Einprägungsvorgänge, durch die bekanntlich Assoziationen gestiftet
werden, heranzubringen. Der Versuch, dies bei der Erlernung von
Gedichten zu tun, zeigte alsbald, daß das Lernmaterial zu ungleich war,
als daß die einzelnen Lernversuche und ihre Ergebnisse miteinander
hätten verglichen werden dürfen. +Ebbinghaus+ bildete darum aus je
einem Vokal und zwei Konsonanten sinnlose Silben (lap) und setzte
sie zu Silbenreihen zusammen. Später druckte man diese Silben
untereinander auf einen Streifen und ließ sie ruckweise hinter einem
Lesespalt erscheinen. Bei diesem Vorgang ist nun eine mannigfache
Messung möglich. Desgleichen sind die Aufgaben sehr verschieden, die
man der Vp stellen kann. Aufgabe und Messung charakterisieren nun die
verschiedenen Methoden der Assoziationsforschung.
Die +Erlernungsmethode+ stellt als Methode des unmittelbaren
Erlernens die Aufgabe, eine Silbenreihe bis zum glatten Aufsagen zu
erlernen. Dabei wird die ganze Silbenreihe stets auf einmal gelesen
und als ganze eingeprägt. Hier ist die Zahl der erforderlichen
Wiederholungen sowie die Schnelligkeit des einprägenden Lesens
das quantitative Element. -- Das +Ersparnisverfahren+ setzt
einmal erlernte und teilweise wieder vergessene Reihen voraus und
zählt, wieviele Wiederholungen aufgewandt werden müssen, bis die
Reihe wieder ohne Anstoß hergesagt werden kann. Aus der Anwendung
beider Methoden läßt sich etwa ermitteln, wie das Vergessen
eines eingeprägten Stoffes voranschreitet. Allerdings nur unter
der Voraussetzung, daß gleich lange Reihen unter sonst gleichen
Bedingungen durchschnittlich dieselbe Anzahl von Wiederholungen
benötigen, um erstmals eingeprägt zu werden. In der Tat gilt diese
Voraussetzung: die Wiederholungszahlen der verschiedenen Lernversuche
scharen sich verhältnismäßig dicht um einen Hauptwert, etwa das
arithmetische Mittel, ein Beweis, daß auf diesem Gebiete eine strenge
Gesetzmäßigkeit herrscht. -- Will man die Reihe nicht vollständig
auswendig lernen lassen, so bietet man nach einer gewissen Zahl von
Wiederholungen einzelne Silben der Reihe dar und läßt die auf sie
folgende Silbe aussprechen. Das Verhältnis der richtigen Treffer
(daher der Name +Treffermethode+) r zur Zahl aller Prüfungen n, also
r/n, gibt ein Maß der Assoziationsstärke. Auch die Geschwindigkeit,
mit der auf die vorgezeigte Silbe die zu ihr gehörige ausgesprochen
wird, ist von Bedeutung. Natürlich erhält man durch keine der
genannten Messungen eine absolute Wertangabe für die Stärke der
Assoziation, sondern nur eine relative. Auch sind die Ergebnisse der
Erlernungs- und der Treffermethode nicht ohne weiteres miteinander
vergleichbar, weil das subjektive Verhalten bei beiden nicht genau
dasselbe ist. +Andere Methoden+, wie die der behaltenen Glieder und
die der Hilfen, die entweder die von einer Reihe behaltenen Glieder
oder die Anzahl der Hilfen zählt, welche der Vl gewähren muß, damit
eine Reihe ganz aufgesagt werde, ebenso die Wiedererkennungsmethode,
die nach wenigen Wiederholungen einer Reihe deren Silben vorführt
und angeben läßt, ob man sie als Bestandteile der früheren Reihe
wiedererkennt, sind von untergeordnetem Werte und nur für bestimmte
Versuchszwecke passend.
Die bis jetzt genannten Methoden erforschen nur die unter ganz
bestimmten und bekannten Bedingungen gestifteten Assoziationen,
und zwar sowohl den Prozeß der Assoziationsstiftung, wie auch den
Grad der Assoziationsfestigkeit und deren Verfall. Andere Methoden
untersuchen die Stärke jener Assoziationen, die das Leben gestiftet
hat: die +Assoziationsreaktionen+. Bietet man optisch oder akustisch
einer Vp ein Wort dar mit der Anweisung, das nächst einfallende Wort
auszusprechen, und wiederholt diesen Versuch bei möglichst vielen
Individuen, so stellt sich heraus, daß ein hoher Prozentsatz der Vpn
auf das nämliche Reizwort mit demselben Reaktionswort reagiert, auf
„Blitz“ wird die Mehrzahl der Erwachsenen mit „Donner“ antworten.
