zu besprechen. Wir finden ja diese Funktion bei den Tieren, die ihrer
Freude, ihrer Furcht, ihrem Schmerz, ihrer Erwartung usf. lebhaften
und ziemlich eindeutigen Ausdruck geben können, ohne sich einer
wahren Sprache zu erfreuen. Die Kundgabe ist also das Einfachere und
Frühere an der Sprache. Ihre Mittel sind die +Ausdrucksbewegungen+.
Damit bezeichnet man zunächst unwillkürliche Bewegungen, die sich
bei Gemütsbewegungen von selbst einstellen, wie Freuden- und
Schmerzensrufe, die Mimik des Gesichtes, Bewegungen der Gliedmaßen
und die Haltung des ganzen Körpers. Viele der Ausdrucksbewegungen
sind angeboren. Sie finden sich bei allen Menschenrassen in der
gleichen Weise. Andere sind ohne jede Absicht von der Umgebung
übernommen und darum oft nach Stämmen oder gar Familien verschieden.
Wir teilen die Ausdrucksbewegungen ein in die unmittelbaren oder
reflektorischen und in die übertragenen. Die +unmittelbaren+, wie
Herzklopfen, Erröten, Bewegungsdrang und schließlich Hemmung der
Funktionen, erklären sich am einfachsten als Ausstrahlungen der
durch den Affekt verursachten Erregung. Diese ist allen Affekten
gemeinsam ohne Rücksicht auf deren Qualität und bewirkt auch bei
allen, wenn sie eine gewisse Intensitätsstufe erreichen, eine
Hemmung oder Lähmung der anderen Funktionen. Die +übertragenen+
Ausdrucksbewegungen sind ursprünglich zweckmäßige, aber für eine
andere Situation bestimmte Bewegungen, +teils angeboren+, wie das
Mundspitzen beim süßen Geschmack, das diesen möglichst auszukosten
erlaubt, oder die Flucht- und Abwehrbewegungen beim Tiere, +teils
erworben+, wie das Ballen der Fäuste. Die angeborenen denkt man
sich nun auf assoziativem Wege übertragen: das gleiche wohlige
Befinden führt assoziativ das nämliche Mundspitzen herbei wie der
süße Geschmack, der unangenehme Eindruck unlieber Erfahrungen das
Mundöffnen wie zum Ausstoßen des bitteren Reizes. Die erworbenen
dagegen stellen sich teils assoziativ, teils triebartig ein. Man
befindet sich ja in einer Lage, wo solche Bewegungen sehr angebracht
sind. Daß diese Lage zumeist nur in der Vorstellung besteht, tut
wenig zur Sache, und außerdem bleibt, wenn z. B. das Niederschlagen
des Gegners in Wirklichkeit nicht möglich ist, die dazu führende
Teilhandlung des Fäusteballens immer noch ein sehr wünschenswertes
Ziel.
Die Ausdrucksbewegungen erfüllen nun sehr leicht die +Funktion
der Auslösung+. Reflektorisch werden die Sinnesorgane auf sie
eingestellt, und unwillkürlich richtet sich auch die innere
Aufmerksamkeit auf sie. Rein assoziativ können sodann gewisse
angeborene Äußerungen ihnen ähnliche und damit auch die zugehörige
Stimmung beim Zuhörer oder Zuschauer auslösen: ein Hund oder ein
kleines Kind, dem man weinerlich zuredet, fängt an zu winseln bzw.
zu weinen. Endlich vermöge seiner Relationserkenntnis erfaßt der
Mensch die Gleichheit solcher Äußerungen mit denen, die er selbst
früher getan, und erschließt unschwer nach dem Verfahren bei
Zusammenhangsrelationen den seelischen Zustand in dem Mitmenschen
oder im Tier. Sobald dieses Verständnis einmal gewonnen ist, kann
ein Verhalten willkürlich eingeschlagen werden, sowohl zum Zwecke
der Auslösung wie der +Darstellung+. Und das ist der berechtigte
Kern der Naturlauttheorie. Er schließt die Nachahmungstheorie für
alle jene Fälle nicht aus, wo es überhaupt möglich war, die Dinge
durch Laute nachzuahmen, was der Mensch vor jeder Darstellungsabsicht
aus reiner Freude an der spielerischen Nachahmung üben konnte.
