Wahrnehmungen den +Charakter der Wirklichkeit+ tragen, die
Vorstellungen den des „nur Eingebildeten“. In den Wahrnehmungen
vermeinen wir den wahrgenommenen Gegenstand selbst zu ergreifen, in
den Vorstellungen nicht so. Auch diese Züge sind keine den beiden
Erlebnisweisen absolut zukommende. Die Erfahrung lehrt uns vielmehr:
bei Erlebnissen der einen Klasse, für die wir später den Namen
„Wahrnehmungen“ lernen, zeichnet sich der Gegenstand des Bewußtseins
durch größere Dauer aus; eine nähere Beschäftigung mit ihm hat auch
andere Folgen als mit einem solchen der anderen Erlebnisklasse: ein
Berühren der Kerzenflamme in der Wahrnehmung verläuft anders als in
der Vorstellung. So gewinnen wir einen Einblick in einen besonderen
Beziehungszusammenhang. Auch diese Einsicht kann als Erfahrung dem
Beziehungsgedächtnis anvertraut werden. Auch sie wird, was allerdings
durch die experimentelle Forschung noch eigens nachzuweisen bleibt,
einen absoluten Eindruck erzeugen. Auf diese Weise gestalten sich die
peripher bedingten und die zentral bedingten Eindrücke allmählich
durch die Beziehungserfassungen, durch das Beziehungswissen und
durch den absoluten Eindruck zu verschiedenartigen Erlebnissen aus,
die praktisch nur in seltenen Fällen verwechselt werden können. Es
empfiehlt sich darum, auch die Worte Wahrnehmung und Vorstellung
nur von den so ausgestalteten Erlebnissen zu gebrauchen und die
noch nicht durch Relationserfassungen ergänzten Eindrücke als
absolute Wahrnehmungen bzw. absolute Vorstellungen zu bezeichnen.
Unter Anwendung dieses Sprachgebrauches gilt dann: +zwischen
absoluten Wahrnehmungen und absoluten Vorstellungen besteht kein
wesentlicher Unterschied+; sie gehen unmerklich ineinander über --
+zwischen Wahrnehmungen und Vorstellungen besteht ein wesentlicher
Unterschied+; sie sind durch eine übergangslose Kluft getrennt.
Literatur
J. +Lindworsky+, Wahrnehmung und Vorstellung. ZPs 80 (1918).
4. Kap. Begriffe und Kategorien
+Aristoteles+ und nach ihm +Thomas von Aquin+ mit seiner Schule
faßten die Begriffe (Pferd, Seele, Gerechtigkeit) als species
intelligibiles, als einzelne unsinnliche Bewußtseinsinhalte, die
uns das Wesen der Dinge zeigen. Sie fußen auf der unbezweifelbaren
Beobachtung, daß wir bei dem Anhören solcher Begriffswörter einen
ganz positiven Bewußtseinsinhalt erleben. Die experimentellen und
pathologischen Erfahrungen über das Wortverständnis geben ihnen
Recht: von der ungestalteten Klangwahrnehmung geht es über die
gestaltete Worterfassung zum sinnvollen Verständnis, und jede dieser
Stufen kann für sich versagen. Außerdem betonten die Thomisten schon
gegenüber den Nominalisten, die Bedeutung der Begriffswörter gehe
nicht nur über den Wortklang als solchen hinaus, sie sei auch durch
kein Phantasma wiederzugeben; denn jedes Phantasma, jede anschauliche
Vorstellung ist individuell, die Begriffe hingegen sind wesentlich
allgemein, ihr Inhalt kann unverändert auf jedes Individuum angewandt
werden. Damit hatten sie eigentlich den Streit zwischen +Locke+ und
+Berkeley+ schon vorweggenommen. Die Erfahrung lehrte sie aber auch
die Unentbehrlichkeit der anschaulichen Vorstellungen kennen. Sie
vereinigten darum beide Erkenntnisse in der Lehre, der Verstand könne
im gegenwärtigen Zustand nur durch Hinwendung zu den Phantasmata etwas
erkennen. Hiermit war mit bewundernswerter Schärfe herausgestellt,
was eine Theorie der Begriffe zu leisten hat: es muß erklärt werden,
woher die allgemeingültigen, durch keine anschauliche Vorstellung zu
ersetzenden Bewußtseinsinhalte kommen und wie zu diesen Tatsachen die
Behinderung des Denkens infolge der Behinderung des Vorstellens paßt.
