mancherlei ergeben. +Külpe+ bot seinen Vpn verschiedenfarbige in
einer bestimmten Figur angeordnete Buchstaben. Die Vpn hatten bald
auf die Gesamtanordnung, bald auf die Farbe der Buchstaben, bald
auf deren Form zu achten. Es zeigte sich nun, daß die sogenannte
+positive Abstraktion+, das Herausgreifen der zu beachtenden Teile,
außerordentlich gut gelingt. Wenn die Beobachter auch gar nichts oder
nur sehr wenig von der Form und der Farbe der Buchstaben zu berichten
wußten, so konnten sie doch die Gesamtanordnung sehr genau angeben
und umgekehrt. Das Absehen von den nicht zu beachtenden Momenten kann
auch willkürlich geschehen und heißt dann +negative Abstraktion+. Sie
scheint mehr zu sein als ein einfaches Nichtbeachten der Elemente,
vermutlich handelt es sich dabei um eine Unterdrückung oder Hemmung.
Die Abstraktion wird freilich um so schwerer, je enger zwei Elemente
miteinander verbunden sind. So ist Form und Farbe der Buchstaben
abstraktiv schwerer zu trennen als Form und Gesamtanordnung.
Literatur
J. +Lindworsky+, Das schlußfolgernde Denken. Freiburg 1916. II. Teil,
4. Abschnitt: Beiträge zur Psychologie der Beziehungserkenntnis.
F. +Seifert+, Zur Psychologie der Abstraktion und Gestaltauffassung.
ZPs 78 (1918).
SECHSTER ABSCHNITT
Die Verbindung der Beziehungsfunktion mit den Empfindungskomplexen
1. Kap. Die Gestaltwahrnehmung
Die sensistische Richtung in der experimentellen Psychologie, die alle
Erlebnisse nur aus den sinnlichen Elementen verständlich machen will,
ging lange Zeit unachtsam an einer höchst geläufigen Erscheinung des
Alltags vorüber, die übrigens jeder Psychologenschule schwere Rätsel
aufgibt. Es ist das Verdienst Chr. v. +Ehrenfels+’, nachdrücklich
die Aufmerksamkeit auf das Problem der Gestaltwahrnehmung gelenkt zu
haben. Seit seinem Aufsatz „Über Gestaltqualitäten“ (1890) ist die
Erörterung dieses Problems noch nicht zum Stillstand, aber auch noch
nicht zu einer allseitig befriedigenden Lösung gekommen. Betrachtet man
vier Punkte in dieser Anordnung ⁘, so kann man sie als Kreuz und als
Quadrat auffassen. Die Sinnesdaten sind in beiden Fällen die nämlichen,
die sich ergebenden Gestalten sind verschieden, und jede einzelne
ist offenbar mehr als die Summe der vier punktförmigen Eindrücke.
Noch deutlicher wird das bei der Melodie. Man kann ein Lied so
transponieren, daß kein einziger Ton derselbe bleibt, und doch erkennt
jedermann sofort die alte Melodie wieder. Die melodische Gestalt ist
also offenbar etwas anderes als die Summe der Einzeltöne.
Der Versuch einer +Analyse des Gestalteindruckes+ wird heute wohl
folgende Faktoren aufzählen können. Erste Voraussetzung ist eine
Mehrheit sinnlicher Daten, die im Raum oder in der Zeit verteilt sind.
Ihre Qualität und Intensität ist von untergeordneter Bedeutung, wie
schon die Transposition einer Melodie zeigt; auch die vier Punkte in
obiger Figur könnten eine beliebige Farbe haben, wenn auch zu beachten
bleibt, daß Qualität und Intensität auf die normale Gestaltbildung
von Einfluß ist: ist z. B. der letzte Ton eines Tonpaares höher, so
werden die Töne in der Regel in jambischer Gestalt aufgefaßt. Zweitens:
Bei unseren vier Punkten wäre es möglich, daß die (früher erworbene)
+Vorstellung+ eines Rhombus, eines Kreuzes, zweier Parallelen je nach
ihrer Bereitschaft auftauchte und die Auffassung der Punkte bestimmte.