Wichtiger und früher als die Erfindung von Worten wird die Entdeckung
von Darstellungsmitteln sein, wie sie uns die Kinderpsychologie
schildert: ein kleines Kind will mit einem Löffel im Sande einen
geraden Strich ziehen, wird aber wegen seiner schwachen Kräfte in
die krumme Linie abgedrängt, kommt auf diese Weise zufällig zu
einem geschlossenen Oval und ruft plötzlich freudestrahlend aus:
„agag“ -- es hat ein Darstellungsmittel für das Ding „Ei“ entdeckt
(+Krötzsch+). Auch der Zufall wird gerade wie bei der Entwicklung der
Kindersprache eine bedeutsame Rolle spielen: +Preyers+ Kind schnappte
das Wort burtsa (Geburtstag) auf, ohne es natürlich zu verstehen, und
verwandte dieses Wort fortan, wo immer es etwas Freudiges gab. So
kann auch der Urmensch Laute, die er beim erstmaligen Anblick eines
Dinges zufällig vernahm, willkürlich zum Namen dieses Dinges gemacht
haben. Das sind auf jeden Fall mögliche Wege der Sprachentstehung.
3. Die Sprachentwicklung
Auch für diese Problemgruppe ist uns die Kinderpsychologie ein besserer
Führer als die Geschichte, wenigstens insoweit es sich um die ersten
Entwicklungsstufen handelt. Erscheinen zuerst die Worte oder die
Sätze? Der äußeren Form nach verwendet das Kind zuerst nur Worte, aber
seine Worte haben den Sinn von Sätzen, und zwar verwendet es bis in
die Mitte des zweiten Jahres mit bewunderungswürdiger Gleichförmigkeit
nur Einwortsätze, wie „tul“ (ich will auf den Stuhl); von da ab
eine Zeitlang nur Zweiwortsätze, bis es dann zu den Mehrwortsätzen
übergeht. Ganz ähnlich wird man sich die sprachlichen Anfänge der
Menschheit zu denken haben, nur daß das Bedürfnis zur Dingbenennung
ein größeres war. Wenn wir so den Satz an den Anfang der Entwicklung
stellen, so bestimmen wir das Wesen des Satzes nicht nach der
eigenartigen Gliederung in Subjekt und Prädikat, die er im weiteren
Verlauf der Entwicklung gewinnt, sondern nach seiner Leistung, indem
wir uns das Wort +Bühlers+ zu eigen machen: „Sätze sind die einfachen,
selbständigen, in sich abgeschlossenen Leistungseinheiten oder kurz
die Sinneinheiten der Rede.“ Da aber die Sätze zunächst wohl nur in
einem einzigen Wort ihren Ausdruck finden, so steht hinsichtlich der
sprachlichen Form das Wort am Anfang der Entwicklung.
Für die weitere Entwicklung der Wörter geben uns die beim Kinde
beliebten, oft sehr treffenden und originellen Zusammensetzungen
einen Fingerzeig. So bezeichnet ein Kind namens Hilda mit „mama-bäh“
ein altes und mit „ilda-bäh“ ein junges Schaf. Die Gleichheit der
Wortformen bestimmter Gruppen versteht man aus der schon oben (S.
173) erwähnten Verselbständigung und Loslösung des Wortschemas.
Dieser Prozeß offenbart sich beim Kinde, wenn es Wörter bildet wie
„mappler“ (Bote mit Mappe), „die rauche“ (Zigarre), die „summe“
(Biene), oder die Komparative „güter“, „vieler“, „hocher“, die es
gewiß nicht von den Erwachsenen gehört hat.
