Noch wenig geklärt sind die +Gesetze der gleichzeitigen Verbindung

mehrerer Gefühle+. Gleichartige Gefühle scheinen sich irgendwie zu

summieren. Doch nicht in einfacher algebraischer Weise. Sie behalten

stets eine gewisse Selbständigkeit. Ihre Vereinigung ist um so

inniger, je mehr die Erkenntnisgrundlagen miteinander verschmelzen.

Das Gefühl wird eben stärker, je mehr sich unsere Aufmerksamkeit dem

Gefühlserreger zuwenden kann, was bei der Abhängigkeit des Gefühls

von seinen Reproduktionsgrundlagen leicht verständlich ist. Die

mannigfachen Reize eines Festmahles kann man nicht alle gleichzeitig

in größter Intensität auf sich einwirken lassen. Darum scheinen

die von ihnen erweckten Gefühle eher nebeneinander zu stehen. Bei

einem Ornament hingegen kann Form und Farbe gleichzeitig und fast in

vollster Intensität im Blickpunkt der Beachtung stehen, und darum

scheint es ein einheitliches Gefühl hervorzurufen. Aus demselben

Grunde will sich Lust und Unlust aus verschiedenen Quellen nicht

recht mischen. Sie treten vielmehr abwechselnd in den Vordergrund,

je nachdem wir dem einen oder dem andern mehr Beachtung schenken.

Dennoch erscheinen sie nicht einfachhin voneinander getrennt, sondern

die Unlust verleidet uns die Freude, und die Lust läßt vermutlich

das Leid nicht zur vollen Entwicklung gelangen. Anders bei den sog.

gemischten Gefühlen, wie dem Spannenden, Romantischen, Tragischen, wo

die Unlust eine notwendige Vorbedingung des angenehmen Gefühles ist.

Allerdings darf man hier nicht übersehen, daß diese vorausgehende

Unlust eher ein Scheingefühl ist oder doch wenigstens durch die

bestimmte Erwartung des glücklichen Ausganges gemildert wird. Sonst

zerfällt das gemischte Gefühl in zwei gesonderte Phasen, der Unlust

und der Lust.

Praktisch bedeutsam ist die +zeitliche und gegenständliche Verschiebung

des Gefühles+. Zeitlich verschiebt sich das Gefühl, indem es einer

Erinnerungsvorstellung vorauszueilen scheint. Genauere Beobachtung und

der Vergleich mit erstmaligen Wahrnehmungen, die Gefühle wecken, noch

ehe sie selbst zur klaren Entfaltung gelangt sind, lehrt indes, daß

diese Verschiebung nur eine scheinbare ist. Es genügt aber eine gerade

überschwellige Reproduktion, damit schon ein merkliches Gefühl verspürt

werde. Dieses lenkt nun sofort die Aufmerksamkeit auf sich, wodurch

dann häufig die angefangene Reproduktion wieder versagt und das Gefühl

als ein völlig unbegründetes erscheinen läßt. Die gegenständliche

Verschiebung ist unter dem Namen der Gefühlsübertragung oder der

Irradiation des Gefühlstones bekannt und schon bei den elementaren

Gefühlen besprochen worden (S. 141 f.).

Ebenso stimmt es zu unseren theoretischen Anschauungen sehr wohl,

daß sich ein eigentliches +Gefühlsgedächtnis+ nicht nachweisen

läßt. Ein Gefühlserlebnis ist immer nur durch die Vergegenwärtigung

seiner erkenntnismäßigen Grundlage zu erneuern. Dabei werden

bezeichnenderweise die einfacheren Gefühle schwerer reproduziert als

die zusammengesetzten: die Vergegenwärtigung der Lust an einer Speise

ist weit schwächer als die an einer Melodie oder an einem Erfolg. Die

Lust an einem Sinneseindruck gründet sich nämlich einzig auf diesen

isolierten Reiz, und dieser ist bekanntlich nicht mehr in gleicher

Stärke zu reproduzieren. Die Lust an einem Erfolg hingegen ist in der

Hauptsache eine Beziehungslust, die schon beim ersten Erleben nicht

aus dem unmittelbaren Sinneseindruck, sondern reproduktiv aus den

Gefühlsvorräten geschöpft wurde. Diese sind aber heute noch ebenso

reichhaltig wie beim ersten Erleben.

