum.
In viel höherem Maße noch als die innere Welt der Gestalten drängt
die Klangwelt nach Ausdruck. Hier darf kein Zwang von außen hemmen.
Wer einmal gefühlt hat, wie das unendliche Stimmengezwitscher einer
Schulklasse plötzlich verstummt, wenn die Schritte des Lehrers zu hören
sind, wer einmal erlebt hat, was geschieht, wenn ein singender Vogel
durch ein über sein Bauer geworfenes Tuch geschweigt wird, wer dabei
gewesen ist, wenn der Gesang einer marschierenden Truppe durch ein
schrilles Kommandowort plötzlich entzweigeschnitten wird, oder wenn ein
kleines Kind, das schreit, durch Drohung oder Schläge dazu gebracht
wird, was heraus will, qualvoll in sich hineinzuschluchzen, wer diesen
täglich in tausend Formen begangenen Mord am Ton einmal begriffen hat,
wird sicherlich niemals mehr mithelfen zu hemmen, wo etwas singt oder
schreit oder klagt oder jubelt oder lacht.
Aus dieser von innen her ausbrechenden Klangfülle wird der Führende
vielleicht an einem Tage den eigenen Ton seines Anvertrauten
heraushören. Und von da an wird er ihn locken, daß jener aus dem Chaos
des wahllosen Klangausdrucks vielleicht zu dem +einen+ kommt, der ihm
gemäß ist. Erst wenn der Führer den Vertrauten zu dieser Möglichkeit
der Geburt des eigenen Gesanges geführt hat, ist es an der Zeit, auch
die Fülle der von andern Menschen gesungenen Lieder sich anzueignen,
und im Chor der anderen auch nach ihrem eigenen Ton hungrig gewordenen
Genossen ihn mit einstimmen zu lassen. Mehrstimmiger Gesang ist ja
das einzige, niemals versagende Mittel, durch gemeinsames Können zur
Gemeinschaft zu gelangen. Wenn dieses Mittel zu früh angewandt wird,
ehe das Kind seinen eigenen Ton gefunden hat, wird das kostbarste
Bindungsmittel menschlicher Gemeinschaft nutzlos vertan und zugleich
die eigene Klangentwicklung gehemmt.
Zur Zeit der +Reife+ wird die Klangwelt genau so wie die Raumwelt in
dem werdenden Menschen +verdunkelt+. Ein inneres Verstummen tritt ein,
der +Stimmwechsel+. Die schöpferische Bedeutung dieser Pause für die
Entwicklung der Stimme ist ja allgemein bekannt. Kinder, die zu dieser
Zeit gezwungen werden, zu singen oder sich gegen den aufreizenden
Zustand ihrer Umgebung mit viel Geschrei und lauten Worten wehren
müssen, schädigen ihre Stimme auf eine nie wieder gutzumachende
Weise. Hier kommt alles darauf an, die Stimme des Vertrauten zu
beruhigen, ihre aufgeregte Schrillheit zu dämpfen, daß kein Schaden
geschieht. Selbst schweigend muß der Führer die Stimmen der Nacht
hören können und die jauchzende Stimme des Morgens, Sturm und Gewitter
und Meeresbrausen, das Beben der Blätter, das Ächzen der Stämme, das
prickelnde Geräusch des Sumpfes. Und auf alle diese Laute der Natur
muß er seine Schutzbefohlenen horchen lehren, bis sie vor der Gewalt
dieser Laute verstummen.
Und schließlich wird es dann an der Zeit sein, mit dem Anvertrauten
gemeinsam zum erstenmal ein großes Musikwerk zu hören. Da wird die
Gewalt des großen Klanggebäudes in ihn hineinstürzen und von innen her
alles Eigenwillige auseinandersprengen. Und auf dieses Erlebnis seliger
Zerstörung wird dann nun sich das neue Suchen nach dem eigenen Ton
aufbauen und nun stärker werden und in den Grundmauern weiter. So wird
sich der Klang und Gesang der eigenen Stimme wechselseitig steigern an
dem Hören musikalischer Werke. Stärker wird auch das Verlangen werden,
den Bau solcher Tonwerke ganz klar und voll in sich selbst aufnehmen
zu können, ja sie selbst aus den Instrumenten erzeugen zu lernen. Und
bei den Höchstbegabten wird dann wieder aus alledem die Ausübung einer
Kunst erwachsen.