Endlich ist das Problem der +Sprachänderung+ zu nennen, und zwar der
Wortlaut- wie der Bedeutungsänderung, insofern beide nicht durch
äußere Bedingungen, wie das Zusammentreffen mit anderssprachigen
Völkern, zu erklären sind. Der Lautwandel kann sich auf alle Teile
des Wortes erstrecken, auf die Vokale, Konsonanten, die Quantitäten,
Tonhöhen und Akzente, und endlich auf die Wortmelodie. Vorerst
können wir jedoch nur auf einige psychologische Gesetzmäßigkeiten
hinweisen, die bei der Lautveränderung mitspielen. Die Perseveration
der Vokale, die sogar bei der Wortwahl in der geordneten Rede zu
beobachten ist, wird daran schuld sein, daß in den ural-altaischen
Sprachen das Suffix denselben Vokal annimmt wie die Stammsilbe. Die
enge Verbindung des Lautbildes mit den motorischen Einstellungen
bzw. den Sprechbewegungen, verbunden mit der Tatsache, daß sich
die Aufmerksamkeit einem späteren Wortbestandteil zuwendet, kann
bewirken, daß aus subcurro succurro, aus dem lateinischen octo das
italienische otto wird; wenigstens finden sich beim Verschreiben
ganz analoge Fälle, die auf Grund der Selbstbeobachtung die genannte
Erklärung fordern. Die oft erwähnte Analogiebildung -- nach dem
regelmäßigen „des Tags“ wird das grammatisch minder richtige „des
Nachts“, nach septentrionalis meridionalis statt meridialis gebildet
-- ist nichts anderes als die soeben genannte Loslösung des Schemas:
je häufiger eine Wortform ist, um so mehr sucht sie sich die weniger
gebrauchten anzugleichen. Endlich die Kontamination (aus die Fohle
und das Füllen wird das Fohlen) ist uns schon als assoziative
Mischwirkung (S. 172) bekannt. Über den Lautwandel hingegen, wie ihn
das Gesetz der germanischen Lautverschiebung ausspricht, läßt sich
noch nichts Überzeugendes sagen.
Die genannten beim Lautwandel wirksamen psychischen Faktoren sind
individual-psychologischer Natur, d. h. sie würden sich geltend
machen, wenn auch die Umgebung nicht auf den Sprecher einwirkte.
Anders ist es beim +Bedeutungswandel+. In der Regel geht der
abweichende Gebrauch eines Wortes wohl von einem einzelnen aus, wird
dann aber von der Umgebung übernommen, sei es, weil die dargebotene
Neuheit gefällt oder einem oft gespürten Bedürfnis entspricht,
wenn etwa die Zeitverhältnisse einen neuen Begriff ausgebildet
haben, für den noch kein Wort besteht, sei es, weil die Neubildung
Mode wird. Eine andere Frage indes ist die, welche psychologischen
Gesetze den Bedeutungswandel selbst regeln. Hier betont man
besonders die Ähnlichkeitsbeziehung und die Berührungsassoziation.
Eine Ähnlichkeits- oder Gleichheitsbeziehung wird erfaßt, wenn
man von dem „Kopf“ des Salates, den „Augen“ des Würfels spricht.
Eine Berührungsassoziation hingegen ist am Werk gewesen, als die
Münze von den Römern moneta genannt wurde, weil die römische
Münzstätte neben dem Tempel der Juno Moneta lag. Freilich hat die
Berührungsassoziation in solchen Fällen nur die Vorarbeit geleistet,
indem sie die Vorstellung des Tempels und seines Namens dem vom
Geld Sprechenden nahelegte. Die Bedeutung ist hier schon vorhanden;
das Wort, das sie einfangen soll, muß gefunden werden. So gewinnen
bisweilen auch Synonyma einen verschiedenen Sinn, wenn ihre Bedeutung
sich aufspaltet und nach einer neuen Bezeichnung verlangt.
Literatur
W. +Wundt+, Völkerpsychologie, Die Sprache. 1904.
C. u. W. +Stern+, Die Kindersprache. 1907.
H. +Werner+, Vom Ursprung der Metapher. 1920.
Fußnoten:
[11] Vgl. K. +Bühler+, Kritische Musterung der neueren Theorien
des Satzes. Indog. Jahrbuch 1918, und: Vom Wesen der Syntax in
„Idealistische Neuphilologie“, 1922.