Je mehr Individuen sich auf die gleiche Reaktion einigen, um so
stärker ist die Assoziation zwischen dem Reiz- und dem Reaktionswort.
An diesem Grundschema der Assoziationsreaktion lassen sich nun
mannigfache Variationen anbringen: Man kann die Reizvorstellung und
die Art ihrer Darbietung verändern (Wort- oder Sachvorstellung,
akustische oder optische Darbietung); man kann ferner die Art der
Reaktionsvorstellung ganz in das Belieben der Vp stellen oder sie
mehr und weniger einschränken, indem man z. B. eine verwandte oder
entgegengesetzte Vorstellung finden läßt; man kann statt einer
Vorstellung eine Reihe solcher sich entwickeln lassen. Bei all
diesen Versuchen ist die Messung der Reaktionszeiten lehrreich.
Nur darf man sich nicht mit den Angaben der Reaktionsvorstellungen
begnügen, sondern muß auf Grund der rückschauenden Selbstbeobachtung
jedesmal das ganze Erlebnis schildern lassen. Sehr häufig ist nämlich
das Reaktionswort gar nicht die erste durch die Reizvorstellung
ausgelöste Vorstellung, weil die Vp, ohne sich recht darüber klar
zu sein, gewisse Anforderungen an die Reaktionsvorstellungen
heranbringt. Selbstverständlich kann man auch den subjektiven Zustand
der Vp variieren, indem man die Versuche entweder im frischen oder im
ermüdeten oder in einem durch Alkohol u. dgl. beeinflußten Zustand
ausführt.
2. Hauptergebnisse der Assoziationsforschung
a) Die Beziehungen zwischen der Zahl der Wiederholungen und der
Assoziationsstärke
Ein einmaliges Bewußtwerden eines Erlebnisses kann bekanntlich dies
dauernd einprägen, falls das Vorkommnis sehr eindrucksvoll ist. Die
einmalige Vorführung indifferenter Inhalte jedoch, wie sinnlose
Silben, Zahlen, zusammenhanglose Worte, ist nur dann von Erfolg, wenn
es sich um eine geringe Zahl solcher Inhalte handelt: 6-7 sinnlose
Silben, 10-12 Zahlen oder Buchstaben können von Erwachsenen nach
einmaligem Lesen oder Hören aufgesagt werden; von sinnvollen oder gar
zusammenhängenden Worten kann ungleich viel mehr behalten werden. Wir
fassen eben die Wörter nicht nach ihren Elementen, den Buchstaben, und
die Sätze nicht nach ihren einzelnen Wörtern auf, sondern beachten und
behalten jedesmal die Einheiten. Indes wird durch einmaliges Darbieten
einer solchen kurzen Reihe keine bleibende Assoziation gestiftet.
Die wahrgenommenen Elemente verharren vielmehr im Sekundärerlebnis
noch eine kurze Zeitspanne, so daß die etwa dargebotenen sechs
sinnlosen Silben gleichzeitig im Bewußtsein stehen und darum nochmals
wiedergegeben werden können. Man spricht hier vom +unmittelbaren
Behalten+. Wird jedoch dessen Spannweite überschritten, werden statt
sechs etwa neun sinnlose Silben vorgeführt, dann werden nicht etwa
sechs behalten und drei vergessen, sondern von den neun lassen sich
kaum zwei bis drei nennen. Die Spannweite des unmittelbaren Behaltens
ist nach Alter, Individuum und Frische sehr verschieden.
Überschreitet die Silbenreihe eine gewisse Länge, so sind zu ihrer
Einprägung mehrere Wiederholungen erforderlich; für eine 12silbige
Reihe etwa 16 Wiederholungen. Es fragt sich nun: wie wächst die
Zahl der zur Einprägung notwendigen Wiederholungen, wenn die zu
erlernende Reihe vergrößert wird? Man könnte erwarten, daß die Zahl
der Wiederholungen in gleicher Weise steigen würde wie die der Silben.
