* * * * *

Das Leben wird gleichsam aus der Urpause im Mutterleib mit einer

gewaltigen Wucht ausgestoßen und bildet im frühesten Kindesalter

sicherlich ein Auf und Ab von ganz dicht beieinanderliegenden

Lebenswellen. Nur die Mütter wissen von diesen ersten so schnell

aufeinanderfolgenden Perioden im Leben ihres Kindes und sind recht

imstande, die trennenden Pausen dazwischen einzuhalten. Von diesen

frühesten Perioden kann hier nicht gesprochen werden. Etwa vom sechsten

oder siebenten Jahre an, wo das Kind allmählich der alleinigen Pflege

seiner Mutter entwächst, beginnt dann deutlich ein neuer Lebensteil

sich abzuheben. Auch in den sehr verwirrten Zuständen des heutigen

Europa wird dieser neue Lebensanstieg des »zur Schule kommenden«

Kindes deutlich sichtbar. Diese Welle läuft bis zum elften und

zwölften Jahr. Hier beginnt dann eine zweite Welle, und auch dieser

neue Anstieg ist bei allen jungen Menschen noch voll erkennbar. Es

ist die Zeit, die durch die Firmelung der Kinder nach außen hin von

der Kirche sichtbar gemacht wurde. Von hier an läuft aber das Leben

des europäischen Menschen gewöhnlich schon pausenlos weiter fort. Bei

den wenigen Menschen, die ihrer Bildung von da an noch einige Zeit

widmen dürfen, tritt manchmal noch eine neue, deutlich erkennbare Pause

nach dem Verlassen der höheren Schule ein, ehe der junge Mensch sich

für ein Studium oder eine berufliche Sonderausbildung entscheidet.

Und schließlich als Abschluß des Jugendalters wird dann vor der

eigentlichen Aufnahme eines Lebensberufes in seltenen Fällen nochmal

eine Pause sichtbar. Die Perioden der späteren Lebensalter sind noch

unkenntlicher als die des Jugendalters geworden, die schöpferischen

Pausen werden immer mehr verwischt und bleiben bei den meisten

Menschen ganz aus. Nur bei denen, die gar nicht anders können als ihr

eigenes Gesetz befolgen, treten auch diese späteren Besinnungspausen

noch zutage. Das Leben dieser wenigen zur Selbständigkeit gekommenen

Menschen setzt in deutlichen Wellen Lebensalter an Lebensalter bis zum

Tode als der abebbenden Welle des höchsten Alters.

+Goethes Leben+ ist solch ein bis zu seiner +letzten+ Möglichkeit an-

und abschwellendes Leben gewesen.

Diese menschlichen Werdezeiten können sich natürlich verschieben je

nach dem Eigengesetz eines Lebens. Aber sie müssen da sein. Wo sie

durch eine zu gestraffte Lebensführung überrannt oder infolge einer

zu schlaffen Lebensführung gar nicht erreicht werden, überjagt der

Mensch sein Leben, oder er lebt es nur bis zu einer gewissen Periode.

Tatsächlich sind die meisten Menschen entweder überlebt, früh gealtert,

scheinbar gejagt von unsichtbaren Mächten, oder sie sind stehen

geblieben an irgendeiner Stelle ihres Lebens, und von da an wiederholen

sie mechanisch immer wieder die Schwingungen ihrer schon durchlebten

Jahre. Nur wo das Leben in seinen großen Bögen von einer Ruhelage

zur anderen ungehemmt ausschwingen darf, wo jede neue Lebensperiode

wirklich aus der Tiefe steigt, geboren wird aus der Besinnung auf das

eigene Gesetz, nur da vermag der Mensch sein eigenes Leben bis zu Ende

zu leben »nach dem Gesetz, wonach er angetreten«.

Der Führende muß nun bei jedem seiner Anvertrauten dieses rhythmische

Eigengesetz der jugendlichen Lebensteile in seinem großen Wellenschlag

vollauf zur Schwingung kommen lassen. Nur wer im eigenen Leben, auch

im führenden Alter noch, die Pausen innegehalten hat, ist fähig, den

rhythmischen Lebensgang seiner Anvertrauten zu behüten, von Welle zu

Welle, von Pause zu Pause. Den Stürmischen wird er die Ruhelage zu

zeigen vermögen (ohne ihn da hinein zu zwingen), den Zaudernden wird er

liebend zum Anstieg locken (ohne ihn zu treiben).

