Unsere ganze Erklärung wird indes von einem Einwand bedroht. Nach

dem Gesagten muß die Mächtigkeit bekannter Objekte in allen Räumen

die nämliche bleiben, und doch erscheinen uns die Menschen, von

der Galerie eines Theaters oder von einem hohen Berg gesehen, als

Puppen. Nun, hier handelt es sich auch wieder um die uns unbekannte

Höhenrichtung, für die uns keine geläufige Raumvorstellung zu

Gebote steht, ja, wir bringen sogar häufig an diese Eindrücke die

Vorstellung des Nahraumes heran, z. B. wenn sie von dem Aufsteigen

im Treppenhaus noch im Bewußtsein steht. In der horizontalen

Richtung hingegen begegnet uns dieser frappante Kleinheitseindruck

solange nicht, als wir nicht mit den Denkprozessen an die

Sehdinge herantreten und eigentliche Vergleiche anstellen. Solche

Vergleichungen der Sehgröße eines fernen Gegenstandes mit einem nahen

sind bekanntlich schwierig und ergeben sehr abweichende Urteile,

weil die Mächtigkeit eines Sehdinges nur durch Einbeziehung in einen

bestimmten Raum zur vergleichbaren Größe wird, dieser Raum aber keine

scharf begrenzte, objektive Größe ist.

Literatur

A. +Müller+, Die Referenzflächen des Himmels und der Gestirne. 1918.

4. Die nicht-optische Raumanschauung des Sehenden

a) Ortssinn und Lagewahrnehmung

Werden wir an irgendeiner Körperstelle berührt, so können wir im

allgemeinen ziemlich genau den Ort der Berührung angeben. Man

bezeichnet diese Fähigkeit als den +Ortssinn+. Daß diese Leistung

nicht mit der des oben besprochenen Raumsinnes der Haut zusammenfällt,

geht aus pathologischen Tatsachen hervor, wo bei normalem Ortssinn die

simultane und selbst die sukzessive Raumschwelle abnorm hoch sind. In

einem anderen Falle (+Spearman+) wurde sehr gut lokalisiert, während

selbst sukzessive Reize an demselben Glied nicht auseinandergehalten

werden konnten. Dennoch darf man sich den Ortssinn nicht als eine

einfache seelische Fähigkeit denken. Er ist gewiß noch komplizierter

als der Raumsinn, der sich vielleicht noch aus einfachen anatomischen

Grundbedingungen verstehen läßt. Die Lokalisation eines Tastreizes

erfolgt meist so, daß die Tastempfindung von einem schematischen

visuellen Vorstellungsbild der betreffenden Körpergegend begleitet

ist. Infolge der unbeschränkt häufigen Erfahrung brauchen wir aber,

gemäß einem noch zu erwähnenden Assoziationsgesetz, nicht mehr bewußt

auf die qualitative Eigenart der Tastempfindung zu achten, sondern

unmittelbar an die betreffende Reizung schließt sich das visuelle Bild

der gereizten Körperstelle an. Darum hängt auch die Genauigkeit der

Lokalisation und selbst die Größenschätzung der von der Haut berührten

Objekte von der Güte der Visualisation ab: wer bessere optische

Vorstellungen von den berührten Körperteilen in sich erzeugen kann,

lokalisiert besser und schätzt die Größen richtiger.

Die Leistungen des Ortssinnes möchten nach dem Gesagten wohl als

nahezu selbstverständlich erscheinen und kein nennenswertes Problem

einschließen. Allein man darf nicht vergessen, daß diese relativ

einfachen Erklärungen erst in mühevoller Einzelforschung erarbeitet

werden mußten, um allmählich die Auffassung von jener rätselhaften

Fähigkeit der Tastnerven zu verdrängen, vermöge deren sie unmittelbar

von jeder einzelnen Körperstelle Kunde bringen sollten.

