Schönheitserlebnis muß mehr als andere durch das Verhalten
des Erlebenden bedingt sein. Aber dem Tier trauen wir kein
Schönheitserlebnis zu. Liegt das daran, daß das Tier nicht
uneigennützig bei dem Gefallen stehen bleibt, oder daran, daß in
dem ästhetischen Genuß eine Denkleistung verborgen ist, zu der das
Tier unfähig ist? Das Erstere dürfte kaum den Knoten lösen. Ist doch
der Riechgenuß beim Tier wie beim Menschen häufig die Endstation
des Erlebnisses, und daß das Riechen dem Tier lustvoll sein kann,
ist ebenso gewiß wie, daß es dem Menschen ein wirklich ästhetisches
Gefallen zu bereiten vermag. Es muß also ein geistiger Akt im
Schönheitserlebnis stecken. In der Tat finden wir bei ihm eine doppelte
Beziehungserfassung: wir erkennen, daß wir eine Freude erleben (womit
nach unserer Gefühlstheorie eine neue Freude erregt wird, ohne jedoch
einen processus in infinitum einzuleiten), und wir erkennen die Quelle
unserer Freude. Erst diese doppelte Relationserfassung erlaubt es
uns, uns die Beschaffung einer Freude zum Willensziel zu machen und
willkürlich bei der Freude selbst stehen zu bleiben. +Das ästhetische
Erlebnis ist also die bewußt und um ihrer selbst willen genossene
Freude.+ Der Gegenstand, der sie erweckt, ist gleichgültig.
Aber dann wäre auch die Geschmacksfreude und der geschlechtliche
Genuß einzubeziehen? Grundsätzlich könnte man dies einräumen, wären
nicht diese Erlebnisse derart mit Trieben und Reflexen verkoppelt,
daß ein ruhiges Stehenbleiben bei dem Genuß praktisch unmöglich
ist. -- Von dem Standpunkt, den wir gewonnen, ist es nun leicht, zu
heißumstrittenen Fragen Stellung zu nehmen. Auf der +Erlebnisseite+
erweisen sich als +unwesentlich+ die Einfühlung, die Kontemplation,
die innere Nachahmung, die ästhetische Illusion und was man sonst
noch als die Seele des ästhetischen Genusses bezeichnet hat. Ihre
Bedeutsamkeit zur Vervielfältigung des Schönheitseindruckes soll
darum nicht bestritten werden. Mit der +Einfühlung+ denken wir uns
z. B. selbst in die tragende Säule hinein und erleben ein freudiges
Kraftbewußtsein. +Kontemplative+ Wonnen treten hinzu, wenn der schöne
Gegenstand eine Flut von Gedanken anschwellen läßt. Die +innere
Nachahmung+ stellt sich beim Anblick des Diskuswerfers unwillkürlich
ein und reißt uns aus unserer eigenen Welt heraus. Auch die bewußte
+Selbsttäuschung+ erhöht vielleicht hie und da, insbesondere im
Theater, den Genuß. Aber all dies begründet nicht erstmals das
ästhetische Erleben. -- Weiter, bezüglich des +Gegenstandes+ leuchtet
nunmehr ein, daß es keinen Gegenstand gibt, der nicht dann und wann,
für diesen oder jenen den Eindruck des Schönen machen könnte. Denn
einerseits verändert sich die subjektive Verfassung: derselbe Reiz
kann heute lustvoll, morgen unlustbetont sein. Anderseits kommt
uns die Fähigkeit des Abstrahierens zu Hilfe. An jedem Gegenstand
lassen sich gar viele anschauliche Züge und geradezu unzählige
unanschauliche Beziehungen auffinden: unter diesen Momenten wird
wenigstens eines sein, das einen freuen kann. Und dieses eine
kann ich für sich beachten. Darum kann selbst ein Schurkenstreich
durch seine Genialität Gefallen erwecken. Das Auffinden solcher
Beziehungen und ihre Loslösung muß freilich erlernt werden, und
deshalb beobachten wir, daß gewisse ästhetische Genüsse, wie die
Freude an der Landschaft und gar an einer schaurigen Landschaft,
verhältnismäßig spät auftreten. -- Sodann schlichtet sich der Streit
um den +Primat von der Form oder der Idee+. Beide können zu Quellen
der ästhetischen Freude werden. Sie können darum auch einzeln
jedes für sich betont werden; achtet aber der Genießende auf beide
zugleich, so wird ein Mißverhältnis zwischen ihnen Unlust erregen
und darum den ästhetischen Eindruck mindern. Ganz ähnlich ist das
Verhältnis des +direkten+ zu dem +assoziativen Faktor+. Als direkten
Faktor bezeichnet Fechner den unmittelbar gegebenen Reiz, der den
Gefälligkeitseindruck bewirkt, etwa die Melodie; der assoziative
Faktor besteht dann in den Vorstellungen und Gedanken, die durch
die Melodie geweckt werden. Beide tragen zu dem ästhetischen
Gesamteindruck bei und haben darum ihr gutes Recht. Gar manches Lied,
das ohne den assoziativen Faktor uns nicht ansprechen würde, gefällt
wegen der trauten Erinnerungen, die es wachruft. -- Endlich erhellt,
daß an und für sich in +Geschmacksfragen ein objektiv+, d. h.
