Die bisherigen Theorien widersprechen darum auch einander in vielen

Stücken. Manche betonen das Psychische auf Kosten des Physischen,

andere begehen den umgekehrten Fehler. Von den physiologischen

Theorien lassen die einen den Schlaf auf Hyperämie, die andern

auf Anämie, wieder andere auf einer Vergiftung des Gehirnes durch

die Ermüdungsstoffe, andere durch eine Lähmung der Zellen infolge

einer inneren Sekretion beruhen. Großen Anklang fand die Theorie

+Claparèdes+. Der Schlaf ist nach ihm eine positive Leistung

der Seele, und zwar eine Instinkthandlung, mit der sie sich vor

Erschöpfung schützt. Die mannigfachen Ähnlichkeiten, die zwischen dem

Schlaf und den Instinkthandlungen bestehen, sollen diese Auffassung

begründen. Wie der Instinkt, so ist der Schlaf zweckmäßig, ohne

daß wir ihn, zunächst wenigstens, seiner erkannten Zweckmäßigkeit

wegen aufsuchten. Er paßt sich ferner den Umständen an, läßt sich

verschieben, wenn andere lebenswichtige Interessen den Wachzustand

fordern. Allein der bestechende Gedanke hält einer genaueren Prüfung

nicht stand. Der Schlaf hat wohl hinsichtlich seiner Zweckmäßigkeit

mancherlei Ähnlichkeit mit den Instinkthandlungen, indes das trifft

auch auf viele vegetative Vorgänge zu: bei einer Verletzung der

Pflanze werden die Ernährungstätigkeiten zweckmäßig abgeändert, und

alle Teile des Lebewesens steuern zur Heilung des verletzten Gliedes

bei. Verständigerweise wird hier niemand von einem Pflanzeninstinkt

reden; denn es fehlt geradeso wie beim Schlaf das wichtigste Glied

des Vergleiches, die bewußte Tätigkeit. Instinkthandlungen sind

+bewußte Tätigkeiten+. Der Schlaf erscheint uns hingegen durchaus

als ein +Zustand+, nicht als bewußte Tätigkeit. Die Vorbereitungen

zum Schlafen sind allerdings bei vielen Tieren Instinkthandlungen.

Die Instinkttheorie empfiehlt sich auch darum nicht, weil sie jedem

tieferen Eindringen gar zu leicht im Wege steht. Sobald wir einen

Instinkt feststellen müssen, sind wir in der Regel bei einem letzten

Datum angelangt. Fassen wir nun den Schlaf als Instinkt, dann sind

wir nicht wenig geneigt, so eigenartige Tatsachen wie das Erwachen

des Müllers beim Stehenbleiben der Mühle, das Erwachen zu einer

vorausbestimmten Stunde schlechtweg als Leistungen des Instinktes zu

erklären.

Wir ziehen es darum vor, uns mit einer +Rahmentheorie des Schlafes+ zu

begnügen, deren Ausfüllung wir der zukünftigen Forschung überlassen.

Die erste und normale Bedingung für den Eintritt des Schlafes ist die

Ermüdung. Die Natur läßt es aber nicht zu einer völligen Vergiftung

des Gehirnes durch die Ermüdungsstoffe kommen, sondern sobald diese

ein gewisses Quantum erreicht haben, wirken sie als Reiz für einen

+Ausschaltungsmechanismus+, der vor allem den am meisten Energie

verbrauchenden Bewegungsapparat zur Ruhe bringen soll. Die Ausschaltung

entzieht aber überhaupt den höheren Zentren des Nervensystems die zur

normalen Betätigung erforderliche psychophysische Energie, und zwar

um so mehr, je mehr das Individuum gerade schlafbedürftig ist. Der

kleine Rest von psychophysischer Energie, der in den höheren Zentren

verbleibt, reicht aus für das Traumleben, ist aber in der Regel zu

gering, um von den Sinneszentren nach den motorischen überstrahlend

diese wirksam zu erregen.

Den Ausschaltungsmechanismus kann man sich als eine vasomotorische

Erregung denken, die entweder Hyper- oder Anämie herbeiführt; man

kann ihn aber auch in einer inneren Sekretion bestehen lassen.

