Fixieren wir ein näher gelegenes Objekt, so konvergieren die

Blicklinien beider Augen, d. h. die Verbindungslinien des fixierten

Punktes mit der Netzhautmitte eines jeden Auges bilden zusammen einen

Winkel, wie sich aus der schematischen Zeichnung ersehen läßt. (Fig.

5.) Es ergibt sich also das Problem: In welcher Richtung sehen wir

bei Verwendung beider Augen die Gegenstände, da doch jedes Auge in

eine andere Richtung weist? Man bringe an einer Fensterscheibe einen

kleinen Fleck an, schließe das linke Auge und fixiere mit dem rechten

den Fleck auf der Scheibe und merke sich gleichzeitig jenes Objekt

der äußeren Umgebung, das man beim Fixieren des Fleckes miterblickt.

Darauf schließe man das rechte Auge und fixiere mit dem linken. Man

sieht dann hinter dem Fleck ein anderes äußeres Objekt, das von dem

soeben wahrgenommenen beträchtlich nach rechts gelegen ist. Nunmehr

fixiere man den Fleck auf der Scheibe ein drittes Mal, aber jetzt

mit beiden Augen. Dann scheinen die beiden zuvor gesehenen Objekte

nicht voneinander entfernt, sondern in derselben Richtung hinter dem

Fleck zu liegen. Alle Gegenstände, die auf der Sehrichtung des einen

Auges liegen, werden mit denen, die auf der zugehörigen Sehrichtung

des andern Auges liegen, in eine gemeinsame Sehrichtung vereinigt.

Dies ist das +Gesetz der identischen Sehrichtungen+ (+Hering+).

Das Doppelauge lokalisiert so, als ob es ein einziges, zwischen

den beiden Augen gelegenes wäre. (Das „Zyklopenauge“.) Durch diese

Tatsache ist die oben erwähnte Projektionstheorie endgültig erledigt.

3. Das Tiefensehen mit zwei Augen

Denkt man sich durch den Fixationspunkt senkrecht zur Blicklinie

des Zyklopenauges eine Ebene gelegt, so bilden sich außer dem

Fixationspunkt auch die auf dieser „Kernfläche“ befindlichen Punkte

auf identischen Netzhautstellen ab und werden somit einfach gesehen.

Fixiere ich darum von zwei Nadeln, die in der Kernfläche sind, die

eine, so erhalte ich auch von der nicht fixierten ein einfaches

Bild. Verschiebt man nun diese Nadel ein wenig vor oder hinter die

Kernfläche, so bleibt ihr optisches Bild dennoch einfach, doch wird

ihre Tiefenlage vor oder hinter der Kernfläche wahrgenommen. Verschiebt

man die Nadel jedoch etwas mehr aus der Kernfläche heraus, so wird

sie alsbald doppelt gesehen. Der Strahlengang bei den drei erwähnten

Lagen der nicht fixierten Nadel läßt sich sehr leicht zeichnen. Aus dem

schematischen Bild kann man nun unmittelbar folgenden Satz ablesen: Das

Einfachsehen nicht fixierter Punkte ist nicht streng an die identischen

Netzhautstellen gebunden; werden indes zwei nur ungefähr identische

Punkte der Netzhäute gereizt, so scheint das Objekt, von dem diese

Reizung ausgeht, vor bzw. hinter der Kernfläche zu liegen.

