Das Kind und der reifende Knabe ist noch so +weich+, daß ein zu

+harter+ Eingriff des Führers das werdende Selbst meist nur dazu

zwingen kann, +auszuweichen+. Aber aus der schöpferischen Pause der

Jünglingschaft soll ja gerade die Unabirrbarkeit des Selbst geboren

werden. Einwirkung in einer das Selbst verbiegenden Richtung ist

hier verhängnisvoller als vorher. Wie stets zuvor ist die Gebärde

des bildenden Führers ein Horchen und liebendes Warten, nicht aber

Bestimmen und Raten und Handeln. Sein Dasein allein ist die Stärke

und der Wert seiner Führerschaft. Stehen bleiben muß er selbst, wenn

der Jüngere von dem chaotischen Zustand seines Inneren gepeinigt

vorwärts stürmt und alles zerbricht, was er selbst, der Führer, die

ganzen Jahre hindurch hat bauen helfen. Er weiß ja, daß sich der

Zerstörungswille nicht gegen ihn selbst richtet, sondern gegen das

Bestehende überhaupt. Aus Eigenliebe darf er also hier nicht etwa

hindern oder auch nur vorzeitig Ordnung schaffen wollen. Es wird eine

schwere Probe seiner Führerschaft sein, wenn er vielleicht für sich

selbst gerade in höchst fruchtbarer und aufbauender Arbeit ist, den

zerstörerischen Zustand seines Freundes zu ertragen. Wenn er selbst an

irgendeinem sachlichen Aufbau arbeitet, wird er nicht über jene großen

leeren Räume verfügen, deren sein Anvertrauter bedarf, um darein all

sein zerstörerisches Wesen zu ergießen. Doch schon bei dem geringsten

Widerwillen, oder wenn der Führende auch nur mit einem leisen Gedanken

der Wehmut bei seinem eigenen unterbrochenen Werk verharrt, nicht

augenblicklich alles Werkzeug von sich tut und sich selbst weit macht

in seiner wartenden Liebe zu seinem Getreuen, ist er seinem Führeramt

untreu geworden. Er hat sich dann entschieden, Meister zu werden an

irgendeinem selbstgeschaffenen Werk. Das mag auch gut sein, ist aber

etwas anderes und ist in Augenblicken der Entscheidung jedenfalls

+nicht+ mit dem Führeramt zu vereinen. Leicht und mit tiefer Lust muß

das Werk aufgegeben werden in solcher Zeit der wartenden Liebe, so

leicht wie man ein Spiel aufgibt, wenn einer der Gefährten schwach

wird und umzusinken droht. Auffangen muß der Führer dann die ganze

Trümmerlast des jungen Menschen. Er muß ihm Raum geben. Was jener zu

solchen Stunden großer Werdenot in ihn gelegt hat, muß er still in sich

bewahren. Es muß Geheimnis bleiben zwischen ihnen. Denn dies hingebende

Vertrauen in die bergende Liebe fordert von dem Älteren schweigende

Ehrfurcht. Selbst wenn dieser Bund nur für Augenblicke seinen Ausdruck

fand und später vielleicht niemals mehr in Erscheinung treten wird, so

deutet diese Stunde doch auf das Letzte, das zwischen Menschen hin und

wieder schwingt. Nur wenn der Führer ganz und gar mit hinabsteigt in

die Tiefe der Zerstörung und Verzweiflung und auch durch gutes Zureden

und tröstliches Schwatzen vom aufbauenden Leben sich selbst und seinem

Gefährten den Weg +nicht+ ungebührlich verkürzt hat, dann, aber auch

nur dann wird er nun die Macht haben, ihn zu einem wirklich aufbauenden

Leben zu locken. Nicht zu einem Leben, das er selbst in irgendwelcher

guten Absicht für den Freund sich ausdenkt, sondern zu einem Leben,

das sich ganz ohne sein +Zutun+ stolz und gerade auf den Trümmern des

vergangenen Lebensteils erhebt, als wahrer und ureigener Ausdruck des

nunmehr unbeirrbar werdenden Selbst des Jünglings.

