Als wesentlich anderer Bewußtseinsinhalt steht übergangslos neben den

Farben das Reich der Schallwahrnehmungen. Wollen wir in ihm bis zu den

Empfindungen mit der Analyse vordringen, so scheidet sich die Menge

dieser Eindrücke leicht in zwei große Gruppen, in Klänge und Geräusche,

die schon das vorwissenschaftliche Denken als musikalische und

unmusikalische Eindrücke auseinanderhält. In der Analyse der Geräusche

ist man noch nicht weit fortgeschritten. Man unterscheidet Momentan-

und Dauergeräusche, schreibt ihnen die Eigenschaften der Stärke und

Höhe zu, ist aber noch nicht imstande, endgültig zu entscheiden, ob

das Geräusch stets ein zusammengesetzter Eindruck ist, oder ob es

Geräusch+empfindungen+ gibt, und ob im ersteren Falle die Geräusche

auf Töne zurückführbar sind. Man kann allerdings durch Häufung kurz

dauernder Töne ein Geräusch erzeugen. Allein damit wird die Frage nicht

entschieden, da die Verbindung solcher Empfindungen bzw. ihrer Reize

möglicherweise einen ganz neuen und andersartigen Bewußtseinsinhalt

bedingt. Eine Lösung dieser Frage kann nur durch den unmittelbaren

Vergleich des Geräuscheindruckes mit den Tonwahrnehmungen angestrebt

werden.

Bei den Klängen glaubt man jedoch sehr bald auf wahre Empfindungen zu

stoßen, an denen sich nur noch die bekannten Eigenschaften der Höhe,

der Stärke und der Klangfarbe beobachten ließen. Sieht man aber genauer

zu, so findet man, daß die Verschiedenheit des a der Violine von dem

a der Trompete, abgesehen von den Streich- und Blasegeräuschen, auch

darauf beruht, daß sich mit dem a der Violine andere Teiltöne verbinden

als mit dem der Trompete. Gelingt es, durch künstlich herbeigeführte

Interferenzwirkungen diese Teiltöne auszuscheiden, so verschwindet auch

die Klangfarbe als eine Empfindungseigenschaft, und es bleiben nur die

beiden andern übrig. Davon ist die +Tonstärke+ leicht erfaßbar: das

gleiche a einer Stimmgabel kann stärker und weniger stark ertönen.

Die verschiedenen Stärkegrade sind in einer eindimensionalen Geraden

adäquat darstellbar. Sehr viele Probleme birgt indes die zweite

Eigenschaft der +Tonhöhe+, die noch keineswegs befriedigend zu lösen

sind.

Vorab ist die Bezeichnung Tonhöhe für die rein psychologische

Betrachtung hinderlich. Wir verbinden mit dem Wort „Höhe“ in

der Regel den Begriff eines Maßes oder eines Vergleiches,

Bewußtseinsinhalte, die, wie später zu zeigen ist, in den Bereich

der Gedanken, nicht der Empfindungen gehören. Die Empfindung als

solche liefert uns nur eine eigenartige Tonqualität, und wenn mehrere

Töne nacheinander geboten werden, eine Anzahl in sich verschiedener

Tonqualitäten. Von einem oben und unten, hoch und niedrig enthält die

reine Empfindung nichts. Es fragt sich nun, ist diese Tonqualität

ein Letztes, Einheitliches? Zur Beantwortung dieser Frage müssen

wir die mannigfachen uns bekannten Töne nebeneinander halten. Da

stoßen wir auf die mißliche Tatsache, daß die Sprache für das

Reich der Töne keine Benennungen geschaffen hat außer allgemeinen,

wenig zweckdienlichen wie „hoch“ und „niedrig“. Die Musik, nicht

die Psychologie, hat sich zu helfen gesucht, indem sie aus der

unübersehbaren Mannigfaltigkeit der Töne gewisse herausgriff und mit

willkürlichen Namen a, b, c usw. belegte. Böte man nun einem normal

hörenden, aber jede musikalische Erfahrung entbehrenden Menschen

eine größere Anzahl solcher Töne in bunter Reihenfolge und ließe

ihn eine Qualitätenreihe herstellen, wobei er die Töne, ähnlich wie

zuvor die Farben, nach ihrer qualitativen Zusammengehörigkeit zu

gruppieren hätte, so könnten wir wohl zwei Tatsachen feststellen:

als zusammengehörig würden einmal jene Töne bezeichnet, wie sie auch

von der Musik innerhalb der Tonleiter aneinander gereiht werden;

zweitens verriete sich die Neigung, Töne als nächst ähnlich paarweise

zusammenzufassen oder gar miteinander zu verwechseln, die in der

Musik als Oktaven oder Quinten bekannt sind. Es ergibt sich somit

die merkwürdige Erscheinung, daß derselbe Ton c′ sich von c in

einer Hinsicht weiter entfernt hat als etwa a, in anderer Hinsicht

dem Grundton c näher liegt als a. Es muß also die Tonqualität eine

doppelte Seite aufweisen: eine, die sich gleichmäßig fortschreitend

ändert, und eine, die nach dem Ausgangspunkt zurückstrebt. Eine

räumliche Darstellung beider Tendenzen in ihrer Vereinigung böte etwa

eine auf einem Zylinder aufgezeichnete Schraubenlinie. Dringlicher

indes als eine räumliche Symbolisierung dieser Verhältnisse ist

die psychologische Charakterisierung der beiden Seiten der sog.

Tonhöhe. Man hat für die geradlinig fortschreitende den Ausdruck

Höhe im engeren Sinne oder besser „Helligkeit“, für die periodisch

wiederkehrende die Bezeichnung Qualität versucht. W. +Köhler+

machte auf die unverkennbare Ähnlichkeit aufmerksam, welche die

verschiedenen Töne mit den Vokalen haben: die tiefen mit u, o, die

hohen mit e, i und wollte die Töne allein durch ihre „Vokalität“

charakterisieren. Aber vielleicht ist es richtiger, die Vokale durch

die Töne zu charakterisieren; erhalten sie ihren Charakter doch

durch bestimmte Töne, die Formanten (+Stumpf+, Die Struktur der

Vokale, 1918). Weil uns jedoch die Vokale geläufiger sind als die

reinen Töne, hören wir in diese leichter Vokale hinein, als umgekehrt

die Töne aus den Vokalen heraus. Auch ist mit der Vokalität die

ganze Eigenart des Tones nicht erfaßt; namentlich die zwischen den

Oktaven und Quinten zu dem Grundton bestehende Ähnlichkeit bleibt

unberücksichtigt. Wie auf den Vokalcharakter so hat man auch auf den

Raumcharakter der Töne hingewiesen: die tieferen Töne haben etwas

Breites, Ausgedehntes, die höheren etwas Spitzes an sich.

Obwohl Qualität und Höhe sich verschieden verhalten, in pathologischen

Fällen sogar getrennt voneinander auftreten sollen (G. +Révész+),

sind sie doch keine selbständigen Bewußtseinsinhalte und darum auch

nicht Empfindungen, sondern nur unselbständige Momente oder Seiten

der Tonempfindungen, ebenso wie der Farbenton und die Helligkeit, die

eine ungeteilte Farbenempfindung ausmachen. Wenn pathologisch in der

Parakusie oder normal in den Regionen der tiefsten und höchsten Töne

zwar das Steigen und Fallen noch erkannt wird, die Qualität hingegen

unbestimmbar ist, so liegen ähnliche Verhältnisse vor wie bei der

Farbenblindheit mit normaler Helligkeitsverteilung: es wird nicht die

Helligkeit allein empfunden, sondern verbunden mit einer bestimmten,

sich nahezu gleichbleibenden Qualität.

Die Qualitätenreihe der Töne, von der oben die Rede war, enthält eine

überaus große Mannigfaltigkeit von unterscheidbaren Einzeltönen.

