Gegen dieses Gesetz hat man den einleuchtenden Einwand erhoben:

es ist zweifellos leichter, irgendeine Stadt Deutschlands zu

nennen, als eine Stadt mit 85300 Einwohnern. Anderseits schien sich

die Beobachtung +Achs+ bei den verschiedensten Versuchen immer

wieder zu bestätigen. Eine genauere Betrachtung der betreffenden

Versuchserlebnisse dürfte indes Klarheit schaffen. Da +Ach+ in den

det. T. eigenartige Vorgänge erblickte, trug er kein Bedenken, so

verschiedene Tätigkeiten, wie das Aussprechen irgendeiner sinnlosen

Silbe und das Reimen zu einer schon gegebenen Silbe, unmittelbar

miteinander zu vergleichen. Wir erkennen die Eigenart der det.

T. nicht an, müssen darum auf die verschiedenen Erlebnisse selbst

eingehen. Da finden wir nun, daß die genannten zwei Reaktionsweisen

sehr verschiedene Erlebnisse sind: in dem einen Falle ist reproduktiv

eine ganze Silbe herbeizuschaffen, in dem andern braucht nur ein

einziger Konsonant gefunden zu werden, der, als Anfangskonsonant

in die schon gebotene sinnlose Silbe eingesetzt, unmittelbar die

geforderte Reimsilbe liefert. Es ist somit nicht zu verwundern, wenn

diese speziellere Aufgabe rascher und sicherer gelöst wird als die

allgemeinere, mit irgendeiner Silbe zu antworten. Es können also

nur gleichartige Aufgaben miteinander verglichen werden, etwa die

Aufgabe zu reproduzieren. Hier bewährt sich nun das Achsche Gesetz

sehr deutlich, während anderseits der obige Einwand in voller Kraft

bestehen bleibt. Beide Umstände lassen sich nun folgendermaßen in

Einklang bringen, und zwar ohne Verwertung von det. Tendenzen.

Jede Aufgabe kann als antizipierendes Schema für einen geforderten

Reproduktionsprozeß gelten, muß ja doch wenigstens eine bestimmte

Verhaltungsweise reproduziert werden. Je spezieller nun eine Aufgabe

ist, um so reichhaltiger ist das antizipierende Schema, ein um so

wirksameres Reproduktionsmotiv gewährt es für die Ausführung der

Aufgabe. Allerdings stellt auch jene besondere Seite der Aufgabe eine

Bedingung, der die Lösung genügen muß, und diese Bedingungen sind

nicht immer gleich leicht zu erfüllen.

Berücksichtigt man alle diese Umstände, so läßt sich das Gesetz der

speziellen Determination folgendermaßen aussprechen: Die spezielle

Determination wird schneller und sicherer verwirklicht, insofern sie

induktionskräftige, konvergierende Reproduktionsmotive bietet und nicht

geläufigere Reproduktionen ausschließt. Es ist also im Grunde ein

Reproduktionsgesetz, nicht ein Willensgesetz. Da es aber namentlich für

die Willensleitung von besonderem Werte ist, findet es in dem Kapitel

über den Willen eine passende Stelle.

