Wie groß muß der zu einem schon wahrgenommenen Reiz hinzutretende
Reizzuwachs sein, damit ein Unterschied in der Empfindung
erkennbar werde? Es wäre da zu untersuchen, ob jeder Unterschied
der Reize bemerkt wird, ob stets der gleiche Reizzuwachs einen
Empfindungsunterschied herbeiführt, wie sich die einzelnen Sinne in
dieser Hinsicht verhalten usw. Drittens sind die +äquivalenten Reize+
zu bestimmen. Die zu beantwortende Frage lautet hier: Welche Reize
lösen die gleiche Empfindung aus? Erscheint z. B. der Abstand zweier
Zirkelspitzen gleich groß, wenn der Tastzirkel an verschiedenen Stellen
aufgesetzt wird? Weiter sind die +äquivalenten Reizunterschiede+ zu
finden: gegeben sind zwei Paare veränderlicher Reize und man soll
erkunden, unter welchen Bedingungen die von je zwei Reizen gebildeten
Empfindungsunterschiede einander gleich erscheinen. Endlich die
Ermittlung gleichwertig erscheinender +Reizverhältnisse+: zu drei
gegebenen Reizen A, B, a muß der vierte b gefunden werden, so daß
A : B = a : b (+Bühler+).
Die +Methoden+ zur Lösung der vier Hauptaufgaben teilt man nach
+Ebbinghaus+ ein in die Methoden der +Reizfindung+ und der
+Urteilsfindung+, d. h. entweder ist die Empfindungsgröße schon
bestimmt und es bleibt der Reiz zu suchen, der sie herbeiführt, z. B.
gesucht ist der Reiz, der eine ebenmerkliche, übermerkliche, einer
andern gleiche Empfindung bewirkt -- oder die Reize sind gegeben und
das Urteil über sie wird erfragt, z. B. gegeben sind drei Gewichte
a, b, c, und es ist zu beurteilen, ob der Schwereunterschied bei
den Reizen a−b dem bei den Reizen b−c gleich sei oder nicht. Die
allgemeine Methode der Reizfindung teilt sich in die zwei besonderen:
+die Methode der Herstellung und die Grenzmethode+. Bei der ersteren
hat der Beobachter den gewünschten Reiz selbst herzustellen. Er
verschiebt z. B. auf einer Geraden eine Trennungsmarke, bis sie im
Mittelpunkte zu stehen scheint. Bei der Grenzmethode hingegen bietet
der Versuchsleiter (Vl) den zu vergleichenden bzw. zu beurteilenden
Reiz dar, indem er sich allmählich jener Grenze nähert, bei welcher
das festgesetzte Urteil abgegeben wird. Es wird also z. B. gefragt,
bei welcher Spitzendistanz des Tastzirkels +zwei+ Punkte wahrgenommen
werden. (Vgl. S. 96.) Der Vl berührt dann die Haut der Vp bei so engem
Abstand der Spitzen, daß gewiß nur ein einziger Punkt wahrgenommen
werden kann. Allmählich vergrößert er dann den Abstand, bis die Vp den
Eindruck von zwei Berührungen hat. Den so gefundenen Abstand bezeichnet
man als die untere Raumschwelle. Darauf wird der Tastzirkel von neuem
aufgesetzt, und zwar diesmal mit einer Entfernung der Spitzen, die
beträchtlich größer ist als die untere Raumschwelle, so daß die Vp
notwendig den Zweiheitseindruck gewinnt. Nunmehr wird die Zirkelweite
in gleichmäßigen Schritten immer mehr vermindert, bis die Vp wieder
das Urteil abgibt: einfache Berührung. Der Abstand, bei welchem dies
geschieht, gilt dann als obere Raumschwelle, und das arithmetische
Mittel aus unterer und oberer Schwelle wird als die Raumschwelle
schlechthin angesehen. -- Die Methode der Urteilsfindung ist nur in
der sog. +Konstanzmethode+ vertreten. Der Vl bereitet eine größere
Anzahl von Reizen vor und wendet sie in planvollem Wechsel an. Er legt
sich etwa zehn Zirkelabstände zurecht und setzt in buntem Wechsel bald
einen kleinen, bald einen großen Abstand auf und läßt die Vp jedesmal
beurteilen, ob eine oder zwei Spitzen empfunden wurden. Dabei kommt
jeder Abstand wiederholt vor.
