psychischen Elementarvorganges. So glaubt +Linke+ (wir modifizieren
ein wenig seinen Gedanken), die Wahrnehmung der jeweils anderen
Lage des bewegten Gegenstandes zu seiner Umgebung mache die
Bewegungswahrnehmung aus. Sinnlich wäre uns jeden Augenblick ein
anderes Lagebild geboten. Dazu kämen zwei Beziehungserfassungen,
die nur gedanklich zu leisten sind: einmal die Lageerfassung,
sodann die +Identifikation des+ objektiv bewegten +Gegenstandes in
den wechselnden Lagen+. In Worte gefaßt, wäre also das Erlebnis:
„Jetzt hier, jetzt da, jetzt dort! ...“ Man hat diese Theorie mit
untauglichen Waffen bekämpft. Der Identifikationsprozeß ist nichts
„Logizistisches“. Identifizieren ist ein wirkliches Erlebnis. Zwar
geben wir es nicht immer durch Worte kund, ja wir konstatieren
es nicht einmal immer -- wie wir auch die Verschiedenheit der
vor uns ausgebreiteten Farben geistig erfassen, ohne sie immer
zu konstatieren. Auch sind wir bei Beobachtung eines bewegten
Gegenstandes hinreichend auf die Erfassung der Identität eingestellt.
Daß es Scheinbewegungen zwischen zwei nacheinander aufleuchtenden
Grenzlinien gibt, ohne daß diese für identisch gehalten werden
(+Wertheimer+), bedeutet keine unüberwindliche Schwierigkeit, da
dieses Erlebnis nur bei solchen beobachtet wird, die schon eine
reiche Erfahrung im Bewegungssehen hinter sich haben. Dagegen vermißt
man eher eine Erklärung des anschaulichen Überganges von einer Lage
in die andere, der doch wirklich gesehen wird.
Am meisten befriedigt wohl eine in der Hauptsache von +Stern+
begründete Theorie. Stern nimmt eine +unmittelbare Wahrnehmung
der Veränderung+ an: wir sehen, wie ein Licht verblaßt, wie ein
Abstand zunimmt oder sich verkleinert. Voraussetzung einer
solchen Veränderungswahrnehmung ist einerseits das Erleben der
sich kontinuierlich ändernden Empfindungen, anderseits eine Art
Identifikation, die Dingerfassung. Bewegt sich nun ein Gegenstand
auf einer sichtbaren Strecke, so erkennen wir an den sinnlichen
Daten nicht nur die Veränderung der Lage, sondern auch unmittelbar
das Zunehmen der einen und das Abnehmen der andern Distanz auf der
sichtbaren Strecke. Damit wäre wohl auch der anschauliche Charakter
der Bewegungswahrnehmung erklärt, ohne daß neue Erkenntniselemente
angesetzt werden müßten.
Gegen diese Theorie bedeutete die Wahrnehmung eines bewegten
leuchtenden Punktes im Dunkeln, also ohne unterscheidbare
Anhaltspunkte für die Lageauffassung, erst dann eine Schwierigkeit,
wenn sie an einem Individuum ohne jede Erfahrung auf dem Gebiet
des Bewegungssehens oder gar der Bewegungswahrnehmung überhaupt
festgestellt würde. Für den Erwachsenen gewinnen nämlich die
einzelnen Netzhautpunkte einen Ortswert (s. S. 81 f.), und ebenso
können die verschiedenen Phasen des Nachbildes, das der leuchtende
Punkt hinterläßt, und endlich die Bewegungen, die erforderlich
sind, um ihm mit der Blickrichtung zu folgen, zu Kriterien des
Bewegungseindruckes werden. Übrigens muß die Bewegung im Dunkeln
rascher verlaufen als im Hellen, um wahrgenommen zu werden.
