Teilt man eine Silbenreihe in Gruppen zu je drei Silben, läßt sie in

anapästischem Rhythmus (◡◡́—) lesen und bietet später der Vp eine

der betonten Silben mit der Aufforderung, die nächsteinfallende

Silbe auszusprechen, so wird die zweitvorhergehende Silbe häufiger

reproduziert als die unmittelbar vorausgehende (+initiale

Reproduktionstendenz+). Es besteht sonach eine Tendenz, ausgehend

von einem Glied des Komplexes, den ganzen Komplex ins Bewußtsein zu

heben. Läßt man eine Silbe aus einem solchen Komplex in einer zweiten

Reihe sich mit einer komplexfremden Silbe assoziieren, so läßt sich die

generative und effektuelle Hemmung, die nach dem obigen zu erwarten

wäre, an jener Silbe nicht nachweisen, sobald sie innerhalb des

Komplexes reproduziert wird (+Frings+). Es wird also offenbar beim

Aufsagen einer in Komplexe eingeteilten Reihe nicht jede Silbe für sich

reproduziert, sondern der Komplex, in dem sie sich befindet, wird als

Ganzes wieder erneuert. Ähnliche Beobachtungen macht man auch bei der

freien und gebundenen Reproduktion bedeutungshaltiger Vorstellungen.

Wir müssen somit unsere Auffassung der Assoziationen dahin erweitern,

daß sich nicht nur an ein einzelnes Element nach verschiedenen

Richtungen hin andere Elemente anschließen, sondern daß auch häufig

eine Mehrheit von Elementen in einem Komplex vereinigt sind und daß

solche Komplexe ähnlich wie die Elemente untereinander assoziativ

verknüpft sind.

Einen Komplex hat man sich jedoch nicht wie eine eingeprägte

Silbenreihe zu denken, deren letzte Silbe man wieder mit der ersten

assoziiert hätte und deren Glieder umso fester miteinander verknüpft

sind, je häufiger sie wiederholt werden. Dem Komplex ist es vielmehr

charakteristisch, daß er als ein +Ganzes+ eingeprägt und als ein

+Ganzes+ reproduziert wird. Ist nun ein +Teil+ eines solchen Komplexes

gegeben, so geht die Reproduktion nicht so sehr auf den nächstfolgenden

+Teil+ als vielmehr auf den +ganzen+ Komplex. Häufig ist uns jedoch

nicht ein Teil, sondern eine schematische Antizipation des Komplexes

gegeben; wir haben ihn gleichsam in Umrissen, ähnlich wie wir von einer

entfernten Inschrift nur die Umrisse der Wortbilder sehen. Ein solches

antizipierendes Schema hat nun gleichfalls die Tendenz, den zugehörigen

Komplex zu reproduzieren. So tritt uns bisweilen aus dem in seinen

Einzelheiten nicht erkannten Wortbild das Wort selbst ins Bewußtsein,

ohne daß die Buchstaben deutlich zu werden brauchen. (+Gesetze der

Komplexergänzung.+) So versteht man, daß unser Vorstellungsleben der

von der mannigfachen Verknüpfung der Elemente ausgehenden Hemmung nicht

unterliegt. So erklären sich auch die beim unmittelbaren Behalten

erwähnten Tatsachen: wir prägen uns eine Anzahl Wörter fast ebenso

leicht ein wie die nämliche Anzahl Buchstaben. Gleichwohl sind die

Elemente in dem gesamten Reproduktionsvorgang nicht ohne Bedeutung: die

von ihnen ausgehenden Reproduktionstendenzen geben oft den Ausschlag,

wenn mehrere zu demselben antizipierenden Schema passende Komplexe

miteinander konkurrieren.