ZWEITER ABSCHNITT
Die Sitte
1. Gebräuche
Gebräuche pflegt man mitzumachen, ohne sich über sie Rechenschaft zu
geben. Ein Beispiel: In einer protestantischen Kirche Norddeutschlands
war es Brauch, nach dem Empfang des Abendmahles nach einer bestimmten
Richtung hin eine Verbeugung zu machen. Kein Mensch hätte einen
vernünftigen Grund für diese Zeremonie angeben können, aber niemand
fragte auch nach einem solchen. Seit undenklichen Zeiten hatten alle
Glieder der Gemeinde diese Verbeugung mit der geziemenden Ehrfurcht
wiederholt. Was dem Psychologen daran auffallen muß, ist die
Irrationalität, die Gleichförmigkeit und die Dauerhaftigkeit dieser
Verhaltungsweise. Daß das menschliche Verhalten überhaupt irrational
sei, läßt sich aus solchen Vorkommnissen nicht schließen. Denn in der
Regel war es früher einmal recht zweckmäßig oder in sich begründet. Die
Irrationalität kommt nur dadurch hinein, daß ein früher angemessenes
Verhalten zur bleibenden Gewohnheit wird, auch wenn der begründende
Anlaß geschwunden ist. So entdeckte man bei einer Restauration jener
Kirche unter der Tünche ein Marienbild, und der Ursprung jener
eigentümlichen Sitte aus der vorreformatorischen Zeit lag offen zur
Schau. Aber warum hält man solche Gebräuche bei, auch wenn sie keinen
Sinn mehr haben? Zum Teil und anfangs ist die mechanische Gewohnheit
schuld. Der Kampf gegen eine äußere Gewohnheit ist unlustvoll.
Außerdem wird die Gewohnheit als solche, wie die Willensexperimente
gezeigt haben, zu einem wirklichen Beweggrund, einem äußeren Motiv:
sich gleichförmig zu bleiben ist ein eigentlicher Wert. Der neu
Hinzukommende fügt sich dem Brauch teils in gedankenloser Nachahmung,
teils um nicht aufzufallen oder anzustoßen, teils weil er sich sagt:
wenn man mir auch keinen inneren Grund anzugeben vermag -- es wird
schon seinen Grund haben. Dazu kommt die relative Unwichtigkeit der
Sache: es kostet in der Regel wenig Mühe, sich einem Brauch zu fügen,
und die eigenen Lebensinteressen lassen für den Kampf gegen solche
Dinge keinen Raum. Es braucht also einen außergewöhnlichen Anlaß
oder einen allgemeinen Umsturz, um irrationale Gepflogenheiten zu
beseitigen. Doch nur ganz selten sind sie völlig irrational. Sehr oft
haftet ihnen wenigstens ein ästhetischer Wert an. Und fast immer wird
der Brauch zum Träger oder doch zum Reproduktionsmotiv für gewisse
festliche Stimmungen, und damit gewinnt er ein Recht aufs Dasein trotz
aller sonstigen Irrationalität.