Da wir die Bewegungswahrnehmung in der Hauptsache auf höhere Prozesse
zurückführen, müssen wir sie folgerecht zu unserem Standpunkt dem
Tier aberkennen. Es genügt aber auch zur Erklärung der Tatsachen,
wenn der kontinuierlich sich ändernde Gesichtseindruck, den
z. B. die Katze von der laufenden Maus erhält, das Tier in jedem
Augenblick zu anderen zweckmäßigen Bewegungen veranlaßt. -- Aus dem
Relativitätscharakter der Bewegungswahrnehmung ergibt sich ferner,
daß wir kein zwingendes sinnliches Merkmal dafür haben, ob sich
der zufällig beachtete Punkt oder der Hintergrund bewegt. Unsere
allgemeine Erfahrung legt uns nahe, die Bewegung im allgemeinen auf
den kleineren Gegenstand zu beziehen und den größeren Hintergrund als
ruhend aufzufassen. Darum scheint uns der Mond, an dem zerrissene
Wolken vorbeijagen, häufig in eiliger Bewegung begriffen. Im
allgemeinen läßt sich sagen: der Träger der Bewegung wird durch
Erfahrungskriterien bestimmt; beim Widerstreit der Kriterien kann es
zu Täuschungen kommen.
Wir haben uns nunmehr mit einer Reihe eigentümlicher Erscheinungen
auf dem Gebiet des Bewegungssehens auseinanderzusetzen. Verfolgen
wir mit fixierendem Blick einen Vogel am wolkenlosen Himmel, so
nehmen wir die Bewegung wahr, ohne daß sich auf der Netzhaut die
Reize nennenswert ändern. In diesem Falle wird der Bewegungseindruck
durch die gleichzeitigen Bewegungen des Auges oder des Kopfes
hervorgerufen. Aus der optischen Wahrnehmung unserer bewegten Glieder
gewinnen nämlich die kinästhetischen Empfindungen ihre Bedeutung
als Bewegungsempfindungen, während beim Blindgeborenen einfach an
die Stelle der Netzhaut die Tastorgane treten. -- Beobachten wir
ruhende Objekte mit bewegtem Auge, so erscheinen uns die Dinge bald
ruhend, bald bewegt, je nachdem unsere Augenbewegungen, einerlei ob
sie aktiv oder passiv sind, als Reproduktionsmotive für die Ruhe
bzw. Bewegungsauffassung mit in Konkurrenz treten. Es kann sogar
gleichzeitig ein Teil des Gesamtbildes ruhend und ein anderer als
bewegt gesehen werden: lese ich z. B. einen gedruckten Anschlag,
der dicht neben einem geschlossenen Rolladen angebracht ist, so
bleibt trotz der Lesebewegungen des Auges der Druck wie immer
auf derselben Stelle, während der Rolladen zur Seite in die Höhe
zu steigen scheint. -- Weiterhin kann unter Umständen Bewegung
wahrgenommen werden, ohne daß sich in der Außenwelt oder auf der
Netzhaut irgend etwas verändert. Wer bei gelähmten Augenmuskeln ein
seitlich erblicktes Objekt fixieren will, hat den Eindruck, daß es
vor ihm flieht, und doch behielt das Objekt sowohl wie das gelähmte
Auge seine frühere Lage bei. Ähnliches erlebt man beim Drehschwindel.
Es handelt sich hier um eine sekundäre Bewegungstäuschung: wer sich
erfolglos bemüht, ein Ding durch Bewegung zu erreichen, weiß, daß es
sich bewegt, und erlebt auch anschaulich einen Bewegungseindruck.
Der Gelähmte bemüht sich nun gleichfalls erfolglos um die optische
Erreichung jenes Sehdinges und erfährt darum den Eindruck des
Fliehens.
Ein sehr sorgfältiges Studium hat man neuerdings einer anderen Klasse
von +Scheinbewegungen+ gewidmet. Läßt man zwei benachbarte Objekte,
etwa parallele Striche nacheinander sichtbar werden und steigert
allmählich die Schnelligkeit der Sukzession, so scheint bei einer
gewissen Geschwindigkeit etwas von dem ersten Strich zum zweiten
herüberzuspringen. Doch vermeint man nicht, das nämliche Ding von
der Ausgangs- zur Endlage kommen zu sehen, vielmehr mutet einem der
Vorgang eher wie eine Bewegung ohne Bewegtes an. Bei noch größerer
Geschwindigkeit, unter 30 σ verschwindet diese Scheinbewegung,
und die beiden Striche werden gleichzeitig und ruhend gesehen.