Den Allgemeinvorstellungen +Lockes+, den Typenbildern +Galtons+ sowie
allen Verdichtungs- und Möglichkeitstheorien war damit schon der Boden
entzogen. Die Klarheit der Begriffe erlaubt eben nicht, sie als eine
Zusammenziehung verschiedener Individualvorstellungen auszugeben; der
tatsächlich vorhandene Bewußtseinsinhalt widerspricht der Deutung, der
Begriff Pferd sei in der Möglichkeit beschlossen, zu dem Wort Pferd die
verschiedensten anschaulichen Vorstellungen zu reproduzieren: ein nur
möglicher Bewußtseinsinhalt kann mir nichts sagen. Anderseits weckte
die Lehre von der Unentbehrlichkeit der Phantasmen auch Zweifel an
den Versuchsergebnissen +Bühlers+, dessen Vpn absolut unanschauliche
Gedanken frei von jeder Vorstellung erlebt haben wollten. Dazu kamen
die Beobachtungen anderer Experimentatoren, die wenigstens bei länger
dauernden Vergegenwärtigungen von Begriffen stets die Entwicklung
anschaulicher Vorstellungen fanden (+Schwiete+). Aber auch die im
übrigen bestechende Theorie (+Witaseks+), wir beachteten nur das den
verschiedenen Individuen Gemeinsame und abstrahierten negativ von den
Verschiedenheiten, genügt nicht ganz. Welches anschauliche Gemeinsame
halten wir denn zurück, wenn wir aus verschiedenen Grünschattierungen
den Allgemeinbegriff grün gewinnen?
Die Lösung dieses Problems dürfte in dem Erlebnis der
Beziehungserfassungen und in der Fähigkeit zum Sachverhaltswissen
ruhen. Im Umgang mit dem Pferde z. B. erfassen wir mancherlei
Sachverhalte, die sich auf es beziehen: es hat eine bestimmte Größe,
vier Beine, einen langen Schweif usw. Haben wir nun sechs Pferde
kennen gelernt, so können wir eine Anzahl dieser Sachverhalte auf
alle anwenden, manche jedoch nur auf einen Teil. Die Summe jener
Sachverhalte, die von allen sechs Tieren gelten, ist dann unser
Begriff vom Pferde. So erklärt sich wohl das meiste: Die auf
die sechs Pferde anwendbaren Sachverhalte sind ihrer Natur nach
allgemein; wie sie auf ungezählte Individuen anwendbar sind, so
sind sie anderseits durch keine anschauliche Vorstellung adäquat
wiederzugeben. Dennoch sind sie weder erstmalig zu erlangen, noch
später gedächtnismäßig zu verwerten ohne Vorstellungen. Sachverhalte
schließen ja Beziehungen ein. Beziehungen lassen sich aber erstmalig
nur an anschaulichen Inhalten abstrahieren, und niemals wird ein
realer Gegenstand restlos in Beziehungen aufgelöst und darum auch
nicht durch Beziehungsinhalte allein wiedergegeben werden können.
