Um die Einteilung dieser Vorstellungen in Erinnerungs- und

Phantasievorstellungen kümmern wir uns hier ebensowenig wie um ihren

Ursprung. Nur das sei als allgemein zugestandene Erfahrungstatsache

erwähnt, daß zum wenigsten die Elemente dieser Vorstellungen

ursprünglich infolge peripherer Sinneserregung im Bewußtsein erweckt

worden sein müssen; denn Blindgeborene können sich von keinen Farben,

Taubgeborene von keinen Tönen eine Vorstellung machen. Im übrigen

beachten wir an dieser Stelle nur die inhaltlichen Eigenschaften.

Als +charakteristische Eigenschaft+ pflegt man da zunächst die

„+Blässe+“ und „+Mattigkeit+“ der Vorstellungen zu betonen. Und

im allgemeinen werden auch die unmittelbar von dem äußeren Reiz

abhängigen Eindrücke unvergleichlich lebhafter sein als die

nur mittelbar reizbedingten. Allein man hat diese Blässe doch

zu sehr betont. Solange die Psychologie nur auf den dürftigen

Selbstbeobachtungen der Philosophen aufgebaut wurde, pflegte man

allen Menschen so matte Vorstellungen zuzuschreiben, wie sie den in

abstrakten Gedankengängen sich bewegenden Philosophen eigen sind.

Sobald man aber mit +Fechner+ und später mit +Galton+ auch Angehörige

anderer Berufe nach ihren Vorstellungen befragte, ergab sich, daß

manchmal die Lebhaftigkeit der Vorstellungen nicht geringer war als

die der Wahrnehmungen. Insbesondere hatte man angezweifelt, daß die

in die Vorstellungen eingehenden Empfindungsinhalte in dem gleichen

Sinne +Intensität+ besäßen wie die reizbedingten Empfindungen. Man

konnte das um so eher bezweifeln, als bei dem gewöhnlichen Gebrauch

der Vorstellungen der Empfindungsinhalt stark vernachlässigt wird.

Sind uns die schematischen Umrisse einer Vorstellung gegeben, so

haben wir in der Regel genug für unsere geistige Arbeit, zu der wir

jene Vorstellungen benötigen. Es wäre Zeit- und Energievergeudung,

wollten wir noch die verschiedenen Empfindungsinhalte zur

ursprünglichen Intensität ansteigen lassen. Und je abstrakter

unser Denken wird, um so mehr dürfen wir die Empfindungsinhalte

vernachlässigen, um so mehr wird uns aber auch die Befähigung zum

intensiven anschaulichen Vorstellen verloren gehen. Läßt man jedoch

die Empfindungsinhalte der Vorstellungen sich entwickeln, so zeigen

sie die gleiche Art der Intensität wie die unmittelbar durch einen

peripheren Sinnesreiz hervorgerufenen. So ließ +Schaub+ dargebotene

Klänge vorstellen und dann die Intensität dieser Vorstellungen mit

der Intensität des zum zweiten Mal dargebotenen Reizes vergleichen.

Die Aufgabe wurde von allen Versuchspersonen gelöst, was nicht

möglich wäre, ginge den Vorstellungen eine wahre Intensität ab, und

öfters wurde in der Vorstellung dieselbe Intensität erreicht wie

in der Wahrnehmung. Das stimmt auch ganz dazu, daß bei den anderen

reizunabhängigen Erlebnissen, beim Traum und in der Halluzination,

vollste Intensität und Lebendigkeit erlebt wird.

Sodann macht man auf die +Flüchtigkeit+ und Unbeständigkeit der

Vorstellungen aufmerksam. Die Standuhr auf meinem Schreibtisch

bleibt in unveränderter Weise stehen. Solange ich sie anblicke,

habe ich den nämlichen klaren Eindruck. Anders, wenn ich den

Blick abwende und die Uhr vorstelle. Da wird das Bild gar bald

verschwinden, um von einem andern verdrängt zu werden, oder auch

nach einer Zwischenzeit wieder aufzutauchen. Zweifellos ist die

Unbeständigkeit eines der gewöhnlichsten Kennzeichen der Vorstellung.