Diese vier Hauptausdrucksmöglichkeiten: der Körperausdruck, der
Wortausdruck, die Raum- und Klanggestaltung geben gewissermaßen die
vier Richtungen an, in denen alles menschliche Können und Leisten
sich ergießt. Am letzten Ende steht jedesmal die +Kunst+ selbst, zu
deren Ausübung aber nur die Höchstbegabten gelangen können. +In+ und
+zwischen+ diesen Richtungen sind die vielen menschlichen Berufe
einzuordnen. Jede Begabung läßt sich nach einer dieser Richtungen
entwickeln, und führt dann notwendig zu einem dieser Berufe.
Der Führer kann bei alledem das Können nur in die Richtung lenken,
Übung dafür bereithalten und zur eigenen Wahlentscheidung hinführen.
Aber in Wahrheit ist und bleibt dieses Können, der Beruf eines
Menschen, der unverwechselbare Ausdruck dieses Lebens selbst. Dazu ist
nichts hinzuzutun und davon ist nichts wegzunehmen. Das Können wächst
so hoch und so schnell und so freudig, wie das Leben selbst, ja es ist
das wachsende Leben selbst.
Über den Tod
Das Leben ist ein Wurf aus dem Dunkel des Todes wieder in das Dunkel
des Todes zurück. Bei der Empfängnis im Mutterleib springt die
Lebenslinie sogleich senkrecht aus dem Spiegel des Nichtseienden
herauf, durchrast in der Zeit der neun Monate spiralig in sich gekrümmt
mit einer für unser Bewußtsein unvorstellbaren Wucht alle Stufen des
pflanzlich tierischen Lebens und springt dann in fast senkrechtem
Anprall im Augenblick der Geburt als eigenbewegliches Leben ans
Tageslicht, um nun im steilen Bogen aufwärts zu steigen bis zur Höhe
des Lebens. Dort hält sich die Linie eine Weile in scheinbar gleicher
Höhe, um sich dann allmählich zu senken und je nach der Spannweite des
Lebens früh oder spät mit schmerzvollem Anprall in den Spiegel des
Nichtseins wieder unterzutauchen.
Alle Rhythmengefüge, von denen bisher die Rede war, Atem und
Tagesrhythmus, Jahresrhythmus und der Rhythmus der Lebensalter spannen
sich in diesen alles überspannenden Bogen von Geburt zu Tod. Und
dadurch kommt ein völlig anderer Klang auch in die Teilrhythmen des
+Lebens+. Nämlich der Klang des »Einmal«. Bisher wurde das Leben als
ewiges Leben, als ein immerwährend Auf und Ab von Rhythmen angesehen,
so wie es der Mensch in seinen jugendlichen Stunden in seinen
vollklingenden Stunden eben tatsächlich betrachtet und betrachten
muß. Es ist aber auch ein +Gegenklang+ von der Todesseite her. Viele
Namen bezeichnen ihn: Zwang, Notwendigkeit, Schicksal, Fatum, Ananke.
Aus dem wachsenden Wissen um diesen Gegenklang entspringt plötzlich
einmal die Gewißheit: nicht immer geht es so weiter von einem Atemzug
zum anderen, von einem Tag zum anderen, von einem Jahr zum anderen,
von einem Lebensalter zum anderen, von einem Werk zum anderen. Wie
man bei der Erdbetrachtung zunächst einmal ruhig die Krümmung der
Erdoberfläche außer acht läßt und alle Länder und Meere auf einer
Fläche nebeneinander ausbreitet, Erdteil um Erdteil, als ginge es
immer so weiter. Nun aber gilt es, die Krümmung in Rechnung zu setzen.
Der Tod strafft die in sich selbst rhythmisch schwingende Lebenslinie
bogenförmig zusammen und zwingt so das Leben zu seinem +Schluß+. Und
dieser Bogen von der Empfängnis im Mutterleib bis zum Tod, diese alle
anderen umfangende Kurve ist nicht mehr dehnbar oder wiederholbar.