Die Gegenprobe und den vollen Beweis zu diesem Satz erbringt ein von

+Hering+ angegebener Versuch, in dem eine Reizung nahezu identischer

Punkte ermöglicht wird, ohne daß sie, wie soeben, von einem objektiv

außerhalb der Kernfläche liegenden Ding bewirkt wird. Man zeichne auf

zwei Papiere je drei einander parallele und gleichweit abstehende

Gerade und bringe beide Zeichnungen in einem Stereoskop an Stelle der

stereoskopischen Bilder symmetrisch an, so daß die Geraden senkrecht

von oben nach unten verlaufen. Fixiert man jetzt die mittleren

Linien, so erblickt man statt der sechs vorhandenen nur drei in einer

Ebene liegende Gerade. Zeichnet man nun auf einem der Papiere die

mittlere Gerade ein wenig nach rechts oder links, so bildet beim

Hineinschauen das eine Auge die mittlere Gerade genau im mittleren

Längskreise ab, während das andere sein Bild ein wenig links oder

rechts von der Netzhautmitte hat, -- die Richtung beider Augen

bleibt nämlich nach wie vor dieselbe. Die psychische Wirkung dieser

Reizungsart ist nun die, daß nunmehr nicht etwa vier Striche gesehen

werden, sondern daß nur drei Gerade erscheinen, deren mittlere jedoch

vor oder hinter den anderen zu liegen scheint.

Die zwei soeben geschilderten Versuche gestatten auch eine +Messung

der Tiefensehschärfe+. Man rückt von drei in der Kernfläche

befindlichen Nadeln die mittlere so weit aus der Kernfläche, bis ihre

verschiedene Tiefe eben bemerkt wird. Oder man mißt, wie weit bei dem

stereoskopischen Versuch die mittlere Senkrechte seitlich verschoben

werden muß, bis ein Tiefeneindruck entsteht. Es stellte sich heraus,

daß das Tiefensehen durch die Übung die Feinheit der Sehschärfe

erreichen kann: eine Lagedifferenz der beiden Netzhautbilder von

10″ vermag schon einen Tiefeneindruck zu bewirken. Je weiter die

zu beurteilenden Dinge vom Auge entfernt sind, um so größer muß

ihr gegenseitiger Abstand sein, soll er noch als Tiefenunterschied

erkannt werden: auf 1 m 0,4 mm, auf 50 m 1 m, auf 420 m 80 m, während

über 2600 m kein Tiefenunterschied mehr aufgefaßt wird. Der Sehraum

entspricht somit auch in dieser Hinsicht nicht dem geometrischen Raum.

Zu beachten ist noch, daß nur die feinen Lageunterschiede der Bilder

auf den +Querschnitten+ der Netzhaut den Tiefeneindruck hervorrufen.

Solche Bilder heißen querdisparat, und die gekennzeichnete

Lageverschiedenheit heißt +Querdisparation+. Die Verschiebung der

Netzhautbilder infolge ihrer Verrückung aus der Kernfläche führt auch

den Namen der +binokularen Parallaxe+.

Eine Anwendung der binokularen Parallaxe ist das +Stereoskop+. In

geringem Abstand wird jedem Auge ein eigenes Bild dargeboten. Durch

eine Prismenkombination wird nun erreicht, daß die nebeneinander

liegenden Teilbilder auf die Deckpunkte beider Augen fallen. Diese

Bilder wurden hergestellt, indem man etwa denselben Gegenstand

gleichzeitig durch zwei in Augenweite voneinander entfernte Kameras

photographierte. Somit erhält jedes Auge ein eigenes Bild, das

jedoch nur wenig von seinem Gegenstück abweicht. Die solchermaßen

gesicherte Querdisparation verursacht den körperlichen Eindruck

des gesehenen Bildes. Darum kann umgekehrt das Stereoskop auch

prüfen, ob zwei Bilder genau gleich oder auch nur um ein weniges

voneinander verschieden sind. Echte Banknoten z. B. stammen aus

derselben Druckerpresse. Symmetrisch unter das Stereoskop gebracht,

müssen sie darum ein unkörperliches Bild ergeben. Springen jedoch

einzelne Buchstaben und Striche aus der Bildebene hervor, so ist die

Ungleichheit der Bilder und damit der verschiedenartige Ursprung der

Drucke erwiesen.