Nur darf man nicht behaupten, jede Wahrnehmung sei beständig und

jede Vorstellung unbeständig. Namentlich Wahrnehmungen geringer

Intensität -- etwa das Ticken einer vom Ohr entfernten Taschenuhr

-- schwanken außerordentlich, während anderseits Vorstellungen

eine geradezu belästigende Konstanz erlangen können. Namentlich

gilt das von krankhaft fixierten Vorstellungen. Ähnliches ist über

die +Lückenhaftigkeit+ dieser Bewußtseinsinhalte zu sagen: für

gewöhnlich sind die Vorstellungen inhaltsarm und unvollständig;

allein einen grundsätzlichen Unterschied gegenüber der Wahrnehmung

bedingt das nicht. Denn jeder einzelne Zug in dieser kann Inhalt

einer Vorstellung werden. In der Tat findet man bei besonders

vorstellungsbegabten Individuen eine erstaunliche Fülle der

inneren Bilder. So soll ein französischer Porträtmaler imstande

gewesen sein, nach einer halbstündigen Sitzung ein Porträt aus dem

Gedächtnis zu malen und auf diese Weise an 300 Bilder im Jahre

ausgeführt haben. Noch ausgesprochener begegnet man den naturgetreuen

Vorstellungen im Traum und in der Halluzination. Freilich täuscht

sich der in der psychologischen Beobachtung Ungeschulte leicht über

die Ausführlichkeit seiner Vorstellungen, indem er anschaulich

vorzustellen meint, was er in Wirklichkeit nur unanschaulich über

den Gegenstand weiß, oder indem er Surrogatvorstellungen für echte

hält. So vermeint mancher, einen Geruch vorzustellen, während er

in Wirklichkeit nur weiß, wie das Objekt riecht und gleichzeitig

Schnüffelbewegungen ausführt. Oder man versucht, anschaulich Schmerz

zu erleben, stellt sich in Wahrheit aber nur Körperbewegungen

vor, welche die Begleiterscheinung des Schmerzes bzw. seine

Ausdrucksbewegungen wären, oder macht gar Ansätze zu ihnen.

Die Vorstellungen sind ferner häufig von dem Bewußtsein der

Anstrengung oder der +Tätigkeit+ des Subjektes begleitet. Bemühen wir

uns nicht um sie, so entstehen sie sehr oft nicht oder verschwinden

bzw. verändern sich gar bald. Aber wesentlich ist eine solche

Tätigkeit dem Vorstellungserlebnis nicht. Bekannt sind ja die

Zwangsvorstellungen, die uns gegen unseren Willen verfolgen, und dem

rechten Künstler stehen die Kinder seiner Muse in der Regel ungerufen

vor der Seele. Anderseits drängen sich auch die Wahrnehmungen uns

nicht immer auf, sondern fordern, namentlich wenn sie von geringer

Intensität sind, die Anspannung der Aufmerksamkeit.

Lange Zeit hielt man es für ein untrügliches Unterscheidungsmerkmal

von Wahrnehmung und Vorstellung, daß erstere im objektiven, letztere

im subjektiven oder im +Vorstellungsraum+ lokalisiert sei. Sehr

viele Menschen richten in der Tat die Aufmerksamkeit nach innen,

gewissermaßen in das Innere ihres Kopfes, wenn sie Vorstellungen

erzeugen wollen. Auch scheinen namentlich die Vorstellungen kleiner

und vereinzelter Gegenstände umgebungslos in einem nebelartigen Raum

zu schweben, dem „Vorstellungsraum“. Indes sehen Vorstellungsbegabte

häufig die vorgestellten Dinge unmittelbar vor sich im objektiven

Raum, können sie bei offenen Augen an einen beliebigen Ort

lokalisieren (die „Eidetiker“ +Jaenschs+), und auch den weniger

Begabten gelingt es auf jeden Fall, ergänzende Teilvorstellungen

mit dem wahrgenommenen Objekt zu verbinden und auf diese Weise im

wirklichen Raum vor sich zu sehen. Das Isolierterscheinen kleiner

Gegenstände dürfte nur auf einer unvollendeten Reproduktion beruhen.