Sie ist festgelegt oder wenigstens erscheint uns festgelegt. Während
der Wille des Menschen das innere Rhythmengefüge dauernd in seiner
Anordnung verändert oder zu verändern scheint, ist die äußerste Kurve,
der Bogen von der Geburt her durch den Tod notwendig bestimmt.
Verfolgt man von hier aus nun alle die vorher betrachteten Teilrhythmen
noch einmal rückwärts bis zu dem ersten Atemzug hinauf, so wird sich
alles als +tod+-gebundene Notwendigkeit erweisen, was zuvor als
aufwallendes +Leben+ angeschaut wurde. Die kleinste Atemschwingung
ist da, wo sie hinabschwingt in die schöpferische Ruhelage, ein
Bild des Todes und faßt darum auch den ganzen +Segen+ des Einmal und
Nichtwieder in sich. Ausatmend kann der Mensch in jeder Minute sterben,
d. h. zur Ruhe kommen, abschließen, zu Ende bringen. In Stunden der
Erschöpfung gelingt es wohl dann und wann einmal, im Ausatmen sich
so ganz und gar zu Ende zu bringen. Und auch die anderen größeren
Rhythmengefüge, von denen die Rede war, sind jedesmal da, wo die
Abwärtsschwingung zur Ruhe kommt, Bilder des Todes, der Tag, der in
den Abend schwingt und den Menschen in den täglichen Schlaf fallen
läßt, der monatliche Abschwung der sexuellen Kräfte, das Abklingen der
Jahreszeiten, die Pausen zwischen den menschlichen Lebensaltern, und
schließlich auch das Abfallen der Arbeitsleistung von dem unbemerkt
tausendfältigen Herabtropfen der alltäglichen Kleinarbeit bis zu dem
seltenen schwerreifen Abfallen wertvoller Lebenswerke. Alles das ist
todüberschattet.
Ja mehr noch: der Tod ist der Verursacher. Der Tod setzt der Kraft des
Lebens Ziel und Grenzen, und ruft eigentlich darum erst dies alles
hervor. +Weil+ Tod ist, darum entsteht alles Begrenzte, alles Geformte,
alles Abgeschlossene, alles Einzelne, alles Selbständige, um sich
+abzugrenzen+ gegen den Tod. Der Tod läßt das Leben überhaupt erst
aufbäumen, daß es zu Rhythmus und demzufolge zu Gestaltung kommt. Sonst
würde es ewig und geradlinig weiterfließen, ungetrennt, formlos. Von
hier aus gesehen ist das Leben in seinem Lauf eine vielfältig prächtige
Flucht vor dem Tode. Jeder aufsteigende Rhythmus ist ein erzwungenes
Ausweichen. Jedes abfallende Werk ist ein zögernd hingeworfener Brocken
von dem großen Raube des glücklich weitergetragenen Lebens. Je größer
die Lust an Leben ist, desto bewußter wehrt sich das Selbst täglich,
stündlich, bei jedem Atemzuge in diesem Auf- und Abschwingen, die alle
doch nur das eine sagen und wiederholen: ich lebe, lebe und will nicht
sterben.
* * * * *
Der Tod geht überall in den Dienst des Lebens, und seine Macht wird
scheinbar gering. Je bewußter und kühner die Lebensschwingungen nun
werden, desto gewaltiger wächst aber die Gefahr mit. Unter dem Namen
Krankheit, Sünde, Schuld wurde schon vorher von der Gefahr gesprochen.
