mannigfache, allzu mannigfach, so möchte es scheinen, als daß sie sich
irgendwelchen Gesetzen einordnen ließe. Fragen wir uns aber zunächst
einmal nach den +Erlebnisarten, die sich reproduzieren lassen+, so
vermissen wir darunter alsbald Willensakte und Gefühle. Wir erinnern
uns zwar an die Tatsache, daß wir einen Entschluß gefaßt haben und daß
wir traurig waren, ja bei dem Gefühl ist noch etwas mehr vorhanden:
taucht die Erinnerung an den Anlaß der früher erlebten Trauer auf,
dann werden wir aufs neue traurig, aber dieses Gefühl trägt nicht
den Erinnerungscharakter, wie die es veranlassende Vorstellung.
Auch sind wir nicht imstande, ein Gefühl unmittelbar und für sich
wieder lebendig zu machen, sondern müssen uns zuvor an seinen Anlaß
erinnern. Diese Unmöglichkeit, sich des Gefühles zu erinnern, stimmt
auch ganz zu der theoretischen Auffassung, die wir uns über das
Wesen des Gefühls bildeten, ebenso wie es in der Natur der Akte (des
Erkennens und Wollens) liegt, nicht reproduzierbar zu sein. Es bleiben
somit für die Reproduktion übrig jene Eindrücke, die unmittelbar von
Empfindungen herrühren. Es hat sich aber bei Reproduktionsversuchen
gezeigt, daß nicht nur die +sinnlichen Eindrücke+ wieder ins Bewußtsein
gerufen werden können, sondern auch die Beziehungen, die wir an ihnen
entdeckt haben: wir erinnern uns auch an +Sachverhalte+. Oft ist es
sogar zunächst ein Sachverhalt, der sich bei der Bemühung um eine
Reproduktion einstellt: so besinnen wir uns auf einen Namen und finden
zunächst, er sei ganz ähnlich einem anderen. Es muß hier allerdings
noch dahingestellt bleiben, ob die Reproduktion eines Sachverhaltes
gleich unmittelbar ist wie die von sinnlichen Eindrücken.
2. Vorstellungen und Sachverhalte tauchen beim Besinnen oder
gelegentlich auch ungesucht in unserer Erinnerung auf. Sammelt man
solche Erinnerungserlebnisse in genügender Zahl, so offenbart sich
trotz aller Buntheit der Einfälle eine gewisse +Gesetzmäßigkeit+,
die zum Teil schon +Aristoteles+ aufgefallen ist. Eine Wahrnehmung
oder auch eine Vorstellung ist häufig von einer Reproduktion gefolgt,
deren Gegenstand in +örtlicher+ oder +zeitlicher Berührung+ mit dem
Gegenstand der vorausgehenden Wahrnehmung oder Vorstellung sich befand;
der Anblick einer Straße ist gefolgt von der Erinnerung an einen
Unfall, der sich dort abgespielt. Die Regelmäßigkeit, mit der unter
solchen Bedingungen eine Vorstellungserneuerung eintritt, und die
eigenartige Erlebnisweise, die manchmal dabei zu beobachten ist: die
vorausgehende Wahrnehmung berührt uns merkwürdig; ist inhaltsschwerer
als andere; läßt uns nicht so schnell los; wir spüren, wie in unserem
Bewußtsein sich irgend etwas herausarbeitet usw.; all dies bestimmt
uns sehr bald, in der vorausgehenden Wahrnehmung die Ursache jener
Vorstellungserneuerung zu erblicken. Wir sagen: jene Wahrnehmung
erinnert mich an, wir bezeichnen sie als das +Reproduktionsmotiv+ und
behaupten, es gehe von ihr eine +Tendenz+ aus, die mit ihrem Gegenstand
zeitlich und örtlich verknüpften Gegenstände ins Bewußtsein zu rufen.
Eine gleiche Tendenz entdeckte sodann Aristoteles hinsichtlich der dem
Wahrnehmungsgegenstand entgegengesetzten und endlich der ihm ähnlichen
Dinge: +Gegensätzliches+ und +Ähnliches+ rufen sich wechselseitig ins
Bewußtsein.