So erhellt ferner, wie unsere Begriffe einer beständigen Ergänzung
und Berichtigung durch die Erfahrung unterliegen. Weiter: setzt sich
der Begriff aus einer Summe von Sachverhaltserfassungen zusammen, so
kann bei der Verwendung des Begriffes die Reproduktion von einzelnen
Teilen dieser Summe versagen und somit irrige Urteile verschulden,
obwohl man sich zuvor den richtigen Begriff angeeignet hat, eine
Tatsache, die bei der Annahme einfacher geistiger Begriffsgrößen nur
schwer zu deuten ist. Auch die widersprechenden Ergebnisse +Bühlers+
und +Schwietes+ sind nunmehr zu vereinbaren: Wir wissen heute, daß
Beziehungen erfaßbar sind, noch bevor die Fundamente der Beziehungen
klar im Bewußtsein stehen. Bei einer komplexen Denktätigkeit
haben nun die einzelnen anschaulichen Vorstellungen, die uns die
Beziehungserkenntnisse liefern, keine Zeit, sich zu entfalten; sie
sinken alsbald wieder unter die Schwelle, und auch die beste Vp
wird unter gewöhnlichen Verhältnissen mit Sicherheit behaupten, der
Gedanke sei jeglicher Vorstellungen bar erlebt worden. Es gelang
uns ja nur ganz zufällig, unter außer gewöhnlichen Bedingungen, die
anschaulichen Vorstellungen zu entdecken, die, kaum bewußt, die
Grundlagen von Beziehungserfassungen bilden. Bietet man den Vpn
jedoch nur einzelne Wörter, so bleibt den Vorstellungen Raum und
Energie, sich zu entfalten. Ist endlich für solche Entwicklung keine
volle, sondern nur eine spärliche Möglichkeit belassen, so begreift
man, wie sich infolge der zufällig herrschenden Konstellation nur
einzelne Teile der zugehörigen oder der mitangeregten Vorstellungen
höher über die Schwelle heben; möglicherweise sind diese Teile für
das Wesentliche des Begriffes ganz nebensächlich, und wir gelangen so
zu der schon lang als Paraphantasie bekannten Erscheinung.
Von hier aus klärt sich auch das Erlebnis des +Erkennens von
wahrgenommenen Gegenständen+. Man hat richtig hervorgehoben, es genüge
zum Erkennen von Dingen nicht, ihr sinnliches Bild in uns aufzunehmen,
das Ausschlaggebende sei die zum Sinneseindruck hinzukommende
Bedeutung; derselbe Sinneseindruck vertrage sich etwa mit der
Auffassung Tonscherbe und Speckschwarte (+Schapp+). Wir können jetzt
angeben, was diese geheimnisvolle +Bedeutung+ ist: nichts anderes als
das Wissen von den Beziehungen, in denen der sinnliche Eindruck zu
andern Dingen steht. Das sind zunächst jene allgemeinen Beziehungen,
die ihm den Charakter des Dinges, und zwar des wahrgenommenen Dinges,
verleihen. Dann etwa Beziehungen zu seiner Verwendung, seiner Herkunft
usw. Wenn aber solche Beziehungen überhaupt nicht vorhanden oder doch
von uns nicht gewußt wären? Dann hätten wir gleichwohl den Gegenstand
wahrgenommen, nur bliebe er uns unverständlich. Zur Wahrnehmung gehört
mithin wesentlich nur, daß der Eindruck als von einem unabhängig
von uns existierenden Dinge herrührend erkannt wird. Seine weitere
Bedeutung ermöglicht nur die verständnisvolle Erfassung. Und diese
Bedeutung schwebt nicht wie die platonischen Ideen irgendwo, sondern
ist assoziativ mit dem Sinneseindruck verbunden. Man darf auch nicht
behaupten, sie sei immer das Ausschlaggebende für den Sinneseindruck.
Normalerweise wird der Eindruck die mit ihm assoziativ verknüpften
Fundamente der Beziehungen und damit diese selbst ins Bewußtsein
ziehen. Es kann aber auch infolge der Konstellation z. B. infolge der
Erwartung die Bedeutung zuerst gegeben sein und so den undeutlichen
Sinneseindruck entweder richtig ergänzen oder wie in der Illusion
unzweckmäßig ausstaffieren oder abändern.