Die Konstanzmethode ist die verlässigste, weil sie die Vp über den
Sachverhalt völlig in Unwissenheit hält. Dagegen ist die Berechnung
der verschiedenen Empfindungsgrößen bei ihr nicht sehr einfach. Auch
verlangt sie eine sehr große Zahl von Einzelversuchen. Bei gewissen
Versuchsanordnungen muß jeder Reiz etwa vierzigmal verwendet werden,
somit sind bei zehn Reizstufen schon 400 Einzelversuche notwendig. Die
beiden andern Methoden hingegen führen mit ungleich weniger Versuchen
zum Ziel und erlauben die Berechnung der Empfindungsgrößen durch
einfache Mittelziehung (arithmetisches Mittel oder Zentralwert). Dafür
aber sind beide kein unwissentliches Verfahren. Die Herstellungsmethode
ist naturnotwendig ganz wissentlich, und bei der Grenzmethode merkt
die Vp sehr bald, ob die angewandten Reize steigen oder fallen. Zur
sicheren Verwendung der psychophysischen Methoden sind nun noch eine
Anzahl von Vorsichtsmaßregeln notwendig. Aus der räumlichen und
zeitlichen Folge der Reize, sowie aus dem Verhalten der Vp entspringen
Fehlerquellen, die unschädlich gemacht werden müssen. Dafür, so wie
für die genauere mathematische Behandlung der Ergebnisse sei auf die
einschlägige Fachliteratur verwiesen.
Literatur
G. Th. +Fechner+, Elemente der Psychophysik, 2 Bde., 1860.
G. E. +Müller+, Die Gesichtspunkte und Tatsachen der psychophysischen
Methodik, 1903.
2. Das Webersche und das Fechnersche Gesetz
Nachdem die oben schon angeführte Entdeckung E. H. Webers von Fechner
aufgegriffen wurde, der sie auch mit dem Namen +Webersches Gesetz+
versah, wurde ihre Gültigkeit auf allen Sinnesgebieten geprüft.
Abgesehen von sehr starken und sehr schwachen Reizen, hat man nun das
Webersche Gesetz auf allen Sinnesgebieten mit Ausnahme von Geschmack
und Geruch annähernd bestätigt gefunden. Und zwar gilt es im großen und
ganzen nicht allein für ebenmerkliche, sondern auch für übermerkliche
Empfindungsunterschiede. Diese Gesetzmäßigkeit kommt uns zu statten,
wenn die Beleuchtung der Gegenstände schwankt. Obwohl in solchen Fällen
die Helligkeit der einzelnen Teile eine ganz andere wird, bleibt der
Gegenstand für uns doch gleich gut erkennbar, da es für uns in erster
Linie auf die Verhältnisse der Helligkeiten ankommt.
Für das Webersche Gesetz wurde eine +dreifache Erklärung+ versucht.
Eine psychophysische von +Fechner+: das Gesetz beruht auf dem
Übergang vom Physischen zum Psychischen. Eine psychologische von
+Wundt+: die Empfindungen entsprechen immer genau den Reizen,
aber bei der vergleichenden Beurteilung der Empfindungen tritt
die Größenverschiebung ein. Die Fechnersche Theorie muß als
unbegründet fallen. Die Wundtsche erklärt nicht, warum die
Unterschiedsempfindlichkeit auf verschiedenen Sinnesgebieten
verschieden groß ist. Es dürfte also nur die physiologische Deutung
übrig bleiben, nach der die stärker beanspruchten Nerven einen höheren
Reizzuwachs verlangen, um aufs neue zu reagieren, ähnlich wie eine
stärker belastete Wage auch ein größeres Übergewicht braucht, um
auszuschlagen. Für diese Auffassung sprechen auch mancherlei Analogien
aus Physiologie und Chemie.
