wurden, wenn sie assoziativ Vorstellungen früherer Erlebnisse
wachriefen. Aber nehmen wir auch an, von dem Bild des früheren
Erlebnisses führe eine lückenlose Reihe anderer Erlebnisvorstellungen
bis auf meine gegenwärtige Situation, so hätte ich in dieser
Vorstellungskette doch noch nicht das zeitliche Moment, wenn es
nicht von vornherein in jeder einzelnen Vorstellung wäre. Es
könnte ja eine solche Bilderreihe reine Phantasie sein, und wie
soll man spontan auftretende Phantasiebilder von Erinnerungen
unterscheiden, wenn nicht gerade durch den zeitlichen Charakter?
Darum hilft auch der Lösungsversuch +Claparèdes+ u. a. nichts, die
Bekanntheit in der Verbindung mit dem Ich zu suchen. Denn auch
die Phantasievorstellungen können aufs innigste mit dem Ich des
Bewußtseins verbunden sein.
Das Rätsel des Sicherinnerns läßt sich lösen, wenn man zwei Faktoren
berücksichtigt, welche die bisherige Diskussion außer acht ließ: das
Beziehungswissen und das Zeiterleben. Lassen wir einen Ton für einen
Augenblick erklingen, so ist die in uns geweckte Tonempfindung nicht
mit dem Aufhören des physikalischen Reizes schon verschwunden; sie
steht noch im unmittelbaren Gedächtnis, und wir können ihr allmähliches
Verlöschen beobachten. Die einzelnen Stadien dieses Verlöschens sind
uns nicht diskontinuierlich wie mikroskopische Schnitte gegeben,
sondern wir erleben das Verlöschen des Klangbildes kontinuierlich
mit: wir erleben es, daß der Eindruck, der stark war, schwach wird
(vgl. S. 130 f.). In solchen anschaulichen Zeiterlebnissen erfassen
wir die Zusammenhangsrelation: zu einer Bewußtseinserscheinung
von eigenartiger Schwäche, Verblasenheit usw. gehört eine andere,
lebhaftere, aus der jene schwache hervorging. Aus der Verallgemeinerung
dieser Erfahrungen werden Eigentümlichkeiten wie die Verblasenheit
von Bewußtseinserscheinungen zu einem Kriterium der Zugehörigkeit zu
einem anderen Eindruck, aus dem sie hervorgingen, d. h. eben zu einem
Kriterium der Vergangenheit.
Zu diesen +Fundamentalkriterien+ treten im Verlauf der Entwicklung
andere hinzu, die sich in der Regel mit ihnen vereint finden. So die
relative Festigkeit einer Erinnerungsvorstellung gegenüber einer
Phantasievorstellung, die Möglichkeit, von der Erinnerungsvorstellung
bis auf die augenblickliche Lage des Subjektes eine geschlossene
Bildreihe herzustellen, die Tatsache, daß Erwartungen, die von
Erinnerungsvorstellungen geweckt werden, sich durch die folgende
Wahrnehmung bestätigen, endlich das eigenartige Vertrautheitsgefühl,
das Erinnerungsvorstellungen häufig begleitet. G. E. +Müller+ hat aus
den Selbstbeobachtungen bei Gedächtnisversuchen eine erstaunliche
Menge derartiger Kriterien gesammelt. Die meisten dieser +Kriterien+
dürften +sekundärer Natur+ sein. Es können also die verschiedenen
älteren Erklärungsversuche nebeneinander bestehen, nur weisen sie
nicht auf den Kernpunkt, die Entstehung des Zeitmerkmales in einer
Vorstellung hin.