Wie der Vorstellungsraum eingehender experimenteller Untersuchung

gegenüber nicht standhält, so muß auch das den Vorstellungen oft

zugeschriebene Merkmal der +Bildhaftigkeit+ preisgegeben werden.

Bei der normal entwickelten Vorstellung hat man durchaus nicht den

Eindruck, ein Bild vor sich zu haben, sondern man glaubt dem Ding

selbst gegenüberzustehen.

So ergibt sich also, ganz im Gegensatz zu den früheren Anschauungen,

daß sich die Eindrücke, die unmittelbar durch periphere Sinnesreizung

hervorgerufen werden, in keinem Stücke prinzipiell von den nur

mittelbar reizbedingten unterscheiden. Es gibt +keine Eigenschaft der

Wahrnehmungen, die nicht auch an den Vorstellungen nachzuweisen wäre,

und umgekehrt+ findet sich keine Eigentümlichkeit der Vorstellung,

die nicht ebenso einer Wahrnehmung anhaften könnte. Die praktische

Scheidung beider Erlebnisse wird nun dadurch ermöglicht, daß

gewisse Züge bei der Wahrnehmung und andere bei der Vorstellung für

gewöhnlich stärker ausgeprägt sind. Das gilt freilich nur für die

Durchschnittswahrnehmungen und -vorstellungen. Gewisse schwächere

Wahrnehmungen können allein auf Grund ihres anschaulichen Inhaltes

nicht von den Vorstellungen, gewisse lebhaftere Vorstellungen

nicht von den Wahrnehmungen unterschieden werden. Hier helfen nur

verstandesmäßige Überlegungen. Wie wir später noch sehen werden, nimmt

übrigens die Seele die absoluten Wahrnehmungen und die absoluten

Vorstellungen in Arbeit und ermöglicht so ein leichtes und sicheres

Unterscheiden beider. Diese verarbeiteten Erlebnisse meint man in der

Regel, wenn man von Wahrnehmung und Vorstellung schlechthin spricht.

Die Fähigkeit, Vorstellungen in sich wachzurufen, ist nicht bei allen

Individuen gleich groß. Zu diesem Unterschied tragen ursprüngliche

Anlage und Übung bei. Wie +Jaensch+ und +Kroh+ fanden, ist die

„eidetische“ Anlage verhältnismäßig oft bei Jugendlichen anzutreffen,

doch nicht in allen Gegenden gleich häufig. Außerdem differenzieren

sich die Individuen noch dadurch, daß die Vorstellungsfähigkeit nicht

auf allen Sinnesgebieten gleich mächtig ist. Einzelne sind imstande,

mit Leichtigkeit Gesichtsvorstellungen zu erzeugen, bei andern sind die

inneren Gehöreindrücke gut ausgebildet, andere wiederum stellen sich

leicht Bewegungen vor. Je nachdem eines dieser Sinnesgebiete einseitig

entwickelt ist, spricht man von dem +visuellen+, dem +akustischen+ und

dem +motorischen Typus+. Nur ganz selten findet man Vertreter eines

ausgesprochenen Typus, doch pflegt bei den meisten Menschen eine der

drei Seiten bevorzugt zu sein. Da, wie erwähnt, auch die Übung von

Bedeutung ist, versteht man, daß für das Gebiet der Wortvorstellungen

der akustische Typ, für die Sachvorstellungen der optische vorherrscht.

Auf dem Gebiete des Geruches, Geschmackes und des Hautsinnes ist das

Vorstellungsleben des Menschen nur sehr schwach entwickelt, vielleicht

sogar zurückgebildet. Es lohnt sich darum nicht, hier nach besonderen

Vorstellungstypen zu suchen.

Literatur

J. +Segal+, Über das Vorstellen von Objekten und Situationen.

Münchener Stud. 4. Heft. 1916.