[Illustration: Fig. 4. Graphische Darstellung des _Fechner_schen
Gesetzes.
Nach _Titchner_, Lehrbuch d. Psychologie Fig. 27, S. 219, Leipzig, _J.
A. Barth_.]
Ausgehend von dem Weberschen Gesetz und unter der Voraussetzung, daß
die ebenmerklichen Empfindungszuwüchse, in denen eine Empfindung
vom Nullpunkt bis zu einem beliebigen Intensitätsgrade ansteigt,
einander gleich seien, hat Fechner eine „+Maßformel+“ abgeleitet,
die in ihrer einfachsten Form lautet: s = log r; in Worten: wenn die
Empfindungen arithmetisch zunehmen, so steigen die zugehörigen Reize
in einer logarithmischen Kurve an. (+Fechnersches Gesetz.+) (Fig.
4.) Mit dieser Formel wäre die prinzipielle Möglichkeit geboten, die
Empfindung zu messen. Man hat nun sowohl die Gültigkeit der erwähnten
Fechnerschen Voraussetzung wie auch die Größennatur und die Meßbarkeit
der Empfindungsintensität angezweifelt. Allein die Gleichheit der
ebenmerklichen Empfindungszuwüchse ist zum wenigsten eine sehr
naheliegende Annahme, und die Empfindungsintensitäten erscheinen
dem Unvoreingenommenen als wahre Größen, zwar nicht extensiver, aber
doch intensiver Natur. Der Schall des Donners erscheint uns wirklich
stärker als der eines umfallenden Ofenschirmes. Ebenso können wir mit
Sicherheit zwei Druckempfindungen als gleich oder ungleich beurteilen.
Übrigens hat das Fechnersche Gesetz in der weiteren Entwicklung der
Psychologie keine größere Bedeutung erlangt. Sein Wert liegt in dem
energischen Versuch, Maß und Zahl in die Psychologie einzuführen, ein
Ziel, das die Psychologie seither nicht aus dem Auge verloren hat und
auch grundsätzlich festhalten muß, will sie eine wahrhaft empirische
Wissenschaft bleiben.
Außer der Empfindungsintensität hat man keine andere psychische Größe
mehr mit Erfolg zu messen versucht. Die Messung der Willenskraft
durch +Ach+ muß als verfehlt gelten. (S. unten.). Dagegen liefert
die Häufigkeit, die Dauer und die Güte eines seelischen Vorganges
bzw. der von ihm vollbrachten Leistung Zahlenwerte, die sehr großen
Aufschluß versprechen. Die Behandlungsweise solcher Zahlenwerte kann
hier nicht dargestellt werden. Nur auf die Korrelationsrechnung
sei noch kurz verwiesen. Auch wo sich geistige Leistungen nicht
unmittelbar messen lassen, bleibt es doch zumeist möglich, sie nach
ihrer Güte in Rangstufen anzuordnen, oder festzustellen, wie oft
sich gewisse Merkmale mit anderen verbinden. Die Mathematik hat nun
Formeln erarbeitet, mit denen der Grad der Beziehung berechnet werden
kann, in der zwei Rangordnungen oder mehrere Merkmale zueinander
stehen.