Das +Wiedererkennen+ verhält sich zur Erinnerung ähnlich wie die
Begründung zum Schluß. Nehmen wir einen früher gesehenen Gegenstand
wahr, so weckt sein Bild vielleicht die Vorstellung von jener
ersten Wahrnehmung, und zwar erscheint nach dem Gesagten jene
Wahrnehmungssituation als mein früheres Erlebnis. Die Identität des
Gegenstandes ist uns dabei implizite gegeben, und wir wissen deshalb:
der in der Wahrnehmung vor mir stehende Gegenstand ist derselbe,
mit dem ich es schon einmal, und zwar bei jener Gelegenheit, zu tun
hatte. Aus solchen ausführlichen Wiedererkennungsvorgängen lernen
wir die mit ihnen regelmäßig verbundenen Begleiterscheinungen als
+Kriterien der Bekanntheit+ kennen. Noch bevor die ausführliche
Wiedererkennung eintritt, verspüren wir die eigenartigen Zustände
der einsetzenden Reproduktion (man denke an den Zustand, den wir
durchmachen, wenn uns ein gesuchter Name „auf der Zunge liegt“),
schwache Lustgefühle, eine merkwürdige Steigerung unseres Interesses
für jenen Gegenstand. Da solche Erlebnisse in der Regel von dem
Wiedererkennen gefolgt sind, werden sie uns selbst zu den Symptomen der
Bekanntheit (+Bekanntheitsqualität+). Aber nur darum, weil sich mit
ihnen das Beziehungswissen verbindet: solche Zustände sind die Wirkung
bekannter Eindrücke, vermitteln sie uns das Bekanntheitsbewußtsein.
Ohne ein solches Wissen käme es höchstens wie beim Tier zu einer
besonderen Weise der Reaktion, wie sie gewohnten und darum zumeist auch
lustbetonten Eindrücken gegenüber zu beobachten ist.
Nach unserer Darlegung müßte in der Entwicklung des Menschen zuerst
die Erinnerung und dann das Wiedererkennen auftreten. Es wird schwer
sein, dies beim Kinde festzustellen, da zweifellos beim Kinde die
soeben genannten, auch beim Tier zu beobachtenden Reaktionsweisen
gegenüber gewohnten Dingen zuerst einsetzen und ein Wiedererkennen
vorzutäuschen imstande sind.
Auch unsere Erklärung der Erinnerung wie des Wiedererkennens greift
auf die +Reproduktionsvorgänge+ zurück. Das könnte bedenklich
erscheinen, weil Reproduktion und Erinnerung verschiedenen
Gesetzmäßigkeiten folgen. Allein die Leistung ist in beiden
Fällen eine ganz andere: die Reproduktion hat einen bestimmten
Vorstellungsinhalt selbst vorzuführen; mit Stellvertretern, Symptomen
u. dgl. ist ihr nicht gedient. Das Wiedererkennen hingegen hat ein
Beziehungswissen zu wecken und kann sich dazu mannigfacher Symptome
bedienen. Und drittens können diese Symptome -- wohl nach einer
allgemeinen Gesetzmäßigkeit der Beziehungserlebnisse (vgl. S. 178)
-- schon wirksam werden, wenn sie eben die Bewußtseinsschwelle
überschritten haben, während eine Reproduktionsaufgabe in diesem
Zustande noch nicht als gelöst gelten kann.
2. Erinnerungstäuschungen
Reproduktion früherer Eindrücke, anhebende Reproduktionen, Gefühle, die
durch letztere angeregt werden, Beziehungserfassungen, Reproduktion
eines Beziehungswissens und endlich, was bisher noch nicht genannt
wurde, Beurteilungen und Schlüsse auf Grund mannigfacher Kriterien
können zusammenwirken, um eine Vorstellung als Bild eines früheren
Erlebnisses oder einen neuen Eindruck als die Wahrnehmung eines
bekannten Gegenstandes erscheinen zu lassen. Von jedem einzelnen dieser
Faktoren wissen wir nun, daß er gelegentlich versagen kann, und dürfen
darum erwarten, daß aus solchem Versagen Erinnerungstäuschungen bzw.
Erinnerungsausfälle entstehen.