4. Der Ursprung der binokularen Tiefenwahrnehmung

An dieser Stelle kehrt die Streitfrage wieder, ob unsere

Tiefenwahrnehmung angeboren oder erworben sei. Nachdem wir schon

ausgeführt haben, daß und wie das Einauge eine vollkommene

Tiefenwahrnehmung erlangen kann, dürfen wir von der historischen

Entwicklung der Kontroverse absehen und können sogleich die Kernfrage

nennen, um die sich heute der ganze Streit dreht. Auch der Nativist

gibt heute zu, daß allein mit den Mitteln des Einauges tatsächlich

eine Tiefenwahrnehmung zu erzielen ist. Er behauptet jedoch, daß die

Querdisparation eine unmittelbare und wahre +Empfindung+ der Tiefe

vermittle, eine Empfindung, die uns zwar nicht die absolute Entfernung

der Dinge vom Auge unmittelbar kennen lehrt, die jedoch die Lage der

Gegenstände zu der Kernfläche zeigt. Aus diesem Grundkapital entwickle

sich die vollkommene Tiefenwahrnehmung des Erwachsenen, für den

schließlich die Querdisparation das feinste und eigentlichste Mittel

zur Erkennung der Tiefenunterschiede wird. Man braucht ja nur ein

Auge zu schließen, um alsbald eine beträchtliche Herabsetzung unseres

Körperlichsehens festzustellen.

Dem Nativismus stehen für seine Ansicht schwerwiegende Gründe zu

Gebote. Ihr wuchtigster dürfte der oben (S. 91 f.) beschriebene

Stereoskopversuch sein: die einfache Reizung querdisparater

Netzhautpunkte bewirkt ohne irgendwelche anderen objektiven oder

subjektiven Anhaltspunkte eine Tiefenwahrnehmung. Dazu kommt die

große Schwierigkeit, den unleugbar anschaulichen Charakter des

Tiefeneindruckes aus Vorstellungselementen verständlich zu machen.

-- Indes durchschlagend sind diese Beweise nicht. Solange es nicht

möglich ist, bei einem operierten Blindgeborenen den Heringschen

Stereoskopversuch mit Erfolg anzustellen, bleibt es erlaubt,

den Tiefeneindruck bei querdisparater Reizung aus der Erfahrung

herzuleiten: wie für den Einäugigen die monokulare Parallaxe, so

entwickelt sich beim Normalen die binokulare zum Kriterium des

Tiefensehens. Die Unmittelbarkeit des Tiefeneindruckes braucht dabei

nicht zu überraschen. Denn ebenso unmittelbar lokalisieren wir auch

einen Tastreiz, was uns nur auf Grund der Erfahrung möglich ist.

Ferner glauben wir auch gezeigt zu haben, wie der Einäugige zu dem

anschaulichen Inhalt seiner Tiefenwahrnehmung gelangt. Endlich

dürfte noch zu beachten sein, daß die Tiefenauffassung, wenigstens

bei dem erwachsenen Menschen, nicht auf die gleiche Stufe wie die

Flächenwahrnehmung zu setzen ist. Wir möchten sie vielmehr der

Gestaltwahrnehmung (s. unten) nahebringen. Auch bei dieser erleben wir

unmittelbar und in gewissem Sinne anschauliche Eindrücke, die aber

gleichwohl nicht als Empfindungen angesprochen werden können.