Vergleicht man nun, von einem beliebigen Ton ausgehend, der Reihe nach

die aufeinanderfolgenden Töne mit dem Ausgangston, so findet man, daß

gewisse Töne so innig mit ihm verschmelzen, daß nur ein geübtes Ohr

die Zweiheit der Töne bemerkt, während bei dem Zusammenklingen anderer

die Zweiheit sofort hervortritt. Wir nennen nun den Tonabstand, bei

dem die innigste Verschmelzung eintritt, der Musiklehre folgend, eine

Oktav, den hinsichtlich des Verschmelzungsgrades nächstfolgenden eine

Quint, der sich die Quart, die große Terz, die Sext, die Sekunde und

die Septim anschließen. Der Zusammenklang der beiden letztgenannten

Intervalle ist für uns unlustbetont; wir sprechen von Dissonanzen,

während die erstgenannte Intervalle die wohlgefälligen Konsonanzen

ergeben.

Wie bei der Besprechung der Konsonanz, so überschreiten wir nochmals

das enge Gebiet der eigentlichen Empfindung, indem wir uns der

+Klangfarbe+ zuwenden. Doch ist diese zweifache Gebietsüberschreitung

hier berechtigt, weil wir durch sie die Tonempfindung selbst

näher kennen lernen. +Helmholtz+ wies experimentell nach, daß mit

den Tönen, die wir erzeugen, gewisse „Obertöne“ verbunden sind,

und zwar gesellt sich für gewöhnlich der nächste Oktavton, die

Quint von dieser Oktav, ferner die zweite Oktav usw. hinzu. Es

sind immer nur ganz bestimmte Töne, die sich mit dem Grundton

vereinigen, aber nicht alle Obertöne sind in jedem Falle vorhanden

und nicht alle sind jedesmal in der nämlichen Stärke gegeben. Wegen

dieser doppelten Variationsmöglichkeit klingen gleich hohe Töne

auf verschiedenen Instrumenten ganz verschieden. Mit Hilfe der

Helmholtzschen Resonatoren, metallener Hohlkugeln mit einer Öffnung

zum Auffangen und einer kleineren zur Abgabe des Tones in den

Gehörgang, lassen sich die Teiltöne aus dem Klangganzen heraushören.

So gelangt man zu einer Charakteristik des einfachen Tones gegenüber

dem zusammengesetzten Klang. Der einfache Ton ist angenehm, ohne

Rauhigkeit, unkräftig, in der Tiefe weich und dumpf, in höheren Lagen

hell und spitz. Der menschliche Mund beim Pfeifen und die Flöte

der Orgel erzeugen Klänge, die dem einfachen Ton sehr nahestehen.

Verbindet sich mit dem Grundton eine Anzahl niederer Obertöne, so

ergibt sich ein reicher musikalischer Klang wie bei der offenen

Orgelpfeife. Ungeradzahlige Teiltöne machen den Klang hohl und bei

größerer Anzahl näselnd. Ist der Grundton zugleich der stärkste,

so bezeichnen wir den Klang als voll, andernfalls als leer. Werden

endlich die jenseits des sechsten liegenden Obertöne sehr intensiv,

so erhalten wir den scharfen, rauhen Klang der Blechmusik.

2. Die Beziehung der Tonempfindungen zu den äußeren Reizen

Als allgemeiner Reiz für die Entstehung der Schallwahrnehmungen gelten

schwingende Luftmassen. Dem einfachen Ton entspricht die einfache

Sinusschwingung, und zwar wird die Gesamtqualität des Tones oder die

Tonhöhe durch die Zahl der in einer Sekunde erfolgenden Schwingungen

und die Intensität des Tones durch die Amplitude bedingt. Für die

Intensitätsregel ist allerdings zu beachten, daß sie in dieser

einfachen Form nur für Töne gleicher Höhe gilt. Denn die lebendige

Kraft, von der die Stärke des Tones abhängt, richtet sich sowohl nach

der Amplitude wie nach der Schwingungszahl; je größer diese ist, um so

geringer kann jene sein. Darum klingt von zwei Tönen gleicher Amplitude

der höhere lauter (+Helmholtz+), weshalb z. B. eine Piccoloflöte oder

ein guter Sopran ein stark besetztes Orchester zu übertönen vermag.