Allein damit ist das Problem nicht zu lösen. Wir können ja den
Einzeleindrücken völlig neue Gestalten entnehmen, von denen wir noch
keine Vorstellung haben.
Wichtiger als die Vorstellungen in Bereitschaft sind (drittens) die
+aktiven Beziehungsakte+. Dieses aktive Beziehen oder Zusammenfassen
ist nicht mit der Aufmerksamkeitsbeachtung zu verwechseln. Das
Beachten eines jeden einzelnen Tones einer Tonfolge macht aus ihr
keine Melodie, sondern kann eine solche eher in ihre Teile wieder
zerfallen lassen. Aus dem aktiven Aufeinanderbeziehen ergibt sich
(viertens) eine +Beziehungserfassung+. Zwar besagt eine derartige
Beziehungserfassung nichts über das abstrakte Verhältnis der Längen
zweier Geraden, der Schwingungszahlen zweier Töne usw., aber wir
erleben, wie die anschaulichen Termini der Beziehung sich zueinander
verhalten. Wäre der Ausdruck nicht mißverständlich, so möchte man von
anschaulichen Beziehungen reden. Wir hören nicht bloß einen Ton und
dann den anderen, wir erfassen es vielmehr, wie nah oder wie fern die
Qualität des zweiten zu der des ersten steht. Zweifellos steigert
solch bewußtes Erfassen der Aufeinanderfolge von sinnlichen Eindrücken
die Gefühlswirkung, die sich ohnedies schon an eine Empfindungsfolge
anschließt. Doch machen die Gefühle nicht die Gestaltqualität aus: ein
Fünfeck unterscheidet sich von einem Sechseck nicht so sehr durch seine
Gefühlswirkungen als eben durch seine Gestalt.
Wir haben bisher die Faktoren aufzuzählen gesucht, die beim Auffassen
einer +neuen+ Gestalt wirksam sind. Man hat früher gestritten, ob
Gestalten analytisch oder synthetisch aufgefaßt würden. Einzelne
Autoren meinten, wir seien immer auf das synthetische Fortschreiten
von den Teilen zum Ganzen angewiesen. Die Experimente ergaben, daß
beide Auffassungsweisen möglich sind. Doch dürfte bei völlig neuen
und zeitlich sich entwickelnden Gestalten, wie Rhythmus und Melodie,
die Synthese vorherrschen. Es ist das ein ganz eigenartiges Erlebnis,
wenn etwa eine Folge von vier Tönen, die anfangs ungeordnet und
unübersehbar sind und darum wohl auch den Eindruck einer größeren
Anzahl machen, Gestalt annimmt. Eine lustbetonte Klarheit und
Einfachheit tritt ein, und man staunt über die geringe Zahl der
Einheiten, die sich leicht beherrschen lassen: die vier Töne waren
eben nur die zweimalige Wiederholung der nämlichen Terz.
Ist die Gestaltauffassung mehr als der rein sinnliche Eindruck,
dann werden wohl auch die +Täuschungen+ über die objektiv
gegebenen Gestalten nicht ausschließlich auf Inadäquatheiten der
Sinnesfunktionen beruhen. Den sicher erweisbaren Anteil der Sinne an
diesen Täuschungen haben wir oben besprochen (S. 81 f.). Was durch
die Unvollkommenheiten der Organe nicht erklärt werden konnte --
und es ist dies der größere und bedeutsamere Teil --, hat man durch
Assoziationstheorien, Augenbewegungstheorien, Aufmerksamkeits- und
Urteilstheorien zu fassen gesucht, Theorien, die oft den Anspruch auf
Alleinherrschaft machten. Ist unsere Analyse der Gestaltwahrnehmung
auch nur einigermaßen richtig, dann sind nahezu ebensoviel Faktoren
bei der Fälschung der Gestaltwahrnehmung, wie bei ihrer Entstehung
am Werke. Die Wahrscheinlichkeit, mit einer einzigen der genannten
Theorien auszukommen, ist darum nicht groß. Eine systematische
Durchprüfung aller Wahrnehmungstäuschungen auf die einzelnen Faktoren
mit dem Versuch einer Variation derselben wäre noch anzustellen.