Es bereitet nunmehr keine Schwierigkeit, eigenartige +Täuschungen+

auf dem Gebiete des Tastsinnes zu verstehen. Verschiebt man die

Lippen horizontal gegeneinander und berührt sie dann gleichzeitig

mit einem vertikal gehaltenen Bleistift, so entsteht der Eindruck,

es sei der Bleistift schräg geneigt (+Czermak+). Oder die bekannte

+aristotelische+ Täuschung: kreuzt man Zeige- und Mittelfinger und

rollt mit den so gekreuzten Fingern ein Kügelchen, so glaubt man

deutlich zwei Kügelchen unter den Fingern zu haben. Die Täuschung

wird um so stärker, je weniger man auf die Lage der Finger achtet,

und verschwindet, wenn man auf die Finger sieht. In beiden Fällen

steht die durch die Erfahrung geleitete Meldung des Ortssinnes in

Widerspruch mit dem wirklichen Sachverhalt und bedingt so eine

falsche Auffassung, zu der allerdings außer dem Ortssinn noch höhere

Funktionen mitwirken.

Hat der Ortssinn nur anzugeben, welche Körperstelle berührt wird, so

wird uns in der +Lagewahrnehmung+ außerdem noch vermittelt, welche

Stellung im Raum ein Körperteil in dem Augenblick einnimmt, wo ihn

ein Tastreiz trifft. Nach der trefflichen Analyse +Spearmans+ besagt

jede Lagewahrnehmung ein Dreifaches: 1) die Angabe des Ortssinnes,

an welcher Stelle des Körpers der Reiz auftraf (die segmentale

Bestimmung); 2) die Kunde über die von den Gelenken gebildeten

Winkel (die artikuläre Bestimmung); 3) ein Wissen von der Länge der

Zwischenglieder (die intermediäre Bestimmung). Über die segmentale

Bestimmung ist nichts hinzuzufügen. Die intermediäre Bestimmung wird

durch die festliegenden Vorstellungen des Gesamtkörpers besorgt.

Schwierigkeiten bereitet nur die artikuläre Bestimmung, namentlich

wenn man sie mit Spearman auf die Gelenkempfindungen zurückführt.

Nach dem, was oben (S. 63 f.) über die kinästhetischen Empfindungen

gesagt wurde, wird man auch hier vorerst statt der Gelenkempfindungen

die vereinigten Wahrnehmungen der Haut- und Kraftempfindungen

heranziehen müssen. Sie sind auch in der Ruhelage der Glieder

vorhanden und können sich mit der visuellen Vorstellung von der

Haltung des Gliedes verbinden.

Bei der experimentellen Untersuchung der Lagevorstellungen zeigte

sich immer eine große Unmittelbarkeit in der Erkenntnis der Lage.

Es brauchten nicht erst die Vorstellungen der zentralen Körperteile

wachgerufen zu werden, damit von da aus eine Orientierung ermöglicht

würde. Daraus schloß man auf eine direkte physiologische Assoziation,

die sich zwischen einer bestimmten physiologischen Erregung der

Gelenknerven und der Lagevorstellung ausgebildet hätte. Für die

Möglichkeit solcher „physiologischer“ Assoziationen sprechen

allerdings verschiedene Tatsachen. Allein die neueren Untersuchungen

der Vorstellungen deuten doch darauf hin, daß diese schon in

einem recht primitiven Stadium der Reproduktion außerordentlich

viel zur Orientierung beitragen können. In der Tat berichten auch

die Versuchspersonen Spearmans, die zentralen Körperteile seien

konfus vorgestellt worden. Solange man unser ganzes Erkennen in

die Vorstellungen verlegte, war man berechtigt, die Funktion bloß

konfuser Vorstellungen gering zu bewerten. Heute, wo man wieder

die Bedeutung eines von den Vorstellungen verschiedenen Denkens

anerkennt und sich darüber klar ist, daß diese höhere Funktion bei

der konkreten Lageerfassung nicht auszuschalten ist, wird man auch

die Bedeutung der konfusen Vorstellung der zentralen Körperteile

höher einschätzen müssen und vermutlich eine physiologische

Assoziation entbehrlich finden. Die Unmittelbarkeit und Promptheit

der Lokalisation verschlägt demgegenüber nichts; sie zeigt sich auch

bei ähnlich gelagerten Verhältnissen, wie etwa bei dem später zu

besprechenden Wortverständnis.

