der Seele (+Herbart+, +Lotze+), teils aus dem methodischen Gedanken
heraus, mit möglichst wenigen Elementen des Seelenlebens auszukommen
(die englischen Assoziationspsychologen), erkennt der Empirismus der
ursprünglichen Gesichtsempfindung keine Ausdehnung zu. Die Entstehung
der räumlichen Ordnung des Gesichtsbildes suchte Lotze durch die
geistvolle +Theorie der Lokalzeichen+ zu erklären: Wird eine
exzentrisch gelegene Netzhautstelle von einem Lichtreiz getroffen,
so wendet das Auge unwillkürlich die Netzhautmitte der Lichtquelle
zu. Es führt dabei eine ganz bestimmte Muskelbewegung aus, die
immer nur dann vorhanden ist, wenn nach anfänglicher Reizung jener
bestimmten Stelle die Netzhautmitte dem Lichtreiz ausgesetzt werden
soll. Werden andere exzentrische Stellen getroffen, so erfolgen
andere Bewegungen und dementsprechend andere Muskelkontraktionen.
Jede Muskelkontraktion ruft aber in der Seele eine eigenartige
Spannungsempfindung hervor. Somit verbindet sich mit der Reizung
einer jeden Netzhautstelle eine eigenartige Spannungsempfindung:
dem System der Netzhautstellen entspricht ein System von
Spannungsempfindungen. Wie die Bücher einer Bibliothek durch ihre
Etiketten, so sind die qualitativen Erregungen der einzelnen
Netzhautorte durch ihre Spannungsempfindungen gekennzeichnet. Und
genau so wie eine solche Bibliothek in beliebiger Ordnung verpackt
und doch in der früheren Ordnung in einem andern Raume wieder
aufgestellt werden kann, so können auch in der Nervenleitung die
Erregungen einen beliebigen Weg nehmen: die Seele weiß dann doch die
ursprüngliche Ordnung wiederherzustellen. -- +Wundt+ baute diese
Theorie zu der der komplexen Lokalzeichen aus. Die Farbenqualitäten,
die von dem gleichen Reiz auf verschiedenen Orten der Netzhaut erregt
werden, sind nicht gleich; bekanntlich verlieren sich nach der
Peripherie zu sogar einzelne Farbentöne. Für jeden Punkt der Netzhaut
gibt es eine charakteristische lokale Färbung. Mit dieser verbinden
sich die gleichfalls charakteristischen Spannungsempfindungen.
Und die Verschmelzung beider ergibt in der Seele ein völlig neues
Produkt: die Ausdehnung samt der Ordnung. Allerdings soll sich dieser
Vorgang nicht in der Entwicklung des Individuums, sondern in der des
Stammes vollzogen haben.
Allein die von den Empiristen vorgebrachten Gründe sind nicht
überzeugend, und anderseits stehen ihrer Erklärung die größten
Schwierigkeiten im Wege. Die Einfachheit der Seele kann diese
sicher nicht hindern, ein Ausgedehntes abzubilden. Hingegen ist es
unbegreiflich, wie die Summation unräumlicher Empfindungen jemals
die Vorstellung einer Fläche liefern soll. Auch bleibt unfaßbar,
daß die Verschmelzung von Licht- und Spannungsempfindungen das ganz
anders geartete Produkt des Räumlichen ergibt. Der methodische
Vorteil, mit weniger Elementen eine Erscheinung zu erklären, darf
nicht durch die Einführung unbegreiflicher Annahmen erkauft werden.
Weiter, die Lokalzeichentheorie muß eine Empfindlichkeit für kleinste
Augenbewegungen ansetzen, die mit unseren sonstigen Erfahrungen nicht
übereinstimmt. Überdies ist die Feinheit der Lokalisation gerade
bei +der+ Stelle der Netzhaut am größten, die keine Bewegungen zur
Erreichung besserer Sichtbarkeit auszuführen braucht, nämlich beim
gelben Fleck. Aus diesen Gründen neigt darum heute die Mehrzahl der
Psychologen hinsichtlich der Flächenwahrnehmung dem Nativismus zu: Es
ist eine letzte, nicht weiter zu erklärende Tatsache, daß der Reizung
eines Netzhautelementes eine räumliche Lichtempfindung entspricht.