Klingen die Reproduktionstendenzen an, ist aber die vollständige
Reproduktion behindert, so erscheint uns ein Gegenstand bekannt,
aber wir wissen nicht, „wo wir ihn hintun sollen“. Werden auch die
ersten Ansätze zur Reproduktion nicht lebendig, so halten wir den
Gegenstand für neu. Wir können aber anderswoher wissen, daß der
betreffende Gegenstand uns doch bekannt sein muß, und so mag das
eigenartige +Fremdfinden+ bedingt sein: spricht man ein geläufiges
Wort der Muttersprache oftmals rasch hintereinander aus, so klingt es
mit einemmal merkwürdig fremd und sinnlos. Vermutlich werden durch
das rasche Aufsagen die mit dem Wort assoziierten Vorstellungen
nicht mehr angeregt, entsprechend dem allgemeinen Gesetz der
Bahnung; das Wort besagt uns also nichts mehr, während wir doch
gleichzeitig wissen, daß es einen Sinn hat. Die sog. Entfremdung der
Wahrnehmungswelt dürfte jedoch damit nur teilweise erklärt sein.
Dem Ausfall der Erinnerung steht deren Fälschung gegenüber.
Man könnte füglich eine teilweise und eine vollständige
unterscheiden. Bei der +teilweisen Fälschung+ vermischen sich
infolge der Konstellation fremde Vorstellungselemente mit der
Erinnerungsvorstellung. Tragen diese eingeschobenen Elemente keine
von der Erinnerungsvorstellung stark abweichenden Züge, so werden
auch sie als Bilder früherer Erlebnisse genommen, namentlich wenn
die Gesamtvorstellung unmittelbar als Erinnerung aufgefaßt wird.
Findet eine eigentliche Beurteilung, ob wirklich erlebt oder
nicht, statt, so wird es unter anderem auch von der Begabung des
Individuums abhängen, ob es einer Erinnerungstäuschung verfällt oder
nicht. Kinder unterliegen deshalb leichter diesen Täuschungen als
Erwachsene. Bei ihnen kommt auch die totale Erinnerungsfälschung in
der Form der Phantasielügen häufig vor: während sie am Erzählen sind,
drängt sich ihnen das Phantasiebild mit der gleichen Leichtigkeit
und Klarheit wie das Erinnerungsbild auf und wird darum als solches
ausgegeben. Wegen ihrer reicheren Phantasiebegabung sind darum auch
Frauen derartigen Täuschungen mehr ausgesetzt als Männer.
Eine andere Art der Erinnerungsanomalie täuscht nicht hinsichtlich
des Inhaltes, sondern des +Aktes+: ein neuer Eindruck erscheint
fälschlich als bekannt. Namentlich in pathologischen Fällen wird die
Bekanntheitsqualität durch neue Eindrücke ausgelöst, +ohne daß+ der
Kranke von der Neuheit der Eindrücke überzeugt ist. (Reduplizierende
Paramnesie.) Anders bei dem oft besprochenen +déjà vu+: obwohl wir
genau wissen, daß die Lage, in der wir uns augenblicklich befinden,
völlig neu ist, haben wir doch den überwältigenden Eindruck, genau
das gleiche schon einmal erlebt zu haben. Bekanntlich stützt
sich die Lehre von der Seelenwanderung mit Vorliebe auf solche
Erlebnisse. Die allgemeine Erklärung dieser Erscheinung ist wohl
folgende: Durch irgendeinen Umstand wird der Bekanntheitseindruck
hervorgerufen, während wir doch gleichzeitig, auf andere Gründe
gestützt, genau wissen, daß wir zum erstenmal dies erleben. Ist der
Bekanntheitseindruck von einem lebhaften Gefühl begleitet, so mag er
durch einen ganz nebensächlichen Zug an dem Erlebnis ausgelöst sein,
er wird sich über das Gesamterlebnis ausbreiten und dieses selbst
als bekannt erscheinen lassen. Nach meinen bisherigen Beobachtungen
möchte ich zwei Arten des déjà vu unterscheiden: Bei der ersten regt
ein (nebensächlicher) Zug der Wahrnehmung eine Reproduktion an, die
weiter nicht beachtet wird, aber das Bekanntheitsgefühl auslöst, das
fälschlich auf das Gesamterlebnis bezogen wird. Diese Fälle sind
niemals so überraschend wie die alsbald zu besprechenden. Es gelingt
auch häufig, den Reproduktionsvorgang rückschauend festzustellen.
