Anmerkungen zur Transkription
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text
ist +so ausgezeichnet+.
Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
Buches.
Zeitwende
Schriften zum Aufbau neuer Erziehung
Fritz Klatt
Die schöpferische Pause
[Illustration]
Drittes bis fünftes Tausend
Verlegt bei Eugen Diederichs in Jena 1922
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in fremde Sprechen,
vorbehalten. Copyright 1922 by Eugen Diederichs Verlag in Jena
Rhythmische Schwingungen
Alles was der Überlieferung wert erscheint, ist entweder Gekonntes oder
Gewußtes. Jede Überlieferung hat die Absicht, die Jüngeren zu ihrer
+eigenen+ schöpferischen Leistung und zur eigenen liebenden Weisheit
zu führen. Wer zu solch eigenem Können, eigenem Lieben, eigenem Wissen
kommen will, muß zunächst einmal das +Werkzeug+ seines Lebens in die
Hand bekommen. Er muß seinen ererbten und durch die Umstände bedingten
Körper sich zu eigen machen. Und dies kann nur geschehen, wenn der
Mensch diesen seinen Körper einmal wirklich gespürt hat. Nur in einer
günstigen Stunde wird das sein können. Diese Stunde wird eine Stunde
der Bewegtheit sein. Das Lebendige wird dann als das Schwingend-Bewegte
im eigenen Körper gespürt werden. Wer einmal so in sich das Leben
gespürt hat, ahnt, daß diese innere Bewegung gesetzmäßig verläuft, daß
die Schwingungen dies es +selbst+ gelebten Einzellebens Abwandlungen
des allgültigen Lebensgesetzes darstellen, des obersten Gesetzes, das
in der sichtbaren wie der unsichtbaren Gesamtnatur herrscht und Aufbau
und Abbau, Spannung und Entspannung, Kraft und Schwäche in rhythmischer
Folge miteinander wechseln läßt.
Alle Schwingungen des eigenen körperbedingten Lebens, die
kleinteiligsten wie die weitestschwingenden, sind also jedesmal
neuartige Erfüllungen des allgemeinen Gesetzes und können als solche
Erfüllungen +empfunden+ werden. Dieses allgemeine Schwingungsgesetz
vom Auf- und Abbau des Lebendigen ist nun so gebaut, daß zwischen
Abschwellung und Anschwellung, zwischen Entspannung und neuer
Spannung jedesmal eine Pause liegt, eine Pause, in der, ohne daß
etwas getan wird, doch der neue Antrieb verborgen liegt. Und auf die
+schöpferische+ Bedeutung dieser Ruhelage vor allem kommt es an, bei
all den kleinsten wie den größten Rhythmengefügen, durch die das Selbst
des Menschen hindurchschwingt.
Blutschwingungen
Die pulsenden Schläge des Herzens bilden den kleinteiligsten Rhythmus
in der Lebensleistung des Körpers. Wir wissen es alle, das eigenbewegte
Blut ist das Grundfließend-Bewegte in uns. Hier ist der Rhythmus,
der uns mit allem Lebendigen zu unterst in schwingender Verbindung
hält, zugleich der Rhythmus, der uns in die eigenste und einsamste
Absonderung treibt.
Das strömende Blut verbindet den Leib der Mutter unmittelbar mit
dem Kind. Dies ist ja wirklich jedem geschehen. Wer es vermag
sich da hinunter zu ducken, dem schlafen alle Sinne ein. Er wird
wie durch einen dunkel purpurnen Schlund hinunter gezogen auf den
Grund eines Stromes, der zu unterst unter Zeit und Raum, Licht
und Dunkelheit fließt, aus dem alles Lebendige immer von neuem
wirbelhaft aufgeschleudert wird, ein Springbrunn von Blut. Weil dieser
Springbrunnen so langsam durch die Zwischenschichten: Raum und Zeit und
Licht dringt, sind wir meist wie gelähmt in unserer Verbindung nach dem
Grund. Wir spüren nur unsern eigenen Auftrieb, nicht das Woher dieses
Auftriebes. Nur wenn einer so mitten im Leben einmal, ohne zu wissen
warum, an seine Mutter denkt, nicht denkt, sondern so wie von einem
Schreck ganz und gar von diesem Gefühl: Mutter durchschossen wird,
in dem spricht dann das Blut aus seiner schwindelnden Tiefe. Er ist
nicht mehr einsam, sinkt in den Strom von Familie, Geschlecht, Rasse,
verliert sich selbst und wird nur noch Bewegung von irgendwoher nach
irgendwohin.
Verbindung nach unten ist das eine, der Auftrieb ist das zweite
Erlebnis des Blutes. Zur Absonderung treibt es, zu hundert Zweigungen
und Ästen, Liebesgedanken und Lebenswerken und schließlich zum Tod.
Auch dies spürt ein jeder, vielleicht wenn er mitten in der Nacht
einmal aufwacht und in der großen Stille seiner Einsamkeit gewahr
wird. Oder wenn er mitten in freudevollster Arbeit innehält und die
Arbeit seiner Hände oder seiner Gedanken noch fast unmittelbar als die
aus seinem Blut hochgesprossene Blüte riecht, als die letzte, nun der
Erstarrung preisgegebene Endigung abspritzenden Lebens.
Nun kommt alles darauf an, nach der einen +wie nach der anderen+ Seite
voll zur Schwingung zu gelangen. Mit willensmäßiger Anspannung ist
nichts getan. Das Herz schlägt, kann nicht eigenwillig beschleunigt
oder verlangsamt werden. Sich geschehen lassen, hingegeben sein, ist
hier die Haltung. Alles was Liebe, Wissen, Tod genannt wird, alles was
den einzelnen Menschen aus seiner Vereinzelung heraus sich besinnen
läßt, alles was Verbindungen schafft und schließlich das Opfer des
Selbst erfordert, hat hier in der Tiefe des menschenverbindenden
Blutstroms seinen sinnlich-spürbaren Grund, seine Wirklichkeit. Dies
wird später zu verfolgen sein.
Aber alles was Lust, Freude, Leistung, Leben genannt wird, was den
einzelnen Menschen gerade in seiner Vereinzelung, seiner Einmaligkeit
steigert und unverwechselbar in seinem eigenen Selbst schwingen läßt,
das ist der Auftrieb aus dem allverbindenden Blutstrom. Davon soll
zunächst die Rede sein.
Atemschwingungen
Die Schwingungen des Atems übertönen die Herzschläge. Mehrere
Blutwellen gehen während eines Atemzuges ein und aus. Der Atem geht
lauter. Vor allem: die Schwingungen des Atems sind willkürlich dehnbar.
Dabei ist von entscheidender Wichtigkeit, daß die Pause zwischen
Ausatmung und neuer Einatmung dehnbar ist.