Es ist ferner eine letzte Tatsache, daß die von räumlich getrennten
Netzhautelementen erregten Empfindungen sich nicht über-, sondern
flächenhaft aneinanderlegen, und zwar in der gleichen Reihenfolge und
Richtung, in welcher die von den Lichtwellen getroffenen Nervenzellen
angeordnet sind. Jeder Reizung einer bestimmten Netzhautstelle
entspricht ein bestimmter Ortswert. Eine begünstigende Bedingung, nicht
eine Erklärung dafür, liegt in der Tatsache, daß das Linsensystem des
Auges die einzelnen Lichtstrahlen geordnet auf der Netzhaut verteilt,
und daß die isolierte Nervenleitung die einzelnen Erregungen gesondert
zum Gehirn weiterführt. Ist somit nach nativistischer Auffassung der
Ortswert einer Netzhauterregung von Anfang an mitgegeben, so kann doch
die weitere Entwicklung eine Verfeinerung der Ortsauffassung bewirken.
Beides veranschaulicht sehr hübsch die pathologische Erfahrung bei
Loslösung und Verschiebung der Netzhaut. Weil die Netzhautelemente
ihren bestimmten Ortswert haben, erscheint dem Kranken ein regelmäßig
gezeichnetes Gitter als verzerrt. Nach einiger Zeit soll sich jedoch
wieder das normale Bild einstellen, weil nunmehr die verschobene
Netzhautpartie einen andern Ortswert erlangt hat.
Die soeben dargestellte nativistische Auffassung muß sich heute wohl
einige Abstriche gefallen lassen. Die Annahme, daß die Erregungen des
einzelnen Sehnerven schon einen ausgebreiteten (das Wort „flächenhaft“
legt schon den Begriff des „ebenen“ nahe, der hier verfrüht ist; vgl.
S. 87) Eindruck bedingen, und die Tatsache, daß dank des dioptrischen
Apparates jedes Netzhautelement von einem vorbeiziehenden Objekt
in jener zeitlichen Reihenfolge gereizt wird, die dem objektiven
Sachverhalt entspricht, erklären die fraglichen Erscheinungen.
Ohne Rücksicht auf den weiteren Verlauf der Sehnerven oder deren
Einstrahlung ins Sehzentrum muß sich das Sehding ausgebreitet und
richtig orientiert aufbauen[3]. Das Nebeneinander, die Richtung und die
Reihenfolge der „Flächenelemente“ ist keine letzte Tatsache, sondern
eine notwendige Folge der beiden genannten Faktoren. Darum bedarf es
auch keines angeborenen „Ortswertes“, es genügt ein erworbener.
2. Der blinde Fleck
Die Sehsphäre im Gehirn erleidet mancherlei Unterbrechungen, so
schon durch die unempfindliche Stützsubstanz, die Neuroglia. Auch
die Netzhaut enthält verschiedene unempfindliche Stellen. Trifft
das Bild kleinster Punkte auf sie, so verschwinden die Punkte; sie
tauchen gleichsam unter. Dennoch zeigt das anschauliche Gesichtsfeld
selbst keinerlei Unterbrechungen. Daraus ergibt sich das interessante
Problem, wie solche Lücken von der Seele ergänzt werden. Am meisten
wurde dieses Problem am blinden Fleck untersucht. Blinder Fleck
heißt die unweit von der Netzhautmitte gelegene Eintrittsstelle des
Sehnerven. Zeichnet man etwa 5 cm voneinander entfernt zwei nahezu
in einer Horizontalen liegende Kreuze und fixiert bei geschlossenem
linken Auge das links liegende aus etwa 17 cm Entfernung, so
verschwindet das rechts liegende, um bei geringer Verschiebung des
Auges sofort aufzutauchen. Das rechts angebrachte Kreuz kann auch
durch einen Kreis von 1 cm Durchmesser ersetzt werden. Es ist also
eine beträchtliche Ausdehnung, die so zum Verschwinden gebracht wird.
Was wir nun an dem blinden Fleck sehen, möge der Leser durch eigene
Versuche finden.