Dementsprechend zeigen sich allmähliche Übergänge von dem falschen
Wiedererkennen zu der ganz normalen Reproduktion im Anschluß an eine
Wahrnehmung. Die andere Art habe ich vor Jahren zum erstenmal auf
Grund einer zuverlässigen Beobachtung beschrieben (ArPs 15 [1909])
und kann sie heute durch neue Beobachtungen sicherstellen. Das
Schema des ganzen Vorganges ist dieses: Eine flüchtige Wahrnehmung
wird unterbrochen oder eine alsbald erfolgende Wahrnehmung wird
in der Vorstellung vorweggenommen. Darauf tritt eine Ablenkung
ein, durch die der Bewußtseinszusammenhang bei dem ermüdeten oder
psychasthenischen Individuum für einen Augenblick abgebrochen wird.
-- Die nervöse Erschöpfung ist nach den Untersuchungen +Heymans+
eine besonders günstige Vorbedingung des falschen Wiedererkennens,
weshalb auch diese Erscheinung in der Pubertätszeit besonders häufig
ist. -- Gleich nach der kurzen Ablenkung wendet man sich wieder der
Wahrnehmung zu. Da somit derselbe Bewußtseinsinhalt wiederkehrt,
der unmittelbar vor der Ablenkung uns beschäftigte, erscheint das
Erlebnis als bekannt, ohne daß wir den Bekanntheitseindruck erklären
können, während wir anderseits sehr wohl wissen: die Situation ist
neu. Ein Beispiel. Ich gehe mit einigen Begleitern einen Gartenweg
entlang. „Haben Sie schon gehört ...“, beginnt einer von ihnen und
kündigt eine mir sehr wohl bekannte Geschichte an, die mir nunmehr
als Ganzes im Bewußtsein steht. Weil sie mich aber langweilt, befasse
ich mich beim Weitergehen mit den Blumen am Wege. Als wir nun am Ende
des Weges umkehren wollen, erlebe ich ein ganz ausgesprochenes déjà
vu, und zwar besagt es: genau diese individuelle Situation mit all
ihren Einzelheiten hast du schon erlebt. Da ich damals schon meine
Theorie der Fausse Reconnaissance veröffentlicht hatte, besinne
ich mich darauf, wo eine Wiederholung eines Teiles der Wahrnehmung
vorliege, finde jedoch keine und stelle mit Bedauern fest, daß die
Theorie hier versage. Erst nach einiger Zeit kommt mir der Augenblick
wieder zu Bewußtsein, wo die Erzählung angekündigt worden war. Die
Erklärung des Phänomens lag nun zutage. Bei der Ankündigung der
Erzählung hatte ich sie in der Vorstellung vorweggenommen. Dann wurde
ich durch das Betrachten der Blumenbeete abgelenkt. Als ich am Ende
des Weges wohl oder übel wieder einen Teil der Erzählung anhören
mußte, wurde die Eingangssituation reproduktiv angeregt, konnte aber
infolge einer an diesem Tage sehr merklichen Schlaffheit, sowie
wegen der unmittelbar vorausgegangenen Ablenkung nicht hinreichend
reproduziert werden, weshalb ein unerklärliches Bekanntheitsgefühl
verspürt wurde, das sich nach Art aller Gefühle auf die gesamte Lage
verbreitete. Wegen der augenblicklichen Reproduktionsstörung konnte
natürlich auch die das ganze Erlebnis bedingende Eingangslage nicht
sofort wieder bewußt werden, die Theorie mußte für den Augenblick
als unzureichend erscheinen, wodurch eine ganz vorzügliche Kontrolle
der Zuverlässigkeit der Beobachtung gegeben war. Die wichtige
Voraussetzung dieser Erklärung, daß durch die vorstellungsmäßige
Vorwegnahme einer Wahrnehmung schon ein Bekanntheitseindruck bedingt
wird, läßt sich übrigens experimentell nachweisen.