Diese +Pause+ ist +schöpferisch+. Aus ihrer Tiefe kann der wahrhaft
eigene Atem sich erheben. Bei den meisten Menschen wird diese
Gelegenheit immer wieder vorbeigelassen. Ihr Atem schwingt achtlos über
diese Besinnungspause hinweg. So kommen alle diese gar nicht zu ihrem
Eigenatem, sondern verbleiben in dem allgemeinen Rhythmus ihres durch
Vererbung bedingten Gattungs-Körpers. Würde man die täglichen Atemzüge
eines Menschen in schwingenden Kurven darstellen über einer Linie,
welche die Ruhepunkte zwischen Ein- und Ausatmen miteinander verbände,
so würde das ein höchst zittriges und klägliches Bild ergeben. Auch
würde diese Kurve mit dem An- und Abschwellen der alltäglichen
Leistungen der Menschen durchaus nicht übereinstimmen. Vielmehr werden
die Atemschwingungen gewöhnlich kurzwellig und ängstlich, wenn die
Leistung größer wird. Die Atempausen werden dann nicht innegehalten.
Der Mensch dringt nicht bis in die Tiefe der Besinnung hinab, atmet
hastig schon wieder ein, wo er eigentlich noch einhalten müßte.
Es besteht zwischen solchem ängstlichen Atem und dem Mißlingen der
Leistungen ein ursächlicher Zusammenhang, der durch Selbstbeobachtung
leicht in seinem ganzen Umfang aufgedeckt werden kann. Wo dann
trotz dieses Widerspruches von Atmung und Leistung Taten entstehen,
geschieht das eben auf Kosten der Lebenskraft. Und dieses ist der
gewöhnliche Zustand der heutigen Menschen, die durch ihre Arbeit
hoffnungslos aufgezehrt werden und oft schon in der Mitte ihres Lebens
verbraucht sind.
Das Wissen von dem grundlegenden Wert des Atems ist Urzeitgut aller
Menschen. In allen großen Religionen ist der Heilswert des Atems bewußt
in das Ritual eingebaut. Ausatmend wird der Gottheit das Opfer der
gesprochenen Gebete dargebracht und nach der schöpferischen Pause einer
inbrünstigen Besinnung dann die Gnade des Gottes mit dem eingeatmeten
Luftstrom in den Körper aufgenommen[1].
Es müßte dann hier der ganze anatomische Vorgang der Atmung und seine
entscheidende Bedeutung für das Körperleben dargestellt werden. Und der
Doppelstrom religiöser Inbrunst und naturwissender Klarheit zusammen
würde dem System der Atemlehre genügend Weite geben.
Die Andeutung dieser großen Zusammenhänge genügt. An der systematischen
Erkenntnis allein ist hier wenig gelegen. Nur wer in irgendeiner
dunklen Stunde des Einklangs mit sich selbst erlebt hat, wie sein
Atem rauschte, und wie der Rhythmus des eigenen Blutes in der Tiefe
der Atempause spürbar wurde, nur der kann begreifen, daß es sich hier
in Wahrheit um das Wesentliche handelt, nämlich um die Aneignung des
Rhythmus, der jeder Regung und Leistung des eigenen Lebens zugrunde
liegt.
Der führende Mensch hat an dieser entscheidenden Stelle seine immer
wieder neue Bildungsaufgabe, nämlich den Eigenrhythmus in dem Atem
seines Anvertrauten hervorzulocken. Bildung ist nur durch Beispiel
möglich. Die Führung an dieser entscheidenden Stelle mißlingt
naturgemäß überall da, wo der Führende seinen eigenen Rhythmus verwirrt
oder sich verwirren läßt. Er merkt es sofort: er hat dann nicht Ruhe
zu warten, und wie lange wird er auf den Rhythmus des Anderen lauschen
müssen, bis er eines Tages wirklich weiß: dies ist sein Rhythmus. Erst
mit diesem Klangbild im Herzen wird er ihn nun zu locken beginnen mit
einer solchen freudevollen Gewißheit, daß sich der Andere dem gar nicht
mehr entziehen kann. Nicht in irgendeinem zwangsmäßigen Sinn: zu jeder
Stunde, wo er merkt, daß jener seinem eigenen Rhythmus nahe kommt, da
wird er mit seinem ganzen führenden Wesen zu rauschen beginnen, er
wird den suchenden Atemklang des werdenden Menschen mit einem ganzen
Bündel mitklingender Töne aus seiner eigenen Seele umgeben, daß jener
sofort merkt: hier wird etwas in mir. Kein Wort wird die Bedeutung
solchen Augenblicks zum Ausdruck bringen können, höchstens, daß es im
Auge mit aufleuchtet.
Selbstatmend wird er ihm helfen, indem er seine eigenen Atemzüge
einfließen läßt in die Atemgezeiten seines Vertrauten, vielmals des
Tags bei Arbeit und Freude und manchmal des Nachts in der wechselnden
Tiefe des Schlafs. Unmerklich wird er so den Atem des Anderen lenken
und vielleicht durch sein immerwährendes Beispiel ihn vermögen, öfter
und tiefer herabzusteigen zu der Ruhelage seines eigenen Selbst. Nur
in völliger Selbstlosigkeit und ohne Machtgelüste und ohne zur Schau
getragene Absichtlichkeit darf diese Lenkung geschehen. Vielleicht wird
der Atem auch bewußt geübt werden können. Die Gefahr dabei ist, daß
der erste Antrieb, die dunkle Sehnsucht zum Eigensten, verdeckt wird
durch die besondere Lust, die jedes Können durch sich selbst bereitet.
Der Führer, der stets jenes erste Klangbild von dem Atemrhythmus des
Jüngeren in sich bewahrt, wird dann an irgendeinem Tage ihm auf die
Schultern klopfen und ihm begreiflich machen: so ist das Bild, und dein
Können bleibt an dieser Stelle. Stimmt das noch?
Tagesschwingungen
Der durch den schwingenden Atem immer sicherer werdende Eigenrhythmus
wird auch allmählich helfend spürbar werden, wo das Selbst des Menschen
durch größere Zeitteile des Lebens hindurch schwingt. Alle diese
größeren Rhythmengefüge, die da in Betracht kommen, unterscheiden
sich in +etwas+ grundsätzlich von dem Blut- und Atemrhythmus. Der
schwingende Atem erbaut seine Periodik nach einer gewissermaßen in
dem Menschen selbst befindlichen Schwingungszahl. Diese größeren
Rhythmengefüge aber, von denen nun die Rede sein wird, schwingen
außerhalb des Menschen selbst. Auf ihre Periodik hat er keinen
willensmäßigen Einfluß. Hier bleibt immer nur die Frage: wie schwingt
sich sein Selbst durch diesen fest bestimmten und unveränderlichen Lauf
der Gezeiten? Oder anders gewandt: Wie behauptet sich sein Selbst in
der Zeit?
Genau so achtlos und ihrer selbst unbewußt wie die Menschen gewöhnlich
hinwegatmen über ihren eigenen Rhythmus, genau so mechanisch leben
sie im allgemeinen über die durch den Umlauf der Gestirne bedingten
kleineren und größeren Gezeiten hinweg, ohne ihren eigenen Rhythmus
darin zu behaupten oder auch nur zu erkennen. Deutlich wird dieser
Zustand an der Tatsache, daß der Kalender zu einer ganz mechanisch
benutzten Zeittabelle herabgesunken ist. Der Abreißkalender ist heute
das Symbol für diese achtlos wegwerfende Gebärde der Menschen. Man
reißt die Tage in seinem Leben ab, achtlos einen nach dem andern und so
die Wochen, Monate, Jahreszeiten und Jahre.
