mit +Hering+, +Mach+ und älteren Forschern +physiologisch+. Man denkt
sich die benachbarten Stellen der Netzhaut oder eines andern Teiles
des nervösen Apparates in funktioneller Wechselwirkung zueinander
stehend, ähnlich wie die Wassersäulen in einer Manometerröhre: sinkt
die eine Wassersäule, so muß die Nachbarsäule steigen. Entspricht
nun dem Sinken die Empfindung der einen Gegenfarbe, so ist mit dem
Steigen die der andern verbunden; empfindet ein Netzhautelement rot,
so muß darum das Nachbarelement grün empfinden. +Helmholtz+ wollte die
Kontrasterscheinungen psychologisch als „Urteilstäuschung“ oder, wie
man heute sagen müßte, als Resultat der Auffassung deuten. Gegen diese
nicht mehr haltbare Anschauung sei nur ein durchschlagender Beweis von
G. E. +Müller+ angeführt. Einem Grünblinden wurden zwei Hintergründe
vorgelegt, ein grüner und ein grauer, die er beide für gleich grau
ansah. Auf beiden brachte man nun ein kleineres graues Quadrat an.
Während nun das Quadrat auf dem grauen Hintergrunde seine Farbe nicht
änderte, sah der Grünblinde das Quadrat auf dem grünen Hintergrund in
roter Farbe.
Die Tatsachen, auf die sich +Helmholtz+ stützte, gehören zumeist
in den Bereich der Oberflächenfarben (s. S. 25), wo wirklich
die Auffassung eine bedeutsame Rolle spielt, wie später noch
zu zeigen ist. Die hier besprochenen Gesetzmäßigkeiten werden
aber in erster Linie stets von den Flächenfarben verstanden. Die
auffällige Erhöhung des Kontrastes durch die Überdeckung mit einem
(weißen oder schwarzen) Flor dürfte auch darin begründet sein,
daß er die Farben als Flächenfarben erscheinen läßt. -- Andere
beachtenswerte Anschauungen über den Kontrast von E. R. +Jaensch+
(6. Kongreßbericht 1914) und F. W. +Fröhlich+ („Grundzüge einer
Lehre vom Licht und Farbensinn“ 1921). -- Übrigens leistet der
heute freilich eingebürgerte Ausdruck des Farben+kontrastes+ einer
Begriffsverwirrung Vorschub. Die Farben+inhalte+ rot-grün, gelb-blau
besagen nämlich keinerlei Gegensatz; ebensowenig die physikalischen
Reize.
5. Die Umstimmung der Netzhaut
Ein Lichtreiz, der auf eine bestimmte Stelle der Netzhaut einwirkt,
ruft, wie soeben geschildert, gleichzeitig eine Erregung der nicht
unmittelbar gereizten Netzhautteile hervor. Er verursacht aber auch,
nachdem er selbst schon vergangen ist, auf der unmittelbar gereizten
Stelle eine nachdauernde Erregung, der mannigfache Nachempfindungen
entsprechen.
Blickt man für einen Moment in ein sehr helles Licht und schließt
alsbald das Auge, so sieht man für eine Weile noch das Bild des
Lichtes. (+Positives Nachbild.+) So erscheint auch ein im Dunkeln
rasch bewegter Funke nicht als wandernder Punkt, sondern als
Lichtlinie. Fixiert man einen farbigen Gegenstand etwa eine halbe
Minute lang und schaut dann auf eine helle Wand, so hat man das Bild
des Gegenstandes in komplementärer Farbe vor sich, und zwar um so
lebhafter, je intensiver und anhaltender der Reiz war. (+Negatives
Nachbild, sukzessiver Kontrast.+) Betrachtet man eine Landschaft
durch ein gelbes Glas, so schwindet allmählich die gelbliche Färbung
der Gegenstände; sie erscheinen nach und nach in ihrer objektiven
Belichtung. Die Netzhaut ist für Gelb ermüdet. Richtet man nach
Entfernung des gelben Glases das Auge auf eine farblose Fläche, so
zeigt sie das komplementäre Blau. Diese als +Umstimmung der Netzhaut+
bezeichnete Erscheinung ist ganz allgemein: jede Lichteinwirkung setzt
die Aufnahmefähigkeit für das einwirkende Licht herab und erhöht die
für das gegenfarbige Licht. Darum erscheint auch farbiges Lampenlicht
nach kurzer Zeit als weiß. (Vgl. jedoch S. 109.) Im Zusammenhange
damit steht die sog. +gleichsinnige Lichtinduktion+: Fixiert man
eine farblose Scheibe auf farbigem Grund, so läßt sie zuerst die
Kontrastfarbe erkennen. Nach einiger Zeit aber tritt an die Stelle der
Kontrastfarbe die komplementäre, d. h. die Farbe des Umfeldes, so daß
Grund und Scheibe in dem gleichen Lichte erscheinen.