Die Empiristen berufen sich ihrerseits auf die vollkommene

Tiefenanschauung der Einäugigen, mit der gewiß die Notwendigkeit, aber

nicht eine etwa nachweisbare Tatsächlichkeit der Tiefenempfindung

auszuschließen ist. Es liegen aber aus der jüngsten Zeit verschiedene

Experimente vor, die den Empfindungscharakter querdisparater Erregungen

als zweifelhaft erscheinen lassen. So wies +Karpinska+ nach, daß

sich die räumliche Auffassung bei stereoskopischer Betrachtung

nur allmählich ausbildet, somit auch mehr Zeit benötigt als die

Gesichtsempfindungen; daß sie an Schnelligkeit von der durch den

Veranten vermittelten plastischen Auffassung übertroffen wird, bei

dem bekanntlich nur Erfahrungskriterien wirksam sind; daß sie endlich

durch die Einstellung des Subjektes ganz unterdrückt werden kann. Das

Pseudoskop ferner, das durch Vertauschung der stereoskopischen Bilder

das Relief der Dinge umkehrt, einen runden Balken sonach als Hohlrinne

erscheinen läßt, vermag diese Umkehrung bei dem Bilde des menschlichen

Gesichtes nicht zu erreichen; die Erfahrungsmomente überwinden

hier also die Querdisparation. Sodann läßt sich der Effekt der

Querdisparation an bloß einem Auge dadurch erzielen, daß man die für

die beiden Augen bestimmten stereoskopischen Bilder in rascher Folge

demselben Auge exponiert (+Straub+). Schließlich will +Poppelreuter+

das flächenhafte, „malerische“ Sehen, das monokular leicht zu

bewerkstelligen ist, nach einiger Übung auch binokular erlernt haben.

Es lassen sich aber wohl Vorstellungen, nicht jedoch Empfindungen unter

dergleichen Voraussetzungen unterdrücken. Nach dem Gesagten tragen wir

kein Bedenken, die Position des Empirismus als die zur Zeit günstigere

anzusehen.

Literatur

Über die nativistisch-empiristische Kontroverse und die ältere

Literatur zu dieser vgl. +Fröbes+ I, 2. Aufl., S. 331 ff.

Fußnoten:

[3] Vgl. die S. 90 zitierte Arbeit.

[4] Eine Erklärungsmöglichkeit bietet die S. 90 zitierte Arbeit.

[5] Vgl. J. +Lindworsky+, Zur Theorie des binokularen Einfachsehens

und verwandter Erscheinungen. ZPs 1923.

3. Kap. Empfindungskomplexe des Tastsinnes

1. Der Raumsinn der Haut

Die Reizung eines Druckpunktes oder einer beliebigen Hautstelle ruft

eine flächenförmig ausgedehnte Empfindung hervor. Wir können uns bei

dieser Feststellung nur auf den unmittelbaren Eindruck stützen, werden

aber die Richtigkeit dieser Beobachtung aus den alsbald zu nennenden

Tatsachen bestätigt finden. Was geschieht nun, wenn man +gleichzeitig

mehrere Stellen der Haut reizt+? Setzt man die beiden Spitzen eines

Zirkels (man verwendet dazu eigens hergestellte Tastzirkel oder

Ästhesiometer) nahe beieinander auf die Haut, so verspürt man einen

einfachen Druck, als wenn nur ein einziger Punkt gereizt worden wäre.

Rückt man nun die Zirkelspitzen ein wenig auseinander und setzt sie

von neuem auf, so wird der wahrgenommene Punkt etwas breiter, dehnt

sich zu einer Fläche, wird dann eine Linie, und erst bei einer gewissen

Zirkelweite hat man den Eindruck, daß zwei getrennte Punkte der Haut

gereizt worden sind. Eben diesen Abstand, den zwei gleichzeitig

einwirkende Tastreize wahren müssen, um als zwei bemerkt zu werden,

bezeichnet man als die +Raumschwelle+. Sie ist an verschiedenen

Körperteilen verschieden groß: an der Zungenspitze 1 mm, an der

Fingerspitze 2 mm, am größten am Rücken und an den Gliedmaßen, etwa 6

mm am Oberarm. Die Raumschwelle mißt die Feinheit unseres +Raumsinnes+,

d. h. der „Fähigkeit, Form, Größe, Zahl, Bewegung der unsere

Hautoberfläche berührenden Gegenstände mittels der Tastempfindung zu

erkennen“. Je kleiner die Schwelle, um so feiner der Raumsinn.

Die Raumschwelle ist bei Kindern kleiner als bei Erwachsenen. Sie

wechselt auch bei den einzelnen Individuen. Um die +simultane+

Raumschwelle sicher zu erhalten, muß man übrigens die beiden

Zirkelspitzen gleichzeitig und mit gleich starkem Druck aufsetzen.

Sukzessive und ungleich starke Berührung verkleinert die Schwelle.

