theoretischen Standpunkt aus wird sich auch ein einigermaßen
befriedigender Überblick über die Störungen der Aufmerksamkeit geben
lassen. Wir sehen in der Aufmerksamkeit eine seelische Haltung, die
in bewußter oder unbewußter Abhängigkeit vom Willen eingenommen
wird. Diese Haltung hat sodann eine Lenkung der psychophysischen
Energie zur Folge. Damit sind die Angriffspunkte für mögliche
Schädigungen genannt. Sie befinden sich teils bei den den Willen
beeinflussenden Motiven, teils bei den nervösen Elementen, auf die
sich die Einwirkung der Haltung erstreckt. Wir haben aber keinen
Anlaß, sie beim Willensakt oder bei der Aufmerksamkeitshaltung
selbst zu suchen. Die willkürliche Aufmerksamkeit wird gestört oder
unmöglich gemacht, sobald das Individuum nicht über ausreichende
Motive verfügt, um die Aufmerksamkeitshaltung ihrer selbst willen
oder als Mittel zu einem fernerliegenden Ziele einzunehmen. So bei
Kindern, vorausgesetzt, daß sie die Aufmerksamkeitshaltung überhaupt
schon erlernt haben, und bei kindisch Gewordenen. Diesem Mangel
läßt sich ein Übermaß zur Seite stellen, wenn etwa eine Phobie oder
ein Verfolgungswahn zu unablässiger Wachsamkeit treibt. Doch wird
dieses Übermaß nicht so sehr als Fehler der Aufmerksamkeit gelten
wie der zuerst erwähnte Mangel. Deutlicher wird das Zuviel und das
Zuwenig bei der unwillkürlichen Aufmerksamkeit. Es handelt sich
dabei stets, wie wir sahen, um ein triebartiges Wollen. Der Mangel
an überragenden Werten bedingt die Unrast und Unstetigkeit der
Kinder und der Idioten. Abnorm hohe Werte führen zu den bei fixen
Ideen beobachteten Aufmerksamkeitsstörungen. Die willkürliche wie
die unwillkürliche Aufmerksamkeit kann nun durch Mängel des nervösen
Apparates beeinträchtigt werden. Eine allgemeine Verminderung der
psychophysischen Energie, wie sie bei Erschöpften und Kindern
wahrscheinlich ist, könnte die Aufmerksamkeitsleistung in jeder
Hinsicht herabdrücken. Namentlich dürfte der Aufmerksamkeitsumfang
darunter leiden. Sodann pflegt sich die nervöse Ermüdung bei der
Perseveration wie bei der Reproduktion zu zeigen. Der Mangel an
Perseveration zerreißt die Kontinuität des Bewußtseins und muß darum
die Konstanz der Aufmerksamkeit erschweren. Die einseitig gesteigerte
Perseveration hingegen erschwert den für das normale Geistesleben
erforderlichen Fluß der Aufmerksamkeit. Die Reproduktionshemmung
ferner erlaubt nicht, daß sich hinreichend schnell und leicht
solche Vorstellungen einfinden, die mit der beachteten in einem
Bedeutungszusammenhang stehen. Der Erlebende sieht sich darum ganz
dem Zwange der Assoziationen preisgegeben; er „kann seine Gedanken
nicht zusammenhalten“ und muß in der Richtung des geringsten
Widerstandes nachgeben. Eine abnorme Steigerung der Reproduktion
hingegen wird die Aufmerksamkeitsleistung nicht unmittelbar
schädigen, sondern sie nur gefährden, und zwar dadurch, daß ihr
allzuviele lockende Ziele vorgehalten werden. Sind dann -- um
+Achs+ prägnanten Ausdruck zu gebrauchen -- die determinierenden
Tendenzen zu schwach, so kommt es zur Ideenflucht. Auf eine Störung
des nervösen Apparates ist es auch zurückzuführen, wenn sich an
die Vorstellungen übermäßige Gefühle anschließen. Es treten dann
die Anomalien auf, die wir oben aus der Überhöhung der Werte
ableiteten, und außerdem ist eine Einengung des Bewußtseins bzw. des
Aufmerksamkeitsfeldes zu erwarten, vermutlich darum, weil die in
solchen Fällen ohnedies beschränkte psychophysische Energie einseitig
der gefühlsbetonten Vorstellung zugewandt wird.