Bei dem nun neu anhebenden Lebensanstieg des Jünglings wird der Führer

nur noch lose nebenher gehen. Die führende Wirkung seines Lebens wird

nicht mehr nach außen hin erkennbar sein wie früher. Der Jüngere wird

nicht mehr Tag für Tag an ihn denken. Das Dasein des Führers wird

für ihn allmählich etwas Entferntes werden. Auch räumliche Trennung,

vielleicht zeitweise, vielleicht für immer wird einen Keil zwischen die

Menschen treiben. In Wahrheit gehört aber diese Entwöhnung voneinander

noch in den Bereich der bildenden Aufgaben des Führers. Es ist seine

letzte und schwerste Arbeit, sich selbst dem Anvertrauten entbehrlich

zu machen, ihn zu entlassen, Abschied zu nehmen. Nur in den seltensten

Fällen wird dieser rechte Abschied gelingen, nur dann, wenn der Führer

Einsamkeit-erfahren ganz in sich beruht. Nur dann, wenn der Jüngere

selbständig und aufrecht seinen eigenen Gang zu gehen gelernt hat.

Dann wird Abschied ohne Schmerz sein und Trennung so leicht und so

gesetzhaft wie das Fallen der Frucht vom Baum.

* * * * *

Um das achtundzwanzigste Jahr herum liegt abermals eine Pause, die

das Jünglingsalter von dem beginnenden Mannesalter scheidet. Das

heutige europäische Leben läßt allerdings die Innehaltung +dieser+

Pause überhaupt kaum zu, weil der Mensch von achtundzwanzig Jahren

schon lange fertig sein muß. Er muß seinen Beruf und womöglich seine

Familie schon +haben+. Die Notwendigkeiten des materiellen Lebens, aber

auch des geistigen Lebens erfordern nun gleichmäßiges und rastloses

Fortschreiten und zwingen ihn über die wichtigste Bedenkzeit seines

Lebens hinweg. Er hat sich längst entschieden und ist gebunden und

tut seine Pflicht. Wenn einer in diesen entscheidenden Jahren von

seiner Pflicht redet, sieht man es seinen zusammenkrampfenden Lippen

an, wie sein ganzes Selbst eine einzige große unterdrückte Trauer

ist über dieses forttrottende Leben, das ihn hinwegzerrt über irgend

etwas, was unter ihm verborgen liegt, und das er nur noch hier und

da spürt als ein leises Beben des Grundes, etwas, das er selbst sich

lächelnd oder seufzend -- und sehr richtig -- erklärt als ein --

wie er meint - törichtes Erinnern an längst überwundene Werdezeiten

seiner Jugend. Alles was sich an dieser Stelle des Lebens zum letzten

Mal als »Sentimentalität«, als »Hamlet-Stimmung« an die Oberfläche

wagt, wird entschiedener und rücksichtsloser als in den früheren

Besinnungszeiten zurückgestoßen. Der Mann stürzt sich in seinen

Beruf; große Pläne bringt er nun zur Verwirklichung. Es beginnt,

ihm auf Vollendung, auf Vollständigkeit anzukommen. Was sich ihm an

Widerständen entgegenstellt, wird rücksichtslos zurückgeworfen. Zur

Zeit der Jünglingspause um das zwanzigste Jahr treibt die Furcht vor

der Tiefe des eigenen Selbst zur Zerstörungstat oder zur gewalttätigen

Arbeit, in hundert steilen Anfängen. In dieser Hamlet-Zeit aber steht

gerade die Sehnsucht nach Fertigwerden, nach Vollenden überall auf, um

über die Zeit der Besinnung hinwegzulocken. Furcht vor dem nochmals

aufgebrochenen Abgrund des Selbst treibt den Mann in die bürgerliche

Ruhe der Ehe. Unter dem unbewußten Bann dieser Furcht entschließt sich

der geistige Mensch zu einer wirkenden Tat. In Kunst und Wissenschaft

bringt er es allmählich durch seine fertig erscheinenden Werke, durch

seinen nunmehr unverkennbar gewordenen Stil zu Ruhm und Ansehen. Schlau

und ängstlich beginnt sich der Mensch zu hüten vor allem, was ihn etwa

zu der Erkenntnis eines doch vielleicht notwendigen Neuanfangs führen

könnte. Er sucht dann nach Ausflüchten, nach Rechtfertigung vor sich

selbst. Er bringt sein Leben in System, läßt alles fallen, was kreuz

und quer darin liegt, was sich nicht fügt. Sein Wille verdrängt alles,

was sich in ihm selbst auflehnt gegen diese Systematik. Er will und muß

die Herrschaft über sich und seine Aufgaben behalten. Ist er doch in

den Kampf des Lebens getreten und muß nun glauben, daß er »Rechte« und

»Ehre« und »Ziele« habe.

