+Organ dieser Empfindungen+ nennen. Erwähnenswert ist vorerst
nur die vielumstrittene Frage, ob die inneren Organe überhaupt
empfindungsbegabt seien. Manche chirurgische Erfahrungen sprachen
dafür, daß z. B. die Organe des Verdauungssystems völlig unempfindlich
seien. Die großen Schmerzen bei Darmerkrankungen schienen nur von der
umgebenden höchst empfindlichen Bauchwand herzurühren. Es dürften
jedoch die inneren Organe nur gegen eine bestimmte Art von äußeren
Reizen unempfindlich sein, während sie auf die ihnen entsprechenden
inneren Reize im normalen Zustande mit mäßigen Empfindungen, in
entzündetem Zustande mit heftigen Schmerzen reagieren.
Literatur
E. +Becher+, Über die Sensibilität der inneren Organe, ZPs. 49
(1908), 341 ff.
G. Die statischen Empfindungen
War es bei den Organempfindungen wenigstens möglich, auf gewisse
Empfindungskomplexe hinzuweisen, so müssen wir hier, um einen
Anknüpfungspunkt zu gewinnen, Bewußtseinstatsachen heranziehen, die
weit das Gebiet der Empfindungen überschreiten. Wir sind imstande,
mit ziemlich großer Genauigkeit auch bei verschlossenen Augen die
+Lage+ zu beurteilen, +die unser Gesamtkörper im Raume einnimmt+.
Dieses Urteil gründet sich nicht auf die Druckempfindungen allein,
die der Körper je nach der Richtung der Schwerkraft erleidet. Denn
einmal kann man die Druckempfindungen möglichst ausschalten, und zum
andern zeigt sich, daß bei gewissen Erkrankungen trotz der vorhandenen
Druckempfindungen völlige Nichtorientierung herrscht. Zweitens wissen
wir auch bei geschlossenen Augen Bescheid über +Bewegungen+, die
+der Körper als Ganzes+ ohne Bewegung seiner Glieder macht, mag sie
nun eine geradlinige oder eine Drehbewegung sein. Allerdings muß die
bedeutsame Einschränkung hinzugefügt werden, daß wir immer nur die
+Beschleunigung+ der Geschwindigkeit und mit dieser auch die +Richtung+
der Bewegung wahrnehmen, während wir bei gleichmäßiger Bewegung
ohne derartige Wahrnehmungen bleiben und bei Verlangsamung leicht
der Täuschung einer scheinbar entgegengesetzten Bewegung verfallen.
Wendet man aber bei gleichförmiger Bewegung den Kopf oder den ganzen
Körper, so erkennt man augenblicklich die tatsächlich vorhandene
Bewegungsrichtung wieder. All diese Wahrnehmungen von der Lage des
Körpers können nun gewiß nicht der Inhalt irgendwelcher Empfindung
sein, sondern schließen, wie später darzutun ist, sogar Denkprozesse
ein; allein es muß sich mit der Lage oder der Beschleunigung des
Körpers +wenigstens ein eindeutiger Empfindungskomplex+ verbinden,
auf den sich unser Urteil stützt. Es stellt sich nämlich heraus, daß
auch die Tiere sinnliche Anhaltspunkte für die Körperlage besitzen,
und anderseits geht der Verlust des Lagebewußtseins parallel mit dem
Verlust gewisser nervöser Organe.
Dieser +nervöse Apparat+ befindet sich neben der Gehörschnecke. Er
besteht aus drei halbkreisförmigen Kanälen, den Bogengängen, die in
drei Ebenen nahezu senkrecht aufeinanderstehen. Diese Kanälchen sind
mit Flüssigkeit gefüllt und erweitern sich an ihren Enden zu den sog.
Ampullen, von deren Innenwand feine Härchen in die Flüssigkeit der
Bogengänge hineinragen. Unmittelbar neben den Bogengängen liegen die
beiden Säckchen, das elliptische und das runde, die gleichfalls mit
Endolymphe gefüllt sind und in denen feine Kalkplättchen, die sog.
