Unsere Erklärung des Ichbewußtseins läßt nun die +Anomalien+ des

Selbstbewußtseins leicht verstehen. Auch hier gehen die normalen

Zustände unvermerkt in die pathologischen über. Wir sagten, das

helle Ichbewußtsein ist das Ergebnis einer Beziehungserfassung.

Beziehungserfassungen und ebenso das aus ihnen sich herleitende

Wissen, von dem wir hier absahen, sind nicht immer aktuell, sondern

können gelegentlich zurücktreten. Sie werden es in der Regel dann

tun, wenn andere Inhalte in erhöhtem Maße die Aufmerksamkeit auf

sich ziehen. Das ist kaum möglich bei Gefühlserlebnissen, leichter

bei Willenshandlungen und sehr wahrscheinlich, wenn wir uns wie in

der Wahrnehmung oder auch im Vorstellungsleben mit den Gegenständen

befassen. In solchen Zuständen sagen nicht nur die Dichter,

sondern auch die Vpn in experimentell herbeigeführten Erlebnissen:

nicht ich denke, sondern es denkt in mir. Man muß nach derartigen

Bewußtseinsvorgängen wieder „zu sich kommen“. Natürlich war auch bei

ihnen der Ichzug niemals vollständig verschwunden.

Noch weiter entfernt sich vom normalen Zustand die

+Depersonalisation+, die Entfremdung des Ich. Jeder einzelne ist

an eine gewisse Summe ziemlich gleichbleibender Körperempfindungen

und der durch diese bedingten Gefühle gewöhnt. Zusammen mit dem

begrifflichen Wissen von unserem Ich und seiner Identität in der

Zeit sind sie daran schuld, daß das Ich unserer Auffassung, das

„persönliche“ Ich, sich nicht mit jeder neuen Wahrnehmung ändert. Das

wird anders bei sehr großartigen und überraschenden Wahrnehmungen.

Ein ergreifendes Schauspiel, eine überwältigende Landschaft, ein

neuer weitgespannter Gedankengang vermag die Summe der gewohnten

Empfindungen in den Hintergrund zu drängen: wir fühlen uns dann als

andere Menschen, „wie ausgewechselt“. Ein noch stärkerer Eindruck

wird erzielt, wenn die sonst konstanten Körperempfindungen verändert

werden. Wasser im Gehörgang, Ohrensausen u. dgl. geben uns schon eine

Ahnung von diesem Zustand, wenngleich diese umschriebenen Störungen

nach einiger Zeit überwunden werden. Ändert sich jedoch die konstante

Empfindungsmasse in höherem Grade, so kommen wir uns selbst als

andere vor, leben wie in einer andern Welt, sehen alles wie durch

einen Nebel. Man kann heute noch nicht angeben, +welche+ Empfindungen

insbesondere in Mitleidenschaft gezogen werden müssen, damit dieser

Zustand eintritt. Man hat an die Organempfindungen, an die uns

stets begleitenden Reproduktionstendenzen bzw. ihre Spiegelung im

Bewußtsein und namentlich an Gefühle (+Österreich+) gedacht. Aller

Wahrscheinlichkeit nach wird nicht die Alteration einer +bestimmten+

Empfindungs- oder Gefühlsgruppe die Depersonalisation bewirken,

sondern der Ausfall, die Änderung oder vielleicht auch die Vermehrung

der konstanten Empfindungen, die wir an unserem „persönlichen“

Ich gewöhnt sind, muß in irgendeiner Weise ein +bestimmtes Maß+

erreichen, damit wir uns als andere Menschen fühlen.