Literatur
E. +Dürr+, Zur Lehre der Aufmerksamkeit. 1907.
A. +Mager+, Die Enge des Bewußtseins. 1920.
b) Die Vorstellungsbewegung
Die innere Willenshandlung gliche dem Vogel im Käfig, könnte sie sich
nur in der Aufmerksamkeitsbewegung verwirklichen, sie wäre dann stets
auf das unmittelbar Gegebene beschränkt. Es ist uns aber ermöglicht,
entsprechend unseren Absichten und Willenstrieben in unseren Gedanken
und Vorstellungen voranzuschreiten, und zwar sowohl in gebundener wie
in freier Vorstellungsbewegung.
1) +Die gebundene Vorstellungsbewegung.+ Unter einer gebundenen
Vorstellungsbewegung verstehen wir die +unter der Leitung einer
Aufgabe+ stehenden Gedankengänge. Hier sind namentlich drei Fragen zu
beantworten: Woher der Fortschritt? Woher die Zielstrebigkeit? Woher
die Grenzen?
Die Ausgangsvorstellung bei der gebundenen Bewegung ist die Aufgabe.
Wir haben sie schon oben als antizipierendes Schema aufgefaßt. Mit
diesem antizipierenden Schema sind sowohl die Methoden zur Lösung der
Aufgabe wie auch jene Vorstellungen assoziiert, die das Material zur
Lösung bieten. So verbindet sich mit der Aufgabe, die Jahreszinsen von
1200 Mark zu 4% zu berechnen, die bekannte Methode der Regeldetri, und
mit der dabei verwendeten Vorstellungsgruppe 4. 12 ist die Vorstellung
48 zu einem Komplex verbunden. Es fragt sich nun: wie kommt es von dem
antizipierenden Schema der Aufgabe zur Reproduktion der zugehörigen
Methode? Die Antwort wurde schon bei der Behandlung des produktiven
Denkens (S. 191 f.) gegeben: Das antizipierende Schema entfaltet sich
nach den Gesetzen der Komplexergänzung, doch unter ganz wesentlichem
Einfluß der zielstrebigen Aufmerksamkeit, d. h. also des Willens, der
die Richtung der Vorstellungsentfaltung mitbestimmt. (Vgl. S. 229 ff.)
Denn nicht alle antizipierenden Schemata sind so eindeutig mit +einer+
erfüllenden Vorstellung verknüpft wie die als Beispiel genannte
Rechenaufgabe. Sind mehrere erfüllende Vorstellungen mit demselben
antizipierenden Schema verbunden, so entscheidet die zufällige höhere
Bereitschaft (Konstellation), welche Komplexergänzung eintritt. Dank
der kontrollierenden Relationserfassung wird nun alsbald erkannt, ob
die reproduzierte Vorstellung der Lösung der Aufgabe dient, d. h.
ob zwischen den Forderungen der Aufgabe und den Eigenschaften des
Lösungsvorschlages Gleichheit besteht. Wenn dies nicht zutrifft,
müssen Methoden zur Abänderung auftauchen und gewählt werden, oder
man beginnt die Aufgabe von neuem. Der Fortschritt in der gebundenen
Vorstellungsbewegung kommt sonach von dem Willen zur Lösung, die
Zielstrebigkeit von der im Bewußtsein festgehaltenen Absicht, und
die Grenze der Vorstellungsreihe wird entweder mit dem die Lösung
begleitenden Erfüllungsbewußtsein erreicht oder mit der Einsicht, daß
die zur Lösung erforderlichen Vorstellungen versagen, „es fällt einem
nichts mehr ein“ oder auch dadurch, daß die Absicht zur Aufgabelösung
verlassen wird oder gar dem Bewußtsein entfällt.
