es ist zweifellos leichter, irgendeine Stadt Deutschlands zu
nennen, als eine Stadt mit 85300 Einwohnern. Anderseits schien sich
die Beobachtung +Achs+ bei den verschiedensten Versuchen immer
wieder zu bestätigen. Eine genauere Betrachtung der betreffenden
Versuchserlebnisse dürfte indes Klarheit schaffen. Da +Ach+ in den
det. T. eigenartige Vorgänge erblickte, trug er kein Bedenken, so
verschiedene Tätigkeiten, wie das Aussprechen irgendeiner sinnlosen
Silbe und das Reimen zu einer schon gegebenen Silbe, unmittelbar
miteinander zu vergleichen. Wir erkennen die Eigenart der det.
T. nicht an, müssen darum auf die verschiedenen Erlebnisse selbst
eingehen. Da finden wir nun, daß die genannten zwei Reaktionsweisen
sehr verschiedene Erlebnisse sind: in dem einen Falle ist reproduktiv
eine ganze Silbe herbeizuschaffen, in dem andern braucht nur ein
einziger Konsonant gefunden zu werden, der, als Anfangskonsonant
in die schon gebotene sinnlose Silbe eingesetzt, unmittelbar die
geforderte Reimsilbe liefert. Es ist somit nicht zu verwundern, wenn
diese speziellere Aufgabe rascher und sicherer gelöst wird als die
allgemeinere, mit irgendeiner Silbe zu antworten. Es können also
nur gleichartige Aufgaben miteinander verglichen werden, etwa die
Aufgabe zu reproduzieren. Hier bewährt sich nun das Achsche Gesetz
sehr deutlich, während anderseits der obige Einwand in voller Kraft
bestehen bleibt. Beide Umstände lassen sich nun folgendermaßen in
Einklang bringen, und zwar ohne Verwertung von det. Tendenzen.
Jede Aufgabe kann als antizipierendes Schema für einen geforderten
Reproduktionsprozeß gelten, muß ja doch wenigstens eine bestimmte
Verhaltungsweise reproduziert werden. Je spezieller nun eine Aufgabe
ist, um so reichhaltiger ist das antizipierende Schema, ein um so
wirksameres Reproduktionsmotiv gewährt es für die Ausführung der
Aufgabe. Allerdings stellt auch jene besondere Seite der Aufgabe eine
Bedingung, der die Lösung genügen muß, und diese Bedingungen sind
nicht immer gleich leicht zu erfüllen.
Berücksichtigt man alle diese Umstände, so läßt sich das Gesetz der
speziellen Determination folgendermaßen aussprechen: Die spezielle
Determination wird schneller und sicherer verwirklicht, insofern sie
induktionskräftige, konvergierende Reproduktionsmotive bietet und nicht
geläufigere Reproduktionen ausschließt. Es ist also im Grunde ein
Reproduktionsgesetz, nicht ein Willensgesetz. Da es aber namentlich für
die Willensleitung von besonderem Werte ist, findet es in dem Kapitel
über den Willen eine passende Stelle.