Auf Einzelnes hat man indessen schon aufmerksam gemacht, so auf die
Verwechslung der Beziehungspunkte, namentlich beim Vergleich zweier
Gestalten: ein auf der Spitze stehendes Quadrat erscheint größer als
ein liegendes, weil man statt der Flächen die beiden von Punkten der
Figuren begrenzten Senkrechten aufeinander bezieht (+Schumann+);
>----< erscheint länger als <---->, weil man den von den Schrägen
eingeschlossenen Raum mit einbezieht (+Müller-Lyer+).
Literatur
K. +Bühler+, Die Gestaltwahrnehmungen I (1913).
M. +Wertheimer+, Untersuchungen zur Lehre von der Gestalt. Psychol.
Forschung (1922) I, S. 41 ff. (vgl. unten S. 131 ff.).
2. Kap. Die Zeitwahrnehmung
Wohl auf keinem anderen Gebiete der experimentellen Psychologie
ist eine vorausgehende Besinnung und begriffliche Klärung über den
Untersuchungsgegenstand so unerläßlich wie bei der Darstellung des
„Zeitsinnes“. Auch hier beginnen wir mit dem, was uns unmittelbar in
der Erfahrung gegeben ist. Da finden wir nun, daß die ganze, unserem
Gegenstandsbewußtsein zugängliche Welt, wir selbst und unser Erleben
nicht ausgenommen, einem zeitlichen Verlauf unterworfen ist. Diese
+objektive Zeit+ erforscht die Psychologie nicht. Die Psychologie fragt
nur: Wie erfassen und erleben wir die objektive Zeit?
Aus dem Gebiet des Zeitlichen erobert unser Bewußtsein nun mancherlei.
Wir sprechen von der +Zeit im allgemeinen+ und von verschiedenen
Zeitstrecken, geradeso wie wir von dem Raum im allgemeinen und von
verschiedenen räumlichen Erstreckungen reden. Da haben wir es mit der
letzten dem Bewußtsein möglichen Eroberung eines Erlebnisses zu tun:
wir sind zur +begrifflichen+ Erfassung der Zeit vorgedrungen, eine
Leistung, die wir erst bei Behandlung der Begriffe würdigen können. Wir
beherrschen zweitens die +zeitlichen Beziehungen+: das Nacheinander,
das Früher, Später, die Gleichzeitigkeit, das Jetzt. Sehen wir davon
ab, daß namentlich bei der sprachlichen Verwertung dieser Dinge
gleichfalls eine hohe begriffliche Verarbeitung der Zeiterlebnisse
vorausgegangen sein muß, so braucht es doch keinen langen Nachweis,
daß wir diese Verhältnisse auch vor aller Sprache und Begriffsbildung
zu erkennen imstande sind. Das kleine Kind dürfte schon ohne Sprache
und ohne weitläufige Begriffsbildung bemerken, daß das Heranbringen
der Milchflasche vor dem Trinken und das Zubettgelegtwerden nach
dem Trinken kommt. Es ist dies eine +Beziehungserfassung+, die ohne
Denkfähigkeit nicht möglich ist. Und weil solche Beziehungserfassungen
auch bei der Zeitwahrnehmung, wie sie die Experimente untersuchten,
eine so große Rolle spielen, darum weisen wir der Zeitwahrnehmung
entgegen dem bisherigen Gebrauch diese Stelle innerhalb der
systematischen Darlegung an. Aus dem gleichen Grunde müssen wir
auch dem Tier die Erfassung des Vorher, Nachher, des Jetzt und der
Gleichzeitigkeit absprechen.