Die Einführung der Komplexe im soeben dargelegten Sinne stellt die

Gedächtnisforschung vor ganz neue Probleme. Vielleicht muß einmal

die gesamte Gedächtnislehre auf diesem Begriff neu aufgebaut werden,

da wir unsere Eindrücke möglicherweise überhaupt nur in Komplexen

aufnehmen[7]. Wie dem auch sei, zwei Bedingungen lassen sich heute

schon angeben, welche die Bildung von Komplexen fördern. +Ohne

Zutun+ des Subjektes muß sich ein Komplex bilden, wenn in der Menge

wechselnder Eindrücke ein Empfindungsganzes häufig unverändert

wiederkehrt. So hebt sich für das junge Tier wohl allmählich das Bild

des Futters, des Herrn usw. heraus. +Mit dem Zutun+ des Subjektes

entstehen Komplexe durch Zusammenfassung (s. S. 124). Ganz von

selbst teilen die Vpn eine Silbenreihe in einzelne Gruppen ab; die

rhythmische Betonung bestimmter Silben leistet dabei eine große

Hilfe: die einfache Zusammenfassung wird zur Gestaltauffassung. Je

größer bei gleicher Übersichtlichkeit ein Komplex gemacht werden

kann, um so leichter wird die ganze Reihe erlernt.

Auch das +sinnvolle Lernen+ versteht man am besten als einen

Sonderfall der Komplexassoziation. Sinnvolles Lernen ist nämlich

nur dadurch möglich, daß eine Beziehung zwischen den beiden

einzuprägenden Vorstellungen hergestellt und das so entstandene

Beziehungsganze eingeprägt wird. Allerdings kann man auch zwei

Vorstellungen zu einer sinnvollen Gesamtvorstellung vereinigen,

Muster und Neffe zu Musterneffe; man bildet so durch einfache

Addition zweier Komplexe einen größeren, doch ist hier der Sinn

des neuen Komplexes von untergeordneter Bedeutung, lassen sich ja

auch mit demselben Nutzen +sinnlose+ Verbindungen dieser Art, wie

„Kliometerthal“, verwerten. Sobald aber eine Beziehung zwischen

den einzuprägenden Vorstellungen gefunden ist, hat man einen

+Sachverhalt+ und damit einen eigenartigen sinnvollen Komplex

gewonnen. Dieser Komplex wird tatsächlich reproduziert. Es fragt sich

aber noch, ob der Beziehungsgedanke als solcher eingeprägt wird.

Wäre dies der Fall, so hätte man neben den Residuen anschaulicher

Vorstellungen noch ein neues Gedächtniselement anzuerkennen:

die unanschaulichen Dispositionen unanschaulicher Gedanken. Die

sachliche Schwierigkeit dieser Annahme reicht nicht aus, sie a

limine abzuweisen. Indes ist die Frage heute noch nicht spruchreif.

Es bleiben nämlich zur Erklärung der heute bekannten Tatsachen

noch mancherlei Möglichkeiten. Zunächst kann das Wissen um einen

Sachverhalt vermittels eines Satzes oder Wortes eingeprägt werden.

Weiterhin kann der Beziehungsgedanke schon früher eine anschauliche

Repräsentation z. B. durch Schemata, wie Gleichheitszeichen u. ä.,

gefunden haben, so daß es jetzt genügt, wenn die zwei Vorstellungen

mit jenem geläufigen anschaulichen Symbol zu einem assoziativen

Komplex verbunden werden. Ferner kann die Sachverhaltserfassung die

beiden Vorstellungen bzw. ihre in Beziehung zueinander tretenden

Seiten so hervorheben, daß bei ihrer Reproduktion der früher

erkannte Sachverhalt gar nicht mehr übersehen werden kann. Befinden

sich z. B. unter einer Anzahl gleichzeitig dargebotener Figuren

zwei formgleiche, so kostet es anfangs vielleicht Mühe, diesen

Sachverhalt aufzufassen. Hebt man alsdann die gleichen Figuren durch

Verstärkung ihrer Umrisse heraus, dann wird man die Zeichnung kaum

noch ansehen können, ohne die Gleichheit jener Figuren geradezu

unmittelbar wahrzunehmen. Es wäre nun möglich, daß infolge der

Sachverhaltserfassung die Gedächtnisspuren zweier Vorstellungen in

ähnlicher Weise herausgehoben würden, wie die Umrisse jener Figuren.