Die Machtgebärde des bildenden Führers in seiner Bildungsarbeit reicht

auch hier nie weiter, als es durch die Worte: lauschen, warten, zeigen

und locken angedeutet wird.

* * * * *

Kinder von etwa sieben Jahren, die gerade den vielteiligen Anstieg

ihres Lebens unter der mütterlichen Führung beendet haben, sind also

inmitten ihrer ersten großen schöpferischen Lebenspause, wenn der

Führer (an Stelle des Vaters, soweit der Vater nicht selbst Führer

ist) auf ihr Leben Einfluß gewinnt. Hier ist das Problem: wie soll

überhaupt die neue, die zweite große Wachstumsperiode begonnen

werden? Über diesen Anfang wird durch die gewöhnliche Schulform ohne

weiteres hinweggewischt, indem eben einfach eines Tages über das Kind

das Verhängnis hereinbricht und es drei Stunden lang in einer Stube

mit anderen Kindern zusammengetan wird, um dort von nun an Dinge zu

hören, nach denen es nicht verlangt und noch lange nicht von selbst

verlangen würde. Mit einer Pause beginnt dieses neue Leben des Kindes,

einer Pause, die sich vielleicht bei einzelnen Kindern über Monate

oder gar Jahre erstreckt. Hier wird der Kern gepflanzt für viele

kommende Jahre. Es soll etwas werden und zum Ausdruck kommen, das in

dem Wesen des Kindes noch verborgen ist. Alles kommt hier darauf an,

daß der Führer den Sinn dieser Pause begreift. Wie sinnlos ist es, mit

einem bestimmten, vorher überlegten, und in seiner Methodik sorgsam

eingelernten Fragenbündel in das dunkel geschlossene Sein des Kindes

hineinzustechen und sein ruhendes Denken aufzuscheuchen, damit es

dieses Denken in irgendeiner Zukunft einmal gebrauchen lernt!

* * * * *

Was muß nun der Führer tun, in diesen schweren Anfangszeiten, zwischen

Schweigen und Reden? Er muß sich niederknieen, daß er so klein wird wie

das Kind. Er muß seine Sinne zusammenschließen, daß er so gespannt wird

wie das Kind, so lauschend auf jede Regung. Und spielend muß er, erst

selten und dann immer öfter, Brücken schlagen von ihm selbst zu dem

Kind hinüber, an dieser und jener Stelle, ob es vielleicht schon einen

ersten Ausgang aus sich tun will. Tag und Nacht wird er bereit sein

müssen auf diesen ersten Ausgang seines Schützlings. Und inzwischen

muß er warten, muß immer wieder nur ganz zarte Versuche der Annäherung

machen, muß immer wieder sein eigenes Leben in gleichen Takt setzen wie

das Leben des Kindes.

Das Anfangsverhalten des Führers ist entscheidend. Kann er nicht

warten, greift er ein in das Leben des Kindes, bevor es seine Pause,

den herrlichen ersten Tiefschlaf des jungen Lebens beendet hat, so hat

er verspielt und muß bei +diesem+ Zögling vielleicht jahrelang warten,

ob er ihm in der nächsten großen Lebenspause den entscheidenden Dienst

leisten kann.

Es ist klar, daß ja bei diesem Anfang schon die meisten Lehrenden und

die meisten Väter scheitern +müssen+. Denn ihr +eigenes+ Dasein wurde

ja in früher Jugend durch irgendeinen eingreifenden Willen irgendeines

Erwachsenen verbogen. Sie wurden frühzeitig gezwungen, irgendeinen

fremden Takt zu gehen und fanden sich darein und glaubten von da an,

daß es eben so sein müßte. Sie lernten ihren eigenen Takt vielleicht

erst sehr viel später, vielleicht überhaupt nicht kennen, und da sie

nun selbst in ihrem eigenen Lebenstakt so unsicher sind, wie wollten

sie da vermögend sein, auf einen fremden Rhythmus hin sich liebend

einzustellen?