+Der Begriff ist ein Wissen von Sachverhalten.+ Nach der Art,
wie Sachverhalte gewonnen sein können, lassen sich darum auch
+verschiedene Gruppen von Begriffen+ auseinanderhalten. Sachverhalte
lassen sich gewinnen, indem man von dem Gegenstand in möglichst
allgemeinem Sinne ausgeht, ihn etwa als Ding auffaßt und nun seine
Beziehungen zu andern Dingen aufsucht, und zwar wiederum möglichst
allgemeine Beziehungen. So läßt sich ein Gegenstand eindeutig, aber
indirekt bestimmen. Wir können dann von ihm reden, ganz klare Urteile
über ihn fällen, ohne auch nur die geringste Vorstellung zu haben,
die uns sein anschauliches Bild vorführte. So kann der Blindgeborene
richtig von Rot sprechen, wenn er es als einen im normalen Auge
durch Ätherwellen von der Länge 762 bis 855 µµ bewirkten Eindruck
bezeichnet. Eine andere Art der Begriffsbildung ist folgende: Man
stellt sich anschaulich eine ganz bestimmte Schattierung des Rot vor
und erklärt: rot sind jene Farben, die diesem individuellen Rot
qualitativ ähnlich sind. Das ist ein richtiger Allgemeinbegriff, aber
wesentlich auf einen besonderen Fall aufgebaut. Einen solchen Begriff
kann nur der Sehende bilden. Endlich kann ich auch die anschauliche
Wirkung als Fundament jener Beziehung nehmen, die einen Gegenstand
charakterisieren soll. Auf diese Weise ist es möglich, sogar das
Gefühl als Bestandstück in die Begriffsbestimmung mit aufzunehmen.
Definiert man z. B. das Schöne als das, was eine ästhetische Wirkung
ausübt, so kann ich diese Wirkung entweder durch die Beziehungen,
die sie zu andern Erlebnissen oder andern Dingen überhaupt hat, mehr
oder weniger abstrakt festlegen, ich kann sie mir aber auch nach
Kräften anschaulich vergegenwärtigen und erklären: schön ist das,
was „so“ auf mich wirkt, demgegenüber mir „so“ zumute ist. So stehen
also den abstrakten Begriffen solche mit anschaulichem Einschlag zur
Seite. Für die wissenschaftliche Arbeit sind letztere wenig geeignet,
da sie verhältnismäßig viel Zeit und Kraft verbrauchen. In der
künstlerischen und religiösen Betrachtung hingegen spielen sie eine
große Rolle.
Sollten nicht die +Kategorien+, die allgemeinsten Begriffe von
Gleichheit, Verschiedenheit, auf diesem Wege in unser Geistesleben
eingeführt worden sein? Der Umstand, daß statt einer erwarteten
Speise etwa eine andere kommt, bedingt Empfindungen ganz eigener
Art, die keineswegs die Beziehungserfassung der Andersartigkeit zur
Grundlage zu haben brauchen. Unter günstigen Verhältnissen läßt
sich sehr deutlich beobachten, wie das Zusammentreffen eines neuen
Eindruckes mit einer fremdartigen Einstellung ausgesprochene innere
Empfindungen hervorruft, die zumeist auch von charakteristischen
Gefühlen begleitet sind. Mit dieser anschaulichen Wirkung der
Verschiedenheit verbindet das Kind die von den Erwachsenen
übernommene Bezeichnung „anders“, „verschieden“ (dem Urmenschen mag
die der gleichen Gefühlswirkung entsprechende gleichmäßige Kundgabe
allmählich zum Namen dieses Sachverhaltes geworden sein). „Anders“,
„verschieden“ ist also am Platze und stellt sich überdies assoziativ
ein, wenn es „so tut“. Es tut aber so, wenn das nicht kommt, was man
bewußt oder unbewußt erwartete. So erlangt das Wort „verschieden“
dank der wachsenden Erfahrung seinen abstrakten Sinn. Es würde zu
weit führen, diesen Gedanken für alle Kategorien auszuwerten.
Literatur
K. +Bühler+, Die geistige Entwicklung des Kindes³. 1922.
J. +Lindworsky+, Zur Psychologie der Begriffe. Philos. Jahrbuch
(1919) und Umrißskizze zu einer theoret. Psychologie². 1923. S. 31 ff.