Literatur
M. +Rosenberg+, Über die Erinnerungstäuschungen usw. ZPaPs 1 (1912).
3. Die Aussage
Ein wichtiges Anwendungsgebiet unseres Problems hat eingehende
experimentelle Untersuchung erfahren, die Zeugenaussage. Man ließ
Kinder und Erwachsene Bilder betrachten oder zuvor verabredeten
Begebenheiten beiwohnen und teils unmittelbar darauf, teils nach
bestimmter Frist frei über das Erfahrene berichten, sowie in einem
sorgfältig vorbereiteten Verhör entsprechende Fragen beantworten.
Die Erinnerungstäuschungen, die hierbei unterliefen, waren nun
überraschend zahlreich. Allgemeingültige Zahlenwerte lassen sich
begreiflicherweise nicht anführen, da die Fehlermenge sich ebensowohl
mit dem Subjekt wie mit dem Gegenstand wie endlich mit der Art der
Aussage ändert. Im allgemeinen gilt etwa folgendes: Ein Zeugnis
ist niemals im ganzen zu bewerten, da auch ein zuverlässiger Zeuge
Erinnerungstäuschungen unterworfen ist. Der unbeeinflußte Bericht
kann bisweilen genau sein, von einem Verhör darf man das nie
erwarten. Fragt man, wie in den Versuchen, nach +allen+ Einzelheiten
eines Erlebnisses, so darf man mit ungefähr einem Drittel falscher
Antworten rechnen. Die Fehlerzahl steigt, wenn die Fragen eine
bestimmte Antwort nahelegen (Suggestivfragen), namentlich bei
Kindern. Kinderaussagen sind überhaupt nur mit größter Vorsicht
zu veranlassen und zu bewerten. Werden dieselben Fragen in einem
Verhör wiederholt, so wächst die Zahl der Antworten, aber auch die
der Fehler. Hinsichtlich des zu berichtenden Vorfalles gilt, daß
Aussagen über Vorgänge nur dann zuverlässig sind, wenn die Vorgänge
mit Aufmerksamkeit und ohne zu große Gemütsbeteiligung beobachtet
wurden. Aussagen über Nebenumstände sind überhaupt von fraglichem
Wert, namentlich über Farben, Zeit- und Größenverhältnisse. Diese
Versuche bestätigen sehr hübsch die theoretisch bedeutsame Tatsache,
daß uns keine gesonderten Erinnerungsvorstellungen zu Gebote stehen,
sondern daß alle unsere Vorstellungen zu Erinnerungen werden können,
je nachdem sie sich mit den Kriterien der Erinnerungen auszustatten
vermögen.
+Die Aussage+ ist aber mehr als eine Erinnerung. Sie ist +ein
Urteil+, das gleichzeitig über den vorgestellten Sachverhalt
abgegeben wird, daß man ihn eben erlebt habe. Es hängt darum die
Aussage nicht allein von den Erinnerungskriterien ab, die sich an
die auftauchenden oder nahegelegten Vorstellungen anschließen;
es müssen diese Kriterien auch beurteilt werden. Da macht sich
nun stark die individuelle Urteilsbereitschaft geltend, ferner
die Urteilseinstellung auf die Behauptung, etwas erlebt zu haben,
endlich alle die Beweggründe, die zu einem Urteil führen können:
das Interesse an dem Grundsachverhalt, das Interesse an dem
Begleitsachverhalt, der Gewißheit, und an dem Urteilsakt, wie etwa
der Wunsch, ein ergiebiger Zeuge zu sein.
Literatur
W. +Stern+, Beiträge zur Psychologie der Aussage. 2 Bde. 1903/6.
W. und Cl. +Stern+, Erinnerung, Aussage und Lüge in der ersten
Kindheit. 1909.
