Diese Möglichkeit gilt heute als die +einzige+. Jede +andere+ wird

bestraft. Denn das ist das Schlimme: der Glaube an die Arbeit ist so

einseitig allmächtig geworden, daß es zur Dogmenbildung gekommen ist

und zur Verfolgung der Andersgläubigen. Mittel der Verfolgung sind

Hunger und Verachtung, die wirksamsten Mittel, die große Menge in

Bann zu halten und zugleich den edlen Einzelnen zu bezähmen. Keiner

darf sich der Arbeit entziehen. Denn die Arbeit braucht die Menschen

in +Mengen+. Eine besondere Arbeiterklasse ist entstanden, wie in der

römischen Spätzeit der Sklavenstand. Jeder dieser vielen übt sich auf

möglichst eng begrenzte Arbeit ein, um möglichst viel zu leisten. Alle

staatlichen und kirchlichen Einrichtungen sind auf das Arbeitsdogma

zugeschnitten. Und so hat sich der Rhythmus der europäischen Arbeit

ganz und gar verwirrt und zerknittert. Jede auch nur geringfügige

Pausierung ist daraus verschwunden. Die Fabrikstadt ist das Symbol

dieses Arbeitslebens. Tag und Nacht, wochentags und feiertags brennen

die Öfen. Sie dürfen nicht ausgehen, weil es zu kostspielig ist. Ob es

regnet oder die Sonne scheint, ob es Frühling ist oder weit draußen

auf den unbekannten Feldern das Getreide reif wird, niemand merkt es.

Ob eine Arbeiterin ein Kind trägt, ob ein Vater stirbt, ob ein junger

Mensch zum ersten Mal Liebe empfängt und gibt, über alles das jagt

die Arbeit die einzelnen Menschen so lange mitleidlos hinweg, bis sie

selbst glauben, sie hätten kein Recht daran. Es gilt schon geradezu als

minderwertig, wenn einer sich von einem allzu großen Schmerz übermannen

läßt und seine Arbeit darüber versäumt. Und doch wäre es für die

meisten viel besser, wenn sie einmal gründlich verzweifelten. Selbst

auf die Gefahr, daran zu sterben und nie wieder zu arbeiten. Denn so

können sie weder sterben noch leben. Die Menschen haben keine Zeit zur

großen Verzweiflung, wie sie keine Zeit zur großen Freude haben. Das

rasende Tempo der Arbeit hat alles überrannt, so daß die arbeitenden

Menschen eigentlich nur von ihrer Anfangskraft zehren, die sie aus dem

Mutterleib mitbringen und dann hinfallen und sterben, ohne ein einziges

Mal von sich selbst aus tief Atem geholt zu haben. Vielleicht, wenn sie

nur einmal innehalten könnten, um wirklich und lange genug auszuruhen,

würde ihre Arbeit viel leichter und freudevoller und auch stärker aus

ihnen hervorbrechen können. Sie würden dann einen Überschuß an Kraft

gesammelt haben und nicht immer nur knapp so viel Kraft aufraffen,

wie sie im nächsten Augenblick schon wieder ausgeben müssen, um die

notwendige Arbeit im Gang zu halten.

Gegen den +Glauben+ an die Arbeit soll hier nichts gesagt werden,

nur gegen die +Dogmatik+. Sicher ist das Zeitalter, das Klima, die

nördliche Menschenrasse so beschaffen, daß die +Mehrzahl+ der Menschen

ihre Glücksmöglichkeit in der Arbeit suchen +muß+. Das Glück des

in sich schwingenden Kräftegleichmaßes, die griechische, auch die

christlich-mystische, auch die indische Zielforderung der Harmonie

ist in ihrer Ausschließlichkeit nur für wenige Menschen gültig. Alles

drängt heute zur Sichtbarmachung, zu der +sofortigen+ Umprägung der

inneren Kräfte in Arbeit. Dies ist entwicklungsmäßig das Unumgängliche.