Anderseits wäre es aber auch möglich, daß die Wiederholungszahl nicht
anwüchse, da bei jeder Reihenlänge doch immer nur die Assoziation
zwischen je zwei Silben zu stiften, somit die gleiche Leistung zu
vollbringen ist. Aber keine dieser Möglichkeiten verwirklicht sich,
sondern die Wiederholungszahl steigt anfangs sehr schnell, später
langsamer. +Ebbinghaus+ gibt folgende Zahlen an: Anzahl der Silben: 7,
12, 16, 24, 36; notwendige Wiederholungen: 1, 16,6, 30, 44, 55. Eine
ganz befriedigende Erklärung dieser Gesetzmäßigkeiten gibt es noch
nicht. Sicherlich ist die Erlernung von 36 Silben eine größere Leistung
als die von drei Zwölferreihen, da im ersten Fall 36, im letzten nur
je 12 Silben am Ende der Reihe gleichzeitig gewußt werden müssen.
Schon die Alltagserfahrung besagte: je öfter man einen Lernstoff
wiederholt, um so tiefer prägt er sich ein. Die Experimente bestätigen
diese allgemeine Regel, zeigen aber auch, daß nicht einfachhin eine
Proportionalität zwischen der Anzahl und dem Einprägungswert der
Wiederholungen herrscht. Die erste Lesung hat bei sinnlosem Material
den größten Einprägungswert; bei sinnvollem gilt dies von der zweiten,
da die erste der Orientierung dient. Ist die Reihe einmal gelernt, so
prägen die überschüssigen Wiederholungen sie verhältnismäßig nicht viel
mehr ein, sind darum weniger zweckmäßig.
b) Einfluß des Lernstoffes
Zunächst ist die Stellung der einzelnen Elemente von Bedeutung.
Anfang und Ende einer Silbenreihe werden zuerst behalten, die Mitte
wird regelmäßig am schwersten gelernt. Unmittelbar vorausgehende
und unmittelbar nachfolgende Einprägungen scheinen einer weiteren
Assoziationsstiftung nachteilig zu sein. Je geläufiger sodann die
einzelnen Silben einer Reihe oder überhaupt die Elemente eines
Lernstoffes sind, um so leichter prägen sie sich ein: eine Reihe,
die aus bekannten Silben aufgebaut ist, wird leichter erlernt als
eine aus unbekannten. Das ist übrigens auch ein Grund, weshalb
die Einprägung längerer Reihen mehr Wiederholungen beansprucht
als die kürzerer. Je stärker ferner und je eindringlicher die
Elemente dargeboten werden, um so besser werden sie behalten. Das
gilt in gewissem Sinne auch für die Dauer der Einwirkung: bleiben
die einzelnen Silben längere Zeit sichtbar, so vermehren sich
die Treffer. Anderseits werden die Reihen unter sonst gleichen
Bedingungen aber doch schneller erlernt, wenn sie schneller gelesen
werden. Man hat dieses Paradox durch den Einfluß der Perseveration
zu klären gesucht: bei dem Trefferverfahren, das 5 Minuten nach der
Darbietung einsetzt, spielt die Perseveration eine größere Rolle
als bei dem Erlernungsverfahren, wo die ganze Reihe unmittelbar
nach der Einprägung aufgesagt wird. Nun ist die Perseveration
um so stärker, je länger der Eindruck währte. Sie kann also bei
langsamer Darbietung mehr zur Geltung kommen als bei schneller
(+Ephrussi+). Vielleicht kann noch folgender Umstand berücksichtigt
werden. Bei dem Trefferverfahren kommt es (auch subjektiv) darauf
an, nur je ein Silbenpaar einzuprägen, und dafür ist eine längere
Darbietung vorteilhaft. Bei dem Erlernungsverfahren hingegen soll
immer die ganze Reihe behalten werden. Wenn nun wirklich, wie wir
oben annahmen, die Hauptbedingung für die Assoziationsstiftung in
der gleichzeitigen Vereinigung der Inhalte im Bewußtsein besteht,
dann wird innerhalb gewisser Grenzen eine schneller gelesene Reihe
sich leichter zu einem Gesamtbewußtseinsinhalt vereinigen lassen als
eine langsam gelesene, und es ist zu erwarten, daß die Reproduktion
der Teilinhalte eines Gesamtbewußtseins gegenüber der Reproduktion
mehrerer aufeinanderfolgender Bewußtseinszustände im Vorteil ist.
c) Die Gesetzmäßigkeiten des Vergessens
Das Abnehmen der Assoziationsfestigkeit bestimmte zuerst +Ebbinghaus+
vermittels der Methode der Ersparnisse: Mehrere gleichartige Reihen
werden erlernt. Nach zwanzig Minuten wird eine von ihnen so oft
wiederholt, bis sie wieder aufgesagt werden kann; nach einer Stunde
wird eine zweite auf die gleiche Weise wieder aufgefrischt; nach acht
Stunden eine dritte usf. Es stellte sich heraus, daß die erlernten
Reihen -- Ähnliches gilt von allen anschaulichen Vorstellungsfolgen,
z. B. auch von Handfertigkeiten -- anfangs sehr rasch und später sehr
langsam vergessen werden. Daraus ergibt sich unmittelbar: sind uns zwei
Lernstoffe augenblicklich gleich geläufig, so werden wir nach einiger
Zeit denjenigen von beiden besser wissen bzw. weniger vergessen haben,
den wir zuerst gelernt haben.