3. Die Messung der Willenskraft. Das assoziative Äquivalent
+Ach+ hatte den fruchtbaren Gedanken, der Verwirklichung einer
Absicht Hindernisse in den Weg zu legen und an der Überwindung dieser
Hindernisse die Willenskraft zu messen. Hat eine Vp ein Paar sinnloser
Silben fest eingeprägt, so geht von der ersten der erlernten Silben
eine starke Reproduktionstendenz zur zweiten. So oft die Vp die
erste Silbe hört oder ausspricht, ist sie versucht, auch die zweite
auszusprechen. Hat sie nun die Aufgabe übernommen, auf die zugerufene
Silbe mit einem Reim oder mit einer gänzlich neuen Silbe zu antworten,
so werden, meinte +Ach+, zwei Tendenzen miteinander in Widerstreit
geraten. Die Reproduktionstendenz sucht die hinzugelernte Silbe
herbeizuführen, die aus der Aufgabe stammende det. Tendenz hingegen
sucht die Lösung der Aufgabe zu bewirken. Die stärkere Tendenz von
beiden wird siegen. Da man nun die Reproduktionstendenz durch Häufung
der Wiederholungen des einzuprägenden Silbenpaares in beliebiger
Stärke herstellen kann, so wird sich ein Stärkegrad schaffen lassen,
demgegenüber auch das energischste Wollen versagt und die Aufgabe durch
die obsiegende Reproduktion vereitelt wird: das assoziative Äquivalent
der Determination bzw. der Willenskraft ist erreicht, ein Maß für
die Willenskraft ist somit gefunden. -- Der überaus einleuchtende
Gedankengang +Achs+ schien durch die Ergebnisse der Versuche bestätigt
zu werden: in der Regel ließ sich durch die Verstärkung der Assoziation
eine so kräftige Reproduktionstendenz erzeugen, daß der redlichste
Vorsatz der Vpn an ihr zuschanden ward. Nur einige wenige Vpn
verstanden es, trotz stärkster Reproduktionstendenzen ihren Willen
durchzusetzen, und zwar merkwürdigerweise ohne besonders energische
Willensanstrengung.
Konnten wir schon die +Ach+sche Voraussetzung zur Messung der
Willensstärke, nämlich die Eigenart der det. Tendenz, nicht anerkennen,
so muß der zuletzt erwähnte Umstand uns erst recht skeptisch machen.
Prüft man darum das Verhalten der Vpn näher, so ergibt sich, daß man
es in beiden Fällen mit einem ganz verschiedenen Benehmen zu tun hat:
die Vpn, bei denen das assoziative Äquivalent erreicht wird, fassen
in der Vorperiode des Versuches ihren Vorsatz, bemühen sich dann aber
nicht, ihn im Bewußtsein zu halten, sondern überlassen sich dann
ganz dem Eindruck der Versuchssituation und den von ihr geweckten
Reproduktionstendenzen; andere hingegen halten ihren Entschluß, wenn
auch noch so schwach, bewußt und können darum die auftauchenden
Reproduktionstendenzen leicht unterdrücken. Wie neuere Untersuchungen
(+Lewin+, +Sigmar+) gelehrt haben, kommen diese Reproduktionstendenzen
trotz des Vorsatzes überhaupt nicht auf, wenn es gelingt, die Vp
abzulenken. Es mißt also das assoziative Äquivalent gar nicht
die Willenskraft, sondern höchstens das Stärkeverhältnis zweier
Reproduktionstendenzen, nämlich der von der Einprägung bedingten und
der von dem Vorsatz in derselben assoziativen Weise grundgelegten
Reproduktionstendenz.
+Selz+ hat den Versuchen +Achs+ gegenüber gemeint, die Willenskraft
sei überhaupt auf einem ganz anderen Gebiet zu erproben als auf
dem der Ausführung eines Vorsatzes: die erstmalige Setzung eines
Entschlusses sei der Ort, wo sich die Willenskraft bewähre. In der
Tat scheint es einen stärkeren Willen zu erfordern, sich zu einer
Arbeit oder gar zu einem Leiden zu entschließen, als zu einem
Vergnügen. Der erste Eindruck spricht allerdings dafür, daß in jenen
Fällen eine größere Willensintensität wirksam werde. Sieht man aber
genauer zu, so rührt dieser Eindruck zum Teil daher, daß man bei der
Übernahme unlustvoller Dinge gern äußere Ausdrucksbewegungen von
größerer Intensität zuhilfe nimmt, wie krampfhafte Muskelbewegungen.
Sie können gewiß den inneren Willensakt nicht zu einem intensiveren
gestalten und werden auch von rechten Künstlern des Wollens lieber
vermieden. Zum andern Teil rührt der Eindruck daher, daß nach dem
einmaligen Entschluß zum Opfer sich die unangenehme Seite immer
wieder von neuem aufdrängt und zur Zurücknahme des Entschlusses
bewegen möchte, wie man sich auch umgekehrt einen solchen Entschluß
erleichtern kann, wenn man den Blick unverwandt auf den für das
Opfer sprechenden Beweggrund richtet. Auf jeden Fall läßt sich auf
die besagte Weise ein gewaltsamer Willensakt umgehen. Versuche des
Verfassers über den Entschluß zum Unliebsamen sprechen entschieden
gegen das Vorhandensein und die Bedeutung intensiver Willensakte.