3. Die kleinsten unterscheidbaren Raumgrößen in der Fläche
Eine linear angeordnete Reihe von Lichtreizen erzeugt das seelische
Bild einer Lichtlinie. Es fragt sich nun: wie ist die Zuordnung der
einzelnen Netzhautelemente zu den Teilen des gesehenen Bildes? Läßt
man zwei getrennte Lichtreize auf eng benachbarte Netzhautstellen
einwirken, so erscheinen sie als zwei gesonderte Punkte, wenn sie
den Gesichtswinkel von etwa 1′ bilden. Man nimmt an, daß zwischen
den beiden gereizten Elementen wenigstens ein anderes liegen und von
einem merklich verschiedenen Reiz getroffen werden muß, falls so nahe
beieinanderliegende Punkte „aufgelöst“ werden sollen. Doch steigt die
Feinheit des +Auflösungsvermögens+ mit der Stärke der einwirkenden
Reize und mit der Größe des Helligkeitskontrastes zwischen den
leuchtenden Punkten und dem Grund, unter günstigen Bedingungen bis
zu einem Auflösungswinkel von 10″. Für diesen Fall würde allerdings
die obige Annahme der Trennung zweier Eindrücke durch ein dazwischen
liegendes Netzhautelement nicht mehr ausreichen[4]. Die +Sehschärfe+
wird noch größer, wenn es sich darum handelt, die verschiedene
Lage zweier Geraden zu erkennen; nach +Hering+ deshalb, weil bei
verschiedener Lage sofort eine andere Reihe von Netzhautelementen
erregt wird. Die Sehschärfe ist am größten in der Netzhautmitte; bei
20° Entfernung ist sie (nach +Dor+) nur ¹⁄₄₀, in 40° nur ¹⁄₂₀₀ von
dieser.
Unter „+Augenmaß+“ versteht man die Fähigkeit, Richtung und Größe
einer Linie zu beurteilen. Im Zusammenhang mit unserem Grundproblem
interessiert uns vor allem der +Geradheitseindruck+, den eine
objektiv gerade Linie hervorruft. Er ist keineswegs immer vorhanden.
Hält man ein Lineal so vor das Auge, daß man es fixiert und es
gleichzeitig einen rechten Winkel zur Blicklinie bilden läßt, so
erscheint das Lineal gerade. Verschiebt man es jedoch gegen den
Fixationspunkt, so zeigt es eine konkave Krümmung gegen diesen.
Den Ursprung des Geradheitseindruckes wollte +Helmholtz+ aus den
Augenbewegungen erklären: bewegt man das Auge einer geraden Linie
entlang, so verschiebt sich das Netzhautbild in sich selbst, was
bei einer gekrümmten nicht der Fall ist. Bei der Geraden entsteht
so eine Linie, bei der gekrümmten müßte ein breites Band erzeugt
werden. Allein wir erkennen die Gerade auch mit ruhendem Auge, und
bei nicht allzu schneller Bewegung läßt auch die krumme Linie kein
Band entstehen (+Bühler+). Auch hier wird man mit +Hering+ auf eine
ursprüngliche Zuordnung bestimmt gelagerter Netzhautelemente zu dem
Eindruck der Geradheit schließen müssen.
4. Unvollkommenheiten des Einauges
Daß eine einäugig betrachtete, nicht fixierte Gerade als gebogen
erscheint, und daß dementsprechend eine aus hyperbolischen Kurven
hergestellte Schachbrettfigur unter bestimmten Bedingungen wie
eine normale gesehen wird (+Helmholtz+), das sind Widersprüche
zwischen der gegenständlichen Welt und ihrem psychischen Abbild,
Empfindungsinadäquatheiten, wie österreichische Psychologen sich
ausdrücken. Sie werden allerdings durch das zweiäugige Sehen
und durch andere Hilfsmittel zumeist ausgeglichen. Eine andere
Empfindungsinadäquatheit stellt sich heraus, wenn man eine
Horizontale bei einäugiger Betrachtung nach dem Augenmaß teilen will.