Hier wird sie mit ihrem umfassendsten Namen genannt: +Todesfurcht+. Es
kann geschehen, daß der Tod schon lange wohlgezähmt dem Leben diente,
aber bei irgendeiner Gelegenheit, ganz plötzlich wird er in seiner
+Urgestalt+, in seiner +Nichtgestalt+ erkannt. Entsetzen vor dem Tode
ist plötzlich da und nichts anderes als Entsetzen. Einzige Ausflucht
bleibt: das Leben +festzuhalten+. Und dieser Wunsch rät öfter und
öfter zur Vorsicht und Schonung. Die Lebenskraft wird zurückgehalten,
wo der Einsatz zu groß scheint. Man +spart+ sein Leben auf, wird
geizig mit seiner Kraft. Bei der nächsten Gelegenheit könnte man diese
zurückgehaltene Kraft besser anwenden, glaubt man. Aber in Wahrheit
ist alles Furcht vor dem Abnehmen der Kraft, Furcht vor dem Tode. Man
möchte gar zu gern das Leben aufspeichern, um recht lange davon zu
zehren. Es ist der Besitzgedanke, der da das Leben durchseucht hat und
plötzlich alle, aber auch alle Mühe vieler Jahre mit eins zunichte
macht. Es ist hier wie stets, die Gefahr kommt von einer anderen Ecke
als man vermutet. Der, der sein Selbst lange Zeit gepflegt hat und
dem es nun Früchte bringt, dem mancherlei Leistungen immer besser
gelingen, glaubt natürlich, die einzige Gefahr läge im Nichtstun, man
nennt das Zeitverlieren; er sucht alle Löcher zu verstopfen, durch die
seine Lebenskraft noch nutzlos verrinnen könnte. Mit wenig Zeit viel
erreichen, das ist sein Wille. Und während er all sein Augenmerk nur
immer auf Steigerung des Lebens richtet, unvermutet packts ihn von der
anderen Seite. Es ist wie ein Schwindel nach langem Bergsteigen.
Es kann nur zweierlei geschehen. Der +starke+ Mensch verschließt
sich vor diesem ersten Gewahrwerden des Abgrundes. Er erkennt den
Tod einfach nicht an. So ist es heut gewöhnlich. Angst gilt nicht.
Der Mensch +soll+ und soll und soll ... Und so beginnt er den völlig
hoffnungslosen Kampf mit der eigenen Todesangst. Wo man sie findet,
stößt man sie weg, so daß sie in die Träume und unbewachten Augenblicke
flüchtet, bis der Mensch an einem grauenvollen Tage schließlich doch
übermannt und zerbrochen wird. Der schwache Mensch dagegen gibt gleich
beim ersten Mal das Spiel verloren. Der Tod nimmt von ihm langsam
Besitz. Die Lebensfreude weicht. Der Mensch fragt sich bei jeder
Gelegenheit: wozu? Die falsch verstandene Weisheit des Predigers:
»Alles ist eitel« vergiftet die Freude an jedem Tun und jedem Genießen.
Hier gibt es nur eins: Bejahung des Vorhandenen. Die Todesfurcht
ist da und nicht wegzuleugnen. Todesfurcht heißt nur: ich liebe des
Leben! Warum also Scham vor der Todesfurcht? Unterliege ich diesmal
der Furcht, lasse ich mich heute ganz durchdringen von dem Tod, morgen
vielleicht schon werde ich wieder jung werden mit einem anderen Tage,
und mein Leben ist wieder siegreich. Volle Anerkennung der Schwäche,
ein Ersterben in Furcht ist nötig, um die Furcht zu entkräften. Die
heroische Weltanschauung will das nicht zugeben, d. h. sie will es
nicht so weit kommen lassen. Sie verdrängt die Todesfurcht. So sagt man
schon dem kleinen Jungen, der seinen Mund zum Weinen verziehen will:
was, du willst ein Junge sein, du wirst dich doch nicht unterkriegen
lassen? Jawohl. Er soll sich unterkriegen lassen mit aller Inbrunst des
Versinkens in das Unvermeidliche. Viel zu früh geben die allermeisten
auf, sich vor dem Tode zu fürchten, weil sie gar nicht wissen, was sie
mit ihrem Leben verlieren können, weil sie ihr Leben nicht lieben und
es ihnen gleich anfangs leicht und feil ist oder wohl gar unnütz oder
mühselig oder belanglos. Wo man nicht liebt, ist es freilich einfach,
nicht zu fürchten. Aber wo das Leben in einem Menschen groß und hell
und weltenweit geworden ist, da ist +so+ viel zu verlieren, daß
manchmal nächtelang rund um ihn nichts ist als Furcht.