+Wertheimer+ versucht solche Scheinbewegungen vermittels einer
physiologischen Theorie zu erklären: Die den beiden Parallelen
entsprechenden Erregungen im Gehirn breiten sich allseitig aus.
Infolgedessen treffen die Ausstrahlungen von beiden Erregungen
aufeinander, verstärken sich und erwecken den Eindruck einer
Bewegung. Folgen die beiden Reize zu langsam, so ist die Ausstrahlung
des ersten schon abgeklungen, ehe die zweite einsetzt; folgen
sie zu schnell, so treten die Ausstrahlungen nahezu gleichzeitig
auf, so daß sich keine Richtung der Bewegung herausbilden kann.
Diese physiologische „Querfunktion“ soll auch die Grundlage der
Gestaltauffassung sein. Innerhalb gewisser Grenzen mag diese
geistvolle Theorie dem Sachverhalt entsprechen. Es stehen ihr jedoch
manche Tatsachen entgegen. Setzt man statt der parallelen Striche
parallele, aber entgegengesetzt gerichtete Pfeile, so scheint der
erste Pfeil nicht nur herüberzuspringen, sondern auch eine Wendung zu
machen, was mit der Theorie nicht recht verträglich ist. Auch wird
die Erscheinung bei kurz dauernder und sehr intensiver Exposition
der einzelnen Reize weniger deutlich als bei sehr rascher und wenig
intensiver Darbietung. Diese und andere Umstände weisen darauf hin,
daß nicht ausstrahlende Gehirnreize, sondern ergänzende Vorstellungen
die Grundlage der Scheinbewegungen sind. Eine genauere Begründung
dieser Ansicht kann indes hier nicht geboten werden.
Sehr viele Rätsel gibt das +Stroboskop+ (Kinematograph) den
Psychologen auf. Es sind viele Bilder dargeboten, und doch wird nur
+ein+ bewegtes Ding gesehen; es werden prinzipiell ruhende Bilder
gezeigt, und doch nimmt man Bewegung wahr; es werden die Bilder von
getrennten Phasen der Bewegung vorgeführt, und doch erscheint eine
zusammenhängende Bewegung. Eine allseitig befriedigende Lösung der
Probleme liegt noch nicht vor. In der Hauptsache sind jene höheren
Prozesse zu betonen, die auch bei der einfachen Bewegungswahrnehmung
die erste Rolle spielen. Dazu kommen ähnlich wie bei den
Scheinbewegungen die ergänzenden Vorstellungen aus der sonstigen
Erfahrung, und endlich sind außer der Trägheit der Netzhautprozesse
wohl auch die positiven Nachbilder und die dem bewegten Bilde
folgenden Blickbewegungen an dem Gesamtergebnis beteiligt.
Noch merkwürdiger sind die +autokinetischen+ Bewegungen. Der
Beobachter befindet sich im Dunkelraum und fixiert einen Leuchtpunkt.
Mit einemmal beginnt der Leuchtpunkt sich zu bewegen, obwohl die
Lichtquelle ihren Standort nicht verändert hat, und obwohl die
meßbaren Fixationsschwankungen des Beobachters so gering sind,
daß sie für die wahrgenommene Bewegung gar nicht in Frage kommen.
Die Erklärung liegt auch hier bei den ergänzenden Vorstellungen.
Der Beobachter tritt mit einer gewissen Vorstellung von der Lage
des umgebenden Raumes in das Dunkelzimmer. Da er im Dunkeln keine
Anhaltspunkte, „Verankerungen“ (Wertheimer), für diese seine
Vorstellung hat, kann sie unter Umständen durch eine andere
verdrängt werden, was sehr leicht geschieht, wenn etwa durch ein
Geräusch am Boden die Aufmerksamkeit dorthin gelenkt wird. Wie
nun die Lageveränderung zu dem gesehenen Raum, so wird auch die
Lageveränderung zum vorgestellten Raum als Bewegung aufgefaßt.