Auch die Erziehung wird dahin gerichtet sein müssen. Die Arbeitsschule

ist der lebenskräftigste neue Gedanke. Alles kommt aber nun darauf

an, den finsteren dogmatischen Geist der Sklaven und Sklavenhalter zu

vertreiben, und damit wirklich und endgültig zu der +Glücks+möglichkeit

der Arbeit durchzustoßen.

Es muß gelernt werden, die Tage der Kraft in strömenden Zusammenhang zu

bringen. Tage der Kraft sind Tage der +Freude+. Solange die Fortsetzung

einer angefangenen Arbeit an den darauf folgenden Tagen Lust, sogar

steigende Lust bereitet, ist die Glücksreihe der Tage gewährleistet.

Wenn der Fortsetzung der Arbeit an einem Tage dann plötzlich ein

Unlustgefühl entgegensteht, bedeutet das einen Knotenpunkt in der

Reihe der Tage. Es ist dies der kritische Punkt, der +schöpferische+

Bedeutung hat und in keinem Fall gedankenlos übergangen werden darf.

Es ist dann zweifache Entscheidung möglich. Entweder der Mensch hört

auf, bricht ab mit der Arbeit, überläßt sich der Ruhe und nimmt damit

alle Nachteile auf sich, die der Abbruch einer Arbeit mit sich

bringt, unter Umständen also Hunger und Verachtung der Menschen. Oder

aber er überwindet das Unlustgefühl. Mit Dransetzung aller Kräfte

setzt er willensmäßig die Reihe der Krafttage fort. Freiwillig, nicht

gezwungen durch irgendein Abhängigkeits- oder Pflichtgefühl muß die

Kraftanspannung geschehen, wenn das werktätige Glück erhalten bleiben

soll. Das Arbeitsdogma befiehlt hier: Ergebung in die unbedingte

Abhängigkeit von der Arbeit, in die »Pflicht«; etwas kirchlicher

ausgedrückt: Hingebung, Liebe zu dem Nächsten, für den man die

Arbeit tut. Natürlich kann man auch zu Zeiten Umwege gehen und das

Arbeitsfeuer erhalten aus Pflicht oder aus Liebe zu einem Menschen.

Für die große Menschenmasse ist das vielleicht sogar auf längere

Zeit hinaus das Notwendige. Aber solche Umwege, solche kleinlichen

Brücken und Krücken bleiben doch immer Unglaube an die unmittelbare

Schöpferkraft in den Menschen selbst. Das eigentliche Glück liegt in

der Spannung der selbsteigenen Kraft auf den gewollten Zweck.

Arbeit ist Freude, und die Fortsetzung der Arbeit über den natürlichen

Ermüdungspunkt hinaus ist das äußerste Glück, das den Menschen zuteil

werden kann. Es ist dem Menschen gegeben, zu Zeiten seiner Kraft durch

den Gedanken an das Ziel sich selbst zu vervielfachen weit über alle

natürliche Möglichkeit hinaus. Monatelang, jahrelang, lebenslang sogar

kann das Bild eines Werkes den Menschen in Schwung halten und den Tagen

seiner Kraft einheitliche Glücksrichtung geben. Nicht aus Pflicht,

nicht aus Liebe, nein aus werkwärts gerichteter Kraft vermag er, wenn

es die Arbeit befiehlt, die durch den Lauf der Gezeiten gesetzmäßig

über ihn kommenden Schwächetage zu seinem höchsten Glück in Tage der

Kraft umzuwandeln. Und er weiß, was dieser Sieg über das natürliche

Gesetz der Schwächezeiten bedeutet. Es ist das Überschwingen der

gesetzlichen Pause. Gefahr, Vernichtung, Tod liegt dort verborgen.