Unser Wollen scheint somit nicht einem kräftigen Hammerschlag,
sondern einer sicheren Weichenstellung oder einer Einschaltung
eines Kontaktes vergleichbar zu sein, wozu auch keine besondere
Kraft benötigt wird. Die gesamte Willensstärke dürfte in der
Bereitstellung kräftiger Beweggründe und in einer geschickten Lenkung
der Aufmerksamkeit beruhen. Damit lassen sich manche Tatsachen
befriedigend erklären. So der Umstand, daß die Willensstärke keinem
Alter oder Geschlecht allein vorbehalten bleibt, oder die andere, daß
Menschen, die auf einem Gebiet sehr willensstark sind, auf anderen
völlig versagen: nicht die vorhandene oder mangelnde Willensstärke,
sondern die bereitstehenden oder fehlenden Motive geben den Schlüssel
zum Verständnis solch widerspruchsvollen Verhaltens.
3. Kap. Die Willenshandlung als Folge des Willensaktes
1. Die äußere Willenshandlung
Es war ein dornenvolles Problem für die Assoziationspsychologie, wie
auf den in Vorstellungen oder Gefühle aufgelösten Willensakt die
erwünschte äußere Bewegung folgen könnte. Da verrieten experimentelle
Untersuchungen, daß man kaum einen anschaulichen Gegenstand
oder gar eine Bewegung vorstellen könne, ohne völlig unbewußte
Bewegungen auszuführen, die dem vorgestellten Objekt entsprechen.
Man stellte also den Satz auf: jede Vorstellung hat die Tendenz,
eine Bewegung hervorzurufen oder gar das von ihr gemeinte Objekt zu
verwirklichen. Das Problem wäre dann nicht darin zu suchen, daß auf
die Zielvorstellung eine Bewegung folgt, sondern eher darin, warum
nicht auf jede Vorstellung hin eine Bewegung eintritt. Indes setzen
alle Fälle einer durch eine Vorstellung ausgelösten (ideomotorischen)
Bewegung schon eine Übung in dieser Bewegung voraus. Nur wenn eine
Vorstellung häufig von einer Bewegung gefolgt war, hat sie die
Tendenz, eine solche wieder hervorzurufen. Es ist das somit nur ein
Sonderfall des allgemeinen Assoziationsgesetzes. Man käme auch von
diesem Standpunkt aus zu den merkwürdigsten Folgerungen: Zunächst
würde der tatsächlich vorhandene Willensakt gänzlich bedeutungslos.
Sodann müßte die innere Verbindung zwischen Vorstellung und Handlung
erklärt werden. Man hat dies durch eine Ähnlichkeitsassoziation zu
erreichen versucht. Aber worin soll die Ähnlichkeit beider bestehen?
Gewiß nicht in ihrer psychologischen Natur; denn die Vorstellung
einer Bewegung ist etwas ganz anderes als die Bewegung selbst. Es
bleibt also nur eine Ähnlichkeit zwischen dem Inhalt, der Bedeutung
der Vorstellung und der Handlung. Allein ganz abgesehen davon,
daß das Gesetz der Ähnlichkeitsassoziation so nicht zu verstehen
ist, erwächst so die neue Schwierigkeit, warum denn nicht jegliche
Bedeutung zur Verwirklichung dieser Bedeutung führt, warum insbesondere
gewisse einfachste Bewegungen auch beim entschiedensten Willen und
bei unversehrtem Bewegungsapparat nicht zu verwirklichen sind, man
denke an die willkürliche Bewegung der Ohren. Hier bliebe nur die
Annahme einer zuvor angelegten Verbindung zwischen Vorstellungen und
Bewegungen möglich, womit dann freilich die wissenschaftliche Erklärung
ihr Ende erreicht hätte. Allerdings die eben genannte Tatsache, daß
viele Menschen gewisse Bewegungen, zu denen sie an sich befähigt sind,
trotz besten Willens nicht auszuführen vermögen, beweist anderseits,
daß die Willenshandlung mit dem bloßen Hinweis auf die bestehende
Willensabsicht nicht erklärbar ist.