Zu diesen drei fand man in unserer Zeit noch andere
Reproduktionsfälle. Nicht nur Vorstellungen von Gegenständen, die
örtlich oder zeitlich mit andern Gegenständen verknüpft sind, werden
zum Reproduktionsmotiv für die Vorstellungen eben jener Gegenstände,
auch Vorstellungen, die ersteren nur inhaltlich ähnlich sind, rufen
letztere herbei: Die Farbe blau ruft die Wortvorstellung blau ins
Bewußtsein, aber auch die Farbe violett soll von dem Kinde, das
sie zum erstenmal sieht, blau benannt werden; hier hätte also die
Wahrnehmung violett dieselbe Vorstellung reproduziert, wie das ihm
ähnliche blau. Dieses Gesetz der +Substitution+ ist natürlich nicht
mit dem aristotelischen Gesetz der Ähnlichkeit zu verwechseln.
Weiterhin werden bisweilen Vorstellungen bewußt, ohne daß eines der
genannten vier Gesetze dafür verantwortlich gemacht werden kann. Es
sind das immer Vorstellungen, die kurze Zeit zuvor erlebt wurden. Man
spricht da von der +Perseverationstendenz+ (G. E. +Müller+): eine
Vorstellung, die einmal im Bewußtsein war, hat die Neigung, bald
wieder bewußt zu werden. Endlich treten hie und da Vorstellungen
ins Bewußtsein ohne jedes erkennbare Reproduktionsmotiv. Man nannte
sie +freisteigende Vorstellungen+. Die Zahl der sicher erwiesenen
Fälle von freisteigenden Vorstellungen ist indes nicht so groß --
zumeist hatte man das Reproduktionsmotiv übersehen oder wieder
vergessen --, daß durch sie die allgemeine Gesetzmäßigkeit der
Vorstellungserneuerung in Frage gestellt würde.
3. Man versuchte nun, die +drei aristotelischen Gesetze auf eines
zurückzuführen+. Zunächst das +Kontrastgesetz+. Gegensätze finden
sich bisweilen in der Natur beieinander, so Berg und Tal, Festes
und Flüssiges. Sodann machen Gegensätze einen starken Eindruck
auf den Erlebenden. Man wird darum eher auf sie aufmerksam und
vereinigt so die gegensätzlichen Inhalte im Bewußtsein, während
nichtgegensätzliche Inhalte unter sonst gleichen Bedingungen nur
vereinzelt und getrennt aufgefaßt werden. Aus dem nämlichen Grunde
stellt die Sprache so häufig die Gegensätze nebeneinander: jung
und alt, arm und reich. Es lassen sich also gar manche Fälle der
Kontrastreproduktion auf die Berührung in Raum und Zeit zurückführen.
In andern Fällen weisen die Gegensätze Ähnlichkeiten auf: schwarz
und weiß sind darin einander verwandt, daß sie beide neutrale Farben
sind und beide an einem Ende der neutralen Qualitätenreihe stehen.
Hier bleibt sonach eine Reduktion auf das Ähnlichkeitsgesetz möglich.
Aus diesem Grunde läßt man das Kontrastgesetz heute nicht mehr als
ursprüngliches Reproduktionsgesetz gelten.
Auch das +Ähnlichkeitsgesetz+ dürfte sich als nicht elementar
erweisen. Die bis jetzt bekannten Fälle, wo eine Vorstellung nicht
eine mit ihr örtlich oder zeitlich verbundene, sondern eine nur
ähnliche Vorstellung weckt, zeigen alle eine +partielle Gleichheit+
beider Vorstellungen: Wenn die Silbe pön statt der gleichzeitig
mit ihr gesehenen Silbe ref die Silbe lön ins Bewußtsein ruft, so
ist dem Reproduktionsmotiv pön und der reproduzierten Vorstellung
lön der Teil ön gemeinsam. Dieser Teil perseveriert aus der ersten
Vorstellung und zieht nach dem Gesetz der raum-zeitlichen Berührung
den früher mit ön gleichzeitig gesehenen Bestandteil l nach sich
(+Peters+). Partielle Gleichheit kann vorhanden sein, auch wenn
die Dinge nicht so einfach liegen wie in diesem Fall. Es möge eine
kleine schwarze Sicherheitsnadel die Vorstellung einer großen weißen
reproduzieren. Auch da haben wir außer der Zweckgleichheit die
Gleichheit der Behandlungsweise und der Gestalt. Endlich wird in
vielen Fällen die Reproduktion zwischen ähnlichen Vorstellungen keine
unmittelbare sein, sondern durch die Reproduktion eines Sachverhaltes
bedingt werden: an die Wahrnehmung der Vorstellung eines Dinges
schließt sich das Wissen an: hierzu gibt es etwas Ähnliches. Überdies
können, wie +Selz+ gezeigt hat, die meisten der bisher erwiesenen
Fälle der Ähnlichkeitsreproduktion aus dem später zu besprechenden
Gesetz der Komplexergänzung erklärt werden.
