Die Helmholtzsche Theorie hat sich trotz mancher inneren

Schwierigkeiten bis heute zu behaupten vermocht. Als einzige

beachtenswerte Rivalin steht ihr heute die geistvolle +Theorie von

Ewald+ gegenüber. Ewald läßt durch jeden Reiz die ganze Grundmembran

in Schwingung geraten, und zwar so, daß sie in eine Reihe stehender

Wellen zerlegt wird. Die verschiedenen Reize erregen sie aber

in verschiedener Weise. Somit gehört zu jedem Klang ein ganz

charakteristisches Wellenbild. Können sich keine stehenden Wellen

bilden, so vernehmen wir ein Geräusch. Ewald konnte zeigen, daß eine

von Wasser umgebene Membran nach Art der Grundmembran tatsächlich

solche Wellenbilder gibt. Gleichwohl wird diese Theorie von der

Helmholtzschen durch die Zahl der erklärbaren Probleme übertroffen.

Zuletzt sei noch erwähnt, daß manche Forscher zu der Annahme eines

besonderen Organs für die Wahrnehmung der Geräusche neigen.

Literatur

C. +Stumpf+, Tonpsychologie 1883 u. 1890.

3. Kap. Die niederen Empfindungen

A. Die Geschmacksempfindungen

1. Qualitative Betrachtung der Geschmacksempfindungen

Es bereitet keine Schwierigkeit, die Inhalte der Geschmacksempfindung

von denen der höheren Sinne, des Gesichtes und des Gehörs, zu sondern.

Durch das, was man gemeinhin Geschmack nennt, wird unser Bewußtsein

in ganz eigenartiger Weise bereichert. Die Verlegenheit beginnt erst,

wenn wir uns bemühen, aus den im Alltagsleben als Geschmäcke benannten

Eindrücken die eigentlichen Geschmacksempfindungen herauszulösen. Die

Spielarten des Geschmackes der Speisen und Getränke scheinen unbegrenzt

zu sein. Schaltet man jedoch den Geruchsinn beim Schmecken aus, so

schrumpft ihre Zahl schon beträchtlich zusammen. Bei zugehaltener Nase

läßt sich ein Stück Zwiebel von einem Stück Apfel nicht unterscheiden,

und auch die Blume des Weines verschwindet. Weiter läßt sich leicht

erkennen, daß Wärme und Kälte den einzelnen Geschmackseindruck

mitbestimmen, ohne selbst Geschmack zu sein. Auch das Beißende,

Prickelnde, Stechende mancher Geschmackserlebnisse verrät sich leicht

als Bestand anderer Empfindungen, da wir solche Eindrücke für sich

allein, etwa auf unserer Hand, erfahren können, wo wir niemals versucht

sind, sie als Geschmäcke zu beurteilen. Nach all diesen Ausscheidungen

bleiben heute als allgemein anerkannt +nun vier Qualitäten+ des

Geschmackes übrig: +süß+, +sauer+, +salzig+, +bitter+.

Daß hier noch ungelöste Probleme liegen, kann man sich durch die

Frage zum Bewußtsein bringen: Wodurch unterscheidet sich rein

inhaltlich die Geschmacksempfindung von den Geruchs- und den

verschiedenen Arten der noch zu besprechenden Hautempfindungen?

Dabei müssen wir den Gedanken an die aufnehmenden Organe, an

die verursachenden Reize und an die körperlichen Begleit- oder

Folgeerscheinungen (man denke an die Würgbewegungen bei „ekelhaften“

Geschmäcken) gänzlich beiseite lassen. Allerdings kann die Antwort

auf obige Frage nur lauten: Sie unterscheiden sich durch sich selbst.

Es erhebt sich aber die weitere Frage: Ist dieser inhaltliche

Unterschied so groß, daß wir uns nicht einen Übergang zwischen den

Qualitäten vorstellen können? So versteht man auch, wie bis auf die

Gegenwart über den Empfindungscharakter von metallisch und alkalisch

Zweifel herrschen konnte. Letztere betrachtet man heute nicht mehr

als einfache Geschmacksempfindungen.