Vor jedem Erklärungsversuch wird es sich empfehlen, eine Übersicht
über +die verschiedenen Arten der Bewegungen+ zu geben, die
zu unserem Seelenleben in Beziehung stehen. Zunächst sind die
+Reflexbewegungen+ zu berücksichtigen. Einige von diesen, wie die
Verdauungs- und Herzbewegungen, vollziehen sich ganz unabhängig
von unserem Bewußtsein. Wir bemerken sie höchstens, wenn sie
krankhaft gestört sind. Andere Reflexbewegungen, wie das Niesen,
der unwillkürliche Lidschluß, treten erst dann ein, wenn ein
entsprechender Reiz gewisse Empfindungen auslöst. Dennoch ist
die Reflexbewegung in ihrem Eintritt in der Regel von unserem
Willen ganz unabhängig; höchstens können wir einzelne von ihnen
indirekt durch Einführung oder Beachtung anderer Reize hemmen.
Alle Reflexbewegungen sind angeboren. Schon beim kleinen Kind sind
sie zu beobachten: bei Lichteinfall schließen sich krampfhaft die
Augenlider, bei Berührung des Handtellers ballt sich die Faust,
süße Geschmacksreize rufen Schlucken, bittere das Öffnen des Mundes
oder gar das Ausstoßen der Reize hervor. Über den Reflexbewegungen
stehen die +Instinktbewegungen+. Darunter „versteht man komplizierte
Bewegungen, die von Anfang an, d. i. ohne vorausgehende Übung,
wohlgeordnet ausgeführt werden und in hohem Grade den Stempel
der objektiven Zweckmäßigkeit an sich tragen“ (+Bühler+). Solche
Instinktbewegungen sind uns aus dem Leben der Tiere sehr wohl
bekannt: der Nestbau der Tiere, ihre Verteidigungskünste u. ä. Auch
der Mensch verfügt über Instinktbewegungen, doch sind sie bei ihm
verhältnismäßig gering an Zahl und einfach. Sie dienen hauptsächlich
dem Ernährungs- und dem Atmungsprozeß. Auch die Instinktbewegungen
sind angeboren. Ihre Verbindung mit dem Bewußtsein ist jedoch enger
als die der Reflexe. Die Instinktbewegungen treten erst dann auf,
wenn bestimmte innere oder äußere Reize sich im Bewußtsein geltend
machen. Das junge Entchen beginnt zu schwimmen, sobald es zum Wasser
kommt, und die Nahrungsaufnahme des Tieres wird beendet, sobald sich
die Sättigungsempfindungen einstellen. Die Instinkthandlungen sind
auch dadurch vom Bewußtsein abhängig, daß sie von dem erwachsenen
Menschen leicht willkürlich unterdrückt und beim Tier durch die
Dressur gehemmt werden können[10].
Von beiden Gruppen sind die eigentlichen Willkürhandlungen wesentlich
verschieden. Sie sind vor allem nicht als solche angeboren, sondern
müssen neu erlernt werden; sie liegen nicht in ihrem Verlauf fest,
so daß auf bestimmte Eindrücke hin eine bestimmte Bewegungsfolge
erschiene. Allerdings erlauben auch die Instinktbewegungen der Tiere,
namentlich der höheren, eine gewisse Anpassung: nicht nur ein fest
umrissener Eindruck, sondern auch ein diesem nur ähnlicher vermag
innerhalb gewisser Grenzen den Instinkt auszulösen, und auch dieser
hat eine gewisse Variationsbreite. Gleichwohl herrscht doch eine
unverkennbare Einförmigkeit der Handlungsweise. Bei den gewollten
Bewegungsfolgen aber wird für jede neue Lage ein anderes Verhalten
eingeschlagen. Wird endlich eine erlernte Bewegung durch ausgedehnte
Übung sehr geläufig, so entzieht sie sich wieder dem Bewußtsein mehr
und mehr, sie wird automatisch.