Aber aus all dieser mannigfaltig gespreizten Kämpferstellung des

werdenden Mannes spricht deutlich die Angst, von der letzten

Besinnungszeit seiner Jugend zu Fall gebracht zu werden. Das ist

Todesangst im tiefsten Sinne dieses Wortes, zum ersten Male wahre

Furcht vor dem Tode. Und doch könnte aus dieser Angst allein das

Hinabsteigen in seine Tiefe, das Ersterben in sich selbst Erlösung

bringen.

* * * * *

Von Führung und Gefolgschaft kann bei dieser Besinnungszeit des

werdenden Mannes nicht mehr gesprochen werden. Hier ist der Mensch

zum ersten Mal allein. Das klare Bewußtsein von seiner ersten

wirklichen Einsamkeit darf ihn nicht schrecken. Er muß wissen, daß

er nun ins Leben entlassen ist, und bestimmt, dem Tode zuzuwandern.

Gerade die Hingebung an diese Einsamkeit macht ihn mit seinem eigenen

Tode vertraut, daß er nun von Farbe und Geschmack des Todes ganz

durchdrungen wird.

Nur durch diese Todesweihe der ersten Einsamkeit geht der Weg zur Liebe

des Mannes und zum Beruf des Mannes. Erst dann hat er volle Freiheit

und Ruhe, sich umzusehen und die anderen Menschen, alle jene einsamen

Menschen, ringsum in ihrer inselhaft abgeschlossenen Wirklichkeit zu

gewahren. Es wird notwendig werden, daß er etwas +tut+. Sein +Wissen+

und sein +Können ist ausgebildet+. Durch eins von beiden kommt er zur

Tat. Wissend wird er zum Führer, könnend wird er zum Meister. Beides

in Beziehung zu jenen anderen Menschen, die er nun +gesehen+ hat: die

jünger sind als er, noch in Werdenot befangen, oder gleichen Alters

und frei geworden wie er selbst, oder älter als er, schon von Todesnot

befangen. Sein wissendes Leben wird ihn stark machen, die Jüngeren

zu führen, mit den Gleichaltrigen einen Bund zu schließen, Väter

und Mütter zu stützen in ihrer wachsenden Bedrängnis. Unter diesen

vielfachen Verbindungen wissender Mannesliebe wird immer deutlicher

eine Spur zu der Frau hinführen, welche die Ergänzung seines Mannestums

darstellt, die ihn zum Vater machen wird. Aber keine der anderen

Verbindungen wird dadurch nun etwa gelockert, keine darf willkürlich

abgeschnitten werden. Nun muß alles getragen und zur Vollendung

gebracht werden. Das ganze Tauwerk dieser Verbindungen muß der Mann

bewußt durchs Leben +fortführen+.

Wissend wird er zum Führer, könnend zum Meister. Aber auch das nur

in bezug auf die anderen Menschen ringsum. Allerdings sieht der

Werktätige nicht so liebesbewußt auf die einzelnen Menschen wie

der Führende. Er tut seine erwählte Arbeit, seinen Beruf aus der

zwingenden Notwendigkeit seiner eigenen Kraft und fragt nicht viel

nach den Menschen, denen er mit diesem Werke ohne zu wollen eben doch

liebe-dient.

Werktätig oder führend, immer nur das eine +oder+ das andere, beginnt

der Mann seinen Lebensanstieg. Ein jeder kann beides tun. Doch muß er

bei jeder Gelegenheit immer wieder zwischen dem einen oder dem andern

wählen, das eine vor dem anderen zurückstellen. Führendes +oder+

werktätiges Vorzeichen werden auch die noch folgenden Perioden des

+späteren+ Mannesalters tragen. Darüber kann hier nicht mehr gesprochen

werden.

Rhythmischer Wechsel von Schwäche und Kraft

Bei all den Perioden draußen wie drinnen im Menschen ist immer wieder

dasselbe: das Auf- und Abschwingen eines Rhythmus um einen Ruhekern

herum. Die schwachen und für sich allein sogar schlecht klingenden

Zeiten tragen die schöpferische Bedeutung der Pause in sich. Und diese

Bedeutung muß zum Ausdruck kommen.