Der nach der Körpermitte zu gelegene Teil der Linie wird dann zu
klein gemacht. Er hat also für das Auge einen größeren Wert als der
andere Teil. Da aber sein Bild stets auf die nach auswärts gelegene
Hälfte der Netzhaut fällt, kann man auch sagen: die Breitenwerte
wachsen auf der äußeren Hälfte der Netzhaut rascher als auf der
inneren. Ebenso wird bei Halbierung einer Vertikalen der obere
Abschnitt zu klein genommen. Die Höhenwerte wachsen also auf der
unteren Netzhauthälfte rascher als auf der oberen. In ähnlicher
Weise fanden sich Richtungstäuschungen, so beim Herstellen einer
Vertikalen oder einer Horizontalen allein mit Hilfe +eines+ Auges und
unter Ausschluß äußerer Anhaltspunkte. Wie diese Erscheinungen, so
sind auch einzelne geometrisch-optische Täuschungen unmittelbar auf
Unvollkommenheiten des Auges zurückzuführen. So erscheint ein weißes
Quadrat auf schwarzem Grund größer als ein schwarzes auf weißem
Grund, wie überhaupt helle Flächen gegenüber dunklen überschätzt
werden. Offenbar ergreift da der Reiz durch Irradiation auch die
benachbarten Netzhautelemente, die nicht direkt von dem Lichtstrahl
getroffen werden. Die Vertikale wird gegenüber der Horizontalen
überschätzt. Ein wirkliches Quadrat erscheint den meisten Beurteilern
als zu hoch. Bei dieser Täuschung könnten jedoch auch die verschieden
großen Bewegungsanstrengungen mitspielen, die man bei beiden
Richtungen aufzuwenden hat, weshalb manche Forscher hier von
Assoziationstäuschungen sprechen. Dagegen dürfte es auf die vertikale
Teilungstäuschung hinauskommen, wenn uns die gedruckte 8 und das
gedruckte S als symmetrisch gebaut anspricht, während sich doch
durch einfache Umkehrung die größere Ausdehnung des unteren Teiles
unschwer erkennen läßt. Andere geometrisch-optische Täuschungen als
die genannten setzen höhere geistige Prozesse voraus.
B. Die Erfassung der drei Dimensionen durch das Einauge
1. Das Aufrechtsehen und die horizontale Ordnung
Der Begriff „aufrecht“ besagt eine Beziehung der Lage eines Dinges
zu einem andern. Beziehungen (als solche) zu erfassen, ist aber
nicht Sache der Sinne -- eine Tatsache, die wir später ausführlich
nachzuweisen haben. Wenn wir darum in der Empfindungslehre an die Frage
herantreten, warum wir +aufrecht sehen+, ist es erforderlich, vorab
darüber klar zu werden, welcher anschauliche Tatbestand vorliegt, wenn
wir die Lage irgendeines Dinges als aufrecht bezeichnen. Da ergibt
sich, daß aufrecht soviel bedeutet wie der gewöhnlichen stehenden Lage
unseres Körpers gleichgerichtet. Als unten gelegen charakterisieren wir
dabei jene Teile, die unseren Füßen und dem Boden, auf dem wir stehen,
am nächsten sind, während die entgegengesetzt liegenden sich „oben“
befinden. Senkt sich der Blick, so erscheint die Wurzel eines Baumes
z. B. nahe bei unseren Füßen, die Krone hingegen strebt, wie unser
Haupt, dem Himmelsgewölbe zu. Treten wir dagegen vor einen gefällten
Baum hin, so erstreckt sich der gesehene Baum horizontal. Seine Krone
liegt jetzt vielleicht in der Nähe unserer rechten Hand und sein
Stamm in der Nähe unserer linken. Die Orientierung nach diesen beiden
Richtungen geschieht somit nach der Lage unseres eigenen Körpers.
Da sich nun die von unten und oben, von rechts und links kommenden
Lichtstrahlen im Knotenpunkt des Auges kreuzen und erst nach dieser
Kreuzung die Netzhaut treffen, so hat das Netzhautbild eine andere
Lage als der gesehene Baum: seine unteren Teile bilden sich auf der
oberen, seine rechten Teile auf der linken Hälfte der Netzhaut ab, und
umgekehrt.
Unsere Darlegung hält sich streng an die Bewußtseinstatsachen. Da
nun unser Bewußtsein nichts von der Existenz eines Netzhautbildes
meldet, so gibt es für uns kein „Problem des Aufrechtsehens“. Dieses
entstand erst, als die Wissenschaft das Netzhautbild entdeckte, indes
noch nicht echt psychologisch denken gelernt hatte. Man versuchte die
Lösung des vermeintlichen Problems durch eine +Projektionstheorie+.
Nach ihr verlegt das Auge dem Lichtstrahl rückwärts folgend, das
Objekt dorthin, woher der Strahl kommt. Allein diese Theorie ist
ebenso überflüssig wie unhaltbar. Denn einmal wissen wir nichts
von einer solchen Rückverfolgung der einfallenden Lichtstrahlen.