Somit bleibt von den drei aristotelischen Gesetzen +nur das
Berührungsgesetz als fundamentales+ übrig. Damit ist auch die
Unebenheit ausgeglichen, daß die beiden ersten Gesetze sich auf
inhaltliche Momente stützen, während das letzte dem Inhalt gegenüber
völlig indifferent ist und nur auf das zufällige Zusammensein
mehrerer Inhalte im Bewußtsein Bezug nimmt. Auch dieses Gesetz
hat man durch Ausscheidung des Raummomentes zu vereinfachen und
durch Ausweitung des Begriffes der zeitlichen Berührung jenen
Tatsachen anzupassen gesucht, in denen eine Reproduktion von
aufeinanderfolgenden Vorstellungen beobachtet wurde. In der Tat ist
das Raummoment, wie leicht zu finden, überflüssig. Anderseits ist
die Ausdehnung der zeitlichen Berührung auf nahe zeitliche Folge
unnötig. Wie wir gesehen haben, entfallen die Erlebnisse nicht sofort
dem Bewußtsein, sondern klingen langsam ab. Darum findet ein nach
kurzer Pause aufgenommener Eindruck die unmittelbar vorausgegangenen
noch vor und wird mit ihnen zu +einem+ Bewußtseinsinhalt vereinigt.
Beachtet man zudem, wie sich bei freier Reproduktion die
Vorstellungen aneinanderschließen, so wird man sie nicht so sehr als
einzelne für sich abgeschlossene Bewußtseinsinhalte, denn vielmehr
als Teile eines Gesamtbewußtseins betrachten und den Nachdruck
nicht auf die zeitliche Berührung, sondern auf die Zugehörigkeit zu
einem Gesamtbild legen (+Poppelreuter+). Wir kommen so zu dem einen
+Hauptgesetz der Reproduktion+: ein bewußt gewordener Teil eines
früheren Gesamtbewußtseins hat die Tendenz, die übrigen Teile jenes
Gesamtbewußtseins nach sich zu ziehen.
Es scheint nicht ausgeschlossen, auch die meisten
+Perseverationserscheinungen+ diesem Hauptgesetz unterzuordnen. Die
Tatsache, daß eine bestimmte Vorstellung immer wieder ins Bewußtsein
drängt, ist häufig durch die Reproduktion allein verständlich: im
Hause des Verstorbenen wird man beständig an den Toten erinnert. Hat
gar ein Erlebnis starke Organempfindungen hervorgerufen, so trage
ich in den bekanntlich länger anhaltenden körperlichen Erregungen
das Reproduktionsmotiv für die Vorstellung jenes Erlebnisses im
eigenen Leibe mit mir herum. Der Vorgang kann aber auch anders
verlaufen. Gewisse Vorstellungen mögen das Bewußtsein beschäftigt
haben und durch andere abgelöst worden sein. Läßt nun letzteren
gegenüber die Aufmerksamkeit nach, so kann wieder eine der früheren
Vorstellungen bewußt werden, ohne im bisherigen Sinne reproduziert
zu sein. Nehmen wir nun an, diese Vorstellung sei nicht ganz aus
dem Bewußtsein geschwunden gewesen, sondern nur zurückgetreten, und
ihr wende sich jetzt wieder die Aufmerksamkeit zu, so wäre sie eben
der bevorzugte Bewußtseinsinhalt und würde sich als solcher nach
dem allgemeinen Reproduktionsgesetz wieder zu entfalten suchen. In
manchen Fällen kann man allerdings kaum voraussetzen, daß sich die
frühere Vorstellung im Bewußtsein erhalten habe. Wir müssen dann
annehmen, die dem bewußten Phänomen entsprechende Gehirnerregung
habe noch fortbestanden und dank des Zurücktretens der anderen
Bewußtseinsinhalte die Vorstellungserneuerung veranlaßt.