Blickt man eine Zeitlang auf einen Wasserfall, oder auf den Boden
vor den Füßen beim Gehen oder auf sonst einen bewegten großflächigen
Gegenstand und richtet dann das Auge auf ein ruhendes Objekt, so
scheint dieses sich für Augenblicke im entgegengesetzten Sinne
zu bewegen. Dieses negative Bewegungsnachbild hat eine stattliche
Reihe von experimentellen Untersuchungen veranlaßt. Es dürfte nicht
in allen Fällen auf die gleichen Bedingungen zurückzuführen sein.
Bisweilen werden unbeachtete Augenbewegungen, eine Nachwirkung
des längeren Hinsehens auf die bewegte Fläche (Nystagmus), der
Grund sein. Doch nicht immer; so nicht bei dem an einer Spirale
gewonnenen Nachbild, das sich gleichzeitig in entgegengesetzter
Richtung auszudehnen und wieder zusammenzuziehen scheint. Da dürften
die abklingenden Netzhautprozesse eine Rolle spielen. In anderen
Fällen werden ergänzende Vorstellungen mitwirken, und endlich kann
die einseitige Muskelanspannung ähnlich wie bei dem Gelähmten eine
Bewegung vortäuschen.
Literatur
W. +Lasersohn+, Kritik der hauptsächlichsten Theorien über den
unmittelbaren Bewegungseindruck. ZPs 61 (1912).
M. +Wertheimer+, Experimentelle Studien über das Sehen von Bewegung.
ZPs 61 (1912).
SIEBTER ABSCHNITT
Elementare Gefühle
1. Abgrenzung der elementaren oder sinnlichen Gefühle
Was man mit dem Wort Gefühl oder Emotion meint, wird einigermaßen
verständlich, wenn man bekannte Erfahrungstatsachen zusammenstellt, wie
die Annehmlichkeit des Süßen, die Widrigkeit des Bitteren, die Wonne
idealer Begeisterung, die Ergriffenheit der Andacht, der Schmerz des
Verlustes, die Freude des Erfolges. Das sind freilich sehr komplexe
Erlebnisse, aber wenn wir in Gedanken alles an ihnen wegnehmen, was
sie von Sinneseindrücken, Vorstellungen und Gedanken einerseits, an
Absichten, Entschlüssen und Strebungen anderseits enthalten, so scheint
es, bleibt doch noch etwas übrig, was all diesen Bewußtseinsvorgängen
gemeinsam ist, nämlich die eigenartige Affektion des Erlebenden. Oder
stellen wir eine Bedeutungsanalyse der Begriffe angenehm und unangenehm
an, so finden wir nichts, was mit Recht als Erkenntnis oder als
Willensvorgang bezeichnet werden dürfte, und doch ist jeder Unbefangene
davon überzeugt, daß mit diesen Worten auf wirkliche Erlebnisse oder
Erlebnisbestandteile hingewiesen wird.
Es erscheint nun aussichtslos, alles, was in der Literatur und im
Leben als Gefühl genannt wird, miteinander vergleichen und aus diesem
Vergleich die elementaren Gefühle ableiten zu wollen. Dafür sind
diese Gesamterscheinungen viel zu verwickelt. Da nun normalerweise
immer +etwas+ angenehm oder unangenehm ist, gehen wir zweckmäßiger
von den einfachsten Erkenntnisgegenständen, den Empfindungen, aus und
untersuchen, ob sich Gefühle an sie anschließen. Wir würden solche
Gefühle dann als sinnliche bezeichnen. Das Recht, von „sinnlichen oder
elementaren“ Gefühlen zu reden, kann uns eine solche Prüfung allerdings
nicht geben. Dazu müssen wir hier voraussetzen, was später glaubhaft
gemacht werden soll, daß diese Gefühle nicht weiter in Teilgefühle
zerlegbar sind und daß sie auch die letzten Bestandteile der sog.
höheren Gefühle, wie der logischen, sozialen oder religiösen, bilden.