Endlich mag in vielen Fällen die scheinbar eingeprägte Beziehung

beim Wiederauftauchen der Vorstellungen neu erfaßt werden. Erst wenn

das Gebiet der eben bewußtwerdenden Vorstellungen näher bekannt ist,

wird eine endgültige Stellungnahme möglich sein. Wir wissen auf jeden

Fall heute schon, daß die eben auftauchenden Vorstellungen eine hohe

Bedeutung im Seelenleben haben und daß aller Wahrscheinlichkeit nach

Beziehungen zwischen Vorstellungen erfaßbar sind, bevor diese selbst

zur klaren Bewußtheit gelangen.

Literatur

M. +Offner+, Das Gedächtnis. 3. Aufl. 1913.

O. +Selz+, Die Gesetze des geordneten Denkverlaufs, 1913.

E. +Becher+, Gehirn und Seele, 1911.

J. +Lindworsky+, Fordern die Reproduktionserscheinungen ein

psychisches Gedächtnis? Phil. Jahrbuch 1920.

Fußnoten:

[7] Vgl. meine Besprechung von O. +Selz+, Zur Psychologie des

produktiven Denkens und des Irrtums, in ZPs 93 (1923).

III. Buch

DIE HÖHEREN SEELISCHEN LEISTUNGEN DES EINZELNEN

ERSTER ABSCHNITT

Die höheren Erkenntnisleistungen

1. Kap. Die Vergleichung

Das Zusammenwirken von Gedächtnis und Erkenntnisfähigkeiten ermöglicht

die höheren Erkenntnisleistungen, deren wichtigste im folgenden

besprochen werden sollen. Die Vergleichung zweier unmittelbar und

gleichzeitig gegebener Bewußtseinsinhalte oder äußerer Gegenstände, der

sog. +Simultanvergleich+, beansprucht allerdings fast gar nicht das

Gedächtnis, wenn wir von seinem sprachlichen Ausdruck etwa absehen. Er

scheint sogar vielen überhaupt nicht über die sinnliche Wahrnehmung

hinauszugehen: wenn das Auge nebeneinander rot und grün erblickt, so

meint man, müsse es auch notwendig die Verschiedenheit dieser Farben

auffassen. Die innere Unmöglichkeit dieser Anschauung haben wir schon

dargetan (S. 108 ff.). Hier betonen wir nur, daß auch bei einem so

einfachen Erlebnis eine Mehrheit von seelischen Funktionen, allerdings

reduziert und in ein einheitliches Phänomen verschmolzen, vorliegt. Die

Experimente lehren nämlich, daß zwei objektiv gleiche Gegenstände nicht

nur im Bewußtsein stehen, sondern sogar eigens beachtet werden können,

ohne darum als gleich erkannt werden zu müssen. Wenn sich auch die

ersten und einfachsten Verschiedenheiten z. B. ohne weiteres aufdrängen

werden, so ist für gewöhnlich zum Zustandekommen eines Vergleiches

vor allem der Gesichtspunkt (die Aufgabe) notwendig, unter dem die

zu vergleichenden Gegenstände betrachtet werden müssen. Bisweilen

ist sodann ein wiederholtes Zusehen erforderlich. Hat man einmal den

Gesichtspunkt der vergleichenden Betrachtung geübt, so verharrt er

häufig als Einstellung, und unwillkürlich drängt sich alsdann auch bei

anderen Wahrnehmungen die objektiv bestehende Beziehung der Gleichheit,

Ungleichheit, Ähnlichkeit, Verschiedenheit usw. auf und bedingt die

Täuschung, der Vergleichsakt sei nichts Neues gegenüber der schlichten

Wahrnehmung.