5. Die Beziehungen des Gefühls zu andern Funktionen

Gefühle schaffen Werte, sobald sie sich mit einem Gegenstand verbinden,

mag diese Verbindung eine ursprüngliche oder durch Gefühlsübertragung

entstandene sein. Dementsprechend beeinflussen sie auch alle

Werturteile, d. h. sie begründen +Werturteile+. Ebenso unmittelbar ist

ihr Einfluß auf das Streben, das ja stets auf einen Wert gerichtet

ist. Wenig geklärt ist jedoch ihre Bedeutung für die Entstehung eines

Entschlusses oder einer +Willenshandlung+, wenn die Gefühle sich nicht

mit dem Ziel des Strebens verbinden, sondern gewissermaßen das Milieu

sind, in dem die Willenshandlung geboren wird. Erregende Gefühle,

Unlust ebensowohl wie Lust, scheinen zum Entschluß und zur Handlung

anzutreiben, niederdrückende scheinen sie zu hemmen.

Deutlich ist die Einwirkung der Gefühle auf die +Vorstellungen+.

Lustgefühle vermehren den Reichtum an Vorstellungen, Unlustgefühle

erschweren die Vorstellungsreproduktion, vermutlich deshalb,

weil Lust die Blutzufuhr nach dem Gehirn steigert, Unlust sie

herabsetzt. Die Gefühle wirken sodann stark konstellierend, d. h. sie

bestimmen die Auswahl der Vorstellungen. Ein Affekt läßt nur solche

Vorstellungen aufkommen, die ihm entsprechen: ein Unglück weckt

traurige, ein Glücksfall fröhliche Erinnerungen. Das erklärt sich

teils aus der assoziativen Verbindung, welche Vorstellungskomplexe

gleicher Gefühlsbetonung eingehen, teils aus den gleichartigen

Affekten gemeinsamen Organempfindungen, die ihrerseits wieder zu

Reproduktionsmotiven der früheren Erlebnisse werden, teils daraus, daß

uns in einem Affekt Erinnerungen bzw. Vorstellungen von andersartigem

Gefühlston unwillkommen sind und darum schon auf der Schwelle

unterdrückt werden.

Sodann sind die Gefühle bedeutungsvoll für die +Erinnerung+.

Erlebnisse, die gefühlsbetont sind, haben, wie experimentelle

Untersuchungen lehrten, größere Erinnerungsfestigkeit als indifferente,

vielleicht weil sie größere Aufmerksamkeit fanden, vielleicht weil man

sich willkürlich mehr mit ihnen beschäftigte. Dabei werden lustbetonte

häufiger erinnert als unlustbetonte (Erinnerungsoptimismus), wohl

darum, weil wir uns willkürlich von der aufsteigenden Erinnerung

unlustvoller Erlebnisse abwenden. Nur wenn das unliebsame Geschehnis

von sehr großer Bedeutung für den Erlebenden war, verschafft es sich

eine bevorzugte Stelle unter den Erinnerungen.

+Literatur+

Th. +Ribot+, Psychologie der Gefühle. 1903.

G. +Störring+, Psychologie des menschlichen Gefühlslebens. 1916.

A. +Mosso+, Die Furcht. 1899.

Fußnoten:

[9] Die besonderen Formen der Zusammensetzung dieser Inhalte

berücksichtigt die phänomenologische Einteilung +Schelers+, der

sinnliche Gefühle, Lebensgefühle (Gefahr), seelische Gefühle

(Freude) und geistige Gefühle (Seligkeit) unterscheidet. Vgl. Der

Formalismus in der Ethik und die materiale Wertethik.

DRITTER ABSCHNITT

Das Willensleben

1. Kap. Die Vorbereitung des Willensaktes

Während ein Akt der absoluten Wahrnehmung keinerlei Vorbereitung im

Bewußtsein voraussetzt, sondern theoretisch wenigstens ein erster

Bewußtseinsvorgang sein kann, ist ein Willensakt nicht denkbar, der

nicht ein gewisses Vorspiel in der Seele hätte. Von den Inhalten nun,

die einem Willensakt vorausgehen, scheinen einige in nur zufälliger,

andere in notwendiger Verbindung mit ihm zu stehen. Man nannte letztere

die Motive des Wollens.

