Kinde. Doch darf der Führer seinen Anvertrauten auch hier nicht etwa
allein lassen. Das gestaltete Ding gehört nicht mehr dem schöpferisch
gewesenen Selbst. Die Tat darf nicht festgehalten und götzendienerisch
betrachtet werden. Die Spannung, die auf die Vollendung dieses einen
Dings gerichtete Kraft, muß sich lösen im Augenblick, wo die Arbeit
fertig ist, wie ein Zweig wieder hochschnellt, wenn die Frucht sich
gelöst hat. Das Kind muß begreifen lernen, was +Entspannung+ nach der
Tat ist. Gerade hier verfahren die Erzieher in den Schulen anders.
Durch das voll ausgebaute Lob-Tadel-System wird der +Ehrgeiz+, d. h.
die Spannung der Schüler dauernd wach gehalten. Nur nicht erschlaffen,
nicht nachlassen in den Leistungen! Immer von Erfolg zu Erfolg! Das
ist der geltende Grundsatz. Das kleine Kind muß sich schon in dies
Zwangssystem immer von neuem gesteigerter Anspannung einfügen. Ja,
es begehrt bald selbst nach immer neuer Anspannung, weil es sich
von selbst gar nicht mehr abspannen kann. So entstehen dann die
Musterkinder mit ihrem vielversprechenden Eifer, mit ihrem lärmenden
Interesse an hundert Dingen, die ganz belanglos sind. Nur wenige Kinder
sind von Natur aus stark genug, sich dagegen abzusperren. Aber gerade
diese verhärten sich dann gewöhnlich in ihrer ständigen Abwehrstellung
und werden faul und dickfellig. Sie spannen sich überhaupt nicht mehr
an. In steter Verzweiflung von Mißerfolg zu Mißerfolg geben sie es
zuletzt überhaupt auf, sich zu rühren.
Hier bleibt noch alles zu tun. Der Führer zum Leben muß darüber wachen,
daß die Spannung nach der Tat sogleich gelöst wird, daß das Kind
wieder in seine Ruhelage eingeht und die nächste Tat von neuem aus
dem tiefen Grunde der Ruhe aufsteigen lassen kann, nicht aber von dem
Dach seiner schon vorher getanen Taten. Dies stets Von-neuem-Tun, das
Vom-Grund-Aufbauen jeder Tat muß vor allen Dingen gelernt und geübt
werden, denn nicht auf das +Tun+ kommt es an, sondern auf den rechten
+Wechsel von Tun und Lassen+. So wie es ja auch nicht auf das Einatmen
allein ankommt, sondern auf den rhythmischen Wechsel von Ein- und
Ausatmen.
Ausbildung in den Ausdrucksmitteln der Künste
Die reinste und vollkommen gelöste Tat menschlichen Könnens offenbart
sich in dem Kunstwerk, welches perlenhaft klar und geschlossen aus dem
Grunde des Selbst aufsteigt, sich dann aber von dem Selbst für immer
loslöst und eigenen Bestand und eigenes Leben hat. Eine jede Tat muß
so getan und nach dem Tun so entlassen werden, wie die Kunst-Tat. Es
ist der untergründige Zweck aller Beschäftigung mit den Künsten und
ihren Ausdrucksformen, dieses rechte Tun und rechte Lassen einer Tat
überhaupt zu lernen und immerfort vor Augen zu haben.
Bei der künstlerischen Tat handelt es sich ja um das Sammeln aller
Kraft auf ein einziges Gestaltungsziel nach jener zweiten Spielregel:
wenn einmal überhaupt, dann so und nur so.