2. Die Eigenart der sinnlichen Gefühle
Läßt man einen Sinneseindruck möglichst isoliert auf sich einwirken,
so wird man in vielen Fällen von einem solchen Eindruck angenehm oder
unangenehm berührt, und zwar nicht allein von den Erregungen der
niederen Sinne, wie +Brentano+ meinte. Auch eine leuchtende Farbe,
ein süßer Ton kann bei der experimentellen Darbietung geradezu wonnig
sein. Man hat nun früher die Annehmlichkeit oder Unannehmlichkeit
als eine +Eigenschaft+ der Empfindung aufgefaßt; wie man Qualität,
Dauer, Intensität als Seiten der Empfindung kennt, so fügte man als
weitere den Gefühlston hinzu (+Ziehen+). Der Irrtum rührt von der
Schwierigkeit her, Erlebnisse wie Annehmlichkeit zu beobachten.
Unsere Auffassung verbindet nachträglich zu gern die Wirkung eines
Eindruckes mit diesem selbst: wir sehen es scheinbar dem Zucker
an, nicht nur, daß er süß, sondern auch, daß er gut schmeckt.
Bemüht man sich indes, das Erlebnis nicht in seiner nachträglichen
Verarbeitung, sondern in seiner gegenwärtigen Erscheinung zu erfassen,
so will es nicht gelingen, die Annehmlichkeit des Zuckers uns
ebenso gegenüberzustellen wie seine Süßigkeit. Dazu kommen noch die
beachtenswerten Einwände +Külpes+ gegen diese Auffassung: Das Gefühl
zeigt dieselben Eigenschaften wie die Empfindung, nämlich Qualität,
Intensität, Dauer; es kann also nicht selbst Eigenschaft der Empfindung
sein. Sodann können die anderen Eigenschaften der Empfindung nie zu
null werden, ohne daß die Empfindung selbst null würde; das Gefühl
aber kann ohne Beeinträchtigung der Empfindung verschwinden. Endlich
ist die Empfindung durch Qualität, Intensität und Dauer hinlänglich
charakterisiert; das Gefühl trägt zu ihrer Kenntnis nichts Neues
bei, sondern verhält sich in dieser Hinsicht ähnlich wie eine zweite
Empfindung, die zu einer andern hinzutritt.
Eine andere Auffassung will in dem Gefühl nicht eine Eigenschaft
einer schon vorhandenen Empfindung erblicken, sondern eine neue oder
+Begleitempfindung+, die sich mit der zunächst gegebenen verbindet.
So suchte schon +James+ die Gefühle bei den Organempfindungen, und
neuerdings will +Stumpf+, wenigstens für die sinnlichen Gefühle
(zentrale) Mitempfindungen einführen. Schmerz und Wohlsein seien die
einzigen Qualitäten dieser Mitempfindungen, die sich zu den einzelnen
Empfindungen der anderen Sinne hinzugesellten. Dagegen spricht jedoch
außer dem ganz hypothetischen Charakter dieser Auffassung und der
Fremdartigkeit dieser „Sinne“, für die keine Organe nachzuweisen sind,
vor allem der Bewußtseinsbefund. +Stumpf+ läßt die höheren Gefühle,
wie Freude am Erfolg, als eine eigene Klasse neben den Erkenntnis-
und Willensvorgängen bestehen. Wenn man nun z. B. aus dem Erlebnis
der nichtsinnlichen Freude alle Erkenntnis- und Willensmomente
hinwegnimmt und auch die Mitempfindung des Wohlseins, die nach
Stumpf auch solchen Erlebnissen beigemischt ist, so fragt es sich,
ob überhaupt noch ein Erlebnisrest bleibt. Bleibt aber ein solcher,
dann ist die erscheinungsmäßige Verwandtschaft, die zwischen ihm
und den „Mitempfindungen“ herrscht, eine unvergleichlich engere als
die zwischen den Mitempfindungen und den eigentlichen Empfindungen.