Würden die Bewußtseinsinhalte in einem Subjekt sämtlich verändert

-- womit zugleich die Reproduktion der früheren Zustände praktisch

wegfiele --, so wäre zwar das substantielle Ich dasselbe geblieben,

das persönliche (und oft auch das gesellschaftliche) Ich des zweiten

Zustandes hingegen wäre ein +völlig+ anderes geworden, ohne sich

jedoch dieser Spaltung bewußt werden zu können. Lassen wir nun

dem Ich einen kleinen Teil seiner konstanten Empfindungen, geben

ihm aber im übrigen einen neuen Bewußtseinsinhalt und erschweren

ihm die Reproduktion des früheren Bewußtseinsinhaltes, so ist das

persönliche Ich dieses Menschen gespalten. Je nachdem er sich nun

in dem einen oder in dem anderen Bewußtseinsinhalt bewegt, wird er

ein anderer Mensch sein, eine andere Rolle spielen. Und er wird

sich der Spaltung seines Ich bewußt werden, sobald ihm irgendwelche

Erinnerung an den andern Zustand möglich ist. Wenn diese Bedingungen

zu verwirklichen sind, dann muß es nicht nur ein Doppel-Ich,

sondern ein drei-, vier- und mehrfaches Ich geben können. In der

Tat weist die Pathologie solche Fälle auf. Verändert eine Krankheit

die Organempfindungen wesentlich, so beginnt der Kranke ein neues

Bewußtseinsdasein, zumeist mit völliger Erinnerungsunfähigkeit

(Amnesie) für die Zeit vor der Erkrankung. Ähnliches läßt sich

durch Hypnose erzielen und bei Hysterischen auch durch mehr oder

weniger freiwillige Autohypnose. Wie ein Schauspieler willkürlich

eine von ihm einstudierte Rolle geben kann, so geraten jene Kranken

unwillkürlich in eine der Rollen hinein, die ihnen aus ihrer

Erfahrung, ihrer Romanlektüre oder ihren Träumereien geläufig ist,

doch mit dem Unterschied, daß der Schauspieler sich jeden Augenblick

auf sein bürgerliches Ich besinnen kann, während dem Kranken infolge

der Konstellation der Rückweg verlegt ist, wie auch der Normale nicht

ohne weiteres von einer Melodie in eine beliebige andere übergehen

kann.

Literatur

K. +Österreich+, Phänomenologie des Ich. I. 1910.

ZWEITER ABSCHNITT

Die höheren Gefühle

1. Eigenart der höheren Gefühle

Als elementare Gefühle hatten wir Lust und Unlust kennen gelernt.

Nur wenige Psychologen setzen außer diesen beiden noch andere

niedere Elementargefühle an, und auch sie beschränken deren Zahl

zumeist auf einige wenige. An höheren Gefühlen dagegen werden immer

eine fast unübersehbare Menge aufgezählt: Liebe, Haß, Furcht,

Vertrauen, Kindesliebe, Elternliebe, Gottesliebe, ästhetische,

logische, religiöse, soziale Gefühle usw. So wenig es gelingt, diese

Mannigfaltigkeit auf einige Fundamentalgruppen zurückzuführen, so

scharf lassen sie sich von den niederen Gefühlen absondern: Lust und

Unlust schließen sich völlig grundlos an bestimmte Empfindungen an. Es

hat innerhalb der psychologischen Betrachtung keinen Sinn zu fragen,

warum uns eine Farbe angenehmer sei als eine andere, warum gewisse

Klänge lustvoller sind als andere. Das sind letzte Tatsachen. Auch die

Zuträglichkeit eines Reizes gibt dafür keine psychologische Erklärung,

allenfalls eine teleologische; denn vor jeder Einsicht in die

Zuträglichkeit oder Unzuträglichkeit eines Reizes und selbst wider eine

solche Einsicht vermag er eine lust- oder unlustbetonte Empfindung zu

wecken. Anders bei den höheren Gefühlen. Sie erscheinen, von seltenen

Ausnahmen abgesehen, immer als begründet.

Ihre Erscheinungsweise hat +Bain+ gegenüber den niederen Gefühlen

treffend gekennzeichnet. Sie steigen langsamer an als die sinnlichen

Gefühle; hängen stark von der herrschenden Stimmung ab; sind leichter

willkürlich zu unterdrücken; enthalten mehr Reproduktionen und sind

gewissermaßen ausgedehnter und unschärfer als jene, darum auch leichter

und länger zu ertragen. Die Richtigkeit dieser Bemerkungen leuchtet

sofort ein, wenn man einen körperlichen mit einem seelischen Schmerz

vergleicht.

2. Theorie und Einteilung der höheren Gefühle

Eine befriedigende Theorie der höheren Gefühle sollte sich eigentlich

auf eine erschöpfende Aufzählung, Beschreibung, Gruppierung und Analyse

sämtlicher höheren Gefühle stützen. Dazu fehlen jedoch die Vorarbeiten.