Die Erklärung der Umstimmungserscheinungen wird durchgängig auf dem
Gebiete der Physiologie gesucht. Sie ist je nach der allgemeinen
Farbentheorie, welche die einzelnen Autoren vertreten, verschieden.
An dieser Stelle genügt uns die schon bei dem Simultankontrast
verwertete Hilfsvorstellung der kommunizierenden Röhren. Lassen wir die
Farbenempfindung nicht nur von dem auf der einen Wassersäule ruhenden
Druck, sondern auch von der Menge des in der Röhre befindlichen Wassers
abhängig sein, so hat man eine Veranschaulichung dafür, daß mit der
Andauer des Reizes die geweckte Farbenempfindung schwächer werden und
die Disposition zur Empfindung der Gegenfarbe anwachsen muß. Eine
Ausnahme macht dann allerdings die Schwarz-Weißempfindung, deren
Verhalten die Zuhilfenahme neuer Hypothesen erfordert.
6. Die zeitlichen Verhältnisse der Lichtwirkung
Exponiert man eine weiße Scheibe weniger als ⅒ Sekunde, so wird sie
nicht als volles Weiß, sondern als Grau gesehen. Exponiert man auf
dieselbe Weise (tachistoskopisch) eine farbige Scheibe, so erscheint
sie farblos, und erst, wenn der farbige Reiz etwa ½ Sekunde lang auf
das Auge einwirkt, wird er richtig wahrgenommen. Man spricht hier von
dem +Ansteigen der Empfindung+. Der Reiz muß eine gewisse (zeitliche)
Schwelle überschreiten, damit die Farbe nicht nur als Licht
(generelle Schwelle), sondern auch als Farbe (spezifische Schwelle)
erscheine.
Hört der Lichtreiz auf, so schwindet damit noch nicht sofort die
Lichtempfindung, sondern sie klingt allmählich ab. Der schlichten
Beobachtung scheint dieses Abklingen ein bloßes Nachlassen der
eigentlichen Empfindung zu sein. Genauere Untersuchungen lassen
es als möglich erscheinen, daß das +Abklingen der Empfindung+
mit dem positiven Nachbild zusammenfällt, daß aber zwischen dem
positiven Nachbild und der eigentlichen durch den Lichtreiz
unmittelbar hervorgerufenen Empfindung dem primären Bild, noch eine
andere Erregung, das sekundäre Bild, liegt. (Vgl. +v. Kries+, Die
Gesichtsempfindungen, in Nagels Handbuch der Physiologie III. Bd.
8, Seite 101 ff.) Auf das positive Nachbild folgt dann, wie oben
beschrieben, das negative.
Wechseln auf einer rotierenden Scheibe weiße und schwarze Sektoren
miteinander ab, so hat das entstehende Grau die gleiche Helligkeit,
wie wenn das Weiß seine Helligkeit der ganzen Scheibe mitteilen
müßte. Hat also der weiße Sektor den Umfang von 180°, und wäre der
schwarze Sektor absolut dunkel, so erscheint die rotierende Scheibe
so hell, wie wenn die halbe Intensität der 180° Weiß auf die ganze
Scheibe verteilt wäre. (+Talbotsches Gesetz.+) Es verhält sich somit
das Auge in dieser Beziehung wie eine photographische Platte, die um
so länger exponiert werden muß, je schwächer die Beleuchtung ist,
falls der gleiche Wirkungsgrad erzielt werden soll.