Literatur
O. +Selz+, Die Gesetze des geordneten Denkverlaufs. 1913.
J. +Lindworsky+, Das schlußfolgernde Denken, II. Teil, 1916.
O. +Selz+, Zur Psychologie des produktiven Denkens. 1922.
2) Die freie Vorstellungsbewegung. Die Phantasie.
a) +Die Gestaltung der freien Vorstellungsbewegung+. Auch wenn wir
keine Aufgabe übernommen haben, bleiben wir doch nicht bei ein
und derselben Vorstellung stehen. Es wechseln die Bilder und die
Gedanken. Wo aber sind die treibenden Kräfte in diesem Wechsel?
Wahrscheinlich ist die psychophysische Energie, die einen Teil
des zentralen Apparates soweit erregt, daß ein Bewußtseinsvorgang
eintritt, sehr labil. Eine leichte Ermüdung, eine Verminderung der
Blutzufuhr kann den augenblicklichen Bewußtseinszustand aufhören
lassen und einem anderen das Feld frei machen. Wäre dies die einzige
Bedingung des Vorstellungswechsels, so müßte sich dieser allein
aus dem Assoziationsgesetz verstehen lassen. Wir kennen in der Tat
Bewußtseinsvorgänge dieser Art. Es sind das die Vorstellungsreihen
Ideenflüchtiger.
Man sieht aber sofort, wie wenig eine solche Vorstellungsbewegung
mit der freien Gedankenfolge eines Normalen zu tun hat. Wenn wir uns
ohne jede Zielsetzung planlos unseren Gedanken überlassen, ertappen
wir uns allerdings auf mancherlei Gedankensprüngen, über die wir uns
bisweilen recht belustigen können. Aber gerade dieser Eindruck, den
sie auf uns machen, beweist, daß das Sprunghafte, Unzusammenhängende
auch bei diesen Träumereien in gewissem Sinne eine Ausnahme bildet.
Etwas „Sinn“ steckt immer hinter jenen Bildern; sie dürften sogar
der geradeste Zugang zum innersten Wesen eines Menschen sein. Diesen
Erscheinungen gegenüber bleibt also zu erklären, wieso bei ihnen ein
Gedankenfortschritt zustande kommt, wodurch dessen Richtung bestimmt
wird und was die Richtungsstörungen bedingt.
Gehen wir spazieren, so mag eine Zeitlang die äußere Umgebung und
ihr Wechsel allein unser Gegenstandsbewußtsein erfüllen. Sehr bald
aber wird irgendein Sachverhalt, den wir in der Vorstellung weiter
tragen, unser Interesse erregen. Wir wenden uns ihm aufmerkend
oder sogar strebend zu, und damit wird er zum Reproduktionsmotiv,
das eine neue Vorstellung weckt. Vielleicht bietet auch diese neue
Vorstellung Anziehungspunkte und damit die Bedingung zu weiteren
Reproduktionen. Das Fortschreiten in den Vorstellungen kommt also von
der unwillkürlich erregten Aufmerksamkeit her, und die Triebfeder
des Ganzen ist zumeist unreflektiertes Wollen. Da sich nun die
Gegenstände des jeweiligen Interesses nach der augenblicklichen
Gesamtverfassung richten und diese beim Gesunden nicht allzu
sprunghaft wechselt, so wird innerhalb gewisser Grenzen auch eine
gewisse Gleichförmigkeit und Einheitlichkeit des Gedankenganges
herrschen, ganz abgesehen von der Einheitlichkeit, die oft durch die
Entstehungsgeschichte unserer Assoziationen, namentlich der Komplexe,
bedingt ist. Bisweilen erhebt sich aber auch das triebhafte Wollen
zum überlegten, und wir stellen uns inmitten unserer Träumereien und
um ihretwillen Zwischenaufgaben: wir besinnen uns oder stellen uns
ein Problem, und so wird der Gedankenzusammenhang auf eine weitere
Strecke verbürgt. Da aber jene Interessen in der Regel nicht allzu
groß sind, unterliegen sie, sobald sich ein stärkerer Konkurrent
erhebt. Das Nichtvorhandensein oder die Geringwertigkeit der
Zwischenziele ist auch der Grund, weshalb sich in dem Gesamtverlauf
die Spuren der Assoziationen bemerklich machen. Anderseits verrät
der aus dem triebhaften Wollen stammende Richtungsfaktor in der Tat,
welche Dinge das Interesse des betreffenden Menschen erwecken.