Da sich innerhalb gewisser Grenzen auch ein dauerndes Behalten
erzielen läßt, das keine Wiederholungen mehr erfordert, so kann
eine bis zum eben Hersagen erlernte und jeden Tag bis zu demselben
Punkte wieder aufgefrischte Reihe nicht jedesmal gleichviel an
ihrer Assoziationsstärke verlieren. Somit werden alte Assoziationen
durch gleich viele Wiederholungen mehr gestärkt als junge (+Jost+).
Das Experiment lehrt aber außerdem noch, daß das rasche Sinken
der Assoziationsstärke namentlich durch die erste Wiedererlernung
aufgehalten wird (+Meumann+). Mit dem Jostschen Satz hängt die
wichtige Tatsache zusammen, daß es für die Einprägung vorteilhafter
ist, die Wiederholungen möglichst zu verteilen, als den Lernstoff auf
einmal zu bewältigen. Von besonders hohem Einprägungswert sind ferner
jene Wiederholungen, die in Aufsageversuchen bestehen. Rezitationen,
die zwischen einfache Wiederholungen eingeschoben werden, ersparen
eine beträchtliche Zahl Wiederholungen. Die Aufsageversuche nämlich
machen die schwachen Stellen kenntlich, lenken somit bei weiteren
Einprägungen die Aufmerksamkeit auf sie und leiten zur Gruppenbildung
an. Damit kommen wir zu neuen Lernbedingungen. die mit der
Wiederholung als solcher nichts gemein haben.
d) Die Bedeutung des allgemeinen psychischen Verhaltens
Ein großes Hindernis der Einprägung bildet die geistige Ermüdung.
Der späte Abend eignet sich durchschnittlich ebensowenig wie die
Zeit der Verdauung zum Memorieren. Weiterhin stören Unlustgefühle
gewaltig den Lernprozeß, während eine nicht allzu lebhafte Freude
fördert. Das Interesse beschleunigt die Einprägung wohl in erster
Linie wegen der Aufmerksamkeitssteigerung, die es bedingt. Zwar läßt
sich nicht behaupten, ohne Aufmerksamkeit sei jegliches Behalten
ausgeschlossen, aber im Bereiche der willkürlichen Einprägung bildet
die Aufmerksamkeitskonzentration einen ausschlaggebenden Faktor,
weshalb auch die Gedächtnispädagogen in erster Linie zur Beherrschung
der Aufmerksamkeit erziehen. Ähnliches gilt von dem Willen zur
Einprägung. Ohne diesen bringen auch recht zahlreiche Wiederholungen
nicht merklich voran. Neuere Untersuchungen legen endlich nahe, daß es
ein Behalten auf bestimmte Fristen gibt: was nur für einen bestimmten
Termin eingeprägt ist, scheint rascher vergessen zu werden als das für
immer Gelernte. Doch bedarf diese Frage noch weiterer Untersuchungen.
Die oben (S. 102 f.) erwähnten Vorstellungstypen machen sich auch
für das Lernen geltend. Im allgemeinen gilt: jene Darbietungsweise
ist die günstigste, welche dem Vorstellungstypus des Lernenden
entspricht. Diese allgemeine Regel erleidet aber durch die besonderen
Umstände zahlreiche Ausnahmen. So wird der Visuelle eine Reihe
römischer Zahlen akustisch einprägen, weil ihm die akustischen
Zahlvorstellungen geläufiger sind als die römischen Zahlbilder.
