Verbindung mehrerer Gefühle aus verschiedenen Dimensionen einräumen:
lustvolle Erregung, bange Spannung sind uns aus der Erfahrung wohl
bekannt. Umstritten ist jedoch die Vereinigung verschiedener Gefühle
derselben Dimensionen. +Wundt+ glaubt an eine solche Verbindung zu
einem +Totalgefühl+. Ähnlich wie nach ihm Empfindungen zu einem
wesentlich neuen Eindruck verschmelzen, so vereinigen sich nach dem
Prinzip der Einheit der Gemütslage die Partialgefühle nicht wie
Summanden, sondern wie die Elemente einer chemischen Verbindung. Die
Experimente deuten jedoch eher darauf hin, daß wenigstens Lust und
Unlust sich nicht einfachhin mischen. Sie wechseln vielmehr ab, je
nachdem der die Lust oder der die Unlust bedingende Eindruck beachtet
wird. Dagegen dürfte eine Zusammensetzung von Teilgefühlen gleicher
Qualität vorkommen, z. B. in dem +Gemein-+ oder +Lebensgefühl+, das
aus den verschiedenen Organempfindungen entspringt.
Von hoher Bedeutung für unser Willensleben ist die +Übertragung der
Gefühlstöne+. Ein Ort, an dem wir Unwillkommenes erlebt, wird uns
selbst unlieb u. ä. m. Man hat diese Tatsache bisweilen nach dem
Schema der assoziativen Verbindung zu erklären versucht: wie sich eine
Vorstellung a mit der Vorstellung b assoziiert, wenn beide gleichzeitig
im Bewußtsein sind, so verknüpfe sich das anderweitig verursachte
Gefühl mit der Vorstellung, die zufällig gleichzeitig im Bewußtsein
sind, so verknüpfe sich das an der des Ortes. Allein die Gefühle sind
nicht als derartig selbständige Bewußtseinsinhalte zu erweisen. Im
Gegenteil, die Unmöglichkeit, Gefühle für sich allein oder überhaupt
zu reproduzieren -- wir können uns wohl gedanklich daran erinnern,
ein bestimmtes Gefühl verspürt zu haben, aber wir können uns jenes
Gefühl selbst nur dadurch wieder anschaulich vergegenwärtigen, daß
wir uns das veranlassende Erlebnis vorstellen -- zeigt das Gefühl
als eine Folgeerscheinung, nicht als selbständigen Vorgang. Auch
die Theorie der Gefühle, zu denen die anderweitigen Beobachtungen
hindrängen, verträgt sich nur schwer mit dieser Erklärung. Es dürfte
vielmehr durch die Wahrnehmung des Ortes die Erinnerung an jenes
Erlebnis mit angeregt werden und aus dieser mehr oder weniger bewußten
Erinnerung das Gefühl stammen, das wir dann auf den Ort als seine
Quelle beziehen. Denn einerseits steht fest, daß die Gefühle dem vollen
Bewußtwerden der zugehörigen Vorstellungen vorauseilen, und anderseits
werden wir bei der Besprechung der Assoziationen sehen, wie vielerlei
Begleitvorstellungen jede Wahrnehmung wachruft. Es wäre übrigens eine
bedeutsame Aufgabe, festzustellen, wieviel nur übertragene Gefühlstöne
unsere Umwelt aufzuweisen hat und welches Lebensalter für diese
Übertragung am empfänglichsten ist.
Die sog. +Analogien der Empfindung+, das „schreiende“ Rot, das
„düstere“ Schwarz, die „freudigen“ Töne usw., beruhen primär nicht
auf der Übertragung des Gefühlstones. Es gleichen sich vielmehr die
analogen Empfindungen in den Gefühlen, die sie in uns erwecken:
düstere Farben und tiefe Töne stimmen ernst, leuchtende Farben und
hohe Töne erregen und heitern auf. Diese ursprünglichen Wirkungen
bedingen nun ihre zweckbewußte Verwendung, und erst dieser Umstand
läßt auch die Übertragung des Gefühlstones ins Spiel treten: Wir
verwenden das Schwarz als Zeichen der Trauer, weil es der Trauer
entsprechende Stimmungen fördert, aber wegen dieser Verbindung
des Schwarz mit den Trauerfällen des Lebens vertieft sich durch
Gefühlsübertragung der Stimmungswert des Schwarz.