Ganz neue und schwierige Probleme enthüllte die experimentelle

Untersuchung des +Sukzessivvergleiches+. Bislang glaubte man,

wenn man zwei nacheinander erlebte Eindrücke vergleiche, so

stelle man der Wahrnehmung des zweiten Reizes das Erinnerungsbild

des ersten gegenüber, und es wiederholten sich die Vorgänge des

Simultanvergleiches. Bei sehr schwierigen oder gestörten Vergleichen

geht man bisweilen in der Tat so voran. Aber nach den einstimmigen

Befunden aller Forscher werden die richtigsten und sichersten

Vergleichsurteile dann gefällt, wenn die Vpn gar nicht an den

vorausgegangenen Eindruck denken, wenn sie ihn ganz bestimmt nicht mehr

im Bewußtsein gehabt zu haben erklären. Ist das Gedächtnisbild des

ersten Reizes vorhanden, so verbessert es nicht die Vergleichsleistung.

Ja, es kann sogar ein solches Gedächtnisbild vorhanden sein und selbst

als ungenau erkannt werden.

+Schumann+ suchte das Problem durch die Verwertung der Nebeneindrücke

zu lösen. Tatsächlich begründen die Vpn manchmal ihr Vergleichsurteil

mit dem Auftreten eines Nebeneindruckes: die zu zweit gesehene

Kreisfläche scheint zusammenzuschrumpfen und wird darum als kleiner

beurteilt; der dritte Schlag eines Schallhammers überrascht, und

darum muß die Zeitspanne zwischen dem zweiten und dritten Schlag

kleiner sein als die zwischen dem ersten und dem zweiten. Solche

Nebeneindrücke seien bei den ersten Simultanvergleichen des Kindes

aufgetreten, hätten sich darum mit den Urteilen kleiner-größer

verknüpft und dienten jetzt umgekehrt zur Begründung dieser Urteile.

Hie und da mag dem in der Tat so sein. Allein längst nicht bei

allen Sukzessivvergleichungen sind Nebeneindrücke bezeugt, und

sehr viele der bezeugten Nebeneindrücke sind beim eigentlichen

Simultanvergleich ganz unmöglich, so das Zusammenschrumpfen und

Anschwellen einer Fläche u. a. +Brunswig+ glaubte darum, es genüge

die Erfassung des zweiten Eindruckes mit einer Richtung auf den

ersten und einem latenten Wissen von diesem. Eine beträchtliche

Erklärung ist indes damit nicht geboten. Neuere Befunde dürften

die merkwürdige Erscheinung aufhellen. Unsere Bewußtseinsinhalte

befinden sich auf verschiedenen Stufen der Klarheit und Beachtung

(+Westphal+). Außerdem ist stets eine Gruppe von Vorstellungen im

Begriff, über die Schwelle des Bewußtseins zu steigen bzw. unter sie

zu sinken; schon eine geringe Veränderung der Konstellation kann

sie unbewußt oder schwach bewußt machen. Es ist nun, wie +Michotte+

und der Verfasser selbst gefunden haben, eine Beziehungserkenntnis

möglich, bevor die bezogenen Bewußtseinsinhalte klar erfaßt sind. So

wird also der zweite Eindruck nicht mit dem Gedächtnisbild, d. h.

einer reproduzierten und als solcher bewußten Vorstellung der ersten

Wahrnehmung verglichen, sondern mit dem der Schwelle nahen und darum

nicht mehr oder noch nicht beachteten ersten Eindruck.

Läßt man paarweise Gewichte miteinander vergleichen, so wird

bisweilen das zuerst gehobene sofort als „schwer“ bzw. „leicht“ oder

gar als schwerer, leichter beurteilt, noch bevor der Vergleichsreiz

gegeben ist. Maßgebend für ein solches Urteil ist der „+absolute

Eindruck+“. Die genauere Untersuchung ließ erkennen, daß in

dergleichen Fällen durch die häufigen Hebungen eine Vorstellung

entweder des unveränderten Vergleichsgewichtes oder eine Vorstellung

eines mittleren Gewichtes in Bereitschaft gesetzt wurde. Diese tritt

nun bei der Hebung des Gewichtes über die Schwelle und ermöglicht in

der nämlichen Weise, wie es bei dem Sukzessivvergleich beschrieben

wurde, die Einsicht: schwer. Dieser absolute Eindruck kommt auf den

verschiedensten Gebieten vor und ist für die Entwicklung unseres

geistigen Lebens von allerhöchster Bedeutung. Es ist also im Grunde

der absolute Eindruck nur ein sehr abgekürzter Vergleich des neuen

Reizes mit einem nicht klar als solchen erkannten Durchschnittswert.