2. Die Konstanz der Kultur
Das Verständnis für die Konstanz der Gebräuche läßt auch die
merkwürdige Tatsache begreiflicher erscheinen, daß ein Volk auf einer
verhältnismäßig niedrigen Kulturstufe stehen bleiben kann, obwohl
es in seiner geistigen Veranlagung das Prinzip zu immer weiterem
Fortschritt in sich trägt. Beispiele dafür bietet bei jeder Nation die
bäuerliche Bevölkerung, sodann namentlich das chinesische Volk, in ganz
auffallender Weise aber die sog. primitiven Völker. Alle die Faktoren,
die wir soeben nannten, sind auch hier am Werk. Nur darf man auch das
niedere Kulturleben nicht als irrational auffassen. Es verkörpert
vielmehr eine beträchtliche Menge ganz hervorragender Werte, die man
erst dann würdigt, wenn man es mit der Lebensweise der höchststehenden
Tiere vergleicht. Und diese Werte: auskömmliche Nahrung, Kleidung und
Schutz, sowie die Befriedigung der elementarsten seelischen Bedürfnisse
sind der eigentliche Grund, weshalb kein weiterer Fortschritt mehr
gemacht wird: es liegt keine Not, kein Bedürfnis vor, das zur
Anstrengung der erfinderischen Gaben zwänge. Kein Fortschritt sodann
ohne Relationserfassung. Aber diese ist in einem abgeschlossenen Kreise
sehr bald nicht mehr möglich. Denn die nächstliegenden Beziehungen sind
schon alle erfaßt, und vor der Einsicht in die entfernteren bewahrt
die assoziative Bahnung, die durch die Überlieferung der Einsichten
anderer wie durch die Gewohnheiten und Gebräuche geschaffen wurde. Je
mehr solche Kreise durch die Natur oder den eigenen Wunsch vom fremden
Wissen abgeschlossen bleiben, je seltener ihnen somit die Fundamente
zu neuen Beziehungserfassungen geboten werden, um so stabiler wird ihr
Kulturzustand bleiben. Darum ist auch der Gang der Kulturentwicklung
selten ein rationaler, sondern durch Zufälligkeiten bedingt: das
zufällige Zusammentreffen mit Vertretern höherer Kulturkreise, nicht
der innere Gang der Entwicklung, ist oft für die Richtung des weiteren
Fortschrittes maßgebend.
Ob damit auch der ethische Entwicklungsstillstand zu erklären ist?
Die Frage ist heute noch nicht spruchreif. Sollten nicht die sozialen
Bedürfnisse einerseits, die Zugeständnisse an die menschliche
Schwachheit anderseits häufig den Anstoß zur Bildung gewisser
religiöser Meinungen gegeben haben, die zwar jenen Bedürfnissen gerecht
wurden, aber auch der sittlichen Höherentwicklung den Riegel vorschoben?
Literatur
E. +Franke+, Die geistige Entwicklung der Negerkinder. 1915.
A. +Vierkandt+, Die Stetigkeit im Kulturwandel. 1908.
3. Recht und Sittlichkeit
In jeder Gemeinschaft von Menschen gelten gewisse Satzungen als
das +Recht+ dieser Gemeinschaft. Man mag sie mit +Ebbinghaus+ als
Zwangsbestimmungen auffassen, die die Gesellschaft zur Sicherung
ihres eigenen Bestandes getroffen hat. Damit ist das fundamentalste
Interesse, das der Psychologe an ihnen hat, erschöpft. Denn die
psychischen Kräfte, die zu solchen Bestimmungen führen, sind uns
bekannt. Beziehungserfassungen, die anfangs sehr unzulänglich sind und
durch beständige Korrekturen präzisiert und erweitert werden müssen,
und der Trieb zur Selbsterhaltung wie zur Erhöhung des Lebensgenusses
reichen zu ihrer Erklärung hin. Wichtiger jedoch sind folgende
Tatsachen. Ganz abgesehen von den Rechtsbestimmungen der Gemeinschaft,
werden gewisse Handlungen, und mögen sie auch nur innere Willensakte
sein, für +erlaubt+, andere für nicht erlaubt gehalten, und manche der
erlaubten gelten als +gut+, während alle nicht erlaubten als +böse+
beurteilt werden. Und zwar werden diese Urteile einschränkungslos
gefällt. Ferner fühlen wir uns bedingungslos zu gewissen guten
Handlungen +verpflichtet+ und von der Vollbringung böser abgeschreckt.
Über beides belehrt uns unser +Gewissen+. Die Stimme dieses Gewissens
lautet wenigstens in seinen elementarsten Forderungen bei allen
Menschen aller Zeiten und aller Rassen gleich, in Einzelfällen jedoch
kann dem einen eine Tat als sittlich erscheinen, die dem anderen ein
Greuel ist.