Auch Wärme und Blutfülle macht die Haut empfindlicher, während

Kälte und Blutleere die Empfindlichkeit herabsetzt. Im gleichen

Sinne wie diese Faktoren wirken Übung und Ermüdung. Allerdings

nicht so, daß die Übung, wie man früher vielfach glaubte, das

Sinnesorgan selbst verfeinerte. Im Grunde wird nur die Einstellung

auf die Unterscheidung der beiden Eindrücke geübt. Das zeigte sich

bei der Untersuchung von Blinden. Bei ihnen nahm man vielfach eine

außergewöhnliche Verfeinerung des Hautsinnes an, da sie diesen Sinn

so außerordentlich übten, und da man überdies meinte, der Ausfall

eines Sinnes komme den übrigbleibenden zugute. Es stellte sich nun

heraus, daß bei gleicher Aufmerksamkeitsanspannung der Raumsinn

der Blinden infolge des beständigen Tastens stumpfer war als der

der Sehenden. Ebenso scheint die Vergrößerung der Raumschwelle

infolge der Ermüdung in erster Linie auf die Beeinträchtigung der

Aufmerksamkeit zurückzuführen zu sein. Wenn man darum mit den

experimentierenden Pädagogen (+Griesbach+) die Bestimmung der

Raumschwelle zum Nachweis der Ermüdung benutzen will, muß man die

Schwelle unmittelbar nach der ermüdenden Arbeit bestimmen, weil sonst

die „Aufmerksamkeit“ sich alsbald wieder erholt.

2. Der Tastraum der Blinden

Es ist für den Sehenden sehr schwer, sich zu veranschaulichen, was eine

Mehrheit von Tastempfindungen ihm von der Außenwelt mitteilt. Will man

sich darüber Rechenschaft geben, so drängen sich stets die Angaben des

Gesichtsinnes dazwischen. Man wird darum besser die Blindgeborenen

befragen. Da ist nun entgegen vereinzelten Ansichten älterer

Psychologen vor allem festzustellen, daß die Blindgeborenen allmählich

zu einer Raumanschauung in demselben Sinne wie die Sehenden gelangen.

Operierte Blindgeborene sind nämlich durchaus nicht der Ansicht,

daß sie mit der nunmehr optisch vermittelten Raumanschauung etwas

absolut Neues in sich aufnähmen. Ebenso spricht dagegen die Existenz

blindgeborener Mathematiker, die sich ohne besondere Schwierigkeit

die doch aus dem anschaulichen Raum gewonnenen geometrischen Begriffe

aneignen. Auch die Modellier- und Schnitzleistungen Blindgeborener

wären ohne persönliche Raumanschauung kaum zu verstehen.

Mit der Raumanschauung ist nun zunächst gegeben, daß eine Vielheit

benachbarter Tastempfindungen einen flächenhaften Eindruck bewirkt.

Allerdings ist die simultane Erfassung der Flächen nicht sonderlich

entwickelt. Viel leichter ist die Erkennung punktförmiger Eindrücke,

weshalb auch die dem Blinden am meisten entsprechende (+Braille+sche)

Schrift punktförmige Reize verwertet, die in der Zahl von 1 bis 6 nach

Art der Dominofiguren angeordnet sind. Um die Form eines flächenhaften

Reizes, etwa eines Polygons aus Karton, zu erkennen, führt der Blinde

Tastzuckungen längs der Umrisse aus. Damit verwandelt er freilich die

simultane Auffassung in eine sukzessive und führt gleichzeitig höhere

psychische Prozesse ein, die wir jetzt noch nicht analysieren können.

Körperliche Objekte kleineren Umfanges lehrt ihn das umschließende

Tasten kennen. Hier treten zu den Eindrücken des Hautsinnes diejenigen

der Bewegungssinne. Zweifellos vermag der Tastsinn allein eine

Anschauung von der dritten Dimension nicht zu geben. Ebenso sicher ist

die Mitwirkung des kinästhetischen Apparates. Wie jedoch im einzelnen

die dreidimensionale Raumanschauung des Blinden zustandekommt, ist uns

noch weniger durchsichtig, als es bei dem Gesichtssinn der Fall war.