Also der Führer muß selbst Ruhe genug haben, um dem Kind Ruhe

zu lassen, solange es noch gesetzmäßig in dem Zustand seiner

Unentfaltetheit verharrt. Bis es eines Tages von sich aus nach

irgendwelchem Ausweg aus sich selbst begehrt! Der Tag wird kommen, und

der Führer darf diesen Tag nicht verpassen und zu dieser Zeit nicht

in irgendwelcher Müdigkeit vergraben sein. Gemeinsam mit dem nun von

selbst erwachenden Kinde muß er den ersten Ausgang machen. Er braucht

nun nicht zu ziehen und zu zerren und zu fragen und zu mahnen. Weit

eher wird ihm das Kind mit geweiteten Augen voranlaufen und wird nur

hier und da stehen bleiben und von sich aus fragen. Und er wird Antwort

zu geben haben. Durchaus nicht immer in dem gleichmäßig belehrenden

Tonfall des erwachsenen Besserwissenden, sondern je nach dem Inhalt der

Frage fröhlich und schnell, oder ernst und behutsam, oder stammelnd und

leidvoll.

So wird allmählich das Leben des Kindes sich überall nach außen zu

entfalten beginnen. Und in der nun anbrechenden Wachstumsperiode wird

je nach der besonderen Schnelligkeit und Dichtigkeit des kindlichen

Geistes Können und Wissen langsam oder schnell, tiefgehend oder an

der Oberfläche zunehmen, bis sich die zweite große Pause im Leben des

jugendlichen Menschen ankündigt.

* * * * *

Diese Zeit um das zwölfte Jahr herum, die Zeit der beginnenden

Geschlechtsreife, wird in dem mit Zwang und Überwindung arbeitenden

Erziehungssystem noch viel weniger beachtet. Hier liegt wieder der

schöpferische Kern für die Geschehnisse des weiteren Lebens. Der

jetzt bestehende Zustand ist ein unbegreiflicher. Der Erzieher in

der Schule geht über diese große Pause, die vielleicht bei einzelnen

eine jahrelange Schonung, bei allen aber eine gewisse Zeit völliger

Umstellung zum Leben erforderte, einfach hinweg. Kein Blick, kein Wort

des Lehrers beschäftigt sich mit dem, was in diesen Zeiten allein

Körper und Seele des werdenden Menschen erfüllt. Wenig wird hier

gebessert werden, wenn nun in reformierten Schulanstalten zu dieser

Zeit eine gemeinsame Belehrung über geschlechtliche Dinge einsetzt.

Im Gegenteil, für die allermeisten wird solche Belehrung großen

Schaden bewirken. Deswegen, weil das Mittel der Belehrung überhaupt

unzweckmäßig ist, wenn ein Mensch sich im Zustand des Chaos befindet.

Solche Belehrung verkürzt den chaotischen Zustand und nur wo diese

Besinnungszeit des reifenden Jugendlebens ohnehin schon ihrem eigenen

Ende nahe ist, mag Belehrung das Gegebene sein. Wo aber ein junger

Mensch erst am Anfang seiner Umwandlung steht oder infolge seiner

langsamen Entwicklung viel Zeit dazu gebraucht, kann das aufhellende

Licht die noch schlummernde Schöpfung seines Selbst höchstens zu einer

vorzeitigen Reife bringen, und diese ist genau so tödlich für das

Selbst des Menschen wie die Unreife, die durch das +Übergehen+ dieser

großen Lebenspause, durch das lieblose und gedankenlose +Schweigen+ des

Lehrers verschuldet wird.

