mehrerer Gefühle+. Gleichartige Gefühle scheinen sich irgendwie zu
summieren. Doch nicht in einfacher algebraischer Weise. Sie behalten
stets eine gewisse Selbständigkeit. Ihre Vereinigung ist um so
inniger, je mehr die Erkenntnisgrundlagen miteinander verschmelzen.
Das Gefühl wird eben stärker, je mehr sich unsere Aufmerksamkeit dem
Gefühlserreger zuwenden kann, was bei der Abhängigkeit des Gefühls
von seinen Reproduktionsgrundlagen leicht verständlich ist. Die
mannigfachen Reize eines Festmahles kann man nicht alle gleichzeitig
in größter Intensität auf sich einwirken lassen. Darum scheinen
die von ihnen erweckten Gefühle eher nebeneinander zu stehen. Bei
einem Ornament hingegen kann Form und Farbe gleichzeitig und fast in
vollster Intensität im Blickpunkt der Beachtung stehen, und darum
scheint es ein einheitliches Gefühl hervorzurufen. Aus demselben
Grunde will sich Lust und Unlust aus verschiedenen Quellen nicht
recht mischen. Sie treten vielmehr abwechselnd in den Vordergrund,
je nachdem wir dem einen oder dem andern mehr Beachtung schenken.
Dennoch erscheinen sie nicht einfachhin voneinander getrennt, sondern
die Unlust verleidet uns die Freude, und die Lust läßt vermutlich
das Leid nicht zur vollen Entwicklung gelangen. Anders bei den sog.
gemischten Gefühlen, wie dem Spannenden, Romantischen, Tragischen, wo
die Unlust eine notwendige Vorbedingung des angenehmen Gefühles ist.
Allerdings darf man hier nicht übersehen, daß diese vorausgehende
Unlust eher ein Scheingefühl ist oder doch wenigstens durch die
bestimmte Erwartung des glücklichen Ausganges gemildert wird. Sonst
zerfällt das gemischte Gefühl in zwei gesonderte Phasen, der Unlust
und der Lust.
Praktisch bedeutsam ist die +zeitliche und gegenständliche Verschiebung
des Gefühles+. Zeitlich verschiebt sich das Gefühl, indem es einer
Erinnerungsvorstellung vorauszueilen scheint. Genauere Beobachtung und
der Vergleich mit erstmaligen Wahrnehmungen, die Gefühle wecken, noch
ehe sie selbst zur klaren Entfaltung gelangt sind, lehrt indes, daß
diese Verschiebung nur eine scheinbare ist. Es genügt aber eine gerade
überschwellige Reproduktion, damit schon ein merkliches Gefühl verspürt
werde. Dieses lenkt nun sofort die Aufmerksamkeit auf sich, wodurch
dann häufig die angefangene Reproduktion wieder versagt und das Gefühl
als ein völlig unbegründetes erscheinen läßt. Die gegenständliche
Verschiebung ist unter dem Namen der Gefühlsübertragung oder der
Irradiation des Gefühlstones bekannt und schon bei den elementaren
Gefühlen besprochen worden (S. 141 f.).
Ebenso stimmt es zu unseren theoretischen Anschauungen sehr wohl,
daß sich ein eigentliches +Gefühlsgedächtnis+ nicht nachweisen
läßt. Ein Gefühlserlebnis ist immer nur durch die Vergegenwärtigung
seiner erkenntnismäßigen Grundlage zu erneuern. Dabei werden
bezeichnenderweise die einfacheren Gefühle schwerer reproduziert als
die zusammengesetzten: die Vergegenwärtigung der Lust an einer Speise
ist weit schwächer als die an einer Melodie oder an einem Erfolg. Die
Lust an einem Sinneseindruck gründet sich nämlich einzig auf diesen
isolierten Reiz, und dieser ist bekanntlich nicht mehr in gleicher
Stärke zu reproduzieren. Die Lust an einem Erfolg hingegen ist in der
Hauptsache eine Beziehungslust, die schon beim ersten Erleben nicht
aus dem unmittelbaren Sinneseindruck, sondern reproduktiv aus den
Gefühlsvorräten geschöpft wurde. Diese sind aber heute noch ebenso
reichhaltig wie beim ersten Erleben.