Niemand fragt: was ist das nun, Tag? Diese durch den Sonnenlauf
gesetzmäßig bedingte Einheit, geteilt in Tag- und Nachthälfte, dieser
Doppelrhythmus, ansteigend und absteigend von Morgen zu Abend und
abermals absteigend und ansteigend von Abend zu Morgen. Niemand fragt
auch die zweite darin enthaltene Frage: wie behauptet sich nun das
Selbst des Menschen in diesem rhythmisch schwingenden Tageslauf?
Diese beiden Fragen sind aber von grundlegender Bedeutung für den
Lebensaufbau. Es muß geschehen, daß der Mensch diese rhythmische
Urgewalt von Tag und Nacht immer von neuem wieder spürt und liebend
erkennen lernt und sein Selbst darin einfügen lernt. Zunächst also
dies: von der einfachen Schwere dieses gesetzhaften Ereignens: Tag und
wieder Tag und wieder Tag! muß der Mensch bis zum Rand voll werden. Er
muß leben können wie ein Vogel oder ein Waldtier, hingegeben und ganz
abhängig von der ewigen Wiederkehr der Tage. Ganz klein und schwach
muß er werden, willenlos sich überlassen dieser reißenden Gewalt des
Sonnenlaufs. Er muß sich mit aufnehmen lassen von dem großen Schwung
des Morgens, er muß sanft und langsam mit hinabschwingen bis zur
mittäglichen Pause. Er muß dann mit dem Nachmittag schwerer sich noch
einmal aufschwingen und dann endgültig hinabschwingen in die Ruhe der
abendlichen Pause, in den Feierabend. Die große Frage jedes Tages ist
also: wie ist es möglich, sich ganz offen zu halten, sich ungehemmt von
den rhythmischen Wellen der Sonnenwiederkehr durchfluten zu lassen?
Das ist nur möglich, wenn der Körper des Menschen mit dem Tag, durch
den er hindurchschwingt, gleich gestimmt wird. Wie schwingt nun das
Selbst des Menschen durch seinen eigenen Körpertag? Ein jeder weiß ja
ungefähr von diesem seinem täglichen Auf- und Abbau, aber das Wissen
darum ist eben ganz lückenhaft und das Gesetz, das da zugrunde liegt,
bleibt unvollkommen erkannt und stückweis befolgt.
So ist der tägliche Auf- und Abbau des Menschen, der Stoffwechsel,
zu beschleunigt oder zu stockend geworden, weil er von Jugend an
sein eigenes Gesetz nicht recht beachtend, zu viel oder zu wenig
oder unzuträgliche Nahrung zu sich nimmt und dementsprechend die
Abfallstoffe nicht genügend ausscheidet. Unreinheit des Blutes, Stocken
des ganzen Säfteumlaufs ist die Folge. Nach außen braucht das oft gar
nicht so sichtbar zu werden. Oft aber ist es spürbar als ein fader
oder gar schlimmer Geruch, der sich von dem Körper erhebt. Allgemeine
Nahrungsgesetze und chemische Tabellen können hier nur den äußeren
Rahmen einer vernünftigen Ernährung bestimmen. Nur unmerklich und
zwanglos kann der Führer hier sein Amt erfüllen. Der junge Mensch muß
einfach eine nicht einseitige, sorgfältig und liebevoll bereitete
und in jedem Fall reine Nahrung erhalten und nach seinem Beispiel
allmählich freudig und nachdenkend essen lernen. Er wird lernen, wie
diese Nahrungsstoffe gewachsen, zusammengesetzt und wie sie zubereitet
sind, vor allem aber wie sie auf sein Selbst wirken. Er wird lernen,
wieviel von Aufbau bewirkenden und Ausscheidung bewirkenden Stoffen er
braucht, in welchen Abständen er essen muß und in welchen Abständen er
wiederum sich der Abfallstoffe entledigen muß.
So wird der junge Mensch allmählich überall die noch nicht vom eigenen
Rhythmus beseelte Schwere seines Körpertages zu spüren beginnen. Alle
die vielen Menschen, die noch keinen eigenen Körper besitzen, die
höchstens über dem mit Kleidern behangenen Rumpf einen eigenen Kopf
besitzen, werden schwer begreifen, um was es sich hier handelt, nämlich
um die Eigenbeweglichkeit des Menschen. Der Führer wird lange hinhören
müssen, wo und wann es sich zuerst in dem Körper seines Vertrauten
regt. Am Morgen vielleicht, wenn die ersten Bewegungen des Körpers
noch gegen die Ruhelage der Nacht am ausdrucksvollsten sich abheben,
wird er sagen können: so stürmisch oder so bedächtig ist sein wahrer
Tagesrhythmus. Die Muskeln und Sehnen werden entweder verkrampft sein
oder zu wenig entwickelt. Die Verdauung wird zu schnell oder zu langsam
arbeiten. Überhaupt der ganze Mensch wird entweder zu gespannt oder
zu schlaff sein. Das ist eine Abweichung von dem wahren Selbst dieses
Menschen, der sich in seiner ganzen Schönheit dem Führenden vielleicht
einmal in der gelockerten Haltung des Schlafes oder in einer unbewußten
Gebärde irgendeines wilden Tages +wesentlich+ offenbart hat.
Diese Abweichung im Sinne zu großer Spannung oder zu großer
Entspannung wird vielleicht durch Übung der einzelnen Glieder und des
ganzen Körpers aufgehoben werden können. Solche gymnastische Übung
braucht nun keineswegs jeden Körper womöglich nach demselben System
gleichmäßig in allen seinen Teilen durchzubilden. Wie bei der Ernährung
kann das System nur der äußere Rahmen der Körperübungen sein. Die
+Schwingung des Körpertages+ muß durchschlagen, muß allein bestimmend
sein für die Wahl, Anzahl und Zusammensetzung der Übungen. Oft werden
auch gar keine Übungen nötig sein. Das große Ziel, das immer im Auge
behalten werden muß, ist allein dieses: wie der ganze Mensch ist, so
sollen seine Gebärden, sein Gang, seine Haltung, alle seine Bewegungen
sein, ein immer lebendiger unverwechselbarer Ausdruck +seiner+ Tage.
Beides zusammen, der Stoffwechsel im Innern des Körpers und die
Bewegung des Körpers nach außen, erbauen das Gefüge des Körpertages.