b) Die Raumlokalisation im allgemeinen

Die Grundtatsache der Verbindung der Vorstellungen mit Empfindungen

macht nun ohne weiteres das +allgemeine Lokalisationsgesetz+

verständlich: „Die Empfindung E wird an denjenigen Ort des

Gesichtsraumes lokalisiert, dessen visuelle Vorstellung V durch die

gegebene Empfindung E in das Bewußtsein eingeführt wird und mit ihr

verschmilzt, sei es weil beide in der Erfahrung sich miteinander

assoziiert haben, sei es weil V unter den gegebenen Umständen sich in

einer besonders hohen Bereitschaft befindet“ (+Fröbes+).

Erinnert man sich nun hier des Gesetzes der spezifischen

Sinnesenergie, demzufolge ein Sinnesnerv stets mit der gleichen

Empfindung antwortet, einerlei wie und wo er gereizt wird, so

begreift man leicht folgende Tatsache: Bei durchbohrtem Trommelfell

ist die hinter diesem liegende Chorda tympani einer unmittelbaren

Reizung zugänglich. Reizt man nun diesen Nervenstrang, der auch

Fasern des Geschmacksnerven führt, so vermeint man auf der Zunge

zu schmecken. Ganz allgemein verlegen wir innere Reize der

Empfindungsnerven an die uns aus der Erfahrung bekannten Orte der

peripheren Reizung. Wenn man hier von einem „Gesetz der exzentrischen

Projektion“ redet, darf man nicht glauben, wir nähmen den Reiz

zuerst innerhalb der Nervenbahn wahr und verlegten ihn dann wieder

hinaus an das Nervenende, sondern unmittelbar mit der Erregung des

Nerven taucht das Bild der durch die Erfahrung bekannten normalen

Reizungsstelle wieder auf. Es ist somit dieses Gesetz nur ein

besonderer Fall des allgemeinen Lokalisationsgesetzes. Hiermit

erklären sich auch einfach die bekannten Täuschungen Amputierter, die

in den vielleicht schon Jahre lang abgenommenen Gliedern noch Schmerz

und Druck u. ä. zu empfinden meinen.

Aus dem allgemeinen Lokalisationsgesetz versteht man auch die

scheinbare +Raumwahrnehmung anderer Sinne+. In Wirklichkeit bietet

nur der Gesichts- und der Tastsinn räumliche Inhalte. Wer beide

Sinne entbehrte, könnte nie zu einer Raumanschauung gelangen. Sie

bliebe ihm ebenso unbekannt wie dem Blindgeborenen die Farben. Die

richtige Lokalisation der Geschmacks-, Schmerz- und Temperaturreize

(wobei bemerkt sein mag, daß die Lokalisation um so schärfer ist, je

lebenswichtiger der Reiz) bedarf keiner weiteren Erläuterung. Der

Raum, der sich aus solchen einzelnen Raumdaten ergeben könnte, wäre

beim Sehenden letztlich nur der Gesichtsraum, beim Blindgeborenen

der Tastraum. Das nämliche gilt aber auch vom Ohr, das uns über die

Entfernung und Richtung unsichtbarer Schallquellen benachrichtigt.