Die Zahl der Luftschwingungen in der Sekunde bestimmt die Höhe

des Tones. 435 Doppelschwingungen in der Sekunde ergeben z. B.

den Wiener Kammerton a. Die Raschheit der Schwingungen muß nun so

groß sein, daß auf eine Sekunde wenigstens 15 Schwingungen kommen,

wenn überhaupt ein Ton gehört werden soll (+Ellis+). Als oberste

Schwingungszahl, die auf uns noch den Eindruck eines Tones macht,

gibt man 20000 (+König+) oder 50000 (+Edelmann+) Schwingungen an.

Im Alter rücken diese Grenzen ein wenig zusammen (+Zwaardemaker+).

Wenn nun als untere Grenze 15 Schwingungen für die Sekunde genannt

werden, so ist damit nicht gesagt, daß tatsächlich wenigstens 15

Luftstöße unser Ohr treffen müßten, sondern es ist nur ausgesprochen,

+mit welcher Geschwindigkeit+ diese Stöße einander zu folgen haben,

damit überhaupt ein musikalischer oder doch ein akustischer Eindruck

entsteht. Es genügen nach den neueren Untersuchungen in Wirklichkeit

schon zwei aufeinanderfolgende Luftstöße zur Erzeugung einer

Tonempfindung. Allerdings ist der Charakter dieser Tonempfindung noch

nicht völlig bestimmt. Aber schon mit 16 Schwingungen ist der höchste

Grad der Bestimmtheit erreicht. Eine ähnliche Feinheit zeigt das Ohr

in dem mittleren Gebiet für die +Unterschiede der Geschwindigkeit+

der Luftstöße. Beträgt der Unterschied auch nur eine halbe Schwingung

in der Sekunde, so wird der Ton als ein qualitativ anderer erkannt,

wenngleich die Bestimmung seiner Höhe unsicher sein kann. Es lassen

sich darum in einer mittleren Oktave über 1000 Töne unterscheiden.

Bei etwa 40 Schwingungen irrt man allerdings um eine ganze Schwingung

und an den oberen Grenzen vollends um Tausende bei der Bestimmung der

Tonhöhen.

Höchst beachtenswert sind die Beziehungen, die zwischen den

Schwingungszahlen jener Töne bestehen, die wir oben rein

psychologisch als mehr oder weniger miteinander verschmelzend, mehr

oder weniger konsonant herausgestellt haben. Die Schwingungszahl

eines beliebigen Tones verhält sich zu der seiner Oktav, seiner

Quint, seiner Quart, großen Terz, kleinen Terz usw. wie 1:2, 2:3,

3:4, 4:5, 5:6 usf. Ähnlich einfache Verhältnisse finden sich bei den

Schwingungszahlen des Grundtones und der Obertöne. Diese verhalten

sich der Reihe nach wie 1:2:3:4:5 usf. Aus solchen Tatsachen darf man

jedoch nicht den Schluß ziehen, unser Ohr fasse diese eigenartigen

Zahlenverhältnisse auf, oder ein konsonantes Intervall erscheine uns

deshalb wohlgefällig, weil das Verhältnis der Schwingungszahlen ein

sehr einfaches sei. In dem Bewußtsein des über die Tonreize nicht

unterrichteten Menschen ist nichts vorhanden als der angenehme oder

unangenehme Zusammenklang zweier Töne. Dagegen besitzt unser Ohr eine

merkwürdige Fähigkeit, die kompliziertesten Luftwellen zu zerlegen.

Ertönt eine Stimmgabel, so werden die benachbarten Luftteilchen in

Transversalschwingungen versetzt, die sich geometrisch als einfache

Sinusschwingungen nach ihren einzelnen Phasen wiedergeben lassen.

Erklingt nun gleichzeitig eine zweite Stimmgabel, so erfassen die von

ihr ausgehenden Stöße das nämliche Luftteilchen. Auch sie möchten ihm

eine Sinusschwingung erteilen. Da es jedoch nunmehr beiden Antrieben

folgen muß, so wird seine Bewegung eine sehr eigenartige, und das

Kurvenbild der Totalbewegung wird ein recht kompliziertes, das mit

der ursprünglichen Sinuskurve kaum noch eine Ähnlichkeit aufweist.