-- Derselbe Gedanke entzieht auch der James-Langeschen Theorie den
Boden. Sind wir wirklich nur darum traurig, weil wir weinen (+James+),
oder weil wir irgendwelche Organempfindungen haben (+Lange+), so
bleibt unerklärt, wie denn das merkwürdige Moment des Angenehmen
oder Unangenehmen in unser Bewußtsein gelangen soll, da es weder
eine Empfindung noch eine Eigenschaft der Empfindung sein kann. Ist
doch auch das Gefühl in einer ganz anderen Weise subjektiv, als es
irgendwelche Empfindung sein kann.
3. Die Gefühlsdimensionen und -qualitäten
Wie +Helmholtz+ bei den Empfindungen von Modalitäten (die verschiedenen
Sinne) und Qualitäten (die verschiedenen Empfindungen desselben
Sinnes) sprach, so redet man von verschiedenen Dimensionen der
Gefühle überhaupt und von den verschiedenen Qualitäten innerhalb der
Dimensionen. Die Zahl der Dimensionen ist nach einigen praktisch
unbegrenzt, da die Seele auf jeden Erkenntnisgegenstand anders
reagiert. +Wundt+ hingegen zählt drei Gefühlsdimensionen auf:
Lust-Unlust, Erregung-Beruhigung, Spannung-Lösung. Die Mehrzahl
der Psychologen aber bekennt sich zu der eindimensionalen oder der
Lust-Unlusttheorie. Innerhalb der Dimensionen nehmen nun manche Autoren
eine Mehrheit von Qualitäten an, so namentlich +Wundt+, während andere
nur je eine Qualität gelten lassen, wie +Külpe+.
Es wird genügen, hier die Gründe gegen die Dreidimensionalität
anzuführen, weil sie gleichzeitig gegen jede Mehrdimensionalität
sprechen. Man leugnet nicht, daß es neben Lust-Unlust noch
Erregung-Beruhigung, Spannung-Lösung gibt, vermag aber in den
beiden letzten Erlebnispaaren nicht elementare Gefühlsvorgänge zu
erblicken. Zweifellos herrschen bei diesen Zuständen ausgesprochene
Organempfindungen, wie sie schon durch die Beschleunigung und
nachherige Verlangsamung des Pulses, durch das Anhalten und
nachfolgende Vertiefen des Atmens gegeben sind. Auch gedankliche
Momente können namentlich bei der Spannung vorhanden sein. Alle diese
Faktoren pflegen von leichten Lust-Unlustgefühlen begleitet zu sein.
Sieht man davon ab, so scheint für ein weiteres elementares Gefühl
nichts übrigzubleiben.
Gegen die Mehrheit der Qualitäten aber spricht folgendes: Wenn die
Gefühle etwa mit den Empfindungen wechselten, so müßte es ihrer eine
unglaublich große Zahl geben. Dann wäre es aber schwer begreiflich,
daß wir nur so wenige Qualitäten feststellen können, während wir
doch bei den ebenfalls sehr mannigfachen und nur wenig voneinander
verschiedenen Farbentönen eine gar große Zahl mit Sicherheit
herausgreifen. Auch bereitet es keine Schwierigkeit, alle Arten der
Lust direkt miteinander zu vergleichen. Übrigens dürfte es auch
biologisch hinreichen, wenn die Gefühle nur bekunden, daß unsere
Natur durch einen Eindruck angenehm oder unangenehm berührt wird,
da ja die Mannigfaltigkeit der Eindrücke durch die Empfindungen
ausgiebig zu Worte kommt (+Külpe+). So beachtenswert solche Gründe
auch sind, so schließen sie die Möglichkeit nicht aus, daß einmal
durch einwandfreie Beobachtungen die Mehrdimensionalität der Gefühle
erwiesen wird. Leider stehen viele der bisher angestellten Versuche
zu sehr unter der Herrschaft der Schule, der die Beobachter angehören.
4. Die Beziehungen zwischen Empfindung und Gefühl
Die Abhängigkeit der Gefühle von den Empfindungen wird experimentell
durch die +Eindrucksmethode+ geprüft: man läßt eine Empfindung auf
die Vp einwirken und von ihr das entstehende Gefühl beschreiben.