Dieser tagtäglichen Wahrheit gilt es ganz eingehend in sich selbst
nachzuspüren: wie die von außen genommenen täglichen Aufbaustoffe
innen im Körper verarbeitet werden und sich wieder nach außen in die
tägliche Bewegung des Körpers umprägen. Die Gebärde, d. h. die gesamte
Eigenbeweglichkeit der Menschen ist ganz entscheidend von der Ernährung
abhängig. Die auffällige Verschiedenheit des Menschenschlags in oftmals
nahe beieinanderliegenden Gegenden ist aus der verschiedenen Nahrung zu
erklären. In Gegenden, wo viel Fleisch und Fett gegessen wird, bildet
sich ein schwerer Schlag aus, Menschen von langsamen, nachdrücklichen,
schwerflüssigen Gebärden. Und wie im kleinen so sind auch sicherlich
die wenigen großen Rassen der Menschheit in ihrer körperlichen
Artverschiedenheit nicht nur durch das Klima bestimmt, sondern auch
durch grundlegend verschiedene Ernährungsgewohnheiten. Davon hängt
wesentlich ab, was in Gebärde und Geruch bei den anderen Rassen anders
ist und oftmals gerade die unüberwindliche Abneigung der Rassen
voreinander, den Rassenhaß, im tiefsten und unbewußten Sinne begründet.
Die Menschen können sich tatsächlich nicht riechen und geraten in Wut,
wenn sie die grundanderen Gebärden der anderen Rasse sehen.
Die wenigen selbständigen Menschen, die Rassenhaß wirklich überwinden
können, sind nicht etwa die geistig Selbständigen (bei denen bricht
Rassenhaß notwendig, wenn auch oft gegen ihren Willen immer wieder
durch), sondern die körperlich Selbständigen, welche Eigengeruch
und Eigenbeweglichkeit besitzen. Sie allein können die rassenfremde
Körperlichkeit als etwas Schicksalhaftes begreifen, vielleicht
sogar als etwas Fernes lieben, wie sie ja auch die Masse der
eigenen Rassegenossen längst als körperfremd und fern zu empfinden
gelernt haben. Nur die wenigen Menschen, die sich ihren Körper zu
eigen gemacht haben, also ihr körperliches Selbst beherrschen und
lieben können, finden stillschweigend über alle Rassenunterschiede
hinweg unmittelbaren Zugang zueinander. Über alle die andern kommt
notwendig immer wieder der wilde, leidenschaftlich schöne Haß, der
letzten Endes zu Krieg und Vernichtung führt, aber zuvor freilich
auch die herrlichsten Werke des Glaubens und der Kunst im Wetteifer
gegeneinander emporstellen hilft.
Das Bild eines Tages[2]
Der für jeden Menschen nach einem ganz allein ihn selbst angehenden
Gesetz gebaute +Körpertag+ fügt sich ein in den großen, für alle
Menschen, ja für alle Lebewesen gleichgestimmten +Sonnentag+. Diese
tägliche Durchdringung von Körper- und Sonnentag wird sich nun
vielleicht für die gemeinsam Suchenden, für Führer und Gemeinde in den
gemeinsam durchlebten Tagesläufen, allerdings langsam genug, ergeben.
Am frühen Morgen entscheidet sich das Schicksal jedes Tages. Die
aufspringende Wucht des Morgenanstiegs muß vor allen Dingen ungehemmt
bleiben. Die in der Nacht abgebauten Stoffe müssen da sorgfältig aus
dem Körper entfernt werden, so daß der Körper von innen und außen
leicht und rein in den Morgen geht. Aus der Ruhelage der Nacht schießt
die Morgenkraft des Sonnentages auf. Dies Schwebende, Schießende,
Sprießende des Morgens ist so unbeirrt stark und eigenständig, daß
der Mensch sich davon tragen lassen muß. Alles muß er tun, um seinen
Körper leicht zu machen, daß er die Schaukel jedes Sonnentages bei
ihrem Aufschwung möglichst wenig beschwert. Erwachend, muß er seine
Atemschwingungen gleich leicht machen, die Schwere des Schlafes
ausatmen. Sich dehnend, wird er die schlafgebundenen Glieder wieder
beweglich machen. Er wird den ganzen Körper durch ein Bad von außen
und durch die Abführung der Abfallstoffe von innen reinigen. Mit aller
Inbrunst wird er sich dieser Bereitung seiner selbst hingeben, wissend,
daß er nur so in den aufschwingenden Takt des Tages rasch und leicht
hineinkommen kann. Nun muß er sich tragen lassen von dem Aufschwung des
Morgens und alles Eigenwillige unterlassen. Wenn er durch eine große
Morgenmahlzeit dem Körper sehr viel Aufbaustoffe zuführt, ist es vorbei
mit diesem Sichtragenlassen. Nicht viele schwere fett- und mehlhaltige
Stoffe wird er zu sich nehmen, sondern viel eher irgend etwas Zartes
und Aromatisches. Der Führende kann hier seinen Anvertrauten viel
helfen, indem er all das, was die bequemliche Gewohnheit alternder
Menschen dem Morgenanstieg in den Weg gebaut hat, ihnen forträumt oder
vielmehr erst gar nicht an sie heranläßt. Er wird einfach bei jedem
Einzelnen abwarten, ob er auch wirklich das Verlangen hat, solche
schweren Dinge frühmorgens zu essen. Diese tägliche Morgenfrage muß
eben täglich von neuem eine Frage sein, darf nicht durch einen immer
wieder in der gleichen Weise besetzten Frühstückstisch abgestumpft
werden. Erst dann wird allmählich jeder Einzelne lernen, was und
wieviel und zu welcher Zeit er etwas frühstücken soll, ohne sich für
+seinen+ Tag zu belasten.
Die aufsteigende Kraft des Morgens wird sich nun voll und freudig in
Arbeit umsetzen können. Die frühen Morgenstunden sind die Stunden der
schöpferischen Leistung. Das kann nun körperliche wie gedankliche
Leistung sein. In jedem Fall aber muß die Arbeit getragen sein von dem
Morgen, muß drängen und strömen und jubeln mit dem steigenden Bogen der
Tageskraft. Wo die Arbeit des frühen Morgens etwa durch ihre Schwere
oder ihre Zerstreutheit oder ihre Gleichförmigkeit zu unlustiger oder
gedankenloser Verrichtung zwingt, ist gleich der ganze Tagesschwung
in seiner aufspringenden Wucht gefährdet. Der Mensch ergibt sich dann
wohl auch, trägt seine Arbeitslast geduldig oder ungeduldig bis zum
Abend fort, aber Lust und Freude ist dahin. Der lebendige Wettlauf der
eigenen Kräfte mit der steigenden Sonne ist am Anfang gleich unmöglich
gemacht. Das ist das Schicksal der meisten körperlich wie geistig
arbeitenden Menschen unserer Tage geworden.
Hier gilt es umzuordnen. Die wahrhaft drängende, die schöpferische
Arbeit muß an den Morgen des Arbeitstages geschoben werden. Feld- und
Gartenarbeit in dem aufdampfenden Erdboden mit den erwachten Pflanzen
ist so drängende Arbeit. Auch das Versorgen der morgenkräftigen Tiere
im Stall ist so drängend. Die Vorbereitung und Zubereitung der Speisen
für die beiden Tagesmahlzeiten in der Küche, das Schaben und Putzen,
Kochen und Backen der frischen, wohlriechenden Dinge, die dem täglichen
Körperaufbau dienen sollen, auch das ist solche drängende Arbeit. Dies
alles muß den jungen werdenden Menschen früh schon nahegebracht werden,
nicht als harte Notwendigkeit, sondern als spielendes, freudevolles
Tun. Bei solcher drängenden Morgenarbeit müssen sie spielend erst, dann
helfend dabei sein. Solche drängende Wucht und strömende Notwendigkeit
muß zum mindesten hinter aller Morgenarbeit jugendlicher Menschen
stehen. Schöpferische Arbeit muß es sein. Alles handwerkliche und
künstlerische Tun und jede Unterweisung darin gehört in den Morgen des
Tages. Es ist ein trauriges Ergebnis, wenn man die »Stundenpläne« der
Schulen und Hochschulen daraufhin prüft.