3. Die Messung der Willenskraft. Das assoziative Äquivalent

+Ach+ hatte den fruchtbaren Gedanken, der Verwirklichung einer

Absicht Hindernisse in den Weg zu legen und an der Überwindung dieser

Hindernisse die Willenskraft zu messen. Hat eine Vp ein Paar sinnloser

Silben fest eingeprägt, so geht von der ersten der erlernten Silben

eine starke Reproduktionstendenz zur zweiten. So oft die Vp die

erste Silbe hört oder ausspricht, ist sie versucht, auch die zweite

auszusprechen. Hat sie nun die Aufgabe übernommen, auf die zugerufene

Silbe mit einem Reim oder mit einer gänzlich neuen Silbe zu antworten,

so werden, meinte +Ach+, zwei Tendenzen miteinander in Widerstreit

geraten. Die Reproduktionstendenz sucht die hinzugelernte Silbe

herbeizuführen, die aus der Aufgabe stammende det. Tendenz hingegen

sucht die Lösung der Aufgabe zu bewirken. Die stärkere Tendenz von

beiden wird siegen. Da man nun die Reproduktionstendenz durch Häufung

der Wiederholungen des einzuprägenden Silbenpaares in beliebiger

Stärke herstellen kann, so wird sich ein Stärkegrad schaffen lassen,

demgegenüber auch das energischste Wollen versagt und die Aufgabe durch

die obsiegende Reproduktion vereitelt wird: das assoziative Äquivalent

der Determination bzw. der Willenskraft ist erreicht, ein Maß für

die Willenskraft ist somit gefunden. -- Der überaus einleuchtende

Gedankengang +Achs+ schien durch die Ergebnisse der Versuche bestätigt

zu werden: in der Regel ließ sich durch die Verstärkung der Assoziation

eine so kräftige Reproduktionstendenz erzeugen, daß der redlichste

Vorsatz der Vpn an ihr zuschanden ward. Nur einige wenige Vpn

verstanden es, trotz stärkster Reproduktionstendenzen ihren Willen

durchzusetzen, und zwar merkwürdigerweise ohne besonders energische

Willensanstrengung.

Konnten wir schon die +Ach+sche Voraussetzung zur Messung der

Willensstärke, nämlich die Eigenart der det. Tendenz, nicht anerkennen,

so muß der zuletzt erwähnte Umstand uns erst recht skeptisch machen.

Prüft man darum das Verhalten der Vpn näher, so ergibt sich, daß man

es in beiden Fällen mit einem ganz verschiedenen Benehmen zu tun hat:

die Vpn, bei denen das assoziative Äquivalent erreicht wird, fassen

in der Vorperiode des Versuches ihren Vorsatz, bemühen sich dann aber

nicht, ihn im Bewußtsein zu halten, sondern überlassen sich dann

ganz dem Eindruck der Versuchssituation und den von ihr geweckten

Reproduktionstendenzen; andere hingegen halten ihren Entschluß, wenn

auch noch so schwach, bewußt und können darum die auftauchenden

Reproduktionstendenzen leicht unterdrücken. Wie neuere Untersuchungen

(+Lewin+, +Sigmar+) gelehrt haben, kommen diese Reproduktionstendenzen

trotz des Vorsatzes überhaupt nicht auf, wenn es gelingt, die Vp

abzulenken. Es mißt also das assoziative Äquivalent gar nicht

die Willenskraft, sondern höchstens das Stärkeverhältnis zweier

Reproduktionstendenzen, nämlich der von der Einprägung bedingten und

der von dem Vorsatz in derselben assoziativen Weise grundgelegten

Reproduktionstendenz.

+Selz+ hat den Versuchen +Achs+ gegenüber gemeint, die Willenskraft

sei überhaupt auf einem ganz anderen Gebiet zu erproben als auf

dem der Ausführung eines Vorsatzes: die erstmalige Setzung eines

Entschlusses sei der Ort, wo sich die Willenskraft bewähre. In der

Tat scheint es einen stärkeren Willen zu erfordern, sich zu einer

Arbeit oder gar zu einem Leiden zu entschließen, als zu einem

Vergnügen. Der erste Eindruck spricht allerdings dafür, daß in jenen

Fällen eine größere Willensintensität wirksam werde. Sieht man aber

genauer zu, so rührt dieser Eindruck zum Teil daher, daß man bei der

Übernahme unlustvoller Dinge gern äußere Ausdrucksbewegungen von

größerer Intensität zuhilfe nimmt, wie krampfhafte Muskelbewegungen.