b) +Freie Vorstellungsbewegung und Phantasie.+ Die Volkssprache hat
sich des Ausdruckes Phantasie bemächtigt, hat diese „Fähigkeit“ für
alles verantwortlich gemacht, was sie mit den populären Begriffen
Verstand und Gedächtnis nicht bewältigen konnte und damit diesem
Wort einen so mannigfach schillernden Sinn verschafft, daß die
wissenschaftliche Psychologie es kaum verwerten kann. Zur Klärung
fragen wir zunächst, welche psychischen Erscheinungen auf Rechnung
der Phantasie gesetzt werden, sodann, auf welchem Wege man diese
Erscheinungen verständlich zu machen sucht, um dann unsere eigene
Stellung einzunehmen.
Einer besonderen Phantasiebegabung schreibt man es zu, wenn jemand sehr
anschauliche und lebhafte Vorstellungen erzeugen kann. Weiter ist es
die „kühne Seglerin Phantasie“, die ihre unerwarteten und jeglicher
Regel Hohn sprechenden Fahrten macht. Sodann ist sie die begnadete
Schöpferin großer Werke und Erfindungen, namentlich ästhetischer Natur.
Bisweilen wird sie einfachhin dem höchsten Denken gleichgesetzt.
Allein von den Leistungen und Eigenschaften, die man der Phantasie
zuschreibt, kann nur die relative Ungebundenheit und Regellosigkeit
oder auch ihr Spielcharakter allgemeine Bedeutung beanspruchen.
Denn die große Lebhaftigkeit der Vorstellungen ist entbehrlich für
den mathematischen Denker und den technischen Erfinder, den man
gemeinhin auch vorwiegend mit der Phantasie arbeiten läßt. Auch
die Schöpferkraft der Phantasie braucht nicht als übermäßig groß
angenommen zu werden. Denn auch die bescheidenste Ausmalung eines
geträumten Erfolges zählt man schon unter die Phantasieleistungen.
Der Vorgang also, der zu erklären bleibt, ist die Erzeugung von
Gedanken und Vorstellungskomplexen, die als solche nicht der
Erinnerung entnommen, aber auch nicht durch methodische Denkschritte
gewonnen sind. Und zwar sind es Vorgänge solcher Art, daß sich bei
ihnen gelegentlich lebhafteste Anschaulichkeit und überraschende
Produktivität finden kann.
Die Leistungen der Phantasie sucht man bald durch eine besondere
Fähigkeit, bald durch eine besondere Funktionsweise der bekannten
Fähigkeiten zu erklären. Die allzu starre Auffassung, die man von der
„Erinnerungsfähigkeit“ hatte, verlangte eine neue psychische Kraft,
um jene Bilder zu verstehen, die keine Erinnerungen waren. Andere
begnügten sich mit einer freien Verwendung der aus der Erinnerung
stammenden Vorstellungselemente. So glaubte +Berkeley+, die
Erinnerungsvorstellungen zersetzten sich im Laufe der Zeit und würden
mit Elementen aus anderen Erinnerungen durchdrungen. Andere sehen
das Wesen der Phantasietätigkeit in der Analogiebildung: aus der
Vorstellung eines gewöhnlichen Menschen wird das analoge Bild eines
Riesen. Andere glaubten mit der Ähnlichkeitsassoziation auszukommen.
Durchmustern wir nun diese Lösungsversuche. Wir haben die Erinnerung
nicht einer geschlossenen Erinnerungsfähigkeit zugeschrieben,
sondern erklärten sie aus dem Zusammenwirken der Vorstellungen
mit der Beziehungserfassung. Die Vorstellungen sind somit für uns
nicht unzertrennlich an die Erinnerung gebunden, wir können sie
ebensogut für die Phantasieleistungen heranziehen. Allerdings mit
einem bloßen Zerfall der früheren Erinnerungsvorstellungen und deren
Durchsetzung mit Elementen aus anderen Erinnerungen lassen sich
die Phantasieleistungen nicht verständlich machen. Nicht einmal
mit der gewiß des öfteren wirksamen Analogiebildung. Denn der
schlichteste Wachtraum ist mehr als eine einfache Umformung alter
Vorstellungen und auch mehr als eine einfache Kombination aus ihnen.