Damit werden wir den physiologischen Erscheinungen gerecht. Der

Ausschaltungsmechanismus muß aber zweitens derart sein, daß sich

zwischen ihm und den Begleitumständen, in denen er für gewöhnlich

in Tätigkeit versetzt wird, eine Assoziation herausbilden kann.

Eine solche Assoziation entsteht z. B. zwischen dem Erröten und

den Begleitumständen, in denen es erlebt wird. Ebenso zwischen

mancherlei an sich rein physiologisch bedingten Absonderungs- und

Ausscheidungsprozessen und den bewußt gewordenen Begleitumständen.

Da nun der Ausschaltungsmechanismus in der Regel bei Dunkelheit,

in der Nähe der Lagerstätte usf. funktioniert, so bildet sich

zwischen diesen Wahrnehmungen und der genannten Funktion eine

assoziative Verknüpfung, und darum werden wir schläfrig, sobald

wir das aufgedeckte Bett vor uns sehen. In derselben Weise erklärt

sich das Einschlafen der Tiere, deren Sinneswahrnehmungen man

ausschließt. Das Erwachen beruht dann auf dem umgekehrten Prozeß.

Da der Energieverbrauch geringer ist als die Nahrungszufuhr, so

erholt sich das Gehirn; es sammelt psychophysische Energie. Ist sie

hinreichend groß geworden, so vermag die durch einen kleinen Reiz im

Sensorium hervorgerufene psychophysische Erregung die Ausschaltung

zu überwinden, indem sie auf die motorischen Zentren überstrahlt.

Ist das Gehirn jedoch noch wenig erholt, so reicht ein schwacher

Reiz dazu nicht hin, ein starker Reiz hingegen sammelt den trotz

der Ausschaltung im Gehirn verbliebenen Energierest und dringt

mit ihm bis zu den motorischen Zentren vor. Die Intensität eines

Reizes läßt sich nun durch seine Bedeutung oder richtiger durch die

aus der Bedeutung stammenden Dispositionen ersetzen. Hat uns eine

Sache viel beschäftigt, so gehört zu ihr ein Komplex wohlgebahnter

Dispositionen, die eine rasche Sammlung der psychophysischen Energie

und eine leichtere Überleitung in die zugehörigen motorischen Zentren

erlauben. Und darum dürfte die neben dem Kind schlafende Mutter so

schnell erwachen, wenn das Kind nur ein wenig unruhig wird, während

sie weit stärkere Geräusche unbeachtet läßt. -- Das Aufwachen

des Müllers, wenn die Mühle stehen bleibt, und das Erwachen zur

festgesetzten Stunde können wir jedoch erst erklären, wenn wir den

Traum besprochen haben.

Es bleibt noch der Einfluß des Willens auf das Einschlafen und

das Wachsein verständlich zu machen. Doch brauchen wir uns nur an

das zu erinnern, was gelegentlich des assoziativen Äquivalentes

und der äußeren Bewegungen gesagt wurde. Wie dort, so hat der

Wille auch hier keinen unmittelbaren Einfluß. Soll das „ich will

schlafen“ von Erfolg begleitet sein, so muß es sich solchen

Vorstellungen zuwenden, die wie die Begleitumstände des Einschlafens

die physiologische Assoziation zwischen diesen Vorstellungen und

dem Ausschaltmechanismus wirksam werden lassen. Und das „ich will

wachbleiben“ nützt nur dann, wenn es zu Bewußtseinsinhalten führt,

die sehr lebhaft sind und darum vermöge ihrer Ausstrahlung nach den

motorischen Zentren die Wirksamkeit des Ausschaltungsmechanismus

vereiteln.