Zu den zeitlichen Verhältnissen der Lichtreize können wir auch
die merkwürdigen Erscheinungen rechnen, die sich bei längerem
Aufenthalt im Dunkeln oder im Hellen ergeben. Tritt man aus einem
hell erleuchteten Raum in einen dunkeln, so kann man zunächst in
ihm nichts unterscheiden. Allmählich wird jedoch das Auge für die
schwachen Reize empfindlich, es herrscht die +Dunkeladaptation+ oder
das +Dämmerungssehen+. Nach einem Aufenthalt von etwa 20 Minuten
hat sich die Empfindlichkeit gegenüber dem Anfangszustand um das
8000fache vermehrt. -- Verläßt man nun den dunkeln Raum, so wird man
von der Helle empfindlich geblendet und vermag nichts zu sehen. Nach
kurzer Zeit gewöhnt sich jedoch das Auge wieder an das Licht: es ist
+helladaptiert+.
Wie schon oben erwähnt, werden bei Dunkeladaptation keine Farben-,
sondern nur noch Helligkeitsverschiedenheiten empfunden. Dabei
ruht das Helligkeitsmaximum nicht mehr im Gelb, sondern im Grün;
Blau erscheint heller als Rot. Aus diesem Grunde werden auch
Farbengleichungen für das dunkeladaptierte Auge unwahr. Nach den
bisherigen Forschungen gilt letzteres indessen nicht für den gelben
Fleck, die Stelle des deutlichsten Sehens. Diese für die Theorie
der Lichtempfindungen höchst bedeutsame Ausnahme wird freilich von
+Hering+ bestritten. (Archiv f. Ophthalmologie Bd. 90, S. 1 ff.)
7. Die örtlichen Verhältnisse der Lichtwirkung
Das Auge ist nicht allein auf die Leistungsfähigkeit der
Netzhautmitte angewiesen. Wieviel wir dem Sehen mit den seitlichen
und peripheren Teilen verdanken, können wir uns veranschaulichen,
wenn wir eine enge Röhre vor das Auge halten. Es läßt sich
leicht ausmessen, wie weit die Ausdehnung des nichteingeengten
Gesichtsfeldes reicht. Man stelle einen halbkreisförmigen Reif so
vor das Auge, daß dieses sich im Kreiszentrum befindet und die Mitte
des in der horizontalen Ebene aufgestellten Ringes fixiert. Nähert
man jetzt einen kleinen Gegenstand ruckweise vom äußeren Ende den
Ring entlang der Mitte, so findet man den Punkt, wo der Gegenstand
erstmals gesehen wird. Drückt man die Entfernung dieses Punktes von
der Reifmitte in Bogengraden aus, so hat man die seitliche Ausdehnung
des Gesichtsfeldes nach innen bzw. nach außen gemessen. Dreht man
alsdann den Reif um 90°, so daß er in der Vertikalebene liegt, so
kann man die obere und untere Grenze ermitteln. Ein nach diesem
Prinzip gebautes Instrument nennt man +Perimeter+.