Drittens nehmen wir unmittelbar die +Dauer+ wahr: das, was die
Sinne uns zeigen, wird uns als dauernd vorgestellt, und auch die
Erlebnisse in uns, das Suchen und Forschen, das Lieben und Leiden,
tritt immer nur als ein dauerndes Erleben auf. Das Dauern ist uns in
+allen+ unseren Erlebnissen gegeben, wie das Ausgedehntsein in den
Erlebnissen des Gesichts- und Tastsinnes gegeben ist. So verstanden,
erlebt auch das Tier die Dauer. Sobald man jedoch nur diese eine
Eigenschaft aller seelischen Geschehnisse für sich betrachtet, hat
man eine Abstraktionsleistung vollzogen, deren wir das Tier nicht für
fähig halten. Diese für sich allein genommene Seite individueller
Bewußtseinsvorgänge ist es, die den eigentlichen Gegenstand der
Zeitsinnuntersuchungen bildet. Man erkennt sofort, daß die Bezeichnung
Zeitsinn eine sehr wenig glückliche war. Es geht nicht an, für die
Erfassung eines unselbständigen Merkmals einen besonderen Sinn
anzusetzen, man müßte sonst auch einen eigenen Raumsinn oder gar einen
Intensitätssinn einführen. Dank dieser prinzipiellen Gleichstellung der
Dauer mit den Sinneseindrücken, wie sie der sensistischen Psychologie
geläufig war, stellte man dem Experiment +zwei Hauptaufgaben+: die
Bestimmung der Zeitschwelle und die Vergleichung von Zeitstrecken. Für
das Kernproblem, die Erfassung der Dauer, konnten diese Untersuchungen
nicht sehr viel auswerfen; den reichsten Gewinn erzielt dabei die
Psychologie des Urteils. Das Wichtigste sei kurz mitgeteilt.
Wenn man feststellt, daß das Auge schwache Lichtblitze als zwei
erkennt, die sich in einem Zeitintervall von rund 45 σ (1 σ = ¹⁄₁₀₀₀
Sekunde), oder bei Einwirkung auf verschiedene Netzhautpunkte von 10
σ (+Pauli+) folgen, daß der Tastsinn zu derselben Leistung 27 σ, das
Gehör nur 16 σ oder gar nur 2 σ benötigt, dann hat man im Grunde das
zeitliche Auflösungsvermögen dieser Sinne gefunden. Man weiß nun,
wieviel Zeit ein jeder braucht, um einen Reiz genügend abklingen zu
lassen, damit ein folgender von jenem unterschieden werden kann -- an
sich höchst bedeutsame Ergebnisse. Hinsichtlich der +Dauerschwelle+
erfahren wir hieraus indessen nur, daß sie unter 2 σ liegen muß.
Bei der Beurteilung von +Zeitstrecken+ empfiehlt es sich, +drei
Hauptfälle+ auseinander zu halten: man beachtet die Dauer
gleichzeitig während des Erlebens; man beurteilt sie erst beim
Rückblick auf das Erlebte; man beurteilt sie vorausschauend und den
Eintritt eines bestimmten Ereignisses abwartend.
Zu dem ersten Hauptfall gehören namentlich die experimentellen
+Vergleichungen zweier Zeitstrecken+. Sind diese +sehr+ kurz, dann
achtet man in Wirklichkeit nicht auf die Dauer, sondern auf die
Geschwindigkeit, mit der sich die die Zeitstrecke begrenzenden
Reize folgen. Bei +längeren+ Zeitintervallen, etwa bis zu 3″,
scheint ein unmittelbarer anschaulicher Vergleich der Dauer möglich
zu sein. Bei noch größerem Zeitabstand wird der unmittelbare
Vergleich schwerer. Der Beobachter muß die Grenzreize, z. B. die
Metronomschläge, mit sichtlicher Bemühung zusammenhalten, damit die
Vergleichung zuverlässig bleibt. Das weist darauf hin, daß größere
Strecken überhaupt nur an den sie ausfüllenden Erlebnissen gemessen
werden können. Das ist nach unserer Auffassung der Dauer als eines
unselbständigen Momentes zu erwarten und ist im Grunde auch bei dem
Vergleich der kleineren Zeiten vorhanden. Nur daß hier die wenig
ausgesprochenen Erlebnisse des Allgemeinbefindens hinreichen, während
bei längerer Dauer charakteristische Dinge, wie aktives Bemühen,
Nachkonstruieren der Zeitstrecke, Beachtung der Atembewegungen, der
wachsenden Spannung u. ä., zu Hilfe genommen werden. Als allgemeine
Regel ergab sich bei diesen Zeitvergleichungen: kleine Zeiten werden
überschätzt, große werden unterschätzt; zwischen beiden liegt eine
Indifferenzzone von 1-2″, die nahezu richtig beurteilt wird. Auf
den Zeitvergleich wirken mancherlei Faktoren bestimmend ein: so die
verschiedene Stärke der das Zeitintervall abgrenzenden Signale; das
intensivere Signal verkürzt das Intervall, wenn es an dessen Anfang
steht, es verlängert es, wenn es das Intervall abschließt. Doch
gehören diese Dinge in die Psychologie des Vergleiches.