Aber wie sich mathematisch jede Kurve in Sinuskurven zerlegen läßt

(+Fourrier+ 1822), so wird auch der verwickelte Gesamtreiz im Ohr

in seine einfachen Komponenten zerlegt. Und darum verschmelzen zwei

gleichzeitig erklingende Töne nicht zu einem Mischton wie zwei Farben

zu einer Mischfarbe verschmelzen, sondern jeder Ton bleibt für

sich bestehen. Aus demselben Grunde macht es für das Hören keinen

Unterschied, ob zwei Töne gleichzeitig oder nacheinander einsetzen,

so sehr sich auch die entstehende Gesamtkurve infolge einer

Phasenverschiebung verändert.

Man hat den der Tonempfindung bzw. dem musikalischen Eindruck

zugehörigen Reiz vielfach als periodische Luftschwingung dem

ein Geräusch verursachenden Reiz gegenübergestellt und diesen

als unperiodischen gekennzeichnet. Drückt man aber eine Anzahl

benachbarter Klaviertasten gleichzeitig nieder, so vernimmt man ein

Geräusch, obwohl hier aus der Summe periodischer Teilreize wieder

ein periodischer Gesamtreiz entstehen muß. Anderseits hört man beim

Ausklingen einer Sirene zweifellos einen musikalischen Klang, und

doch folgen sich hier nicht periodische Schwingungen, da die Reize

sich beständig ändern. Man wird also den musikalischen Reiz als

den einfacheren gegenüber dem sehr komplizierten Geräuschreiz zu

betrachten haben, ohne vorerst eine scharfe Grenzlinie ziehen zu

können.

Bevor wir nun die Theorie der Gehörempfindungen darstellen

können, müssen wir noch zwei Tatsachengruppen besprechen, die

über die Einzelempfindung hinausführen, die +Schwebungen+ und die

+Kombinationstöne+. Erklingen zwei benachbarte Töne gleichzeitig,

so bemerkt man rhythmische Intensitätsschwankungen: bei sehr nahe

zusammenliegenden Tönen ein allmähliches Ab- und Zunehmen der

Intensität, bei entfernteren vernimmt man abgegrenzte Stöße oder

endlich ein verworrenes Schwirren. Zählt man ab, wieviele Schwebungen

auf die Sekunde entfallen, so stellt sich heraus, daß die Zahl der

Schwebungen gleich der Differenz der Schwingungszahlen der beiden Töne

ist. Je näher also die Töne einander liegen, um so geringer ist die

Zahl der Schwebungen. Schwebungen bei hohen und bei niederen Tönen

unterscheiden sich durch die größere Rauhigkeit in den oberen Regionen.

Merkwürdigerweise ruft auch ein kräftiger Oberton Schwebungen mit dem

Grundton hervor, wodurch also ein neues, die Klangfarbe mitbestimmendes

Element gegeben ist.

Die Erklärung der Schwebungen möchte man zunächst bei den äußeren

Reizen suchen. Vereinigt man zwei wenig voneinander unterschiedene

Sinuskurven, so ergibt sich eine neue Kurve, die periodisch ein

Maximum und ein Minimum der Amplitude aufweist. Es wird also

wirklich die Luftwelle durch Interferenz abwechselnd geschwächt

und verstärkt. Allein diesem Deutungsversuch widerspricht die oben

mitgeteilte Tatsache, daß das Ohr von der durch Kombination der

Schwingungen entstandenen Form der Kurve unabhängig ist, da es

aus dieser die ursprünglichen Komponenten herausanalysiert. Somit

müssen die Schwebungen im Ohr selbst entstehen. Die Theorie der

Gehörempfindungen hat dies verständlich zu machen.

In eigenartiger Weise geht unser Sinnesorgan über die objektiv

vorhandenen Reize hinaus und bleibt doch wiederum in streng

gesetzmäßiger Beziehung zu den Reizen bei den sogenannten

+Kombinationstönen+. Wird gleichzeitig ein hoher (h) und ein tiefer

(t) Ton geboten, so hört man unter Umständen noch einen dritten Ton

von der Schwingungszahl h−t, den +Differenzton+. Außerdem ist ein

Ton von der Schwingungszahl h+t vernehmbar, der +Summationston+.