Die Gefahr, daß durch einen +allgemeinen Kunstunterricht+ die Menge der
Schein-Künstler vermehrt würde, besteht nicht. Im Gegenteil: wer von
früh auf mit der Schwerheit künstlerischen Ausdrucks vertraut ist, wird
sich wahrlich scheuen, zu der kleinen Schar schöpferischer Menschen als
Gleichberechtigter, aber auch Gleichverpflichteter zu treten. Durch
den bisherigen Schulzustand, der die Unterweisung in künstlerischer
Ausdrucksform fast gänzlich beiseite schob, wurde erreicht, daß
gerade die lebendigsten Geister mit einer wilden Sehnsucht sich auf
das vorenthaltene Gut stürzten. Weil sie +überhaupt+ den Drang zur
Gestaltung der Dinge in sich spürten, gerieten sie in den romantischen
Wahn, daß sie einzig und allein als +Künstler+ zum Ausdruck ihres
Selbst kommen könnten. Das Künstlertum wurde das abgesperrte
Zauberland, zu dem sich immer wieder die Besten, die Unbefriedigten
aufmachten in dem Wahn, sie könnten dort ihre Jugendkraft endlich in
eigene Tat umprägen. Schriftsteller, Schauspieler, Künstler wollten
sie werden, nur weil sie überhaupt nach einer Ausdrucksmöglichkeit
verlangten, die ihnen durch den Schulbetrieb bisher versperrt wurde.
Wenn aber dieser sinnlose Bann einmal gebrochen ist und jeder von
frühester Jugend an sich der künstlerischen Ausdrucksmittel bedienen
darf, dann werden ganz gewiß nur noch sehr wenige, und diese allerdings
in vollem Bewußtsein dessen, was sie damit tun, zur Ausübung einer
Kunst als lebenfüllende Aufgabe sich berufen fühlen. Alle die anderen
aber werden durch die Übung in den künstlerischen Ausdrucksformen
lernen, sich selbst auszudrücken, ohne mehr dem Wahn zu verfallen, daß
sie damit etwa schon zu +Künstlern+ geworden seien. Sie werden lernen,
+jede+ Tat zu tun, +als ob+ sie Künstler wären.
Es ist also die Aufgabe, das Kind aus seiner Gesamtausdrucksform
»Spiel« zu diesem und jenem ganz bestimmten Kunstausdruck hinzuführen.
Eine Fülle künstlerischer Teilstücke liegt in jeder Äußerung des
spielenden Kindes. Ja, oftmals ist das Spiel des kleinen Kindes unter
der Führung der Mutter schon zu einer Art Gesamtkunstwerk ausgebildet,
enthält Körperausdruck, singendes und schauendes Gestalten, Handwerk-
und Sprachausdruck unlösbar in sich. Die eigentlich +gestaltende+ Kraft
braucht der Führer somit wahrlich nicht anzutreiben. In Überfülle wird
sie da sein. Ziel ist hier vielmehr, der Unendlichkeit spielender
Kräfte immer von neuem ganz bestimmte +Grenzen+ zu setzen. Also die
+eine+ wesentliche Eigenschaft des Kunstwerks, daß es aus dem Grunde
aufquillt, ist nicht lehrbar, und das Kind hat sie ja ganz von selbst
in sich. Aber die +andere+ wesentliche Eigenschaft des Kunstwerks,
daß es ein +endliches+ Gebilde ist, daß es nach allen Seiten begrenzt
ist und aufhört, das weiß das Kind +nicht+ von selbst. Es muß lernen,
aus der Fülle des Möglichen das ganz bestimmte Teilstück, das ja
gewissermaßen drin steckt, auszuschneiden und in seiner Begrenzung zu
gestalten.
Der Tanz
Der Tanz als die rein körperliche Form des Kunstausdrucks wird sich
vielleicht am ehesten und leichtesten aus der Fülle des kindlichen
Spiels heraussondern lassen. Jede Bewegung des spielenden Kindes ist
ja wahrster Körperausdruck und somit Rohstoff zum Tanz, der nur nicht
allseitig begrenzt in Erscheinung treten kann. Alle körperliche Übung
wird im Hinblick auf das befreiende und begrenzende Endziel: »Tanz«
vorgenommen werden. Aber auch die alltägliche körperliche Arbeit des
Kindes wird sich stets leise und unmerklich nach diesem Endziel ganz
hinlenken lassen, wenn nur jede Handreichung und alles Laufen und
Rennen, alles Bücken und Beugen und Heben und Tragen von dem leichten
und tiefschwingenden Atem des Tanzes durchpulst ist. Später dann an
einem kraft- und freudegefüllten Tage wird das Kind seinen Körper
aus seinem eigenen tanzhaften Urtrieb heraus zu gestaltetem Ausdruck
bringen können.