Er wäre darum richtiger ein relativer Eindruck zu nennen.

Was hier über die Vergleichung gesagt wurde, dürfte in der Hauptsache

von allen Beziehungserfassungen gelten. Auch bei den anderen

Relationen ist eine Beziehungserfassung möglich, schon bevor der

zweite Beziehungspunkt klar bewußt ist. Auch bei ihnen wird es

absolute Eindrücke geben, denen man allerdings heute noch nicht weiter

nachgespürt hat. Und endlich können alle Beziehungserfassungen zu einem

reproduzierbaren Beziehungs- oder Sachverhaltswissen werden.

Die Gesichtspunkte, mit deren Hilfe man eine Beziehung leichter

findet, z. B. die Frage: sind a und b einander gleich?, stammen

natürlich aus früheren Beziehungserfassungen. Somit muß die

erstmalige Entdeckung einer Beziehung stets +ohne+ vorausgehenden

Gesichtspunkt zustande kommen. Aber wir würden diese erstmalige

Entdeckung nicht leisten, blickten wir nicht „zufällig“ in jener

geistigen Sehrichtung auf die Dinge, die später willkürlich

vermittels des Gesichtspunktes herbeigeführt werden kann.

Übrigens erfassen wir nicht alle Beziehungen direkt an den

Außendingen. Gleichheits- und Lagebeziehungen z. B. „sehen“ wir

unmittelbar in der Außenwelt. Die Relation der Ursächlichkeit

hingegen erfassen wir direkt nur bei unserer inneren

Willenstätigkeit. Da wir nun vermittels einer Gleichheitserfassung

bemerken, daß Körper, die zueinander in räumliche Berührung kommen,

unter gewissen Bedingungen -- schematisch gesprochen -- sich so

verhalten wie Willensentschluß und Willenshaltung, so sehen wir nach

dem Gesetz der Komplexergänzung (S. 173) unsere Tätigkeit in die

Dinge hinein und vermeinen fast, die Relation der Ursächlichkeit

unmittelbar zu erfassen. Aber diese Beziehungserfassung, deren

Kerngedanke durch spätere Erfahrungen und Überlegungen gerechtfertigt

wird, ist nur eine indirekte.

Literatur

K. +Bühler+, Die geistige Entwicklung des Kindes³ (1922), § 15: Das

Vergleichen und die Relationswahrnehmung.

2. Kap. Die Dingerfassung

Wir müssen uns wohl an den Neugeborenen wenden, um etwas über die

Entstehung der Dingerfassung zu erfahren; uns Erwachsenen scheint es

ja eine ganz unmittelbare, unableitbare Gegebenheit zu sein, daß wir

außer uns nicht Eindrücke, sondern Dinge gewahren. Manche Philosophen

lehrten sogar, der Substanzbegriff sei das erste, unmittelbar Gegebene.

Wenn es aber gelingt, die Dingauffassung aus elementaren Funktionen

verständlich zu machen, so wäre unsere Anschauung bis auf weiteres

gesichert.