6. Die physiologischen Begleiterscheinungen der Gefühle
Die Gefühle verschaffen sich auf mannigfache Weise in dem Verhalten
des menschlichen Körpers Ausdruck. Sie beeinflussen den Herzschlag
(Puls), das Atmen, die Blutverteilung, die Muskelkraft. Es bestand
nun die frohe Hoffnung, an bestimmte Gefühle möchte in eindeutiger
Weise eine bestimmte physiologische Veränderung gebunden sein.
Gelang es dann durch die unmittelbare sinnliche Einwirkung
(+Eindrucksmethode+) oder durch die willkürliche Erinnerung der Vp
(+Reproduktionsmethode+), ein beliebiges Gefühl zu verursachen, so
konnte man mit Leichtigkeit die zugehörige körperliche Veränderung
als das Symptom jenes Gefühles entdecken, eine Entdeckung, die später
den umgekehrten Weg von der Feststellung des Symptoms zur Erkenntnis
des herrschenden Gefühles eröffnet hätte. Der Herzschlag ließ sich
durch den Kardiographen, der Puls durch den Sphygmographen, die
Atmung durch den Pneumographen und die Blutverteilung durch den
Plethysmographen nachweisen. Die drei ersten Apparate übertragen den
von den verschiedenen Organen ausgehenden Druck pneumatisch oder
mechanisch auf einen Hebel, dessen freies Ende mit einer Schreibfeder
versehen ist, die einer rotierenden Papierschleife anliegt. Der
Plethysmograph ist im wesentlichen ein mit Wasser gefülltes Gefäß,
in welches ein Körperglied unter wasserdichtem Verschluß eingeführt
wird. Bei manchen seelischen Erregungen drängt nun das Blut in die
Extremitäten hinein, bei andern zieht es sich aus ihnen zurück.
Dadurch wird das Volumen des Gliedes im Plethysmographen größer oder
geringer, was nach außen durch das Fallen oder Steigen des Wassers
im Apparate bemerkbar ist. Weiter zeigt das Galvanometer einen
Ausschlag, wenn die im Stromkreis befindliche Vp lebhaftere Gefühle
verspürt (psychogalvanisches Phänomen). Die Muskelkraft endlich wird
durch Hebeleistungen am Ergographen oder durch Druckleistungen am
Dynamometer gemessen.
Die Erwartungen, die man an diese Methoden geknüpft hatte, schienen
zunächst durchaus erfüllt, bei tieferem Eindringen aber völlig
enttäuscht zu werden. Die Versuchsresultate widersprachen sich. Je
mehr indes die Selbstbeobachtung der Vp herangezogen wurde, um so
mehr lösten sich die Widersprüche. Zunächst sind die physiologischen
Schwankungen nicht allein an die Gefühle gebunden, sondern auch an
die psychische Tätigkeit, insbesondere an die willkürliche Bewegung.
Außerdem ist das Verhalten der Vpn bei den in ihnen erzeugten
Erlebnissen nicht immer das gleiche, wodurch notwendig auch die
äußere Reaktion eine andere werden muß. Berücksichtigt man diese und
andere Fehlerquellen, so ergibt sich doch eine verhältnismäßig hohe
Übereinstimmung der Versuchsresultate (+Leschke+). Es mag genügen,
folgende zu erwähnen. Die Lust beschleunigt die Atmung und macht
sie flacher, erhöht und verlängert in der Regel auch den Puls; das
Blut wird gegen die Peripherie und zum Gehirn verschoben. Diese
Veränderungen lassen sich als eine Tendenz zur Erhaltung der Lust
deuten; denn „die bessere Blutversorgung in Peripherie und Gehirn
bewirkt eine größere periphere wie zentrale Aufnahmefähigkeit für
den lustbetonten Reiz“ (+Fröbes+). Bei Unlustreizen verhalten sich
die Vpn verschieden, entweder abwehrend oder sich ergebend. Demgemäß
ist die Atmung entweder flach und gehemmt, oder nach anfänglicher
Stockung tiefer und langsamer. Die Pulse sind verkürzt und
erniedrigt; das Armvolum sinkt; im Gehirn herrscht Anämie, wodurch
die Unlustreize schließlich unwirksam werden[6].