Es ist aber heute keineswegs so, daß der Mensch diese seine dunklen

Tage anerkennt oder gar liebt und pflegt. Die meisten wüten vielmehr

gegen ihr eigenes Gesetz. Wer eine kraftvolle Natur hat, zwingt sich an

diesen Schwächetagen genau so zu leben als sonst, also genau so viel

Nahrung aufzunehmen und genau so viel Arbeit zu leisten als sonst.

Das heutige Leben, das ganz nach Minutenzeiger und Zentimeterstab

ausgerichtet ist, zwingt ja ohnehin jeden Einzelnen von Jugend auf

zu maschinenhaften Gewohnheiten und läßt jedes Auflehnen der eigenen

Natur dagegen -- auch wenn es einmal aus der Tiefe der Besinnung kommt

-- ungeprüft unterdrücken. So lebt der mit viel Energie ausgestattete

Mensch über seine Schwächetage hinweg auf Kosten seiner zunächst

unerschöpflich scheinenden Lebenskraft, solange bis dieser Vorrat eben

doch erschöpft ist und es in irgendeiner Gestalt zum Zusammenbruch

kommt. Von Zeit zu Zeit kommt es bei solchen starken Naturen zu

irgendwelchen Katastrophen, etwa zu schweren Krankheiten, oder zu

Perioden gesteigerter Genüßlichkeit alkoholischer oder sexueller Art

oder zu irgendwelchen übertriebenen Sportgelüsten, vor allem aber zu

Perioden unzugänglicher und reizbarer Gesinnung gegen nahestehende

Menschen. Und das ist der beste Fall. In den schlimmeren Fällen führt

dies achtlose Hinwegleben über die Schwächezeiten irgendwann sogar zu

einem endgültigen Zusammenbruch des Lebens. Die Menschen können dann

wohl häufig nach außen hin ruhig weiterleben, aber sie haben für den,

der näher zusieht, einen Riß (einen Knacks), den sie gewöhnlich vor

sich und anderen zu verbergen suchen, der aber da ist und je älter sie

werden desto klaffender wird.

Die Menschen von geringer Lebensenergie dagegen geben sich ihren

Schwächetagen gänzlich hilflos hin, als wären sie niemals wieder

gefolgt von Tagen des Aufschwungs. Sie schaffen sich so allmählich ein

immer mehr verdunkeltes Leben. Zunächst wechseln noch Aufschwünge und

Abstürze jäh miteinander. Schließlich aber bekommen sie irgendwann

einmal ein Grausen vor den (wie sie meinen) dunklen Mächten in ihrem

Innern. Sie können sich nicht mehr aufschwingen, weil sie zu sicher

schon den Absturz vorher wissen. So verzweifeln die Schwachen am Leben,

wie die Starken daran zerbrechen, beide, weil sie das Gesetz der

Schwächewiederkehr nicht zu beachten gelernt haben, oder immer wieder

diesem Gesetz wissentlich widerstreben. Die rhythmischen Auf- und

Abschwünge sind bei jedem Menschen nach einem ihm ganz allein eigenen

Urklang gebildet. Es ist der Sinn der Pause, diesen Urklang des Selbst

aus der Ruhelage neu entstehen zu lassen. Dieses Hinabschwingen und

Hinaufschwingen aus der Ruhelage ist immer wiederkehrende Geburt und

Wiedergeburt aus dem Chaos. Die Ruhe der Pause ist gewissermaßen der

Grund, bis zu dem alle Schwingungen des Lebens, die kleinsten wie die

größten, immer wieder hinabreichen müssen, wenn das Leben wirklich

seinen vollen Eigenklang bekommen soll. In den Ruhe+kernen+ liegt die

Entfaltung des Lebens beschlossen.

* * * * *

An diesen Stellen, wo das Leben sich stets erneuert, liegt naturgemäß

auch die Gefahr für das Leben. Alles was wir Krankheit, Schwäche,

Fehler, Sünde und Schuld nennen und als lebensfeindlich empfinden,

greift immer an den Kern, ja entwickelt sich im Kern, der den Pausen

zugrunde liegt. Deswegen ist alles dieses unausrottbar. All dies

bedeutet: hier ist Leben, +weil+ eben Feindschaft dagegen da ist.