für den Normalmenschen gültiges +Urteil+ wohl +möglich+ ist. Die
mannigfachen Abweichungen der ästhetischen Urteile rühren teils von
der verschiedenen augenblicklichen Verfassung des Individuums, teils
von der verschieden großen Empfänglichkeit für die anschaulichen
Inhalte, teils von der ungleichen Fähigkeit, Beziehungen an dem
Objekte zu entdecken, teils von der größeren oder geringeren Menge
von Gesichtspunkten, unter denen das Kunstwerk betrachtet wird, teils
-- und das ist die Hauptsache -- von der Verschiedenheit dessen her,
was am Gegenstand ins Auge gefaßt wird: das Ganze oder einzelne
Züge, dieselben oder verschiedene Züge. Je mehr sich zwei Beurteiler
in den genannten Stücken gleichen, um so einstimmiger wird das
Geschmacksurteil ausfallen.
3. Die Entstehung und Entwicklung der Kunst
Es ist eine bedenkliche Einseitigkeit, wenn man die Kunst aus +einem+
bestimmten Lebensbedürfnis, etwa aus der Religion, ableiten will, ein
Irrtum, der aus der unzulänglichen Auffassung des ästhetischen Erlebens
stammt. Es läßt sich vielmehr die Entstehung und Entwicklung der Kunst
in eine einzige +allgemeine Formel+ einkleiden: +der ästhetische Genuß
muß entdeckt und zum Ziel des Wollens gemacht werden+. Der Mensch
mußte also erstens sich über einen Gegenstand freuen; zweitens diese
Tatsache bewußt auffassen; drittens die Bedingungen dieses Erlebnisses
erkennen; viertens diese Bedingungen willkürlich herbeiführen, um
jene Freude wieder zu genießen. Das Grunderlebnis kann nun auf den
allerverschiedensten Gebieten liegen. Eine notwendige Geh- oder
Springbewegung kann ihn die Freude an Bewegungen und Rhythmus und damit
die Anfänge der Tanzkunst entdecken lassen; ein zufälliger Ruf, die
Nachahmung einer Tierstimme kann ihn zur Musik führen; die Abdrücke
eines Korbgeflechtes in der Tonerde, die er vermittels jenes Korbes
zu einem Gefäß zu formen suchte, ließ ihn die Elemente der Ornamentik
finden usf. Je häufiger nun der Mensch solche ästhetische Entdeckungen
machte, um so mehr steigerte sich sein Schönheitssinn. Denn es bilden
sich in der oben (S. 221 f.) beschriebenen Weise Gefühlsdispositionen
für das ästhetische Erleben aus, und es mehren sich die Gesichtspunkte,
welche seine ästhetische Betrachtung leiten und ihn zu häufigerem Genuß
führen. Das Kunstgenießen wie das Kunstschaffen bliebe aber auf einer
kümmerlichen Stufe stehen, wenn der Einfluß der Gesellschaft fehlte.
Wie wenige Bilder würden gemalt, wie wenige Lieder gesungen, wenn es
nur ein einziges Menschenwesen gäbe. Doch abgesehen von der Freude,
die in der Mitteilung des eigenen ästhetischen Genusses liegt, und von
dem Ansporn, der dem Ehrgeiz des Künstlers durch Lob und Tadel zuteil
wird, waren es die verschiedenen Bedürfnisse der Gesellschaft, die zur
Entstehung ausgesprochener Kunstzweige den wirksamsten Anstoß gaben.