Die Sprachbildung
Der körperlichen Ausdrucksform Tanz am fernsten steht die rein
geistige Ausdrucksform durch das Wort. Wortgeformter Geist ist zwar
auch schon im Spiel enthalten, aber nur sehr bruchstückhaft. Die
Worte im Spiel sind meist noch nicht fest bestimmte Ausdrucksformen
für bestimmte Gedankeninhalte, sondern eher Naturlaute von sehr viel
dehnbarerer Bedeutung. Spät erst wird das Kind danach Verlangen haben,
seine Gedanken in den bestehenden Wortformen der Sprache »richtig«
auszudrücken. Darum klingt ein richtig gebauter Satz, den etwa ein
Kindermädchen ihrem Zögling eingelernt hat, so sinnlos aus dem
kindlichen Munde.
Das Kind spielt zunächst mit den Worten, die ihm gerade geläufig
geworden sind und versucht den Gedanken, den es ausdrücken will,
damit einzukreisen. Und diese Lust am Zusammenbacken der vielen
fremden Worte, noch ohne ihre volle Bedeutung zu wissen, das fröhlich
quatschende Durcheinanderwerfen der Worte ist lange da, ehe der Geist
mit geordneten eindeutigen Worten sich auszudrücken vermag. Viel zu
früh wird das Kind durch seine erwachsenen Lehrer -- und vorher schon
durch die Eltern -- dazu gezwungen, für ein bestimmtes Ding ein ganz
bestimmtes Wort zu gebrauchen und immer wieder zu gebrauchen, das es
von sich aus vielleicht gar nicht wählen und ganz gewiß nicht wieder
wählen würde. Ja, es wird auch noch gezwungen, dieses Wort mit den es
bezeichnenden Buchstaben schriftlich zu fixieren. Durch das viel zu
frühe Lesen- und Schreibenlernen auf der Schule verliert das Kind dann
vollends seine eigene spielende Leichtigkeit im Gebrauch der Worte, und
lernt viel zu früh mit fremden Worten reden und was noch schlimmer ist,
denken.
Die in ganz Europa geübte Vergewaltigung des Geistes hat hier ihren
Hauptansatzpunkt. Die Sprache ist das unscheinbarste und doch
wirksamste Gewaltmittel, mit der jede Generation, wenn sie zu Ansehen
und Macht und damit in den Zustand der Erstarrung gekommen ist, die
aufwachsenden Kinder sacht und sicher in ihre eigene Bahn hinüberlenken
kann.
* * * * *
Hier also muß der bildende Führer besonders wachsam sein, daß er seine
Anvertrauten vor der Gewalt der fremden Worte schützt. Wo er merkt, daß
ein Kind ein Wortgefüge braucht, das aus dem Sprachgut der Erwachsenen
stammt, muß er der Sache auf den Grund gehen. Er muß sich von dem Kind
erzählen lassen, was es damit meint. Hinter jedem fremden Wort, das
Eingang in die Gemeinde gewinnt, muß er hinterher sein. Keineswegs
braucht er es zu vertreiben, aber er muß es einkreisen lassen von dem
bunten Spiel ihrer eigenen kindlichen Worte, bis seine Fremdheit ganz
darin untergegangen ist. Das ist das Wesentliche, daß niemals fremde
Wortgefüge allzulange bestehen bleiben. Sie müssen immer wieder gleich
aufgelöst und in den Zusammenhang mit dem schon vorhandenen Sprachgut
hineingezogen werden.
Weil der Machtdämon im Bezirk der Worte so leicht Eingang hat, muß der
Führer hier auch die jüngeren vor den älteren Gefährten der Gemeinde in
Schutz nehmen, daß sie sich deren Sprachgut nicht ohne zu wissen und
ohne zu wollen aneignen. Er muß die Jüngsten immer wieder reizen, sich
nicht unterkriegen zu lassen, immer zu sagen, was sie selbst meinen.
Und schließlich vor allem muß er sich hier selbst in Zucht nehmen.