Die vier Geschmacksqualitäten haben keine Unterarten und stehen

unverbunden einander gegenüber. Graphisch wären sie vielleicht durch

vier isolierte Punkte darzustellen, von denen jedoch die Repräsentanten

von sauer, salzig und bitter näher beieinander liegen.[2] +Die Mischung

der Geschmäcke+ vergleicht man mit den Mischungen der Töne: Die beiden

Komponenten bestehen nebeneinander fort. Nur die Mischung von süß und

salzig soll den Mischgeschmack „fade“ ergeben. Es findet sich auch

eine der +Umstimmung+ der Netzhaut vergleichbare Erscheinung: nach

Einwirkung von schwacher Natronlauge schmeckt destilliertes Wasser süß.

2. Reize und Organe des Geschmacksinnes

+Geschmacksreize+ sind gelöste Stoffe, Dämpfe und Gase. Jedoch ist es

noch ganz unklar, in welchem Zusammenhang die chemische Beschaffenheit

eines Stoffes mit seinem Geschmack steht. Vielleicht wird die spätere

Forschung verhältnismäßig einfache Beziehungen finden, auf die sich

alsdann eine Theorie der Geschmacksempfindung aufbauen läßt. Als

sogenannten inadäquaten Reiz bezeichnete man oft den elektrischen

Strom, da er an der Anode den Eindruck sauer, an der Kathode den

Eindruck bitter oder alkalisch hervorruft. Es scheint indes der

elektrische Strom nur mittelbar, durch die elektrolytische Zersetzung

des Speichels zum Geschmacksreiz zu werden.

Die +Organe des Geschmacksinnes+ befinden sich beim Erwachsenen auf

der Zunge, dem weichen Gaumen, der Rückseite des Gaumensegels und im

Schlund. Beim Kinde scheinen noch andere Partien des inneren Mundes für

die Aufnahme von Geschmacksreizen befähigt zu sein. Man unterscheidet

drei Arten der sogenannten Geschmacksknospen: hinten auf der Zunge

die größten und seltenen papillae circumvallatae, die besonders für

bitter empfänglich sind; an den seitlichen Rändern die papillae

foliatae und vorne die papillae fungiformes, die für süß empfindlich

sind. Sauer und salzig soll man besonders an den Rändern und an der

Spitze der Zunge empfinden. Zwischen den Geschmacksbechern liegen

unempfindliche Stellen. Nach neueren Untersuchungen soll bei Reizung

der Nachbarstellen eine ähnliche Ausfüllung der unempfindlichen Partien

stattfinden wie auf dem blinden Fleck auf der Netzhaut. (+Ponzo.+ Vgl.

Zentralbl. für Psych. II, Nr. 20.)

Literatur

W. +Nagel+, Der Geschmackssinn, in Nagels Handbuch der Physiologie

III, 1905.

B. Die Geruchsempfindungen

Die Geruchsempfindungen mischen sich leicht mit den Meldungen der

niederen, d. h. vorwiegend den vegetativen Funktionen dienenden Sinne.

So kennt der Sprachgebrauch +stechende Gerüche+, die in Wahrheit +eine

Verbindung von Geruch- und Tastempfindungen+ sind. Pathologische

Erfahrungen (Anosmie) lehren beide auseinanderhalten, da der Geruch

ausfallen kann, während die stechende oder brennende Empfindung

bestehen bleibt. Ebenso redet man von +süßlichem+ und +säuerlichem

Geruch+. Durch künstliche Eingriffe wie durch das experimentum

naturae wissen wir jetzt, daß diese Mischempfindungen durch die

namentlich auf der hinteren Seite des Gaumensegels ausgelösten

+Geschmacksempfindungen+ zustande kommen. Schließt man also die

begleitenden Druck-, Stich-, Temperatur- und Geschmacksempfindungen

aus, so steht man den reinen Geruchsempfindungen gegenüber, die

auch nach dieser Loslösung noch eine unübersehbare Mannigfaltigkeit

darstellen.