Otolithen, auf zarten Härchen ruhen. In diese drei miteinander nicht
kommunizierende Räume, in die Bogengänge und die beiden Säckchen,
mündet der nervus vestibularis. Schneidet man nun diese Organe bei
Tieren heraus, so werden diese gegen ihre Körperlage gleichgültig:
die Katze, die zuvor Schaukelbewegungen nicht vertragen konnte,
schläft jetzt ruhig in der Schaukel ein. Beseitigt man nur einzelne
Bogengänge oder reizt man sie künstlich, so erscheinen Störungen in
der Lageauffassung der betreffenden Ebene. In einem sehr hübschen
Tierexperiment wies +Kreidl+ die Bedeutung der Otolithen nach: Krebse
verlieren manchmal ihre Otolithen und erhalten neue aus dem Material
ihrer Umgebung. Kreidl richtete es nun so ein, daß Eisenteilchen an
Stelle der Otolithen traten. Brachte er dann einen Magneten von einer
Seite her in die Nähe des Tieres, so warf es sich auf die andere Seite,
offenbar weil es den Eindruck hatte, in die Richtung des Magneten zu
fallen. Wurden die Eisenteilchen jedoch nur außen an den Kopf des
Tieres geklebt, so blieb es gleichgültig gegen die Einwirkung des
Magneten oder wurde passiv angezogen. Endlich entbehren Taubstumme
ohne Labyrinth des Drehschwindels, der sich bei Normalen nach mehreren
Drehbewegungen einstellt, wie sie anderseits im Wasser untergetaucht,
ihre Körperlage nicht beurteilen können. All diesen Tatsachen sucht man
in folgender Auffassung gerecht zu werden.
Beginnt der Kopf eine Bewegung in einer der drei Ebenen der Bogengänge,
so bleibt für den Anfang das Labyrinthwasser ein wenig zurück und übt
so einen Druck bzw. Zug auf die Härchen in den Ampullen aus. Wird die
Bewegung gleichförmig, so muß nach physikalischen Gesetzen dieser Zug
aufhören, um wieder einzusetzen, sobald die Bewegung merklich langsamer
wird oder plötzlich aufhört. Nimmt man nun an, daß die Verbiegung
der Sinneshaare in jeder Ebene eine charakteristische Empfindung
oder einen eigenartigen Empfindungskomplex bedingen -- die Drehung
des Kopfes können sie unmittelbar nicht melden --, so erklären sich
leicht die oben aufgezählten Wahrnehmungen der Körperbewegungen.
Eine andere Aufgabe haben die Otolithen. Sie drücken bei aufrechter
Haltung nach unten. Wird der Körper oder der Kopf für sich schief
geneigt, so verbiegen sie die Haare, und diese Verbiegung bleibt, im
Gegensatz zu der Biegung der Haare in den Ampullen, solange die schiefe
Haltung eingenommen wird. Die Otolithen dürften also die dauernden
Lageempfindungen vermitteln.
Es scheint nun ziemlich sicher zu sein, daß die Reizungen des
Vestibularnerven mancherlei Reflexbewegungen auslösen, durch die
sich die Sinneswesen gegen Lagestörungen schützen können. Aber es
ist noch umstritten, ob sie auch Empfindungen hervorrufen. Die
meisten Forscher entscheiden sich für letzteres und weisen auf die
eigentümlichen Inhalte hin, die man hat, wenn man sich nach längerer
Drehung plötzlich ganz ruhig hält und auf die Eindrücke im Kopfe
achtet. Gibt man nun das Vorhandensein charakteristischer Eindrücke
zu, so fragt es sich weiter, ob diese von den Tastempfindungen
verschieden sind oder nur eine besondere Qualität bzw. Verbindung
von Tastempfindungen darstellen. Letzteres hält +Wundt+ für
wahrscheinlich, während +Nagel+ und andere in ihnen eine neue
Empfindungsart erblicken. Wie immer auch diese Frage zu beantworten
ist, so ist doch festzuhalten, daß die statischen Empfindungen aus
sich weder einen räumlichen Charakter besitzen, noch viel weniger
unmittelbar eine Lage, eine Drehung u. ä. zu melden vermögen, da die
Inhalte „Lage“ und „Bewegung“ Relationen einschließen, die nur das
Denken erfassen kann.