Denn seine Worte werden natürlich immer wieder Macht gewinnen wollen
über die jüngeren Freunde. Sie werden mit seinen Worten denken, und er
wird es vielleicht gar nicht merken. Die Versuchung ist groß, daß er
seine eigenen Worte aus dem vertrauten Munde des Jüngeren schmeichelnd
begrüßt. Er freut sich über ihre vermeintlichen geistigen Fortschritte,
und es sind doch eigentlich nichts als nachgesprochene Worte. Wo er
seine eigenen Worte wiederfindet, muß er sofort bedenklich werden,
und es muß wie ein Erschrecken über ihn kommen. Zu anderen Worten muß
ihn das treiben. +Wenn seine+ Worte +nach+gesprochen wurden, beweist
dies ja nur, daß sie nicht von innen her, sondern aus Verstand und
Absicht kamen und also auch nur auf den Verstand der Hörenden wirkten.
Er muß seine Worte tiefer hervorholen. Spricht er von Herzen, so geht
es zu Herzen, und die ihn hören, kommen dann gar nicht mehr darauf,
+nach+zusprechen, sondern +selbst+ zu sprechen. Und zunächst einmal
zu +schweigen+. Aus der Tiefe kommende Worte werden in dem Hörenden
zunächst nicht notwendig Gegenworte erzeugen. Schweigen ist vollwertige
Antwort bei wachsenden Menschen. Schweigen sagt: Ich habe gehört.
Schweigen ist die schöpferische Pause zwischen Hören und Sagen, die
Ruhelage, aus der allein die eigenen Worte des Menschen aufquellen
können.
* * * * *
Wieder an diesem wichtigsten Punkt versagt die heutige Erziehung.
Schweigen bedeutet heute im allgemeinen: er weiß nichts zu sagen, er
ist unfähig, er ist dumm. Man muß ihn antreiben, daß er sich äußert;
denn der Mensch muß sich äußern können, wenn er in seinem Leben
fortkommen und mit anderen Menschen zusammenleben will. Mit einer
lückenlos ausgearbeiteten Methode zwingt man also das Kind, sich zu
äußern. Man legt nahe, man fragt so dicht an den Dingen entlang, daß
die Antwort unausweichlich kommen muß. Wenn sie dann immer noch nicht
gleich kommt, zeigt man sich erstaunt, erklärt sofort alles noch
einmal, daß nur ja nichts dunkel bleibt. Und dann geht man zum nächsten
Thema über. Erklärt wieder, legt nahe, fragt und ist befriedigt über
die erfolgende Antwort.
So kommt es zu jenem ununterbrochenen Hinwegreden über die Dinge mit
angelernten fremden Worten. Die Schnelligkeit des Ausdrucks wird
gesteigert, die Eigen-Tiefe gemindert oder vielmehr gar nicht erreicht.
Hier muß also der Führende versuchen, aus dem schweigenden Begreifen
heraus langsam und mit Verzicht auf sehr sichtbare Erfolge die eigene
Sprache seiner Anvertrauten hervorzulocken. Nicht nur in den »deutschen
Stunden«, wie es auf den Schulen geschieht, sondern immerfort wird
in diesem Sinn der eigene Ausdruck in deutscher Sprache geübt werden
müssen.
* * * * *
Schreiben- und Lesenlernen hat Zeit. Was ist Schreiben und Lesen?
Schreiben ist die Kunst, selbstgedachte und bis zum Aussprechen reif
gewordene Worte durch Schriftzeichen aufbewahren zu können. Wo der
Mensch also noch nicht aus sich selbst heraus sprechen gelernt hat,
ist es sinnlos, ihn das Schreiben zu lehren. Lesen ist die Kunst, die
von anderen gedachten und bis zum Aussprechen reif gewordenen und dann
niedergeschriebenen Worte wieder zu entziffern. Wo der Mensch aber noch
nicht zu hören und zu schweigen gelernt hat, ist es sinnlos, ihn das
Lesen zu lernen.