Noch viel weniger reicht die Ähnlichkeitsassoziation hin, etwa die
Phantasielüge eines Kindes zu erklären. Assoziationen allein bringen
niemals den bei Phantasiestücken beobachteten Sinn zustande. Aber
auch die Gleichsetzung der Phantasie mit dem höchsten produktiven
Denken kann nicht befriedigen. Denn einmal kennen wir jetzt die
wichtigsten Faktoren und Gesetze des schöpferischen Denkens und
wissen, daß sie sich auch in einem ganz nüchternen und methodischen
Gedankengang betätigen können, der mit Phantasie durchaus nichts
gemein hat. Anderseits ist die höchste Art des produktiven Denkens,
wie wir sahen, durchaus kein Wesenszug der Phantasie. Eine neue
Auffassung der Phantasieleistung hat J. +Segal+ versucht:
Phantasie sei „ein Denken, Fühlen und Wollen in vorgestellten
Situationen mit Wirklichkeits- und Gegenwartscharakter“. Eine sehr
bestechende Definition. Aber dann „phantasiert“ der Klavierspieler
nicht, solange er sich seiner wirklichen Situation bewußt bleibt.
Vielleicht kommen wir zu einem wissenschaftlich brauchbaren Begriff,
wenn wir die Phantasietätigkeit als die +Ausfüllung eines nicht
vollständig spezialisierten antizipierenden Schemas+ definieren. Diese
Definition läßt eine engere und eine weitere Betrachtungsweise zu.
Im +engeren+ Sinne würde darunter die anschauliche Ausführung eines
einzelnen weniger determinierten Schemas verstanden. Dem Künstler ist
z. B. das Thema: „frische Rosen“ gegeben. Dieses Schema ist nach Zahl,
Maß, Farbe, Gestalt usw. unbestimmt. Ein nur technisch befähigter
Maler könnte es wegen dieser Vagheit nicht aus eigenem ausfüllen. Dem
wahrhaft Phantasiebegabten, dem Erfinder (vgl. S. 195 f.) füllt sich
das Schema von selbst.
Im +weiteren+ Sinne gestattet unsere Definition die +Phantasietätigkeit
mit der soeben beschriebenen freien Vorstellungsbewegung zu
identifizieren+. In der freien Vorstellungsbewegung haben wir einen
Komplex scharf umschriebener Bedingungen, die sich sonst nirgendwo so
zusammenfinden: die erkennenden Funktionen außerhalb einer straffen
Gesamtaufgabe und unter dem Einfluß des triebhaften Wollens und der
Assoziationen. Damit ist, wie wir gezeigt haben, der spielhafte, teils
ungebundene, teils gebundene Gedankenfortschritt gegeben. Gebunden
wird er immer dann, wenn eine Zwischenaufgabe für den Augenblick zum
Willensziel wird, doch so, daß der ganze Vorstellungsverlauf nicht in
feste Regeln eingeschlossen ist. In der freien Vorstellungsbewegung
ist auch Gelegenheit zu Neubildungen. Zum kleineren Teil dürften diese
aus den Zufälligkeiten der assoziativ bedingten Reproduktionsvorgänge
stammen. Den größeren Teil liefern sicher die Relationserfassungen
und die Annahmen. Die letzteren werden als willkürliche Verbindungen
beliebiger Gegenstände zum antizipierenden Schema für die Reproduktion
anschaulicher Vorstellungen: wie ein gezeichnetes Stickmuster geben
sie den Ort im Bewußtsein an, wo sich die anschauliche Begabung
des Individuums auswirken kann. Unsere Auffassung läßt also die
Anschaulichkeit zu ihrem Rechte kommen. Wir begreifen jetzt aber auch,
daß man das produktive Denken in so enge Beziehung zur Phantasie
gebracht hat: Wie sich bei den Schlußuntersuchungen herausstellte,
stehen uns für das fortschreitende Denken, auch wenn es von einer
ganz bestimmten Aufgabe beherrscht wird, nur wenige spezialisierte
Methoden zur Verfügung. Darum muß auch das ernste Denken streckenweise
phantasiemäßig arbeiten, wie umgekehrt die Phantasie streckenweise
aufgabenmäßig vorgeht. Die außergewöhnlichen schöpferischen
Leistungen der großen Dichter und Künstler sind zwar der Phantasie
nicht wesentlich, gedeihen aber auf dem Boden der von uns genannten
Bedingungen, sobald noch die eine oder die andere Sonderbedingung
hinzutritt. Große Lebhaftigkeit der Vorstellungen, tiefes Gefühl und
Raschheit der Vorstellungsbewegung scheinen die wichtigsten davon
zu sein, die bald einzeln, bald zusammen das Phantasieleben des
gottbegnadeten Künstlers über das anderer Sterblicher hinausheben.