J. +Lindworsky+, Wahrnehmung und Vorstellung. ZPs 80 (1918).

O. +Kroh+, Subjektive Anschauungsbilder bei Jugendlichen. 1922.

VIERTER ABSCHNITT

Verbindung der Vorstellungen mit Empfindungen und Empfindungskomplexen

Ebensowenig wie eine systematisch durchgeführte Erforschung der

Empfindungskomplexe steht uns eine solche für die Verbindung von

Empfindungen und Empfindungskomplexen mit Vorstellungen zu Gebote. Wir

können darum nur an einzelnen Beispielen das Ergebnis einer solchen

psychischen Synthese veranschaulichen.

1. Die Synästhesien

Manche Personen berichten, daß ihnen beim Hören von Vokalen oder

auch beim Sehen von Schriftzeichen bestimmte Farben mitgegeben sind.

So erschien +Fechner+ der Vokal e gelb, a weiß, u schwarz, der

Trompetenton rot, der Flötenklang blau. Genauere Erhebungen über

dieses sog. Farbenhören ergaben die mannigfachsten Abarten dieser

nicht allzu seltenen Erscheinung. Es zeigt sich bei den verschiedenen

mit ihr begabten Persönlichkeiten keinerlei Konstanz der Paarung von

Klängen und Farben. Auch sieht der eine die Farben an dem Schriftbild,

der andere an der Tonquelle, ein dritter irgendwo im Außenraum. Auch

die Deutlichkeit der Farben ist wechselnd. In einem extremen Fall

(+Lemaitre+) sollen sie sogar das Sehen der Umgebung gestört haben:

wenn andere sprachen, konnte der Betreffende sein Bild im Spiegel

nicht sehen. Andere erblicken beim Anhören musikalischer Gebilde

charakteristisch wechselnde Figuren. In den gleichen Zusammenhang

gehören die sog. sekundären Geschmacksempfindungen beim Sehen

einer Speise, das Hören des Windes beim Anblick eines im Gemälde

dargestellten Sturmes u. dgl.

Man hat die +Erklärung der Synästhesien+ früher mehr auf

physiologischem Gebiet gesucht. Eine enge Verbindung der den

einzelnen Empfindungen zugehörigen Teile des nervösen Zentralorgans

sollte überhaupt die allgemeine Tendenz einer jeden Sinneserregung

begründen, in benachbarte Gebiete überzustrahlen. Wo immer zu

dieser allgemeinen Tendenz noch eine individuelle Veranlagung zur

leichten Ansprechbarkeit des zentralen Apparates hinzukomme, da

würden sich die Sekundärempfindungen einstellen. Indes, wenn dem

so wäre, müßte sich doch eine weit größere Übereinstimmung in der

Verbindung bestimmter Klänge mit bestimmten Farben beobachten

lassen. Statt dessen ist häufig der Ursprung der Erscheinung aus

der Erfahrung des Individuums nachweisbar. So, wenn beim Ton eines

Instrumentes gerade jene Farbe gesehen wird, die dem Instrument

selbst eigentümlich ist, oder wenn die Vokalfarbe sich mit der

Muttersprache verändert. Wenn vollends Monats- oder Tagesnamen, genau

so wie sonst die einfachen Vokale, charakteristische Farben annehmen,

dann kann von einem physiologischen Zusammenhang schon gar nicht mehr

die Rede sein. Die naturgemäßeste Erklärung ist darum die aus der

Verbindung jener Wahrnehmungen mit den Vorstellungen der betreffenden

Farben. In der Lebenserfahrung des Individuums haben sich infolge

besonderer Umstände einmal die Wahrnehmungen gewisser Klänge mit der

Wahrnehmung bestimmter Farben verbunden. Nach den später noch zu

besprechenden Assoziationsgesetzen ruft dann die erneute Wahrnehmung

des Klanges die Vorstellung der damals gleichzeitig gesehenen Farbe

wach. Psychologisch bedeutsam ist hier, daß in solchen Fällen die

Vorstellung sehr lebhaft wird und die Intensität der Klangempfindung

erreicht, weshalb man ja auch von Sekundär- oder Pseudo+empfindungen+

spricht. Eine Schwierigkeit liegt jedoch darin nicht, wir sahen ja

schon, daß die Vorstellung nicht notwendig hinter der Intensität der

Empfindung zurückbleiben muß.