10. Kap. Das Ichbewußtsein
Dem Worte Ich entsprechen mancherlei Bedeutungen. Wir greifen drei
von ihnen heraus und untersuchen, wie das Individuum zu den drei
Bedeutungserlebnissen gelangt. In dem Satze: ich heiße Müller und
wohne usw. bezeichnet „ich“ das +gesellschaftliche+ Ich, die
ganze Persönlichkeit, den Körper inbegriffen. Sagt jemand: ich bin
ein Gemütsmensch, so denkt er weniger an sein Äußeres, sondern
vorab an seine Seele, an sein Inneres, wie es regelmäßig mit einer
Anzahl konstanter Eigenschaften verbunden erscheint. Man könnte es
das +persönliche+ Ich nennen. In Sätzen wie „ich denke“, „ich
verlange“ hingegen sieht man auch von den dauernden Eigentümlichkeiten
des Innenmenschen ab und hat nur das Subjekt jener seelischen Akte
im Auge, von denen gerade die Rede ist. Wir können hier von dem
+reinen+ Ich sprechen.
Es läßt sich leicht verfolgen, wie die Bezeichnung „ich“ in der
Entwicklung des Individuums auftritt. Sie wird heute von der Umgebung
übernommen und zunächst für das gesellschaftliche Ich verwendet,
und zwar früher, wenn ältere Geschwister das Kind umgeben, als wenn
sich die Eltern allein mit dem Kinde befassen. Aber lange bevor der
Gebrauch des Wortes „ich“ erlernt ist, verrät sich schon deutlich ein
ausgesprochenes Ichbewußtsein, das dem reinen Ich näher steht als den
beiden anderen. Ganz entsprechend liegt auch die Schwierigkeit des
Ichproblems in dem Auftreten des reinen Ich. Es bildet den Kern der
andern Ichbedeutungen, die ohne diesen Kern als Inbegriff gewisser
Wahrnehmungen an der eigenen Persönlichkeit gelten könnten.
Hinsichtlich des reinen Ich sind nun drei Fragen möglich. Gibt es
überhaupt einen erlebnismäßig erfaßbaren Gegenstand, der dem Worte
„ich“ entspricht, oder wird dieser Gegenstand erst durch unser
Denken geschaffen wie etwa eine Vierergruppe, die wir willkürlich
und rein gedanklich aus einer regelmäßigen Anordnung von Punkten
herausgreifen? Zweitens: falls das Ich erlebbar ist, erleben wir
es ebenso unmittelbar und isoliert, wie es unsere Ausdrucksweise
vermuten läßt? Und drittens: wenn das Ich nicht unmittelbar und
isoliert erlebt wird, wie wird dann das unmittelbar Erlebte
verarbeitet?
+Hume+ und einige Sensisten versuchten jedes unmittelbare Erleben
des Ich zu leugnen: das Ich sei nur ein Bündel von Vorstellungen.
Aber ganz abgesehen von der Unmöglichkeit, aus einem solchen Bündel
von Vorstellungen jene Einheit des Bewußtseins zu konstruieren,
die wir tatsächlich erleben -- eine Unmöglichkeit, die Hume selbst
eingestand --, widerspricht diese Auffassung den einfachsten
Beobachtungstatsachen. Es läßt sich kein Gedanke, kein Verlangen,
keine Empfindung, kein Gefühl aufzeigen, das nicht +mein+ Erlebnis
wäre; es ist unmöglich, ein Erlebnis in sich hervorzurufen oder in
der rückschauenden Beobachtung zu entdecken, das nicht zugleich das
Erlebnis eines Bewußtseins, eines Subjektes wäre. Das wird heute auch
nahezu allgemein zugegeben.