1. Das Wesen des Motives

Die wenigen Forscher, die den Motivationsvorgängen experimentell

beizukommen suchten, konnten sich noch nicht auf eine

Begriffsbestimmung des Motivs einigen. Sie zählten darunter sowohl

verstandesmäßige Beweggründe, wie unwillkürliche Strebungen, Gefühle

und Bewegungsvorgänge. Vergleicht man jedoch die von ihnen als

Motive bezeichneten Erlebnisse miteinander, so stellt sich heraus,

daß man die Vorbedingungen der äußeren Willens+handlung+, in der

sich der Willensakt kundgab, mit denen des inneren Willens+aktes+

verwechselte und dabei die Wirkursachen reproduktiver Vorgänge nicht

von den Beweggründen des Entschlusses unterschied. Führt man diese

Unterscheidung durch, so ergibt sich ein einheitlicher Begriff des

Motives: +Motiv des Willensaktes ist alles, was sich der Seele als

ein durch den Willensakt zu verwirklichender Wert vorstellt+. Dabei

verstehen wir unter Wert alles, was für das betreffende Individuum

vorteilhaft ist.

Diese Art Motive sind nun von verschiedener Gestaltung. Die niederste

Stufe von ihnen wird durch einfache Sinneseindrücke oder richtiger

durch einfachste, sinnlich wahrnehmbare Gegenstände gebildet. Sie

müssen aber lustbetont sein, damit ihr Besitz als ein Vorteil für

das Subjekt erscheinen kann. Auf dieser Stufe ist das niedere Gefühl

ausschlaggebend. Nicht als ob das Gefühl als solches erstrebt

würde, erstrebt wird immer nur der gefühlsbetonte Gegenstand;

aber würde dieser Gegenstand nicht ein Lustgefühl wecken, wäre er

nicht tatsächlich ein „Bringer der Lust“, so hätten seine übrigen

Eigenschaften keine Anziehungskraft. Andere Gegenstände erwecken nicht

unmittelbar als solche ein merkliches Gefühl, und nur verstandesmäßig

und mit einer gewissen Nüchternheit werden sie als vorteilhafte Dinge

erkannt. Allein entgegen den früheren Ansichten reicht diese kühle

Einsicht hin, das Verlangen nach ihnen auszulösen. So erkennt man das

Studium als eine dem Individuum zuträgliche Sache und wendet sich ihm

zu, auch wenn kein erkennbares Lustgefühl uns diese Arbeit angenehm

macht. Ebensowenig wie ein Gefühl ist eine besondere Anschaulichkeit

der Motivwerte erforderlich; auch ganz abstrakt erfaßte Vorteile können

entschiedene Willensentschlüsse hervorrufen.

2. Einteilung der Motive

Als +niedere+ oder elementare Motive können wir solche bezeichnen,

deren ganzer Wert in dem unmittelbar von ihnen erregten Lustgefühl

beruht. +Höhere+ Motive hingegen sind diejenigen, deren Wert erst

durch eine Beziehungserfassung erkennbar ist. Diese psychologische

Einteilung deckt sich natürlich nicht mit einer gleichlautenden aus

der Ethik oder der Wertlehre: ein psychologisch hoher Wert kann ein

ethischer Unwert sein.

+Innere+ Motive sind solche, die dem Willensziel selbst entnommen

sind, etwa die Schönheit oder die Nützlichkeit der Ordnung, falls

diese der Gegenstand des Entschlusses ist. +Äußere+ Motive wären in

diesem Falle die Rücksicht auf andere Menschen, der Wunsch, seiner

bisherigen Gewohnheit zur Ordnung nicht untreu zu werden, oder auch

ein rein subjektives Verlangen, eine Art Laune, jetzt einmal sich für

die Ordnung zu entscheiden. Die bisher besprochenen Motive werden

von positiven Werten gebildet. Ein negativer Wert, ein Unwert hat

keine Anziehungskraft. Es muß aber vorerst die Frage noch offen

bleiben, ob ein negativer Wert ein Motiv für ein negatives Streben

bilden kann. Die experimentellen Forschungen reichen noch nicht hin,

die Tatsächlichkeit eines besonderen negativen Strebens zu beweisen.

Es könnte sein, daß die Flucht vor einem Unwert psychologisch

derselbe Vorgang wäre wie das positive Streben, dessen Richtung nur

in unserer Auffassung doppelt gekennzeichnet wäre, nämlich durch

den Ausgangspunkt und durch den Zielpunkt. Dann würde auch der zu

meidende Unwert nicht als solcher willensbestimmend wirken, sondern

das Gut, der Vorteil, der in dieser Flucht vor dem Unwert enthalten

ist.