Sie können gewiß den inneren Willensakt nicht zu einem intensiveren

gestalten und werden auch von rechten Künstlern des Wollens lieber

vermieden. Zum andern Teil rührt der Eindruck daher, daß nach dem

einmaligen Entschluß zum Opfer sich die unangenehme Seite immer

wieder von neuem aufdrängt und zur Zurücknahme des Entschlusses

bewegen möchte, wie man sich auch umgekehrt einen solchen Entschluß

erleichtern kann, wenn man den Blick unverwandt auf den für das

Opfer sprechenden Beweggrund richtet. Auf jeden Fall läßt sich auf

die besagte Weise ein gewaltsamer Willensakt umgehen. Versuche des

Verfassers über den Entschluß zum Unliebsamen sprechen entschieden

gegen das Vorhandensein und die Bedeutung intensiver Willensakte.

Unser Wollen scheint somit nicht einem kräftigen Hammerschlag,

sondern einer sicheren Weichenstellung oder einer Einschaltung

eines Kontaktes vergleichbar zu sein, wozu auch keine besondere

Kraft benötigt wird. Die gesamte Willensstärke dürfte in der

Bereitstellung kräftiger Beweggründe und in einer geschickten Lenkung

der Aufmerksamkeit beruhen. Damit lassen sich manche Tatsachen

befriedigend erklären. So der Umstand, daß die Willensstärke keinem

Alter oder Geschlecht allein vorbehalten bleibt, oder die andere, daß

Menschen, die auf einem Gebiet sehr willensstark sind, auf anderen

völlig versagen: nicht die vorhandene oder mangelnde Willensstärke,

sondern die bereitstehenden oder fehlenden Motive geben den Schlüssel

zum Verständnis solch widerspruchsvollen Verhaltens.

3. Kap. Die Willenshandlung als Folge des Willensaktes

1. Die äußere Willenshandlung

Es war ein dornenvolles Problem für die Assoziationspsychologie, wie

auf den in Vorstellungen oder Gefühle aufgelösten Willensakt die

erwünschte äußere Bewegung folgen könnte. Da verrieten experimentelle

Untersuchungen, daß man kaum einen anschaulichen Gegenstand

oder gar eine Bewegung vorstellen könne, ohne völlig unbewußte

Bewegungen auszuführen, die dem vorgestellten Objekt entsprechen.

Man stellte also den Satz auf: jede Vorstellung hat die Tendenz,

eine Bewegung hervorzurufen oder gar das von ihr gemeinte Objekt zu

verwirklichen. Das Problem wäre dann nicht darin zu suchen, daß auf

die Zielvorstellung eine Bewegung folgt, sondern eher darin, warum

nicht auf jede Vorstellung hin eine Bewegung eintritt. Indes setzen

alle Fälle einer durch eine Vorstellung ausgelösten (ideomotorischen)

Bewegung schon eine Übung in dieser Bewegung voraus. Nur wenn eine

Vorstellung häufig von einer Bewegung gefolgt war, hat sie die

Tendenz, eine solche wieder hervorzurufen. Es ist das somit nur ein

Sonderfall des allgemeinen Assoziationsgesetzes. Man käme auch von

diesem Standpunkt aus zu den merkwürdigsten Folgerungen: Zunächst

würde der tatsächlich vorhandene Willensakt gänzlich bedeutungslos.

Sodann müßte die innere Verbindung zwischen Vorstellung und Handlung

erklärt werden. Man hat dies durch eine Ähnlichkeitsassoziation zu

erreichen versucht. Aber worin soll die Ähnlichkeit beider bestehen?

Gewiß nicht in ihrer psychologischen Natur; denn die Vorstellung

einer Bewegung ist etwas ganz anderes als die Bewegung selbst. Es

bleibt also nur eine Ähnlichkeit zwischen dem Inhalt, der Bedeutung

der Vorstellung und der Handlung. Allein ganz abgesehen davon,

daß das Gesetz der Ähnlichkeitsassoziation so nicht zu verstehen

ist, erwächst so die neue Schwierigkeit, warum denn nicht jegliche

Bedeutung zur Verwirklichung dieser Bedeutung führt, warum insbesondere

gewisse einfachste Bewegungen auch beim entschiedensten Willen und

bei unversehrtem Bewegungsapparat nicht zu verwirklichen sind, man

denke an die willkürliche Bewegung der Ohren. Hier bliebe nur die

Annahme einer zuvor angelegten Verbindung zwischen Vorstellungen und

Bewegungen möglich, womit dann freilich die wissenschaftliche Erklärung

ihr Ende erreicht hätte. Allerdings die eben genannte Tatsache, daß

viele Menschen gewisse Bewegungen, zu denen sie an sich befähigt sind,

trotz besten Willens nicht auszuführen vermögen, beweist anderseits,

daß die Willenshandlung mit dem bloßen Hinweis auf die bestehende

Willensabsicht nicht erklärbar ist.