Ein jeder muß lernen und wissen, wann und wie oft er das vermag. Der

Führende muß von früher Kindheit an schon die Kraft seiner Anvertrauten

daraufhin prüfen, wann sie zum ersten Mal um einer Leistung willen

ihre Schwächezeiten ausschalten können. Für Kinder gilt das noch

nicht. Für Kinder gilt zunächst allein der Satz von dem natürlichen

Anschwellen und Abschwellen der Gezeiten. Kindliche Leistungen

werden entweder, wenn die Kraft anschwillt, spielend hervorgebracht

oder eben unterlassen, wenn die Kraft abschwillt. Sinnlos ist es,

Kinder zur Fortsetzung der Arbeit anzuhalten, unter der Begründung,

sie hätten diese Arbeit doch übernommen und also die Pflicht, sie

fertig zu machen, oder sie müßten diese Arbeit diesem oder jenem

Menschen »zuliebe« fertigmachen. Erst spät und meist wohl +nach+ dem

Entwicklungsalter wird es möglich werden, um der Arbeit willen die

Schwäche zu überwinden und also die schöpferische Pause unmittelbar in

Schaffen umzusetzen. Der Hilfsbegriff der Pflicht wird da nicht mehr

nötig sein. Ein Siegestag, ein Tag überschwänglicher Freude wird es

sein, unvorstellbar für die vielen Menschen, die von Kindheit an zur

freudlosen Arbeit gezwungen wurden und von denen darum Arbeit ohne

weiteres gleichgesetzt wird mit Leid und Qual, denen man sich mit List

auf jede Weise entziehen muß. Wo der junge Mensch (nicht zu früh)

solchen Siegestag seiner Kraft erlebt hat, wird es nicht mehr nötig

sein, ihn anzutreiben. Im Gegenteil, der Führende wird sorglich und

unmerklich darauf achten müssen, daß jener in seiner immer wachsenden

Kraftfülle durch ein zu häufiges Überschwingen der Pause diese

Umschaltung nicht mißbraucht und abnutzt.

Denn +nicht alle+ Pausen dürfen übergangen werden. Die Atempause und

die Pause zwischen den Lebensaltern müssen eingehalten werden, denn

dieser kleinteiligste und weitestschwingende Rhythmus ist ja das

Schwingen des lebendigen Menschen selbst. Geht der Atem nicht tief

genug, dann brennt die Flamme des täglichen Lebens nicht so stark,

die überströmende Lust zur Leistung kann nicht frei werden. Ist keine

Besinnungszeit zwischen den verschiedenen Lebensaltern, so bleibt

der Mensch in sich selbst stecken, schwingt zwar noch durch die

Gezeiten, aber ohne mehr selbst noch weiterzuschreiten. Also nur die

astronomisch gesetzten Pausierungen können zeitweise um eines Werkes

willen übergangen werden. Und allmählich wird der Mensch lernen, welche

Umschaltungsmöglichkeiten ihm da zu Gebote stehen, um die Tage seiner

Kraft in strömenden Zusammenhang zu erhalten. Er wird es vermögen,

die jahreszeitlichen, die monatlichen und die täglichen Pausen

zeitweise nicht zu beachten. Er wird darüber hinaus schöpferisch tätig

sein können gegen alles Gesetz, beflügelt durch seine Freude an dem

wachsenden Werk.

Rhythmische Leistung

Der Erzieher in den heutigen Schulen läßt den jungen Menschen in der

Auffindung seiner eigenen Bedingungen, seines eigenen Naturgesetzes

völlig allein. Man setzt voraus, er werde sich schon selbst »finden«.

Die allermeisten finden sich selbst tatsächlich aber niemals. Und alle

diese leitet man nun +trotzdem+ zu einem Können, das überhaupt nicht

oder noch nicht in ihnen selbst bedingt ist. Die Folge davon tritt in

diesen Zeiten schon als ein wahrer Höllenzustand überall zutage.

Alles Können, alles Gekonnte hat sich losgelöst von dem erzeugenden

Menschen und wird getrennt von dem Erzeuger gewertet. Getane

Werke, Erzeugnisse der Hand und des Geistes, Dinge, die Menschen

hervorbringen, haben Eigenmacht gewonnen über die lebendigen Menschen.