Literatur

E. +Trömner+, Das Problem des Schlafes. 1912.

ZWEITER ABSCHNITT

Der Traum

Wenn etwas das psychologische Interesse der Menschen wecken konnte,

dann war es der Traum: allen bekannt, jeden dann und wann aufs tiefste

erschütternd und doch für alle ein Rätsel. Die günstigsten Bedingungen

für die Entstehung einer Wissenschaft -- wäre nur das Rätsel nicht

allzu dunkel! So stauten sich die Wogen des wissenschaftlichen

Interesses an diesem Wall, und da sie ihn weder zu übersteigen noch zu

durchbrechen vermochten, nahmen sie ihren Abfluß durch die Niederungen

des Aberglaubens und der Dichtung. Auch heute, wo wir im Begriffe sind,

die Traumrätsel zu lösen, hat sich in der +Freud+schen Traumdeutung

noch einmal die Phantastik ihrer bemächtigt. Doch sprechen wir

zunächst von den Eigentümlichkeiten des Traumes, um uns dann mit den

Erklärungsversuchen zu befassen.

Solange die Psychologen nur Gelegenheitsbeobachtungen über den Traum

sammelten, widersprachen die Angaben vielfach einander. Sobald man

jedoch begann, den Traum systematisch und experimentell zu untersuchen,

d. h. den Schlafenden häufig und zu den verschiedensten Zeiten der

Nacht zu wecken und ferner ihn während des Schlafes mannigfachen Reizen

auszusetzen, stimmten die Ergebnisse untereinander und auch mit den

älteren Gelegenheitsbeobachtungen überein. Der Traum zeigt nämlich in

der Tat die verschiedensten Seiten, je nach den obwaltenden Umständen,

und der Fehler der älteren Forscher hatte, wie so oft, darin bestanden,

daß sie ihre vereinzelten, nur unter bestimmten Bedingungen gültigen

Beobachtungen ohne weiteres verallgemeinerten.

Der Traum ist, im +allgemeinen+ besehen, zunächst das Urbild der

Regellosigkeit und des unvermittelten Wechsels. Die Szenerien

wechseln bisweilen ebenso schroff wie im Kino. Die Märchenforscher

haben nicht mit Unrecht auf die Verwandtschaft zwischen Traum und

Märchen in diesem Punkte hingewiesen. Die Leitung des Traumes durch

eine Aufgabe fehlt nach den Beobachtungen +Hackers+ ganz, kommt

jedoch nach denen +Köhlers+ bisweilen vor, ein Widerspruch, der sich

ausgleicht, wenn man beachtet, daß Hacker einen beträchtlich tieferen

Schlaf hatte als Köhler. Von manchen Träumen wird berichtet, daß sie

unglaublich schnell verlaufen sein müssen. So träumte +Weygandt+

von einem Spaziergang am Sonntag Morgen, einem Besuch auf dem

Friedhof an einer Kirche, dem sinnigen Betrachten dieser Kirche und

des Kirchturmes, dessen Glocke mit einemmal zu läuten beginnt. Der

Träumer erwacht und hört seinen Wecker läuten. Die näheren Umstände

machten es sehr wahrscheinlich, daß der ganze Traum von dem Läuten

des Weckers ausgelöst worden. Daneben, nicht dagegen, stehen andere

Beobachtungen, nach denen der Traum nicht schneller abläuft, als

unsere gewöhnlichen Vorstellungen. Im allgemeinen herrschen die

„dummen“ Träume vor, doch berichtet man auch von außerordentlichen

intellektuellen Leistungen des Traumes.

Etwas eingehender hat man sich mit den +Traumelementen+ befaßt.

Unter den Vorstellungen sind die optischen am häufigsten vertreten;

doch stehen nicht allen Träumern bunte Farbenvorstellungen zu

Gebote. Weit seltener als optische und akustische Vorstellungen

sind die kinästhetischen und taktilen, am seltensten die von Geruch

und Geschmack. Die Vorstellungen haben zumeist halluzinatorischen

Charakter. Die Forscher streiten aber darüber, ob sie die

Empfindungen des Wachzustandes an Intensität übertreffen. Die

Rolle der Gedanken im Traum ist in einer kurzen Formulierung nicht

anzugeben. Es kommen sämtliche Denkfunktionen im Traum vor, sogar

ein sorgfältiges und richtiges Überlegen. Mir kam inmitten eines

ganz andersartigen Traumes einmal die Sorge, ob ich am Vortag einer

gewissen Verpflichtung nachgekommen sei. Da erinnerte ich mich

während des Traumzustandes, daß ich an einem bestimmten Ort mit

einem bestimmten Bekannten zusammentraf, als ich mich anschickte,

jener Verpflichtung zu genügen; es fiel mir weiter ein, wie ich sie

dann wirklich zu Ende geführt hatte, und dabei beruhigte ich mich.