Vor jedem Erklärungsversuch wird es sich empfehlen, eine Übersicht

über +die verschiedenen Arten der Bewegungen+ zu geben, die

zu unserem Seelenleben in Beziehung stehen. Zunächst sind die

+Reflexbewegungen+ zu berücksichtigen. Einige von diesen, wie die

Verdauungs- und Herzbewegungen, vollziehen sich ganz unabhängig

von unserem Bewußtsein. Wir bemerken sie höchstens, wenn sie

krankhaft gestört sind. Andere Reflexbewegungen, wie das Niesen,

der unwillkürliche Lidschluß, treten erst dann ein, wenn ein

entsprechender Reiz gewisse Empfindungen auslöst. Dennoch ist

die Reflexbewegung in ihrem Eintritt in der Regel von unserem

Willen ganz unabhängig; höchstens können wir einzelne von ihnen

indirekt durch Einführung oder Beachtung anderer Reize hemmen.

Alle Reflexbewegungen sind angeboren. Schon beim kleinen Kind sind

sie zu beobachten: bei Lichteinfall schließen sich krampfhaft die

Augenlider, bei Berührung des Handtellers ballt sich die Faust,

süße Geschmacksreize rufen Schlucken, bittere das Öffnen des Mundes

oder gar das Ausstoßen der Reize hervor. Über den Reflexbewegungen

stehen die +Instinktbewegungen+. Darunter „versteht man komplizierte

Bewegungen, die von Anfang an, d. i. ohne vorausgehende Übung,

wohlgeordnet ausgeführt werden und in hohem Grade den Stempel

der objektiven Zweckmäßigkeit an sich tragen“ (+Bühler+). Solche

Instinktbewegungen sind uns aus dem Leben der Tiere sehr wohl

bekannt: der Nestbau der Tiere, ihre Verteidigungskünste u. ä. Auch

der Mensch verfügt über Instinktbewegungen, doch sind sie bei ihm

verhältnismäßig gering an Zahl und einfach. Sie dienen hauptsächlich

dem Ernährungs- und dem Atmungsprozeß. Auch die Instinktbewegungen

sind angeboren. Ihre Verbindung mit dem Bewußtsein ist jedoch enger

als die der Reflexe. Die Instinktbewegungen treten erst dann auf,

wenn bestimmte innere oder äußere Reize sich im Bewußtsein geltend

machen. Das junge Entchen beginnt zu schwimmen, sobald es zum Wasser

kommt, und die Nahrungsaufnahme des Tieres wird beendet, sobald sich

die Sättigungsempfindungen einstellen. Die Instinkthandlungen sind

auch dadurch vom Bewußtsein abhängig, daß sie von dem erwachsenen

Menschen leicht willkürlich unterdrückt und beim Tier durch die

Dressur gehemmt werden können[10].

Von beiden Gruppen sind die eigentlichen Willkürhandlungen wesentlich

verschieden. Sie sind vor allem nicht als solche angeboren, sondern

müssen neu erlernt werden; sie liegen nicht in ihrem Verlauf fest,

so daß auf bestimmte Eindrücke hin eine bestimmte Bewegungsfolge

erschiene. Allerdings erlauben auch die Instinktbewegungen der Tiere,

namentlich der höheren, eine gewisse Anpassung: nicht nur ein fest

umrissener Eindruck, sondern auch ein diesem nur ähnlicher vermag

innerhalb gewisser Grenzen den Instinkt auszulösen, und auch dieser

hat eine gewisse Variationsbreite. Gleichwohl herrscht doch eine

unverkennbare Einförmigkeit der Handlungsweise. Bei den gewollten

Bewegungsfolgen aber wird für jede neue Lage ein anderes Verhalten

eingeschlagen. Wird endlich eine erlernte Bewegung durch ausgedehnte

Übung sehr geläufig, so entzieht sie sich wieder dem Bewußtsein mehr

und mehr, sie wird automatisch.