Die Kraft des aufsteigenden Tagesbogens reißt Tat- und
Gedankenschöpfung mit sich empor. Das entstehende Werk wird durch die
mitschaffenden Elementarkräfte des Morgens mitgetragen und von jeder
anhaftenden Schwere und Eigenwilligkeit seines Erschaffers befreit.
Die ansteigende Bogenkraft des Tages kann sich dehnen und manchmal ein
stundenlanges Aufsteigen gewähren. Stunden der Schaffenskraft, in denen
der Mensch sich getragen fühlt, in denen die schaffende Kraft durch
ihn hindurch durch die Vermittlung seiner Hände und seines Geistes die
Dinge ordnet und auferbaut.
Aber der Aufstieg wird auch aufhören. Die Stunden des Abbaus beginnen.
Auch hier muß der Mensch für seinen Körpertag lernen, dem Willen des
Sonnentages nachzugehen. Wo der Führer bei seinen Vertrauten die ersten
Zeichen der Ermüdung verspürt, muß er die Kraft haben, den Gang der
Dinge zu unterbrechen, zu sagen: jetzt ist's genug. Jetzt tun wir
etwas anderes. Er muß sie nun zu reproduktiver, zu mechanischer, zu
übender Arbeit hinüberleiten. Körperliche Übungen, Gedächtnisübungen,
Sprachübungen, belehrende Unterredung über die Geschichte der Natur und
des Menschen gehören in diese absteigenden Vormittagsstunden. Fallende,
nicht steigende Kraft treibt hier das Räderwerk der Arbeit, bis die
Tiefe des Tages, die Mittagspause, erreicht ist.
Nur wer im hohen Sommer die mittägliche Ruhe der Natur einmal wirklich
erlebt hat, kennt den Sinn des Mittages. Der Mensch muß hier in sich
selbst versinken, ganz zur Besinnung, zur Ruhe kommen. Und als erste
körperliche Aufbauregung wird nun der Hunger kommen, das Verlangen
nach aufbauender Nahrung, und dieses Verlangen wird befriedigt werden
im Mittagessen, das wahrhaft eingebettet sein muß in die schöpferische
Pause des Tages. Das Essen wird in Stille und Freudigkeit eingenommen
werden und ganz hingegeben an den aufbauenden Sinn des Essens. Wenn es
in Gemeinschaft geschieht, dürfen sich die Menschen dabei gegenseitig
nicht mehr stören durch viel Gespräch und irgendwelche Anforderungen
aneinander. Das Beispiel des Führenden wird hier wirken und allmählich
eine rechte Tischgemeinschaft unter seinen Anvertrauten schaffen müssen.
Nun wird der Nachmittag heraufsteigen; sein Anstieg hat nicht die
Wucht des Morgenanstiegs, dem Eigenwillen der Menschen ist nun viel
mehr Freiheit gegeben. Die durch das Essen zugeführten Stoffe müssen
im Körper verarbeitet werden. Darum ist die Lust, an irgendwelche
Arbeit nach außen Kraft abzugeben, gering. Besonders bei Kindern,
die noch im Wachstum sind, ist der nachmittägliche Arbeitswille
gering. Viel eher ist es dem kindlichen Leben gemäß, am frühen
Nachmittag zu spielen und herumzulaufen, und am späten Nachmittag
erst wird sich das Kind wieder zu kurzer Arbeit entschließen können.
Wo Kinder frühzeitig zur Nachmittagsarbeit gezwungen werden, geht
das sicherlich auf Kosten ihres Körperaufbaus. Wenn späterhin die
dem Kindesalter entwachsenen Menschen am Nachmittag noch schaffende
Arbeit tun wollen, müssen sie wissen, daß diese Arbeit schwere Arbeit
ist. Sie wird dem Körper abgerungen und ist nicht so strömend und so
drängend wie die Morgenarbeit. Der Fluß der Leistung ist zäher, von
dem bewußten Willen abhängiger. Entwerfen, Planen, Beginnen gehört
in die Morgenstunde. Aber das Durcharbeiten und Prüfen, Überdenken,
Verändern, Vollenden gehört in den Nachmittag. Nachmittagsarbeit
ist langsamer und stockender, von vornherein auf die Überwindung
von Hindernissen eingestellt. Schwere problemreiche Arbeit von
wissenschaftlich-philosophischer Art gehört in den Nachmittag, als ein
+Sieg+ des Geistes über körperliche Schwere.
Dieser Sieg kann naturgemäß nur dann errungen werden, wenn die
Wechselbeziehung zwischen der für den Körperaufbau notwendigen Kraft
und der freiwerdenden Arbeitskraft genau bekannt ist. Der Führende wird
jeden seiner Anvertrauten von früh auf genau beobachten müssen, damit
er ihm später auf seine Fragen Aufschluß geben kann. Und alsdann wird
es für alle einzelnen Glieder der Gemeinschaft allmählich klar werden,
daß sie ihr Mittagessen nicht allein nach ihrem Hunger bemessen dürfen,
sondern auch noch irgendwie mit ihren vielleicht sehr verschiedenen
Tagesabsichten in Einklang bringen müssen! Ein wahrhaft schöpferischer
Tag läßt Hungergefühl oft erst sehr verspätet oder gar nicht aufkommen.
Wenn stundenlang schwere und mühsame Arbeit getan ist, kommt die
Abspannung des Gesamttages. Der Mensch geht in den Abend des Tages
ein. Und damit erreicht er wieder die schöpferische Pause. Er überläßt
sich der Ruhe des Sonnentages. In kleinen Städten und auf dem Lande
setzen sich zu dieser Stunde die Menschen auf die Bank vor dem Hause
oder gehen über die abendlichen Felder. Aus dem Zusammenklang der
inneren Abendruhe des Menschentages mit der äußeren Abendruhe des
Sonnentages wird Feierabend. Des Morgens darf der Körper nur möglichst
wenig belastet werden, um den Morgenaufschwung nicht zu hemmen, am
Mittag muß das Gleichgewicht zwischen Körperaufbau und Tagesleistung
geschaffen werden. Am Abend aber erhält der Tag seine Schwere.
Das aufbaubegehrende Gefühl des Hungers bekommt das entscheidende
Übergewicht, das Abendessen wird die Hauptmahlzeit des Tages.
Ein richtiges Gleichgewichtsgefühl wird den Abstand zwischen
Abendmahlzeit und Schlafengehen richtig bemessen. Unmittelbar nach
der Mahlzeit ist noch ein Stück grober Verdauungsarbeit zu tun.