Literatur
R. +Pauli+, Über psychische Gesetzmäßigkeit. 1920.
W. +Betz+, Über Korrelation. 3. Beiheft zur ZAngPs. (1911).
ZWEITER ABSCHNITT
Empfindungskomplexe
Faßt man die Empfindungen als die elementaren Bausteine des
anschaulichen Erkennens auf, so läßt sich die Frage aufwerfen,
wie sich die Verbindung solcher Elemente gestalten werde: Wird
sie eine reine Addition von Empfindungen sein, oder werden
bei dem Zusammensein von Empfindungen neue Gesetzmäßigkeiten
auftreten? Bei der Untersuchung dieser Frage könnte man wie bei
der Empfindungslehre immer streng von dem psychisch Gegebenen
ausgehen, Empfindungskomplexe aufsuchen und sie erforschen. Statt
dieses analytischen Weges, der mancherlei Schwierigkeiten bietet,
steht uns aber auch der bequemere synthetische offen. Wir kennen
schon die Beziehungen zwischen Reiz und Empfindung und dürften auch
durch die vorausgegangenen Betrachtungen gegen den „stimulus-error“
(+Titchener+), d. h. gegen die Verwechslung von physikalischem Reiz
und psychischem Erlebnis geschützt sein. Man könnte also systematisch
durch gleichzeitige Verwendung mehrerer Reize Empfindungskomplexe
hervorzurufen bedacht sein. Dabei müßten zwei oder mehr Reize
zunächst auf dasselbe Sinnesorgan und dann auf verschiedene Organe
einwirken. In manchen Fällen, wo mehrere adäquate Reize nicht allein
dasselbe Organ, sondern auch dieselben Nervenfasern erregen, wird
wie bei dem Auge nur eine einzige Empfindung entstehen. Diese Fälle
gehören nicht hierher und wurden auch schon bei der Empfindungslehre
besprochen; alle anderen Fälle sind jedoch hier zu berücksichtigen.
Allerdings liegt eine systematische Durchforschung des Gesamtgebietes
noch nicht vor. Das wenige über die Verbindung der niederen
Sinnesempfindungen, wie der Gerüche und Geschmäcke, wurde schon oben
gelegentlich gestreift. Beide Empfindungsarten gehen miteinander
auf jeden Fall eine sehr innige Verbindung ein, die der Unkundige
nicht leicht zu analysieren vermag. Immerhin scheint es hier bei
einer einfachen Addition der Empfindungen zu bleiben. Doch stehen
genauere Untersuchungen noch aus. Bei den andern Sinnen hingegen
werden durch das gleichzeitige Vorhandensein mehrerer Sinnesreize
seelische Gebilde bedingt, die schon immer die Aufmerksamkeit der
Psychologen erregten und darum eingehender erforscht sind. Von diesen
Empfindungskomplexen sind die aus Tönen bestehenden verhältnismäßig
die einfachsten: fehlt doch bei ihnen das räumliche Moment. Mit ihnen
soll darum bei der Besprechung der Empfindungskomplexe begonnen
werden.
1. Kap. Die gleichzeitigen Tonverbindungen
1. Die Tatsache der Tonverschmelzung
Läßt man gleichzeitig zwei oder mehrere Töne erklingen, so verschmelzen
gewisse Töne oder Tongruppen so innig miteinander, daß ein neues
einheitliches Tongebilde aus ihnen entstanden zu sein scheint, ähnlich
wie aus der Vereinigung mehrerer Farbenreize eine neue Empfindung,
die Mischfarbe, entsteht. Diese neue Empfindung scheint eine eigene
Qualität, Intensität, ja sogar eine eigene Tonhöhe zu haben. Indes
sind doch nur musikalisch weniger begabte Psychologen, wie +Fechner+,
für den Empfindungscharakter solcher Tonverbindungen eingetreten. Für
Musiker und musikalisch hochbefähigte Forscher, wie +Helmholtz+ und
+Stumpf+, steht es außer Frage, daß auch in diesen Verschmelzungen eine
Mehrheit von Empfindungen vorliegt. Anders als bei der einheitlichen
Mischfarbe lassen sich hier die Teilempfindungen herausanalysieren, und
zwar nicht nur infolge der Bekanntschaft mit den Tonverbindungen; denn
ein geübter Musiker vermag auch aus den fremdartigen Klängen eines ihm
unbekannten Instrumentes die Teiltöne herauszuhören.