7. Theorie der sinnlichen Gefühle
Wir dürfen hier von jenen theoretischen Anschauungen absehen, die wie
die James-Langesche oder Stumpfsche Theorie die Gefühle überhaupt als
besondere Bewußtseinserscheinungen beseitigen. Auch die Bestimmung
älterer Philosophen, das Gefühl sei die Erkenntnis des Nutzens oder
Schadens eines Reizes, leugnet die Eigenart der sinnlichen Gefühle,
indem sie diese zu Erkenntnisvorgängen macht. Man wird zwar behaupten
können, daß sich die Lust im allgemeinen an förderliche, die Unlust im
allgemeinen an schädliche Reize anschließe, aber darum ist das Gefühl
noch keine Erkenntnis dieser Zweckmäßigkeit. Dasselbe gilt von der
Herbartschen Meinung, das Gefühl sei das unmittelbare Innewerden der
Hemmung oder Förderung der Vorstellungen (+Nahlowsky+). Auch diese
Theorie ist nicht aus der Beobachtung der Wirklichkeit geschöpft.
Der Grundgedanke der heutigen Theorien lautet: Lust ist Funktionslust,
Unlust ist Funktionsunlust, d. h. dem Gefühl entspricht nicht ein
besonderer physiologischer Vorgang, sondern eine bestimmte Weise jener
physiologischen Prozesse, die der Empfindung dienen. Und zwar kommen
dabei die zentralen, nicht die peripheren Prozesse in Betracht,
da zwischen den peripher und den zentral erregten Gefühlen kein
Unterschied besteht. A. +Lehmann+ hat diese Theorie etwas weiter
ausgebaut: Wird der Energieumsatz durch den Stoffwechsel ausgeglichen,
dann ist der psychophysische Prozeß von Lust begleitet, andernfalls
von Unlust. Einzelne Psychologen schränken diesen Gedanken auf die
Organempfindungen ein: nicht etwa die Farbenempfindung selbst, sondern
die mit der Farbenempfindung vorhandene Organempfindung ist lust- oder
unlustvoll. Je nachdem man nun annimmt, daß die Seele nur auf die
Funktionsweise der der +Empfindung+ dienenden Prozesse mit einem Gefühl
reagiert, oder daß auch die Funktionsweise anderer Vorgänge ihren
Widerhall im Gefühl findet, wird man berechtigt sein, Gefühle ohne
Vorstellungsgrundlage anzuerkennen oder nicht. Die bisher beigebrachten
Beobachtungen von völlig grundlosen Gefühlen der Angst oder der
Freude schließen diffuse, wenig beachtete Organempfindungen nicht mit
Sicherheit aus, um so weniger, wenn man auch hier die Möglichkeit
berücksichtigt, daß die Gefühle früher klar bewußt werden als die
Vorstellungen. Läßt man sie nun gar (im pathologischen Zustand) die
Bewußtseinsschwelle vor den Empfindungen erreichen, dann hat man wohl
den besten Ausgleich beider Ansichten.
Literatur
A. +Lehmann+, Die Hauptgesetze des menschlichen Gefühlslebens. 2.
Aufl. 1914.
G. +Störring+, Psychologie des Gefühlslebens. 1916.
Fußnoten:
[6] E. +Küppers+ (Über die Deutung der plethysmographischen Kurve).
ZPs 81 [1919] ordnet die Blutverschiebungen nicht den Gefühlen,
sondern den Verhaltungsweisen des Erlebenden zu.
ACHTER ABSCHNITT
Das elementare Wollen
Seit alters drängte sich dem vorwissenschaftlichen Denken wie der
zünftigen Philosophie die Überzeugung auf, daß es im Seelenleben
Erscheinungen gibt, deren Kern auf keine der bisher besprochenen
Erlebnisformen zurückführbar ist, die darum als besondere Klasse
unter den psychischen Elementen aufgezählt werden müssen. Die Sprache
hat für diese Phänomene den Ausdruck Wollen oder Streben geschaffen.
Während nun in früheren Zeiten kein Zweifel gegen diese allgemeine
Überzeugung aufkommen konnte, legte man in der ersten Blütezeit der
experimentellen Psychologie keinen besonderen Wert auf diese allgemeine
Übereinstimmung, sondern schloß sich dem englischen Sensismus an,
der das Wollen als Elementarvorgang entschieden ablehnte. Heute, wo
man Wesen und Wert der Selbstbeobachtung inner- und außerhalb des
Experimentes wissenschaftlich erfaßt hat, trägt man Bedenken, einer so
allgemeinen Anschauung leichthin zu widersprechen, und das um so mehr,
als auch die experimentellen Untersuchungen in wichtigen Punkten zu der
vorexperimentellen Meinung zurückführen. Gleichwohl sind wir von einer
Einheitlichkeit der Lehre noch weit entfernt.