Der Aberglaube brauchte Abbildungen von Menschen und Tieren, denen man
durch Bildzauber beizukommen hoffte -- was man dem Bilde zufügte, mußte
der Abgebildete selbst erleiden --, und so entstand die bildende Kunst
als ein besonderer Zweig des Kunstschaffens. Die Gesellschaft brauchte
Wohnhäuser für die Familien und öffentliche Gebäude für die Zwecke
der Gemeinschaft: und so entstand die Baukunst. Und darum gilt ganz
allgemein, daß die Anfänge der Kunst ein mehr soziales Gepräge tragen.
Literatur
G. Th. +Fechner+, Vorschule der Ästhetik. 1876.
O. +Külpe+, Grundlagen der Ästhetik. 1921.
VIERTER ABSCHNITT
Die Religion
Auch auf die Probleme der Religionspsychologie läßt sich heute nur erst
hinweisen. Die allseitige und möglichst exakte Behandlung dieser Fragen
bleibt der Zukunft vorbehalten.
1. Der Gottesglaube
Unterscheiden wir hier den Glauben an eine außerweltliche Macht
von dem an einen persönlichen Gott. Solange man den Problemen der
Denkpsychologie nicht näher nachgespürt hatte, wurde das Gefühl oder
auch die Phantasie für den Ursprung des Gottesglaubens im allgemeinen
verantwortlich gemacht. Wer indes auf dem Boden der Tatsachen bleibt,
begreift alsbald, daß die Überzeugung von einem oder mehreren
jenseitigen Wesen ein Erkenntnisinhalt ist. Erkenntnisse sind aber
niemals unmittelbar aus Gefühlen abzuleiten. Noch weniger ist mit
der Herleitung aus der Phantasie gedient. Ein regelloses, dem Zufall
überlassenes Spiel der anschaulichen Vorstellung -- so und nicht anders
verstand man in diesem Zusammenhang die Phantasie -- ergibt nicht jene
Überzeugungen, die den Grundstock einer jeden Religion ausmachen.
Dagegen zeigt uns die Beobachtung des schlußfolgernden Denkens bei
Zusammenhangsrelationen den geraden und einfachen Weg, auf dem selbst
das primitivste Bewußtsein zu der Annahme überirdischer Mächte gelangen
kann. Die in der sichtbaren Welt immer wieder erlebte Verbindung
eines außergewöhnlichen, nicht mit erkennbarer Regelmäßigkeit
erfolgenden Geschehens mit einer willkürlich handelnden Ursache zwingt
geradezu zu dem Schluß von den außergewöhnlichen Ereignissen, wie
Gewitter, Erdbeben, auf einen (unsichtbaren) Urheber. Wenn nun die
Gesetzmäßigkeiten des Schließens auch schon für den Primitiven gelten
-- und es liegt kein Grund vor, weshalb sie nicht gelten sollen --,
dann muß dieser Unsichtbare die Züge des Menschen tragen. In der Tat
bestätigen die Gebete der niedrigst stehenden sowie der ältesten uns
bekannten Erdbewohner, daß sie den Gottheiten durchaus menschliche
Eigenschaften beilegen. Wenn nun auch dasselbe Denken, das den
Kulturmenschen leitet, den Primitiven zur Annahme göttlicher Mächte
geführt hat, so mag doch das Gefühl, namentlich Furcht und Schrecken
bei erschütternden Naturereignissen, ein gewaltiger Ansporn gewesen
sein, sich mit diesen Urhebern der außergewöhnlichen Vorkommnisse
eingehender zu befassen. Und bei der gedanklichen Ausstattung dieser
höheren Wesen mit Eigenschaften und Erscheinungsformen werden die des
öfteren als Phantasie bezeichneten Funktionen des Bewußtseins ihre
Dienste angeboten haben.