Aus dieser Übersicht der Bewegungen geht hervor, daß das oben

aufgeworfene Problem: wie kommt es vom Willensakt zur gewollten

Bewegung, nur für die dritte Art der Bewegungen gilt. Die heute

allgemein angenommene Beantwortung des Problems ist nun diese:

Von Geburt aus stehen dem Kind eine Anzahl von Reflex- und

Instinktbewegungen zu Gebote, die es auf einzelne Reize hin ausübt und

dann aus Spielfreude unzähligemale wiederholt. Jede Bewegung hinterläßt

nun eine Vorstellung von sich, und diese Vorstellung assoziiert sich

physiologisch mit den motorischen Erregungen, die zur Bewegung führen.

Und zwar wird diese Assoziation in beiden Richtungen ausgebildet: von

der Bewegung zum Bewegungsbild und umgekehrt. Dieses Bewegungsbild

kann ein kinästhetisches im engeren Sinne sein (S. 63) oder auch ein

optisches Bild. Sobald das Kind einmal die Vorstellung von seinen

Bewegungen erlangt hat, können diese Ziel seines Wollens werden. +Es

will die Bewegung+, und dieses innerliche Wollen, diese Hinwendung

zur Bewegungsvorstellung versetzt diese nach unserer Annahme in die

Möglichkeit, den assoziativen Prozeß von der Bewegungsvorstellung zur

motorischen Erregung einzuleiten. Soweit wäre die einfache und als

solche schon angeborene Bewegung verständlich. Die nichtangeborenen

Bewegungen lassen sich nun als Zusammensetzungen aus angeborenen

auffassen. Sie werden dem Kinde teils von seiner Umgebung beigebracht,

teils mehr zufällig von ihm erworben. Das Schema des Vorganges ist

ganz das gleiche wie zuvor. Nur daß wir statt einer einfachen eine

zusammengesetzte Bewegungsvorstellung oder, wenn man lieber will,

die Vorstellung einer zusammengesetzten Bewegung einführen müssen.

So erklären sich die beiden wichtigen Tatsachen: einmal die zum Teil

recht mühsame Erlernung neuer Bewegungen, die nur durch zahlreiche

Wiederholungen geläufig werden und sich in dieser Beziehung geradeso

wie andere Gedächtnisleistungen verhalten; sodann die Unmöglichkeit,

gewisse einfache Bewegungen auszuführen, zu denen zwar der motorische

Apparat vorhanden wäre, die aber als solche nicht angeboren sind. Es

fehlt in letzterem Falle eben die Bewegungsvorstellung, das assoziative

Bindeglied zwischen Willensakt und motorischer Erregung. Sobald dieses

herbeigeschafft ist, und es läßt sich herbeischaffen, werden auch

solche Bewegungen erlernt.