* * * * *

Der Führende muß hier wie stets lauschen und warten, mit seinem ganzen

Leben nach seinem Anvertrauten hin gerichtet sein. Schon lange ehe

dieser selbst irgend etwas weiß, wird sich dem Führer seine Lebenspause

ankündigen. All die kleinen Schwächen und Unarten, die der heutige

zünftige Erzieher mit dem Begriff »Flegeljahre« geringschätzig oder

gar scherzhaft an sich abgleiten läßt, wird der wahre Führer liebevoll

wissend auf ihren chaotischen Ursprung deuten und ertragen, d. h.

mit-leiden. Sein ganzes eigenes Wesen wird sich erhöhen bei dem

Gedanken an die schöpferische Zeit, die nun dem jungen Menschenkind

bevorsteht. Bei diesem +Wissen+ müssen aber seine eigenen Herzschläge

wechselweis stürmisch und stockend werden, wie bei dem Kind, das er

behütet. In seiner nachempfindenden Glut selbst errötend, muß er jedes

Erröten des Kindes verstehend und zugleich übersehend in sich nehmen.

So wird er merken, wann das hilflose Werden des Knaben nach Einsamkeit

ruft. Er wird ihn an solchem Tage von den Gespielen und von sich selbst

wegschicken, über alle Mauern und Zäune weg in den Wald, an den See,

mitten in die Wildnis werdender Natur. Sein Mund aber wird verschlossen

bleiben wie der Mund seines lieben Kindes. Allein seine Augen werden

wachsam bleiben. Er wird darauf achten, daß es langen kühlen Schlaf

hat, daß seine Nahrung nun besonders ausgewählt ist, daß keine

unreinen Stoffe ihn belasten, daß Wind und Sonne täglich an ihn kommen

und der Mond ihn nicht berührt. Er wird das Versteckenspielen des

Kindes, das vorher doch so offen und zutraulich war, nicht Unwahrheit

schelten, weil er durch sich selbst weiß, daß Werdendes dunkel ist

und sich ungern offenbart, ehe die Zeit da ist. Freuen wird er sich,

wenn der vorher so Regsame faul wird und sich in die Sonne legt und

tagelang nichts tut als so vor sich hindämmern. Selbst wenn Tücke und

Grausamkeit in diesen Tagen bei irgendeiner Gelegenheit ausbricht, wird

er sich freuen, daß solche Restbestände ererbter Dunkelheiten früh zum

Ausdruck kommen und sich nicht im Inneren festsetzen und so unterdrückt

für später sehr viel Schlimmeres vorbereiten. Vor allem aber wird er

die wie auch immer aufquellende jugendliche Tatenlust nicht töricht

hemmen, auch dann nicht, wenn sie den gewohnten Gang des Lebens und

des Unterrichts durchbricht. Im Gegenteil, er wird den Knaben reizen

und herausfordern, sich voll auszutoben in Spiel und Geschrei, im

Laufen und Rennen und Wandern und Schwimmen und allerlei körperlichen

Kunststücken.