1. Überblick über die verschiedenen Willenstheorien
Kein Psychologe bestreitet das Vorhandensein von Erlebnissen,
die als Ganzes den Namen von Willensvorgängen verdienen. Sehr
viele der neueren Psychologen hingegen glauben diese Vorgänge
auf Erkenntnis oder Gefühl zurückführen zu können. So meint
+Spencer+, die willkürliche Handlung unterscheide sich nur dadurch
von der unwillkürlichen, daß bei ihr die auszuführende Bewegung
zuvor vorgestellt wird; im übrigen aber sei jede Willenshandlung
nichts anderes als eine Folge von Vorstellungen, an die sich
dank angeborener Dispositionen die äußere Handlung anschließt.
Wir werden später Tatsachen kennen lernen, die zugunsten einer
solchen Auffassung sprechen. Ganz ähnlich urteilt Th. +Ziehen+.
Statt des Willensaktes nimmt er nur eine „intensive, von starken
Gefühlstönen begleitete Zielvorstellung“ an. Auch +Meumann+
gehört neben +Ebbinghaus+, +Ribot+ und +Janet+ zu dieser ersten
Gruppe. Wenn Meumann auch von der „Zustimmung“ als dem Ursprung
der willkürlichen Handlung spricht, so will er damit doch
kein nichterkenntnismäßiges Element einführen. +Münsterberg+
hingegen suchte das Charakteristische der Strebevorgänge in den
Spannungsempfindungen, die der erwarteten Bewegung vorausgehen. Als
grundsätzlichen Gegner der Genannten betrachtet sich +Wundt+. Er
bezeichnet seine Psychologie mit Vorliebe als voluntaristische, da
erst sie der Eigenart des Wollens gerecht werde. Der Willensvorgang
ist nach ihm ein Affekt, der in seinem eigenen Verlauf seine Lösung
findet. Es sind also Gefühle, in die +Wundt+ das Wesen des Wollens
verlegt. Eine letzte Gruppe endlich erklärt das Wollen als einen von
Vorstellungen und Gefühlen wesentlich verschiedenen Vorgang. So außer
den Aristotelikern namentlich +Lotze+ und von den neueren +Pfänder+,
+Schwarz+, +Ach+ und +Michotte+.
2. Die experimentelle Untersuchung des Willens
So beachtenswert die einhellige Annahme eines ursprünglichen
Wollens durch die überwiegende Mehrheit der älteren Philosophen
auch war, sie verlor an Bedeutung, als man einerseits die
Schwierigkeit und Unzuverlässigkeit einer unkontrollierbaren
Selbstbeobachtung, anderseits gewisse Tatsachen kennen lernte,
die ein eigentliches Wollen überflüssig erscheinen ließen. Man
beobachtete nämlich, wie sich bisweilen die äußere Handlung rein
mechanisch ohne Dazwischenkunft eines besonderen Willensaktes,
ja vielfach ganz gegen die Absicht des Handelnden an bestimmte
Vorstellungen anschloß. Als man später die Willenshandlung in der
Form einfachster Reaktionsbewegungen, wobei etwa auf das Hören
eines Signals ein Taster niederzudrücken war, dem Experiment
unterwarf, stellte sich heraus, daß die Vpn nichts von einem
Willensakt erlebten. Die fortschreitende Technik des psychologischen
Experimentes zeigte allerdings, daß hier ein doppelter Fehler
begangen war. Erstens braucht der bestimmende Willensakt nicht
während der gewollten Handlung aufzutreten. +Ach+ zeigte vielmehr,
daß von dem Vorsatz determinierende Tendenzen ausgehen, die den
Verlauf der Willenshandlung auch ohne Erneuerung des Willensaktes
sicherstellen. Man hatte sonach den Willensakt an einer verkehrten
Stelle erwartet: nicht bei der Ausführung des Versuches, sondern bei
der willkürlichen Übernahme der Anweisung des Versuchsleiters hätte
er gesucht werden müssen. Zweitens hatte man mechanisierte Vorgänge
mit von Haus aus einfachen verwechselt: geläufige Fingerbewegungen
enthalten kaum noch irgendwelche bedeutsamen Erlebnisse, sind
also zum Studium des Willensvorganges ungeeignet. +Ach+ führte
darum die fruchtbare Neuerung ein, durch vorgeschobene Hindernisse
einen möglichst ausgesprochenen Willensakt zu veranlassen. Er ließ
zuvor Silbenpaare einprägen, bot alsdann die erste der gelernten
Silben mit der Anweisung, nicht die hinzugelernte auszusprechen,
sondern eine beliebige andere Silbe zu nennen bzw. zu der ersten
einen Reim zu bilden u. dgl. Die vorausgehende Einprägung schuf
ein Hindernis für die Ausführung der Vp. Um dieses zu überwinden,
bemühte sie sich, namentlich wenn sie erfahren, wie die eingeprägte
Silbe sich gegen jede Absicht durchzusetzen suchte, mit einem recht
energischen Willensakte die verlangte Reaktion sicherzustellen. Auf
die Bedenklichkeiten dieses experimentellen Verfahrens brauchen wir
hier nicht einzugehen. Es war jedenfalls insofern erfolggekrönt, als
es +Ach+ zum erstenmal gelang, den Willensakt wirklich beobachten
zu lassen. Einen andern glücklichen Versuch unternahm +Michotte+.