Literatur
A. +Kreidl+, Die Funktion des Vestibularorgans, Ergebnisse der
Physiologie V (1906), 572.
H. Die kinästhetischen Empfindungen
Die Bezeichnung „kinästhetische Empfindungen“ ist ein Sammelname für
jene Sinnesangaben, die uns von der +Lage+ und der +Bewegung der+
verschiedenen +Körperteile zueinander+ Kunde geben. Im engeren Sinne
schließt er die Gesichtsempfindungen aus und läßt es dahingestellt,
ob neben den schon bekannten Hautempfindungen eine neue Art von
Sinneseindrücken besonderen Anspruch auf diesen Namen erheben kann. Die
Aufstellung einer neuen Empfindungsklasse begegnet hier noch größeren
Schwierigkeiten als bei den statischen Empfindungen. Denn hier ist
es weder möglich auf bestimmte Bewußtseinserscheinungen noch auf ein
bestimmtes Organ hinzuweisen. Wir müssen darum von gewissen Leistungen
der Seele ausgehen und prüfen, ob sich diese mit dem bisher gefundenen
Empfindungsmaterial verständlich machen lassen.
Wir Erwachsene sind imstande, die +Lage der+ verschiedenen
+Körperglieder+ zueinander auch ohne die Hilfe des Gesichtssinnes
ziemlich genau zu beurteilen. Daß dies nichts Selbstverständliches
ist, offenbaren uns Krankheitsfälle, wo der Patient bei geschlossenen
Augen zwar seinen Arm bewegen, aber nichts über dessen Haltung aussagen
kann und ihn in den unbequemsten Lagen beläßt, die ein anderer ihm
gibt. Wir wissen sodann von den +aktiven+ und +passiven Bewegungen+
unserer Glieder, und zwar ist dieses Wissen ein recht genaues. Der
an Ataxie Leidende hingegen scheint gerade die feinere Kenntnis
seiner Gliedbewegungen zu entbehren; denn alle seine Bewegungen sind
unvollkommen und schleudernd. Weiter verspüren wir den +Widerstand+
elastischer und fester Gegenstände, ein Erlebnis, das nicht allein
durch die Druckempfindungen der Haut zu erklären ist, da es auch bei
Unempfindlichmachung der Haut bestehen bleibt. Daß der Hautsinn hier
nicht in Frage kommt, zeigt auch die von +Goldscheider+ beschriebene
+paradoxe Widerstandsempfindung+. „Hält man an einem Faden ein nicht
zu leichtes Gewicht und macht damit eine schnelle Abwärtsbewegung, so
hat man im Augenblick des Auftreffens des Gewichtes auf den Boden die
Empfindung eines Widerstandes ... Es ist, als ob man mit einem Stock
aufstieße. Setzt man die Abwärtsbewegung weiter fort, so hat man die
Empfindung, als ob man eine Federkraft zu überwinden habe.“ (+Fröbes+
I, 155.) Endlich schätzen wir die Gewichte der von uns gehobenen Körper
und die von uns zum Ziehen oder Drücken verwendete Kraft, weshalb man
von +Schwere-, Spannungs- und Kraftempfindungen+ redet. Es fragt sich
nun, welchen Sinnesdaten sind alle diese Leistungen zu verdanken?