Immer wieder neue Übung im Schweigen und Hören und Sprechen wird also
noch lange hinaus die Zeit ausfüllen, die heute in den Schulen schon zu
Schreiben und Lesen verwandt wird. Papier und Tinte und Bücher werden
lange unbekannt bleiben dürfen. Erst wenn das Kind von der Fülle des
Selbstgedachten und Selbstgesprochenen sich so bedrängt fühlt, daß es
nach Fächern und Stützen sucht, um diese stets neu andrängende Fülle
der eigenen Gedanken zu bewältigen, ist es Zeit ihm begreiflich zu
machen: es gibt eine Kunst, die für morgen und alle kommenden Tage dir
deine Worte in sichtbare Zeichen umgesetzt aufbewahren hilft. Und jetzt
wird es leicht sein, dem so von seiner eigenen Fülle gedrängten jungen
Menschen zu seiner Erlösung von dieser Fülle zu helfen. Er wird es wie
von selbst lernen, daß alle diese Worte sich in Laute und Buchstaben
auflösen lassen, und daß man mit Hilfe der sichtbar gemachten
Buchstabenzeichen Laute und schließlich Worte zu Papier bringen kann.
So wird er das Schreiben gewissermaßen aus eigener Notwendigkeit
heraus selbst erfinden. Er wird mit all der ungeheuren Erregung und
Entdeckerfreude des schöpferischen Menschen daran arbeiten, das breite
Gebiet der Sichtbarmachung seiner eigenen Worte sich schnell zu erobern
und so vielleicht in wenigen Tagen schreiben lernen. Die Tage, in denen
das geschieht, werden natürlich Tage höchster Kraftentfaltung sein, an
denen der Führer alle seine eigene Kraft in den Dienst dieses +einen+
Lernenden stellen muß, nicht in kühler Absichtlichkeit, sondern mit
hingerissen von der Wucht dieses welterweiternden Geschehens, daß hier
ein Mensch seine bis dahin flüchtig durch die Zeit hingesprochenen
Worte nun festzuhalten, sichtbar zu machen, aufzubewahren lernt. Die
Fülle der Fragen, die der Knabe in diesen Tagen über ihn ausschüttet,
wird ihn allerdings nicht wegschwemmen dürfen. Er wird mancherlei
zurückbehalten müssen, daß er ihn nicht überspannt. Wie stets bei
außerordentlichen Gelegenheiten wird er für den von der schaffenden
Freude Ergriffenen unmerklich und besonders pflegsam sorgen müssen, daß
er die Pausen des Tages nicht überrennt, daß er tiefen Schlaf hat und
rechtes Essen und Luft und Sonne. So wird das Tun gedeihen. Der Knabe
wird schreiben können.
Selbstverständlich wird zu gleicher Zeit das Verlangen da sein, auch
das von anderen Menschen Geschriebene zu lesen. Und der aufgespeicherte
Wort- und Denkschatz der Bücher wird sich dem Knaben öffnen. Gute +und+
schlechte Bücher werden dem Lesenden zufallen. Es ist gar keine Gefahr
dabei; denn er wird von vornherein wertend an die Bücher herangehen. Da
er gelernt hat, selbst aus dem Herzen heraus zu sprechen, wird er nicht
durch Bücher getäuscht werden können, die in irgendwelcher Absicht
Untiefes, Undurchdachtes oder Verstandüberlichtetes sagen. Er wird sie
dann einfach als unwahr beiseite tun.
* * * * *
Wenn nun der junge Mensch alle diese Teilgebiete sprachlichen Könnens,
Hören und Sprechen, Lesen und Schreiben aus seinem schweigenden
Verstehen heraus gelernt hat, wird er nun zur Beherrschung der
sprachlichen Gesamtkunst weiterdringen können. Dazu müssen diese
Teilgebiete sprachlichen Könnens dauernd miteinander in Verbindung
gehalten werden. Alles Geschriebene wird auch ausgesprochen werden,
wenn es nicht mit vollem Bewußtsein verschwiegen wird. Und so werden
die jungen Menschen nur das schreiben, was sie wirklich aussprechen
oder wirklich verschweigen und geheimhalten wollen, was sie den andern
sagen wollen, oder vor den andern verschließen wollen. Und außerdem
werden sie alles, was sie lesen, vergleichen lernen mit dem, was
sie gehört und auch mit dem, was sie selber gesprochen oder bewußt
verschwiegen haben, und schließlich auch vielleicht mit dem, was sie
selber schon geschrieben haben. So wird sich aus den Elementen immer
mehr das Ganze sprachlichen Ausdrucks herausheben. Ziel ist hier, daß
der Geist durch das Mittel des eigenen Worts sich völlig ausdrücken
lernt +und+ zugleich auch lernt, den Geist in fremdem Wortgewand
möglichst restlos wieder zu erkennen.