Literatur

E. +Bleuler+, Zur Theorie der Sekundärempfindungen. ZPs 65.

K. +Lenzberg+, Zur Theorie der Sekundärempfindungen und zur

Bleulerschen Theorie im besondern. ZaPs 21.

2. Erscheinungsweisen der Farben

Betrachtet man die eintönige Farbe eines Gegenstandes, etwa einer

mit buntem Papier überzogenen Pappschachtel, das eine Mal mit freiem

Auge und das andere Mal durch einen durchlochten Schirm derart, daß

man nur die farbige Fläche erblickt, die Form und die Stellung des

Gegenstandes jedoch nicht zu erkennen imstande ist, so wird man

einen namhaften Unterschied gewahr werden. Bei freier Betrachtung

hat die Farbe eine feste Lokalisation, erscheint selbst wie etwas

Festes und weist u. U. Glanz oder Lichter auf. Durch einen Schirm

gesehen, verliert sie die bestimmte Lokalisation, die Farbe scheint

uns frontalparallel gegenüberzustehen, gewinnt an Zartheit,

tritt nicht als Eigenschaft eines anderen Dinges auf und erlaubt

dem Blick, gewissermaßen in sie einzudringen. +Katz+, der diese

Unterschiede zuerst eingehend erforschte, spricht von verschiedenen

+Erscheinungsweisen+ der Farben und nennt die frei gesehenen

„Oberflächenfarben“, die anderen „Flächenfarben“. Wir haben es da

nicht mit anderen Empfindungen zu tun, sondern mit der Modifikation

dieser Empfindungen infolge des Hinzutretens der Vorstellungen.

Es können nämlich alle von den oben (S. 20) beschriebenen

Farbenempfindungen abweichenden Erscheinungsweisen der Farben durch

Betrachten mit einem Schirm auf die Empfindungen des Farbenoktaeders

zurückgeführt werden. Ohne diese Reduktion jedoch lassen sie sich

nicht in die Qualitätenreihen des Farbenoktaeders einreihen.

Namentlich zeigen sie eine ganz neue, bei den Empfindungen nicht zu

entdeckende Qualität: die Ausgeprägtheit der Farbe. Die nämliche

Farbe erscheint als Oberflächenfarbe, in verschiedener Entfernung von

der Lichtquelle gesehen, verschieden stark ausgeprägt, in größerer

Entfernung gewissermaßen „mit Dunkelheit verhüllt“. -- Entsprechende

Erscheinungsweisen hat +Katz+ bei den Tast- und +Henning+ bei den

Geruchserlebnissen gefunden.

Obwohl bei wechselnder Beleuchtung die Gegenstände sehr

verschiedenartige Reize ins Auge senden, erscheinen sie uns im

allgemeinen nicht verändert: ein Stück Kohle in der Mittagssonne

erscheint schwarz, ein Blatt Papier in der Dämmerung weiß,

und doch reflektiert ersteres vielleicht mehr Licht als

letzteres. Diese +Konstanz der Farben+ suchte +Hering+ durch die

„Gedächtnisfarben“ zu erklären: wir haben von den uns geläufigen

Dingen Standardvorstellungen, und diese verbinden sich mit den

objektiven Eindrücken und meistern sie. Dazu treten noch andere

Faktoren wie die Pupillenerweiterung bei abnehmender Helligkeit und

die Kontrastwirkung (s. S. 29).