3. Vorbedingungen für die Wirksamkeit von Motiven

Als allgemeinste Vorbedingung ist das Bewußtwerden der Motive

zu nennen. Werte, Vorteile sind keine Wirkursachen, die sich

geltend machen können, ohne selbst bewußt zu sein, wie das bei den

Reproduktionstendenzen der Fall ist. Diese gehören zu dem Mechanismus

unseres geistigen Lebens, sie wirken ohne selbst erkannt zu sein.

In der Motivation hingegen treten die Inhalte vor die Seele. Sie

gehören also in eine ganz andere Gattung der seelischen Kräfte. Darum

kann es streng genommen keine unbewußten Motive geben. Doch kann der

Wert oder Unwert in sehr verschiedener Weise bewußt werden: Er wird

z. B. vorstellungsmäßig im voraus verkostet, oder der Gedanke an ihn

weckt ein Gefühl, und dieses bleibt als Motiv stehen, während der

Gedanke schwindet. Sehr häufig ist uns jedoch ohne besondere Gefühle

mehr oder weniger die Bedeutung des Zieles gedanklich gegenwärtig;

Gedanken, die freilich um so abstrakter werden, je häufiger sie

wiederkehren. Bedenkt man nun, daß uns verschiedene Seiten eines

Wertes oder Unwertes gleichzeitig, und zwar auf verschiedene

Weise gegeben sein können, daß sich ferner diese gleichzeitigen

Werterlebnisse häufig auf verschiedenen Bewußtseinsstufen befinden,

so versteht man die bisweilen festzustellende Unklarheit über die

eigenen Ziele und die „Lüge des Bewußtseins“, d. h. die Täuschungen

über die wirklich ausschlaggebenden Motive unseres Handelns.

Weitere interessante Einzelheiten über die Erschließung eines Wertes

ergeben die Untersuchungen von +Michotte+ und +Prüm+.

So ist es nicht gleichgültig, in welcher Reihenfolge mehrere

werthaltige Gegenstände vorgelegt werden, wenn es sich darum

handelt, zwischen ihnen eine Wahl zu treffen. Und auch die Art und

Weise der Wertprüfung ist von Bedeutung. Sie kann nämlich entweder

analytisch zergliedern oder mehr großzügig aufs Ganze gehen. Trägt

der zu prüfende Gegenstand seinen Wert ziemlich offen zur Schau, so

ist es im allgemeinen günstig, ihn an erster Stelle vorzulegen. Man

entscheidet sich dann leicht für ihn ohne eingehendere Prüfung. Will

man dagegen, daß der Wählende sich für einen Gegenstand von nicht

offenkundigem Wert entschließe, so ist es ratsam, ihm zunächst einen

anderen mit offenkundigen Mängeln vorzuhalten. Er wird dann in der

Regel diesen ersten nach einer oberflächlichen Besichtigung ablehnen,

den zweiten hingegen einer ins einzelne gehenden Prüfung unterwerfen,

bei der sich dann der Wert des zweiten deutlicher herausstellt.

Eine andere Vorbedingung für das Wirksamwerden der Motive ist die

Erreichung einer entsprechenden +Kraft+. Soweit unser jetziges Wissen

reicht, kann man nicht behaupten, daß angesichts einer bestimmten

Werthöhe notwendig ein Willensakt ausgelöst werde, aber daß nicht

jedes Motiv stark genug ist, unter allen Umständen uns zu einem

bestimmten Entschluß zu vermögen, das offenbarte sich auch schon in

den Wahlversuchen. In solchen Fällen hilft dann die gegenseitige

Verstärkung der Motive über den toten Punkt hinweg. Die Vereinigung

mehrerer Motive kann nämlich einen Gesamtwert ergeben, angesichts

dessen der Entschluß zustande kommt. Dabei gewinnen die äußeren

Motive ihre hervorragende Bedeutung. So namentlich die Rücksicht auf

die bisherige Gewöhnung. Damit eröffnet sich ein doppelter Weg zur

Beeinflussung des Willens: ein direkter durch unmittelbares Vorhalten

der Motive und ein indirekter durch die Gewöhnung, der dann ein

äußeres Motiv entnommen werden kann, nämlich die Gleichförmigkeit des

eigenen Handelns.