Sehr oft wird diese Begabung noch durch besondere Studien unterstützt.
Man erzählt von manchen Dichtern, daß sie schon in früher Jugend sich
in der Weltliteratur sehr wohl auskannten, wodurch natürlich ihr
Vorstellungsschatz mit einer Unzahl von Motiven, Bildern und Wendungen
bereichert war. Von Mozart ist es nachgewiesen, wie sehr sein Schaffen
durch die zeitgenössische Musik befruchtet wurde. Was endlich die
oft bewunderte geheimnisvolle Entstehung so mancher künstlerischen
Konzeption betrifft, die dem Menschen eher eingegeben als von ihm
selbst hervorgebracht zu sein scheint, so sind uns heute doch schon
die ersten Spuren dieser verborgenen Wege des Genius sichtbar: Zumeist
hat sich der Künstler schon längere Zeit mit seinem Plan getragen,
ohne daß ihm eine befriedigende Ausführung kommen wollte. Doch die
Arbeit war nur scheinbar vergebens. Er hat so eine Menge von dienlichen
Vorstellungen in Bereitschaft gesetzt, die je und dann seinen Geist
beschäftigten. Eines Tages blitzt ihm eine neue Beziehungserfassung
auf: eine Ähnlichkeit, eine Gleichheit, ein Gegensatz usf. Wir sahen,
daß solche Beziehungserfassungen aufleuchten können, noch bevor ihre
anschaulichen Fundamente klar bewußt sind. Der Erlebende kann darum
auch nicht sagen, wie er auf den Gedanken kam. Aber es bleibt nicht bei
dem abstrakten Gedanken; er ist nur das antizipierende Schema, in das
jetzt mit Macht die anschaulichen Vorstellungen drängen: kein dürres
gedankliches Gerippe, sondern lebendiges Fleisch und Blut steht vor der
Seele. Nur selten wird es ob der nachdrängenden Bilder gelingen, den
einleitenden Beziehungsgedanken zu erhaschen, und die eigene Schöpfung
wird dem Meister wie ein gnädiges Geschenk, eine köstliche Inspiration
einer huldvollen Muse erscheinen.
Literatur
Th. +Ribot+, Die Schöpferkraft der Phantasie. 1902.
R. +Müller-Freienfels+, Psychologie der Kunst I, 1912.
H. +Henning+, Experimentelle Untersuchungen zur Denkpsychologie I.
ZPs 81 (1919).
Fußnoten:
[10] Zur Auffassung der tierischen Instinkte vgl. m. „Umrißskizze zu
einer theoret. Psychologie“, S. 41 ff.
IV. Buch
DIE VON DER GEMEINSCHAFT BEEINFLUSSTEN SEELISCHEN LEISTUNGEN
Die bisher besprochenen höheren seelischen Leistungen würden sich
im wesentlichen in gleicher Weise herausbilden, ob der Mensch nun
vereinzelt oder in Gemeinschaft lebte. Nicht so die noch höher
stehenden komplizierten Leistungen, von denen im folgenden die Rede
sein soll. Sie würden zwar auch beim Einzelnen nicht völlig ausbleiben;
denn die Einzelseele trägt die Befähigung zu ihnen in sich, und
nichts ist törichter, als ihr Entstehen einer phantastisch ersonnenen
Gemeinseele zuzuschreiben. Allein die frühzeitige Anregung, die
wirksame Förderung und die eigenartige Beeinflussung dieser Leistungen
geht nur von der Masse aus: so wie sie nun einmal sind und wurden,
sind und wurden sie nur durch das Zusammenwirken vieler Menschen.