Die besondere Aufgabe der Forschung besteht hier nur darin, die

empirischen Anhaltspunkte zu ermitteln, nach denen im einzelnen

Entfernung und Richtung der Schallquelle beurteilt wird. Ein erster

Anhaltspunkt für die Entfernung ist die Intensität des Reizes: je

schwächer ein bekannter Reiz, um so weiter muß er entfernt sein. Es

besteht hier ein ganz ähnliches Verhältnis wie zwischen der Sehgröße

und der Entfernung. Darum kann man sich auch hier ebenso täuschen

wie dort: ein leises Pochen an der Türe erscheint als furchtbarer,

doch weit entfernter Kanonendonner, und auch das Umgekehrte bleibt

an sich möglich, je nachdem wir entweder die tatsächliche Entfernung

oder die wirkliche Stärke des Schallreizes falsch ansetzen. In

Wirklichkeit zeigt sich indes nicht immer dieses einfache Verhältnis

eingehalten. Gleichartige, aber verschieden starke Töne werden

nicht notwendig in verschiedene Entfernung lokalisiert. Zu dieser

Verbesserung der Lokalisation verhelfen die jeden Ton begleitenden

Obertöne. Diese sind bekanntlich nicht alle gleich laut und werden

darum je in verschieden weiter Entfernung unhörbar: die niederen

verstummen zuerst. Aus diesem Umstand entwickelt sich ein tatsächlich

benutztes, aber als solches nicht erkanntes Kriterium für die

Schätzung der Entfernung. +Ernst Mach+ hat das mit einem treffenden

Ausdruck als die „Luftperspektive für Töne“ bezeichnet. Deshalb läßt

sich auch umgekehrt durch Verstärkung der Obertöne eines Klanges der

Eindruck größerer Entfernung erzielen. Von höchster Bedeutung für

die Lokalisation ist die Richtung der Aufmerksamkeit. Wird durch

irgendeinen Umstand unsere Aufmerksamkeit auf ein Ding gelenkt, das

als Schallquelle in Frage kommen kann, so sind wir auch geneigt,

es als solche anzusprechen. Darauf beruht ein Hauptkunstgriff der

Bauchredner.

Literatur

C. +Spearman+, Fortschritte auf dem Gebiete der räumlichen

Vorstellungen. APs 8 (1906).

O. +Klemm+, Über die Lokalisation von Schallreizen. 6. CgEPs (1914).

FÜNFTER ABSCHNITT

Elementare Denkfunktionen

1. Die Beziehungserkenntnis

Vergleichen wir zwei Linien, zwei Figuren oder sonstige Dinge

miteinander, so entdecken wir, daß sie entweder gleich oder ungleich,

verschieden oder ähnlich sind. Wir sprechen da von +Sachverhalten+.

Der Satz: A ist größer als B, bezeichnet einen Sachverhalt. Mit den

Ausdrücken gleichsein, größersein, oberhalb-, rechts davon sein u. ä.

verbinden wir einen ganz bestimmten Inhalt. Wir meinen damit etwas

anderes als die bloße Summe der beiden erkannten Dinge: wir meinen

eben die zwischen ihnen herrschende +Beziehung+. Die experimentelle

Untersuchung hat gezeigt, daß man an zwei Dinge denken, sie anschaulich

vorstellen und sogar beachten kann, ohne gleichzeitig und notwendig

auch die Beziehung zu erfassen, die zwischen ihnen obwaltet. Man

kann z. B. zwei Figuren unter mehreren sehen und beachten, die

objektiv einander gleich sind, ohne deren Gleichheit gewahr zu

werden. Die Beziehungserkenntnis ist somit mehr als die bloße

bewußtseinsmäßige Erfassung der in Beziehung stehenden Gegenstände:

+das Relationsbewußtsein enthält mehr als die Termini der Relation+.

Der Beziehungsgedanke, wie wir kurz sagen wollen, ist aber zweitens

auch ein wahrer Bewußtseinsinhalt: wir sprechen keine leeren Worte aus,

wenn wir von Gleichheit, von Ähnlichkeit usw. reden, sondern meinen

damit etwas ganz Bestimmtes. Diese Tatsache bliebe bestehen, auch wenn

wir Gleichsein, Verschiedensein usw. überhaupt nicht denken könnten,

ohne gleichzeitig an Dinge zu denken, die gleich oder verschieden sind.

Die eingehendere Forschung machte uns jedoch mit Erlebnissen bekannt,

wo der Beziehungsinhalt als solcher im Mittelpunkt des Bewußtseins

steht. Es erwächst darum die Aufgabe, zu prüfen, ob sich diese

Beziehungsgedanken auf die bisher besprochenen Erkenntniselemente

zurückführen lassen, oder ob sie als neue Elemente anzusprechen sind,

und wenn sich letzteres ergeben sollte, zu untersuchen, in welchem

Verhältnisse diese neuen Erkenntniselemente zu den schon bekannten

stehen.