Dieser Zweckgedanke, diese ungeheuerliche Überschätzung der Sache, der

Leistungen, hat ihren immer wieder neuen Nährboden in der Erziehung,

welche die Menschen von vornherein doch wenigstens zu einem gewissen

Mindestmaß von Leistung abrichtet. So werden dem jungen Menschen von

vornherein +allein+ die Dinge, die von Menschen geschaffenen Werte,

hingehalten mit dem stillschweigenden Bedeuten: auch du hast später in

deinem Leben zu diesem Haufen der Werke deine Arbeit, mag sie nun klein

oder groß sein, hinzuzulegen. Die sich selbst zur Qual verdammende

europäische Menschheit jagt ihre Kinder mit Hilfe der Erziehung immer

wieder von neuem in diese trostlose Sklaverei, wo die Menschen meist

ohne Freude und weit über ihre Kraft hinaus Dinge herstellen müssen für

Menschen, die auch wieder nichts tun als Dinge herstellen oder Dinge

verbrauchen.

Mit all diesen Worten wurde nichts gegen Arbeit und Leistung selbst

gesagt. Nur gegen die Losgelöstheit der Arbeitsleistung von den

Menschen, die sie hervorbringen. Arbeit ist aber doch Hervorgebrachtes,

ist die Frucht vom Baume Mensch, die Frucht, die zu ihrer Zeit abfällt.

All das atmende, durch Tag und Monat, durch Jahr und Lebensalter

hindurchschwingende Leben ist ja eigentlich nur Kraftbereitung für die

hier und da selten, dann aber wuchtvoll zutage tretende, schöpferische

Leistung des Menschen. Für solche Früchte, solche Werke hat all das

schwingende Leben dann die Bedeutung der +schöpferischen Pause+; denn

aus der +Tiefe+ des Lebens schießt diese Kraft herauf.

Jedes Kind bringt zugleich mit seiner Lebenskraft auch schon die

Urausdrucksform dieses Kraftüberschusses, den +Spieltrieb+ ins

Leben mit. Spiel ist die leichteste Form des Ausbruchs aus dem

ruhenden Selbst, und darum auch selbst in seiner Übertreibung für

die schöpferische Pause nicht gefährlich. Im Spielenkönnen ist

gewissermaßen noch unentfaltet alles Können enthalten, was sich

nachher bei den erwachsenen Menschen in Einzelfähigkeiten gespalten

ausdrücken soll. Die gewöhnlichen Schulbetriebe der heutigen Zeit sind

nun so einseitige Vorbereitungsanstalten für das sogenannte »Leben«

geworden, daß die Form des Spieles in ihnen gar nicht oder nur sehr

wenig Raum findet. Der Grundsatz der +Arbeitsteilung+ beherrscht

den »Stundenplan«, und damit ist das zweckmäßigste Mittel gefunden,

möglichst viel an Leistung herauszupressen. Stundenweise, immer

wenn der Lernende ermüden will, bekommt er ein anderes Gebiet der

Arbeit vorgesetzt. Dies erinnert an die ehemals übliche Methode, bei

überreichen Gastmählern durch die Verschiedenartigkeit der Gerichte

immer von neuem den Appetit anzureizen.

Schnell ausmünzbare kleinteilige Arbeitsweise lernen die Kinder auf

der Schule. Was sie gelernt haben, müssen sie auch gleich anwenden

und benutzen. Daß nur ja nichts verschwindet! Der Lehrer will gleich

Erfolge sehen und die Eltern zu Hause auch, und so muß das Kind denn

von Tag zu Tag immerfort zulernen; je klagloser es sich dazu zwingen

läßt, d. h. je schwächer es in seiner Anfangskraft ist, umsomehr wird

es gelobt. Dieser ganze Zwang zur Arbeitsleistung, diese Vorbereitung

aufs Leben, überhaupt das ganze Arbeitsdogma muß beiseite gelassen

werden, wenn es sich um die Erziehung des +kleinen+ Kindes handelt.