Ob jedoch die sich selbst überlassenen Urmenschen eher auf die
Annahme +eines+ Gottes oder einer Vielheit von Göttern gekommen
wären, läßt sich auf Grund unserer sonstigen psychologischen
Kenntnisse kaum entscheiden. Es könnten für beide Möglichkeiten
einleuchtende Gründe vorgebracht werden. Die Ethnologen entschieden
sich in früheren Jahren zumeist für einen anfänglichen Polytheismus,
der sich dann bei einigen erlesenen Rassen zum Monotheismus
emporgearbeitet habe. Man ging dabei von der Annahme aus, daß die
uns bekannten, schon seit Jahrtausenden auf derselben niederen
Kulturstufe verweilenden Primitiven uns auch ein Bild der Anfänge
der menschlichen Kultur überhaupt zu liefern imstande wären. Diese
schienen nun dem Götzendienst zu huldigen, wenn sie überhaupt von
Religion etwas erkennen ließen. Indes die späteren Forscher, denen
es gelang, das Vertrauen der Eingeborenen zu gewinnen, mußten
feststellen, daß sie niemals religionslos waren und daß bei den
meisten über dem Götterhimmel noch ein höchster Gott thronte, der
Urvater. Er gilt zumeist als der Urheber der Welt und als der Hüter
der sittlichen Ordnung. Sein Bild trägt die würdigsten Züge, die dem
Gottesbegriff der Kulturvölker sehr nahekommen. Darum ist heute die
Theorie des Urmonotheismus wieder zu Ehren gelangt. Einer allseitig
befriedigenden Lösung harrt jedoch noch das Problem, warum die
Urväter in dem offiziellen Kult der Primitiven eine verhältnismäßig
geringe Rolle spielen und weshalb sich der Wilde nur in den
Augenblicken höchster persönlicher Not in spontanem Gebet an sie
wendet.
2. Das Gebet
Aus demselben rationalen Ursprung, dem der Gottesglaube erwächst,
entspringt auch das Gebet. Überzeugt sein von der Existenz eines
überweltlichen höheren Wesens, in dessen Hand man mitsamt der Welt auf
Gnade und Ungnade gegeben ist, und sich bittweise an es wenden, das
sind zwei Dinge, die durchaus logisch zusammenhängen. Das Irrationale
kommt hier wie bei der Sitte erst dadurch hinein, daß die Gebetsweise
sich nicht in gleichem Schritt mit dem Gottesbegriff entwickelt,
sondern wie alles in anschauliche Formen Gekleidete und Fixierte jeder
Abänderung größeren Widerstand entgegensetzt. So glaubt man zwar
allmählich an die Allgegenwart des höchsten Wesens, vermeint aber
mit lautem Rufen wirkungsvoller zu beten. Auch die Zufälligkeiten
der Assoziationen bedingen hier wie beim Denken überhaupt manch
irrationales Moment: der fortgeschrittene Gottesbegriff enthält zwar
das Attribut der Unveränderlichkeit, dem naiven Beter ist es aber oft
so, als müsse er Gott von einem vorgefaßten Entschluß erst abbringen.
Vom Gebet zum +Opfer+ ist nur ein kleiner Schritt, zu dem auch ganz
ähnliche Überlegungen und Affekte vermögen. Hier setzt aber auch der
soziale Faktor ein. Das gemeinsame Anliegen einer Familie eines Stammes
führt zu gemeinsamem Gebet und gemeinsamem Opfer. Damit erhält auch
die gemeinsame Überzeugung einen Ausdruck und eine Festlegung: die
Volksreligion entsteht und wird, wie jede andere Gewohnheit und Sitte,
zur maßgeblichen, die Allgemeinheit bestimmenden und zwingenden Norm,
an der man nicht rühren kann, ohne sich zugleich an den heiligsten
Interessen der Gesamtheit zu vergreifen.
Eine ganz andere Form als dieses jedem Menschen natürliche Bittgebet
samt dem naturgemäß zu ihm gehörenden Lob- und Dankgebet entwickelt
sich aus dem lebendigen Glauben an Gottes Nähe und aus dem lebendigen
Bewußtsein von dem überragenden Werte Gottes: das beschauliche oder
mystische Gebet. Es will uns nicht einleuchten, daß, wie E. +Lehmann+
meint, der Wunsch, an Gottes Kraft teilzuhaben, die Quelle aller
Mystik sei. Eher möchten wir diesen Wunsch und was damit zusammenhängt
als einen minder wertvollen Auswuchs aus der beschaulichen Vereinigung
mit Gott ansehen. Vom rein psychologischen Standpunkt aus ist
die Beschauung das aufmerksame liebevolle Verweilen bei dem als
gegenwärtig geglaubten und oft auch als gegenwärtig erlebten Gott.