Erlebt man vielerlei während einer bestimmten Spanne objektiver Zeit
und achtet gleichzeitig auf die Dauer, so erscheint sie einem lang;
achtet man hingegen nicht auf die Zeit, so wird man von dem Ende
der Zeitspanne überrascht. Daher auch der große Unterschied bei dem
Vergleich von leeren und ausgefüllten Zeitstrecken, der sich aber
je nach der Aufmerksamkeitsrichtung des Beobachters anders geltend
macht. In der Erinnerung hingegen wird eine erlebnisreiche Zeitspanne
größer erscheinen als eine erlebnisarme. Da uns für die Wahrnehmung
der Zeit kein besonderes Sensorium zur Verfügung steht, und der
absolute Eindruck des Langen oder Kurzen nur aus der Menge der
durchschnittlich in der Zeiteinheit erlebbaren Ereignisse entsteht,
so begreift man auch, daß bei einer außergewöhnlichen Steigerung
des Vorstellungslebens, wie sie etwa der Haschischgenuß hervorruft,
die Dauer geläufiger Verrichtungen merkwürdig gesteigert zu sein
scheint: das Passieren einer Straße will kein Ende nehmen, weil
außergewöhnlich viele Bilder durch den Geist des Gehenden ziehen.
Im dritten Hauptfall erwarten wir ein zukünftiges Ereignis. An
sich verfließt uns da die Zeit nicht langsamer als sonst, aber wir
konstatieren immer wieder, daß unser Verlangen noch nicht erfüllt
ist. Damit verdrängen wir gleichzeitig Gedanken und Beschäftigungen,
die uns zerstreuen könnten, und es entsteht die Langeweile.
Offenbaren die genannten Verhältnisse die Relativität
und Subjektivität unserer Zeitschätzung, so zeigt die
„+Zeitverschiebung+“ unsere Unfähigkeit, ein Jetzt zu fixieren,
wenn es durch zwei disparate Sinneseindrücke gekennzeichnet wird.
Diese Tatsache ist unter dem Namen der persönlichen Gleichung schon
lange in der Astronomie bekannt: zwei Beobachter werden niemals in
übereinstimmender Weise angeben, an welcher Stelle des Fadenkreuzes
der durchgehende Stern beim Ertönen des Sekundenschlages stand.
+Wundt+ prüfte dies genauer durch „Komplikationsversuche“. Die Vp
hat einen sich bewegenden Zeiger zu beobachten und festzustellen,
wo der Zeiger stand, als ein Glockensignal ertönte. Anfangs wird in
der Regel eine Stellung vor der richtigen, später eine solche hinter
der zutreffenden genannt. Man hört also im Anfang gewissermaßen das
Signal, bevor es gegeben ist, und später scheinbar erst, nachdem es
schon erklungen. Die Erklärung des Phänomens ist noch umstritten.
Man wird es nicht einfach mit Wundt auf die verschieden lange
Apperzeptionszeit der beiden Reize zurückführen können, sondern
beachten müssen, auf welchen Reiz der Beobachter jeweils eingestellt
ist: die Auffassung jenes Sinnesreizes, den die Vp zunächst
erwartet, ist begünstigt und erfolgt darum vor der des anderen
Reizes (+Michotte+). Erhellt man die Fensterreihe eines Schirmes
gleichzeitig durch eine Geißlerröhre und läßt eines der Fenster
beachten, so scheint die Aufhellung von dieser Stelle auszugehen
(+Bethe+).