Untersucht man nun mit Hilfe des Perimeters die
+Helligkeitsempfindlichkeit der Netzhaut bei Dunkeladaptation+, so
ergibt sich, daß diese an der Stelle des deutlichsten Sehens am
geringsten ist und innerhalb gewisser Grenzen nach der Peripherie zu
ansteigt. Dazu stimmt die Praxis der Astronomen, lichtschwache Sterne
nicht zu fixieren, sondern durch „Vorbeisehen“ zu betrachten. Bei
+Helladaptation+ besteht kein Unterschied der Hellempfindlichkeit
für die Mitte und die seitlichen Partien, dagegen zeigen sich
überraschende +Verschiedenheiten für die Farbenempfindungen+. Bringt
man bunte Scheibchen der Reihe nach an verschiedenen Stellen des
Perimeters an, so verschwinden in einer gewissen Zone bestimmte
Schattierungen von Rot und Grün, während andere in Gelb und Blau
übergehen: die +Zone der Rot-Grün-Blindheit+. Rückt man die
Farbenscheibchen noch weiter hinaus, so verschwinden alle Farben. Die
+Netzhautperipherie+ ist +total farbenblind+. Dabei ist der Umstand
bedeutsam, daß die Helligkeitsverteilung auf dieser äußersten Zone
mit der auf der Netzhautmitte übereinstimmt. Also auch hier ist
Gelb die hellste Empfindung, während bei der Dunkeladaptation, wo
gleichfalls die Farben in Grau übergehen, die größte Helligkeit an
der Stelle des Grün beobachtet wird. Auch das ist beachtenswert,
daß ausgedehntere farbige Objekte ebenso wie intensiver beleuchtete
weiter peripherwärts farbig erscheinen, als solche von geringerem
Umfang bzw. geringerer Intensität. Es entspricht endlich den bisher
genannten Tatsachen, wenn die für die Netzhautmitte hergestellten
Farbengleichungen sich auch auf den seitlichen Teilen als gültig
erweisen. Auch dies ist ein für die Theorie bedeutsamer Gegensatz zu
den Verhältnissen bei der Dunkeladaptation.
8. Die Farbenblindheiten
Bevor sich eine Theorie der Gesichtswahrnehmungen versuchen läßt,
müssen noch die Tatsachen aufgezählt werden, die aus dem experimentum
naturae bekannt geworden sind. Infolge angeborener Mängel, seltener
infolge von Krankheit (Vergiftung), stellen sich mannigfache
Abnormitäten im Farbensehen ein. Je leichter sich nun diese aus
einer Theorie verständlich machen lassen, um so mehr gewinnt die
betreffende Theorie an innerer Wahrscheinlichkeit. Breitet man
vor verschiedenen Individuen eine Anzahl farbiger Wollbündel aus
und greift man aus dieser Menge ein grünes Wollbündel heraus mit
der Aufforderung, alle gleichfarbigen neben das grüne zu legen,
so werden sich immer Individuen finden, die neben das grüne auch
graue und braune Wollfäden legen. Diese Individuen halten grau und
grün für gleich, weil sie eben grün überhaupt nicht empfinden.
Wiederholt man den Versuch mit einer andern Farbe, so wird man bei
einer hinreichend großen Zahl von Prüflingen solche finden, die für
andere Farben unempfänglich sind. Diese Anomalien des Farbensehens,
die Farbenblindheiten, wurden erst 1794 von +Dalton+ entdeckt. Sie
konnten so lange unbekannt bleiben, weil die Farbenblinden in der
Regel auch jene Farben richtig benennen, die sie als solche gar nicht
empfinden. Sie stützen sich dabei auf andere Merkmale und bezeichnen
etwa ihr helleres „Rot“ ebenso wie der Normale als Gelb.
Wie die fortschreitenden Untersuchungen ergeben, sind die +Arten der
Farbenblindheiten+ sehr mannigfaltig. Zu einer ersten Orientierung
genügt es indes, die drei wichtigsten und verbreitetsten Klassen
aufzuzählen: die Rot-Grün-Blindheit, die Gelb-Blau-Blindheit und
die totale Farbenblindheit. Die erste ist die häufigste. Sie findet
sich bei nahezu 4% aller Männer; bei Frauen jedoch sehr selten,
obwohl sie durch die Mutter vererbt wird. Der Rot-Grün-Blinde
sieht an der Stelle des Spektrums, wo für den Normalen das Grün
liegt, weiß. Links von dieser Stelle erblickt er nur Gelbnuancen,
rechts nur Abschattungen von Blau. Für die seltener anzutreffenden
Gelb-Blau-Blinden existieren nur die verschiedenen Arten von Rot
und Grün. Den total Farbenblinden endlich erscheint die Außenwelt
grau in grau, ähnlich wie sich dem Normalen ein photographisches
Bild darstellt. Das Spektrum der total Farbenblinden weist nicht
bei allen die gleiche Helligkeitsverteilung auf. Manche haben, um
nur die wichtigsten zu erwähnen, die gleiche Helligkeitsverteilung
wie das normale helladaptierte Auge, andere empfinden die
Helligkeitsabstufungen wie das dunkeladaptierte Auge.