Mit den genannten Erscheinungen befaßte sich bisher vor allem
die +Ethik+, während sie neuerdings von manchen Psychologen als
zu ihrem Gebiet gehörig beansprucht werden. Pflichtbewußtsein,
Gewissen und Gewissensbisse, Befriedigung und Reue sind nun
zweifellos seelische Vorkommnisse, über deren Entstehung zunächst
der Psychologe Auskunft geben muß. Aber gehört auch das ganze
System der ethischen Sätze in die Psychologie? Das wird wohl ganz
von dem Ursprung dieser Sätze abhängen. Sind sie in der Hauptsache
von nicht-seelischen Sachverhalten abstrahiert, so fallen sie
außerhalb des Rahmens der Psychologie geradeso wie die Sätze der
Mathematik, der Völkerkunde, des Rechts. Sind sie aber nur aus
dunklen Gefühlen, angeborenen Instinkten und undurchsichtigen
latenten Einstellungen hervorgegangen, dann muß die Psychologie über
jeden einzelnen von ihnen Rechenschaft geben, und die Ethik wäre
höchstens eine Zusatzwissenschaft der Psychologie, die gewissermaßen
das Inventar dieser Sitze aufzunehmen und über die zwischen ihnen
obwaltenden Beziehungen zu spekulieren hätte. Trifft jedoch diese
Auffassung nicht das Richtige, dann hat der Psychologe nur die
allgemeinen Quellen zu bezeichnen, denen die ethischen Einsichten
-- denn das müssen sie in diesem Falle sein -- entspringen, und die
auffallendsten Züge des sittlichen Lebens verständlich zu machen.
Es wäre nun mit keinerlei Tatsachen zu belegen, wollte man das
sittliche Bewußtsein aus einem apriorischen sittlichen Gefühl
ableiten. Gefühle bauen sich ja immer auf Erkenntnisgrundlagen auf.
Schon eher könnte man etwa wegen der bei Tieren zu beobachtenden
Anhänglichkeit zwischen Alten und Jungen an Instinkte denken. Und
zweifellos ist auch die menschliche Eltern- und Kindesliebe von
instinktiven Trieben stark gefördert. Allein der Instinkt -- und
dasselbe gälte von ererbten oder anerzogenen Gewohnheiten und
latenten Einstellungen -- verleiht wohl eine triebhafte Neigung zu
einer bestimmten Verhaltungsweise, sowie eine gewisse Sicherheit
und Gleichförmigkeit in ihr, aber niemals das Bewußtsein der
Verpflichtung. Hingegen lassen sich alle fundamentalen sittlichen
Gebote aus dem gegebenen Sachverhalt der Notwendigkeit zu leben und
leben zu lassen als Beziehungserkenntnisse gewinnen. Aber damit
ist nur der Inhalt dieser Gebote, nicht der Charakter +absoluter
Verbindlichkeit+ gegeben. Dieser erklärt sich hinreichend aus der
allgemein menschlichen Überzeugung von einer übernatürlichen,
göttlichen Macht, deren Werk diese Welt mitsamt der auf ihr lebenden
Menschheit ist, eine persönliche, allwissende Macht, die es nicht
duldet, daß ihr Werk durch einen Frevler ungestraft gefährdet wird.
So ist der tiefste +Grund aller Sittlichkeit+ der absolute Wille zur
Erhaltung der realsten Werte, und die +Erkenntnisquelle+ für die
sittlichen Gebote ist darum keine andere als die von Gott geschaffene
Natur. So erklärt sich die Gleichförmigkeit des sittlichen
Bewußtseins in den Grundanschauungen und die Abweichungen gegenüber
verwickelteren Verhältnissen. Das +Gewissen+ ist dann nichts anderes
als das lebendige Wissen von dem, was sittlich gut ist. Es spielt
dieselbe Rolle wie die Aufgabe im psychologischen Versuch und kann
wie diese bald bewußt, bald dem Bewußtsein entschwunden, bald ganz,
bald teilweise bewußt sein. Die Erscheinungen der Reue und des guten
Gewissens bedürfen von diesem Standpunkt aus keiner besonderen
Erklärung. Das Gefühlsmäßige an der Reue kann allerdings oft höchst
irrational sein. Das wäre nicht recht zu verstehen, wenn das Gefühl
eine unmittelbare Antwort der Seele auf die vorausgehende Einsicht
wäre, begreift sich aber sehr leicht auf Grund der oben dargelegten
Theorie der höheren Gefühle, die der Zufälligkeit der assoziativen
Verkettungen einen beträchtlichen Spielraum zuweist. Darum kann
es einen Menschen bis an sein Lebensende bitter schmerzen, wenn
er sich vielleicht einer durchaus entschuldbaren Härte gegen ein
Tier erinnert, während er schwerwiegender sittlicher Verfehlungen
zwar mit Mißbilligung, doch höchst gelassenen Gemütes gedenkt. Ein
anderes irrationales Moment schleicht sich in unser sittliches
Handeln dadurch ein, daß die Güte oder die Verwerflichkeit einer
Willenshandlung auf die äußere Tat bezogen wird statt auf den inneren
Willensakt. Die äußere Tat wird darum in diesem Falle entweder mit
frommer Scheu beibehalten oder mit heiligem Entsetzen gemieden,
auch wenn sie durch die veränderten Umstände zwecklos oder sittlich
gleichgültig geworden. Dabei trägt außer der falschen Beziehung
des sittlichen Charakters auf die äußere Handlung auch die aus der
Gewöhnung stammende Lust bzw. die mit der Verleugnung einer Gewöhnung
verbundene Unlust ihren Teil der Schuld an der Entstehung eines
sittlich irrationalen Verhaltens.