Das letztgenannte Phänomen läßt sich in seinen Anfängen mit dem von
+Jaspers+ als +leibhaftige Bewußtheit+ bezeichneten zusammenbringen:
man ist aus irgendwelchen Gründen von der Anwesenheit eines nicht
wahrnehmbaren Wesens überzeugt, vermag es zu lokalisieren und erlebt
dabei die mit jener Lokalisation verbundenen Spannungsempfindungen,
die als solche zumeist nicht erkannt, deren Realität aber häufig für
die Realität der Anwesenheit jener Person genommen wird. Das große
Problem der Beschauung, soweit es überhaupt psychologisch faßbar ist,
ist nun dies: Unter welchen Voraussetzungen vermag der Glaube an die
unmittelbare Gegenwart Gottes die Aufmerksamkeit in dem hohen Grade
zu fesseln, den wir auch bei nichtchristlichen Mystikern feststellen?
Und unter welchen Bedingungen kann das Durchdrungensein von Gottes
Gegenwart die außergewöhnlichen Glückszustände der Beschaulichen, die
oft mit den merkwürdigsten körperlichen Begleiterscheinungen verbunden
sind, hervorrufen? Eine befriedigende, durch Tatsachen begründete
Antwort läßt sich zurzeit noch nicht geben.
3. Religiöse Entwicklungen
An erster Stelle hat die religiöse Entwicklung des Jugendlichen
Beachtung gefunden. Im Zusammenhang mit der Pubertätsperiode setzt
nach den Ermittlungen +Starbucks+ teils ein regeres religiöses
Leben, teils eine Zeit der Zweifel ein. Der Tatbestand ist noch
nicht allseitig und verlässig genug herausgestellt, wenn er auch im
großen und ganzen nicht angezweifelt werden darf. Seine Erklärung
wird sich nicht aus einer einzigen psychologischen Bedingung gewinnen
lassen. Es sind gewiß sehr verwickelte Verhältnisse, bei denen das im
Reifeprozeß lebhafter ansprechende Gefühl eine Hauptrolle spielt.
Ist die Periode des Zweifels ohne Verlust der religiösen Stimmung
überwunden, dann vertieft sich in der Regel die Religiosität mit
zunehmendem Alter. Dabei gehen die Individuen nach verschiedenen
Richtungen auseinander. William +James+ hat zuerst versucht,
+religiöse Typen+ herauszustellen. Er unterscheidet namentlich den
optimistischen und den pessimistischen Typ. Daneben läuft eine andere
Einteilung, die sich durch die religiösen Berufe, namentlich durch
die verschiedenen Orden herausgebildet hat: die beschaulichen, mehr
dem Gebet und der Betrachtung zugewandten und die tätigen Frommen.
Für diese Entwicklung ist erstlich der individuelle Charakter, dann
aber besonders der durch die Umgebung ausgeübte Einfluß maßgebend.
Ein genaueres Studium verlangt noch die Entwicklung zur +Heiligkeit+.
Hier fragt es sich zunächst, welches sind die psychologischen
Vorbedingungen dafür, daß die religiösen Werte bei gewissen Menschen
eine so viel höhere Geltung gewinnen als beim Durchschnitt. Das kann
nicht am Lebensalter, nicht am Geschlecht, nicht am Stand, nicht an
der Umgebung usf. liegen. Es muß also im Heiligen oder, wie man mit
einer weiteren Fassung des Begriffes auch gerne sagt, im religiösen
Genie begründet sein. Auch hier gälte es wieder, nach den Typen
der Heiligkeit und nach ihrem Entwicklungsgang zu forschen. Es
fehlen hier noch die empirischen Untersuchungen, die sich nicht mit
Stichproben und geistreichen Auffassungen genügen lassen, sondern
in unverdrossenem Sammeleifer, hauptsächlich nach den Methoden der
Statistik und der Korrelationsrechnung, wohlbegründete Ergebnisse
anstreben.
Literatur
W. +James+, The varieties of religious experience. 13. Aufl. 1907.
A. +Rademacher+, Das Seelenleben der Heiligen. 1917.
F. +Heiler+, Das Gebet. 2. Aufl. 1920.
V. Buch
AUSNAHMEZUSTÄNDE DER SEELE
ERSTER ABSCHNITT
Der Schlaf
Der Schlaf ist zweifellos in erster Linie ein eigenartiger Zustand
unseres Organismus. Dennoch ist er, abgesehen von den unwesentlichen
sichtbaren Erscheinungen der veränderten Körperhaltung, Augenstellung,
Atmung, Blutverteilung, die wir hier nicht berücksichtigen, uns besser
nach der psychischen als nach der physiologischen Seite bekannt.