5. Die Beziehungen des Gefühls zu andern Funktionen
Gefühle schaffen Werte, sobald sie sich mit einem Gegenstand verbinden,
mag diese Verbindung eine ursprüngliche oder durch Gefühlsübertragung
entstandene sein. Dementsprechend beeinflussen sie auch alle
Werturteile, d. h. sie begründen +Werturteile+. Ebenso unmittelbar ist
ihr Einfluß auf das Streben, das ja stets auf einen Wert gerichtet
ist. Wenig geklärt ist jedoch ihre Bedeutung für die Entstehung eines
Entschlusses oder einer +Willenshandlung+, wenn die Gefühle sich nicht
mit dem Ziel des Strebens verbinden, sondern gewissermaßen das Milieu
sind, in dem die Willenshandlung geboren wird. Erregende Gefühle,
Unlust ebensowohl wie Lust, scheinen zum Entschluß und zur Handlung
anzutreiben, niederdrückende scheinen sie zu hemmen.
Deutlich ist die Einwirkung der Gefühle auf die +Vorstellungen+.
Lustgefühle vermehren den Reichtum an Vorstellungen, Unlustgefühle
erschweren die Vorstellungsreproduktion, vermutlich deshalb,
weil Lust die Blutzufuhr nach dem Gehirn steigert, Unlust sie
herabsetzt. Die Gefühle wirken sodann stark konstellierend, d. h. sie
bestimmen die Auswahl der Vorstellungen. Ein Affekt läßt nur solche
Vorstellungen aufkommen, die ihm entsprechen: ein Unglück weckt
traurige, ein Glücksfall fröhliche Erinnerungen. Das erklärt sich
teils aus der assoziativen Verbindung, welche Vorstellungskomplexe
gleicher Gefühlsbetonung eingehen, teils aus den gleichartigen
Affekten gemeinsamen Organempfindungen, die ihrerseits wieder zu
Reproduktionsmotiven der früheren Erlebnisse werden, teils daraus, daß
uns in einem Affekt Erinnerungen bzw. Vorstellungen von andersartigem
Gefühlston unwillkommen sind und darum schon auf der Schwelle
unterdrückt werden.
Sodann sind die Gefühle bedeutungsvoll für die +Erinnerung+.
Erlebnisse, die gefühlsbetont sind, haben, wie experimentelle
Untersuchungen lehrten, größere Erinnerungsfestigkeit als indifferente,
vielleicht weil sie größere Aufmerksamkeit fanden, vielleicht weil man
sich willkürlich mehr mit ihnen beschäftigte. Dabei werden lustbetonte
häufiger erinnert als unlustbetonte (Erinnerungsoptimismus), wohl
darum, weil wir uns willkürlich von der aufsteigenden Erinnerung
unlustvoller Erlebnisse abwenden. Nur wenn das unliebsame Geschehnis
von sehr großer Bedeutung für den Erlebenden war, verschafft es sich
eine bevorzugte Stelle unter den Erinnerungen.
+Literatur+
Th. +Ribot+, Psychologie der Gefühle. 1903.
G. +Störring+, Psychologie des menschlichen Gefühlslebens. 1916.
A. +Mosso+, Die Furcht. 1899.
Fußnoten:
[9] Die besonderen Formen der Zusammensetzung dieser Inhalte
berücksichtigt die phänomenologische Einteilung +Schelers+, der
sinnliche Gefühle, Lebensgefühle (Gefahr), seelische Gefühle
(Freude) und geistige Gefühle (Seligkeit) unterscheidet. Vgl. Der
Formalismus in der Ethik und die materiale Wertethik.
DRITTER ABSCHNITT
Das Willensleben
1. Kap. Die Vorbereitung des Willensaktes
Während ein Akt der absoluten Wahrnehmung keinerlei Vorbereitung im
Bewußtsein voraussetzt, sondern theoretisch wenigstens ein erster
Bewußtseinsvorgang sein kann, ist ein Willensakt nicht denkbar, der
nicht ein gewisses Vorspiel in der Seele hätte. Von den Inhalten nun,
die einem Willensakt vorausgehen, scheinen einige in nur zufälliger,
andere in notwendiger Verbindung mit ihm zu stehen. Man nannte letztere
die Motive des Wollens.