Allein da wir auch bei unbekannten Objekten die wechselnde

Beleuchtung gleichsam in Rechnung stellen, befriedigt diese Theorie

nicht ganz. +Katz+ versuchte eine Aufmerksamkeitstheorie, und

+Bühler+ will neuerdings die Wahrnehmung der Farbe eines Objekts

von der seiner Beleuchtung ganz trennen (Zweifaktorentheorie). Eine

Entscheidung ist heute noch nicht möglich. Nur andeutungsweise

und bildhaft läßt sich sagen, in welche Richtung die geklärten

Tatsachen und die fruchtbaren Gesichtspunkte aller Theorien weisen:

Wir „sehen“ nicht so sehr die Dinge, wir bauen sie vielmehr draußen

auf. Zu jeder Empfindung tritt etwas Vorstellungsmäßiges hinzu:

was und wieviel, das regelt sich durch den Gesamteindruck und die

Einstellung des Subjektes. In dem Maße, als wir die Anhaltspunkte

zum Aufbau des Sehdinges verlieren (später können wir statt dessen

sagen: in dem Maße, als das Reproduktionsmotiv, z. B. durch den

Doppelschirm, verringert wird, s. S. 154 f.), kommen die Empfindungen

als solche zur Geltung. Die Geschwindigkeit der hier stattfindenden

Vorstellungserweckung reicht zum Aufbau des Sehdinges vollkommen aus.

Während also im Fall der Synäthesien die Vorstellung der

Wahrnehmung mehr äußerlich anhaftet, greift sie bei den soeben

besprochenen Erscheinungen abändernd in die Wahrnehmung ein,

ergänzt gewissermaßen die Wahrnehmung, und zwar teilweise

entgegen dem objektiven Sachverhalt. Die gleiche Rolle spielt die

Vorstellung bei der +Illusion+: eine Wahrnehmung wird durch die

hinzutretenden Vorstellungen derart ergänzt, daß wir uns über

den Gegenstand täuschen. Ein im Finstern gesehener Baumstrunk

erscheint als Wegelagerer. Wir haben es hier übrigens nicht mit

Ausnahmefällen zu tun. Die eingehendere experimentelle Forschung

und zuverlässige Gelegenheitsbeobachtungen ergeben, daß praktisch

zu allen Wahrnehmungen des psychisch fertigen Menschen ergänzende

Vorstellungen hinzutreten.

Es wäre nun eine ganz schiefe Auffassung, wollte man meinen, die

Rolle der ergänzenden Vorstellungen sei im allgemeinen eine störende.

In der Mehrzahl der Fälle ist sie eine überaus fördernde. Wie man

unter Berücksichtigung der später zu behandelnden Assoziationsgesetze

leicht erkennen kann, vervollständigen die Vorstellungen die

unvollkommenen Wahrnehmungen in der Regel ganz im Sinne des

objektiven Sachverhaltes und ermöglichen darum eine Kraftersparnis

bei den Wahrnehmungsprozessen. Wir entdecken nur die alle unsere

Wahrnehmungen beständig begleitenden Vorstellungen nicht, solange sie

mit dem objektiven Sachverhalt übereinstimmen, werden aber auf sie

aufmerksam, wenn sie uns gelegentlich in die Irre führen.

Literatur

D. +Katz+, Die Erscheinungsweisen der Farben. 1911.

K. +Bühler+, Die Erscheinungsweisen der Farben. 1923.

3. Die Sehgröße

Auch in die so rätselhaften Erlebnisse des Größeneindruckes kommt

Klarheit, wenn wir sie als Verschmelzungsprodukte von peripher

bedingten Empfindungskomplexen mit den absoluten Vorstellungen

auffassen. Unterscheiden wir zunächst die wirkliche, in Metern

angebbare Größe eines Gegenstandes von der geschätzten, d. h. der

vermuteten wirklichen, und der scheinbaren, der Sehgröße. Nur mit

dieser haben wir es zu tun. So erscheint uns der Mond am Horizont

groß, im Zenit klein, obwohl die Entfernung und der Sehwinkel beidemal

unverändert bleiben. Einem tieferen Verständnis dieser und ähnlicher

Erlebnisse steht nun das Wort „Sehgröße“ im Wege. Größe als Erlebnis

setzt immer Verhältniserfassungen, also gedankliche Elemente voraus.

Da aber die Tiere ähnliche „Größeneindrücke“ zu haben scheinen, müssen

wir uns nach einem andern Terminus umsehen und sprechen statt von der

Größe von der Mächtigkeit einer Ausdehnung im Gesichtsfeld. Innerhalb

desselben Raumes ist die Mächtigkeit einer Ausdehnung um so größer, je

größer der zugehörige Sehwinkel ist.