Sorgfältige Beobachtungen ergaben nun, daß sich zwischen dem Ton

t und dem tieferen Differenzton h−t ein neuer Differenzton bildet

von der Schwingungszahl t−(h−t) = 2t−h. Man nennt ihn den zweiten

Differenzton. Wie man sieht, lassen sich nach diesem Prinzip noch

eine Reihe anderer Kombinationstöne rein rechnerisch ableiten. Man

will sie zum Teil auch beobachtet haben. Von größerer Bedeutung

sind indes nur die drei genannten Kombinationstöne. Zu ihrer

einwandfreien Feststellung hat namentlich +Stumpf+ eine exakte

Methode ausgearbeitet, auf die wegen ihrer vorbildlichen Sorgfalt

hier wenigstens aufmerksam gemacht sei. (Stumpf, Beobachtungen über

Kombinationstöne ZPs. 55 [1910], S. 1 ff.)

Die Kombinationstöne, von denen hier die Rede ist, lassen sich

nicht aus äußeren Reizen erklären, die sich etwa infolge des

Zusammenwirkens zweier Schallquellen bilden. Eine derartige

Entstehung eines neuen objektiven Reizes ist allerdings möglich,

z. B. wenn man zwei Stimmgabeln auf einer gemeinsamen Unterlage

befestigt oder wenn im Harmonium zwei Pfeifen von einer gemeinsamen

Windlade aus gespeist werden. Die so entstehenden Kombinationstöne

verlangen keine weitere psychologische oder physiologische Erklärung.

Sie sind daran als objektive Töne zu erkennen, daß sie durch einen

Helmholtzschen Resonator verstärkt werden, während der subjektive

Kombinationston gleich laut bleibt. Sind aber die Schallquellen

sorgfältig getrennt, so kann sich ein neuer äußerer Reiz nicht

bilden, es sei denn, man setze besonders empfindliche und geeignete

elastische Körper beiden Reizen aus. So fand man, daß auch bei

getrennten Schallquellen empfindliche Flammen, Telephonplatten und

Membranen nach dem Muster des Trommelfelles mit dem Kombinationston

reagieren. Die Vermutung ist darum berechtigt, daß die

Kombinationstöne auf die nämliche Weise im Trommelfell entstehen.

Wenn man nun auch nach Wegfall des Trommelfelles Kombinationstöne

gehört hat, so könnten sie in einer andern Membran des Mittelohres,

etwa in dem runden Fenster am Eingang der Schnecke, erzeugt worden

sein.

3. Die Theorie der Gehörempfindung

Der äußere Gehörgang wird von dem Trommelfell, einer schräg

verlaufenden, trichterförmig nach innen eingezogenen Membran

abgeschlossen. Wie physikalische Untersuchungen lehren, sind Membranen

dieser Bauart am geeignetsten, die verschiedenartigsten Schwingungen

der umgebenden Medien aufzunehmen, ohne zu sehr in Eigenschwingungen zu

geraten, wodurch sie zur getreuen Vermittlung der fremden Schwingungen

untauglich würden. Innen liegt dem Trommelfell der Hammer an, der

einerseits dessen Eigenschwingungen zu dämpfen, anderseits die dem

Trommelfell von außen erteilten Schwingungen vermittels der beiden

andern Gehörknöchelchen, des Amboß und des Steigbügels, auf die Membran

des zum Vorhof führenden ovalen Fensters zu übertragen hat (Fig. 3).

Das innere Ohr ist mit einer Flüssigkeit erfüllt. Somit erzeugen die

Schwingungen am ovalen Fenster Flüssigkeitswellen, die sich durch das

ganze innere Ohr und namentlich durch die Schnecke fortpflanzen. Dort

teilen sie sich der mit Endolymphe angefüllten häutigen Schnecke mit

und erregen deren Grundmembran, auf welcher der Hörnerv endigt. Die

Grundmembran enthält etwa 20000 straff gespannte, zur Schneckenspindel

radiär verlaufende Fasern, deren Länge nach der Schneckenspitze hin

zunimmt.