Wo Verstopfungen der Pausen eintreten, gewinnen diese feindlichen

Kräfte sogleich Über-Macht. Nicht Hinabgelangen zur Ruhelage oder in

ihr Verharren, beides ist Sünde und Schuld.

Tatsächlich ist auch im +einzelnen+ überall zu sehen, wie die

Tiefpunkte der Ruhe und Sammlung, der Kraft, zugleich der Herd der

Gefahr sind. Jede Krankheit und jede Notlage läßt sich ursächlich

verfolgen bis dahin, wo ein solcher Tiefpunkt der Ruhe entweder nicht

erreicht wurde, oder ungesetzlich verlängert wurde. Die Menschen, die

immer wieder über die vielen tausend Atempausen des Tages achtlos

hinweggleiten, fühlen sich dauernd unruhig, gehetzt und gejagt. Alle,

die an zu beschleunigtem oder zu verlangsamtem Stoffwechsel leiden,

sind müde und fühlen sich beschwert. Sie können ihren Körper nicht

erlösen. Sie können nicht mit ausgeprägten Gebärden zu einer täglich

neuen Eigenbeweglichkeit kommen. Um mit der Arbeit schneller fertig

zu werden, überstürmen sie ihr Tempo und kommen niemals zum Genuß der

Ruhe. Übermüdet halten sie fest am Tage und bringen sich selbst um

den allheilenden Segen des Tiefschlafs. Sie haben keine Feiertage,

weil sie zu schlapp sind, um überhaupt etwas zu tun und ihnen so

jeder Tag ein Ruhetag ist, oder weil sie, von Arbeit überbürdet, alle

Tage gleichmäßig fortarbeiten. Die monatliche Schwächewiederkehr,

der Jahreszeitenwechsel bleibt unbeachtet in ihrem Leben, und sie

verschmähen immer wieder den Trost, mit der neu aufschwingenden Natur

aus dem eigenen Grunde mitzuschwingen. +Sichtbar+ wird alles das, was

wir Krankheit, Sünde, Schuld oder wie auch immer nennen, natürlich an

sehr verschiedenen Stellen der steigenden und fallenden Bewegung des

Lebens. Verschiebungen, Übertragungen, Verdrängungen aller Art, machen

das Bild von Ursache und Wirkung im +einzelnen+ völlig unübersehbar.

Gewiß hängt auch all dies Äußere miteinander zusammen, aber das eine

ist sicher: Immer hat das Übel, das sich irgendwo an der Oberfläche

zeigt, seinen Ursprung in der Tiefe, wo die Pausen sind. Behoben

kann das Übel nur werden, wenn man in die Tiefe steigt. Am öftesten

und leichtesten kann man in diese Tiefe steigen auf dem schwingenden

Atem, vielmals in jeder Minute. Und so ist tiefste Wahrheit, was von

dieser alles heilenden Kraft der bewußt atmenden Seele gesagt wird.

Damit ist +keineswegs+ gesagt, daß man das Übel nicht auch an seiner

+sichtbaren+ Stelle bekämpfen könnte und sollte, wie die Ärzte tun. Nur

das ist sicher, daß es immer wiederkehrt, solange der verkehrte, der

dem Selbst +nicht+ eigene Rhythmus bestehen bleibt. Jeder Mensch leidet

eben an +seinen eigenen+ Übeln und Krankheiten als den Abweichungen

von +seinem+ Rhythmus, und diese Übel endgültig beseitigen kann er nur

durch Einlenken in +seinen eigenen+ Rhythmus.

* * * * *

Der Führende muß versuchen, die Schwächetage der Einzelnen

herauszuspüren, weil er da die immer wiederkehrende Gelegenheit hat,

helfend einzugreifen. Die jungen Mütter, die ja bei der Erziehung des

kleinen Kindes meist noch unabgelenkt ihrer inneren Natur folgen,

geben hier ein meisterliches Vorbild. Wenn das Kind aus irgendwelchen

Gründen sich schlecht aufgelegt fühlt, unlustig und krank ist, dann

wissen sie es genau. Was tun sie? Sie singen es ruhig in den Schlaf.