Aus dieser Übersicht der Bewegungen geht hervor, daß das oben
aufgeworfene Problem: wie kommt es vom Willensakt zur gewollten
Bewegung, nur für die dritte Art der Bewegungen gilt. Die heute
allgemein angenommene Beantwortung des Problems ist nun diese:
Von Geburt aus stehen dem Kind eine Anzahl von Reflex- und
Instinktbewegungen zu Gebote, die es auf einzelne Reize hin ausübt und
dann aus Spielfreude unzähligemale wiederholt. Jede Bewegung hinterläßt
nun eine Vorstellung von sich, und diese Vorstellung assoziiert sich
physiologisch mit den motorischen Erregungen, die zur Bewegung führen.
Und zwar wird diese Assoziation in beiden Richtungen ausgebildet: von
der Bewegung zum Bewegungsbild und umgekehrt. Dieses Bewegungsbild
kann ein kinästhetisches im engeren Sinne sein (S. 63) oder auch ein
optisches Bild. Sobald das Kind einmal die Vorstellung von seinen
Bewegungen erlangt hat, können diese Ziel seines Wollens werden. +Es
will die Bewegung+, und dieses innerliche Wollen, diese Hinwendung
zur Bewegungsvorstellung versetzt diese nach unserer Annahme in die
Möglichkeit, den assoziativen Prozeß von der Bewegungsvorstellung zur
motorischen Erregung einzuleiten. Soweit wäre die einfache und als
solche schon angeborene Bewegung verständlich. Die nichtangeborenen
Bewegungen lassen sich nun als Zusammensetzungen aus angeborenen
auffassen. Sie werden dem Kinde teils von seiner Umgebung beigebracht,
teils mehr zufällig von ihm erworben. Das Schema des Vorganges ist
ganz das gleiche wie zuvor. Nur daß wir statt einer einfachen eine
zusammengesetzte Bewegungsvorstellung oder, wenn man lieber will,
die Vorstellung einer zusammengesetzten Bewegung einführen müssen.
So erklären sich die beiden wichtigen Tatsachen: einmal die zum Teil
recht mühsame Erlernung neuer Bewegungen, die nur durch zahlreiche
Wiederholungen geläufig werden und sich in dieser Beziehung geradeso
wie andere Gedächtnisleistungen verhalten; sodann die Unmöglichkeit,
gewisse einfache Bewegungen auszuführen, zu denen zwar der motorische
Apparat vorhanden wäre, die aber als solche nicht angeboren sind. Es
fehlt in letzterem Falle eben die Bewegungsvorstellung, das assoziative
Bindeglied zwischen Willensakt und motorischer Erregung. Sobald dieses
herbeigeschafft ist, und es läßt sich herbeischaffen, werden auch
solche Bewegungen erlernt.
Man hat nun heiß darüber gestritten, welchem Sinnesgebiet die
Bewegungsvorstellung angehöre. Zunächst glaubte man sie unter den
im engeren Sinne kinästhetisch zu nennenden Vorstellungen suchen
zu müssen. Die experimentelle Selbstbeobachtung entdeckte indes
kaum etwas von diesen Vorstellungen. Auch das optische Bild unserer
Muskelbewegungen, an das man an zweiter Stelle dachte, tritt nur
verhältnismäßig selten auf, zumeist nur, wenn es sich um ungewohnte
Bewegungen handelt. Sehr häufig werden die äußeren Handlungen durch
die Betonung dieser Vorstellungen eher gehemmt, dagegen gelingen
sie in der Regel am besten, wenn man sich nur mit dem äußeren zu
erreichenden Effekt befaßt. Manche Autoren wollten darum überhaupt
die Bedeutung der Bewegungsvorstellungen anzweifeln. Allein da hat
man mit ungeeigneten Waffen gekämpft. Das steht auf jeden Fall fest,
daß von der Vorstellung des Endzieles zu seiner Verwirklichung
kein direkter Weg führt. Sonst müßte jeder Normale beliebig die
Ohren bewegen können. Ferner darf man nicht übersehen, daß alle
diesbezüglichen experimentellen Untersuchungen an Erwachsenen und
deren geläufigen Bewegungen angestellt wurden. Vielleicht geht man
hier synthetisch sicherer voran. Zweifellos haben wir kinästhetische
Empfindungen und dementsprechend bei den verschiedenen Bewegungen
eindeutig verschiedene Komplexe solcher kinästhetischer Empfindungen.