Die von älteren Psychologen oft ausgesprochene Meinung,

Beziehungserkenntnisse (wir unterscheiden auch hier zwischen

Erkenntnis+akt+ und Erkenntnis+inhalt+ und beschäftigen uns hier

zunächst nur mit dem Inhalt) seien kein Plus gegenüber dem Bewußtsein

der Termini: mit dem Bewußtsein von zwei Strecken sei auch das

Bewußtsein ihrer Gleichheit oder Verschiedenheit unmittelbar gegeben,

braucht nach den erwähnten experimentellen Befunden nicht mehr

widerlegt zu werden. Man hat sodann hie und da geglaubt, solche

Relationen seien nichts anderes als die Worte oder die symbolischen

Zeichen, mit denen wir sie zum mündlichen oder schriftlichen Ausdruck

bringen. Allein Worte wie Zeichen sind weder Bedeutungen noch

wesentlich mit solchen verknüpft. Wir müssen ja die Bedeutung der

Worte der Muttersprache wie der fremden Sprachen eigens lernen. Ganz

dasselbe gilt für irgendwelche Körperbewegungen. Allerdings schütteln

wir zuweilen den Kopf, um den Gegensatz unserer Ansicht zu einer soeben

geäußerten kundzutun. Aber das Kopfschütteln als solches besagt doch

nicht den Gegensatz. Das Kopfschütteln liefert unserm Bewußtsein nur

eine Anzahl von Spannungs- und Bewegungsempfindungen, niemals aber

die Bedeutung „nein!“, „falsch!“ oder Ähnliches. (Bei manchen Stämmen

bedeutet Kopfschütteln „ja“, Kopfnicken „nein“.) Erfassen wir nicht

zuvor selbständig diese Relation, so werden wir niemals das Bedürfnis

verspüren, sie durch eine Ausdrucksbewegung kundzugeben.

Wir können nun versuchen, beliebige der uns bekannten Empfindungen oder

Empfindungskomplexe in irgendwelcher Zusammensetzung oder Abänderung

ins Bewußtsein einzuführen: niemals wird sich aus solchen Elementen

ein Beziehungsinhalt ergeben. Allen Empfindungen -- und ebenso den

später zu besprechenden Gefühlen -- versagt gewissermaßen die Sprache,

wenn wir sie zum Ausdruck einer Beziehung nötigen wollen. Es ist

darum die Beziehungserkenntnis nicht nur ein selbständiger, auf die

bekannten Empfindungen nicht zurückführbarer Bewußtseinsinhalt, sondern

auch ein Erlebnis, das sich überhaupt nicht mit Empfindungsmitteln

wiedergeben läßt. Den Empfindungen ist nämlich, wie wir sahen, die

Anschaulichkeit wesentlich: Farben, Gerüche, Töne usw. haben etwas

Handgreifliches, während Gleichheit, Verschiedenheit, Gegensatz als

Bewußtseinsinhalte abstrakt, schemenhaft sind. Empfindungen haben

eine, wenn nicht gar mehrere Intensitätsstufen, von einer Intensität

der Beziehungserkenntnisse zu reden, verliert jeden Sinn: Beziehungen

werden erkannt oder nicht erkannt. Jeder Empfindungsinhalt ist etwas

Konkretes, bestimmt Nuanciertes: Gleichheit, Ähnlichkeit, Lagebeziehung

sind als Bewußtseinsinhalte stets etwas Allgemeines, auch wenn

wir damit nur das Gleichsein usw. anschaulicher Dinge meinen. Aus

all diesen Gründen lassen sich die Relationserkenntnisse mit den

Empfindungen und Vorstellungen bzw. deren Komplexen nicht auf die

gleiche Stufe stellen. Sie gehören einer von jenen Erlebnissen scharf

getrennten Klasse an, und da sich kein Übergang zwischen diesen Klassen

aufzeigen oder auch nur ausdenken läßt, ist die Verschiedenheit beider

als eine +wesentliche+ zu bezeichnen. Wir behalten für die Erlebnisse

der höheren Klasse den Ausdruck „denken“ vor, mit dem ja auch der

vorwissenschaftliche Sprachgebrauch eine höhere Erkenntnisweise

auszeichnet.