Anderseits ist der Traum oft unglaublich töricht. Der Träumer nimmt

mit der Urteilslosigkeit eines Geisteskranken die ungereimtesten

Dinge für bare Münze hin, ängstigt oder freut sich ihretwegen. Es

ist aber eine feine Beobachtung und ein Fingerzeig zur Lösung des

ganzen Problems, wenn ein Traumforscher bemerkt, wir seien nur für

den Traumanfang, nicht aber für das neu Hinzukommende kritiklos.

Das Regiment scheinen im Traumablauf nicht die Gedanken, sondern

die assoziativen Faktoren zu haben; denn man kann bisweilen die

Wendepunkte des Traumes herausheben und erhält dann eine Reihe

rein äußerlicher oder einfacher Klangassoziationen, ähnlich der

Gedankenkette eines Ideenflüchtigen. Hinwiederum sind aber auch

oft die Gedanken an dem Auftauchen der Traumvorstellungen schuld.

Mir träumte jüngst, ich blute im Bette liegend aus der Nase. Ich

spürte nur das Fließen, sah aber nichts, denn ich lag im Dunkeln.

Da regte sich der Zweifel, ob es denn wirklich Nasenbluten sei, und

alsbald sah ich auf dem weißen Kopfkissen eine gewaltige Blutlache

und stellte mit Bedauern die Tatsächlichkeit des Nasenblutens fest.

Sehr merkwürdig verhält sich das Bedeutungsbewußtsein: bald ist es

vorhanden, bald fehlt es. Man glaubt bisweilen zu lesen oder gar mit

einer andern Person in einer fremden Sprache geläufig zu sprechen,

oft mit sichtlicher Befriedigung, während man selbst jene Sprache

nur kümmerlich meistern, jene andere Person, deren Leistungen ja

gleichfalls auf unser Konto zu setzen sind, sie überhaupt nicht

verwenden kann. Hier hängt sich an irgendwelchen Wortsalat die

Bedeutung einer fremden Sprache.

Die +Gefühle+ sind im allgemeinen schwächer als in der Wirklichkeit.

Doch sind auch hier auffällige Ausnahmen zu melden. Arg trockene

Gesellen können im Traum in Tränen zerfließen und Zustände der

Rührseligkeit erleben, deren sie sich im Wachzustande nicht wenig

schämen würden. In derselben gegensätzlichen Weise zeigt sich der

Wille manchmal wie ohnmächtig und läßt Taten geschehen, die er im

Wachzustande niemals verantworten möchte, während er in andern Fällen

sich energisch gegen solche Dinge sträuben kann. Die Beweglichkeit

ist herabgesetzt. Die Träume im Tiefschlaf lassen uns überhaupt nicht

handelnd, sondern nur sehend auftreten. Im leichteren Schlaf glauben

wir fälschlich, unsere Glieder zu bewegen, und nur der eigenartige

als Somnambulismus bekannte Traumzustand erlaubt es dem Träumer,

gewisse Bewegungen auch wirklich auszuführen.

Sehr rätselhaft ist die Auswahl des +Traumgegenstandes+. Die

Ereignisse des Vortages scheinen bevorzugt zu sein. Doch nicht die

bedeutsamen: man träumt nicht von dem, wovon man gern träumen möchte.

Befindet sich der Schlafende an einem neuen Aufenthaltsort, so sollen

die Erlebnisse an jenem neuen Ort erst später im Traum auftauchen.

Außerdem liegt nach +Hacker+ der Trauminhalt um so weiter zurück,

je tiefer der Schlaf ist. Lange Zeit meinte man, alle Träume seien

durch einen zufälligen Reiz verursacht, dem der Schlafende gerade

unterliegt. In der Tat konnte man den Traum experimentell durch

solche Reize beeinflussen. Ist z. B. die Fußsohle unempfindlich

geworden, so meint der Träumende, er schwebe. Ebenso schließen

sich an gewisse Organempfindungen wie bei Atemnot, Herzbeklemmung

charakteristische Träume an. Dennoch sind nicht alle Träume

Reizträume. Sehr viele sind Erinnerungsträume, die sich durch die

zufälligen und einförmigen Reize nicht erklären lassen.