Es wurden die verschiedensten Versuche unternommen, in die an

immer neuen Eindrücken reiche Welt der Gerüche eine beherrschende

+Ordnung+ und +Einteilung+ zu bringen. Bis heute hat noch keiner

dieser Versuche allgemeine Anerkennung gefunden. Am bekanntesten ist

die etwas einseitig nach der Botanik orientierte Einteilung +Linnés+

(1759), die neuerdings +Zwaardemaker+ unter Hinzufügung von zwei

weiteren Klassen wieder aufgegriffen hat. Zwaardemaker teilt alle

Gerüche in Nahrungs- und Zersetzungsgerüche ein. Zu ersteren gehören

vier Klassen: 1. Ätherische Gerüche (Fruchtäther, Wachs, Äther); 2.

Aromatische Gerüche (Kampfer, Gewürze); 3. Blumengerüche (Reseda,

Vanille); 4. Moschusgerüche (Moschus, Ambra). Fünf weitere Klassen

bilden die Zersetzungsgerüche: 1. Lauchgerüche (Knoblauch, asa

foetida); 2. Brenzliche Gerüche (Tabak, Teer); 3. Bockgerüche (Käse,

Schweiß); 4. Widerliche Gerüche (Wanzen); 5. Ekelhafte Gerüche (Aas,

Faeces). -- Die neueste Untersuchung (+Henning+) gelangt zu sechs

Grundklassen der Gerüche und ordnet sie einem regelmäßigen trigonalen

Prisma ein: würzig, harzig, brenzlich sind die drei Ecken seiner

Grundfläche; blumig, fruchtig, faulig die entsprechenden der oberen

Schnittfläche. Auf die Kanten und Flächen dieses Geruchskörpers kommen

Gerüche zu liegen, die in sich einfache Empfindungen sind, jedoch

Ähnlichkeit zu den verschiedenen Nachbarpunkten zeigen. Von diesen

unzerlegbaren Übergangsgerüchen sind die analysierbaren Mischgerüche

zu unterscheiden, die in dem Geruchsprisma keine Stelle finden. Eine

bestätigende Nachprüfung der Henningschen Gruppierung bleibt abzuwarten.

Bei länger anhaltendem Geruchsreiz nimmt die Intensität der

Empfindung ab, und die Empfänglichkeit für andere Gerüche wird

gleichfalls herabgesetzt, doch ist die Erklärung dieser Tatsache keine

einheitliche, sondern teils in der Ermüdung des Endapparates, teils

in der Abstumpfung der Aufmerksamkeit zu suchen. Doch steigt die

Ermüdung nicht bis zur völligen Unempfindlichkeit für stärkere Gerüche,

falls man absieht von einer toxischen Lähmung der Riechschleimhaut,

wie sie etwa durch Chloroform herbeigeführt wird. Bei gleichzeitigem

Einwirken mehrerer Geruchsreize beobachtet man teils eine +Mischung+

der Komponenten von verschieden hohem Verschmelzungsgrad, teils einen

+Wettstreit+ der Teilgerüche, teils eine wechselseitige +Aufhebung+.

Erfolgt letztere wegen der physikalischen Paralysierung der Reize,

so bietet sie kein besonderes psychologisches Interesse. Es soll

aber auch eine physiologische bzw. psychologische Kompensation der

Geruchsempfindungen vorkommen, was indes von Henning entschieden

verneint wird.

Als +Reize+ kommen für den Geruchsinn die materiellen Teilchen in

Betracht, welche die riechende Substanz aussendet. Ob sie jedoch

notwendig in gasförmigem Zustand die Nervenendigung erreichen müssen,

der ob diese auch durch Flüssigkeiten unmittelbar erregt werden

kann, ist heute noch umstritten. Auch die Beziehungen zwischen der

chemischen Konstitution der Riechstoffe und den Gerüchen bildet noch

ein offenes Feld der Forschung. Obwohl Vertreter derselben chemischen

Familie verschieden, und solche verschiedener Familien ähnlich riechen

können, scheint doch die Ähnlichkeit des inneren Aufbaues auch eine

Ähnlichkeit des Geruches zu bedingen.