2. Kap. Die unmittelbaren Wirkungen des Willensaktes

1. Die determinierenden Tendenzen

Das Wesen des Willensaktes wurde schon oben bei Darstellung der

elementaren Funktionen besprochen. Während nun die anderen seelischen

Elemente sich zu höheren Leistungen komplizieren können, scheint der

Willensakt als solcher stets der gleiche zu bleiben. Eine besondere

Ausgestaltung scheinen nur die Objekte des Wollens zu erfahren. Wir

wenden uns darum gleich den Wirkungen des Willensaktes zu.

In den verschiedenartigsten Reaktionsversuchen hatte es sich immer

deutlicher herausgestellt, daß der Verlauf des ganzen Erlebnisses

in eigenartiger Abhängigkeit stand von der +Aufgabe+, welche die Vp

übernahm. Am auffälligsten wurde das in hypnotischen Versuchen. Da

erhält z. B. die Vp die Aufgabe, die ihr nach der Hypnose vorzulegenden

Zahlen zu multiplizieren. Aufgeweckt, erblickt sie das Zahlenpaar

5/7 und spricht augenblicklich die Zahl 35 aus, ohne im geringsten

angeben zu können, was sie zum Aussprechen dieser Zahl veranlaßt hat.

+Ach+ wollte diesem Vorgang durch die Aufstellung der determinierenden

Tendenzen (im folgenden det. T.) gerecht werden. Der in der Übernahme

einer Aufgabe liegende Willensakt erzeugt die det. T. zur Ausführung

dieser Aufgabe. Diese Tendenzen sind nach +Ach+ weder mit den

assoziativen noch mit den perseverierenden Reproduktionstendenzen

gleichzusetzen, sondern stellen eine ganz neue Art von Tendenzen

dar. Sie wirken im Unbewußten und ziehen ein spontanes Auftreten der

determinierten (d. h. von der Aufgabe verlangten) Vorstellung nach

sich. Nach +Achs+ Vorgang stellte später +Koffka+ eine ganze Reihe von

det. T. auf, darunter auch solche, die nicht von einem Willensakte,

sondern von einem Gedanken ausgehen sollten.

Zweifellos haben +Ach+ und die ihm nahestehenden Forscher eine

wichtige Tatsache mit dem Namen der det. T. gekennzeichnet. Die

Zielstrebigkeit, die in unserem Denk- und Handlungsverlauf herrscht,

sobald ein bestimmter Willensentschluß gefaßt worden ist, ist derart,

daß man nicht recht glauben mag, sie könne durch die konstellierende

Kraft einer Obervorstellung (+Liepmann+) bewirkt werden. Es muß

eine ordnende Kraft in den Ausführungen unserer Entschlüsse

herrschen. Es ist aber nicht erwiesen, daß dies eine neuartige, von

der Zielvorstellung ausgehende Tendenz sei. Denn die Leistungen,

die insbesondere dieser Tendenz zugeschrieben werden, lassen sich

auch durch die bekannten Reproduktionstendenzen verständlich

machen. Die Aufgabe bildet nämlich als antizipierendes Schema (S.

173) ein Reproduktionsmotiv für das Erscheinen der determinierten

Vorstellungen, und die oft unvermittelt und ohne Erinnerung an die

Aufgabe erscheinende richtige Lösung findet ihre Parallele bei

offenkundigen Reproduktionsvorgängen, die keiner Aufgabe entsprungen

sind.

Anderseits ist die Willkürhandlung doch nicht rein assoziativ bedingt.

Sie müßte sonst ebenso leicht entgleisen wie ausschließlich assoziativ

geleitete Reproduktionen. Den „Einfällen“, die uns die Assoziationen

liefern, ist es ja charakteristisch, daß sie sehr wenig vom Sinn

beherrscht sind und „vom Hundertsten ins Tausendste“ führen. Vor allem

aber muß dem in den Willensexperimenten beobachteten Erlebnis des

„ich will“ seine Stelle und Bedeutung in dem ganzen Vorgang werden.

Wir müssen uns da freilich noch mit Hypothesen begnügen und denken

uns den einfachen Willensvorgang folgendermaßen. Die Vp habe sich in

der Vorperiode dazu entschlossen, beim Erscheinen eines bestimmten

Reizes den niedergedrückten Taster loszulassen. Der Reiz erscheint,

die Vp erkennt ihn als das vereinbarte Zeichen und erblickt angesichts

der Gesamtlage in dem Loslassen des Tasters ein zu wollendes Ziel.

Jetzt erfolge der eigentliche Willensakt: die Vp will das Loslassen.