N. +Ach+, Über die Begriffsbildung. 1921.
5. Kap. Die Gewißheit
Man hat die Gewißheit bisweilen als eine Eigenschaft der Erkenntnis,
bisweilen als ein besonderes Gefühl hingestellt. Tiefergehende
empirische Untersuchungen liegen darüber noch nicht vor. Wir
beschreiten darum den Weg der Synthese; zeigen, wie die uns bekannten
Faktoren notwendig wirken müssen, und prüfen, ob die Vereinigung dieser
Faktoren ausreicht die anderweitig bekannten Erscheinungen zu erklären.
Nehmen wir an, es gäbe kein elementares Gewißheitserlebnis, dann hätte
ein denkendes Individuum am Anfang seiner Denktätigkeit wohl etwa
die Einsicht: A größer als B, aber diese Einsicht wäre weder gewiß
noch ungewiß, sondern schlicht und unangefochten gegeben. Machte nun
ein solcher Mensch die Erfahrung, daß etwa bei flüchtigem Hinschauen
Einsichten gewonnen werden, die sich bei sorgfältiger Auffassung
nicht bestätigen, so hätte er eine neue Zusammenhangsbeziehung
erkannt: flüchtiges Hinsehen ist verbunden mit der Unbeständigkeit
der so erlangten Einsichten, genaues Hinsehen ist verbunden mit der
Beständigkeit der Einsicht. Würde ihm nun die Frage vorgelegt, ob seine
Erkenntnis: A größer als B, auch gewiß, d. h. von Bestand sei, so würde
er prüfen, ob er flüchtig oder genau hingesehen hatte, und mit dieser
Beziehungseinsicht begründen, daß A wirklich größer als B sei. Die
Gewißheit bestände hier also in einer zweiten Beziehungserfassung, die
sich auf die Art und Weise, wie die erste gewonnen wurde, erstreckt.
Die fortschreitende Erfahrung lehrt noch andere Umstände kennen,
durch welche die Zuverlässigkeit einer Beziehungserfassung in Frage
gestellt werden kann. Sind solche Hindernisse einer zuverlässigen
Erkenntnis nicht zu entdecken, so herrscht wieder Gewißheit.
Erkenntnistheoretische Überlegungen werfen erst später das Problem
auf, ob denn die Dauerhaftigkeit einer Einsicht deren absolute
Richtigkeit verbürge; es wäre ja möglich, daß die bisher für gewiß
gehaltene Einsicht, nämlich die unmittelbare und ungehindert vollzogene
Beziehungserfassung, zwar die beste Erkenntnis sei, die uns Menschen
möglich ist, aber keine Gewähr biete, der absoluten Wirklichkeit zu
entsprechen. Mit andern Worten, die Zurückführung einer Erkenntnis
auf eine unmittelbare, ungestörte Beziehungserfassung gebe zwar eine
natürliche, aber keine philosophische Gewißheit. Dieses Problem ist
durch erkenntnistheoretische Erwägungen zu lösen, deren Ergebnis
entweder zur Ergänzung der natürlichen durch die philosophische
Gewißheit oder zum Verzicht auf letztere führt.
Die Gewißheit besteht nach dem Gesagten in neuen
Sachverhaltserfassungen über die Art und Weise, wie dieser als gewiß
zu beurteilende Sachverhalt selbst erkannt wurde. Die Gewißheit kann
sich darum steigern, zwar nicht als Einsicht; denn Einsichten sind
entweder vorhanden oder nicht vorhanden, wohl aber hinsichtlich der
Begründung dieser Einsicht. Die Einsicht, daß wir uns nicht geirrt
haben, pflegt aber auch von +Gefühlen+ begleitet zu sein, von Lust-
und Tätigkeitsgefühlen, wie sie den Wanderer überkommen, der sich
davon überzeugt, daß er den rechten Weg eingeschlagen. Diese Gefühle
lassen nun eine erhebliche Steigerung zu, und an sie denken wir
zumeist, wenn wir von Gewißheit sprechen.