Eine weitere Ungenauigkeit in der Zeitauffassung, die jedoch
unserem ganzen Denken und Leben zum Heile gereicht, begehen wir
bei der Auffassung des +Jetzt+. Das objektive Jetzt kann nur in
einem unteilbaren Augenblick bestehen, das subjektive Jetzt, die
„+psychische Präsenzzeit+“ hingegen umfaßt mehrere Sekunden. Das in dem
punktförmigen Jetzt Erlebte entschwindet nämlich beim Gesunden nicht
stracks dem Bewußtsein. Es verweilt zwar nicht mehr im Mittelpunkt,
es verliert auch je länger, je mehr an Klarheit und Ausgeprägtheit,
aber es steht doch noch so vor unserem Geiste, daß wir es nicht zu
reproduzieren, sondern nur zu beachten brauchen, falls wir es noch
einmal zu besehen wünschen, während wir die Erlebnisse der früheren
Vergangenheit überhaupt erst wieder ins Bewußtsein zurückführen müssen.
Der große Vorteil dieser Einrichtung liegt auf der Hand und wird
besonders gewürdigt, wenn krankhafte Übermüdung des Gehirns den Faden
der psychischen Kontinuität abreißen läßt.
Das stufenweise Verblassen der eben dagewesenen Erlebnisse verleiht
diesen gewissermaßen Temporalzeichen, an denen ihre zeitliche Folge
erkennbar bleibt: je verblaßter der Bewußtseinsinhalt, um so älter
ist er. Vermittels dieser Temporalzeichen glaubte man eine streng
empiristische +Zeittheorie+ entwerfen zu können, ganz ähnlich wie
+Lotze+ es beim Raum versucht hatte: die Dauer würde nicht unmittelbar
wahrgenommen, sondern entstünde erst aus den Bewußtseinsinhalten samt
ihren Temporalzeichen. Allein wenn wir den Übergang von dem Jetzt
in die Vergangenheit oder vielleicht auch nur von dem Sosein in das
Anderssein nicht unmittelbar als solchen erleben, werden wir aus den
genannten Elementen ebensowenig die Zeit integrieren, wie wir den Raum
aus den Lokalzeichen gewinnen konnten. Man muß darum auch bei der
Zeit- bzw. der Veränderungswahrnehmung ein geringes Anfangskapital im
Sinne des Nativismus voraussetzen. Alles weitere -- und das ist das
wichtigste Ergebnis der Experimente -- wird in der Erfahrung gewonnen.
Wie wir Abgrenzungen des Raumes zu Raumgestalten vereinigen, so
fassen wir Abgrenzungen der Zeit zu +Zeitgestalten+ zusammen: zwei
Zeitmarken (Taktschläge, Lichter, Berührungen) bilden zusammen mit
ihrem zeitlichen Intervall eine Zeitstrecke. Mehrere Zeitstrecken
schließen sich zu einer +rhythmischen Gestalt+ zusammen. Dabei pflegt
eine oder mehrere der Zeitmarken durch die Beachtung betont zu
werden. Diese Hervorhebung einzelner Zeitmarken kommt praktisch einer
Intensitätssteigerung gleich, ist mit ihr jedoch nicht identisch: sie
kann ja auch den merklich schwächeren Reizen zugewiesen werden.
Da viele unserer Bewegungen, namentlich unser Gang, rhythmisch
gegliedert sind, lösen rhythmische Eindrücke alsbald unwillkürliche
Bewegungen aus. Darum meinte G. E. +Müller+, die rhythmische
Auffassung objektiv völlig gleichmäßiger Reize sei nur eine Folge
früherer Erfahrungen. +Koffka+ versuchte diese Ansicht experimentell
zu widerlegen: optische Eindrücke sollen mit Ausschluß jeglicher
Bewegungsimpulse dennoch rhythmisch erlebt werden können. Es wird
schwer sein, hierfür einen unanfechtbaren experimentellen Beweis zu
liefern. Aber da der Gedanke G. E. Müllers auf dem Gebiet der übrigen
Gestaltwahrnehmungen versagt und das Rhythmuserlebnis den gleichen
Charakter wie die anderen Gestaltwahrnehmungen trägt, werden wir
es wie diese in der Hauptsache auf das aktive Zusammenfassen und
auf das Erleben der Beziehungen zwischen anschaulichen Elementen
zurückführen, während wir der subjektiven Betonung der objektiv
gleichmäßigen Zeitmarken nur eine vorbereitende Rolle zuteilen.