Sodann gelangten wir auch dabei, wie die Ausführungen des vorigen
Abschnittes zeigen, gar nicht immer an die Orte der Lichtreize, da
die einzelnen Regionen der Netzhaut nicht gleichwertig sind und darum
das „Sehding“ (+Hering+) dem wirklichen Ding nicht völlig entspricht.
Einen andern durchschlagenden Beweis gegen die Projektionstheorie
werden wir später kennen lernen. Ebenso unhaltbar sind die
Vermutungen über eine Wiederumkehrung des Netzhautbildes auf dem Wege
zum Gehirn, und die über eine Korrektur des umgekehrten Bildes durch
den Tastsinn. -- Einen experimentellen Beweis für den empirischen
Ursprung der Lageauffassung erbrachte der Amerikaner +Stratton+.
Er hielt ein Auge verschlossen und versah das andere mit einer
Linsenkombination, die das Netzhautbild umkehrte. Anfangs erblickte
er die Umgebung umgekehrt. Allein schon nach wenigen Tagen verlor
sich dieser Eindruck; die Dinge fingen an, denselben Eindruck des
„aufrecht“ zu machen wie normal. Die Lage des Netzhautbildes ist also
für unser Sehen im Grunde nebensächlich. Nur infolge der Gewöhnung
bilden sich auch für die einzelnen Teile der Netzhaut Lagewerte aus.
Und darum erscheint bei Gebrauch einer das Netzhautbild umkehrenden
Linse die Außenwelt auf dem Kopf stehend. Diese Lagewerte sind
indes nur durch Angewöhnung erworben und können deshalb durch eine
entgegengesetzte Gewöhnung überwunden und durch gegenteilige ersetzt
werden.
2. Das Tiefensehen
Größere Schwierigkeiten als die erörterten bereitet die Erklärung
der +Tiefendimension+. Auch der von Geburt aus Einäugige hat eine
anschauliche Tiefenwahrnehmung. Von einer Tiefen+empfindung+
kann man hier nicht wohl sprechen; denn man wüßte beim Einauge
keine physiologische Erregung zu nennen, der diese Empfindung
entspräche. Es wird darum der empfindungsmäßige Flächeneindruck durch
Vorstellungselemente eine Ergänzung erfahren. Vielleicht kann man sich,
ehe experimentelle Untersuchungen zu Gebote stehen, den anschaulichen
Tiefeneindruck des Einäugigen folgendermaßen entstanden denken. Man
stelle sich einige Schritte vor eine Zimmerwand. Man sieht diese Wand
als eine Fläche in einer bestimmten Entfernung. Neigt man den Kopf
zur Erde, so erblickt man den Boden in der nämlichen Weise als Fläche
wie zuvor die Wand. Will der Einäugige nun einen in der Schnittlinie
dieser beiden Flächen befindlichen Gegenstand erreichen, so muß er
sich zu ihm hinbewegen. Hält er dabei den Kopf gesenkt, so gewinnt
er ein anschauliches Maß seiner Entfernung von der Wand (also der
Tiefendimension) durch die Flächenwerte, die sein zum Boden geneigtes
Auge erfaßt. Allerdings haben wir hier der leichteren Verständlichkeit
zulieb zwei nicht zutreffende Voraussetzungen gemacht: einmal, daß
der Einäugige Wand und Boden in einer bestimmten Entfernung sähe, --
damit besäße er ja schon die Tiefenwahrnehmung; sodann, daß er Wand
und Boden als ebene Flächen erblicke, -- die Anschauung einer ebenen
Fläche ist auch nicht möglich ohne die sinnlich fundierte Erkenntnis,
daß die seitwärts des Blickpunktes liegenden Teile der Ebene weiter
vom Betrachtenden entfernt sind als die unmittelbar fixierten. Beide
Voraussetzungen lassen sich jedoch leicht entbehren. Es genügt, daß die
objektiven Flächen der Wand und des Bodens entfernungslos erscheinen,
wie etwa dichter Nebel, der das Auge umgibt, und ferner, daß sich aus
dieser entfernungslosen, verschiedenfarbigen Fläche die Fixationspunkte
auf Wand und Boden sowie die Schnittlinie der beiden Flächen und der
auf ihr gelegene Gegenstand für das Auge abheben. Sieht nun auch der
Einäugige keine ausgedehnte Fläche vor sich, so erfaßt sein Blick doch
jeweils Flächenelemente, deren Summe eine anschauliche Wahrnehmung
der dritten Dimension ermöglicht. So oder ähnlich mag sich der Prozeß
bei dem einäugigen Kinde vollziehen. Die so anfänglich wahrgenommenen
Tiefendimensionen sind natürlich von sehr geringer Ausdehnung. Es
genügt indes, daß sie überhaupt wahrgenommen wird, um sich dann
gleichzeitig mit der Erfassung der beiden andern Dimensionen zu
entwickeln. Ist einmal der unmittelbare Tiefeneindruck auf diese oder
ähnliche Weise gewonnen, so bilden sich auch leicht die +sekundären
Faktoren der Tiefenwahrnehmung+ aus.