Psychologisch erscheint er uns als eine charakteristische Störung,
Herabsetzung und Unterbrechung der uns wohlbekannten Seelentätigkeit
im Wachzustand, und namentlich als eine weitgehende Ausschaltung
der Bewegungsfähigkeit. Der Schlaf wird herbeigeführt durch gewisse
Schlafreize, vorab durch Ermüdung, dann durch Ruhe, Dunkelheit
und gleichförmige Reize. Aber auch der Anblick des hergerichteten
Lagers und der Wille zu schlafen ruft ihn herbei, wie umgekehrt
lebhafte Vorstellungen und die Absicht, wach zu bleiben, den Schlaf
verscheuchen. Nach einer kurzen Spanne der Schläfrigkeit, die bei
manchen Individuen von lebhaften Schlummerbildern erfüllt ist --
traumartige Gebilde, die häufig durch äußere Reize ausgelöst werden
--, überfällt uns der eigentliche Schlaf, ohne daß wir den genauen
Zeitpunkt seines Eintrittes erhaschen könnten.
Man hat den Verlauf des Schlafes, insbesondere seine Tiefe, mittels
verschiedener Methoden bestimmt. So suchte man zunächst nach der
Weckschwelle: wie stark muß der Weckreiz sein, um den Schläfer nach
verschiedenen Schlafzeiten zu wecken? Zweitens fragte man: wie
schreitet die Erholung für verschiedene Arbeiten, wie Addieren,
Auswendiglernen, mit der Länge des Schlafes voran? Endlich prüfte
man verschiedene Funktionen: die Erschlaffung der Muskeln, die
Erregbarkeit für Reflexe. Das Verhalten des Schläfers ist in den
verschiedenen genannten Beziehungen nicht gleich. Hinsichtlich
der Weckschwelle fand man zwei Typen: der Morgenarbeiter versinkt
alsbald (nach etwa einer Stunde) in den tiefsten Schlaf, während
der Abendarbeiter erst nach zwei Stunden oder später die größte
Schlaftiefe erreicht. Die Erholung für leichte Arbeit wird sehr bald
(½ Stunde), für schwere Arbeit erst nach mehreren Stunden gewonnen.
Die Muskelerschlaffung steigt allmählich an und verbleibt in diesem
Zustand bis zum Erwachen. Die Reflexe sind zu Beginn und Ende des
Schlafes unvermindert, in der mittleren Periode hingegen am meisten
herabgesetzt.
Sehr umstritten ist die Frage, ob im Schlafe jemals das Bewußtsein
gänzlich aussetze, mit andern Worten, ob es einen völlig traumlosen
Schlaf gebe. Die meisten Traumforscher sind geneigt, dies
abzulehnen. Wann immer sie sich wecken ließen, vermochten sie
sich an ausführliche Träume zu erinnern; am wenigsten freilich im
Tiefschlaf. Wenn auch diese Beobachtungen größeres Gewicht haben als
z. B. die Aussagen +Lessings+, der von sich behauptete, er träume
nie, so sind sie doch nicht endgültig beweisend für die Frage, ob
niemals wenigstens ein Teil des Schlafes traumlos sei. Denn der
Weckreiz könnte sehr oft die Veranlassung eines Traumes sein, und die
Gewohnheit der systematischen Traumbeobachtung dürfte die Disposition
zum Träumen verstärken. Dagegen läßt die Tatsache, daß der Schlaf das
Bewußtsein um so mehr einschränkt, je tiefer er ist, die Möglichkeit
offen, daß er es in seiner tiefsten Periode ganz ausschaltet.
Eine befriedigende +Theorie des Schlafes+ kann heute noch nicht
entworfen werden. Sie hat namentlich folgende scheinbar sich
widersprechende Tatsachen zu berücksichtigen. Der Schlaf hängt von
psychischen Faktoren ab; denn der Wille zu schlafen ist von sehr großem
Einfluß. Ferner tritt auch ohne körperliche Ermüdung Schlaf ein,
wenn man bei Tieren alle Sinnesreize ausschließt -- etwas Ähnliches
begegnete einem an Anästhesie leidenden Kranken +Strümpells+: er
schlief ein, sobald man ihm seine einzigen Sinnespforten, die Augen,
zuhielt. Andererseits sind die physiologischen Faktoren nicht zu
unterschätzen; denn großhirnlose Tiere, also Tiere ohne Bewußtsein,
wachen und schlafen mit großer Regelmäßigkeit.