Der Führer braucht nichts weiter zu tun, als den kindlichen Schatz

an spielenden Ausdrucksmöglichkeiten verwalten helfen. Aber nicht

mehr darf er diesen Schatz zerstreuen und vergraben, weil für ihn

+selbst+ das Leben +ernst+ geworden ist. Er muß spielend Führer

sein. Und um das zu können, muß er in seinem Blute den Ursinn alles

gestaltenden Lebens kreisen fühlen: ganz gleich ob so oder so, +wenn+

nur überhaupt! Und zugleich muß er als erster und immer wieder mit dem

spielenden Kind die +Ernsthaftigkeit+ des Spiels freudig bejahen, das

Werfen aller Kraft auf das Ziel dieses +einen+ Spieles: wenn einmal

+überhaupt+, dann so und mit aller Kraft +nur+ so! Beides zusammen: die

freudige Erkenntnis der Zwecklosigkeit alles Spiels und +trotzdem+ die

ernsthafte Ergreifung des einen gewählten Spieles macht allein locker

und leicht genug, um immer und immer wieder in die Tiefen der Ruhe

hinabzuschwingen, aus der sich dann zu ihrer Zeit die schöpferische

Leistung ungezwungen erheben kann.

Die allgemeine Bildung

Die Stellung des heutigen Menschen der Alltagsarbeit gegenüber ist

ja sinnlos geworden. Der allgemeine Zustand in den großen Städten

ist so: die alltägliche Arbeit, Kleinarbeit und Grobarbeit, wird

einer gewissen Anzahl von Menschen ohne weiteres aufgebürdet und zwar

mit völliger Selbstverständlichkeit, als wäre es das gute Recht

der übrigen Menschen, von dieser Alltagsarbeit befreit zu leben und

zu schaffen, wie es ihnen gefällt. Besonders den +Frauen+ und den

+minderbemittelten+ Ständen ist diese für die Anderen zu leistende

Alltagsarbeit zugeschoben worden. Alles, was infolge der täglichen

Abnutzung des menschlichen Lebens unmerklich immer wieder ersetzt

werden muß, um ein Weiterleben möglich zu machen, alles Kochen und

Flicken und Scheuern, überhaupt alle Haus- und Reinigungsarbeit

wird ohne jedes weitere Nachdenken von den Männern als Frauenarbeit

gestempelt, und von den Frauen auch ohne jeden Einspruch geleistet.

Ebenso ist die Herstellung der vielen für das alltägliche Leben

notwendig gewordenen Dinge, die in Maschinenbetrieben irgendwelcher Art

angefertigt werden, den handarbeitenden Klassen des Volkes auch wieder

ohne jedes Nachdenken zugeschoben, und von dieser Klasse -- bis vor

kurzem -- auch ohne Einspruch geleistet worden.

Gegen diesen bestehenden Zustand soll hier nun nicht etwa vom

Standpunkt der »Gerechtigkeit« Einspruch erhoben werden, als ob jeder

Mensch unbedingt lebenslänglich das gleiche Maß von alltäglicher

Kleinarbeit und Grobarbeit ableisten müßte. Die Verwirklichung +dieser+

Forderung wäre sinnlos, ebenso wie der heutige Zustand sinnlos ist. Die

Kleinarbeit ist zeitraubend und die Grobarbeit ist kraftraubend; und wo

Menschen sind, die ihre Zeit und ihre Kraft für feinere und über viele

Zeit wirkende Arbeit bereit haben müssen, wird ihnen dienende Liebe

auch fürderhin +jene+ Arbeit abnehmen müssen. Aber es ist notwendig,

daß alle diese geistig arbeitenden Menschen endlich erkennen lernen,

was ihnen eigentlich damit an Hilfe geleistet wird, wenn ihnen die

Grundlagen ihres Lebens und Arbeitens von anderen Menschen täglich

untergebaut werden. Es muß so weit kommen, daß sie selbst solche vielen

kleinen und schweren Dienste überhaupt nur noch dann annehmen, wenn

sie wissen, daß sie wirklich durch ihr Leben und ihre Leistung doch

mindestens +Wertgleiches+ aufzubringen vermögen.