[Illustration: Fig. 3. Schema des Gehörorgans (nach _Nagel_). 1. der

Hörnerv. 3. Utriculus. 4. ein Bogengang. 5. Sacculus. 10. das knöcherne

Labyrinth. 11. das Felsenbein. 12. das ovale, 13. das runde Fenster.

15, 16. der äussere Gehörgang. 17. das Trommelfell. 18-20. Hammer,

Amboß, Steigbügel. 21-23. Paukenhöhle und Eustachische Röhre.

Aus _Nagel_, Handbuch der Physiologie des Menschen III, 2 S. 542.

Braunschweig, _Vieweg & Sohn_.]

Nach der +Helmholtzschen Theorie+ soll nun jede dieser Fasern wie

die Saiten eines Klaviers auf einen bestimmten Ton abgestimmt sein:

die am Ausgang der Schnecke liegenden kürzeren auf die höheren,

die an der Spitze liegenden längeren Fasern auf die tieferen Töne.

Bei einer rhythmischen Erregung der Endolymphe würden dann nur jene

Fasern in Schwingung geraten, die auf diese Wellenbewegung abgestimmt

sind, ähnlich wie beim Hineinsingen in ein Klavier nur die den

gesungenen Tönen entsprechenden Saiten mitschwingen. Die Schwingung der

Hautfaser reizt den auf ihr endigenden Hörnerven, wodurch schließlich

im Gehirn ein der Gehörempfindung entsprechender psychophysischer

Prozeß hervorgerufen wird. Diese Ansicht wird durch Tierexperimente

bestätigt: Zerstörung der Schneckenspitze verursachte Taubheit für

tiefe, Zerstörung der Schneckenbasis Unempfänglichkeit für hohe Töne.

Den Haupteinwand gegen die Theorie, so winzige Fäserchen könnten nicht

auf die tiefen Töne abgestimmt sein, hat Helmholtz durch mathematische

Untersuchungen zurückgewiesen.

Die Resonanztheorie macht nun zunächst die +Tonlücken+ und +Toninseln+,

d. h. den krankhaften Ausfall gewisser Partien der Tonreihe, leicht

verständlich. Es versagen da die entsprechenden Teile der Grundmembran.

Ferner erklärt die Theorie ganz einfach die Tatsache der Klanganalyse:

mag die Gesamtwelle wie immer gestaltet sein, sie kann nur jene Teile

des Resonators in Schwingung versetzen, die auch durch ihre Komponenten

erregt würden. Helmholtz nahm nun an, jeder Faser der Grundmembran

entspreche eine bestimmte Nervenfaser, die stets mit demselben Ton

antworte. Anderseits glaubte er, bei jeder Erregung würde nicht nur

eine isolierte Faser in Schwingung versetzt, sondern auch die ihr

zunächst anliegenden. Diese Annahmen vertragen sich nicht mit der

Tatsache, daß wir einfache Töne zu hören imstande sind (+Stumpf+).

Man läßt darum heute die gleiche Nervenfaser innerhalb enger Grenzen

mit einer veränderlichen Erregung reagieren. So versteht man auch die

Schwebungen. Beim Erklingen zweier benachbarter Töne werden nicht

nur zwei vereinzelte Fasern erregt, sondern auch die Nachbargebiete

dieser beiden Fasern. Greifen diese nun übereinander, so müssen die

mittleren Fasern, die beiden Antrieben unterliegen, der Interferenz

zufolge bald ein Maximum, bald ein Minimum der Erregung aufweisen. Die

Dauergeräusche sodann würden durch eine gleichzeitige Erregung größerer

Strecken der Grundmembran verständlich, wobei ein Tongewirre entstehen

müßte, verbunden mit mannigfaltigen Interferenzerscheinungen, die den

Charakter des Unruhigen und Rauhen bedingten. Die Momentangeräusche

hingegen würden durch Reize erzeugt, die kürzer sind als eine

Schwingung und darum keinen Ton hervorrufen.

Experimentelle Psychologie · 第 4 / 30 段