Nach allem, was wir vom Neugeborenen wissen, ist ihm zunächst nur

eine bunte Mannigfaltigkeit von Eindrücken gegeben, ein „Zusammen“,

das weder Struktur noch „Undverbindung“ ist. Irgendwie kristallisiert

sich aus dieser Mannigfaltigkeit ein Ichbewußtsein primitivster Art

heraus. Genaueres läßt sich heute noch nicht darüber angeben, aber

die Unableitbarkeit des Ichbewußtseins überhaupt, die wir anderswo

aufzuzeigen haben, verlangt, daß es auch beim Kinde in irgendeiner

Form angenommen werde. Von diesem Ansatz aus läßt sich dann die

Dingauffassung leicht gewinnen. Das Kind hat ungezählte Gelegenheiten

zu beobachten, wie sich ein Teil seines Empfindungskomplexes anders

verhält als es selbst: gewisse Teile seines Empfindungskomplexes

verändern sich, andere bleiben. Dieser Erfassung des Gegensatzes

dürfte die Erfassung einer gewissen Gleichheit parallel gehen. In

der Tat liegen ja viele Gleichheitsbeziehungen vor: die Menschen der

Umgebung vollführen ähnliche Bewegungen wie das Kind, lassen ähnliche

Laute vernehmen usf. Finden wir nun schon beim Erwachsenen, daß er bei

Feststellung etwaiger Gleichheit stets geneigt ist, das Vorhandensein

größerer Gleichheit anzunehmen, d. h. dem zweiten in einer Hinsicht als

gleich erkannten Gegenstand noch weitere Züge des ersten beizulegen, so

wird dies beim Kinde auch zu erwarten sein. Das Kind wird hinter dem

teils gleich-, teils andersartigen Eindruck Züge seines eigenen Ich

vermuten. Das Nächste, was ihm seine Beziehungserfassungen liefern,

sind also nicht Dinge, sondern +Neben-iche+. Der animistische Zug, den

die Kinderforscher immer wieder feststellen, dürfte ein Rest davon

sein. Allmählich schreitet nun die Beziehungserfassung fort, entdeckt

immer neue Verschiedenheiten von dem eigenen Ich, und auf dem Weg der

später zu schildernden Begriffsbildung wird aus dem Neben-ich ein sehr

abstraktes „Ding“.

3. Kap. Wahrnehmung und Vorstellung

Die peripher erregten Eindrücke unterscheiden sich, wie oben

ausgeführt wurde, von den zentral bedingten nur graduell. Es gibt

kein Charakteristikum, das nur der einen von beiden Erlebnisklassen

eigen wäre. Dennoch verwechseln wir im gesunden Zustande nur ganz

selten Wahrnehmung und Vorstellung. Im Gegenteil schreibt das

vorwissenschaftliche Denken der Wahrnehmung ganz andere Eigenschaften

zu als der Vorstellung: in der Wahrnehmung stehen wir dem Gegenstande

selbst gegenüber, in der Vorstellung nicht; die Wahrnehmung hat

Wirklichkeitscharakter, die Vorstellung gibt sich als bloßer Schein.

Und zwar unmittelbar, ohne besondere Überlegung. Es fragt sich also:

wie kommen solche Unterschiede zustande, wenn die inhaltlichen Merkmale

bei beiden Erlebnisklassen wesentlich die gleichen sind?

Wir haben oben schon bemerkt, daß gewisse inhaltliche Züge der

Wahrnehmung, andere der Vorstellung in höherem, ausgeprägterem

Grade eignen: die Empfindungsintensität ist bei der Wahrnehmung

im allgemeinen größer als bei der Vorstellung; die Konstanz und

Fülle der Inhalte desgleichen; an die Wahrnehmung schließen sich

bisweilen Erlebnisse an, die bei der Vorstellung ausbleiben;

wahrgenommenes Feuer brennt, vorgestelltes nicht. Diese

graduelle Verschiedenheit der Durchschnittswahrnehmung von der

Durchschnittsvorstellung kann nun +in einem beziehenden Akte

erkannt+ werden: das Kind kann die Wahrnehmungseindrücke einer

brennenden Kerze mit den Vorstellungseindrücken vergleichen und

deren Verschiedenheit erkennen. Diese einmalige Einsicht vermag

sich als +Sachverhaltswissen+ (vgl. S. 178 f.) einzuprägen.