Über verschiedene Abarten der Farbenanomalien, ihre Klassifikation
und andere Methoden ihrer Feststellung siehe +Fröbes+, I, 81 ff.
9. Die Theorie des Hell- und Dunkelsehens. Duplizitätstheorie
Wir beginnen die Darstellung der Theorie der Gesichtsempfindung mit
jener theoretischen Anschauung, die an letzter Stelle ausgebildet
wurde. Die Endteile des in der Netzhaut sich aufspaltenden und
ausbreitenden Sehnerven sind in der Hauptsache zwei anatomisch
verschieden gebaute Organe: die spindelförmigen Stäbchen und die
flaschenförmigen Zapfen. (Fig. 2.) Sie sind nicht gleichmäßig über
die Netzhaut verteilt, sondern die Netzhautmitte (fovea) enthält auf
der Stelle des deutlichsten Sehens (auf einer Fläche von etwa ½ mm
Durchmesser) nur Zapfen, während nach der Peripherie hin die Zapfen
immer spärlicher werden.
Die schon erwähnten Gesetzmäßigkeiten der Hell- und Dunkeladaptation,
insbesondere die verschiedene Helligkeitsverteilung im Spektrum
während dieser Zustände, die geringe Helligkeitsempfindlichkeit der
Netzhautmitte des dunkeladaptierten Auges, die totale Farbenblindheit
mit der Helligkeitsverteilung des Dunkelauges, die Tatsache, daß
in der Dämmerung ein fixierter weißlicher Fleck auf dunklem Grunde
verschwindet und umgekehrt ein schwarzer Fleck auf weißem Grunde
ganz ausfällt (K. L. +Schaefer+), alle diese Umstände führten zu der
Annahme, daß den anatomisch verschieden gebauten Endorganen auch
eine verschiedene Funktion zukomme: den Stäbchen die Wahrnehmung
der Schwarz-Weißreihe bei sehr schwacher Beleuchtung (der
+Dämmerungsapparat+), den Zapfen die Wahrnehmung aller Farben bei
hellem Licht (der +Hellapparat+). Diese Theorie wurde von M. +Schultze+
(1866) angedeutet und durch +Parinaud+ und namentlich +v. Kries+
ausgestaltet (Duplizitätstheorie).
[Illustration: Fig. 2. Schematischer Querschnitt durch die Retina nach
_Ramon y Cajal_. a und b Stäbchen und Zapfen. c und d Zapfenzellen und
Stäbchenzellen. e und f bipolare Zellen. g, h, i, j, k Ganglienzellen
des Sehnerven. H Optikusfasern. t _Müller_sche Stützfasern. s
zentrifugale Nervenfasern.
Nach _Ebbinghaus_, Grundzüge der Psychologie I 3. Aufl. Seite 187.
Berlin, Vereinigung wissenschaftlicher Verleger Walter de _Gruyter &
Co._]
Die +Duplizitätstheorie+ erhielt eine eigenartige Bestätigung in der
Entdeckung des Sehpurpurs. Diese Substanz findet sich nur bei den
Stäbchen. Vom Licht bestrahlt, zersetzt sie sich augenblicklich und
bildet sich aufs neue, wenn dem Auge das helle Licht entzogen wird.