Nehmen wir nun an, der Vp sei dabei neben anderen Vorstellungen auch

die zum Loslassen des Tasters erforderliche Bewegungsvorstellung

gegenwärtig, so ist zu erklären, warum von den verschiedenen ihr

gegenwärtigen Vorstellungen nur diejenige zum Ausgangspunkt einer

Reproduktion wird, die sich auf das Loslassen des Tasters bezieht.

Der Assoziationspsychologe behauptet hier: der aufgetauchte Reiz

reproduziert den in der Vorperiode gefaßten Vorsatz und damit die

Vorstellung des Loslassens, und so wird diese verstärkt und vor allen

anderen zum Reproduktionsmotiv. Wir bestreiten nun durchaus nicht, daß

ein solcher assoziativ bedingter Vorgang stattfindet und in gewissen

Fällen sogar die Bewegung herbeiführen kann. Aber das gilt doch nur

für jene Fälle, wo die Zielvorstellung auf diese Weise hinreichend

intensiv gemacht werden kann. Es erklärt aber nicht die Zielstrebigkeit

unserer Vorstellungen und Bewegungen, wie sie sich etwa auf einem

Geschäftsgang mitten durch die lebhaftesten Eindrücke einer Großstadt,

und zwar bei nahezu völligem Zurücktreten des Zielgedankens, zeigt.

Ferner wird so nicht verständlich, warum alle unsere Willenshandlungen

von einer +Bedeutung+ beherrscht sind, und endlich wäre der tatsächlich

vorhandene Willensakt in dieser Auffassung höchst überflüssig. Wir

nehmen darum an, das „ich will loslassen“ sei eine Hinwendung zu der

Bewegungsvorstellung und verstärke durch diese Hinwendung unmittelbar

diese Vorstellung, so daß sie zu einem wirksamen Reproduktionsmotiv

für die weiterhin notwendigen Bewegungsvorstellungen werden kann.

Die gleiche Leistung, die unter anderen Bedingungen die assoziative

Konstellation vollbringt, schreiben wir also dem Willensakt zu. Wir

stützen uns für diese Annahme auf eine Reihe von Beobachtungen (von

+Stumpf+, G. E. +Müller+ u. a.), nach denen die willkürliche Beachtung

einer Empfindung oder Vorstellung diese verstärkt.

Bei +zusammengesetzten Willenshandlungen+ wird der Beginn auf die

nämliche Weise von statten gehen. Ist dann eine gewisse Reihe von

Vorstellungen abgelaufen, so stockt die Willenshandlung. Rein

reproduktiv taucht nun wieder die Aufgabe bzw. der Vorsatz auf und

reproduziert dadurch eine weitere Reihe von Vorstellungen, denen

gegenüber sich der Willensakt wie bei der einfachen Willenshandlung

wiederholt. Geschieht dies nicht oder wird die Zielvorstellung

nicht aufs neue lebendig, so kommt es zu den merkwürdigen, rein

assoziativ bedingten Fehlhandlungen, oder man fragt sich verwundert:

Was wollte ich doch? Ein Akt des Besinnens leitet dann zur alten

Fährte zurück. Der Wille verhütet also, daß unsere Handlungen nicht

einzig von der zufälligen Intensität der Vorstellungen abhängen. Er

befreit uns darum aus dem Banne der Assoziationen. Er sorgt auch

dafür, daß unsere Willenshandlungen nicht beständigen Stockungen

unterliegen, wie das Aufsagen eines schlecht gelernten Gedichtes.

Das Perseverieren der Aufgabe oder ihre öftere Zurückführung ins

Bewußtsein ermöglicht uns sodann, durch einen Vergleich unserer

Handlungsweise mit dem vorgesteckten Ziele deren Richtigkeit zu

kontrollieren.

2. Das Gesetz der speziellen Determination

War den Vpn +Achs+ die Aufgabe gestellt, mit einer beliebigen Silbe zu

reagieren, so benötigten sie dazu in der Regel mehr Zeit, als wenn sie

eine Silbe auszusprechen hatten, die noch gewissen Bedingungen genügen

mußte; auf die dargebotene sinnlose Silbe mit einer Reimsilbe zu

antworten, war leichter, als irgendeine sinnlose Silbe auszusprechen.

+Ach+ faßte diese Tatsachen in dem Gesetz der speziellen Determination

zusammen: Je spezieller die Determination, desto rascher und sicherer

wird die Verwirklichung erreicht.

Experimentelle Psychologie · 第 22 / 30 段