Wie das Kind einst Worte wirklich zu hören gelernt hat, so wird nun
der junge Mensch in der Zeit seiner Reife Dichtwerke in diesem Sinn
aufnehmen und wirklich sich aneignen lernen. Er wird vor die großen
Werke der Dichtkunst treten, als vor die letztmöglichen Erfüllungen
dessen, was sich ja auch stets aus seinem eigenen Geist heraus durch
das Mittel des Wortes hat ausdrücken wollen. Also ein Dichtwerk wird
für ihn nicht mehr als Fremdes außerhalb von ihm selbst stehen, sondern
wird als Vertrautes in ihm sein. Sein eigener Geist wird sich aus dem
Dichtwerk heraus auszudrücken vermögen, ja sich in diesem fremden
Ausdruck erlösen lassen können.
Die Worte besitzen stellvertretenden Erlösungswert, wenn sie wirklich
ganz in der Tiefe angeeignet werden. Wie der Dichter in seinem Werk, so
vermag nun auch der Nachschaffende auf dem steigenden Bogen der Worte
sich aufzuschwingen aus seinem eigenen +Stummsein+, aus der Wirrnis
seiner Gedanken. Er wird nicht mehr Götzendienerei mit den fremden
Worten treiben, er wird sie brauchen wie seinen eigenen Ausdruck. Und
doch wird er ehrfürchtig an den unverwechselbaren Ausdruck eines jeden
wahren Dichters herangehen und gerade diese Einzigkeit zu ergründen
versuchen. Jeder eigene Gefühlsablauf und Gedankengang wird, wenn
er überhaupt zum Wortausdruck kommt, ein vollkommener Ausdruck des
Sprechenden selbst sein und so jedes Mal dem Bruchstück einer echten
Dichtung ähnlich sehen.
Menschen, die so zu Beherrschern des Wortes aufwachsen, müssen der
+Möglichkeit+ nach auch alle zu Künstlern des Wortes werden. Ob einer
von ihnen in +Wirklichkeit+ Dichter wird, hängt dann allein noch von
der Fülle seiner überschüssigen Kraft ab.
* * * * *
Eine solche Sprachbildung ist die Grundlage für die meisten heutigen
Berufe. Alle Berufe, die sich mit Schreibarbeit, Schnellschrift
und Kunstschrift befassen, alle Berufe, die mit fremden Sprachen,
Sprachforschung, aber auch mit Bibliothekswesen und Buchhandel zu
tun haben, alle juristischen und politischen Berufe, schließlich
der Beruf des Predigers und zum großen Teil auch der Beruf des
Erziehers -- alle diese Berufe bedienen sich als Ausdrucksmittel der
geschriebenen und gesprochenen Worte und wurzeln also ganz und gar in
der Spachbildung. Neues Leben in all diesen Berufen kann nur entstehen,
wenn die Grundlagen geändert werden, wenn in frühester Jugend schon an
Stelle der oberflächlichen Erlernung einer allgemein gebräuchlichen
Umgangssprache die Übung im eigenen Sprachausdruck tritt, wenn jeder
lernt, Worte und Sprachgebilde in ihrer Tiefe zu verstehen und aus
ihrer Tiefe heraus selbst zu gestalten.
In alledem war nur von der Führung des einzelnen Knaben, konnte nur
davon die Rede sein. Denn Unterweisung in dem sprachlichen Können --
wie in jedem Können -- ist nur durch Einzelunterricht möglich, weil
hier ja gerade das Einzel+sein+ eines Menschen zu der ihm allein
bestimmten Blüte und Frucht gebracht werden soll.