Zur genaueren Untersuchung der räumlichen Verhältnisse dienen sodann

bei kleineren Maßen die Finger mit ihren Konvergenzbewegungen, bei

größeren die ebenso fungierenden Arme. Damit ist auch der Umfang des

vom Blinden leicht zu beherrschenden Anschauungsraumes gegeben. Größere

Räume kann er durch Schrittbewegungen in die Länge und Breite sowie

durch Steig- oder Kletterbewegungen in die Höhe oder Tiefe ausmessen,

doch vermag er diese Eindrücke nur schwer zu einem geschlossenen

anschaulichen Bild zu vereinigen. Der Tastsinn ist eben ein Nahsinn.

Der Blinde hilft sich deshalb mit der „Tastraumzusammenziehung“. Er

verkleinert in seiner Anschauung die Objekte und stellt sie sich in

ihren Proportionen nach Art der von Hand und Arm unmittelbar erfaßten

vor.

Literatur

Näheres über die hier berührte Blindenpsychologie bei J. +Fröbes+ I,

2. Aufl., S. 361 ff.

3. Theorie des Tastraumes

Zwei Probleme sind hier zu lösen. Zuerst das Problem der

+Raumschwelle+: Warum läßt sich zwar an jedem Punkt der Haut, praktisch

genommen, eine Tastempfindung auslösen, während die Berührung zweier

Punkte nur dann zwei Eindrücke verursacht, wenn die beiden Punkte eine

bestimmte Entfernung haben?

E. H. +Weber+ erdachte zur Beantwortung dieser Frage die Theorie der

+Empfindungskreise+. Je ein Tastnerv ist einem bestimmten Hautkreis

zugeordnet. Alle Reizungen innerhalb dieses Kreises erregen den

gleichen Nerv, bedingen somit dieselben Tastempfindungen und bleiben

deshalb ununterscheidbar. Das stimmt recht gut zu dem anatomischen

Befund einzelner Druckpunkte und erklärt auch die Tatsache, daß

nur in einer gewissen Distanz zweier Druckreize zwei Tasteindrücke

entstehen. Allein die Raumschwelle müßte nach dieser Theorie an

derselben Hautstelle beträchtlich schwanken. Denn berührten die

Zirkelspitzen die beiden Empfindungskreise dort, wo sie mit ihrer

Peripherie zusammenstoßen, so müßte eine verschwindend kleine

Schwelle gefunden werden, während sie unvergleichlich zunähme, wenn

sie zwei möglichst entfernte Punkte träfen. Weber änderte darum

später seine Theorie dahin ab, daß er jeden Empfindungskreis aus

einer Anzahl Elementarkreise bestehen läßt und zur Entstehung eines

zweiten gesonderten Eindruckes verlangt, daß zwischen den beiden

Reizstellen eine gewisse Zahl von Elementarkreisen eingeschlossen

werde. So wird er zwar den Tatsachen gerecht, doch kann er sich für

diese Zusatzhypothese nicht auf anatomische Befunde berufen.

Das Problem ist jedoch genau wie das des binokularen Einfachsehens

psychologisch zu lösen (vgl. S. 81 f.). Gleiche Sinnesmeldungen

bedingen nur +ein+ psychisches Ding. Die Tastqualität aus räumlich

benachbarten Tastnerven ist nun nahezu gleich. Solange sie sich darum

nicht mit verschiedenartigen Eindrücken anderer Sinne verbinden

kann (vgl. S. 111 ff.), bietet sie nicht die Grundlage zu einer

Mehrheitsunterscheidung.