Und über alledem darf er ihn niemals aus dem Auge lassen, denn eines

Tages wird es so weit sein, daß eine scheue fragende Gebärde im Körper

seines Schutzbefohlenen ihm sagt: das Werdende in mir ist jetzt sehr

stark geworden, es drängt schon nach dem +eigenen+, nicht mehr nach

+irgend+ einem Ausdruck. Kein fragendes Wort, kein fragender Blick

wird es sein. Viel früher ist die Frage im Körper, vielleicht in einer

plötzlichen eckigen Wendung oder in einem unerklärlichen lauschend

atmenden Stillstehen des Körpers mitten im wildesten Lauf. Wenn der

Führer sonst wohl meistens mit der ganzen Schar in den Wald gegangen

ist, wird er nun an einem wohl ausgesuchten Tage ganz einfach mit

dem +einen+ ausgehen. Es braucht nicht auffällig zu sein, zu einem

notwendigen Gang nimmt er ihn mit, weil doch eben überhaupt einer

mitkommen muß. Hierbei braucht sich auch gar nichts zu ereignen, als

höchstens ein paar freundliche Blicke oder daß sie gemeinsam einen

Abhang herunterlaufen oder am Waldrand ein paar Augenblicke über die

Felder atmen. Nur der Führer +weiß+, was wird und dient dem Werdenden

mit seinem ganzen Wesen. Wenn er dann vielleicht zum zweiten oder

dritten oder zehnten Male mit jenem allein geht, +wird+ auch etwas

geschehen, etwas Geheimnisvolles, das sich nicht näher bestimmen

läßt. Denn daß der Junge vielleicht auf einmal mit einem neuen ihm

ganz +eigenen+ Ausdruck irgendeinen Gedanken formt, oder daß er halb

zitternd, halb ungestüm die Hand des Älteren ergreift und lange nicht

los läßt, oder was es auch sein wird, -- das ist ja nur das außen

Geschehende. Mit dem +inneren+ Auge aber sieht nun der Führende nichts

als lauter aufsteigende Ströme von Kraft, die alle in seine Hände

münden, an denen er liebend und formend entlang gleiten darf, die gar

nicht enden wollen in ihrer Unerschöpflichkeit, die kreisend immer neu

aufsteigen aus der unendlichen Werdefülle des reifenden Knaben.

Und noch viel später wird dann erst die Frage zu der Oberfläche der

Worte aufsteigen: was ist mit mir, warum geschieht mir das, was vorher

doch nicht gewesen ist? Und auf die vertrauende Frage wird die sehr

langsame Antwort kommen und später dann ganz zuletzt zusammenhängende

Belehrung über Zweck und Ziel der körperlichen Wandlung und regelmäßige

Übung. Also erst zu einer sehr späten Zeit, wenn Wort und Begriff schon

zu einem sicheren Hilfsmittel der Verständigung zwischen den Vertrauten

geworden sind, ist es möglich, durch Worte zu geschlechtlichem Wissen

zu führen. Dies Wissen wird sich aber für jeden Einzelnen anders

gestalten. Dinge, die doch »jeder wissen muß«, gibt es hier noch

weniger als wo anders. Einer wird viel Beweisbares hören müssen und

mancher vielleicht nur ein halb betontes Wort zur rechten Zeit. Die

alles gleichmachende Gesinnung unserer Zeit darf hier nicht Einlaß

gewinnen. Ein Körper, der sich nach der Norm entwickelt, wird niemals

lebendig werden. Nur das schon wieder erstarrte oder das noch gehemmte

Körperleben fügt sich dem System.

Das wartende Dasein des Führenden kann dem jungen Menschen allein

dazu verhelfen, über diese entscheidende Pause seines Jugendalters

nicht hinweg zu leben, sondern wirklich ganz hinab zu gelangen zu den

ruhenden Kräften seines Selbst, und darin zu verharren, solange bis er

von sich selbst ganz gesättigt ist. Mit seiner gesamten mitschwingenden

Lebenskraft muß der Führer in seinem Vertrauten bewirken, daß er sich

fallen läßt in seine Tiefe, nicht davor zurückschreckt und nicht durch

irgendwelche gesetzten Ziele und Arbeiten sich etwa daran hindern läßt.

Und dann auch, daß er nicht darin verharrt, daß er nicht erschlafft

in dem untätigen Staunen über sich selbst. Es ist ja das Schicksal

unzähliger Menschen, gewissermaßen in der Zeit ihrer Pubertät stecken

zu bleiben. So daß eigentlich alle weiteren Erlebnisse Wiederholungen

dieser ihrer ersten geschlechtsreifen Erschütterungen bleiben.

An dieser Stelle, wo das jugendliche Leben aus der Tiefe der Pause nun

zur Reife seines Geschlechtes aufbricht, ist dem Führenden alle Macht

gegeben. Die ganze aufsteigende Kraft kann er nun lenken, daß sie in

die selbst geschaffene Tat des jungen Menschen strömt. Diese Kraft kann

auch früh schon als leidenschaftlich dargebrachtes Opfer der Liebe

aufflammen. Vor allem wird der Führende an dieser Stelle die Last der

eigentlichen Wissenschaft bereit halten, die dem jungen Leben von da an

Schwere und Richtung geben kann. Von alle dem wird später ausführlich

die Rede sein.

* * * * *

Die dritte schöpferische Pause der Jugend liegt um das zwanzigste

Jahr herum. Auch an dieser entscheidenden Stelle versagt die

Jugenderziehung heutiger Zeit völlig. Denn gerade hier ist der junge

Mensch gewöhnlich schon führerlos. Die Schule hat ihn entlassen,

ohne ihn auf die kommende Zeit der Besinnung genügend vorzubereiten.