Anderseits kann aber auch niemand ein so isoliertes Ich in sich
entdecken, wie es das begriffliche Ich ist. Denn da kein einziger
Bewußtseinsvorgang frei vom Ich bleibt, ist auch das Ich stets ein
anderes und ganz und gar durch die augenblicklichen Erlebnisse
bestimmt, so daß man nicht leicht bleibende Eigenschaften des
reinen Ich aufzählen kann. Das Ich zeigt sich uns immer nur in den
Erlebnissen, wie etwa die Intensität oder die Ausdehnung sich nur an
der Empfindung offenbart. Kommen wir doch zu einem isolierten Ich,
so liegt dies an unserer Fähigkeit, den immer wiederkehrenden Ichzug
aus den verschiedenen Erlebnissen herauszuheben. Es ist also die
Befähigung zur Abstraktion, d. h. letztlich zur Beziehungserfassung
(vgl. S. 121 f.), die uns den Ichzug unserer Erlebnisse erkennen
läßt. Denken wir uns diese Fähigkeit hinweg, so haben wir wohl
ein erlebendes Subjekt, aber kein Ich; denn das Ich ist eben das
herausgeschälte Subjekt. Dieser Zustand verwirklicht sich nach
unserer Auffassung beim Tier und dürfte daran schuld sein, daß
Freud und Schmerz bei ihm ganz wesentlich geringer sind als beim
Menschen. -- Wenn wir den Ichcharakter unserer Erlebnisse mit der
Intensität oder der Ausdehnung einer Empfindung verglichen haben,
so gilt das nur hinsichtlich seiner innigen Verschmelzung mit den
Bewußtseinserscheinungen, aber nicht hinsichtlich der Unterordnung
dieser unselbständigen Momente. Das Ich erscheint nämlich nicht immer
so bescheiden im Hintergrund wie etwa bei einer Wahrnehmung, die uns
ganz gefangen hält. Es wird auffälliger bei den Gefühlszuständen,
es gibt sich endlich als das tätige bei den Willensakten. An ihnen
gewinnen wir wohl zuerst die Auffassung von dem Ich als dem Träger
unserer Erlebnisse, als dem ersten soliden Etwas, das für uns der
Prototyp eines Dinges wird.
Es bleibt nunmehr die normale +Einheit des Ich+ zu erklären. Greifen
wir einen Querschnitt des Seelenlebens heraus, so bildet die
hier herrschende Einheit des Ich in den gleichzeitig vorhandenen
Empfindungen, Gefühlen und Strebungen kein sonderliches Problem. Denn
alle diese Erlebnisse sind ja nur künstlich abstrahierte Züge eines
unteilbaren Gesamtzustandes des Ich. Wir haben darum nicht verständlich
zu machen, wieso das vor mir sichtbare Grün und Braun von demselben Ich
empfunden werden kann. Anders verhält es sich mit dem Längsschnitt der
Erlebnisse, mit den zeitlich sich folgenden Bewußtseinserscheinungen.
Da wiederholen sich nun die Erwägungen, die wir beim Zeitbewußtsein
und bei dem Problem der Erinnerung anstellten. Die unbefangene
Selbstbeobachtung lehrt uns ebenso wie andere Überlegungen, daß unser
Erlebnisstrom kein diskontinuierlicher, sondern ein stetig fließender
ist, daß wir den Übergang von einer lauten Tonwahrnehmung in eine
leisere u. ä. unmittelbar wahrnehmen. Da aber alle unsere Wahrnehmungen
mit dem Ichcharakter unzertrennlich verbunden sind, müssen wir auch
unmittelbar das Verharren des Ich von einem Zeitmoment zum andern
wahrnehmen. Wenn wir nun bei der Erinnerung an auseinanderliegende
Erlebnisse zu der Überzeugung kommen „mein früheres Erlebnis“, so
setzen wir mittels des uns geläufigen Schlußverfahrens den sich uns
zunächst darbietenden Zusammenhang als den einzig möglichen an (S.
192). In der Erkenntnis „mein früheres Erlebnis“ erfassen wir mit einem
logisch noch nicht ganz gesicherten Schluß die Identität unseres Ich
mit dem Subjekt des früheren Erlebnisses. Eine unmittelbare Evidenz
kann dieser Schluß nicht bieten: es könnte ja ein Wechsel des Subjektes
stattgefunden haben, und dem neuen Subjekt könnten die Erinnerungen
des alten mitgeteilt sein. Indes naheliegende philosophische Gründe
rechtfertigen nachträglich den naturgemäß vollzogenen Schluß.
Auch die +Substantialität+ des Ich erfassen wir nicht unmittelbar.
Gewiß ist für uns das Ich das Allersolideste, was wir kennen. Aber
den Begriff der Substanz bilden wir uns doch erst mit Hilfe unserer
Erfahrungen an der Außenwelt.