Umgekehrt wird der Akustiker sich des visuellen Gedächtnisses
bedienen, wenn ihm mehrere optische Bilder vorgeführt werden, für die
er keinen Namen besitzt. Beides wegen des oben (S. 167) genannten
Gesetzes, daß sich eine Reihe aus bekannten Elementen leichter merken
läßt als eine aus völlig neuen gebildete.
e) Nebenassoziationen
Außer der Assoziation, die von einem Teile der dargebotenen Reihe zum
nächstfolgenden führt und die sich als Hauptassoziation bezeichnen
läßt, weil sie den Weg vorschreibt, den die Reproduktion beim
Aufsagen der Reihe in der Regel nimmt, entdeckte schon +Ebbinghaus+
noch andere Assoziationen. Es ist nicht nur die erste Silbe mit der
zweiten, sondern auch die erste mit der dritten, der vierten und
sogar nachweislich mit der siebten Silbe verbunden (+überspringende
Assoziationen+). Allerdings wird die Stärke der Assoziation um
so geringer, je weiter der ursprüngliche Abstand der Silben ist.
Sodann fand sich eine +rückläufige Assoziation+: es besteht auch
eine Reproduktionstendenz von der nachfolgenden zur vorausgehenden
Silbe. Endlich die +Stellenassoziation+: man merkt sich außer der
Silbe auch ihre Stelle in der Reihe, entweder durch das Zahlwort:
dritte Silbe, oder visuell: in der Mitte, oder akustisch, insofern
als den rhythmisch ausgesprochenen Taktteilen eine charakteristische
Betonung zukommt. Alle diese Nebenassoziationen verraten sich teils
im Trefferverfahren, wenn man die falschen Reaktionen auf ihre
Herkunft untersucht, teils im Ersparnisverfahren, wenn man Reihen
bildet, in denen entweder die mittelbar aufeinanderfolgenden Silben
oder die Stellenwerte erhalten bleiben. Übrigens stimmt die Tatsache
der Nebenassoziationen sehr gut zu der oben dargelegten Auffassung
der Simultanassoziation (S. 156), denn alle durch Nebenassoziation
verbundene Glieder waren einmal gleichzeitig im Bewußtsein. Somit
wäre uns durch die überspringenden Assoziationen ein Maß für
den „sukzessiven“ Bewußtseinsumfang gegeben, und falls unsere
Auffassung richtig ist, müßten bei rascherem einprägendem Lesen
die überspringenden Assoziationen sich weiter erstrecken als bei
langsamem.
3. Kap. Ausdehnung der Betrachtung auf das Gesamtbewußtsein
1. Die Konstellation
Die willkürlich hergestellte Assoziation zwischen den Gliedern einer
Reihe gibt noch kein vollständiges Bild der Assoziationsverhältnisse
im Gesamtbewußtsein. Die Vorstellungen der Reihenelemente sind nur
künstlich isoliert und erhalten so eine stärkere Beachtung und
assoziative Verbindung; namentlich wird aber bei der Reproduktion nur
ihnen Beachtung geschenkt, wodurch sie besonders gefördert und andere
Vorstellungen, die gleichzeitig auftauchen möchten, vernachlässigt
werden. Die Vorstellungsverbindungen, welche das Leben stiftet, lassen
sich nicht durch das Kettenschema der Silbenreihen, sondern eher durch
ein Netzschema veranschaulichen. Es geht ja von jeder Teilvorstellung
eine assoziative Verbindung nach allen Seiten aus, wenn auch diese
Verbindungen nicht alle gleich stark sind. Dementsprechend strahlen
von einer Teilvorstellung auch nach allen Seiten Reproduktionstendenzen
aus. Nun ist unserem Bewußtsein aber niemals nur eine Vorstellung
gegeben. Stets ist eine Mehrheit an Vorstellungen vorhanden. Sehr viele
von ihnen haben wir schon früher einmal gehabt. Von ihnen gehen deshalb
gleichzeitig die verschiedenartigsten Reproduktionstendenzen aus, die
sich gegenseitig teils fördern, teils hemmen.
a) Die Hilfen
Die Gesetzmäßigkeiten des Vergessens zeigen, daß nichterneuerte
Assoziationen zwar geschwächt werden, aber nicht völlig verschwinden.
Das läßt vermuten, daß ein erfolgloser Reproduktionsversuch
auch nicht gänzlich wirkungslos bleibe. In der Tat fällt einem
ein gesuchter Name bisweilen kurze Zeit darauf in einem anderen
Zusammenhang ein. Der Reproduktionsversuch hat diesen Namen
in höhere Bereitschaft gestellt. Wenn nun nach dem gesuchten
Namen nicht nur von einer, sondern von mehreren Vorstellungen
aus Reproduktionstendenzen hinstrahlen, so läßt sich erwarten,
daß er endlich ins Bewußtsein gehoben wird, auch wenn keine der
verschiedenen Reproduktionstendenzen für sich allein dies hätte
vollbringen können. Die Reproduktion des Namens gelingt infolge
der +Konstellation+. So erteilt man in der Schule bisweilen
Gedächtnishilfen: will der Name Finsteraarhorn nicht einfallen, so
fragt man nach dem dort entspringenden Fluß, der Aar.