Wir streben darum auf kürzerem Wege eine vorerst noch hypothetische

Auffassung der höheren Gefühle an, die uns zugleich ermöglicht, die

Mannigfaltigkeit der Gefühle zu überblicken.

Vor allem fragt es sich, +ob es höhere Elementargefühle gibt+,

ähnlich wie es höhere Erkenntnisleistungen elementarer Natur gibt.

Wir verneinen bis auf weiteres diese Frage. Denn bis heute ist es

noch nicht gelungen, solche höhere Gefühlselemente aufzuzeigen,

ähnlich wie man Lust und Unlust aufzeigen kann. Die Unmöglichkeit,

eine befriedigende Einteilung der Gefühle vom inhaltlichen bzw.

qualitativen Gesichtspunkt aus zu gewinnen, spricht auch dafür. Die

Zahl der höheren Gefühle scheint praktisch unbegrenzt zu sein, da fast

jeder Sachverhalt ein besonderes Gefühl nach sich zieht. Neben all den

ästhetischen, religiösen, logischen Gefühlen lassen sich mit ebensoviel

Recht besondere Gefühle für jeden Stand und jede Lebenslage finden:

von einem Hochzeits- und Begräbnisgefühl kann man ebensogut reden

wie von einem Sextaner-, Quintaner-Gefühl usw. Das beweist, daß das

Charakteristische der höheren Gefühle in der Regel in dem Sachverhalt

liegt, auf den sie sich beziehen. Und wären Gefühle, die weder der

Einsicht dienen, noch -- von Lust, Unlust abgesehen -- das Streben

leiten sollen, nicht ein wahrer Luxus? Auch die von +Bain+ genannten

Eigentümlichkeiten der höheren Gefühle deuten auf ihre Zusammensetzung

und Ableitbarkeit hin. Endlich sprechen dafür pathologische Fälle,

bei denen die Einsicht in die Erfreulichkeit oder Unerfreulichkeit

eines Sachverhaltes klar erfaßt wurde, ohne daß ein merkliches Gefühl

zu beobachten war. Wie hier die körperliche Erkrankung, so weist die

Förderung und Hemmung auch höherer Gefühle durch Alkohol oder Brom

darauf hin, daß das emotionale Moment ebenso wie bei den niederen

Gefühlen in enger Berührung mit den physiologischen Vorgängen steht.

Es wird aber nicht angehen, sie einfachhin als eine Verbindung von

Sachverhaltserfassungen mit den sinnlichen Gefühlen anzusprechen.

Dem steht einerseits der bezeichnende Unterschied von Ernst- und

Phantasiegefühlen (der nur phantasierte Sachverhalt erweckt andere

Gefühle als der wirklich erlebte), anderseits das scheinbare Vorkommen

höherer Gefühle, wie Furcht, Anhänglichkeit u. ä. bei Tieren, entgegen,

denen wir bekanntlich die Sachverhaltserfassung abstreiten. Wir müssen

also einen andern Weg versuchen.

Wir sahen, Empfindungen sind zumeist von einem stärkeren oder

schwächeren Gefühlston begleitet, und zwar faßten wir die

Gefühlsreaktion nicht als eine einsichtige Antwort der Seele auf die

Empfindung, sondern als den psychischen Parallelvorgang zu einem

mit der sensorischen Erregung irgendwie funktionell verbundenen

Nervenprozeß auf. Es muß darum auch die Summe von Empfindungen zu

irgendwelcher, vielleicht algebraischen Summe von Gefühlen führen.

Zwischen den Empfindungen und den Elementen der absoluten Vorstellung

(S. 102 ff.) machten wir aber keinen Unterschied. Es wird darum

auch die Vorstellung eine Gefühlssumme mit sich bringen. Und die

Assoziation von Vorstellungen wird auch die Vermehrung der Gefühlsmasse

bedeuten. Wir glauben nun, daß aus diesen Gefühlsreserven unser ganzes

emotionales Leben gespeist wird. Also jede Gefühlserregung hätte

demnach die Mitarbeit des Reproduktionsapparates zur Voraussetzung.