In ähnlicher Weise deutet auch die +Substitution+ auf die (partielle)
Gleichheit physiologischer Prozesse hin, wenn anders sie sich
überhaupt bestätigt. Die bisher beigebrachten Nachweise sind
noch zu dürftig. Denn die sinnlosen Silben, an denen +Müller+ und
+Pilzecker+ sie entdeckten, enthalten immer gleiche Elemente: wenn
die Silbe pön eine zu lön gelernte Silbe herbeiführt, so könnte
dies daher kommen, daß nur der beiden Silben gemeinsame Teil ön für
die Reproduktion ausschlaggebend wird. Das gleiche gilt von der
Reproduktion eines Liedtextes durch eine transponierte Melodie.
Gewiß mögen bei dieser alle Noten andere sein als die urspünglich
mit dem Text verbundenen, aber es bleibt noch die in beiden Fällen
gleiche Gestalt, die Melodie, die zweifellos für die Reproduktion des
Textes verantwortlich ist. Als beweiskräftig erübrigt nur noch die
Substitution ähnlicher Farben und Gerüche. Leider ist nirgendwo ein
exakter Beweis für eine solche Substitution erbracht. Ein solcher
hätte übrigens auch eine mittelbare Reproduktion (etwa infolge
gleicher Wirkungen auf den Organismus) auszuschließen.
Auch die kleine Zahl von wirklich +freisteigenden Vorstellungen+ muß
wohl durch eine besondere Konstellation physiologischer Prozesse
erklärt werden. Wie man sich dies im einzelnen zu denken hat, kann
erst weiter unten besprochen werden.
Kann die Frage nach dem Hauptgesetz der Reproduktion, d. h. die
Frage, welche Inhalte uns bei der Vorstellungserneuerung bewußt
werden, als gelöst gelten, so ist die weitere Frage nach dem +Wie der
Vorstellungsentfaltung+ noch kaum in Angriff genommen. Nur den einen
Satz kann man aufstellen: die Vorstellungsentfaltung vollzieht sich
meist vom Allgemeinen zum Besondern. Jedoch sind die Bedingungen noch
aufzufinden, unter denen dieser Satz aus einer Regel zu einem Gesetz
wird.
Literatur
W. +Poppelreuter+, Über die Ordnung des Vorstellungsablaufes. APs 25
(1912).
J. +Lindworsky+, Beiträge zur Lehre von den Vorstellungen. APs 42
(1921).
ZWEITER ABSCHNITT
Die Assoziation als Grundlage der Reproduktion
Die Tatsache, daß früher gewonnene Eindrücke wieder aufleben,
nötigt zur Annahme, solche Eindrücke oder Wahrnehmungen seien
nicht einfachhin verloren gegangen, sondern würden irgendwie in
uns unbewußterweise aufbewahrt. Die weitere Tatsache, daß das
Bewußtwerden eines Teiles einer früheren Wahrnehmung die Bedingung für
das Bewußtwerden des übrigen Teiles ist, beweist, daß zwischen den
Teilen der Gesamtwahrnehmung irgendwelche +Verbindung+ besteht. In
früheren Zeiten, wo man diese Teile der Gesamtwahrnehmung als in sich
abgeschlossene Vorstellungen oder gar Ideen auffaßte, prägte man die
Bezeichnung „Vorstellungs-“ oder gar „Ideenassoziation“. Wir können den
Ausdruck Assoziation der Vorstellungen beibehalten, ohne deshalb die
einzelnen Vorstellungen fälschlich als in sich abgeschlossene Dinge zu
nehmen. Es fragt sich nunmehr: wie kommt jene Aufbewahrung der früheren
Eindrücke und die Verbindung ihrer Teile zustande? Sind sie dem
Untergrund des Bewußtseins, etwa der substantiellen Seele zuzuschreiben
oder den Gehirnvorgängen oder beiden? Eine endgültige Antwort auf diese
Frage kann die experimentelle Psychologie nicht geben. Sie kann aber
das Tatsachenmaterial vorlegen, auf das sich jeder verständige und
wissenschaftliche Lösungsversuch zu stützen hat. An dieser Stelle nun
dürfen wir die Berücksichtigung der körperlichen Vorgänge, die mit den
seelischen in Verbindung stehen, nicht länger umgehen.