Man hat nun heiß darüber gestritten, welchem Sinnesgebiet die

Bewegungsvorstellung angehöre. Zunächst glaubte man sie unter den

im engeren Sinne kinästhetisch zu nennenden Vorstellungen suchen

zu müssen. Die experimentelle Selbstbeobachtung entdeckte indes

kaum etwas von diesen Vorstellungen. Auch das optische Bild unserer

Muskelbewegungen, an das man an zweiter Stelle dachte, tritt nur

verhältnismäßig selten auf, zumeist nur, wenn es sich um ungewohnte

Bewegungen handelt. Sehr häufig werden die äußeren Handlungen durch

die Betonung dieser Vorstellungen eher gehemmt, dagegen gelingen

sie in der Regel am besten, wenn man sich nur mit dem äußeren zu

erreichenden Effekt befaßt. Manche Autoren wollten darum überhaupt

die Bedeutung der Bewegungsvorstellungen anzweifeln. Allein da hat

man mit ungeeigneten Waffen gekämpft. Das steht auf jeden Fall fest,

daß von der Vorstellung des Endzieles zu seiner Verwirklichung

kein direkter Weg führt. Sonst müßte jeder Normale beliebig die

Ohren bewegen können. Ferner darf man nicht übersehen, daß alle

diesbezüglichen experimentellen Untersuchungen an Erwachsenen und

deren geläufigen Bewegungen angestellt wurden. Vielleicht geht man

hier synthetisch sicherer voran. Zweifellos haben wir kinästhetische

Empfindungen und dementsprechend bei den verschiedenen Bewegungen

eindeutig verschiedene Komplexe solcher kinästhetischer Empfindungen.

Es liegt nun durchaus kein Grund vor, daß diese kinästhetischen

Empfindungskomplexe nicht ebenso wie alle anderen Empfindungen später

als Vorstellungen reproduzierbar seien. Außer diesen kinästhetischen

Vorstellungen erwerben wir aber auch die mit ihnen sich assoziierenden

optischen Bewegungsvorstellungen, die Vorstellungen von den Namen

dieser Bewegungen und die von der Wirkung, dem Ziel solcher Bewegungen.

Alle diese Bilder sind miteinander assoziativ verbunden. Soll nun eine

eingeübte Bewegung ausgeführt werden, so empfiehlt es sich, nur das

Endziel im Auge zu haben: der geschickte Tennisspieler denkt nicht an

den Schlag, den er demnächst ausführen will, sondern an die Stelle,

wohin er den aufgefangenen Ball senden muß. Die an die Vorstellung von

dem Endziel gebundenen weiteren Vorstellungen sind gut assoziiert und

werden sich ganz von selbst der Reihe nach einfinden; eine besondere

Aufmerksamkeitsrichtung auf sie könnte den Ablauf ebenso stören,

wie es das Aufsagen eines gut erlernten Gedichtes stört, wenn man

auf die Einzelheiten der Worte achtet. Dennoch sind die optischen

und kinästhetischen Vorstellungen, die sich an die Zielvorstellung

anreihen, nicht überflüssig. Denn wird die beabsichtigte Bewegung ein

wenig gestört, so kann sich die Aufmerksamkeit ihnen zuwenden und die

richtige Weiterführung der Bewegung vermitteln. Vielleicht beruht

aber die Hauptbedeutung, namentlich der kinästhetischen Vorstellung,

in folgendem. Besitzen wir von irgendeiner Erscheinung geläufige

Vorstellungen, so werden diese ins Bewußtsein gerufen, sobald sich jene

Erscheinung aufs neue zeigt. Damit ist die Möglichkeit geboten, die

wiederholte Erscheinung mit der Vorstellung von ihr zu vergleichen,

oder wenigstens ein Abweichen beider als etwas irgendwie Befremdliches

zu verspüren. Durch diese Differenzen, die wir gar nicht als solche zu

erkennen brauchen, werden wir also auf die Einzelheiten der Bewegung

aufmerksam gemacht, sobald sich ihre Ausführung von ihrer Vorlage

entfernt, und können somit durch Hinwendung unserer Aufmerksamkeit

eine Entgleisung verhüten. Nach dieser Auffassung dienen sonach die

kinästhetischen Vorstellungen der feinsten, die optischen der gröberen

Korrektur der jeweils vollzogenen Bewegungen.

Das wird bestätigt durch einige Beobachtungen aus der Pathologie.

Sind die Lageempfindungen gestört, so können bisweilen die Kranken

das betreffende Glied nicht bewegen. Ein solcher Kranker läßt z. B.