Es liegt nun durchaus kein Grund vor, daß diese kinästhetischen
Empfindungskomplexe nicht ebenso wie alle anderen Empfindungen später
als Vorstellungen reproduzierbar seien. Außer diesen kinästhetischen
Vorstellungen erwerben wir aber auch die mit ihnen sich assoziierenden
optischen Bewegungsvorstellungen, die Vorstellungen von den Namen
dieser Bewegungen und die von der Wirkung, dem Ziel solcher Bewegungen.
Alle diese Bilder sind miteinander assoziativ verbunden. Soll nun eine
eingeübte Bewegung ausgeführt werden, so empfiehlt es sich, nur das
Endziel im Auge zu haben: der geschickte Tennisspieler denkt nicht an
den Schlag, den er demnächst ausführen will, sondern an die Stelle,
wohin er den aufgefangenen Ball senden muß. Die an die Vorstellung von
dem Endziel gebundenen weiteren Vorstellungen sind gut assoziiert und
werden sich ganz von selbst der Reihe nach einfinden; eine besondere
Aufmerksamkeitsrichtung auf sie könnte den Ablauf ebenso stören,
wie es das Aufsagen eines gut erlernten Gedichtes stört, wenn man
auf die Einzelheiten der Worte achtet. Dennoch sind die optischen
und kinästhetischen Vorstellungen, die sich an die Zielvorstellung
anreihen, nicht überflüssig. Denn wird die beabsichtigte Bewegung ein
wenig gestört, so kann sich die Aufmerksamkeit ihnen zuwenden und die
richtige Weiterführung der Bewegung vermitteln. Vielleicht beruht
aber die Hauptbedeutung, namentlich der kinästhetischen Vorstellung,
in folgendem. Besitzen wir von irgendeiner Erscheinung geläufige
Vorstellungen, so werden diese ins Bewußtsein gerufen, sobald sich jene
Erscheinung aufs neue zeigt. Damit ist die Möglichkeit geboten, die
wiederholte Erscheinung mit der Vorstellung von ihr zu vergleichen,
oder wenigstens ein Abweichen beider als etwas irgendwie Befremdliches
zu verspüren. Durch diese Differenzen, die wir gar nicht als solche zu
erkennen brauchen, werden wir also auf die Einzelheiten der Bewegung
aufmerksam gemacht, sobald sich ihre Ausführung von ihrer Vorlage
entfernt, und können somit durch Hinwendung unserer Aufmerksamkeit
eine Entgleisung verhüten. Nach dieser Auffassung dienen sonach die
kinästhetischen Vorstellungen der feinsten, die optischen der gröberen
Korrektur der jeweils vollzogenen Bewegungen.
Das wird bestätigt durch einige Beobachtungen aus der Pathologie.
Sind die Lageempfindungen gestört, so können bisweilen die Kranken
das betreffende Glied nicht bewegen. Ein solcher Kranker läßt z. B.