Andere Methoden erlauben ein mehr objektives Verfahren. So die
+Methode der Herstellung+: die Vp hat etwa am Spektralapparat die
ihr wohlgefälligste Farbe einzustellen. Die +Methode der Wahl+:
aus mehreren Gegenständen, die gleichzeitig geboten sind, ist
der wohlgefälligste oder mißfälligste herauszunehmen, oder alle
Gegenstände sind ihrer Wohlgefälligkeit nach in eine Rangordnung zu
bringen. Endlich die +Reihenmethode+: aus je einem Paar von Objekten
ist das Gefälligere zu bestimmen; wenn dann jedes Objekt mit jedem
anderen gleich oft verglichen ist, so gibt die Häufigkeit der
Vorzugsurteile für die einzelnen Objekte einen gewissen Maßstab für
die Lebhaftigkeit des durch sie geweckten Gefühles. Die objektiven
Methoden sind allerdings weniger rein und müssen durch die subjektive
ergänzt werden, um die Einflüsse der Erfahrung (den assoziativen
Faktor) einigermaßen auszuschließen.
Nach den genannten Methoden läßt sich nun die Abhängigkeit des
Gefühles von den Eigenschaften der Empfindung, der Qualität,
Intensität und Extensität und der Dauer bestimmen. Welche
Empfindungsqualitäten lustvoll, und welche unlustvoll sind, ist
in der Hauptsache schon aus dem Alltagsleben bekannt: das Süße,
Glatte, Warme usw. ist uns angenehm, das Bittere, Kalte, Rauhe
eher unangenehm. Wichtiger ist, daß die niederen Sinne lebhaftere
Gefühle hervorrufen als die höheren. Ihre Meldungen sind ja auch
im allgemeinen von größerer unmittelbarer Bedeutsamkeit für das
Leben, während die Gesichts- und Gehörempfindungen als Bausteine
umfangreicherer Erkenntnisse zurücktreten: ob das Automobil, das
mich zu überfahren droht, rot oder gelb ist, ist mir zunächst
gleichgültig. Es steigert sich darum auch die Gefühlswirkung der
Farben und Töne, wenn sie im Experiment isoliert geboten werden.
Die Abhängigkeit des Gefühles von der Empfindungs+intensität+ hat
+Lehmann+ genauer untersucht. Die Empfindung muß die „intensive
Schwelle“ übersteigen, d. h. sie muß eine gewisse Stärke erreichen,
um überhaupt gefühlsbetont zu sein. Mit wachsender Intensität steigt
dann Lust und Unlust. Während aber die Lust bei einem gewissen
Intensitätsgrad ihren Höhe- und Wendepunkt erreicht, von dem aus
sie abnimmt, um schließlich zur Unlust zu werden, scheint diese nur
einfachhin zuzunehmen. Der Umschlag der Lust in Unlust brauchte aber
nicht auf der Intensitätszunahme als solcher zu beruhen. Es dürften
vielmehr allmählich andere Empfindungen hinzutreten, wie bei der
Intensitätssteigerung des Lichtes der Blendungsschmerz, die unangenehm
sind. -- Zu bemerken ist noch, daß manche Empfindungsqualitäten, die
im allgemeinen als unlustvoll gelten, stark herabgesetzt, angenehm
werden, so manche Gerüche, während andere, die allgemein als lustvoll
bekannt sind, bei größerer Intensität unangenehm werden, so das
Süß. Beide Tatsachen lassen sich aber auch den soeben dargestellten
Gesetzmäßigkeiten zwischen Gefühl und Empfindungsintensität
unterordnen, wenn man annimmt, daß z. B. jene Gerüche sich für
gewöhnlich in einem zu hohen Intensitätsgrade befinden.
Ähnlich wie bei der Intensität verläuft die Gefühlskurve bei der Dauer.
Nachdem die Zeitschwelle überschritten ist, steigen die Gefühle an.
Nach einiger Zeit tritt Abstumpfung ein, jedoch bei der Unlust später
als bei der Lust. Der schließliche Wandel der Lust in Unlust scheint
auch hier nur auf indirektem Wege bewirkt zu werden.
5. Verbindung und Lösung der Gefühle