1. Das Wesen des Motives
Die wenigen Forscher, die den Motivationsvorgängen experimentell
beizukommen suchten, konnten sich noch nicht auf eine
Begriffsbestimmung des Motivs einigen. Sie zählten darunter sowohl
verstandesmäßige Beweggründe, wie unwillkürliche Strebungen, Gefühle
und Bewegungsvorgänge. Vergleicht man jedoch die von ihnen als
Motive bezeichneten Erlebnisse miteinander, so stellt sich heraus,
daß man die Vorbedingungen der äußeren Willens+handlung+, in der
sich der Willensakt kundgab, mit denen des inneren Willens+aktes+
verwechselte und dabei die Wirkursachen reproduktiver Vorgänge nicht
von den Beweggründen des Entschlusses unterschied. Führt man diese
Unterscheidung durch, so ergibt sich ein einheitlicher Begriff des
Motives: +Motiv des Willensaktes ist alles, was sich der Seele als
ein durch den Willensakt zu verwirklichender Wert vorstellt+. Dabei
verstehen wir unter Wert alles, was für das betreffende Individuum
vorteilhaft ist.
Diese Art Motive sind nun von verschiedener Gestaltung. Die niederste
Stufe von ihnen wird durch einfache Sinneseindrücke oder richtiger
durch einfachste, sinnlich wahrnehmbare Gegenstände gebildet. Sie
müssen aber lustbetont sein, damit ihr Besitz als ein Vorteil für
das Subjekt erscheinen kann. Auf dieser Stufe ist das niedere Gefühl
ausschlaggebend. Nicht als ob das Gefühl als solches erstrebt
würde, erstrebt wird immer nur der gefühlsbetonte Gegenstand;
aber würde dieser Gegenstand nicht ein Lustgefühl wecken, wäre er
nicht tatsächlich ein „Bringer der Lust“, so hätten seine übrigen
Eigenschaften keine Anziehungskraft. Andere Gegenstände erwecken nicht
unmittelbar als solche ein merkliches Gefühl, und nur verstandesmäßig
und mit einer gewissen Nüchternheit werden sie als vorteilhafte Dinge
erkannt. Allein entgegen den früheren Ansichten reicht diese kühle
Einsicht hin, das Verlangen nach ihnen auszulösen. So erkennt man das
Studium als eine dem Individuum zuträgliche Sache und wendet sich ihm
zu, auch wenn kein erkennbares Lustgefühl uns diese Arbeit angenehm
macht. Ebensowenig wie ein Gefühl ist eine besondere Anschaulichkeit
der Motivwerte erforderlich; auch ganz abstrakt erfaßte Vorteile können
entschiedene Willensentschlüsse hervorrufen.
2. Einteilung der Motive
Als +niedere+ oder elementare Motive können wir solche bezeichnen,
deren ganzer Wert in dem unmittelbar von ihnen erregten Lustgefühl
beruht. +Höhere+ Motive hingegen sind diejenigen, deren Wert erst
durch eine Beziehungserfassung erkennbar ist. Diese psychologische
Einteilung deckt sich natürlich nicht mit einer gleichlautenden aus
der Ethik oder der Wertlehre: ein psychologisch hoher Wert kann ein
ethischer Unwert sein.
+Innere+ Motive sind solche, die dem Willensziel selbst entnommen
sind, etwa die Schönheit oder die Nützlichkeit der Ordnung, falls
diese der Gegenstand des Entschlusses ist. +Äußere+ Motive wären in
diesem Falle die Rücksicht auf andere Menschen, der Wunsch, seiner
bisherigen Gewohnheit zur Ordnung nicht untreu zu werden, oder auch
ein rein subjektives Verlangen, eine Art Laune, jetzt einmal sich für
die Ordnung zu entscheiden. Die bisher besprochenen Motive werden
von positiven Werten gebildet. Ein negativer Wert, ein Unwert hat
keine Anziehungskraft. Es muß aber vorerst die Frage noch offen
bleiben, ob ein negativer Wert ein Motiv für ein negatives Streben
bilden kann. Die experimentellen Forschungen reichen noch nicht hin,
die Tatsächlichkeit eines besonderen negativen Strebens zu beweisen.
Es könnte sein, daß die Flucht vor einem Unwert psychologisch
derselbe Vorgang wäre wie das positive Streben, dessen Richtung nur
in unserer Auffassung doppelt gekennzeichnet wäre, nämlich durch
den Ausgangspunkt und durch den Zielpunkt. Dann würde auch der zu
meidende Unwert nicht als solcher willensbestimmend wirken, sondern
das Gut, der Vorteil, der in dieser Flucht vor dem Unwert enthalten
ist.