1. Kap. Gehirn und Bewußtsein
1. Das Nervensystem
Die Reizung der Sinnesorgane, des Auges, der Haut usw. bedingt
einen seelischen Eindruck. Diese Sinnesorgane sind nun, wie die
Anatomie nachweist, durch feinste Verbindungen, die Nerven, an das
Zentralnervensystem, d. h. an das Rückenmark, das verlängerte Mark
und das Gehirn, angeschlossen: die Durchschneidung dieser Verbindung
macht das Auftreten einer Empfindung unmöglich. Diese Verbindung
der Peripherie mit dem Zentrum ist aber nicht eine ununterbrochene
Leitung, sondern setzt sich aus mehreren +Neuronen+ (Fig. 6)
zusammen. Das Neuron besteht aus einer Nervenzelle (Ganglienzelle)
und deren Fortsätzen, nämlich den kürzeren Verästelungen (Dendriten)
und dem langen Achsenzylinder, durch den sich die Erregung der
Ganglienzelle fortpflanzt. An seinem freien Ende splittert sich der
Achsenzylinder in feine Endbäumchen auf, die sich manchmal wie ein
korbartiges Geflecht um die Ganglienzelle eines anderen Neuron legen.
Somit scheint die Übertragung der Nervenerregung nicht durch direkte
Leitung, sondern durch eine Art Induktion zu erfolgen.
[Illustration: Fig. 6. Schema eines Neuron (nach _E. Becher_, Gehirn u.
Seele. _C. Winters_ Verlag. Heidelberg). K Kern der Ganglienzellen, d
Dendriten, n Achsenzylinder, k seitliche Fortsetzung, e Endbäumchen.]
Nicht immer wird die von der Körperoberfläche kommende Erregung
bis zum Gehirn fortgeleitet. Dringt sie z. B. durch die hintere
(sensible) Wurzel eines Rückenmarksnerven in das Rückenmark, so kann
sie dort schon auf einen motorischen Nerv übertragen und durch die
vordere (motorische) Wurzel der Rückenmarksnerven wieder nach außen,
und zwar zu einem Muskel, geführt werden, der sich alsbald bewegt,
wenn ihn die Erregung trifft. So entsteht der einfache +Reflexbogen+
(Fig. 7) der Rückenmarksreflexe, die ohne jedes Bewußtsein verlaufen.
Sie funktionieren, auch wenn man das Groß- und das Mittelhirn
abgetrennt hat. Ist der periphere Reiz stärker, so beschränkt er sich
nicht auf diesen einfachen Bogen. Er steigt vielmehr im Rückenmark
auf ein höheres Niveau und erregt dort einen motorischen Nerven.
Darum fängt der geköpfte Frosch allmählich mit allen Gliedmaßen zu
strampeln an, wenn man eine Hautstelle stärker und stärker reizt. Die
stärksten Sinnesreize gelangen bis zur dünnen (3-5 mm beim Menschen)
Gehirnrinde. In ihr befinden sich ungezählte Ganglienzellen, die ihr
die graue Färbung verleihen, während die markhaltigen Leitungsfasern
(Achsenzylinder) dem Durchschnitt der Leitungsstränge, zu denen
sie sich vereinigen, ein weißes Aussehen geben. Die Ganglienzellen
der Hirnrinde stehen auch untereinander durch die sogenannten
+Assoziationsfasern+ in Verbindung. Soviel man heute weiß, entspricht
nur der Erregung der grauen Hirnrinde ein Bewußtseinsvorgang.
[Illustration: Fig. 7. Schema des Reflexbogens (nach _E. Becher_,
Gehirn und Seele _C. Winters_ Verlag, Heidelberg). w weiße Substanz, gr
graue Substanz des Rückenmarks, s sensible, m motorische Nervenfasern,
sg Spinalganglien der sensiblen Faser, a Achsenzylinder, k seitl.
Fortsetzung, e Aufsplitterung des Achsenzylinders, mz motorische
Ganglienzelle.]