Es ließ sich nun nachweisen, daß die Unterscheidungsfähigkeit des
Dunkelauges in genau dem gleichen Maße wächst, wie sich der Sehpurpur
mit der Dauer des Aufenthaltes im Dunkeln vermehrt. Nimmt man nun
an, die Zersetzung des Sehpurpurs rufe direkt oder indirekt die
Weißempfindung hervor, so werden die Adaptationserscheinungen leicht
verständlich. Beim Eintritt in das Dunkel ist noch kein Sehpurpur
vorhanden, und da die Zapfen nur auf starke Reize ansprechen,
entbehrt man gewissermaßen jedes Organ zum Sehen. Allmählich bildet
sich der Sehpurpur; man unterscheidet langsam die Gegenstände im
schwach beleuchteten Raum. Tritt man nun ins Helle, so ruft die
lebhafte Zersetzung eine intensive Weißempfindung hervor, durch die
man wie geblendet und zum Erkennen der Dinge unfähig gemacht ist.
Sobald aber der Sehstoff aufgebraucht ist, hört die Blendung auf
und der Hellapparat vermittelt die Farbenempfindungen. Die totale
Farbenblindheit mit dem Helligkeitsmaximum im Grün erklärt sich nach
der Duplizitätstheorie sehr einfach durch das Nichtfunktionieren des
Zapfenapparates.
Die Duplizitätstheorie gewann neue Stützen aus der Erforschung
des Tierauges. So fand man Nachttiere mit gut entwickeltem
Stäbchenapparat und nachtblinde (hemeralope) Tiere, die wie die
Hühner wenig Stäbchen besitzen. Allein neben solchen Bestätigungen
ergaben sich auch mancherlei Schwierigkeiten. So will man bei
den nachtblinden Hühnern (wie auch neuerdings bei der Fovea
des menschlichen Auges) das Purkinjesche Phänomen festgestellt
haben, und die der Stäbchen entbehrenden Schildkrötenaugen sollen
Dunkeladaptation aufweisen.
10. Die Theorien des Farbensehens
Die ältere +Young-Helmholtzsche Theorie+ nimmt im Sehnerven drei
Faserarten an, deren Erregung die Rot-, Grün- und Violett- bzw.
Blauempfindung vermittelt. Jeder Lichtreiz wirkt auf alle drei Fasern
ein, erregt aber je nach seiner Wellenlänge eine der drei Fasern
besonders lebhaft. Das langwellige Licht z. B. erregt gleichmäßig Rot-,
Grün- und Blaufasern, am stärksten jedoch die Rotfasern, weshalb bei
seiner Einwirkung Rot empfunden wird. So erklären sich sehr einfach
die Gesetze der Farbenmischung. Um den Farbenkontrast verständlich
zu machen, mußte Helmholtz, wie wir sahen, zu einer psychologischen
Deutung greifen, die nicht allen Tatsachen gerecht wird. Das negative
Nachbild rührt nach dieser Theorie von der Ermüdung her: Hat das Auge
eine Zeitlang rot empfunden, so waren zwar alle drei Faserarten tätig,
aber die am stärksten erregte Rotfaser wurde auch am meisten ermüdet.
Wendet sich das Auge nun auf einen weißlichen Hintergrund, so ist die
Grün- und die Violettfaser leistungsfähiger als die Rotfaser, weshalb
ein komplementäres Grünblau gesehen wird. Allein von einer solchen
Ermüdung kann nach neueren Untersuchungen nicht die Rede sein. Selbst
nach zehnstündigem Aufenthalt im Hellen ist das Auge nicht merklich
ermüdet. Und doch stellt sich der Kontrast schon nach kurzer Zeit ein.