3. Vorbedingungen für die Wirksamkeit von Motiven
Als allgemeinste Vorbedingung ist das Bewußtwerden der Motive
zu nennen. Werte, Vorteile sind keine Wirkursachen, die sich
geltend machen können, ohne selbst bewußt zu sein, wie das bei den
Reproduktionstendenzen der Fall ist. Diese gehören zu dem Mechanismus
unseres geistigen Lebens, sie wirken ohne selbst erkannt zu sein.
In der Motivation hingegen treten die Inhalte vor die Seele. Sie
gehören also in eine ganz andere Gattung der seelischen Kräfte. Darum
kann es streng genommen keine unbewußten Motive geben. Doch kann der
Wert oder Unwert in sehr verschiedener Weise bewußt werden: Er wird
z. B. vorstellungsmäßig im voraus verkostet, oder der Gedanke an ihn
weckt ein Gefühl, und dieses bleibt als Motiv stehen, während der
Gedanke schwindet. Sehr häufig ist uns jedoch ohne besondere Gefühle
mehr oder weniger die Bedeutung des Zieles gedanklich gegenwärtig;
Gedanken, die freilich um so abstrakter werden, je häufiger sie
wiederkehren. Bedenkt man nun, daß uns verschiedene Seiten eines
Wertes oder Unwertes gleichzeitig, und zwar auf verschiedene
Weise gegeben sein können, daß sich ferner diese gleichzeitigen
Werterlebnisse häufig auf verschiedenen Bewußtseinsstufen befinden,
so versteht man die bisweilen festzustellende Unklarheit über die
eigenen Ziele und die „Lüge des Bewußtseins“, d. h. die Täuschungen
über die wirklich ausschlaggebenden Motive unseres Handelns.
Weitere interessante Einzelheiten über die Erschließung eines Wertes
ergeben die Untersuchungen von +Michotte+ und +Prüm+.
So ist es nicht gleichgültig, in welcher Reihenfolge mehrere
werthaltige Gegenstände vorgelegt werden, wenn es sich darum
handelt, zwischen ihnen eine Wahl zu treffen. Und auch die Art und
Weise der Wertprüfung ist von Bedeutung. Sie kann nämlich entweder
analytisch zergliedern oder mehr großzügig aufs Ganze gehen. Trägt
der zu prüfende Gegenstand seinen Wert ziemlich offen zur Schau, so
ist es im allgemeinen günstig, ihn an erster Stelle vorzulegen. Man
entscheidet sich dann leicht für ihn ohne eingehendere Prüfung. Will
man dagegen, daß der Wählende sich für einen Gegenstand von nicht
offenkundigem Wert entschließe, so ist es ratsam, ihm zunächst einen
anderen mit offenkundigen Mängeln vorzuhalten. Er wird dann in der
Regel diesen ersten nach einer oberflächlichen Besichtigung ablehnen,
den zweiten hingegen einer ins einzelne gehenden Prüfung unterwerfen,
bei der sich dann der Wert des zweiten deutlicher herausstellt.
Eine andere Vorbedingung für das Wirksamwerden der Motive ist die
Erreichung einer entsprechenden +Kraft+. Soweit unser jetziges Wissen
reicht, kann man nicht behaupten, daß angesichts einer bestimmten
Werthöhe notwendig ein Willensakt ausgelöst werde, aber daß nicht
jedes Motiv stark genug ist, unter allen Umständen uns zu einem
bestimmten Entschluß zu vermögen, das offenbarte sich auch schon in
den Wahlversuchen. In solchen Fällen hilft dann die gegenseitige
Verstärkung der Motive über den toten Punkt hinweg. Die Vereinigung
mehrerer Motive kann nämlich einen Gesamtwert ergeben, angesichts
dessen der Entschluß zustande kommt. Dabei gewinnen die äußeren
Motive ihre hervorragende Bedeutung. So namentlich die Rücksicht auf
die bisherige Gewöhnung. Damit eröffnet sich ein doppelter Weg zur
Beeinflussung des Willens: ein direkter durch unmittelbares Vorhalten
der Motive und ein indirekter durch die Gewöhnung, der dann ein
äußeres Motiv entnommen werden kann, nämlich die Gleichförmigkeit des
eigenen Handelns.