Allein trotz der inhaltlichen Mehrheit läßt sich eine gewisse Einheit
und Bindung des Tonkomplexes nicht bestreiten, auch dann, wenn er
sich nicht aus den am stärksten verschmelzenden Tönen zusammensetzt.
Solange ein solcher Tonkomplex nicht analysiert wird, legt man ihm als
Ganzem unwillkürlich bestimmte Eigenschaften bei. Schärferes Zusehen
führt jedoch zu mehrfachen Berichtigungen. Nach den besten Beurteilern
kommt der Tonverbindung keine eigene Intensität zu; auf jeden Fall
ist der Mehrklang nicht stärker als der Teilton, wohl aber voller und
reicher. Die Höhe, die das Tonganze zu haben scheint, richtet sich
nach dem tiefsten Teiltone. Erklingen Grundton und Oktav zusammen und
bleibt dann der Oktavton aus, so hat man nicht den Eindruck, als ob
sich die Höhe des Zweiklanges verändert habe; umgekehrt erlebt man aber
einen überraschenden Aufstieg, wenn der Grundton wegfällt. Folgen zwei
Akkorde aufeinander, so wird der Höhenschritt der Akkorde nach dem
Schritt jener Stimme beurteilt, die am meisten steigt. Diese Tatsachen,
sowie der Umstand, daß man gewisse Eigenschaften hoher Obertöne,
wie das Schrille, Dissonante u. ä. auf den ganzen Klang überträgt,
beweisen, daß wir es hier nicht mit Eigenschaften zu tun haben, die
dem Empfindungskomplex als solchem zukommen, sondern daß Auffassungs-
und Beurteilungsphänomene vorliegen, deren Verständnis erst später
erschlossen werden kann.
2. Gesetze der Tonverschmelzung
Nicht alle Tonpaare verschmelzen gleich innig, d. h. nicht alle
nähern sich gleichviel dem Einklang. Unter +Verschmelzung+ verstehen
wir nämlich mit +Stumpf+ die +Annäherung an den Einklang+.
Gewisse Tonpaare unterscheidet auch ein musikalisch normales
Ohr nicht ohne weiteres vom Einklang, während andere auch von
Unmusikalischen sofort als Zweiklang gehört werden. Die genauere
Untersuchung ergibt folgende Gesetze der Tonverschmelzung. Sie hängt
zunächst von der +Höhe+ der beiden Töne ab. Nach der Innigkeit
der Verschmelzung scheinen fünf Stufen zu bestehen: Oktav, Quint,
Quart, Terzen und Sexten, endlich alle übrigen Intervalle, die
untereinander keinen Unterschied des Verschmelzungsgrades aufweisen.
Die Verschmelzungserscheinung ist sodann +in allen Tonlagen+ zu
beobachten, extrem hohe und tiefe Lagen vielleicht ausgenommen.
Drittens gilt das +Erweiterungsgesetz+: ein Intervall läßt sich um
eine Oktav erweitern, ohne seinen Verschmelzungsgrad einzubüßen.
Die Non hat darum die gleiche Verschmelzung wie die Sekund, C und
c wie C und c¹. Viertens ist der Verschmelzungsgrad +unabhängig
von der Stärke wie von der Zahl der Teiltöne+. Die Einheitlichkeit
eines Zweiklanges vermindert sich also nicht, wenn beide Töne oder
einer von ihnen stärker bzw. schwächer wird; sie leidet auch nicht
darunter, daß ein dritter Ton hinzutritt.