Entweder ist er schon in einen Beruf eingespannt, der sein noch

wachsendes Selbst in irgendwelche herkömmlichen Formen lenkt, oder er

geht auf eine Hochschule, um zu studieren. Die Wende seines Lebens

spürt er höchstens als einen angstvollen Zustand der Leere. Grundlose

Traurigkeit, Weltschmerz, Ekel an den Dingen überkommt ihn. Alles wird

ihm fragwürdig. Und je öfter er aus seinem Trotz heraus nein sagen

kann, desto wohler ist ihm. Eine Sehnsucht nach Zerstörung wird in

ihm groß. Darum hat Krieg, Revolution, überhaupt Empörung gegen das

Bestehende für jugendliche Menschen so hohen Erlösungswert. Diese

gewaltsamen Ereignisse werden immer wieder von den Vielen bejaht werden

und immer wieder geschehen müssen, ja eigentlich herbeigeführt werden,

solange Jugend von der Tiefe ihrer großen schöpferischen Lebenspause

nichts weiß, sich davor fürchtet und darum in zerstörerischer Sehnsucht

jede Gelegenheit benutzt, um auszubrechen in einen Zustand, der ihrem

eigenen chaotischen Inneren gleicht. Auch viele andere Ventile werden

geöffnet aus Angst vor dieser Leere. Besinnungslos wirft sich der junge

Mensch an Dinge und Menschen weg. Angst vor dem eigenen chaotischen

Zustand treibt ihn dazu, seine Liebe an Frauen zu geben, die ihm nicht

gehören und die ihm so fremd sind wie irgendein Vogel oder Baum am

Wege. Aus dem chaotischen Grund seiner verzweifelten Einsamkeit heraus

erweckt er Liebe, vielleicht in vielen Menschen, wird verzehrende

Flamme für viele, die ihm nahe kommen. Und alle diese Geschehnisse,

die für ihn selbst nur Rettung vor der Leere seiner jugendlichen Wende

sind, werden um ihn herum Schicksal, ohne daß er es zunächst merkt und

weiß und will. Und erst später, wenn alles das sich ausgewachsen und

längst von ihm getrennt hat, tritt es ihm als +fremdes+ Schicksal

wieder in den Weg und mahnt nun und fordert und zwingt ihn zu unfreiem

Handeln.

Auch alles, was die Menschen in diesem Alter +tun+ und +arbeiten+,

bekommt etwas von diesem Geschmack der Verzweiflung. Junge Künstler

arbeiten selbstquälerisch Tag und Nacht an niemals vollendbaren

Kunstwerken; Fragmente von steiler, später nicht mehr erreichter,

vielleicht gar nicht wieder erreichbarer Schönheit entstehen aus

ihrer Verzweiflung. Andere wiederum ergeben sich einem Studium, einem

Beruf, wahllos und einzig getrieben von ihrem Wunsche, den chaotischen

Raum in ihrem Selbst zu füllen, +irgend etwas+ zu gestalten. Der

Trieb zu gestalten erwächst also aus der gleichen Furcht vor den

Abgründen des Selbst wie die Sehnsucht zu zerstören und zu verneinen.

Und auch diese Gestalten bildende Flucht vor sich selbst wächst

allmählich zum unentrinnbaren Schicksal. Der Mensch, der an irgendeinem

entscheidungsvollen Abend seines jungen Lebens den Plan gefaßt hat,

Künstler zu werden oder Geschichte zu studieren oder Politiker zu

werden, weiß zunächst gar nicht, was er damit auf sich nimmt. Aus der

Mitte seiner lebendigen Kraft türmt er aus Furcht vor dem Chaos wahllos

Sach-Gebirge auf, die dann nachher seinem Lebensstrom unabänderlich

leidvolle Richtung geben können.

* * * * *

Was könnte der Führer zum Leben, all diese Unabänderlichkeiten

überschauend, hier wohl tun? Wahrlich nur sehr wenig, weniger als bei

irgendeiner anderen entscheidungsvollen Ausübung seines Führeramtes. Wo

die Führung für dieses Lebensalter versagt, liegt es jedenfalls meist

daran, daß +zuviel+ vom Führer getan und gewollt wurde.

Die schöpferische Pause · 第 2 / 11 段