Um dieses Gefühl der Selbst-Schätzung zu bekommen, muß jeder Mensch

diese Kleinarbeit lange Zeit hindurch selbst getan haben und gern

und richtig getan haben. Er muß durchdrungen von der Zweckfreiheit

alles Tuns ganz im Innersten wissen: es ist ja ganz gleich, +was+ ich

tue. Wesentlich ist allein, +daß ich etwas hervorbringe+, daß meine

lebendige Kraft überschießend sich Ausdruck schafft. Ob ich nun Korn

mahle oder Gemüse bereite, ob ich gemeinsam bewohnte Stuben täglich

wieder zum Darinleben herrichte, ob ich das Feld bebaue oder eine

handwerkliche Tätigkeit habe, ob ich Kinder beaufsichtige, ob ich

Gedanken in irgendwelche wissenschaftliche oder künstlerische Form

biege, -- die großen Unterschiede zwischen all diesen und hundert

anderen Leistungsmöglichkeiten verschwinden zu +nichts+ gegenüber dem

wesentlich Gleichen: +ich selbst+, meine täglich immer wieder wachsende

Lebenskraft prägt sich da in all diesem Tun ihren +eigenen+ Ausdruck,

wird sichtbar an den Dingen, wird sinnlich greifbare Form durch +meine+

Leistung.

Der Führer zum Leben muß seine Anvertrauten von dem kindlichen

Spiel aus spielend und leicht von vornherein in diese Alltagsarbeit

einführen. Das ist heute der wichtigste, weil am wenigsten geübte Teil

seines Bildungsamtes, und Bildung der Jugend gewinnt so ein weit von

dem üblichen Begriff Bildung abweichendes Gepräge. +Allgemeine Bildung

zum alltäglichen Tun+ ist als Ziel allem anderen vorangestellt. Von den

Lehrlingen wird hier sehr viel mehr und ein sehr Verschiedenartiges

an Leistung verlangt werden als bisher. Das Ziel +dieser+ allgemeinen

Bildung ist, den einzelnen Menschen so weit selbständig zu machen,

daß er jede Arbeit, die ihm in seinem Leben am Wege liegt, aufnehmen

+kann+, wenn er will. Keineswegs +muß+ er nun jede Arbeit aufnehmen.

Zweierlei Folgen wird diese allgemeine Bildung haben. Der Mensch

bekommt Sinn für die Eigentümlichkeit einer jeden Arbeitsleistung,

und somit Ehrfurcht vor denen, die sie leisten, die sie gar für ihn

leisten, um ihn zu entlasten und für andere Arbeit freizumachen. Und

-- er bekommt dadurch allein wahre Freiheit in der Wahl dessen, was er

nun in seinem Leben endgültig tun soll. Er bekommt Freiheit in der Wahl

seines Berufes. Er hat den Umkreis +alles+ Tuns in seiner Weite gesehen

und darf nun +wählen+.

Denn allein die spielende Unbekümmertheit jedem beliebigen Tun

gegenüber macht den Menschen unabhängig genug, daß er letztlich, am

Ende seiner Jugend, das ihm gemäße »Spiel« auswählt, den Beruf, dem er

sich nun mit sehr großem Ernste zuwenden wird, um ihn von da an das

Leben entlang als Hauptaufgabe weiter zu spielen.