Es empfiehlt sich, schon hier zwei Erlebnisse auseinanderzuhalten:

das Entdecken von Beziehungen und das Erkennen von Sachverhalten.

Sind die Gegenstände A und B gegeben und ich erfasse zum ersten Mal

eine Beziehung zwischen ihnen, und zwar eine Beziehung, die ich nie

zuvor erlebt habe, so liegt eine ursprüngliche Beziehungserfassung

oder die +Entdeckung+ einer Beziehung vor. Finde ich dieselbe

Beziehung dann bei den Gegenständen C und D, so kann ein

+Erkennen von Sachverhalten+ vorliegen: ich erlebe die Beziehung

zwischen C und D +und+ erkenne sie als gleich mit der früher

erfahrenen. Sachverhaltsfeststellungen setzen somit eine doppelte

Beziehungserfassung voraus; sie sind uns Erwachsenen geläufiger als

die Beziehungsentdeckungen, von denen hier zunächst die Rede ist.

2. Das aktive Beziehen

Sehr oft drängen sich uns die zwischen den Dingen herrschenden

Beziehungen ganz von selbst auf. Die Verschiedenheit eines roten

Papierstreifens von einem grünen kann kaum übersehen werden. Stellt man

uns aber die Aufgabe, zu einer bestimmten Farbe aus einer Reihe von

Farben und Farbenstufen die jener ersten gleichartige herauszufinden,

dann werden wir vielleicht jede einzelne Vergleichsfarbe mit dem Muster

in Beziehung bringen; sei es, daß wir beide nebeneinander legen, sei

es, daß wir nur den Blick von der einen zur andern wandern lassen,

sei es, daß wir mit ruhendem Blick unsere Beachtung bald dem einen,

bald dem andern Vergleichsobjekte zuwenden. Dieses Aufeinanderbeziehen

ist ein wirklicher Vorgang, ein reales Erlebnis, das z. B. in den

Denkexperimenten eine hervorragende Rolle spielt. Es ist ferner

etwas ganz anderes als die zuvor behandelte Beziehungserfassung.

Denn diese kann aufleuchten, ohne daß wir die Termini zuvor aktiv

in Beziehung bringen müßten, und umgekehrt kann das aktive Beziehen

vorgenommen werden, ohne daß sich unserem Geiste ein Verhältnis

zwischen den Beziehungsgegenständen offenbart. Am meisten Ähnlichkeit

hat dieses Erlebnis mit der aktiven Blickwanderung, aber man kann auch

bei ruhendem Blick, ja sogar ohne jede Beteiligung des Auges oder

irgendeines anderen Sinnes aktiv beziehen, z. B. wenn man Begriffe wie

Tapferkeit und Geduld miteinander vergleicht. Das Beziehen ist auch

nicht identisch mit willkürlicher Aufmerksamkeit. Zwar wird man in der

Regel den aufeinander bezogenen Dingen Aufmerksamkeit widmen, doch

können wir selbst mehreren Gegenständen unsere Aufmerksamkeit zuwenden,

ohne sie deshalb schon aufeinander zu beziehen. Man denke etwa an

die Versuche über den Umfang der Aufmerksamkeit, bei denen mehrere

Einzelobjekte bei raschester Darbietung von der Aufmerksamkeit umspannt

werden müssen. Endlich ist das Beziehen nicht gleichbedeutend mit dem

Wollen. Wir können freilich das aktive Beziehen wollen, und es ist

nicht unwahrscheinlich, daß das aktive Beziehen immer von dem Wollen

abhängig ist, aber der Wille betätigt sich auch in andern Funktionen,

z. B. in der Aufmerksamkeit auf ein einzelnes Objekt oder in einer

Körperbewegung u. dgl.

Vielleicht eröffnet jedoch folgender Gedankengang ein Verständnis des

aktiven Beziehens ohne Annahme einer neuen elementaren Denkfunktion.

Haben wir dank der elementaren Fähigkeit der Beziehungserfassung

mehrmals Beziehungen zwischen verschiedenen Gegenständen entdeckt,

so kann eine solche Entdeckung ein Ziel unseres Wollens werden.