Das wird weniger befremden, wenn man bedenkt, daß bei all unserer

geistigen Tätigkeit die Reproduktion weit stärker beteiligt ist, als

es die uns auffälligen Reproduktionsinhalte vermuten lassen, und wenn

man zweitens berücksichtigt, daß die zu einer Reproduktion gehörigen

Gefühle weit schneller in den Blickpunkt des Bewußtseins treten als die

sie auslösenden Vorstellungen: Sehr oft überflutet uns ein scheinbar

unbegründetes Gefühl, und wenn wir rückschauend das Bewußtsein

absuchen, finden wir bisweilen einen eben angeklungenen Namen

u. dgl., der das Lust- oder Unlustgefühl mit sich gebracht hat. Die

Bedeutung der Vorstellungen als Gefühlserreger wächst nun beim Menschen

beträchtlich durch seine Fähigkeit zur Beziehungserfassung. Nehmen wir

an, es seien ihm zwei Vorstellungen von verschiedenen unlustvollen

Sachverhalten gegenwärtig. Nur auf Grund ihrer Gleichzeitigkeit in

einem Bewußtseinszustand würden sie sich vielleicht nicht allzu eng

miteinander verknüpfen. Erfaßt das Individuum aber ihre Ähnlichkeit

oder sonstige Beziehungen zwischen den beiden Sachverhalten, so werden

sie fest miteinander assoziiert. Verknüpft sich mit beiden noch der

gemeinsame Name „Unglück“, so ist später dieses Wort imstande, den

Gefühlston beider Vorstellungen wachzurufen. So gleicht also das Gefühl

einem Strome, der um so gewaltiger ist, je zahlreicher die Flüsse und

Bächlein sind, die in ihn münden.

Wenn wir keine elementaren höheren Gefühle anerkennen, sondern die

Empfindungen die Quellen, die Empfindungskomplexe die Staubecken

aller Gefühle sein lassen, so ist damit auch die +Einteilung+

aller Gefühle für uns gegeben: Die nur durch Empfindungskomplexe

ausgelösten Gefühle bezeichnen wir als niedere, während höhere

Gefühle alle jene sind, bei denen eine Beziehungserfassung ein neues

Staubecken anschließt und eröffnet. So hat der Komplex „Mutter“

seine eigenen Gefühlsmassen. Ebenso der Komplex „Totsein“. Die

Beziehungserfassung: Mutter ist tot, bewirkt aber nicht nur eine

Summierung beider Gefühlsmassen, sondern öffnet das Staubecken

„Verlust“. So denken wir uns, in grober Schematisierung dargestellt,

das Zustandekommen der höheren Gefühle.

Auch die höheren Gefühle zerfallen in qualitativer Hinsicht nur in

die beiden Hauptgruppen der Lust- und Unlustgefühle, an die sich

allenfalls noch die gemischten Gefühle anreihen. Mustert man die

Beziehungserfassungen, durch welche eine Gefühlsmasse relaisartig

angeschlossen wird, so scheinen es nur zwei Arten zu sein: entweder

erfaßt man die +mögliche+ Förderung bzw. Beeinträchtigung des

Subjektes durch einen Gegenstand, oder die +tatsächliche+, sich

vollziehende oder schon erfolgte Förderung bzw. Beeinträchtigung.

Die erste Art der Beziehungserfassung begründet die +Wert-+,

+Unwertgefühle+, die zweite die +Gewinn-+, +Verlustgefühle+, wie

wir der Kürze halber sagen wollen. Man darf wohl annehmen, daß die

Erfahrung uns einen größeren Vorrat an Gefühlsmassen für die letztere

Beziehungserfassung zu Gebote stellt. Alle vier Gefühlsarten können

nun aus Ursachen, die später zu besprechen sind, vorübergehend oder

dauernd sein. Weiterhin können sie durch untergeordnete, aber recht

charakteristische Begleiterscheinungen ausgestattet sein. Es können

Empfindungen, insbesondere Organempfindungen, und vasomotorische

Veränderungen hinzutreten, ferner Instinktbewegungen, unwillkürliches

und willkürliches Streben, unwillkürliche und willkürliche

Ausdrucksbewegungen. Überdies können diese Begleiterscheinungen,

insoweit sie nicht willkürlich sind, sich auch mit den niederen

Gefühlen verbinden. Es ergäbe sich also folgendes Schema:

+Niedere Gefühle+ | +Höhere Gefühle+

|

Lust } aus Empfindungen | Wert-, Unwertgefühle

Unlust } und Empfindungskomplexen | Gewinn-, Verlustgefühle

Gemischte G. } | Gemischte Gefühle

|

-------------------------------------------+-------------------------

Verbinden { 1. miteinander |

sich { 2. mit Organempfindungen |

{ 3. „ Instinktreaktionen |

{ 4. „ unwillkürl. Streben |

{ 5. „ | willkürlichem Streben

{ 6. „ unwillkürlichen |

{ Ausdrucksbewegungen |

{ 7. „ | willkürlichen Handlungen

{ 8. „ Empfindungen bzw. Einsichten, die selbst nicht

gefühlsbetont sind.[9]

3. Bemerkenswerte Arten der Gefühle

Mit Recht stellt man Schein- oder Phantasie- und Ernstgefühle

gegenüber. Es ist nicht das gleiche, ob man sich über Ereignisse in

der Phantasiewelt oder über solche in der Wirklichkeit freut oder

abhärmt. Es kehren hier übrigens dieselben Betrachtungen wieder, die

bei dem Problem Wahrnehmung -- Vorstellung angestellt wurden. Der

ursprüngliche Zustand ist weder Schein noch Wirklichkeit, sondern

einfachhin die Gegebenheit. Alle Gefühle, die diese Gegebenheiten

auslösen, sind echt: der seelische Schmerz im Traum des Erwachsenen

übertrifft, da alle Hemmungen wegfallen, den im Wachzustand erlebten

oft ganz beträchtlich. Das Problem der Schein- und Ernstgefühle

besteht hier also noch nicht. Erst wenn wir Schein und Wirklichkeit

zu unterscheiden gelernt haben, sind wir fähig, Scheingefühle zu

erleben. Die erkenntnismäßige Grundlage der Ernstgefühle sind dann

echte Beziehungserfassungen, die der Scheingefühle nur Annahmen. Darum

kann auch niemals ein Scheingefühl dem Ernstgefühl gleichkommen,

weil ihm der nur durch eine echte Sachverhaltserfassung mögliche

Anschluß neuer Gefühlsmassen versagt bleibt. Und doch enthalten die

Scheingefühle mehr als die algebraische Summe der zugrunde liegenden

Empfindungskomplexe. Woher dieser Überschuß? Mit den höheren wie mit

den niederen Gefühlen verbinden sich gewisse Verhaltungsweisen: man

senkt den Blick bei Trauer, erhebt das Haupt bei Freude u. ä. m. Diese

Verhaltungsweise lernen wir durch die Erfahrung kennen und führen sie

willkürlich ein, insoweit sie sich nicht rein assoziativ von selbst

einstellt. Diese Verhaltungsweise selbst aber ist wiederum assoziativ

mit Vorstellungen von demselben Gefühlston verbunden: so oft wir diese

oder jene Verhaltungsweise einschlugen, beschäftigten uns ja fröhliche

oder traurige Dinge.

Unter den Verhaltungsweisen, die sich an Lust oder Unlust

anschließen, sind viele angeboren, manche sind sogar eigentliche

Instinkte, nur wenige sind anerzogen oder gar von dem Subjekt

absichtlich gewählt. Die Verbindung der Empfindungskomplexgefühle

mit angeborenen Verhaltungsweisen oder Instinkten täuschen nun die

Wesensgleichheit gewisser höherer menschlicher Gefühle mit denen der

+Tiere+ vor: ein Hund scheint sich in gleicher Weise zu freuen und

zu fürchten wie ein Mensch. Und doch dürfen wir ihm nach unserer

Sprechweise +keine höheren Gefühle+ zuschreiben. Es fehlt ihm

eben die Beziehungserfassung, welche Freude oder Trauer begründet

erscheinen läßt und darum dem Erlebnis neue Gefühlsströme zuleitet.