Das +Organ+ des Geruchsinnes ist die braungelbe Riechschleimhaut

in der obersten der drei Nasenmuscheln. Ihre Gesamtgröße beträgt

nur etwa 5 qcm. Von hier aus führen die Riechnerven direkt durch

die Öffnungen des Siebbeins in die Schädelkapsel zu den lobi

olfactorii, den Riechkolben. In der Riechschleimhaut münden aber auch

Trigeminusfasern, die Vermittler der mit den Gerüchen verbundenen

Tastempfindungen. -- Zu einer Theorie der Geruchsempfindungen sind kaum

erste Ansätze vorhanden. Manche Forscher nehmen an, daß ähnlich wie

beim Farbensinn so auch hier entweder verschiedene Fasern oder doch

verschiedene Riechsinnsubstanzen für die verschiedenen Klassen von

Geruchsempfindungen vorhanden seien. Anders und einfacher denkt sich

Henning den Vorgang der Geruchsauslösung. Der eigentliche Geruchsreiz

besteht in der Aufspaltung des Riechstoffmoleküls an der Oberfläche der

Riechzelle. Nun entspricht den sechs Grundgerüchen je eine besondere

Art der molekularen Bindung der Riechstoffe. Somit ergeben sich auch

sechs verschiedene Arten der Spaltungen oder sechs verschiedene Arten

der Reizung ein und derselben Nervenfaser.

Literatur

H. +Henning+, Der Geruch. 1916.

C. Die Temperaturempfindungen

Kälte- und Wärmeeindrücke sind uns im allgemeinen ihrem Wesen nach

geläufig. Sie heben sich im Bewußtsein leicht von andern Empfindungen

wie Geruch, Geschmack, Druck, Schmerz ab. Ob wir nun Kälte und Wärme

als zwei gesonderte Empfindungsarten oder als Qualitäten einer

Empfindungsklasse ansehen sollen, ist für die rein psychologische

Betrachtung, die weder auf den verursachenden Reiz, noch auf dessen

einheitliche Messung durch das Thermometer, noch auf die empfänglichen

Organe oder die biologische Bedeutung dieser Eindrücke achten darf,

nicht leicht zu entscheiden. Sicher stehen beide Empfindungen

einander näher als alle anderen Modalitäten der Empfindung. Die

Psychologie der Alltagssprache hebt die Intensitätsstufen von warm

und kalt hervor (lau, warm, heiß, kühl, kalt, eisig) und weiß

namentlich von den Extremen auch Abarten anzugeben, wie „sengend

heiß“, „schneidend kalt“. Man erkennt indes sehr leicht, daß solche

Unterarten nur durch die Vereinigung von Temperatur- und anderen

Eindrücken zustande kommen. Somit gibt es +bei warm und kalt nur

die eindimensionale Intensitätssteigerung+. Ein genaueres Studium

der Temperaturempfindungen ist jedoch nur durch gesonderte Reizung

einzelner kleiner Hautstellen möglich. Dabei ergibt sich, daß die

Kälteempfindung nicht mit kühl, sondern mit kalt schlechthin beginnt.

Wird eine größere Fläche dem Kältereiz ausgesetzt, so hat man den

Eindruck „naß“, den man auch erfährt, wenn man die Stirne längere

Zeit von einem kalten Gegenstand berühren läßt und diesen alsdann

entfernt. Sonach scheint der Eindruck „naß“ Kälte ohne Berührung zu

besagen, ein Erlebnis, das wir in der Regel nur infolge Einwirkung

einer Flüssigkeit haben. Die Vorstellung „naß“ koppelt also für

unser Bewußtsein die reine Kälteempfindung mit der Vorstellung des

sie bedingenden Reizes zusammen. Sehr intensive Kältereize bewirken

eine Mischempfindung von Kälte und Schmerz. Die Steigerung der

Wärmeempfindung endigt mit dem Eindruck der +Hitze+. Diese kann man

jedoch nicht als eine Verbindung von Wärme- und Schmerzempfindung

auffassen; denn bei einer Temperatur von 36° redet man zwar von Hitze,

nicht aber von Schmerz. Wie namentlich die Untersuchungen von +Alrutz+

lehren, ist die +Hitzeempfindung eine Verschmelzung der Kalt- und

Warmempfindung+. Zum genaueren Verständnis müssen wir die +Organe+ der

Temperaturempfindungen berücksichtigen.