Wo immer die gleichen oder verwandte Sachverhalte erfaßt werden,
kürzt sich auf die Dauer dieser Prozeß ab. Wie das geschieht, wurde
oben dargestellt (S. 178). Hier dürften namentlich die +Kriterien+
eine bedeutende Rolle spielen. Das rasche und klare Auftreten einer
Einsicht wird uns z. B. zum Kriterium dafür, daß alle Bedingungen
für eine sichere Erkenntnis erfüllt waren. An das Wissen darüber,
vielleicht auch an diese Kriterien selbst können sich nun assoziativ
die Träger des Gewißheitsgefühles anschließen und so bisweilen eine
subjektive Sicherheit erzeugen, über die man im einzelnen nur schwer
Rechenschaft ablegen kann.
6. Kap. Das schlußfolgernde Denken
Nachdem sich uns der lang verborgene Vorgang des naturgemäßen
Schlußfolgerns enthüllt hat, ist es auch klar geworden, daß die
psychologische Erörterung dieses Prozesses nicht mit der Besprechung
des Syllogismus anheben darf. Der Syllogismus ist ein Kunstprodukt und
verlangt ein sehr eindringliches Studium und feinste Selbstbeobachtung,
um das in ihm verhüllte psychologische Rätsel zu lösen. Nur das eine
offenbart er uns leicht, was ein Schluß zu +leisten+ hat: aus schon
vorhandenem Wissen wird ohne Zuhilfenahme der Wahrnehmung ein neues
Wissen erschlossen. Damit ist der Weg für die experimentelle Forschung
gewiesen: man veranlasse die Vpn, in freier Weise aus ihrem bisherigen
Wissen zu neuen Einsichten zu gelangen. Die mannigfaltigsten Aufgaben
mußten durchprobiert, aus der Fülle der Erlebnisse mußten alle rein
reproduktiven Vorgänge ausgeschieden werden, bis man endlich zu der
unter Vorstellungen und Gefühlen ganz vergrabenen Seele des Prozesses
vordrang. So ergab sich denn folgendes.
Der naturgemäße Schluß läßt sich als +eine Beziehungserfassung an
gewußten Sachverhalten+ definieren. Er ist somit kein Elementarvorgang,
sondern setzt sich aus den schon bekannten Erscheinungen des
Relationswissens und der Relationserfassung zusammen. Das
Vermittelte, Abgeleitete des Schlusses beruht darin, daß die neue
Beziehungserfassung an dem schon vorhandenen Wissen erfolgt. Seine
einfachste Form ist etwa in folgendem Beispiel erkennbar: A liegt über
B, das weiß ich, und ich erfasse neu daran: also B unter A. Auf dieses
Schema lassen sich alle schlußmäßig gewonnenen Erkenntnisfortschritte,
auch die innerhalb verwickelter Aufgaben, zurückführen. Dabei kann
man füglich drei Hauptarten unterscheiden, in denen der naturgemäße
Schluß auftritt. Erstens: der gewußte Sachverhalt wird anschaulich
dargestellt, und an dieser anschaulichen Darstellung wird wie an einer
Wahrnehmung eine neue Beziehung erfaßt. A über B wird etwa wie auf
einer Tafel geschrieben gesehen, und an diesem inneren Bilde wird dann
abgelesen: B unter A. Dieselbe Beziehung kann aber auch ohne jede
Veranschaulichung rein begrifflich erfaßt werden. Und drittens kann
sich rein assoziativ an den ersten Satz bzw. an das „oberhalb“ das
„unterhalb“ anschließen und als richtige Folgerung erkannt werden.
Namentlich diese dritte Art ist sehr häufig. Es bewahrheitet sich bei
ihr das Dichterwort von der „gebildeten Sprache, die für uns dichtet
und denkt“. Aber gerade in solchen Fällen wird unter den günstigen
Bedingungen des Experimentes bisweilen handgreiflich deutlich, daß
der Schlußakt etwas anderes ist als die einfache assoziative Folge
von Subjekt und Prädikat. Ist nämlich die Beziehungserfassung „ist
gleich“ nicht erfolgt, dann erscheint die rein assoziativ dargebotene
Ergänzung wie ein Lösungsvorschlag, der erst geprüft werden muß, und
aus der Schlußaufgabe wird ein Begründungsvorgang.