Es ist darum auch das Gefühlsleben der Tiere höchstwahrscheinlich

weniger tief als das der Menschen, wenn schon die zu Lust und Unlust

gehörenden Instinkte sich hemmungsloser und darum auch lebhafter

austoben als beim Menschen. Das Kind nähert sich in dieser Beziehung

mehr dem Tiere.

Starke Gefühle, verbunden mit einer Störung des normalen

Vorstellungsverlaufes und begleitet von merklichen körperlichen

Veränderungen, nennt man +Affekte+, die passiones der Alten. Der

Affekt setzt mit einem Gefühlsstoß ein, dann wird er zumeist stumm,

die Vorstellungen werden für Augenblicke gehemmt, um dann bei

Lust rascher zu verlaufen und bei Unlust gehemmt zu bleiben. Bei

Lustgefühlen ist sodann ein Steigen, bei Unlust ein Sinken der Pulse

zu beobachten. Bei manchen Affekten steigert sich die Muskelspannung

(sthenische Affekte), so beim Zorn, während sie beim Schreck gehemmt

wird (asthenischer Affekt). Bei sthenischen Affekten erhöht sich nach

+Wundt+ das Volum der Blutgefäße, die Pulse sind kräftig, die Atmung

heftig und unregelmäßig. Im asthenischen Affekt hingegen erscheint

die Atembewegung beschleunigt und flach, die Pulse herabgesetzt, das

Gesamtvolumen der Gefäße verringert. Einzelne Affekte haben zudem

noch ganz charakteristische Begleiterscheinungen, so die Furcht das

Herzklopfen, starker Schreck die Erschlaffung der Muskeln.

Zweifellos müssen diese organischen Begleiterscheinungen den Affekten

ein ganz eigenartiges Gepräge verleihen. Die +James-Langesche

Theorie+ der Affekte ging in ihrer Bewertung sogar so weit, in ihnen

das Wesen dieser Gemütsbewegungen zu sehen: wir weinen nicht, weil

wir traurig sind, sondern wir sind traurig, weil wir weinen. Diese

Theorie schoß in doppelter Hinsicht über das Ziel hinaus. Zunächst

übersah sie die von allen Organempfindungen wesentlich verschiedenen

Gefühlstöne der Lust und Unlust. Sodann beachtete sie nicht das

Begründungsverhältnis, das tatsächlich in jedem Affekt normalerweise

vorhanden ist: wir sind uns dessen bewußt, daß wir wirklich +wegen+

des Verlustes traurig oder +wegen+ des Gewinnes freudig sind.

Gleichwohl nähert sich unsere Auffassung der Affekte in beiden

Rücksichten wieder mehr der James-Langeschen Theorie. Da wir die

unterscheidenden Merkmale der verschiedenen höheren Gefühle nicht

in spezifischen Gefühlsqualitäten, sondern in den sie begleitenden

Bewußtseinsvorgängen suchen, schreiben wir notwendig den organischen

Erscheinungen beim Affekt eine größere Bedeutung zu. Sodann erkennen

wir zwar das Begründungsverhältnis des unbefangenen Bewußtseins an:

ich freue mich, weil ich Erfolg habe, aber wir teilen nicht die

Ausweitung dieses Zusammenhanges, die das naive Bewußtsein vornimmt.

Dem naiven Menschen erscheint die gefühlsmäßige Freude oder Trauer

ebensosehr als die unmittelbare und notwendige Antwort der Seele

auf die Einsicht in den vorausgehenden Erfolg oder Mißerfolg, wie

die Erkenntnis der Gleichheit oder Ungleichheit die unmittelbare

und notwendige Reaktion der Seele ist, wenn ihr zwei gleiche oder

verschiedene Inhalte mit der Aufgabe zu vergleichen gegeben sind. Es

braucht aber nur wenig kritischen Blick, um zu erkennen, daß zwischen

den Inhalten „Erfolg“ und „Freude“ ebensowenig ein denknotwendiger

Zusammenhang besteht wie zwischen einem Rot und dem mit ihm

kontrastierenden Grün. In der Tat kann ja auch infolge krankhafter

Störungen die normalerweise zu erwartende Gefühlsreaktion bei der

Wahrnehmung eines Erfolges oder Mißerfolges ausbleiben. Die Grundlage

zu einer jeden Gefühlsreaktion bildet eben nicht ein logischer,

sondern ein physiologischer Zusammenhang, nämlich der zwischen

Empfindung und Empfindungsgefühl.