+Konsonanz und Dissonanz.+ Unter Konsonanz versteht der
Sprachgebrauch sowohl die innige Verbindung zweier Töne, wie auch
die Annehmlichkeit, die einer solchen Verbindung eigen ist. Sieht
man von letzterem als einem Gefühlsmoment ab, es wechselt nämlich je
nach dem Beurteiler, so kann man die Konsonanz der Verschmelzung in
unserem Sinne gleichsetzen. Die Stufenfolge in der Vollkommenheit
der Konsonanz, welche die Musikwissenschaft aufgestellt hat, stimmt
nämlich mit der Reihenfolge der Verschmelzungsgrade überein. Nach der
Musiktheorie sind Oktav, Quint und Quart vollkommene Konsonanzen,
Terzen und Sexten unvollkommene, alle andern Dissonanzen. Ein
prinzipieller Gegensatz zwischen Konsonanzen und Dissonanzen ließ
sich jedoch experimentell nicht nachweisen. Somit darf die Dissonanz
als mangelnde Einheitlichkeit zweier oder mehrerer Töne gelten.
Empfindungsmäßig erscheint die Konsonanz als das Klare, Einfache,
während die Dissonanz als rauh, unklar, zwiespältig anspricht.
3. Die Erklärung der Konsonanz
Eine kurze Besprechung der verschiedenen Erklärungsversuche wird uns
zugleich noch einzelne Faktoren kennen lehren, die den Gesamteindruck
mitbestimmen. Der älteste Erklärungsversuch beachtete besonders
die +einfachen Verhältnisse+, die zwischen den Schwingungszahlen
konsonanter Töne herrschen; einfache übersichtliche Verhältnisse
seien uns angenehm (+Leibniz+). Allein die Konsonanz empfindet
auch derjenige, der von den mathematischen Verhältnissen der
Schwingungszahlen keine Ahnung hat. Ebensowenig wie von den
Schwingungszahlen entdecken wir etwas von der +Rhythmik der
harmonischen Töne+ (+Lipps+). Verständlicher ist die Erklärung,
welche die harmonischen Intervalle unmittelbar ein +Lust-+, die
unharmonischen unmittelbar ein +Unlustgefühl+ hervorrufen läßt. In
der Tat begleitet jene in der Regel ein unmittelbares Lust-, diese
ein unmittelbares Unlustgefühl. Doch ist dieser Zusammenhang ein
unauflöslicher. Im Altertum soll die Oktav, im Mittelalter die Quint
als angenehmstes Intervall gegolten haben, während heute die Terz
bevorzugt wird. Und wie die Lust, so kann auch die Unlust wandern:
Freunde moderner Musik können an dissonanten Intervallen Gefallen
finden. +Helmholtz+ hatte auf die große Bedeutung der +Obertöne+ für
die Klänge hingewiesen. Ein gewisser Reichtum an Obertönen scheint in
Wirklichkeit den Gesamteindruck der Konsonanz zu verstärken. Zwischen
Obertönen und Grundtönen entstehen ferner, wie oben gezeigt wurde,
Differenztöne, die ihrerseits Schwebungen verursachen können. Diese
verleihen dem Gesamteindruck etwas Rauhes. Darum erblickte Helmholtz
das Wesen der Dissonanz in den Schwebungen, das der Konsonanz in
der Freiheit von solchen. Allein abgesehen von der Mißlichkeit, daß
der positive Eindruck der Annehmlichkeit, wie ihn etwa die Terz
gewährt, durch etwas rein Negatives verständlich gemacht werden soll,
verträgt sich diese bedeutsame Theorie nicht mit den Tatsachen. Denn
Stumpf gelang der Nachweis, daß es schwebungsfreie Dissonanzen und
von Schwebungen begleitete Konsonanzen gibt. Helmholtz versuchte
noch eine zweite Erklärung durch die +Klangverwandtschaft+. Zwei
Töne sind um so ähnlicher, je mehr gemeinsame Obertöne sie haben.
Nun sind gerade die konsonantesten Töne auch die im genannten
Sinne ähnlichsten. Konsonanz ist darum als Ähnlichkeit der Töne zu
verstehen. Indes, auch obertonfreie Töne verschmelzen. Auf eine andere
Art der Klangverwandtschaft machte +Wundt+ aufmerksam und suchte
sie zur Theorie der Konsonanz zu verwerten: zwei Töne sind indirekt
miteinander verwandt, wenn sie Obertöne desselben Grundtones sind.