b) Die Hemmungen
Wie es die Reproduktion fördert, wenn von zwei Teilvorstellungen
Reproduktionstendenzen auf die zu erneuernde Vorstellung hinführen,
so wird es umgekehrt der Reproduktion der Vorstellung b durch
die Vorstellung a hinderlich sein, wenn von a gleichzeitig zwei
Reproduktionstendenzen ausgehen, nach b und nach c. In der Tat läßt
sich diese assoziative Hemmung experimentell nachweisen, und zwar
in doppelter Art: ist a schon mit b assoziiert und soll noch mit c
verbunden werden, so ist die Assoziation ac schwerer zu bilden als
sonst (+generative+ Hemmung); sodann wird durch die neue Verknüpfung
ac die ältere Assoziation ab geschwächt (+effektuelle+ Hemmung).
Diese herkömmliche Ausdrucksweise ist allerdings ungenau, da wir
streng genommen nur von der Reproduktion etwas aussagen können,
nämlich: die Reproduktionsmöglichkeiten des c wie des b mit a als
Reproduktionsmotiv sind herabgesetzt. Daß die Assoziation als solche
nicht beeinträchtigt ist, beweisen die später zu besprechenden
Versuche über Komplexbildung, nach denen beide Hemmungen nur unter
bestimmten Bedingungen eintreten. Damit verschwindet auch das
Bedenken, unser ganzes Vorstellungsleben müsse unter diesen beiden
Hemmungen leiden oder gar unmöglich werden. Wo aber die assoziativen
Hemmungen eingreifen, wo von einer Vorstellung tatsächlich
gleichzeitig verschiedene Reproduktionstendenzen ausgehen, da
kommt es zur Konkurrenz der assoziierten Vorstellungen, indem die
überwertige obsiegt, oder es treten Mischwirkungen zutage, wie „Kreuz
und Rüben“ aus kreuz und quer und Kraut und Rüben.
Die +rückwirkende+ Hemmung ist jedoch den assoziativen nicht
gleichzustellen. Läßt man unmittelbar nach Einprägung einer
Reihe eine intensive geistige Beschäftigung wie Memorieren oder
aufmerksames Betrachten von Bildern folgen, so wird von dem
erlernten Stoff ungleich mehr vergessen als ohne diese nachfolgende
Tätigkeit. Hier werden wirklich die Assoziationen geschwächt; denn
die Reproduktion ist unter allen Bedingungen erschwert, auch dann,
wenn die Vorstellungen aus der nachfolgenden Beschäftigung nicht
als störende Konkurrenten auftreten. Daher die Bedeutung der Pausen
nach dem Auswendiglernen. Die frisch gebildete Assoziation braucht
Zeit, um sich zu befestigen und -- zu verstärken. Merkwürdigerweise
verbessert sich nämlich unser Gedächtniswissen im Verlauf der Zeit:
in Versuchen von +Boldt+ war das Ergebnis der Prüfung nach einem
Tag besser als nach einer Viertelstunde, und da besser als nach 5
Minuten. +Ebbinghaus+ war diese Tatsache entgangen, weil er stets
mehrere Reihen hintereinander lernen ließ, die sich gegenseitig
hemmten. Für diese auffallende Erscheinung ist einstweilen folgende
Erklärungsmöglichkeit vorhanden: Gleichzeitig mit dem eigentlichen
Lernstoff werden eine Reihe anderer Vorstellungen aus der gesamten
Lernsituation miteingeprägt. Sie werden beim Hersagen der Reihe
ebenfalls in Bereitschaft gesetzt und hemmen darum den glatten
Ablauf. Nun unterliegen beide Vorstellungsreihen, die Haupt- wie die
Nebenvorstellungen, dem Vergessen. Weil aber die Nebenvorstellungen
weniger beachtet waren, stand ihnen von Anfang an eine schwächere
Assoziation zu Gebote wie den Hauptvorstellungen. Somit erreicht bei
ersteren die Reproduktionstendenz bald den Nullpunkt, während sie für
die letzteren noch wirksam bleibt. Vielleicht hat man außer diesem
Umstand noch ein Ausreifen der physiologischen Dispositionen zur
Erklärung heranzuziehen.
2. Die Komplexbildung