Vermittels einer weiteren Beziehungserfassung kann es, fußend auf

dem genannten Sachverhaltswissen, zu der Erkenntnis vordringen:

Erlebnisse bei geschlossenen Augen unterscheiden sich in bestimmter

Weise von Erlebnissen bei offenen Augen. Es braucht jetzt nur

von seiner Umgebung einen Sammelnamen für beide Erlebnisarten zu

erfahren, um dauernd zu wissen: Wahrnehmungen unterscheiden sich

in einer bestimmten Weise von Vorstellungen. Noch ein Moment ist

hinzuzufügen, um diese Erfahrung zu einer stets verwendbaren zu

gestalten: Wir sahen, bei wiederholten Vergleichungen bildet sich

aus dem Durchschnitt der Erlebnisse ein unbemerkter Maßstab heraus,

an dem ein neuer Eindruck unwillkürlich gemessen wird; man hat dann

den absoluten Eindruck der Schwere, der Kälte usw. Dieser absolute

Eindruck haftet scheinbar an dem wahrgenommenen Gegenstand selbst,

erscheint wie eine seiner Eigenschaften. In genau der gleichen Weise

kann sich auch bei den vielen beabsichtigten und unbeabsichtigten

Vergleichungen von Erlebnissen der einen (Wahrnehmungs-) zu denen

der andern (Vorstellungs-) Gruppe ein +absoluter Eindruck+ des

Wahrnehmungs- bzw. Vorstellungsmäßigen herausbilden. Wir wissen dann

sofort, noch vor jeder Erinnerung und Vergleichung, ob wir es mit

einer Wahrnehmung oder Vorstellung zu tun haben.

Es ist also die entwickelte Wahrnehmung ebensowenig wie die Vorstellung

ein einfaches und von vornherein fertiges Erlebnis, sondern neue

Relationserkenntnisse treten zu der Dingerfassung hinzu und machen

aus ihr entweder eine Wahrnehmung oder eine Vorstellung. Aus diesem

Grunde begreift sich nun einerseits, wie es nicht immer zu einer

Wahrnehmung oder Vorstellung kommen kann, z. B. wenn die Eindrücke von

den Durchschnittserlebnissen abweichen, indem etwa die Wahrnehmung

sehr schwach oder die zentral erregte Vorstellung sehr lebhaft ist.

Ein absoluter Eindruck kommt da nicht auf, und auch ein absichtlicher

Vergleich führt nicht immer zur Entscheidung darüber, ob wir wahrnehmen

oder vorstellen. Anderseits wird verständlich, daß es auch bei

ausgesprochenen Erlebnissen nicht immer zum Wahrnehmungserlebnis

kommen muß. Beziehungserkenntnisse können nämlich ausbleiben,

namentlich wenn der Gesichtspunkt für sie fortfällt. Ein Dichter hat

bisweilen durchaus nicht den Eindruck, daß er die Personen seiner

Dichtung und deren Handlungen nur vorstelle, und umgekehrt vermag

der Inhalt des Wahrgenommenen uns bisweilen so zu fesseln, daß wir

uns fragen: wache ich, oder träume ich? Und endlich versteht man so

die Täuschungen über Wahrnehmung und Vorstellung. Sind die Züge,

die bei der Wahrnehmung durchschnittlich stärker auftreten als bei

der Vorstellung, infolge besonderer Umstände einmal bei den zentral

erregten Bewußtseinserscheinungen stärker ausgebildet, dann stellen

sich +Illusionen+ oder +Halluzinationen+ ein. Bei der Illusion wird

die wirkliche Wahrnehmung durch nur Vorgestelltes ergänzt: eine

wirklich gesehene Klingel hören wir fälschlicherweise auch tönen. Der

Halluzinant hingegen glaubt Dinge im objektiven Raum wahrzunehmen, die

ganz und gar seiner subjektiven Vorstellungstätigkeit entspringen.

Experimentelle Psychologie · 第 17 / 30 段