Jeder Mensch muß fühlen lernen, wieviel Zeit er dazu braucht. Es ist
schlecht möglich, diese Arbeit im Schlaf zu tun. Und so wird das Essen
unmittelbar vor dem Schlafengehen eine Unmöglichkeit.
Diese Zeit zwischen Abend und Nacht ist Ruhezeit, ganz und gar dem
Aufbau des Selbst gewidmet, es ist die eigentliche Erbauungszeit
im alten schweren Sinne des Wortes. In breiten Strömen können hier
die gewaltigen Werte der ganzen großen Menschengemeinschaft auf den
Einzelnen einwirken, wenn er sich nur ganz locker und offen zu machen
versteht. Ein völlig hingegebenes Lesen in Büchern, die das Menschliche
vermitteln, ist zu dieser Zeit möglich. Der Abend ist die Zeit, mit den
großen Menschen früherer oder gegenwärtiger Zeit in Verkehr zu treten.
Der Abend ist überhaupt die Zeit der Gemeinsamkeit. Alles dies braucht
nur angedeutet zu werden. Es ist ja längst bekannt, und es gilt nur,
dieses Bekannte nicht zu unterdrücken, sondern im Verlauf eines jeden
Tages immer voll und ganz ausschwingen zu lassen.
Der Abend ist vielgestaltig in seiner Schwere. Aus der kraftbergenden
Ruhezeit des menschlichen Selbst kann sogar noch einmal etwas wie ein
neuer Morgen mitten in die beginnende Nacht hinein aufbrechen. Es gibt
Abende, an denen der Mensch über viele Stunden hinweg noch einmal
wieder schöpferisch zu werden vermag, im festlichen Kreis nahestehender
Menschen oder auch in einsamer Arbeit. Aber nur selten einmal wird
diese Nachblüte des Tages sich wirklich von Natur aus voll entfalten.
Und der Mensch kann diese Gewalt, seinen eigenen Körpertag in die
Erdnacht hinein zu verlängern, leicht mißbrauchen lernen. Viele der
heutigen Menschen zwingen sich selbst fast täglich zu solcher zweiten
Tag-Geburt in die Nacht hinein und erschöpfen damit ihre Kraft. Der
Führer zum Leben wird seinen Anvertrauten sicher erst nach der Zeit der
Reife, und auch dann nur selten, diese geheimnisvolle und so leicht
abnutzbare Kraft brauchen lehren.
Denn das Gesetz des Sonnentages fordert die dunkle Ruhe der
nächtlichen Pause, die völlige Entspannung des Tages in die Nacht. Der
Schlafzustand ist dementsprechend die große Pause des Körpertages.
Aber wie die heutigen Menschen gewohnt sind, ihre Tage zu +verleben+,
so sind sie auch gewohnt, ihre Nächte zu +ver+schlafen. Sie schlafen
hinweg über ihren eigenen Schlaf. Sie können sich nicht mehr in die
große Nachtruhe des Sonnentages fallen lassen. Das Seil ihres Schlafes
ist gewissermaßen zu straff gespannt und vermag gar nicht mehr in einer
großbogigen Schwingung den schöpferischen Tiefpunkt zu erreichen. In
kleinteiligen, vielträumigen Rhythmen flattert ihr Schlaf darüber
hinweg vom Abend zum Morgen. Nur ganz selten geschieht es einmal, daß
einer beim Erwachen spürt, er habe die Tiefe erreicht, er steige aus
dem Abgrund, ganz neu gestärkt, ja neu geboren.
An irgendeiner Stelle des Schlafes liegt sein schöpferischer Kern,
die Pause des Tiefschlafes, zu der die Rhythmen in absteigender Folge
hinführen müssen, um dann von dort im großen Bogen wieder anzusteigen
zum Erwachen. Auf die Erreichung dieser Tiefe kommt es an, viel mehr
als auf die Länge des Schlafes. Auch kurzer Schlaf, wenn er nur steil
hinabführt, vermag Entspannung zwischen Tag und neuem Tag zu sein. In
diese Tiefe des Schlafes hinein kann der Führer seine Anvertrauten
ein Stück geleiten. Er muß sie lehren, sich nicht anzuklammern an
den Tag, der ging, vielmehr nach jedem vollendeten Tage ihr Leben
in die Nacht hineinfallen zu lassen, damit sie wirklich alle in die
schöpferische Tiefe +ihres+ Schlafes hinabgelangen. Er öffnet alle
diese Tag und Nacht umschließenden Zeiträume, er gibt sie jedem seiner
Anvertrauten zu eigen, so daß ein jeder ganz davon durchdrungen wird:
diese Tage können von mir gefüllt werden bis zum Überquellen mit
Leben und Leiden, sie können von mir leicht und leer wie Seifenblasen
fortgeblasen werden. Beides kann ich mir geschehen lassen, mit der
wissenden Inbrunst des lebendigen Menschen, der dem Gesetz in keinem
Falle widerstrebt, sondern sein ganzes Wesen mit dem großen Rhythmus
der Tageswiederkehr mitschwingen läßt.
So werden die Menschen nicht mehr an der Ungeprägtheit ihrer Tage zu
leiden haben. Jeder Tag wird für sie sein eigenes Gesicht bekommen
und ihnen wohlvertraut im Gedächtnis bleiben. Das Tagebuch hat hier
seinen neuen Sinn, zum mindesten für alle Menschen, deren Sehnsucht
immer wieder nach Gesichtgebung, nach Gestaltung, nach Klärung drängt.
Wer Buch führt über seine Tage, wird seine Gedanken allmählich
sammeln lernen auf das Wesentliche, das Gesicht dieses einen nie
wiederkehrenden Tages. Die fertige Tageskugel wird an jedem Abend noch
einmal freudig in beide Hände genommen und gegen das sinkende Licht
gehalten, mit der Frage: was war dies, was da mit diesem nun gewesenen
Heute reigenhaft durch mich hindurchging?
Monats- und Jahresschwingungen
Wer so die Einheit Tag und Nacht einzeln gestalthaft erlebt, als wäre
jeder Tag der erste und jede Nacht die letzte, der wird dann auch
langsam fähig werden zu begreifen, was die Mehrzahl +Tage+ bedeutet:
daß es nicht zu Ende ist mit dem +einen+ Tag, daß es seinen Fortgang
nimmt, daß die Einzelkugeln sich zur Kette reihen. Der Führer zum Leben
muß es seinen Anvertrauten begreiflich machen: morgen ist +auch+ ein
Tag. Denn das Kind lebt einzig in den Tag hinein, so, als wäre der Tag
das ganze Leben. Es mag gar nicht zu Bett gehen, weil es noch viel mehr
hineinleben möchte in den einen Tag. Ganz sacht und allmählich wird
nun der Führer die kindlichen Zeiträume aufweiten, bis diese ungeheure
Tatsache des Morgen, diese +Überhöhung+ der Gegenwart durch Zukunft
ihm zu erlebter Wirklichkeit wird; und das Kind dieses Geschenk zu
gebrauchen lernt nach seinem eigenen Willen. In den heutigen Schulen
wird gewissermaßen vorausgesetzt, daß das Kind schon seine Tage
zusammenhängend verleben könnte. Es erhält einfach seine Aufgabe für
morgen, oder gar für über acht Tage, ohne doch zu wissen, was es damit
vermag, wenn es eine Aufgabe für +morgen vorbereitet+. Es ahnt nicht,
daß dieses eine Erweiterung seines eigenen Tageslebens, eine Eroberung
seiner Zeit bedeutet, vor allem es lernt sich nicht freuen über dieses
Anwachsen seiner Macht.