Auch von da an aber wird freilich jene allgemeine Bildung dem älter

werdenden Menschen die niemals wankende Grundlage +bleiben+. Gewiß wird

er sich nun mancherlei tägliche Arbeit, Kleinarbeit und Grobarbeit

abnehmen lassen dürfen, von Menschen, die ihm dies zuliebe tun wollen

und denen eben dies Beruf geworden sein kann. Aber er wird nicht mehr

in die Sackgasse des heute noch gültigen bürgerlichen Berufslebens

hineingeraten. Wo einmal die tägliche Hilfe seiner Mitmenschen aus

irgendwelchen Gründen versagt, wird er weder hilflos noch lieblos

werden, wie die heutigen Menschen in solchen Fällen unweigerlich

werden müssen. Er wird eben +nicht+ mit Heftigkeit diese oder jene

Dienstleistung fordern, wenn der, welcher sie ihm gewöhnlich tut,

einmal nicht kann oder mag. Er wird dann einfach hingehen und das

Notwendige selbst tun und tun +können+. Er wird alle dazu gehörigen

Handgriffe können, weil er sie gelernt hat, und er wird sie zugleich

gern tun, untertauchend in die früh geübte Zweckfreiheit jeglichen

Tuns. Ja, es wird oftmals dazu kommen, daß er selbst sich in dieses

weite Meer jeglichen Tuns absichtlich hinabläßt. Diese alltägliche

Arbeit wird für ihn dann die Ruhelage für seine eigentliche Arbeit

sein können, aus deren Grunde er leicht und frei sich täglich erheben

kann. Ist er doch nicht an seinen Beruf gekettet. Er hat unterbrechen

und Unterbrochenes wieder anknüpfen gelernt. Er wird auch in seinem

Alter nicht verlernen, zwischendurch hundert alltägliche Verrichtungen

spielend gern auszuüben, immer wieder von neuem durchdrungen von jener

ersten Spielregel: ganz gleich ob so oder so, wenn nur überhaupt!

So wird er vielleicht an der lieblosen Hilflosigkeit alternder Menschen

in seinem eigenen Alter vorbeikommen und damit die schwerste Probe

der »allgemeinen Bildung« seiner selbst bestehen, weder lieblos noch

hilflos zu werden. Bis an seinen Tod wird jede Leistung zwanglos und

leicht aus der tiefen Ruhe seines Lebens aufquellen und überschießen.

Die Berufsbildung

Der Ausbau der ersten Spielregel: Ganz gleich ob so oder so, wenn

nur überhaupt -- führt das Kind aus dem alltäglichen richtungslosen

Spielen allmählich zur spielenden Beherrschung seiner Alltagsarbeit.

Die Unendlichkeit spielender Kraft wird in die immer wieder neue

Aufgabe jedes Tages hineingeleitet. In umgekehrtem Sinne läßt sich

die zweite Spielregel anwenden. Dieses: »wenn einmal überhaupt, dann

so und nur so« wird das Kind aus dem alltäglichen richtungslosen

Spielen zur Wahl einer ganz besonderen Berufsarbeit leiten. Es wird

sein wie ein Wechselströmen mit entgegengesetzten Richtungszeichen.

Die Allgemeinbildung hat das Ziel, das Einerlei der alltäglichen

Verrichtungen immer wieder mit schöpferischer Kraft zu verlebendigen,

zu verunendlichen. Die Sonderbildung hat das Ziel, die strömende Kraft

auf ein ganz bestimmtes Tun hinzulenken, zu einem ganz begrenzten

Werk zu leiten. Die allgemeine Bildung des Menschen wird nun seiner

besonderen Bildung nicht mehr so beziehungslos gegenüberstehen, wie die

heute übliche »allgemeine Bildung« der Berufsbildung gegenübersteht.

Vielmehr wird die besondere Bildung eines Menschen, sein Beruf, ganz

allmählich und langsam aus der Gesamtbildung seines Könnens erwachsen.