Als deren erster ist auch für das Einauge die +Winkelverschiebung+
(Parallaxe) zu nennen, welche die Sehstrahlen erfahren, wenn sich
das Auge vor den verschieden tief gelegenen Gegenständen bewegt.
Sodann gewöhnen wir uns daran, Dinge, die wir unter einem kleinen
+Gesichtswinkel+ sehen, die also ein kleines Bild auf der Netzhaut
entwerfen, wenn anders uns ihre wahre Größe bekannt ist, für
entfernt zu halten. Weiter wird die Deutlichkeit der Umrisse zum
Kriterium der Nähe, die Verschwommenheit zum Kriterium der Ferne
(+Luftperspektive+). Endlich vermittelt die gegenseitige +Verdeckung
und Beschattung+ der Körper ein Wissen von ihrer relativen Entfernung.
Nach neueren Untersuchungen ist die Tiefenwahrnehmung des Einäugigen
besser als die monokulare des Normalen. Dabei helfen dem Einäugigen
weit weniger die Muskelempfindungen, die durch die Akkomodation
des Auges, d. h. durch die Einstellung auf die Nähe oder die Ferne
bedingt werden, als vielmehr die Kopfbewegungen. -- Dank der
sekundären empirischen Faktoren des Tiefensehens können auch gemalte
Bilder körperlich wirken. Um diesen Eindruck des Plastischen zu
steigern, betrachtet man sie durch eine enge Röhre, wodurch der
störende Rand des Bildes ausgeschaltet wird. Sehr schöne plastische
Eindrücke liefert der +Verant+, eine eigenartig geschliffene Linse,
die, nahe vor das Einauge gebracht, die von einem dahinterliegenden
Bilde ausgehenden Strahlen so bricht, daß sie dasselbe Netzhautbild
erzeugen, wie es auch von dem wirklichen Gegenstand hervorgerufen
würde. Vermittels des Veranten kann man sich davon überzeugen,
daß die Anschaulichkeit der Tiefenwahrnehmung des Einauges nicht
hinter der des Doppelauges zurückzustehen braucht, eine theoretisch
bedeutsame Feststellung.
C. Das Sehen mit beiden Augen
1. Doppeltsehen und Einfachsehen
[Illustration: Fig. 5 a]
[Illustration: Fig. 5 b]
Welche Bewußtseinsinhalte gewinnen wir, wenn wir mit zwei Augen sehen?
Hält man zwei Finger in einer Linie, aber in verschiedener Entfernung
vor beide Augen und fixiert den nächstgelegenen, so erscheint der
entferntere doppelt; richtet man jedoch den Blick auf den entfernteren,
so sieht man den näheren doppelt. Die vereinte Tätigkeit beider Augen
kann somit sowohl einfache wie doppelte Bilder liefern. Es fragt sich
also: Wann sehen wir einfach und wann sehen wir doppelt? Entwirft
man eine schematische Zeichnung von der Lage beider Augen und dem
Gang der Lichtstrahlen in den beiden genannten Fällen, so findet man:
das Bild der fixierten Punkte fällt jedesmal auf den nämlichen Punkt
der Netzhaut, auf die Netzhautmitte. (Fig. 5.) Die Bilder der nicht
fixierten Punkte treffen nicht auf gleichgelagerte Stellen: wird der
entferntere Finger fixiert, so bildet sich der nähere in dem linken
Auge links, in dem rechten Auge rechts von der Netzhautmitte ab;
wird der nähere fixiert, so fällt das Bild des entfernteren in dem
linken Auge rechts und in dem rechten links von der Netzhautmitte.