2. Die Zuordnung einzelner Gehirnteile zu psychischen Funktionen
Die Sektionsbefunde nach geistigen Störungen, die Exstirpation
einzelner Gehirnpartien an lebenden Tieren, die Reizung zufällig
bloßgelegter Gehirnteile, die anatomische Verfolgung der nervösen
Bahnen, die Vergleichung der Gehirnentwicklung in der gesamten
Tierreihe, diese und andere Methoden der Gehirnforschung ergeben
ziemlich enge Beziehungen zwischen Gehirn und Geistesleben. Je
besser das Zentralorgan, namentlich die graue Hirnrinde ausgebildet
ist, um so höher steht das geistige Leben des Individuums. Man darf
zwar weder das absolute Gewicht des Gehirns als Maß der geistigen
Bedeutung nehmen -- es stünde dann der Elefant an der Spitze --,
noch darf man das Verhältnis des Gehirn- zum Körpergewicht allein
berücksichtigen -- dann überträfen die kleinen Vögel den Menschen
--, stellt man aber mit +Lehmann+ beide Faktoren in Rechnung, so
ergibt das Produkt beider, H H/K = H²/K (H = Hirngewicht, K =
Körpergewicht), ein ungefähres Maß der geistigen Höhe.
Es zeigt sich zweitens, daß +bestimmte Gebiete+ der grauen Hirnrinde
ziemlich eng mit bestimmten psychischen Vorgängen verbunden sind.
(Fig. 8.) So dient der Hinterhauptslappen beider Hirnhemisphären
den Gesichtseindrücken, der Schläfenlappen dem Hören, ein Teil
der dritten linken Stirnwindung (+Broca+sches Zentrum) ist den
Sprechbewegungen, ein Teil der ersten linken Schläfenwindung
(+Wernicke+) dem Sprachverständnis zugeordnet, während die
Scheitelgegend den Körperbewegungen zugehört. Manche Funktionen
scheinen, wie die schon erwähnten der Sprechbewegungen und des
Sprachverständnisses, vorwiegend einseitig lokalisiert zu sein, bei
Rechtshändern links und umgekehrt bei Linkshändern rechts; andere,
wie Sehen und Hören, sind gleichmäßig auf beide Hälften der Hirnrinde
verteilt, und zwar dient beim Sehen der linke Hinterhauptslappen
der linken Netzhauthälfte beider Augen und der rechte der rechten;
ein Teil der optischen Nerven verläuft also gekreuzt. Da aber beide
Gehirnhemisphären miteinander durch besondere Leitungswege verbunden
sind und ein Teil der Nervenfasern auch direkt in die andere Hälfte
einmündet, so kann bei Versagen des einen Teiles der andere zur Not
aushelfen und allmählich ausgebildet werden.
[Illustration: Fig. 8. Schema der Gehirnwindungen (nach _E. Becher_,
Gehirn und Seele. _C. Winters_ Verlag, Heidelberg).]
In der Beurteilung des Zusammenhanges von Gehirn und psychischen
Funktionen hat man sich vor zwei Extremen zu hüten. Es ist
einerseits verkehrt, jede Zuordnung bestimmter Regionen zu
bestimmten Tätigkeiten zu bestreiten. Trotz mancher Schwankungen
und Unklarheiten bestätigen sich die genannten Beziehungen immer
wieder. Die bisweilen zu beobachtende Stellvertretung beschädigter
Gehirnpartien durch andere ist nicht durch ein freies Wandern der
psychischen Funktionen über die Gehirnrinde, sondern dadurch zu
erklären, daß die stellvertretenden Gebiete auch schon früher,
wenngleich schwächer, an der psychischen Funktion beteiligt waren.
Die Koppelung von Hirnvorgang und seelischer Erregung scheint
vielmehr eine recht enge und scharf umschriebene zu sein. Nur so
versteht man, daß infolge gewisser Krankheiten sauber umgrenzte
Gebiete unseres Wissens, wie einzelne fremde Sprachen, ausfallen
können. Das gleiche beweisen die Abarten der +Aphasie+, bei denen
teils nur das Selbstsprechen, teils nur das Nachsprechen oder das
Sprachverständnis gestört sein kann; ferner die Lesestörungen
(+Alexie+), wo nur das Leseverständnis oder das laute Lesen, endlich
die Schreibstörungen, wo infolge von Gehirndefekten entweder
nur das Spontanschreiben oder nur das Abschreiben oder nur das
Diktatschreiben versagen kann (+Agraphie+).