Wie soll man nun dieses vielgestaltige, widerspruchsvolle Erlebnis,

das wir Traum nennen, auffassen? Ähnlich wie +Claparède+ den Schlaf,

denkt sich +Freud+ den Traum als eine positive Leistung, und zwar des

Unterbewußten. Im Unterbewußten schlummern die Wünsche, denen der

Wachende zumeist aus sittlicher Scheu kein Gehör schenken durfte. Sie

verlangen nach Erfüllung. Darum schickt sie das Unterbewußte während

des Schlafes herauf ins Bewußtsein. Allein vor der Schwelle des

Bewußtseins da waltet die Zensur. Die würde diese Wünsche in ihrer

unverfälschten Natur die Schwelle des Bewußtseins nicht überschreiten

lassen; sie sind ja zumeist sexueller Art. Darum verkleidet das

Unterbewußtsein die Wünsche in symbolische Formen und täuscht so die

Zensur. Und darum ist jeder Traum symbolisch zu verstehen, und jeder

Traum ist eine Wunscherfüllung; in der Regel die Erfüllung eines

erotischen Wunsches aus der Kinderzeit. Diese Begriffsdichtung einer

ausschweifenden Phantasie hat in psychologisch ungeschulten Kreisen

eine ganz außergewöhnliche Verbreitung gefunden. Da sie frei ersonnen

ist, brauchen wir sie nicht besonders zu widerlegen. Doch mag sie uns

auf einige Umstände aufmerksam machen, denen auch unsere Traumtheorie

genügen muß.

Unsere +Traumtheorie+ läßt sich mit einem Satze aussprechen. Der

Traum ist Phantasietätigkeit in dem oben (S. 258) von uns dargelegten

Sinne, die sich jedoch unter den besonderen Bedingungen des Schlafens

abspielt, nämlich unter der Wirkung des Ausschaltungsmechanismus mit

seiner Absperrung des motorischen Apparates und seiner Verminderung

der psychophysischen Energie im Zentralnervensystem. Daraus lassen

sich alle festgestellten Erscheinungen mitsamt ihren scheinbaren

Widersprüchen ableiten.

Die Regellosigkeit und den unvermittelten Wechsel hat der Traum mit

der Phantasie gemein. Nur sind beide noch bedeutend erhöht, weil

das Versagen der psychophysischen Energie die längere Verfolgung

eines Motives unmöglich macht: ein äußerer Reiz mag das bißchen

Energie auf eine andere Bahn lenken, und das ganze Traumbild

ist zerstört. Im allgemeinen steht die Phantasietätigkeit nicht

unter der Leitung einer Aufgabe, streckenweise und vorübergehend

nimmt sie jedoch Aufgaben in ihren Spielplan auf. Darum finden

wir die Aufgaben gelegentlich im leichteren Schlaf, während sie

im tieferen, wo dem Zentralorgan nur ganz wenig Energie geblieben

ist, nicht aufkommen können. Die fabelhafte Schnelligkeit mancher

Träume gewinnt durch Berücksichtigung folgender zwei Umstände an

Wahrscheinlichkeit. Zunächst ziehen die Vorstellungen nicht immer im

Gänsemarsch durchs Bewußtsein, sondern es kann ein ganzer Komplex

mehr oder weniger gleichzeitig lebendig werden (S. 172 ff.). Sodann

sahen wir, daß Relationserfassungen erstehen können, noch bevor die

zugehörigen Fundamente klar ins Bewußtsein getreten sind. Wenn nun

etwa die Weckuhr ertönt, so kann zwischen diesem Reiz und einer in

Bereitschaft stehenden Vorstellung eine Beziehung hergestellt werden,

die für die Aktualisierung eines ganzen Komplexes richtunggebend

wird. Steht nun der Komplex mit seinen verschiedenen Einzelheiten

im Bewußtsein, so braucht nur die Aufmerksamkeit darüber zu gleiten

wie das Auge über ein Rundgemälde, und wir haben den komplizierten,

aber auffallend schnellen Traum. Daneben bleibt die normale

Traumgeschwindigkeit von dem Tempo unserer Phantasien ruhig bestehen.