Den Affekten stellt man die +Stimmungen+ gegenüber. Während man

unter Affekt einen stärkeren, aber akuten Seelenzustand versteht,

denkt man bei Stimmung an eine mäßigere, aber dauernde Verfassung

ähnlicher Art. Dabei ist dem Affekt der Sachverhalt, um dessentwillen

er sich entwickelt hat, gegenwärtig, während er der Stimmung wieder

entschwunden sein kann. Zumeist dürfte die Stimmung aus einem Affekt

hervorgehen. Die charakteristischen Organempfindungen pflegen nämlich

länger standzuhalten als die sie hervorrufenden Erkenntnisse, und da

sie selbst zumeist von ähnlichem Gefühlscharakter sind, rücken sie

teils immer wieder, sobald man sie beachtet, das betreffende Gefühl in

den Vordergrund des Bewußtseins, teils führen sie die Erinnerung an den

die Stimmung auslösenden Sachverhalt herbei.

Die +Leidenschaften+ sind nicht mehr den Gefühlen oder Affekten

beizuzählen. Unter Leidenschaft versteht der Sprachgebrauch vielmehr

ein vorherrschendes Interesse, das stark genug ist, um zu schwierigen,

gelegentlich auch zu wenig überlegten Handlungen anzutreiben.

Das Vorhandensein von +Gefühlsdispositionen+ zeigt sich darin, daß

einzelne Individuen zu bestimmten Gefühlen mehr hinneigen als andere.

Die Ursache hiervon wird an physiologischen Zuständen liegen. Es läßt

sich denken, daß die beiden Funktionsweisen des nervösen Apparates,

an welche Lust bzw. Unlust gebunden ist, nicht bei jedem Individuum

gleich gut entwickelt seien. Sodann können abnorme Körperzustände

dauernd eine gewisse Menge einseitig gefühlsbetonter Empfindungen

liefern und somit eine Steigerung der Gefühle in der einen oder

der anderen Richtung veranlassen. So sind Schwindsüchtige mehr

zur Heiterkeit, Diabetiker zur Verdrossenheit disponiert. Endlich

dürfen auch die psychischen Dispositionen nicht übersehen werden.

Wer sehr viel Leid erfahren hat, dem stehen mit diesen Erinnerungen

ebensoviele Quellen zu Unlustgefühlen zur Verfügung.

4. Gesetzmäßigkeiten des Gefühlslebens

Nach unserer Auffassung sind die höheren Gefühle etwas sehr

Kompliziertes. Man wird darum bei ihnen auch keine einfachen und klar

umschriebenen Gesetze erwarten dürfen. Außerdem werden sich diese

Gesetze häufiger auf den dem Gefühle zugrunde liegenden Sachverhalt als

auf das emotionale Moment beziehen.

Das +Kontrastgesetz+: ein Gefühl wird durch sein Kontrastgefühl

gesteigert. Die Lust am warmen, erleuchteten Zimmer wird gesteigert

durch die Wahrnehmung des unfreundlichen Wetters; die Unlust über

solches Wetter, durch welches man marschieren muß, infolge des

Anblickes einer gemütlichen Wohnung. Man erkennt hier leicht, daß bei

solchen Kontrasten auch ganz neue Sachverhalte erfaßt werden, die dann

ihrerseits den Zuwachs des Lust- oder Unlustgefühles verschulden. --

Der +Folgesatz+: eine Reihe von Lust- oder Unlustgefühlen bedeutet nur

dann eine merkliche Steigerung des betreffenden Gefühles, wenn jedesmal

ein stärkeres Gefühl erzeugt wird. Der Satz gilt zweifellos nur im

allgemeinen und ist in der Hauptsache wohl psychologisch durch die

Herabsetzung der Bewertung häufig erscheinender Dinge zu erklären, wenn

auch die Abstumpfung gegen den Gefühlston, die er auch voraussetzt,

physiologisch bedingt sein muß.

Experimentelle Psychologie · 第 21 / 30 段