2. Kap. Die unmittelbaren Wirkungen des Willensaktes
1. Die determinierenden Tendenzen
Das Wesen des Willensaktes wurde schon oben bei Darstellung der
elementaren Funktionen besprochen. Während nun die anderen seelischen
Elemente sich zu höheren Leistungen komplizieren können, scheint der
Willensakt als solcher stets der gleiche zu bleiben. Eine besondere
Ausgestaltung scheinen nur die Objekte des Wollens zu erfahren. Wir
wenden uns darum gleich den Wirkungen des Willensaktes zu.
In den verschiedenartigsten Reaktionsversuchen hatte es sich immer
deutlicher herausgestellt, daß der Verlauf des ganzen Erlebnisses
in eigenartiger Abhängigkeit stand von der +Aufgabe+, welche die Vp
übernahm. Am auffälligsten wurde das in hypnotischen Versuchen. Da
erhält z. B. die Vp die Aufgabe, die ihr nach der Hypnose vorzulegenden
Zahlen zu multiplizieren. Aufgeweckt, erblickt sie das Zahlenpaar
5/7 und spricht augenblicklich die Zahl 35 aus, ohne im geringsten
angeben zu können, was sie zum Aussprechen dieser Zahl veranlaßt hat.
+Ach+ wollte diesem Vorgang durch die Aufstellung der determinierenden
Tendenzen (im folgenden det. T.) gerecht werden. Der in der Übernahme
einer Aufgabe liegende Willensakt erzeugt die det. T. zur Ausführung
dieser Aufgabe. Diese Tendenzen sind nach +Ach+ weder mit den
assoziativen noch mit den perseverierenden Reproduktionstendenzen
gleichzusetzen, sondern stellen eine ganz neue Art von Tendenzen
dar. Sie wirken im Unbewußten und ziehen ein spontanes Auftreten der
determinierten (d. h. von der Aufgabe verlangten) Vorstellung nach
sich. Nach +Achs+ Vorgang stellte später +Koffka+ eine ganze Reihe von
det. T. auf, darunter auch solche, die nicht von einem Willensakte,
sondern von einem Gedanken ausgehen sollten.
Zweifellos haben +Ach+ und die ihm nahestehenden Forscher eine
wichtige Tatsache mit dem Namen der det. T. gekennzeichnet. Die
Zielstrebigkeit, die in unserem Denk- und Handlungsverlauf herrscht,
sobald ein bestimmter Willensentschluß gefaßt worden ist, ist derart,
daß man nicht recht glauben mag, sie könne durch die konstellierende
Kraft einer Obervorstellung (+Liepmann+) bewirkt werden. Es muß
eine ordnende Kraft in den Ausführungen unserer Entschlüsse
herrschen. Es ist aber nicht erwiesen, daß dies eine neuartige, von
der Zielvorstellung ausgehende Tendenz sei. Denn die Leistungen,
die insbesondere dieser Tendenz zugeschrieben werden, lassen sich
auch durch die bekannten Reproduktionstendenzen verständlich
machen. Die Aufgabe bildet nämlich als antizipierendes Schema (S.
173) ein Reproduktionsmotiv für das Erscheinen der determinierten
Vorstellungen, und die oft unvermittelt und ohne Erinnerung an die
Aufgabe erscheinende richtige Lösung findet ihre Parallele bei
offenkundigen Reproduktionsvorgängen, die keiner Aufgabe entsprungen
sind.
Anderseits ist die Willkürhandlung doch nicht rein assoziativ bedingt.
Sie müßte sonst ebenso leicht entgleisen wie ausschließlich assoziativ
geleitete Reproduktionen. Den „Einfällen“, die uns die Assoziationen
liefern, ist es ja charakteristisch, daß sie sehr wenig vom Sinn
beherrscht sind und „vom Hundertsten ins Tausendste“ führen. Vor allem
aber muß dem in den Willensexperimenten beobachteten Erlebnis des
„ich will“ seine Stelle und Bedeutung in dem ganzen Vorgang werden.
Wir müssen uns da freilich noch mit Hypothesen begnügen und denken
uns den einfachen Willensvorgang folgendermaßen. Die Vp habe sich in
der Vorperiode dazu entschlossen, beim Erscheinen eines bestimmten
Reizes den niedergedrückten Taster loszulassen. Der Reiz erscheint,
die Vp erkennt ihn als das vereinbarte Zeichen und erblickt angesichts
der Gesamtlage in dem Loslassen des Tasters ein zu wollendes Ziel.
Jetzt erfolge der eigentliche Willensakt: die Vp will das Loslassen.