Zweitens hat die psychologische Theorie zu erklären, welcher Art

die elementaren Raumeindrücke sind und wie aus diesen Elementen

sich zuletzt der psychische Inhalt des Tastraumes ergibt. Auch hier

streitet der extreme Empirismus mit einem gemäßigten Nativismus. Die

oben ausführlicher dargestellte Theorie +Lotzes+ von den Lokalzeichen

und ihre Abänderung durch +Wundt+ wird mit nur geringen Variationen

auf den Tastraum angewendet. Nach ihnen enthält die elementare

Tastempfindung nichts von Ausdehnung. Aber jede einzelne Tastempfindung

hat je nach der Körperstelle, auf der sie ausgelöst wird, eine

charakteristische Abtönung infolge der Mitempfindungen, die an jedem

Teil des Körpers andere sind -- eine bis zu gewissem Grade zutreffende

Annahme. Die Raumwerte erwachsen diesen Tastempfindungen nur durch

die erfahrungsmäßige Verbindung mit den visuellen Ortsvorstellungen:

bei Reizung einer bestimmten Körperstelle wird eine qualitativ

charakteristische Tastempfindung hervorgerufen, und diese weckt die

visuelle Vorstellung von dem betreffenden Körperteil. Indes auf diesem

Wege könnten Blindgeborene niemals zu einer Tastraumvorstellung

gelangen.

+Wundt+ gesellt darum auch hier den qualitativ eigenartigen

Tastempfindungen die Bewegungsempfindungen oder genauer die

Innervationsgefühle bestimmter Bewegungen zu, die von den

Tastempfindungen angeregt würden. Die „psychische Synthese“ beider

soll dann auch hier eine Raumanschauung erzeugen. Die innere

Unwahrscheinlichkeit dieser Theorie ist natürlich beim Tastraum nicht

geringer als beim Sehraum.

Man wird deshalb auch hier genau wie bei der optischen Raumwahrnehmung

ein nativistisches Grundkapital zugestehen müssen. Die einzelne

Tastempfindung liefert an sich schon eine räumliche flächenhafte

Ausdehnung. Daß sich diese Flächenelemente nebeneinander legen, und

zwar in einer bestimmten und gleichmäßigen Richtung, erklärt sich wie

beim Auge (s. S. 83).

Bisher haben wir nur die Raumanschauung des Blindgeborenen

berücksichtigt. Um die des Sehenden völlig zu verstehen, müssen wir

zuvor von einer Gruppe seelischer Inhalte sprechen, die uns als solche

bisher noch nicht bekannt wurden, wenn wir auch nicht umhin konnten,

sie gelegentlich zu streifen: die Vorstellungen.

Literatur

C. +Spearman+, Fortschritte auf dem Gebiet der räumlichen

Vorstellungen. ArGsPs 8 (1906).

O. +Klemm+, Über die Lokalisation von Schallreizen. 6. CgEPs (1914).

DRITTER ABSCHNITT

Die absoluten Vorstellungen

Ohne jede erkenntnistheoretische Überlegung ist dem Bewußtsein auch

des primitiven Menschen oder des Kindes gegeben, daß zwischen den

äußeren Geschehnissen und unseren Eindrücken ein gewisser Zusammenhang

besteht: zündet man vor meinen Augen ein Streichholz an, so sehe ich

eine Flamme; setzt man ein Musikinstrument in Tätigkeit, so vernehme

ich Töne. Wir stellen aber auch fest, daß das Gegenstandsbewußtsein

bisweilen Inhalte erlebt, für deren Erscheinen sich kein äußerer Reiz

verantwortlich machen läßt. Es können uns auch bei geschlossenen Augen

und im Traum Dinge sichtbar erscheinen, oder wir können Melodien

hören, die allem Anschein nach nicht in der Außenwelt erzeugt werden.

Solche Erlebnisse des Gegenstandsbewußtseins, die nicht unmittelbar

von einem äußeren, oder genauer gesprochen von einem peripheren

Sinnesreiz abhängig sind, bezeichnet man als Vorstellungen. Um jedoch

auszudrücken, daß wir hier von diesen Erlebnissen sprechen, insofern

sie noch nicht von der Seele weiterhin bearbeitet sind, heißen wir

sie die +absoluten Vorstellungen+, ein Ausdruck, der erst später ganz

verständlich gemacht werden kann.

Experimentelle Psychologie · 第 9 / 30 段