Der Führer zum Leben wird bei der Unterweisung in den verschiedenen

Teilgebieten des Könnens weit vorsichtiger sein, als es in den heutigen

Schulen üblich ist. Die fachmäßige Sonderbildung wird nicht mehr das

berechenbare Ergebnis absichtlicher Züchtung sein. Freilich wird es

eine Kraftprobe werden, dem richtungslosen Auf und Ab der alltäglichen

Arbeit und des alltäglichen Spieles der Kinder zuzuschauen und ihrem

Tun lange Zeit +keine+ Sonderrichtung zu geben, auch dann nicht, wenn

andere Kinder draußen längst zu ganz bestimmten Leistungen abgerichtet

sind und bereits allerlei »können«. Heute wird ein Kind ja doch

oftmals nur darum »beschäftigt«, um es »abzulenken«. Und warum will

man es ablenken? Um es »loszuwerden«. Und gerade dies darf der wahre

Führer nicht tun. Er muß durch das Wirrsal des täglichen Spielens und

Arbeitens mit hindurch bis ans Ende. Dieses Ende wird schon kommen.

An irgendeinem Tage wird einer aus der Schar zu spüren beginnen, daß er

mit seinen Kräften lieber etwas ganz +Bestimmtes+ ausdrücken möchte.

Er wird unzufrieden werden und sich zurückziehen von der gewöhnlichen

Tagesarbeit und nicht mehr mittun. Das ist das entscheidende Zeichen.

Der Führer weiß, daß hier die schöpferische Pause begonnen hat, die dem

Werkgedanken notwendig vorausgeht.

Alles kommt darauf an, solche schöpferischen Unterbrechungen in dem

täglichen Arbeitsgang der Allgemeinheit nun nicht untergehen zu

lassen. Der Führer muß dem Jungen den wahren Grund seiner allgemeinen

Arbeitsunlust begreiflich machen. Nicht mit Worten! Er muß ihn spüren

lassen, daß seine Kraft nach dem Ausdruck eines ganz bestimmten Tuns

sich sehnt, dadurch daß er ihm jetzt irgendein ganz bestimmtes Tun

+nahelegt+. Ob es nun die Herstellung eines Papierdrachens oder die

Einrichtung eines eigenen Blumenbeetes im Garten ist, die +Tat+,

die nach solcher schöpferischen Pause vorgenommen wird, erhält die

Bedeutung eines Probestückes. Die ungehemmte Stoßkraft des aus der

eigenen Tiefe kommenden Gestaltungstriebes prallt auf die ringsum

bereitliegende Masse und formt sie zum erstenmal zu einem ganz

bestimmten Gegenstand, nach einem ganz bestimmten inneren Bilde.

In jedem Knabenleben gibt es an irgendeiner Stelle dieses erste

Gestaltungserlebnis und später immer wieder neue Wiederholungen dieses

Erlebnisses. Und an +dieser+ Stelle muß der Führer die +anderen+ alle

hinter sich lassen und ganz für den +einen+ da sein. Er muß ihm tragen

helfen an dem erschütternden Ernst solcher ersten Tat. Wenn der Führer

früher die vielen richtungslosen Versuche des kindlichen Ausdrucks hat

gewähren lassen, wird er an dieser Stelle plötzlich nicht mehr locker

lassen, sondern er wird womöglich noch ernster werden als der Knabe,

daß er ihn nur nicht zu leicht an dieser Stelle vorüberläßt. Die jetzt

entstehende Tat muß auch wirklich mit dem Grundbilde zusammenstimmen,

sie darf nicht ungefähr, sie muß ganz gelingen. Wenn die Kraft des

Jungen erschlafft und er in das Tändeln des gewohnten alltäglichen

Tuns verfallen will, und er etwas anderes anfangen will, da er ja

gelernt hat, daß es ganz gleich ist ob so oder so ... wird hier nun die

treibende Hilfe des Führers ihn +zwingen+, zum erstenmal bei dem ja

selbstgewählten +Einen+ zu bleiben, und dieses Eine zu Ende zu bringen.

Der Führer wird ihm das eigene innere Vorstellungsbild wach halten und

ihn so zu dem ersten Gestaltungssiege führen.

Die schöpferische Pause · 第 4 / 11 段