Nehmen wir nun an, der Vp sei dabei neben anderen Vorstellungen auch
die zum Loslassen des Tasters erforderliche Bewegungsvorstellung
gegenwärtig, so ist zu erklären, warum von den verschiedenen ihr
gegenwärtigen Vorstellungen nur diejenige zum Ausgangspunkt einer
Reproduktion wird, die sich auf das Loslassen des Tasters bezieht.
Der Assoziationspsychologe behauptet hier: der aufgetauchte Reiz
reproduziert den in der Vorperiode gefaßten Vorsatz und damit die
Vorstellung des Loslassens, und so wird diese verstärkt und vor allen
anderen zum Reproduktionsmotiv. Wir bestreiten nun durchaus nicht, daß
ein solcher assoziativ bedingter Vorgang stattfindet und in gewissen
Fällen sogar die Bewegung herbeiführen kann. Aber das gilt doch nur
für jene Fälle, wo die Zielvorstellung auf diese Weise hinreichend
intensiv gemacht werden kann. Es erklärt aber nicht die Zielstrebigkeit
unserer Vorstellungen und Bewegungen, wie sie sich etwa auf einem
Geschäftsgang mitten durch die lebhaftesten Eindrücke einer Großstadt,
und zwar bei nahezu völligem Zurücktreten des Zielgedankens, zeigt.
Ferner wird so nicht verständlich, warum alle unsere Willenshandlungen
von einer +Bedeutung+ beherrscht sind, und endlich wäre der tatsächlich
vorhandene Willensakt in dieser Auffassung höchst überflüssig. Wir
nehmen darum an, das „ich will loslassen“ sei eine Hinwendung zu der
Bewegungsvorstellung und verstärke durch diese Hinwendung unmittelbar
diese Vorstellung, so daß sie zu einem wirksamen Reproduktionsmotiv
für die weiterhin notwendigen Bewegungsvorstellungen werden kann.
Die gleiche Leistung, die unter anderen Bedingungen die assoziative
Konstellation vollbringt, schreiben wir also dem Willensakt zu. Wir
stützen uns für diese Annahme auf eine Reihe von Beobachtungen (von
+Stumpf+, G. E. +Müller+ u. a.), nach denen die willkürliche Beachtung
einer Empfindung oder Vorstellung diese verstärkt.
Bei +zusammengesetzten Willenshandlungen+ wird der Beginn auf die
nämliche Weise von statten gehen. Ist dann eine gewisse Reihe von
Vorstellungen abgelaufen, so stockt die Willenshandlung. Rein
reproduktiv taucht nun wieder die Aufgabe bzw. der Vorsatz auf und
reproduziert dadurch eine weitere Reihe von Vorstellungen, denen
gegenüber sich der Willensakt wie bei der einfachen Willenshandlung
wiederholt. Geschieht dies nicht oder wird die Zielvorstellung
nicht aufs neue lebendig, so kommt es zu den merkwürdigen, rein
assoziativ bedingten Fehlhandlungen, oder man fragt sich verwundert:
Was wollte ich doch? Ein Akt des Besinnens leitet dann zur alten
Fährte zurück. Der Wille verhütet also, daß unsere Handlungen nicht
einzig von der zufälligen Intensität der Vorstellungen abhängen. Er
befreit uns darum aus dem Banne der Assoziationen. Er sorgt auch
dafür, daß unsere Willenshandlungen nicht beständigen Stockungen
unterliegen, wie das Aufsagen eines schlecht gelernten Gedichtes.
Das Perseverieren der Aufgabe oder ihre öftere Zurückführung ins
Bewußtsein ermöglicht uns sodann, durch einen Vergleich unserer
Handlungsweise mit dem vorgesteckten Ziele deren Richtigkeit zu
kontrollieren.
2. Das Gesetz der speziellen Determination
War den Vpn +Achs+ die Aufgabe gestellt, mit einer beliebigen Silbe zu
reagieren, so benötigten sie dazu in der Regel mehr Zeit, als wenn sie
eine Silbe auszusprechen hatten, die noch gewissen Bedingungen genügen
mußte; auf die dargebotene sinnlose Silbe mit einer Reimsilbe zu
antworten, war leichter, als irgendeine sinnlose Silbe auszusprechen.
+Ach+ faßte diese Tatsachen in dem Gesetz der speziellen Determination
zusammen: Je spezieller die Determination, desto rascher und sicherer
wird die Verwirklichung erreicht.