Literatur
V. +Benussi+, Psychologie der Zeitauffassung. 1913.
H. +Werner+, Über optische Rhythmik. APs 38 (1918).
3. Kap. Die Bewegungswahrnehmung
Ganz ähnlich wie bei der Zeitwahrnehmung läßt sich auch hier eine
begriffliche Sonderung vornehmen. Wir brauchen darum nur auf die obigen
Ausführungen zu verweisen. Die Hauptprobleme werden sich alsdann an
die unmittelbar wahrzunehmende Bewegung knüpfen und vor allem das
psychologische Wesen der Bewegungswahrnehmung zu ergründen haben. Es
empfiehlt sich für unsere Zwecke nicht, hier induktiv voranzugehen, wir
hätten der Tatsachen zu viele mitzuteilen, bevor der Leser imstande
wäre, sie zu würdigen und zu überschauen. Wir werden darum zuerst
die +Theorie der Bewegungswahrnehmung+ erörtern, um uns darauf mit
eigenartigen Fällen aus dem Gebiet der Bewegungswahrnehmung abzufinden.
Ältere Autoren versuchten die Bewegungswahrnehmung als einen
+Schluß+ aus den Wahrnehmungen der veränderten Lage desselben
Körpers zu verstehen. In der Tat schließen wir bei sehr langsamen
Bewegungen (Gletscherbewegungen, Umlauf des Stundenzeigers) aus den
verschiedenen Lagen auf eine vorausgegangene Bewegung. Aber so läßt
sich das Erlebnis der gewöhnlichen Bewegungswahrnehmung nicht deuten.
Denn nicht vergangene, sondern gegenwärtige Bewegungen sehen wir da.
Überdies wissen wir heute, daß ein Schluß uns immer nur Beziehungen
zwischen bekannten Gliedern mitzuteilen, niemals aber anschauliche
Inhalte, die uns nicht schon die Wahrnehmung geliefert hätte,
vorzuführen vermag. Und etwas Anschauliches ist zweifellos in der
Bewegungswahrnehmung geboten.
Es lag daher nahe, eine besondere +Bewegungsempfindung+ anzusetzen
(+Exner+), oder doch die Bewegung ein unselbständiges Moment der
Empfindungen sein zu lassen, ähnlich wie die Intensität (+Schumann+).
Mancherlei Tatsachen sprechen für solche Theorien.
Die Feinheit der Bewegungswahrnehmung ist in der Netzhautmitte etwa
fünfmal so groß wie an der Peripherie. Die Fähigkeit, zwei bewegte
Objekte auseinander zu halten, ist auf dem gelben Fleck ebenso groß
wie die Sehschärfe, mit der zwei ruhende Punkte aufgelöst werden. An
der Peripherie hingegen werden die bewegten Sehdinge viermal besser
unterschieden als die unbewegten. Doch lassen sich diese Verhältnisse
rein physiologisch verständlich machen (+Lasersohn+).
Außerdem widerstreitet den Empfindungstheorien dieses: Wo immer
der adäquate Reiz für das Auftreten einer Empfindung bzw. die
Veränderung eines Empfindungsmomentes gegeben ist, tritt bei
normalen Verhältnissen auch die Empfindung bzw. die Veränderung des
Empfindungsmomentes ein. Der einzige adäquate Reiz -- wir bleiben
vorerst immer bei der optischen Bewegungswahrnehmung -- wäre hier
nun die sukzessive Erregung benachbarter Netzhautstellen durch die
gleichen Lichtwellen. So oft sie statt hätte, müßte auch Bewegung
gesehen werden. Dem ist jedoch nicht so. Bewege ich mein Auge über
einen Gegenstand hin, so nehme ich zumeist optisch keine Bewegung
wahr.