Von vornherein muß der werdende Mensch lernen, daß er mit dem Auf-
und Abbau der vielen Einzeltage zugleich an bestimmten +größeren+
Rhythmengefügen arbeitet. Die Einheit Tag wird durch die Sonne
bestimmt. Die nächst höhere Zeiteinheit bildet sich durch den Umlauf
des Mondes. Die 28 Tage des Mondumlaufes bilden sicherlich eine sehr
wesentliche Periode, durch die sich das körperliche Selbst eines jeden
Menschen hindurchschwingen muß. Die monatliche Periode ist, wie der
Tagesrhythmus im Leben des Menschen, fast gänzlich verschüttet. Wer
fragt danach, ob Vollmond ist oder Neumond? Wenige fragen überhaupt
nach dem Dasein von Sonne und Mond und nehmen dieses rhythmische
Anschwellen und Abschwellen von Neumond zu Vollmond und wieder
zum Neumond genau so gedankenlos hin, wie sie das Anschwellen und
Abschwellen des Tages von Morgen über Mittag zum Abend hinnehmen.
Die Bedeutung des Mondwechsels lebt höchstens als Erinnerung an
märchenhafte Geschehnisse in den dunkelsten Winkeln des Gedächtnisses
fort: daß die Hexe zu Neumond oder Vollmond ihre Kräutertränke braut,
daß Mädchen ihre Haare zu Vollmond beschneiden, damit sie besser
wachsen; dann erinnert man sich, daß auch die Springfluten mit dem
Mondwechsel zu tun haben, und schließlich etwas tiefer ins tägliche
Leben eingreifend ist die Erfahrung, daß das Wetter bei Vollmond und
Neumond umzuschlagen pflegt. Im übrigen denkt man eben nicht an die
Mondgezeiten, zumal da auch der Kalender nicht mehr nach Mondmonaten
rechnet. Und doch gewinnt diese Periode der 28 Tage bei der Frau
eine ihr ganzes körperliches Dasein beeinflussende Bedeutung. Durch
zu gestraffte Lebensführung kann diese Periode sich verkürzen, auch
kann sie durch eine zu erschlaffte Lebensführung sich verlängern,
ja ganz unkenntlich werden. Der Sinn dieser »monatlichen Reinigung«
ist die schöpferische Pause, in den zwei bis drei Tagen der Schwäche
liegt beschlossen die Sammlung der Kraft. Frauen, die diesen Sinn
mißachten und diese schöpferische Pause ihrem Selbst nicht gönnen,
also dem allgemeinen Gesetz zuwider handeln, werden allmählich starr
oder schlaff. Sinn und Wesen dieses monatlichen Rhythmus ist für den
Mann noch bedeutungsloser geworden, weil er nicht wie die Frau ein so
merkbares Zeichen in seiner Monatswelle hat.
Die nächst höhere Periode, das Jahr, ist wie der Tag vom Lauf der
Sonne abhängig, teilt sich in an- und abschwellende Jahreszeiten.
Dieser Periodik entsprechen jährliche Sammlungszeiten des Menschen, die
in der Hauptsache dem Aufbau des Selbst gewidmet sind und jährliche
Gebezeiten, die durch Abbau des Selbst Leistung schaffen. Die Art, wie
die Erde sich durch den sonnenbedingten Rhythmus hindurchschwingt,
die ganze Summe der jährlichen Taten und Leiden der Erde, wird dem
heutigen Menschen nur noch bruchstückhaft fühlbar. Er spürt zwar
die Witterungstatsachen hier und da, aber die großen Zusammenhänge
innerhalb eines Jahres sind ihm verloren gegangen. Alle die
Erscheinungen der Lufthülle und der Erdoberfläche, wie Luftdruck und
-feuchtigkeit, Wolkenbildung und Windstärke, Wärme und Lichtaufnahme,
Erdströmung und dergleichen fügen sich an ganz bestimmter Stelle dem
Rhythmus des Sonnenjahres ein. Zwischen den einzelnen Jahreszeiten
liegen jedesmal Ruhepausen der Erde, schöpferische Pausen, in denen
etwas geschieht, ohne daß etwas getan wird. Wo der Mensch in und mit
der Natur lebt, wird er bald merken, wie erschütternd tief diese
Jahrespausen in sein Selbst einzugreifen vermögen: die Zeit der
Wintersonnenwende, die Zeit der ersten Frühjahrswinde, die hohe Zeit
des Frühjahrs, die Sommersonnenwende, die Zeit der ersten Reife,
die hohe Zeit des Herbstes, die Zeit der beginnenden Winterstürme
und abermals die Wintersonnenwende. Das Jahr hat viel mehr Zeiten
im Wechsel des steigenden und fallenden Rhythmus, als der Kalender
verzeichnet. Und immer wo der fallende Rhythmus abklingt, liegt die
bedeutungsschwere Pause. Sie ist da und kündigt sich dem Menschen,
der darauf horcht, mit unfehlbarer Sicherheit an. Überhört er dieses
rhythmische Schweigen zwischen den Jahreszeiten hartnäckig immer
wieder, stürmt er immer wieder über die Pausen hinweg, so verwirrt
sich sein eigener Jahresrhythmus immer mehr, daß er mit Gewalt noch
Leistungen aus sich heraus hetzt, wo er schon lange wieder einsammeln
sollte und daß er sich vollstopft und in sich aufspeichert, wo er
längst schon geben könnte.
Wie diese durch Sonne und Mond bedingten Zeitperioden, die das ganze
Erdleben schwingen lassen, im einzelnen auf die einzelnen Menschen
wirken, wird zunächst noch lückenhaft erkennbar bleiben. Doch
werden Menschen, die diesem allgemein erkannten Gesetz nicht mehr
widerstreben, allmählich einen rhythmischen Zusammenhang ihres eigenen
Lebens mit den astronomischen Perioden zu spüren beginnen. In diese
streng gesetzmäßige Periodik des Sonnenjahres muß sich das Menschenjahr
in irgendeiner Form einfügen. Und das Heil kann immer nur da sein, wo
das »Jahr der Seele« zusammenklingt mit dem Sonnenjahr.
* * * * *
Die Menschen haben nach dem Gesetz ihres langsameren oder schnelleren
Lebenslaufes weniger oder mehr Feiertage nötig. Die vier Sonntage
des Monats sind für die meisten sicherlich die vollkommen richtig
abgemessene Feierzeit. Auf sechs Tage Arbeit muß notwendig ein Ruhetag
folgen, Entspannung, Umstellung ist der Sinn des Sonntages. Wo Menschen
schwer arbeiten, halten sie ganz von selbst den Sonntag heilig. Wer
am Sonntag aufs Land geht, kann dort in jeder Bewegung eines ihm
begegnenden Menschen merken, daß Feiertag ist.