Gegenstände, die er in der Hand hat, fallen, sobald er nicht auf
seinen Arm schaut. Offenbar können die kinästhetischen Vorstellungen,
die zur entsprechenden motorischen Erregung hinleiten, auf doppeltem
Wege geweckt werden: durch die kinästhetischen Empfindungen und
durch die optischen Vorstellungen. Wären aber die kinästhetischen
Vorstellungen überflüssig und könnte die motorische Erregung ebenso
leicht durch die optischen Vorstellungen ausgelöst werden, so
verstünde man nicht, wie bei der Ataxie der Ausfall oder die Störung
der kinästhetischen Empfindungen die wohlbekannte Bewegung so sehr
beeinträchtigen könnte. Für die Auslösung der Bewegung wären sie
ja überflüssig. Sie könnten also nur noch der feineren Kontrolle
dienen. Dann müßte aber das optische Bild der Bewegung mit dem durch
die jeweiligen Lageempfindungen erzeugten kinästhetischen verglichen
werden, ein Vorgang, der weder durch die Selbstbeobachtung bekundet
wird, noch der sonst herrschenden Zweckmäßigkeit des psychischen
Lebens entspricht. Gegen die kinästhetischen Vorstellungen darf man
auch nicht geltend machen, sie ließen sich nicht ins Gedächtnis
zurückrufen. Neuere Beobachtungen haben uns Vorstellungen kennen
gelehrt, die sich nur wenig über die Bewußtseinsschwelle erheben und
nur unter ganz besonderen Verhältnissen überhaupt zu entdecken sind.
Vermutlich gehören die kinästhetischen Vorstellungen zu ihnen: man
wird „den Faden finden“ müssen, um sie überhaupt ans Licht zu ziehen,
ähnlich wie man oft die Worte eines Liedes nur von der Melodie aus
reproduzieren kann.
Literatur
H. +Liepmann+, Die Störungen des Handelns bei Gehirnkranken. 1905.
J. +Lindworsky+, Der Wille. 3. Aufl. 1923.
2. Die innere Willenshandlung
a) Die Aufmerksamkeitsbewegung
Die Lehre von der Aufmerksamkeit ist trotz zahlreicher Untersuchungen
immer noch eines der unbefriedigendsten Kapitel der experimentellen
Psychologie. Wenn wir sie bei der Psychologie der Willenshandlung
unterbringen, so glauben wir nicht, daß jede Aufmerksamkeitserscheinung
als innere Willenshandlung aufzufassen sei, wir hoffen aber
von hier aus einen sicheren Zugang zum Verständnis aller
Aufmerksamkeitserlebnisse zu gewinnen, da sich die wichtigsten von
ihnen nur als Willensäußerungen erklären lassen.
1) +Begriff und Arten der Aufmerksamkeit.+ Die Aufmerksamkeit
spielt eine so große Rolle im täglichen Leben, daß jedermann
einen hinreichenden Begriff von ihr besitzt. Die Inhalte, die
wir mit Aufmerksamkeit bedenken, werden der Mittelpunkt unseres
Bewußtseinslebens. Ihr Gegenteil, die Zerstreutheit, läßt keine innere
Sammlung, kein Verharren bei dem nämlichen Gegenstand aufkommen.
Sie ist mit der berühmten Zerstreutheit des Gelehrten nicht zu
verwechseln, die in Wahrheit ein sehr hoher Grad der Aufmerksamkeit
zu sein pflegt, sich aber nicht auf jene Dinge richtet, mit denen es
der „Zerstreute“ gerade äußerlich zu tun hat. -- Hinsichtlich des
Gegenstandes, dem sich die Aufmerksamkeit zuwendet, unterscheidet man
die sinnliche von der geistigen Aufmerksamkeit, eine Unterscheidung,
die in anderem Zusammenhang auch auf die sinnliche oder die geistige
Erkenntnisfähigkeit bezogen wird, die aufmerksam ist. Weit geläufiger
und bedeutsamer ist die Unterscheidung einer willkürlichen und einer
unwillkürlichen Aufmerksamkeit. Die willkürliche wird bisweilen
auch der aktiven, die unwillkürliche der passiven Aufmerksamkeit
gleichgesetzt, womit allerdings der Theorie schon namhaft vorgegriffen
ist.