Betastet man mit einem Bleistift der Reihe nach verschiedene

Hautstellen, so beobachtet man an gewissen Punkten ein augenblickliches

Aufblitzen der Kälteempfindung. Man ist auf einen „+Kältepunkt+“

gestoßen. Untersucht man auf die gleiche Weise mit einem gleichmäßig

warm gehaltenen Metallstift, so entdeckt man andere Punkte, wo die

Wärme besonders verspürt wird; wenn auch die Wärmeempfindung nicht

so jäh ansteigt wie die Kälteempfindung. Es gibt somit besondere

Nerven zur Vermittlung der beiden Temperaturempfindungen. Ihre

Aufnahmeorgane liegen voneinander getrennt, und zwar kommen auf

einen Quadratzentimeter der Haut durchschnittlich 12-13 Kälte- und

nur 1-2 Wärmepunkte. Die Kältepunkte liegen der Hautoberfläche näher

als die Wärmepunkte, was ebenso wie ihre größere Zahl der Erhaltung

des Organismus dient, dem die Kälte nachteiliger werden kann als die

Wärme. Läßt man nun auf einen Kältepunkt einen Wärmereiz von 35°

einwirken, so empfindet man nicht Wärme, sondern Kälte, die „paradoxe

Kälteempfindung“. Eine paradoxe Wärmeempfindung zu erzeugen, erscheint

zwar als grundsätzlich möglich, läßt sich aber wegen der tiefen Lage

der Wärmepunkte nicht gut verwirklichen. Aus diesen Tatsachen erklärt

sich dann leicht, wie bei Einwirkung eines ausgedehnten Wärmereizes

höherer Temperatur die Hitzeempfindung als eine Verschmelzung der

beiden andern auftreten kann.

Als die +normalen Reize+ des Temperatursinnes bezeichnet man die

objektiven Temperaturunterschiede. In der Gegend von 28-29° liegt

eine Indifferenzzone, bei der weder kalt noch warm empfunden wird.

Sie schwankt übrigens je nach der Ausbildung der Endorgane an der

einzelnen Körperstelle und der augenblicklichen +Adaptation+ an

eine Temperatur. Der Indifferenzpunkt der Haut steigt nämlich oder

sinkt, wenn auf dieselbe Stelle längere Zeit eine höhere oder niedere

Temperatur eingewirkt hat. Hält man darum die eine Hand etwa eine

Minute lang in kühles, die andere gleichzeitig in warmes Wasser und

taucht alsdann beide in Wasser mittlerer Temperatur, so empfindet

man an der ersten Wärme, an der andern Kälte. -- Die +Theorie+

der Temperaturempfindungen ist noch wenig geklärt. Die Ansichten

von +Weber+ und +Hering+ kombinierend könnte man etwa sagen: der

Wärmeapparat reagiert nur auf Reize über, der Kälteapparat nur auf

Reize unter dem Indifferenzpunkt. Zunächst wird nur das Steigen

und Sinken der Temperatur gemeldet (Weber). Aber auch die absolute

(stationäre) Temperatur wird wahrgenommen (Hering), bis sich der

Indifferenzpunkt der Haut dem einwirkenden Reiz angeglichen hat.

Allerdings bleibt auch so noch ungeklärt, daß wir stundenlang Kälte

oder Hitze in einem Körperglied empfinden können. Die weitere Annahme

Herings, daß die Kälteempfindung auf assimilative, die Wärmeempfindung

auf dissimilative Vorgänge zurückführbar seien, ist nach der Entdeckung

der getrennten Sinnesorgane für beide Empfindungen nicht mehr haltbar.