Feiertag ist Freudentag: die Menschen freuen sich an sich selbst,
an ihrer Ruhe. Und wenn die Freudenwelle hoch genug steigt, flutet
sie auf den anderen Menschen über. So kann der Feiertag zum Festtag
werden. Gemeinsam überflutende Freude an sich selbst bringt die
Menschen zur festlichen Gemeinschaft. Nur aus der glühroten Freude
des eigenen Blutes kann die wahrhaft festliche Erwartung in den
Menschen geboren werden, die schöpferische Erwartung, daß unter allen
zusammen etwas geschehen wird ohne Absicht, ohne gewollte Anspannung
der Kräfte. Dieses innere Wissen von der in allen gleichmäßig stark
anschwellenden Freude des Feiertages ist von solcher Wucht, daß
es nach Gewand, Leib, Gestalt begehrt, um seine Fülle zu bergen,
zu fassen und sichtbar zu machen. Fest ist ursprünglich religiöse
Handlung. Die Sonntage und kirchlichen Feiertage lassen das noch ganz
abgeblaßt erkennen. Fast nur die äußere Hülle ist geblieben, die
innere Bereitschaft, die entscheidende Wucht der gemeinsamen Freude
ist zersprungen in tausend Nichtigkeiten. Die Feste der großen Städte
sind zu Gespenstern ihres eigentlichen Sinnes geworden, grauenvolle
Umkehrung der Wahrheit. Sie bringen nicht Entspannung, sondern zwingen
die Einzelnen gerade zu gespannter, ja gekrampfter Lust. Sie bringen
die Unrast, mit der schon die Arbeit gewöhnlich getan wird, auch noch
in den Feiertag mit. Rastlose Lust jagt die Menschen durcheinander. Der
Ballsaal einer Großstadt am Sonntag hat genau dieselbe übersteigerte
Atmosphäre wie der große Maschinenraum am Werktag. Die Menschen
bewegen sich da wie hier mit derselben Anstrengung, sie schwitzen und
keuchen, und leiden an ihrer Unrast. Kein Überfluten der Freude in
den anderen Menschen, sondern ein lustbegehrendes Zerren aneinander
kennzeichnet die Gemeinsamkeit solches Festes. Nur ganz selten, nur
in den kleinen Gemeinschaften, die sich in diesen Zeiten überall
im Lande gebildet haben, gibt es schon wieder Feste, die in ihrer
strahlenden Schönheit über viele Jahre des Lebens hinaus leuchten für
alle, die dabei waren. Da ist das Fest wieder das Werk der feiernden
Gemeinsamkeit geworden, unwiederholbar, schön wie Musik, wie Tanz;
aber nicht von einem geschaffen, sondern von allen zusammen. Feste
können nur dann zu gemeinsamen Werken der Weihe werden, wenn sie
wahrhaft in die Ruhezeiten des schwingenden Jahres eingebettet sind.
Die alten kirchlichen Feste, soweit sie noch einige Gewalt über
die Menschen behalten haben, das Weihnachtsfest, Ostern, Pfingsten
sind ganz vom Sonnenjahr abhängig. Etwa: der erste Sonntag nach dem
ersten Frühlingsvollmond, das gibt den rechten Zeitpunkt für ein
Fest beweglich nach der Schwingung des Jahres. Nicht kalendermäßig
festgelegt muß der Zeitpunkt der Feste sein. Die innere Ruhe des
einzelnen Menschen, ihre Versenkung in sich selbst ist ja gesetzmäßig
gebunden an die Wartezeit des Sonnenjahres. Diese Zwischenjahreszeiten
sind die natürlichen Räume für die menschlichen Feste. Weil zu solchen
Zeiten alle in der gleichen Lage der Ruhe und Erwartung sind, können
sich hier wahrhaft religiöse Feste erheben, die wieder alle Menschen in
Eins zu verbinden vermögen.
Lebensalter
Wo der Mensch sich des zeitlichen Ablaufes bewußt wird, meint er damit
meistens die astronomisch bedingte Zeitfolge. Vergangenheit ist ihm
nach Tagen und Jahren meßbar. Vor seiner Geburt sieht er eine endlose
Reihe von Jahren; nach seinem Tode sieht er wieder eine unendliche
Reihe von Jahren. Und das Gefühl der Vergänglichkeit überfällt ihn
wie ein Schwindel, wenn er sich so in dem unabsehbaren Netz der
Sternenzeit hängen sieht. In dem Grade, wie einer sich seiner eigenen
Entwicklung, also seines Selbst bewußt wird, wird er unabhängiger von
den astronomischen Zeiteinheiten. Er fühlt sich dann nicht mehr hängend
in einem unübersehbar weiten Zeitgefüge. Viel eher fühlt er sich als
Schöpfer seiner eigenen Lebenszeit. Und wenn er gegen Ende des Lebens
seine Zeit überblickt, mag ihm zumute sein wie einem Künstler vor dem
endlichen Abschluß +seines+ Werkes.
So kann der Mensch also sein Verhältnis zur Zeitlichkeit gewissermaßen
von zwei Seiten her betrachten. Nach außen hin sieht er sich
eingespannt in die stets wiederkehrende Folge der durch Sonne- und
Mondumlauf bedingten Gezeiten. Durch Tage, Monate und Jahre muß sein
Leben hindurchschwingen, um schließlich darin zu verschwinden. Nur
ganz selten vergißt der Mensch die schneidende Gewalt der Sternenzeit
und wird gewahr, daß er ja auch ebenso gewiß aus seinem eigenen
Selbst heraus stetig sein eigenes Zeitnetz spinnt. Als Einheit der
selbsteigenen Zeit des Menschen könnte man von seiner Atemsekunde
sprechen, von der Zeit, die ein jeder zu +seiner eigenen+ Aus- und
Einatmung braucht. Es wäre vorstellbar, daß das atmende Selbst
auch in einem gleichmäßigen dunklen Raum ohne Bewegung verharrend,
gewissermaßen wie die Tiere im Winterschlaf, mit seinen eigenen
Atemsekunden eine eigene Zeit aufbauen könnte. Mit seinem eigenen Atem
schwingt er sich durch die Tage und Jahre. Aber nicht jeder schreitet
nun gleichmäßig fort. Die Allermeisten erreichen nicht die höheren
Altersstufen ihres Selbst. Nach dem ersten Anlauf des Lebens bleiben
sie in sich selber stecken.
Bei dem Aufbau der eigenen Lebensalter ist die Bedeutung der
schöpferischen Pause groß, Glück und Fülle und Schönheit des
Einzellebens hängt davon ab, ob die kraftspendenden Pausen zwischen den
Lebensaltern wirklich innegehalten wurden.
In der Jugend folgen die Lebenswellen schneller aufeinander. Die Pausen
sind dichter aneinander gerückt. Im Alter greifen die Wellen breiter
aus, und weitere Zeiträume umspannend folgen die Pausen.