Sie gehen nur ganz leise auf den Zehen im Zimmer herum, daß es ja

nicht etwa vorzeitig erwacht. Sie vertrauen seinem Schlaf. Sie geben

ihm weniger Nahrung und lassen es überhaupt in Ruhe. Hier gilt es zu

lernen. Es muß Vertrauen gelernt werden in die Selbstheilkraft des

einzelnen Menschen zur Zeit seiner Schwäche. Oft mag es schwer sein,

wenn das Kind, das dieses alles ja nicht weiß, sich sehr trotzig oder

sehr verzagt gebärdet. Nur das unverwirrbare Wissen des Führenden kann

da helfen. Wenig kann er tun, kann höchstens Schädliches verhindern. Er

muß darauf achten, daß das Kind sich in seinen Schwächezeiten nicht mit

schweren Nahrungsstoffen belastet, daß es im Gegenteil sich gründlich

entlastet, seinen Leib innen und außen reinigt. Er muß darauf achten,

daß es irgendeine gleichmäßige, aber leichte körperliche Arbeit tut

und womöglich so den schwingenden Rhythmus seines Atems wiederfindet,

und schließlich sich beruhigt und in einen frühen und tiefen Schlaf

verfällt.

Später, wenn der junge Mensch allmählich in das bewußte Leben

hineinmündet, muß der Führer ihn in den Sinn der Schwächetage

einführen. Daß er ohne +Widerstreben+ aber auch ohne +Verzagen+ sich

der ihn überkommenden Schwäche überlassen darf, wissend er steige in

die Tiefe seines Lebens und bereite damit den aufschwingenden Tagen

ihren Weg. Ein jeder der Anvertrauten muß dann schon gelernt haben,

wie das Gesetz seiner +eigenen+ Schwächetage verläuft und wie er die

dadurch geschehende Reinigung am besten unterstützt. Der eine wird

an diesen Tagen gar nichts essen oder nur ganz wenig und nur frische

fruchthafte Nahrung, er wird sich baden und sonnen und viel schlafen.

Ein anderer wird vielleicht in den Wald gehen, den ganzen Tag über und

ganz heimlich und wartend das Leben der Pflanzen und Vögel belauschen.

Ein Dritter wird vielleicht ein Buch nehmen und sich in irgendeinen

Winkel damit legen. Ein Vierter wird Lust nach tobendem Spiel und

körperlicher Arbeit haben und befriedigen müssen. Aber alle werden

sich in eine gewisse +wartende+ Stellung begeben, wo sie aufnehmen

können, empfangen können, ohne sich zu belasten. Jeder wird sich so

einstellen lernen, daß der Strom der Natur an solchen Tagen möglichst

wenig gehemmt durch ihn hindurch kann. Um der Gewalt der Strömung

Raum zu schaffen, ist es nötig, die gewöhnliche Tageseinteilung zu

unterbrechen, den gewöhnlichen Arbeitsgang und die gewöhnlichen

Essenszeiten fallen zu lassen. Die ganze Freude des Wissens um die

schöpferische Bedeutung dieser Ruhetage muß darin sein. Auch die

Genossen müssen diese Schwächetage an einander achten lernen, weil

jeder weiß, daß sie über jeden kommen, und es darf keine falsche Scham

und kein Ehrgeiz und kein böser Spott zwischen ihnen stehen. Davon wird

später noch zu sprechen sein.

* * * * *

Wenn so die Menschen gelernt haben, die Tage ihrer Schwäche einzubauen

in den Gesamtrhythmus ihres Lebens, wird es vielleicht auch gelingen,

die +Tage der Kraft+ miteinander in Einklang zu setzen, sie in einen

strömenden Zusammenhang zu bringen. Es ist sehr schwierig und erst

in einem späteren Alter möglich, daß die Tage der Kraft sich voll

und ganz in bestimmte Reihen fügen und also +zielgerichtet+ werden.