Literatur

T. +Thunberg+, Physiologie der Druck-, Temperatur- und

Schmerzempfindungen, in Nagels Handbuch der Physiologie III, 1905.

D. Die Druckempfindung

Die Druckempfindung scheint von einer einzigen +Qualität+ zu sein. In

ihrem schwächsten Grade nennen wir sie Berührung. Auf einem einzelnen

Punkt der Körperhaut hervorgerufen, scheint sie doch immer eine gewisse

flächenhafte Ausdehnung zu besitzen und hat bei zunehmender Intensität

etwas Körniges an sich, als werde ein Sandkorn in die Haut gedrückt.

Reine Druckempfindungen sind selten zu beobachten. Spitz-stumpf,

rauh-glatt, hart-weich sind zusammengesetzte Eindrücke, die überdies

von uns den Gegenständen selbst beigelegt werden. Sehr umstritten ist

die Frage, welcher Empfindungsklasse der +Kitzel+ und das +Jucken+

angehören. Die meisten Forscher neigen dahin, ersteren zu den Druck-,

letzteres zu den Schmerzempfindungen zu rechnen.

Geringere Druckempfindungen dauern nicht lange an, auch wenn der äußere

Reiz fortwirkt. So gewöhnen wir uns rasch an den Druck der Kleider, der

Brille u. ä. Stärkere Empfindungen werden jedoch längere Zeit erlebt.

Merkwürdigerweise können diese den äußeren Reiz überdauern.

Als +adäquater Reiz+ gilt der mechanische Druck oder richtiger das

durch Deformation der Haut bewirkte +Druckgefälle+. Je stärker dieses

ist, je rascher der Druckreiz einwirkt und je größer die von ihm

betroffene Stelle ist, um so stärker ist die Druckempfindung. Wird

jedoch die dem Druckreiz ausgesetzte Fläche zu groß, so tritt die

Empfindung nicht auf, weil keine Deformation der Haut entsteht. Darum

empfinden wir im Bad den Wasserdruck nicht, es sei denn an der Stelle

der Haut, wo diese gleichzeitig mit der Luft in Berührung tritt. Auf

die Deformation der Haut infolge der anhaltenden Verschiebung der

Gewebeflüssigkeit ist wohl auch das Druckbild zurückzuführen, wie man

es z. B. nach Abnahme des festeingepreßten Hutes noch eine Zeitlang

haben kann.

Als +Organe des Drucksinnes+ lassen sich zurzeit die jeden Haarbalg wie

ein Korbgeflecht umgebenden Nerven und an den unbehaarten Stellen die

+Meißnerschen Tastkörperchen+ nennen. Letztere findet man, wenn man mit

abgestumpften Pferdehaaren die Hautfläche abtastet.

Literatur

M. v. +Frey+, Neuere Untersuchungen über die Sinnesleistungen der

menschlichen Haut. FPs. II S. 201 ff. 1914.

E. Die Schmerzempfindung

Zur Aufstellung eigener Schmerzempfindungen reicht die einfache

Selbstbeobachtung nicht hin. Sie führte im Gegenteil zu der Annahme,

der Schmerz sei keine Empfindung, sondern ein Unlustgefühl, das sich

bei den höhere Intensitätsstufen aller Empfindungen einstelle. Die

Pathologie machte uns nun mit Fällen von Analgesie ohne Anästhesie

bekannt, wo der Druckreiz zwar verspürt wurde, aber auch bei großer

Stärke nicht schmerzte. Anderseits entdeckte die Physiologie eigene

Schmerzorgane, die mit den Druck-, Kälte- und Wärmepunkten nicht

identisch sind. Betastet man mit einer Nadel oder einem zugespitzten

Pferdehaar die mit Seife gewaschene und feucht gehaltene Haut,

so empfindet man leichte Stiche, die sich qualitativ nicht von

schmerzenden Stichen unterscheiden. In diesem Fall kann also der

Schmerz nicht von einer zu heftigen Empfindung oder einer Zerstörung

der Organe herrühren. Anderseits bleibt er aus, wenn man mit einer

Nadel selbst tiefer in Temperaturpunkte einsticht.