Am wenigsten leistet die Helmholtzsche Theorie für die +Erklärung
der Farbenblindheiten+. Man kann diese im allgemeinen zurückführen
entweder auf eine anormale Absorption: wie beim Normalen eine
gelbe Pigmentierung vor der Netzhaut liegt, so beim Anormalen eine
andere Färbung, die gewisse Lichtstrahlen absorbiert; oder auf eine
eigenartige Änderung der Netzhaut- bzw. der Nervenprozesse; oder auf
den Ausfall bestimmter optischer Organe oder Funktionen. Ob eine
anormale Pigmentierung vorliegt, wird sich im Einzelfall feststellen
lassen. Die große Mehrzahl der Anomalien kann jedoch auf diese Weise
nicht erklärt werden. Man hat somit entweder eine Änderung der
Funktionsweise oder den Ausfall von Funktionen anzurufen. Vor der
ersten Hypothese scheut jedoch ein streng wissenschaftliches Denken
zurück, da mit der Einführung unkontrollierbarer neuer Faktoren schier
alles erklärt werden kann. Wo immer sich darum eine organische Änderung
nicht unmittelbar feststellen läßt, ist jene hypothetische Erklärung
zu bevorzugen, welche die Anomalien mit dem Ausfall schon bekannter
Faktoren zu deuten vermag. Dazu ist nun die Helmholtzsche Theorie
nicht imstande, was hier jedoch im einzelnen nicht nachgewiesen werden
kann. (Vgl. +Fröbes+ I, S. 87.) Ebensowenig vermag sie die Frage zu
beantworten, warum die Farbenempfindungen stets paarweise einander
zugeordnet sind.
Gerade von der paarweisen Gegensätzlichkeit der Farbenempfindungen
nimmt die +Heringsche Theorie+ ihren Ausgang. Sie fordert drei
Sehsubstanzen: eine Weiß-Schwarz-, eine Rot-Grün- und eine
Blau-Gelbsubstanz. Reize, die auf diese Substanzen dissimilierend
einwirken, verursachen die Weiß-, die Rot- und die Blauempfindung;
assimilierend wirksame Reize hingegen rufen die Grün- und
Gelbempfindung hervor. Auf die Weiß-Schwarzsubstanz wirken die
äußeren Reize jedoch nur dissimilierend ein. Schwarz wird nur auf
innere Reize hin empfunden. Jedes farbige Licht besitzt auch eine
Weißvalenz. Beachtet man nun, daß die entgegengesetzten Prozesse der
Dissimilation und Assimilation die Tendenz haben, nach Aufhören der
Reize ineinander umzuschlagen, wie wir das schon an dem Bild des
Manometers veranschaulicht haben, so ergibt sich eine befriedigende
Deutung der wichtigsten Tatsachen. So versteht man leicht die
Farbenmischung, das Bestehen von Komplementärfarben, deren Mischung
Weiß als Restphänomen bestehen läßt, sowie die Wendepunkte in der
Qualitätenreihe der Farben. Ebenso begreift sich, daß an der Peripherie
der Netzhaut die Gegenfarben gleichzeitig verschwinden und bei der
Intensitätssteigerung des äußeren farbigen Reizes auch paarweise in
Weiß übergehen. Wird eine der Sehsubstanzen fortdauernd dissimiliert,
so wird schließlich das dissimilierbare Material erschöpft, die
betreffende Farbenempfindung verblaßt und nähert sich dem Grau
(Lokaladaptation). Hört nun der äußere Reiz auf, so setzt von selbst
der umgekehrte Prozeß ein, weshalb das negative Nachbild auftritt.
Da aber durch die Dissimilation der Assimilationsstoff auch in der
Nachbarschaft der erregten Netzhautstelle angehäuft wird und jede
Anhäufung des Assimilationsmaterials den Assimilationsprozeß zur Folge
hat -- Entsprechendes gilt von der Dissimilation --, so beginnt alsbald
neben jeder gereizten Netzhautstelle der entgegengesetzte Prozeß, und
wir erleben den Simultankontrast. Die Farbenblindheiten erklären sich
nach dieser Theorie im großen und ganzen als Ausfallserscheinungen. Für
gewisse Anomalien versagt indes die Heringsche Theorie. G. E. +Müller+
hat sie darum weiter ausgebaut, indem er außer antagonistischen
Netzhautprozessen noch innere Nervenerregungen mit verschiedenen
Valenzen annahm. (Vgl. +Fröbes+ I, 61 ff. u. 81 ff.)
Literatur
E. +Hering+, Grundzüge der Lehre vom Lichtsinne. Handbuch der ges.
Augenheilkunde. 1905/13.
F. W. +Fröhlich+, Grundzüge einer Lehre vom Licht- und Farbensinn.
1921.
B. Die Gehörempfindungen
1. Qualitative Betrachtung der Gehörempfindungen