Richten wir beide Augen statt auf einen einzelnen Punkt auf einen
ausgedehnten Gegenstand, so sehen wir den ganzen Gegenstand einfach.
Das schematische Bild des Strahlenganges läßt erkennen, daß z. B. die
von dem rechten Ende eines Pfeiles ausgehenden Lichtstrahlen auf jeder
Netzhaut Punkte treffen, die in gleicher Richtung und in (ungefähr)
gleichem Abstand von der Netzhautmitte gelegen sind; es sind das
gleichgelagerte oder korrespondierende Punkte, auch identische oder
Deckpunkte genannt. Da ihre Erregung durch gleichfarbige Lichtstrahlen
dem Bewußtsein die nämliche Empfindungsqualität vermittelt, so kann
nur +ein+ Sehding bewußt sein[5]. Anders ist es bei der Reizung
von nichtkorrespondierenden Stellen der Retina. Bei gleicher
Empfindungsqualität haben sie doch einen verschiedenen Ortswert zu
melden und erzeugen darum ein doppeltes Bild. -- Würde man rein
mathematisch die Gesamtheit der Schnittpunkte jener Linien aufsuchen,
die von korrespondierenden Netzhautpunkten ausgehen und je durch
die Knotenpunkte der beiden Augen geführt sind, so erhielte man die
Gesamtheit all jener Punkte, die bei einer bestimmten Augenstellung
einfach gesehen werden; es wäre dies der mathematische +Horopter+.
Allein wir haben oben schon gefunden, daß die beiden Netzhauthälften
nicht ganz gleichwertig sind. Da nun jeweils die innere Netzhauthälfte
des einen Auges zu der äußeren des andern Auges in Beziehung gebracht
werden muß, so werden weder die Deckpunkte exakt die gleiche Lage zur
Netzhautmitte haben, noch wird der mathematische mit dem empirischen
Horopter ganz übereinstimmen. Überhaupt ist festzuhalten, daß die
Deckpunkte einen gewissen Spielraum zulassen, innerhalb dessen noch
einfach gesehen wird.
Da wir immer nur einen Teil des Sehfeldes fixieren können, so müßten
wir nach dem Gesagten immer Doppelbilder haben, von den Dingen,
die vor dem Fixierpunkt, und von denen, die hinter ihm liegen. Und
doch bemerken wir für gewöhnlich nichts von ihnen. Woher dies? Wer
das anfangs erwähnte Experiment anstellt, wird finden, daß es eine
gewisse Mühe macht, einen Punkt zu fixieren und einen andern daneben
zu beachten. In demselben Maße, wie es gelingt, die nicht fixierten
Punkte zu beachten, nimmt die Klarheit des Doppelbildes zu. Da wir
nun im praktischen Leben immer nur den fixierten Gegenständen die
größere Aufmerksamkeit zu widmen pflegen, so entwickeln sich die
Doppelbilder nicht zu merklicher Klarheit. Dazu kommt, daß wir unsere
Fixation fortwährend wandern lassen und daß die von beiden Netzhäuten
herrührenden Bilder häufig nicht gleich stark sind, weshalb das
schwächere von dem stärkeren verdrängt wird.
Werden die korrespondierenden Punkte von gleichartigen Reizen
getroffen, so steht im Bewußtsein nur +ein+ Bild. Man kann darum
den Versuch machen, zwei Deckpunkte durch +verschiedenartige+ Reize
zu erregen. Es erfolgt dann eine Mischung und Vereinigung beider
Eindrücke, wo diese leicht möglich ist. So verbindet sich eine
Druckschrift bequem mit einem weißen oder farbigen Hintergrund. Auch
nichtkomplementäre Farben lassen häufig die entsprechende Mischfarbe
erkennen. Komplementäre ergänzen sich unter gewissen Bedingungen
zu grau. Aber namentlich bei ihnen zeigt sich gern der sogenannte
Wettstreit der Sehfelder: es erscheint nicht die Mischung beider,
sondern abwechselnd bald die eine und bald die andere Farbe allein.
Eine geringe Verschiebung des gegenseitigen Stärkeverhältnisses oder
auch die Bevorzugung des einen Reizes durch die Aufmerksamkeit läßt
diesen alsbald über den Konkurrenten obsiegen.
2. Die Sehrichtung des Doppelauges