Durch die Reizung der Schmerzpunkte ist man also in der Lage, die

Schmerzempfindung zu beobachten. +Ebbinghaus+ charakterisiert sie als

Stichempfindung, die langsam anschwillt und langsam abklingt. Als

eigentliche +Schmerzqualitäten+ nennt man allgemein den +stechenden+

und den +dumpfen+ Schmerz. Den ersteren erlebt man bei oberflächlichen

Reizen, von dem letzteren kann man sich ein Bild machen, wenn man

eine in die Höhe gezogene Hautfalte zusammenkneift. +Becher+ will

am sensiblen Dentin eine von den genannten deutlich verschiedene

Schmerzqualität beobachtet haben. Die sonst oft erwähnten Arten

des Schmerzes: der stechende, brennende, schneidende Schmerz sind

Verbindungen verschiedenartiger Empfindungen. Der Schmerzempfindung

ist es eigentümlich, daß sie schon bei geringer Heftigkeit unlustvoll

ist. Dennoch ist die Unlust weder stets noch immer eindeutig mit

ihr verbunden. Leichte Stichempfindungen können indifferent oder

auch lustbetont sein, während anderseits die nämliche stärkere

Schmerzempfindung bald höhere, bald niedere Unlust mit sich bringt, je

nachdem man das Steigen oder Abnehmen des Schmerzes erwartet (Becher).

Schmerzerregend können bekanntlich die verschiedensten +Reize+

wirken: mechanische, thermische, elektrische und chemische. Die

+schmerzempfindlichen Punkte+ scheinen alle andern Hautsinnespunkte

an Zahl zu übertreffen. Ist so für den Schutz des Organismus gesorgt,

so verhindert die größere Latenzzeit, daß wir durch zu häufige

Schmerzempfindungen belästigt werden. Von den Hautsinnen wird nämlich

bei gleichzeitiger Reizung zuerst Druck, dann Kälte, dann Wärme und

erst an letzter Stelle Schmerz empfunden.

Literatur

T. +Thunberg+, Physiologie der Druck-, Temperatur- und

Schmerzempfindungen, in Nagels Handbuch der Physiologie III, 1905.

F. Die Organempfindungen

Bislang war es immer möglich, die besprochenen Empfindungen im

Bewußtsein auffindbar zu machen und bis zu einem gewissen Grade zu

isolieren. Das wird bei den sog. Organempfindungen seine beträchtlichen

Schwierigkeiten haben. Auch schwebte demjenigen, der den Namen

„Organempfindungen“ in die Psychologie einführte, keineswegs der streng

formulierte Empfindungsbegriff vor, wie wir ihn oben aufstellten.

Man versteht vielmehr unter diesem Worte die +Gesamtheit der

sinnlichen Eindrücke, die uns über den inneren Zustand des Organismus

unterrichten+: Ermüdung und Frische, Hunger, Durst, Sättigung und

Übelkeit, Atemnot und Herzaffektionen, Empfindungen des Genitalsystems

u. ä. m. Wie man sieht, hat man es hier mit einem Komplex von

Empfindungen zu tun, demgegenüber die Psychologie +zwei Aufgaben+ zu

lösen hat: sie muß erstens feststellen, welche Teilempfindungen in die

einzelnen Komplexe eingehen; sie muß zweitens untersuchen, ob bei der

Analyse der genannten Gesamteindrücke neue Arten der Empfindung zu

entdecken sind. Beide Aufgaben sind noch kaum in Angriff genommen. Das

ganze Gebiet wird zurzeit noch fast ausschließlich von der Physiologie

beherrscht. Daß bei den meisten Organempfindungen Druck, Kitzel,

Schmerz und Temperaturempfindungen eine Komponente bilden, ist leicht

zu erkennen. Einen von diesen verschiedenen Sinnesinhalt konnte man

indes bis heute noch nicht mit Sicherheit aufzeigen.

Experimentelle Psychologie · 第 5 / 30 段