Wenn aber die Einzelnen sprachlich so weit gebildet sind, daß alle
ein Dichtwerk schöpferisch begreifen können, wird es vielleicht
möglich werden, in Gemeinschaft zu lesen. Was dann geschehen kann,
ist gemeinsame Befreiung durch das Wort. Doch das ist nur das
Letztmögliche, selten Erreichbare. Jedes gemeinsame Kunsterleben
ist gefahrvoll. Jeder Einzelne, der dabei ist, trägt das Ganze so
entscheidend, daß seine abschweifende Sonderrichtung, vielleicht
nur in einer unwahren Gebärde unbewußt zum Ausdruck gebracht, die
gemeinsame Lösung schon vernichten kann. Und solch gemeinsames Lesen,
das aus irgendeinem meist nicht recht erkennbaren Grunde nichts
geworden ist, bleibt nun nicht etwa so folgenlos, wie es scheinen
könnte. Es ist nicht etwa nur eine mißglückte Veranstaltung, die man
unter glücklicheren Verhältnissen beliebig wiederholen könnte. Hier
ist vielmehr etwas Unwiederbringliches geschehen. Bei der nächsten
gemeinsamen Handlung macht sich der Riß meist gleich wieder bemerkbar
als leises Mißtrauen, als ein nicht so hingegebenes Bereitsein der
Versammelten. Der Geist der Gemeinschaft ist durch den Eigenwillen des
Einzelnen verletzt. Nur durch verdoppelte Inbrunst kann der Riß wieder
geheilt werden. Aus der gemeinsamen schöpferischen Ruhelage allein kann
die gemeinsame Erlösung durch das Wort kommen.
Der Ausdruck mit den Mitteln der bildenden Künste
Zwischen dem unmittelbaren Körperausdruck in Tanz und dem durch die
Sprache vermittelten Geistesausdruck im Wort liegt das Zwischenreich
der verschiedenen vor allem durch Auge und Ohr vermittelten
+sinnlichen+ Ausdrucksmöglichkeiten. Auch diese müssen aus der
Gesamtform »Spiel« allmählich hervorgelockt werden.
Das Kind schaut schon sehr früh. Die Fülle der Dinge fliegt durch das
Auge in einer ununterbrochenen Reihe von Eindrücken in seine Seele,
und so baut sich in ihm die gestalten- und farben- und bildvolle
Raumwelt. Diese seiner Seele mehr und mehr eingedrückte Raumwelt
gibt allein allen Spielen des Kindes Weite und Zusammenhang. Daß es
an dem Faden seiner Vorstellung das Spiel von seinem Anfang bis zu
seinem Ende überhaupt durchführt, das ist schon eine Wirkung dieser
verbindungschaffenden Raumwelt. Der schauende Sinn gibt dem Kind den
Plan seines Spiels. Wenn nun die Zeit gekommen ist, muß der Führer
dieses dunkle Ahnen von Raum und Gestalt aus der Wirrnis des Spieles
herauslösen, dem Kind begreiflich machen, daß dieser Raum in seiner
Weite wie in seiner Gestaltenfülle ihm ja durch sein Auge zu eigen
gegeben ist und daß er ihn auch bei geschlossenen Augen in sich hat,
daß er ihn beliebig aus sich ausdrücken kann.
Jedes Spielzeug, das das Kind sich verfertigen lernt und späterhin
jedes Gerät, zu dessen Herrichtung es angeleitet wird, gibt
Gelegenheit, aus dem eigenen inneren Raumschatz zu gestalten. Und wenn
die Kinder sich eine Hütte bauen oder im Winter einen Schneewall,
so werden sie diese Bauten aus sich heraussetzen als Ausdruck ihres
inneren Schauens. Und wenn sie dann in Sand und auf den Brettertischen
und auf Papierstücken etwas kritzeln, so wird das alles ausdrücken, was
sie seit langem in sich haben. Ganz von selbst entwickelt sich so aus
den Raum- und Gestaltelementen des Spiels allmählich eine Unterweisung
in Handwerk aller Art, ein Unterricht in Formen und Zeichnen. Dies wird
nicht ein Nachahmen, ein Abzeichnen und Abformen von äußeren Dingen
sein, sondern ein Formerfinden aus innerem Drang.