Gemeint sind die Tage, in denen sich der Mensch geborgen fühlt und

allmächtig zugleich, Tage, in denen die schaffende Natur in ihm und

durch ihn mühelos schafft, Tage des Gelingens, der Freude. Kinder

haben diese Tage in regelmäßiger Aufeinanderfolge. Nur die wenigen

Schwächetage unterbrechen notwendig in rhythmischer Folge diesen

Gang ihres Glücks. Es gibt Menschen, in denen dieser Glückstakt

vorherrschend bleibt. Wie in ihrer Kindheit bleiben sie gesund, und

ihr Leben fließt ohne allzugroße Erschütterungen zwischen ertragbaren

Schmerzen und vielen Freuden, zwischen Tun und Lassen, Neigung und

Abneigung in mäßig bewegten Rhythmen dahin. Ihre Natur scheut sich vor

dem allzugroßen Ausmaß der Schicksalsschläge und vor dem zu schnellen

Tempo. Werden sie in ihrem Takt nicht gestört, so erreichen sie die

eine Möglichkeit des Glückes: sie fügen ihre Krafttage zu einem maßvoll

und schön gegliederten Bau, zu einem Leben voll Heiterkeit, Genuß und

maßvollem Tun. Goethe ist einer von den Wenigen, denen ein solches

Leben gelungen ist. Die meisten so gearteten Menschen aber lassen sich

durch irgendwelche Hindernisse in ihrer Lebensgestaltung früh schon

aufhalten. Sie haben nicht den Mut zur Freude, zum Genuß. Nach Art von

Kindern, die in ihrer Lebensfreude gestört werden, fühlen sie sich

zurückgesetzt, übergangen und verkannt. Es sind die immer Mißmutigen,

von ihren Launen hin und her Getriebenen, recht eigentlich Menschen,

die im kindischen Wesen stecken geblieben sind. Oft wird man noch

den Zeitpunkt nachweisen können, wo sie aus Scham oder Furcht oder

irgendwelcher hemmenden Rücksicht in dem Rhythmus ihrer Glückstage

einmal unterbrochen wurden und niemals wieder recht zum Aufschwung

kamen.

Die andere Glücksmöglichkeit lockt sehr viel mehr Menschen der

nördlichen Länder: nicht Maß und Harmonie, sondern leidenschaftliche

Kraftsteigerung ist ihnen Glück. Die Tage der Kraft werden auf ein

ganz bestimmtes Ziel gerichtet. Nicht die in ihnen aufschwingende

Kraft selbst, sondern das dadurch bewirkte Werk, die Erreichung einer

ganz bestimmten Wirkung heißt Glück für diese Menschen. Dem Glück des

harmonischen Kräfteausgleiches steht das Glück des leidenschaftlichen

Kraftgebrauches gegenüber. Das niemals gehemmte gleichmäßige

Aufschwingen der Kraft verbürgt die erste Glücksmöglichkeit, die

hemmungüberwindende Steigerung der Kraft verbürgt die zweite

Glücksmöglichkeit. Beide Glücksmöglichkeiten haben ihre eigenen

Gesetze. Für den Menschen des Gleichmaßes ist geboten, den Hemmungen in

seinen Krafttagen aus dem Wege zu gehen, ihnen auszuweichen. Der Mensch

der leidenschaftlichen Kraftanspannung dagegen sucht grade Reibung

und Gefahr, um sich an der Überwindung der Hindernisse zu steigern.

Ausnutzung der Kraft bis aufs äußerste ist das Geheimnis, dem diese

Menschen nachspüren: wie ist es möglich, die Kraft durch Verschiebung,

Ersetzung und Stauung zu vervielfachen? Um das zu erreichen, hat

man in unseren Zeiten vor allem nach dem Gesetz der Arbeitsteilung

verfahren. Arbeit wurde die Losung aller Menschen.

* * * * *

Die Arbeit machten sie zum Gott, dem sie ihr Leben stückweis opfern,

ihr eigenes Leben und das ihrer Frauen und Kinder noch dazu. Dem Mann

steht sein Beruf am höchsten. Er benutzt die Freude ganz rechnerisch

absichtlich als Antriebsmittel zur Arbeit, er verschafft sich nur so

viel Genuß, wie gerade eben noch durch die darauf folgende Arbeit

wieder unschädlich gemacht werden kann. In ebenso kleinen und

zuträglichen Dosen nimmt man den Schmerz. Das Leben eines solchen

Arbeitsmenschen, eines Großkaufmanns etwa oder Großindustriellen

oder Großgelehrten dieser Zeit ist bis in die letzten Minuten wohl

eingeteilt und geordnet zu dem einzigen Zweck, möglichst viel Arbeit

herauszubekommen. Das ist die typische Verkörperung der einen

Glücksmöglichkeit.

Die schöpferische Pause · 第 3 / 11 段