Gegenstände, die er in der Hand hat, fallen, sobald er nicht auf

seinen Arm schaut. Offenbar können die kinästhetischen Vorstellungen,

die zur entsprechenden motorischen Erregung hinleiten, auf doppeltem

Wege geweckt werden: durch die kinästhetischen Empfindungen und

durch die optischen Vorstellungen. Wären aber die kinästhetischen

Vorstellungen überflüssig und könnte die motorische Erregung ebenso

leicht durch die optischen Vorstellungen ausgelöst werden, so

verstünde man nicht, wie bei der Ataxie der Ausfall oder die Störung

der kinästhetischen Empfindungen die wohlbekannte Bewegung so sehr

beeinträchtigen könnte. Für die Auslösung der Bewegung wären sie

ja überflüssig. Sie könnten also nur noch der feineren Kontrolle

dienen. Dann müßte aber das optische Bild der Bewegung mit dem durch

die jeweiligen Lageempfindungen erzeugten kinästhetischen verglichen

werden, ein Vorgang, der weder durch die Selbstbeobachtung bekundet

wird, noch der sonst herrschenden Zweckmäßigkeit des psychischen

Lebens entspricht. Gegen die kinästhetischen Vorstellungen darf man

auch nicht geltend machen, sie ließen sich nicht ins Gedächtnis

zurückrufen. Neuere Beobachtungen haben uns Vorstellungen kennen

gelehrt, die sich nur wenig über die Bewußtseinsschwelle erheben und

nur unter ganz besonderen Verhältnissen überhaupt zu entdecken sind.

Vermutlich gehören die kinästhetischen Vorstellungen zu ihnen: man

wird „den Faden finden“ müssen, um sie überhaupt ans Licht zu ziehen,

ähnlich wie man oft die Worte eines Liedes nur von der Melodie aus

reproduzieren kann.

Literatur

H. +Liepmann+, Die Störungen des Handelns bei Gehirnkranken. 1905.

J. +Lindworsky+, Der Wille. 3. Aufl. 1923.

2. Die innere Willenshandlung

a) Die Aufmerksamkeitsbewegung

Die Lehre von der Aufmerksamkeit ist trotz zahlreicher Untersuchungen

immer noch eines der unbefriedigendsten Kapitel der experimentellen

Psychologie. Wenn wir sie bei der Psychologie der Willenshandlung

unterbringen, so glauben wir nicht, daß jede Aufmerksamkeitserscheinung

als innere Willenshandlung aufzufassen sei, wir hoffen aber

von hier aus einen sicheren Zugang zum Verständnis aller

Aufmerksamkeitserlebnisse zu gewinnen, da sich die wichtigsten von

ihnen nur als Willensäußerungen erklären lassen.

1) +Begriff und Arten der Aufmerksamkeit.+ Die Aufmerksamkeit

spielt eine so große Rolle im täglichen Leben, daß jedermann

einen hinreichenden Begriff von ihr besitzt. Die Inhalte, die

wir mit Aufmerksamkeit bedenken, werden der Mittelpunkt unseres

Bewußtseinslebens. Ihr Gegenteil, die Zerstreutheit, läßt keine innere

Sammlung, kein Verharren bei dem nämlichen Gegenstand aufkommen.

Sie ist mit der berühmten Zerstreutheit des Gelehrten nicht zu

verwechseln, die in Wahrheit ein sehr hoher Grad der Aufmerksamkeit

zu sein pflegt, sich aber nicht auf jene Dinge richtet, mit denen es

der „Zerstreute“ gerade äußerlich zu tun hat. -- Hinsichtlich des

Gegenstandes, dem sich die Aufmerksamkeit zuwendet, unterscheidet man

die sinnliche von der geistigen Aufmerksamkeit, eine Unterscheidung,

die in anderem Zusammenhang auch auf die sinnliche oder die geistige

Erkenntnisfähigkeit bezogen wird, die aufmerksam ist. Weit geläufiger

und bedeutsamer ist die Unterscheidung einer willkürlichen und einer

unwillkürlichen Aufmerksamkeit. Die willkürliche wird bisweilen

auch der aktiven, die unwillkürliche der passiven Aufmerksamkeit

gleichgesetzt, womit allerdings der Theorie schon namhaft vorgegriffen

ist.

Experimentelle Psychologie · 第 23 / 30 段