In den ersten Jahren seines Lebens lernt nun das Kind ein Doppeltes:

Es lernt verschiedene Räume kennen, und zwar Räume von typischer

Verschiedenheit. Erlaubt man eine etwas krasse Typisierung, so könnte

man von einem Stubenraum, einem Straßenraum und einem Landschaftsraum

sprechen, ähnlich wie man von einem Finger-, Arm- und Schrittraum beim

Blinden redet. Zweitens lernt das Kind innerhalb eines jeden Raumes

die Mächtigkeit anschaulich kennen, die den einzelnen Teilen des

Gesichtsfeldes entspricht: die Türe hat eine andere Mächtigkeit als die

Wand, das Haus eine andere als die Straße. Dies „anders und anders“

besagt jedoch keinen Vergleich, sondern nur, daß bald diese, bald jene

anschaulichen Vorstellungen geweckt werden, wie sie etwa beim Abtasten

und Abschreiten gewonnen wurden. Fügen wir nun hinzu, daß nach den

Assoziationsgesetzen durch die peripher bedingten Empfindungskomplexe

bald diese, bald jene Raumvorstellung geweckt wird und mit ebendiesen

Empfindungskomplexen verschmilzt, so haben wir die einfache Formel für

alle Größeneindrücke und -täuschungen gefunden, die uns mit den Tieren

gemeinsam sind.

Durchgehen wir einige Erscheinungen. Wohlvertraute Gegenstände

erscheinen im Nahraum nicht kleiner, auch wenn sie sich entfernen

und somit ihr Sehwinkel kleiner wird; sie verbleiben im Nahraum, wo

ihre Mächtigkeit uns wohlbekannt ist. Betrachten wir ein Bild an der

Wand durch einen verstellbaren Rahmen, den wir bald in diese, bald

in jene Entfernung vom Auge bringen, so sehen wir dasselbe Bild beim

nämlichen Sehwinkel und derselben objektiven Entfernung bald größer,

bald kleiner, bald näher, bald ferner, je nach der Raumvorstellung,

die mit Hilfe des vorgehaltenen Rahmens geweckt wird. Aus demselben

Grunde erscheinen uns Inschriften innerhalb eines beleuchteten

Tramwagens bisweilen als riesige Mauerplakate, wenn ihr Spiegelbild

auf eine Häuserwand projiziert wird. v. +Sterneck+ hat darum das

ganze Problem der Sehgröße, ähnlich wie wir, doch mit der Annahme

von „Referenzflächen“ lösen wollen. Aber von solchen Referenzflächen

wissen wir z. B. bei der Betrachtung des Mondes im Zenit nichts.

Die Referenzfläche ist eben nur ein Bestandstück des vorgestellten

Raumes, das fehlen kann. Warum erscheint uns also der hochstehende

Mond kleiner als der niedrig stehende? Weil unsere Erfahrung in

der senkrechten Richtung uns nicht die nämlichen Raumvorstellungen

liefert wie in der wagrechten. Haben wir hier einen Stuben-, Straßen-

und Landschaftsraum kennen gelernt, so wird uns dort nur ein Stuben-

und Haus- oder Turmraum geläufig. Der hochstehende Mond gewinnt darum

nur die Mächtigkeit, die seinem Sehwinkel im zweiten Raum entspricht,

während er am Horizont die Mächtigkeit des dritten Raumes erlangt.

Übrigens erleben wir die gleiche Erscheinung auch bei irdischen

Gegenständen. Ich sah den zierlichen Adler vom Bismarcksturm am

Starnbergersee als einen erschreckend großen Vogel auf dem Kamm

eines nahen Hügels stehen, als der Turm, auf dem er thront, von

diesem Hügel verdeckt wurde. Ob sich übrigens diese Größentäuschung

bei Fliegern, die ja auch Erfahrungen beim senkrechten Aufsteigen

sammeln, vermindert?

Experimentelle Psychologie · 第 10 / 30 段