Zweifellos tragen die +Hautempfindungen+ einen Teil zu den genannten
Kenntnissen bei. Dennoch kann man sie nicht an erster Stelle dafür
verantwortlich machen, wie es die ältesten Erklärungen wollten,
da bei künstlicher oder krankhafter Ausschaltung der Hautsinne
die kinästhetischen Wahrnehmungen nicht wesentlich beeinträchtigt
werden. -- Spätere Forscher, wie +Bell+ und E. H. +Weber+, sahen in
den +sensorischen Muskelnerven+ die Quelle des hier zu erklärenden
Wissens: Entsprechend der verschieden starken Muskelspannung
treten verschiedene Spannungsempfindungen auf und liefern so einen
Anhaltspunkt zur Beurteilung der Gliedlage. Dagegen sprachen
indes Fälle von Muskeldegeneration, in denen gleichwohl die Lage
der Glieder und der Unterschied von Gewichten angegeben werden
konnte. Zudem hängt ja auch die Lage eines Gliedes nicht eindeutig
von der Kontraktion des Muskels ab: bei einer passiven Bewegung
werden die Muskeln überhaupt nicht kontrahiert, und dieselbe Lage
eines Gliedes kann bei großer wie bei geringer Muskelspannung
eingehalten werden. -- Ein dritter Erklärungsversuch führte die
+Innervationsempfindungen+ ein: es soll uns der motorische Impuls
bewußt werden, den wir den Muskeln erteilen. Wird sich ja auch ein
Kranker, der sein gelähmtes Bein bewegen will, einer Kraftanstrengung
bewußt, obwohl in dem Muskel selbst keinerlei Kontraktion
erfolgt. Allein die verspürte Kraftanstrengung kann auf andere,
gleichzeitig miterregte Muskeln zurückzuführen sein und verliert
somit jede Beweiskraft. Dagegen werden die Innervationsempfindungen
unwahrscheinlich, da Kranke vielfach ihre Glieder richtig gebrauchen,
sie also richtig innervieren, ohne darum über die Lage und Bewegung
ein Wissen zu erlangen. Daß wir von dem Impuls, den wir unseren
Bewegungen erteilen, nichts wissen, veranschaulicht eine bekannte
Gewichtstäuschung: Hebt man zwei gleich schwere, aber verschieden
große Gewichte, indem man auf sie hinblickt, so kann man sich
von dem Eindruck nicht freimachen, das kleinste Gewicht sei das
schwerste. Wir heben nämlich unwillkürlich das größere Gewicht mit
einem größeren Krafteinsatz. Käme uns nun der erteilte Impuls zu
Bewußtsein, so könnten wir ihn bei der Gewichtsvergleichung beachten
und uns so über die Täuschung hinweghelfen.
Nach Erledigung der Innervationsempfindungen erlangte die
+Goldscheidersche Theorie+ nahezu allgemeine Anerkennung: Die
Gelenke sollen sehr dicht mit den Vater-Paccinischen Tastkörperchen
besetzt sein. Drehen sich nun bei einer Bewegung zwei Gelenkflächen
gegeneinander, so werden die Tastkörperchen stets an einer anderen
Stelle gedrückt. Jeder Stellung des Gliedes entspricht darum eine
eigenartige Reizung der Vater-Paccinischen Körperchen. Somit
kann sich diese qualitativ eigenartige Empfindung eindeutig mit
dem optischen Bild von der Bewegung des Gliedes verbinden und so
allmählich zu einer ausreichenden Kunde von der gegenseitigen
Stellung der Glieder werden. So erklärt sich auch leicht die
Widerstandsempfindung als ein Gelenkdruck. Zur Deutung der paradoxen
Widerstandsempfindung aber ist noch zu beachten, daß der Zug des
Gewichtes eine gleichgroße entgegengerichtete Muskelspannung bedingt.
Berührt nun das herabgelassene Gewicht den Boden, so hört der Zug
auf, während jene Muskelspannung noch andauert, dadurch die Gelenke
aneinander preßt und so denselben Eindruck wie ein äußerer Widerstand
hervorruft.