Richten wir darum willkürlich mit dem Wunsche, eine etwa vorhandene

Beziehung zu erfassen, unsere Aufmerksamkeit auf die Gegenstände --

wie dies möglich ist, hat die Willenslehre zu zeigen --, so üben

wir das einfachste aktive Beziehen. Die weitere Erfahrung belehrt

uns, daß ein Wandern der Aufmerksamkeit von einem Glied zum andern

hier zweckdienlich sein kann, und wir lernen so eine höhere Art des

aktiven Beziehens. Sind wir sodann mit den verschiedenen Arten der

Beziehungsinhalte, wie Gleichheit, Ähnlichkeit, Verschiedenheit,

vertraut geworden, so wird auch der allgemeine Wunsch, eine

etwa vorhandene Beziehung aufzufinden, durch die besonderen

Gesichtspunkte, ob Gleichheit, Verschiedenheit usf., ersetzt.

3. Die Abstraktion

Erfassen einer Beziehung und aktives Beziehen haben beide zur

Voraussetzung, daß die Gesamtheit unserer Eindrücke nicht ein

unauflösbares Ganzes sind, sondern daß sich aus dieser Gesamtheit

Teileindrücke herausheben oder doch herauslösen lassen. Nur so

erhalten wir eine Mehrheit von Erkenntnisdingen, die wir miteinander

in Beziehung bringen können. Man könnte meinen, das sei durch die

Verschiedenheit der Sinneseindrücke schon hinreichend sichergestellt;

ein blauer Farbring, der um einen gelben gelegt ist, hebt sich von

selbst von diesem ab. Ganz gewiß bedeutet die objektive Verschiedenheit

der sinnlichen Eindrücke, der Sinnesdinge, eine namhafte Hilfe für das

Herauslösen von Teileindrücken. Bedenkt man indes, daß wir auch aus

einer ganz gleichmäßig gefärbten Fläche beliebige Partien allein durch

die Beachtung herausgreifen können, so legt das nahe, daß wir es mit

einer anderen Funktion als dem rein sinnlichen Erfassen zu tun haben;

ganz abgesehen davon, daß sich dieses Herausgreifen nicht notwendig auf

Sinnesdinge erstrecken muß.

Auch die Abstraktion können wir versuchsweise auf andere

Funktionen zurückführen, so daß von den drei genannten nur die

Beziehungserfassung als einzige elementare Denkfunktion übrigbleibt.

Zu diesem Zwecke setzen wir voraus, die unwillkürliche Aufmerksamkeit

sei eine psychische Verhaltungsweise, die auch willkürlich

eingenommen werden kann. Bei der Lehre von der Aufmerksamkeit

haben wir dies näher zu klären und zu beweisen. Ist uns nun zum

erstenmal die Verschiedenheit eines blauen von einem gelben

Farbenton aufgefallen, so mag die blaue und die gelbe Farbe die

Aufmerksamkeit auf sich lenken, und zwar nur auf sich und ohne

Zutun unseres zielsetzenden Wollens. Ist das mehrmals geschehen,

so haben wir ein Verhalten kennen gelernt, das wir nun auf jeden

Teilinhalt des Bewußtseins anwenden können: wir haben abstrahieren

gelernt. Somit wäre die Abstraktion nichts anderes als die Zuwendung

der Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Gegenstand. Neueste

Untersuchungen (M. v. +Kuenburg+) über die Abstraktion des Kindes

sind dieser Auffassung günstig.

Wir haben soeben die Abstraktion in ihren ersten Anfängen

geschildert. Der Erwachsene abstrahiert in der Regel, indem er

einen Gesichtspunkt an die Gegenstände heranbringt, z. B. in der

Form einer Frage: wo ist der Eingang? Ein solcher Gesichtspunkt

wirkt als antizipierendes Schema (siehe unten S. 173), er gibt der

Aufmerksamkeit eine bestimmte Richtung und bereitet die Wahrnehmung

der Relationsfundamente vor, indem er verwandte Vorstellungen in

Bereitschaft setzt.

Experimentelle Psychologie · 第 11 / 30 段