Noch weniger Schwierigkeiten bereitet die Erklärung der im Traum

festgestellten +Elemente+. Die relative Häufigkeit der verschiedenen

Sinnesqualitäten dürfte mit deren Auftreten beim Phantasieren

übereinstimmen. Ihr halluzinatorischer Charakter ergibt sich aus

dem, was wir über das Verhältnis von Wahrnehmung und Vorstellung

ausgeführt haben (S. 102 ff.). Die Traumwelt ist eben die einzige,

die sich uns auftut. Wegen der geringen, dem Zentralorgan belassenen

Energie werden jene zahlreichen Begleitvorstellungen, auf die

sich der absolute Eindruck des Unwirklichen stützen könnte, nicht

lebendig. Aber diese Reproduktionsschwäche ist keine absolute;

sie ist bald größer, bald geringer. Darum regen sich bisweilen

doch Zweifel an der Echtheit des Wahrnehmungscharakters der

Traumerlebnisse. -- Die außergewöhnliche Empfindungsintensität, von

der hie und da berichtet wird, erlaubt verschiedene Erklärungen.

Manchmal, doch selten, mögen außergewöhnlich starke Erregungen

einzelner Teile des Nervensystems vorliegen. Sehr oft wird die

scheinbare Intensität ähnlich wie die Sehgröße (S. 110 ff.) und die

Schallstärke (S. 115 f.) auf die apperzipierenden Vorstellungen

zurückzuführen sein. Endlich kann der Bericht von abnormen

Intensitäten auf einer falschen Beurteilung beruhen, sei es, weil

die Vergleichsreize fehlten, sei es, weil man die Intensität des

Eindrucks nach dessen Wirkung oder dessen Begleiterscheinungen, dem

Erschrecken u. ä. bemaß.

Daß wir im Traum alle +Denkfunktionen+ betätigen, ergibt sich

nach unserer Theorie von selbst, ebenso wie die Behinderung

dieser Tätigkeiten durch den Ausfall und das Versagen der

zu ihnen erforderlichen Reproduktionen. Letztere erklären

auch die Urteilslosigkeit im Traum, die wir schon bei dem

Wirklichkeitscharakter des Traumbildes besprachen. Aus unserer

Auffassung folgt aber auch notwendig die oben angeführte Beobachtung,

daß wir zumeist nur gegenüber dem Traumanfang, nicht gegenüber

dem zum Traumbild Hinzukommenden kritiklos seien. Sodann ist es

nicht zu verwundern, daß der Traumablauf der Vorstellungsfolge bei

Ideenflüchtigen noch näher steht als die Phantasie im Wachzustand.

Die Assoziationen sind vielfach ausschlaggebend, was indes einer

streckenweisen Leitung durch Gedanken nicht im Wege steht: der

auftauchende Gedanke wird eine neue Szene herbeiführen, falls der

psychophysische Apparat ihn nicht im Stiche läßt. Die Leitung des

Vorstellungsverlaufes durch die Gedanken dürfte übrigens in sehr

vielen Fällen an dem unvermittelten Szenenwechsel schuld sein. Das

merkwürdige Verhalten des Bedeutungsbewußtseins darf nach der oben

(S. 181 f.) dargelegten Anschauung nicht befremden. Die Bedeutung

besteht in einem Wissen von Beziehungen, das assoziativ angeschlossen

ist einerseits an den Gegenstand, anderseits an dessen Bezeichnung.

Wie beim Verkennen eines Gegenstandes im wachen Zustande, so wird

auch im Traum das Bedeutungsbewußtsein lebendig, wenn nur ein Teil,

nur ein Zug des ihm zugehörigen Gegenstandes wahrgenommen wird: ein

auf dem Wege liegender gebogener Zweig wird aus der Ferne für eine

Schlange gehalten.