Er führte experimentell einen +Wahlakt+ herbei, indem er seinen
Vpn je zwei Zahlen bot mit der Aufforderung, sich auf ernsthafte
Gründe hin zu entscheiden, ob sie die vorgezeigten Zahlen addieren
oder subtrahieren, bzw. in anderen Versuchen multiplizieren oder
dividieren wollten. Statt der Ausführung der von den Vpn gewählten
Rechenoperation verlangte er eine Reaktion mit dem Morsetaster.
So gewann er gegenüber +Ach+ den Vorteil, den Willensakt in die
sogen. Hauptperiode des Versuches zu bekommen, während bei +Ach+
der energische Vorsatz jedesmal unmittelbar vor dem eigentlichen
Experiment lag, und zweitens gestattete der Verzicht auf die
Verwirklichung der gewählten Rechenoperation, den Versuch sofort
nach dem Wahlakt abzubrechen, wodurch die schwierige Beobachtung
dieses Aktes ungemein gefördert wurde. Trotz der Geringfügigkeit
des Wahlgegenstandes erlebten alle Vpn eine ernsthafte Wahl, die
mit den Entschließungen des Alltags grundsätzlich vergleichbar war.
Auch verschlug es nichts, daß die Vpn die Rechnung nicht ausführen
mußten; denn die Tasterreaktion nahm ganz und gar den Charakter einer
Verwirklichung des Vorsatzes an. Aber nur ganz allmählich erlernten
die Vpn ihr flüchtiges Erlebnis beobachten und beschreiben.
3. Das elementare Wollen nach den experimentellen Ergebnissen
Die Untersuchungen von +Michotte+ sowie die von +Ach+ und seinen
Schülern führten einhellig zu dem Resultat: es gibt ein eigentliches
Erlebnis des Wollens. Vorstellungen, Spannungsempfindungen und Gefühle
können es gelegentlich begleiten, sind ihm jedoch nicht wesentlich.
Auch unterscheidet sich dieses Erlebnis deutlich von jeder rein
assoziativen Folge von Vorstellungen oder Bewegungen. Seine Eigenart
beruht darin, daß es eine innere Tätigkeit ist, und zwar eine solche,
die man nur dann richtig beschreibt, wenn man das Ich als Subjekt oder
Ausgangspunkt dieser Tätigkeit nennt. Diese Betätigung des Subjektes
ist durchaus nicht mit der Konstatierung „ich will“ zu verwechseln.
Sie ist vielmehr die Stellungnahme des Subjektes zu einem Ziel, sie
ist das, was wir als „Streben“ bezeichnen. Es ist ihr aber nicht
wesentlich, wie +Ach+ meinte, daß sie sich stets auf ein zukünftiges
Tun bezieht; die Wahlentscheidungen bei Michotte waren Willensakte, die
ausschließlich die Gegenwart berücksichtigten.
Man wird die genannten Verschiedenheiten des Wollens wohl kaum als
+Qualitäten des Willensaktes+ auffassen dürfen. Als solche findet
man öfters Wollen und Widerstreben genannt. Leider kann sich diese
Unterscheidung vorerst noch nicht auf experimentelle Befunde stützen,
weshalb der Anerkennung eines negativen Wollens gleichmäßig seine
Verwerfung gegenübersteht, indem man behauptet, das Widerstreben sei
nur das Wollen eines andern Zieles.