Sprache, Sitte, Kunst und Religion sind die bedeutsamsten dieser
Massenleistungen. Unsere Darstellung muß sich darauf beschränken,
die wichtigsten Probleme aus diesen vier Gebieten zu nennen. Denn so
umfangreich auch naturgemäß die bisherigen Untersuchungen auf diesen
Gebieten ausgefallen sind, so wenig können diese jüngsten Zweige der
Psychologie ausgereifte Früchte darbieten.
ERSTER ABSCHNITT
Die Sprache
1. Die Leistungen der Sprache
Die Frage nach den Leistungen der Sprache ist kein ausschließlich
psychologisches Problem, auch der Biologe und der Philologe kann sie
aufwerfen. Sie muß aber zur allgemeinen Orientierung an die Spitze der
psychologischen Untersuchung gestellt werden, wie sich alsbald zeigen
wird. Die Sprache hat nach +Bühlers+[11] trefflicher Unterscheidung
eine dreifache Aufgabe: +kundzugeben+, was in der Seele des Sprechenden
vorgeht; +auszulösen+ im Hörenden, was an seelischen Vorgängen der
augenblicklichen Lage entspricht, und Sachverhalte +darzustellen+,
die der Sprechende erfaßt hat. Das Letztgenannte, die Erfassung des
Sachverhaltes durch den Sprechenden, halten wir für einen notwendigen
Zusatz, um zu einer Leistungsdefinition der Sprache zu kommen, die
diese von den im Effekt gleichen Leistungen eines mechanischen
Apparates oder den Dressurleistungen der Tiere unterscheidet.
2. Die Entstehung der Sprache
Man hat es sich auf verschiedene Weise zurechtgelegt, wie der
Mensch aus einem sprachlosen Zustand in den sprachbegabten kommen
könne. Ganz unpsychologisch dachte zunächst die +Erfindungstheorie+
an die absichtliche Beschaffung von Darstellungsmitteln. Die
+Nachahmungstheorie+ hingegen sah den Ursprung der Sprache in der
Nachahmung der Dinge durch die Worte, was natürlich nur für einen
verschwindend kleinen Teil der Worte zutreffen kann. Endlich die
+Naturlauttheorie+ glaubt, beim Anblick bestimmter Dinge seien zufällig
oder aus einem Gefühlsdrang heraus naturhafte Laute ausgestoßen worden;
diese hätten sich dann mit der Vorstellung jener Dinge fest assoziiert,
so daß diese Vorstellungen jene Laute und die Laute hinwiederum die
Vorstellungen ins Bewußtsein riefen.
Man braucht solche Theorien über Vorgänge, von denen uns jede Kunde
für immer versagt bleibt und die man auch nicht, etwa durch die
Abschließung normaler Kinder von jeder sprachlichen Beeinflussung,
willkürlich herbeiführen wird, nicht für müßige Spielereien zu halten.
Sie haben Wert, wenn nicht nach dem tatsächlichen, historischen,
sondern nach dem psychologisch möglichen Verlauf gefragt wird. Läßt
sich die Entstehung der Sprache aus den uns bekannten Gesetzen und
Funktionen restlos ableiten? Die Unzulänglichkeiten, die sich bei der
Beantwortung dieser Frage vielleicht herausstellen, offenbaren dann
die noch vorhandenen Lücken unseres Wissens. Fragt man so, wie eben
gesagt, dann wird man die beiden methodischen Grundfehler der genannten
Theorien vermeiden: Man wird sich nicht auf +eine+ psychische Funktion
oder eine einzige Gesetzmäßigkeit zur Lösung des Problems festlegen.
Man wird zweitens auch nicht einseitig die Darstellungsfunktion der
Sprache ins Auge fassen.