Tatsächlich wird auch bei einem Zweiklang der Grundton als Differenzton
mitempfunden. Auch diese Theorie weist zwar neue Elemente auf, die
bei dem Gesamteindruck mitspielen, läßt jedoch das Grundphänomen
unerklärt. Der gemeinsame Grundton fügt zu den beiden andern nur einen
dritten hinzu, besagt aber noch nicht eine Konsonanz der Primärtöne.
Nach Ablehnung all dieser scharfsinnigen und für die Erkenntnis der
Konsonanzerscheinungen wertvollen Erklärungsversuche kommt schließlich
+Stumpf+ dazu, in der +Verschmelzung eine letzte psychologische
Tatsache+ zu erblicken, die also psychologisch nicht weiter gedeutet
werden kann und höchstens eine weitere physiologische Erklärung zuläßt.
Vermutlich entsprechen den stärker verschmelzenden Tönen einheitlichere
physiologische Vorgänge, die darum auch einen einheitlicheren
psychischen Vorgang bedingen.
Literatur
C. +Stumpf+, Tonpsychologie. 2 Bde. 1883/1890.
2. Kap. Die optischen Raumeindrücke
Eine Mehrheit optischer Reize, die gleichzeitig auf das Auge einwirken,
bedingen durch ihre Vielheit einen ganz anderen Eindruck als eine
Mehrheit akustischer Reize. Mögen noch so viele und vielartige
Luftwellen unser Ohr treffen, es entsteht niemals ein räumlich
ausgedehnter Klang; der Klang gewinnt niemals etwas Flächenhaftes. Das
Auge hingegen empfängt den unmittelbaren Eindruck einer sich in die
Breite und Tiefe erstreckenden Ausdehnung; wenigstens ist dies so bei
dem normalen Erwachsenen, von dem unsere Betrachtung stets ausgeht.
Es wird sich empfehlen, zunächst den optischen Eindruck der Fläche zu
studieren.
A. Der optische Eindruck der Fläche
1. Das Flächenelement. Nativismus und Empirismus
Als erstes Problem drängt sich die Frage auf: Woher stammt das
Räumliche beim Zusammentritt mehrerer Gesichtsempfindungen, oder
genauer: bei der Reizung benachbarter Netzhautelemente? Bewirkt schon
die Reizung einer einzigen Optikusfaser einen flächenhaften Eindruck?
Ein solcher Versuch müßte wohl an einem Blindgeborenen angestellt
werden, um etwaige Einflüsse der Entwicklung auszuschließen; allein mit
unseren gegenwärtigen Mitteln ist er nicht ausführbar. Wir gehen darum
besser von der uns bekannten Gesichtsempfindung selbst aus, die wir uns
zunächst mit einem Raumwert ausgezeichnet vorstellen. Versuchen wir nun
das Flächenhafte eines Rot auf Null zu reduzieren, so leuchtet ein, daß
damit die Empfindung selbst verschwinden muß. Die Ausdehnung scheint
somit eine der Gesichtsempfindung ursprünglich zukommende Eigenschaft
zu sein.
Damit, daß das Empfindungselement von Haus aus flächenhaft ausgedehnt
ist, ist noch nicht verständlich gemacht, warum die Reizung mehrerer
nebeneinander liegender Netzhautelemente eine Summation der
Flächeneindrücke ergibt, mit andern Worten, weshalb wir in diesem
Falle eine ausgedehntere Fläche wahrnehmen. Noch viel weniger ist
damit erklärt, wieso die räumliche Ordnung der Gesichtseindrücke der
räumlichen Anordnung der gereizten Netzhautelemente entspricht.
Namentlich um diese beiden letzten Fragen dreht sich auch heute noch
der Streit zwischen Empirismus und Nativismus.