Sehr geläufig ist dagegen der Alltagserfahrung die Unterscheidung
verschiedener +Intensitäten des Wollens+. Wir kennen energisches und
flaues Wollen. Auch +Ach+ unterscheidet das ausgeprägte primäre und
das schwache Wollen. Allein die hier ganz wesentliche Frage, ob die
gemeinhin wahrzunehmende Steigerung des gesamten Willensaktes auch
seinem inneren Kern, nämlich dem elementaren Wollen beizulegen ist,
oder ob nur die Ausstaffierung des Willensaktes durch lebhaftere
Gefühle, stärkere Spannungsempfindungen, lautere Beteuerungen eine
Intensitätssteigerung vortäuscht, ist heute noch nicht mit Sicherheit
zu beantworten. Manche Versuchsergebnisse deuten eher in die Richtung,
daß der Willensakt nicht intensiver, sondern nur unbedingter werden
kann, d. h. daß er sein Ziel nicht mit vermehrter Kraft, sondern um
höheren Preis anstrebt.
Sehr bedeutsam für die Auffassung des Willensaktes ist endlich die
Beobachtung +Michottes+, die sich im Grunde auch bei +Ach+ finden
läßt, daß das Wollen nicht an eine bestimmte gewissermaßen äußere Art
des Erlebens gebunden ist. Das charakteristische Tätigkeitserlebnis
des Wollens kann vielmehr gleichsam die Seele der verschiedensten
Prozesse bilden: Worte, Gesten, inneres Meinen, inneres Hinzielen ist
bald ein willentlicher, bald ein unwillentlicher Vorgang, je nachdem
sich das eigentliche Wollen mit ihnen verbindet oder nicht. Anderseits
sprechen gute Beobachtungen dafür, daß es ein isoliertes Wollen, einen
reinen Willensakt nicht gibt: wie die Seele den Körper, so braucht der
Willensakt eine Verhaltungsweise, in der er sich kundgibt.
Das von +Ach+ und +Michotte+ untersuchte Wollenserlebnis ist zwar
nicht als elementares zu bezeichnen, sondern als vollbewußtes. Weitere
Untersuchungen zeigen jedoch, daß der „Willenszug“ bei ihm der gleiche
ist wie beim triebhaften Wollen. Beide unterscheiden sich nur durch das
zum Willensakt hinzutretende Wissen vom Wollen und seinen Zielen. Der
+Trieb+ ist das naturhafte, nach Akt und Ziel nicht beachtete Streben.
Literatur
N. +Ach+, Über den Willensakt und das Temperament. 1910.
A. +Michotte+ et N. +Prüm+, Etude expérimentale sur le choix
volontaire et ses antécédents immédiats. Arch. de Psych., Bd. 10.
1910.
J. +Lindworsky+, Der Wille.³ 1923.
II. Buch
DIE VORSTELLUNGSERNEUERUNG ALS GRUNDLAGE DER HÖHEREN PSYCHISCHEN
LEISTUNGEN
Verfügten wir nur über die bisher aufgezählten Fähigkeiten des
Seelenlebens, dann wäre ein nennenswerter Fortschritt nicht zu
erreichen. Ein ungefähres, aber längst nicht ausreichendes Bild
von der Hilflosigkeit eines solchen Geistes gibt uns der Zustand
greisenhafter Gedächtnisschwäche, bei der kein neuer Eindruck haften
bleibt. Die psychologische Tatsache also, die wir bei der Analyse
und Erklärung der bis jetzt beschriebenen Bewußtseinserscheinungen
ganz oder fast ganz unbeachtet ließen, die wir jedoch bei der
Besprechung der höheren Leistungen nicht mehr missen können, ist die
Tatsache der +Vorstellungserneuerung+. Wenn wir wie immer von dem
unmittelbar Gegebenen ausgehen, dann treffen wir bei dem Erwachsenen
die Überzeugung, daß uns früher Erlebtes wieder in den Sinn kommt. Die
erkenntniskritische Frage, ob diese Erinnerungen mit der tatsächlichen
Vergangenheit übereinstimmen, und die erkenntnispsychologische Frage,
wie es überhaupt zu dem Bewußtseinsinhalt „mein früheres Erlebnis“
kommt, darf an dieser Stelle ausgeschaltet werden.
ERSTER ABSCHNITT
Die allgemeinen Gesetze der Vorstellungserneuerung