Anderseits darf man die Lokalisation der psychischen Vorgänge
auch nicht übertreiben. Zunächst ist es durchaus unpsychologisch,
so komplizierte Dinge wie Freundschaft, Vaterlandsliebe u. dgl.
an umschriebene Gehirnteile bannen zu wollen, wie es +Galls+
Phrenologie und später +Flechsigs+ Theorien taten. Alle Erfahrungen
weisen vielmehr auf eine Lokalisation nach +Elementen+ der
Bewußtseinserscheinungen hin. Man hat darum auch ganz die Anschauung
fallen gelassen, als ob sich die einzelnen Vorstellungen als Ganze
in einzelne Zellen einschlössen. Es dürften vielmehr bei der
Erneuerung einer Vorstellung ebenso wie bei dem ersten Eindruck
stets eine Reihe von Hirnzellen, und zwar an entlegenen Teilen der
Rinde, in Mitleidenschaft gezogen werden. Denn einmal vereinigen
manche Vorstellungen sowohl optische wie akustische Elemente, die
bekanntlich an getrennte Regionen geknüpft sind; sodann können
infolge von Erkrankungen auch einzelne Elemente wieder ausfallen,
so die Farben der Vorstellungen; endlich ist gar kein Grund
abzusehen, warum sich die zu den einzelnen Vorstellungen gehörigen
Nervenerregungen bzw. die von diesen in der Rinde zurückgelassenen
Spuren nun gerade so gegeneinander abschließen sollten, wie es
den wahrgenommenen Gegenständen entspricht, -- wir werden später
sehen, daß die Dingauffassung durchaus noch nicht mit dem sinnlichen
Eindruck gegeben ist. Würde aber stets der optische oder akustische
Gesamteindruck in eine Zelle oder Zellgruppe lokalisiert, so
wäre die Reproduktionserscheinung, daß wir von einem Teil eines
Gesamteindruckes auf andere Gesamteindrücke geraten, die mit dem
ersten sonst nichts zu tun haben, schwer verständlich. Was endlich
die Lokalisation der anschaulichen Elemente betrifft, so wird
man zweckmäßigerweise vorerst noch auf eine genauere Vorstellung
verzichten. Auch von den heute bekannten Bewegungszentren kann
man nicht mehr behaupten, als daß sie von hoher Bedeutung für das
Zustandekommen der Bewegung sind und unversehrt sein müssen, damit
diese erfolge.
Nach dem bisher Gesagten dürfen wir mit Sicherheit erwarten, daß der
Vorstellungsverbindung, auf die wir durch die Reproduktionsgesetze
geführt wurden, zum wenigsten auch eine physiologische Bindung
jener nervösen Elemente im Gehirn entspricht, die bei dem ersten
Eindruck erregt worden sind. Das beweisen die pathologischen Fälle
der Aphasie, Alexie, Agraphie, das stimmt zu dem Hauptgesetz der
Reproduktion, welches gegen den Sinn der Vorstellungen indifferent
ist, das geht endlich mit Wahrscheinlichkeit aus der völligen
Mechanisierung eingeprägter Vorstellungsfolgen hervor. Wir nehmen
also an, ein erstmaliger Eindruck lasse im Gehirn eine Spur oder
Disposition zurück: die bei ihm erregten Zellen seien infolge der
Erregung nicht mehr in demselben Zustand wie zuvor -- wir mögen uns
diese Veränderung als Erhöhung ihrer Reizbarkeit denken --, außerdem
bestehe eine physiologische Verbindung zwischen den gleichzeitig
einmal beanspruchten Zellen. Diese Verbindung könnte durch
eigentliche Leitungsbahnen wie auch rein dynamisch hergestellt sein;
der Vergleich mit der drahtlosen Telegraphie oder mit der indirekten
Erregung von Stimmgabeln liegt nahe. Mit diesen Hilfsvorstellungen
treten wir an die Untersuchung der besonderen Gesetze der
Reproduktion bzw. der Assoziation heran.
2. Kap. Die Untersuchung besonderer Assoziationsgesetze
1. Die Methodik der Assoziationsforschung
Die inhaltliche Erforschung der aufeinander spontan folgenden
Vorstellungen ergab die drei bzw. fünf Reproduktionsgesetze, die sich
auf eines bzw. zwei zurückführen ließen. Die qualitative Erforschung
des Reproduktionsvorganges ist noch kaum in Angriff genommen, vielfach
gar nicht als besondere Aufgabe erkannt. Die quantitative Forschung
hingegen ist an dem Spezialfall der willkürlichen Einprägung ausgiebig
untersucht worden. Bahnbrecher war hier H. +Ebbinghaus+, während G.
E. +Müller+ das Verdienst der kritischen Nachprüfung und allseitigen
Ausgestaltung der Ebbinghausschen Gedanken zukommt.