Auch diese Theorie, deren positive Beweise man schon bald
angegriffen hat, wurde neuerdings stark erschüttert, als es
gelang, die freigelegten Gelenkflächen Operierter verschiedenen
Reizen auszusetzen. Dabei ergab sich, daß von den Gelenk+flächen+
aus überhaupt keine Empfindungen zu wecken waren. Wenn darum die
Gelenk-Organe überhaupt Träger von Bewegungsempfindungen sind,
so müssen diese in den die Gelenke umspannenden Gelenk+kapseln+
ausgelöst werden, die allerdings reichlich mit Nerven versehen sind.
Die eindeutige Zuordnung bestimmter Empfindungskomplexe dieser Art zu
bestimmten Lagen der Glieder wäre vielleicht auch hier möglich. Indes
die bestechende Einfachheit der alten Goldscheiderschen Auffassung
ist dahin.
So ist also heute die Frage der kinästhetischen Empfindungen noch
ungeklärt. Die neuesten Untersuchungen +Störrings+ lassen den Beitrag
des Drucksinnes der Haut für feinere Bestimmungen wieder bedeutsamer
erscheinen, während die Forschungen +v. Freys+ den +Kraftsinn+ aufs
neue zu Ehren bringen. Daß wir wirklich Muskel- oder Sehnenempfindungen
haben, die von dem aufgewandten Kraftmaß Kunde geben, beweist ein
schlichter Versuch: Hat der steifgehaltene Arm ein aufgesetztes
Gewicht zu heben, so erscheint es schwerer, wenn es weiter von dem
Drehgelenk entfernt aufgelegt wird, als wenn näher. Hier sind die
Gelenkempfindungen die nämlichen, weil der Arm sich in beiden Fällen
um gleichviel Grade hebt; die Druckempfindungen, die das aufgesetzte
Gewicht auf der Haut hervorruft, können ausgeschaltet werden, und
die inneren Spannungsempfindungen, d. h. jene Empfindungen, die der
Druck des kontrahierten Muskels von innen auf die Haut auslöst, sind
auch jedesmal die gleichen. Verschieden ist nur die aufgewandte
Kraft. Vorerst lassen sich somit die kinästhetischen Empfindungen
noch nicht ausschließlich oder vorwiegend +einem+ Organ zuschreiben.
Alle genannten Organe, die Haut, die Gelenke und die Muskeln, sind in
gewissem Grade befähigt, Lage- und Bewegungsempfindungen zu vermitteln.
Über die Qualität dieser Empfindungen, ob sie untereinander gleich und
ob unter ihnen ganz neuartige Phänomene sind, läßt sich heute noch
nichts ausmachen. Aber auch hier ist zu betonen, daß der Inhalt dieser
Empfindungen in sich nichts von einer Lagebestimmung enthalten kann.
Literatur
+Ebbinghaus-Bühler+, Grundzüge der Psychologie I⁴ § 32. Die Kraft-
und Bewegungsempfindungen.
Fußnoten:
[2] Anders H. Henning, Der Geruch 1916 S. 491 ff., der ein
Geschmackstetraeder aufstellt.
4. Kap. Das Gesetz der spezifischen Sinnesenergie
Läßt man einen Wärmereiz auf einen Kältepunkt einwirken, so entsteht,
wie wir sahen, eine paradoxe Kälteempfindung. Drückt man die hinter dem
Trommelfell herziehende Chorda tympani, die unter anderem Fasern des
Geschmacksnerven enthält, so erlebt man eine Geschmacksempfindung. Das
gleiche geschieht, wenn man diesen Nerv elektrisch oder chemisch reizt.
Der Sehnerv antwortet bei elektrischer, chemischer und mechanischer
Reizung mit einer Lichtempfindung. Solche und ähnliche Beobachtungen
führten zur Aufstellung des Satzes von den spezifischen Sinnesenergien
durch Joh. + Müller+ (1826): +Der gleiche Reiz ruft in verschiedenen
Sinnen verschiedene Empfindungen hervor, je nach der Natur des Sinnes+;
verschiedene Reize rufen in dem gleichen Sinne die gleiche Empfindung
hervor. Was besagt dieser Satz? Er besagt, daß der Empfindungsinhalt,
das Quale der Empfindung, aus dem empfindenden Subjekt stammt. Es wird
nicht eine Eigenschaft eines äußeren Gegenstandes gleichsam durch die
Sinne nur hindurchgeleitet zur wahrnehmenden Seele, sondern die Seele
antwortet in verschiedener Weise auf die einwirkenden Gegenstände, je
nach der Sinnespforte, bei der sie anklopfen. Ein psychologisch und
erkenntnistheoretisch höchst bedeutsamer Satz.