Wenn unsere Theorie der höheren +Gefühle+ richtig ist (S. 214 f.),

müssen sie im Traum wegen der allgemeinen Reproduktionsschwäche

sehr mäßig sein, bisweilen sogar gänzlich ausfallen. Insofern sie

aber auf einer gleichzeitigen Organempfindung beruhen, die, wie

Atembeschwerden, Herzbeklemmung u. ä. m., durch einen zufälligen

Reiz hervorgerufen werden und wegen des Schlafzustandes nicht

zu beseitigen sind, müssen sie das gewohnte Durchschnittsmaß

überschreiten. Der Wille endlich benimmt sich im Traum geradeso wie

in der Phantasietätigkeit. Er wendet sich dem ihm Angenehmen zu und

bedingt durch diese Zuwendung eine Entwicklung der Vorstellungen

in der betreffenden Richtung, wenn anders die zu Gebote stehende

psychophysische Energie es zuläßt. Er vermag sogar zwischen zwei

Möglichkeiten zu wählen. Aber von einer verantwortlichen Wahl kann

keine Rede sein, weil ihm wegen der beschränkten Reproduktion nur ein

Teil der Motive vorgeführt wird. Eine Willenslähmung braucht man hier

nicht anzunehmen. Der Wille funktioniert ganz intakt, nur gleicht er

einem Feldherrn mit unzulänglichen Truppenmassen und mangelhaftem

Meldedienst. So und nicht anders ist auch die Bewegungslosigkeit im

Schlaf und Traum zu verstehen. Der Wille tut das Seinige. Allein der

Zugang zum motorischen Apparat ist versperrt. Nur wenn ein partieller

Defekt in dem Ausschaltungsmechanismus vorhanden ist, gelingen

größere Bewegungen, und wir haben den Somnambulen vor uns.

Die +Auswahl des Traumgegenstandes+ bereitet in unserer Auffassung

auch keine besonderen Schwierigkeiten mehr. Nach dem, was wir über

die Assoziationen wissen, können die bedeutsamen Ereignisse des

Vortages für gewöhnlich nicht den Traumgegenstand abgeben. Läßt

man nämlich Vpn (Kinder) eindrucksvolle Erlebnisse durchmachen

und bietet ihnen am folgenden Tag im Assoziationsversuch unter

indifferenten auch auf diese Erlebnisse bezügliche Reizwörter, so

werden sie fast gar nicht mit Wörtern reagieren, die sich auf jene

Erlebnisse beziehen (H. +Saedler+). Die neuen Erlebnisse bilden eben

abgeschlossene Komplexe für sich, von denen noch keine gangbaren

Bahnen zu jenen Reizwörtern führen. Aus demselben Grunde werden die

bedeutsameren zu einem Komplex zusammengeschlossenen Ereignisse des

Vortages im Traum nicht reproduziert werden können, falls nicht

außergewöhnliche Perseverationserscheinungen auftreten. Da ferner

unter sonst gleichen Verhältnissen die älteren Assoziationen vor

den jüngeren begünstigt sind (S. 168), so werden im allgemeinen im

tieferen Schlaf die älteren Erlebnisse auftauchen.

Aus dem Gesagten erhellt auch, welche Grundgedanken der

Psychoanalytiker richtig sind: Der Traum läßt unter Umständen

körperliche Dispositionen, auch Krankheiten erkennen. Er verrät, welche

Vorstellungen ein gewisses Übergewicht in dem Bewußtsein haben und zu

welchen Dingen eine spontane Willensneigung besteht. Bisweilen greift

er auch in die Kindheit zurück; ist manchmal der Ausdruck eines gerade

herrschenden Wunsches; findet hie und da auf dem Wege der Assoziation

Vorstellungen, die dem augenblicklichen Zustand analog sind: so wenn

der an Herzbeschwerden Leidende träumt, in einer unangenehmen Lage

zu sein. Aber die ganze Phantastik der willkürlichen symbolischen

Ausdeutung des Trauminhaltes auf sexuelle oder andere Wünsche, die

Auffassung eines jeden Traumes als die Erfüllung eines Wunsches usw.

entbehrt jeder wissenschaftlichen Begründung.

Experimentelle Psychologie · 第 28 / 30 段