Aber nach solcher Überflutung von Angst und Grauen wird eine verborgene
Kraft wirksam werden. Es gibt eine Kraft, die plötzlich im Untersinken
das +Unvermeidliche lieben+ läßt, sogar wenn das Unvermeidliche das
Aufhören des selbsteigenen Lebens wäre. Wer dieses erfahren hat,
weiß es. (Und viele haben es in dieser Zeit erfahren.) Wer in einem
Augenblick des sehr nahen Todes diese große Umstellung gespürt
hat, vermag von da an die Furcht zu entkräften mit der lächelnden
Abspannung: ich gebe mich hin, ich lasse mich treiben, +selbst+ und
ungezwungen lasse ich mich +fallen+ in den Tod. Diese Kraft kommt
ruckweise über den Menschen und löscht alles Vorhergewesene aus.
Unvergleichbar ist das mit dem lässigen Aufgeben eines gleichgültigen
Dinges. Wo die Umstellung mit dieser +lässigen+ Gebärde geschieht,
ist noch Lüge dabei. In Wahrheit ist es wie nach dem Ziehen einer
herrlichen Last bis an den obersten Rand, bis sie rund und voll daliegt
und im Licht funkelt. +Nun+ aber ist es gut: nun lasse ich meine Hände
davon. Das, was meine ganze Kraft, Freude und Leid in sich enthält, das
lasse ich nun fahren, wende mich davon ab und bleibe leer und arm und
nichts. Gewaltig und schöpferisch ist diese Inbrunst des +Lassens+, und
die Furcht hat nichts mehr wo sie anpacken könnte und wandelt sich in
ein leise fragendes Staunen: Was nun? Hier wird bewußt, was Wahrheit
ist: der +Leben erschließende und Leben beschließende Tod+ nicht mehr
Feind des Lebens, sondern die große schöpferische Pause des Lebens.
Liebe als Macht
Das atmende, das durch Tag und Jahr und Lebensalter hindurch flutende
Leben des Selbst, all dieses schwingende Geschehen im Leben des
+einen+ Menschen, gerinnt zu +Schicksal+ für den +anderen+ und heißt
dann: Liebe. In dem Maße, wie Liebe sich eigenwillig gebärdet, faßt
das Wort noch nicht ganz seinen Inhalt. Erst wo sich das ganze Leben
unter einen anderen Neigungswinkel beugt, also dem anderen Menschen in
seiner Gesamtheit dargebracht wird, ist Liebe im großen Sinn. Solche
große Liebe, die das ganze Leben in ein liebendes Leben verwandelt, ist
aber nicht in +dem+ Sinne Schicksal, als ob es jedem so ohne weiteres
zufallen könnte. Nur +wenige+ vermögen dieses Schicksal zu tragen.
Eine doppelte Erfahrung muß im ganzen Ausmaß ihrer Höhe und Tiefe
vorausgegangen sein. Die im tiefsten Grunde schmerzliche Erfahrung
von dem Alleinsein der Menschen und das beglückende Geheimnis von der
trotzdem möglichen Vereinigung gibt die beiden Pole, die erreicht
werden müssen, wenn die Liebe wirklich umspannend werden soll. Sonst
wird die Liebe eben nicht rund wie die Welt und nicht umfassend wie das
Leben, sondern bleibt Stückwerk, Schmuckwerk, kommt leuchtend hier und
da zutage und verschwindet dann wieder auf lange Strecken.
Das Kind nimmt aus dem Mutterleib die dunkle Glückserinnerung an
den Zustand des völligen Umschlossenseins mit. Da gab es noch nicht
Getrenntheit. Es hatte das Blut der Mutter zu eigen. Geburt ist dann
der große Schmerz des Getrenntwerdens. Mit diesem Schmerz wird zugleich
der Wunsch geboren, den schmerzlosen Zustand wieder zu gewinnen.