Man muß sich indes vor einer +unberechtigten Verallgemeinerung+ dieses
Satzes hüten. Er besagt nicht, daß unsere Seele oder ihre Sinne völlig
gleichgültig seien gegen die einwirkenden Reize, womit einem extremen
Subjektivismus Tür und Tor geöffnet wäre. Es sind nämlich +nur+ die
einem jeden Sinne entsprechenden, +die adäquaten Reize begünstigt+.
Vor den inadäquaten Reizen sind die meisten Organe schon durch äußere
Schutzvorrichtungen für gewöhnlich bewahrt (+Ettlinger+). Außerdem
vermögen die inadäquaten Reize nur unabgestufte, unklare Eindrücke
hervorzurufen. Bei den adäquaten Reizen hingegen zeigt sich eine
streng gesetzmäßige Zuordnung von Reiz und Empfindung. Einen Beweis
dafür boten die Qualitäten des Farbensinnes, die ganz eindeutig an
bestimmte Wellenlängen gebunden sind. Andere Belege dafür wird uns die
Psychophysik liefern.
Weitere Probleme, die der Müllersche Satz aufwirft, sind von einer
endgültigen Antwort noch mehr oder weniger entfernt. So vor allem
die Frage, was man sich unter der spezifischen Energie eines
Sinnesnerven zu denken habe. Man wird da nicht an eine geheimnisvolle
Kraft denken dürfen, die in dem Nerven wohnt, sondern eher an einen
eigenartigen physiologischen Zustand, der bewirkt, daß der Nerv,
wenn er überhaupt erregt wird, immer nur in eine bestimmte Art der
Erregung versetzt werden kann; wie etwa eine Klaviersaite oder ein
Resonanzboden, wenn sie durch irgendwelchen Druck oder Stoß überhaupt
in eine selbständige Bewegung geraten, immer nur eine bestimmte Form
der Erschütterung aufweisen. -- Allerdings steht es nicht fest,
ob es der periphere Nerv ist, der, wie wir soeben voraussetzten,
in eine spezifische Erregung gerät, oder ob diese nur im Gehirn
ausgelöst wird, während der Nerv als indifferenter Leiter jeden
Reiz zu übermitteln imstande ist. Für die letztere Ansicht werden
die Halluzinationen, subjektive Erregungen, die sicher im Gehirn
entstehen, geltend gemacht. Aber mit dem Bestand solcher zentraler
Erregungen ist noch nichts für die Beschaffenheit der peripheren
Nerven entschieden. Für die spezifisch verschiedene Erregbarkeit der
Leitungsnerven hingegen bildet ihre mit Sicherheit festzustellende
verschiedene Organisation ein beachtenswertes Argument. -- Endlich
läßt sich die Frage, ob die spezifische Energie den Sinnen angeboren
oder erst im Laufe des Lebens erworben sei, nicht lösen. Die
Erwerbung der spezifischen Sinnesenergie im Verlauf des Lebens hat
die Beobachtung für sich, daß bei Blinden oder Tauben, denen von
Geburt an diese Empfindungen abgehen, eine inadäquate Reizung der
Nervenstränge keine Licht- oder Schallempfindung bewirken. Es scheint
somit, als müsse der adäquate Reiz, der durch das äußere Organ
leicht in den Sinnesnerven eintritt, diesen erst in seiner Weise
bearbeiten und disponieren, so daß er später auch auf inadäquate
Reize nicht mehr anders als in dieser vorgebildeten Art ansprechen
kann. Wäre dies der Fall, dann käme den äußeren Reizen eine noch
größere Bedeutung zu, als wir ihnen soeben einräumten. Die Reize
schüfen sich geradezu die Reaktion. Sodann wäre die von manchen
Entwicklungstheoretikern vertretene Hypothese glaubhafter, daß
sich nämlich die Vielheit der Sinne aus einem einzigen primitiven
Sinne durch beständiges Einwirken der verschiedenen äußeren Reize
herausdifferenziert habe. Allein die genannte Beobachtung an
Blind- und Taubgeborenen ist kein durchschlagender Beweis, da ein
Gehirnzentrum degenerieren kann, wenn es nicht geübt wird.