Literatur
V. +Cathrein+, Moralphilosophie⁵. 1911.
DRITTER ABSCHNITT
Die Kunst
Vorbedingung und Quelle des Kunstschaffens ist der Kunstgenuß. Erst
wenn wir das Schöne und den Genuß des Schönen verstanden haben, können
wir die Frage nach der Entstehung der Kunst aufwerfen.
1. Das Schöne
Die Ansicht, daß es eine absolute Schönheit gebe, findet heute keine
Verteidiger mehr. Das braucht indes niemand zu erschrecken; denn
es handelt sich bei der Aufstellung dieses Satzes nicht darum, die
Welt um einen absoluten Wert ärmer zu machen, sondern um eine ganz
schlichte Bedeutungsanalyse des Wortes „schön“. „Schön“ besagt eben,
wie +Fechner+ richtig betonte, etwas wesentlich Relatives, geradeso wie
„heilsam“. Es war darum den Vertretern der absoluten Schönheit niemals
möglich, diesen Begriff zu bestimmen, ohne die Beziehung auf das
genießende Subjekt heranzuziehen. Wer den Versuch macht, greift gern
nach dem Begriff „vollkommen“, wird aber nicht geneigt sein, etwa eine
vollkommene Kröte schön zu finden. Schön ist also das, was gefällt, was
einen „ästhetischen Eindruck“ hervorruft.
2. Der ästhetische Eindruck
Man ist sich darüber einig, daß das Schönheitserlebnis ein
uninteressiertes Gefallen ist, eine Freude an einem Gegenstand seiner
selbst wegen, die in sich eine gewisse Ruhe findet. Zu weiteren
allgemein anerkannten Bestimmungen ist die psychologische Analyse
nicht vorgedrungen. Versuchen wir tiefer zu graben, indem wir zunächst
die +Gegenstände+ des ästhetischen Genießens aufzählen. Die einfachen
+Empfindungen+ der Farben, Töne, Gerüche können einen ausgesprochenen
Schönheitseindruck hinterlassen, wie man in der Abgeschiedenheit
des psychologischen Versuches immer wieder feststellen kann. Weiter
die +Gestalten+, d. h. aufeinander bezogene anschauliche Inhalte:
Farbenharmonien, Figuren, Rhythmen. Sie bilden die gewöhnliche Quelle
des ästhetischen Genusses, weshalb man oft das anschauliche Moment als
sein wesentliches Bestandstück genannt findet. Aber ist das Gefallen
als solches ein wesentlich anderes, wenn es sich auf Anschauliches,
als wenn es sich auf Unanschauliches bezieht? Mir scheint, die Freude,
die ich an der Eleganz eines wissenschaftlichen Verfahrens erlebe,
ist keine andere als die an der gelungenen Farbenharmonie. Also auch
+unanschauliche Beziehungen+ wie Eleganz und Normgemäßheit können schön
sein. Andere Gegenstände lassen sich nicht aufzeigen.