Sehnsucht nach Besitz und Macht in den verschiedensten Gestaltungen
quillt von nun an unaufhörlich aus dieser dunklen Wunschquelle und ist
weiter nichts als das zu reißend gewordene allzu ungestüme Verlangen,
selbst in den andern einzugehen. Mit Augen und Händen ergreift das Kind
darum sogleich Besitz von der Welt und den Menschen. Was ihm nahekommt,
gehört ihm. Die Eltern kommen diesem Besitzwunsch des Kindes so lange
entgegen, wie er sich in der liebenswürdigen hilflosen Art des kleinen
Kindes äußert. Wenn das Kind dann erst laufen kann und seine Wünsche
unbequemer werden, beginnt man zu »erziehen«, d. h. abzugewöhnen. Dabei
werden aber die Eltern oft kindischer als die Kinder. Ihre eigene
dunkle Sehnsucht nach Macht benutzt die Gelegenheit, von dem Kind,
das sich ja nicht wehren kann, Besitz zu ergreifen. Aus demselben
dunklen Grund stammt ja bei Eltern und Kindern dieser Wunsch. Auch die
Mutter hat ja das Kind einmal ungetrennt besessen. Daß es +noch+ ihr
eigenes Fleisch und Blut sei, will sie möglichst deutlich immer wieder
erfahren. Auch sie willigt in kein Getrenntsein ein. Grauenhaft ist
es nun zu sehen, wie die meisten Kinder als das allerdings kostbarste
Besitzstück der Familie betrachtet und auch sogar nach außen hin als
solches hin- und hergeschoben und gezeigt werden. Die Erwachsenen sind
stärker. Sie setzen ihren Willen durch. So wird der junge Wille meist
schon ganz früh gebrochen, die Begierde der Kinder wird erdrückt und
kommt erst später wieder zutage. Oder das Gegenteil geschieht (wenn
auch nicht so häufig): dem Kind wird alles zu willen getan. Und es
lernt dann niemals das Getrenntsein, den Abstand von Menschen und
Dingen. Es bleibt unerlöst in seiner Besitzbegierde stecken. Beides,
das gewaltsame Unterdrücken der kindlichen Besitzbegierde wie das
schrankenlose Gewährenlassen dieses Triebes, begründet die spätere
Unfähigkeit zu lieben.
Die bestehenden Schulen versagen hier auch fast vollständig. Die
meisten Lehrer widmen sich ja aus Erwerbsgründen diesem Beruf. Sie
lieben die Kinder gar nicht. Gegen das jugendliche Drängen müssen sie
sich wehren, weil es ihre eigene Macht bedroht. Es bleibt ihnen nichts
anderes übrig, als eine Maske anzunehmen, damit das Schwinden ihrer
Macht nicht bemerkt wird. Wo sie spüren, daß ihre Macht im Schwinden
ist, müssen sie gleich zum Gegenangriff übergehen, weil sonst alles
verloren ist. Ihr Beruf, ihr Amt, ihre Schulklasse wird »ihre Aufgabe«,
an der sie arbeiten, das Material, an dem sie ihre Kraft sehen können,
der Besitz, über den sie verfügen. Wo sich unter den jungen Menschen
anders gerichtete Kräfte regen, da sind sie sofort argwöhnisch, als sei
jedes eigenmächtige Wachstum selbstverständlich +gegen+ ihre Autorität
gerichtet. Aber Autorität wahren, nichts sich vergeben, immer oben
sein, ist ihre einzige Rettung, sonst paßt ihnen ihre Maske nicht mehr
und rutscht ihnen vom Gesicht herunter und sie sind hilflos. Und so ist
es denn auch, wenn sie einmal ihre Autorität nicht ausüben, also nicht
dauernd sich stark genug zeigen, ihren Willen überall durchzudrücken,
dann merken die Jungen sofort das Loch, wo sie ausbrechen können,
um den Zwang, der immer auf ihnen lastet, fortzuschieben. Sie gehen
dann sofort zum Angriff über, um ihrerseits nun Zwang auf den Lehrer
auszuüben. In kurzer Zeit lernen sie die schwachen Stellen unfehlbar
sicher benutzen. Und so bilden sich in den Schulen immer wieder die
zwei Hauptarten des Lehrers, der Tyrann und der Popanz.