Literatur
R. +Weinmann+, Die Lehre von den spezifischen Sinnesenergien, 1895.
N. +Brühl+, Die spezifischen Sinnesenergien nach Joh. Müller im
Lichte der Tatsachen, 1915.
5. Kap. Die Psychophysik
Zündet man in einem nur von +einer+ elektrischen Lampe dürftig
erhellten Saal eine zweite gleichstarke Lampe an, so ist die
Beleuchtungssteigerung ganz auffällig. Wird jedoch zu hundert Lampen
eine weitere hinzugefügt, so wird niemand die größere Helligkeit
zu bemerken imstande sein. Diese auf allen Empfindungsgebieten zu
beobachtende Tatsache erlangte eine für die Entwicklung der gesamten
Psychologie grundlegende Bedeutung, als der Physiologe E. H. +Weber+
(1846) bei Untersuchung des Hautsinnes fand, daß sie einer bestimmten
Gesetzmäßigkeit folgt: Muß man zu einem Druck von der Stärke 100
einen solchen von der Stärke 1 hinzufügen, damit der Unterschied
im Druck überhaupt gemerkt wird, so muß bei einem solchen von der
Stärke 200 ein Druck von der Stärke 2 hinzukommen, soll nunmehr die
Verstärkung des Druckes eben bemerkbar sein. Oder: das Verhältnis
von Reizzuwachs, bei dem eben eine Empfindungszunahme eintritt, zum
Anfangsreiz ist konstant (¹⁄₁₀₀ = ²⁄₂₀₀). Diese Entdeckung legte für
G. Th. +Fechner+ den Gedanken nahe, von hier aus ein brauchbares Maß
der Empfindung zu gewinnen. Und es war ein Lieblingstraum von ihm,
von diesen vielversprechenden Anfängen aus das ganze psychische Leben
mit der mathematischen Formel zu beherrschen. Es sollte in Zukunft
nicht mehr von Psychologie, sondern von +Psychophysik+ die Rede sein.
Dieser Wunsch hat sich nun freilich nicht erfüllt. Dagegen wurde er die
gesegnete Quelle der meisten psychologischen Forschungsmethoden und
die Anregung, auch auf andere Gebiete die quantitativen Arbeitsweisen
zu übertragen. Diese Methoden verstehen wir jedoch im Folgenden nicht
unter Psychophysik.
1. Aufgaben und Methoden der Psychophysik
Die unmittelbare Aufgabe der Psychophysik besteht in der Ermittlung
bestimmter Reizgrößen. Nicht jeder physikalische Reiz löst schon eine
Empfindung aus. Erst wenn ein Licht, eine Schallschwingung, ein Gewicht
eine gewisse Größe erreicht, empfinden wir etwas. Man nennt diese von
dem Reiz zu erreichende Größe die absolute +Schwelle+ der betreffenden
Empfindung. Sie ist bei den verschiedenen Sinnen verschieden und
innerhalb desselben Sinnes je nach dem Ort der Reizung bzw. nach den
erregten Nervenfasern verschieden. Die absolute Schwelle kann als Maß
der Empfindlichkeit dienen. Denn je niedriger für einen Sinn bzw. für
ein bestimmtes Nervengebiet die Reizschwelle ist, um so größer ist
seine Empfindlichkeit.