Der Schlußvorgang kann auch folgendermaßen beschrieben werden:
Wissensmäßig ist uns ein Sachverhalt gegeben. Dieser Sachverhalt
besitzt eine weitere Seite, die bisher noch nicht beachtet wurde.
Ich weiß z. B., mein Freund A hat die Gicht. Mit dem Sachverhalt
„Gicht haben“ ist aber der andere „mürrisch sein“ verbunden,
doch habe ich bis jetzt nicht darauf geachtet. Jetzt fällt mein
beziehendes Blicken auf diese neue Seite des Sachverhaltes „A ist
gichtig“, und ich erkenne: A ist mürrisch. So angesehen, lassen sich
zwei Hauptfälle unterscheiden: Die neue Seite des Sachverhaltes
ist entweder von vorneherein dem Bewußtsein gegeben, nur ist die
Beziehung zwischen dem Ausgangspunkt und dieser anderen Seite noch
nicht erfaßt, oder die neue Seite des Sachverhaltes entfaltet sich
erst während des Denkens. Beidemal kann der Sachverhalt anschaulich
oder auch begrifflich gegeben sein. Im ersteren Fall nähert sich
die Schlußfolgerung der einfachen Wahrnehmung, im letzteren Fall
verschwindet sie häufig fast ganz hinter dem inneren Sprechen.
Zudem kann die eigentliche Seele des Schlusses, die neugewonnene
Beziehungserkenntnis, dadurch noch mehr zurücktreten, daß die
Blickrichtung schon von vorneherein festgelegt ist, so wenn ich
mich frage: was haben wir von der gegenwärtigen Lage zu erwarten?
In dieser Einstellung ist schon das Schema „A ist ...“ angelegt. Es
braucht nur noch durch eine neu auftauchende Seite des Sachverhaltes
ausgefüllt zu werden. Darum fällt auch der Nachdruck des Erlebnisses
auf die Reproduktion dieser neuen Seite und nicht auf die Erfassung
der Beziehung, obwohl ohne diese von einem Erkenntnisfortschritt
nicht die Rede sein kann.
Die zuletzt beschriebenen Fälle des in Worte gekleideten Denkens
hat die Gelegenheitsbeobachtung schon herausgegriffen, als sie die
Behauptung aufstellte: wir denken in Enthymemen. Die experimentelle
Beobachtung mußte demgegenüber nachweisen, daß das Enthymem nur
+eine+ der verschiedenen Schlußweisen ist. Übrigens vermochte die
Heraushebung solcher enthymemartiger Schlüsse noch kein rechtes Bild
von dem Wesen des Schlußvorganges zu vermitteln. Denn einerseits hat
sie den wichtigsten Teil des Prozesses, eben die Beziehungserfassung,
nicht ans Licht gezogen, anderseits legte sie unverdienten Nachdruck
auf das „also“. Logische Erwägungen und die Art der Darstellung der
Schlüsse ließen bisher glauben, im Vordergrunde des Schlußerlebens
stehe die Betonung des Zusammenhanges zwischen der Ausgangs- und der
Schlußerkenntnis. Dem ist aber keineswegs so, wie das Experiment
gezeigt hat. Das Wichtigste ist für den Erlebenden die neue
Erkenntnis selbst. Erst wenn er an ihrer Richtigkeit zweifelt oder
wenn er sie für einen anderen begründen will, wird das „also“,
wird der innere Zusammenhang zwischen Voraussetzung und Folgerung
hervorgehoben. Die logische Richtigkeit ist beim naturgemäßen
Schließen überhaupt eine spätere Sorge. Das zeigt sich namentlich bei
den Zusammenhangsrelationen. Wir schließen da in der Regel auf das
(alleinige) Bestehen jenes Zusammenhanges, der sich uns gerade dank
der Konstellation anbietet. So folgert man etwa aus dem Satz „A ist
Schwager“: also hat er eine verheiratete Schwester.