Denken dazu, größere Gruppen seelischer Vorgänge zusammenzufassen;
es spricht von Erkennen, Wollen, Fühlen u. dgl. Wir verwerten diese
Absonderungen und suchen nunmehr in der Gruppe der Erkenntnisvorgänge
so weit mit der Abstraktion vorzudringen, als es überhaupt möglich
ist. Bei den Erkenntnisvorgängen läßt sich nun Inhalt und Akt
unterscheiden: sehe ich eine blaue Blume, so ist mein Sehen der +Akt+,
die blaue Blume der +Inhalt+ dieser Wahrnehmung. Unsere weitere
Abstraktion soll sich nur auf den Inhalt beziehen, und zwar in einer
einzigen Richtung. Wir beachten das eigenartige Blau der gesehenen
Blume. Ich finde diesen Inhalt bei anderen Individuen derselben
Gattung, vielleicht aber auch bei Blumen einer anderen Gattung und
bei Erzeugnissen der menschlichen Kunst. Der Inhalt „blau“ ist somit
für sein Bewußtwerden von seiner sonstigen Umgebung, von einer
bestimmten Gestalt u. ä. m. unabhängig. Er steht mir auch wieder
vor der Seele, wenn ich von ähnlichen Dingen träume. Vielleicht bin
ich sogar imstande, bei geschlossenen Augen die blaue Blume vor mir
zu sehen. Der Inhalt „blau“ ist also auch unabhängig und loslösbar
von dem Akt des Wahrnehmens, Träumens oder Vorstellens. Damit ist
nicht gesagt, daß wir den Inhalt „blau“ außerhalb eines dieser Akte
erleben könnten, es ist aber gezeigt, daß er von einem jeden einzelnen
dieser Akte relativ unabhängig ist. In entsprechender Weise läßt sich
dartun, daß jener Inhalt auch bewußtseinsmäßig gegeben sein kann, ohne
notwendig bestimmte andere Inhalte bei sich zu haben, wie etwa den der
räumlichen oder zeitlichen Lokalisation. Wir stellen somit als eine
charakteristische Eigenschaft dieses Bewußtseinsinhaltes fest, daß er
andern Inhalten gegenüber +relativ selbständig+ ist. Wir können das
„blau“ nicht nur in unserer Auffassung von solchen andern Inhalten
unterscheiden, wie da sind ein bestimmter Träger dieser Farbe, eine
bestimmte Form u. ä., sondern er selbst kann erlebnismäßig ohne einen
bestimmten aus ihnen vorkommen. Wir können nun in der Abstraktion
noch weiter gehen und etwa den Farbenton blau von seiner Ausdehnung
unterscheiden. Allein dieser begrifflich bzw. auffassungsmäßig
möglichen Unterscheidung vermag die erlebnismäßige Sonderung nicht
zu folgen. Wo immer wir den Inhalt blau erleben: wir finden ihn
wenigstens an ein Minimum von Ausdehnung gekettet. Wir bezeichnen
darum die Ausdehnung als eine Eigenschaft dieses Bewußtseinsinhaltes
und stellen fest, daß wir mit der erlebnismäßigen Abstraktion an ein
Ende gelangt sind: blau ist als ein +einfaches+ Erlebniselement
anzusehen. Vergleicht man sodann diesen Inhalt mit dem Namen oder dem
Begriff „blau“, so stellt sich heraus, daß der Name und der Begriff
als Prädikat der verschiedensten Blaunuancen anwendbar ist, er hat
eine gewisse Allgemeinheit. Das von mir erlebte Blau hingegen ist
stets etwas +Konkretes+, Individuelles, eine bestimmte Nuance, die mit
keiner andern verwechselbar ist. Es hat weiterhin eine Eigenart, die
nur durch sich selbst charakterisierbar ist: eine gewisse Greifbarkeit,
+Anschaulichkeit+, verglichen mit der „Blässe des Gedankens“. Wenn
wir ferner den Bewußtseinsinhalt „blau“ mit einem Gefühlserlebnis
vergleichen, so finden wir, daß wir ihn gewissermaßen uns selbst
gegenüberstellen und anschauen können, ohne befürchten zu müssen,
daß unsere Aufmerksamkeit ihn zugrunde richtet, wie das bei Gefühlen
und Willensakten der Fall zu sein scheint: das Erlebnis besitzt eine
gewisse Objektivität. Fassen wir all diese Eigentümlichkeiten des
Blau-Erlebnisses zusammen: die relative Selbständigkeit, Einfachheit,
Konkretheit, Anschaulichkeit und +Objektivität+, und studieren die
mannigfachen Seiten unserer Gesamterlebnisse, so werden wir entdecken,
daß eine überaus stattliche Reihe von ihnen die genannten Eigenschaften
aufweist. Wir fassen diese Erlebniselemente unter dem gemeinsamen
Namen der +Empfindungen+ zusammen. +Eine Empfindung ist somit ein
relativ selbständiger, einfacher, konkreter, anschaulicher, objektiver
Bewußtseinsinhalt.+
Ebenso wie die Blauempfindung lassen auch alle anderen Empfindungen
verschiedene Eigenschaften erkennen. Als allgemeine +Eigenschaften
der Empfindung+ zählt man gewöhnlich auf: Qualität, Intensität,
zeitliche Dauer und räumliche Ausdehnung. Die bedeutsamste dieser
Eigenschaften ist sicher die Qualität. Sie ist gewissermaßen der Kern
des Empfindungserlebnisses; sie ist das, was das Süß zum Süß, das Blau
zum Blau macht. Die Qualität einer Empfindung kann nicht geändert
werden, ohne daß zugleich die Empfindung selbst geändert wird, obwohl
es verschiedene Grade der Qualitätsänderung einer Erlebnisseite gibt.
Statt des einen bestimmten Blau kann eine andere Nuance eintreten:
die neue Empfindung ist der vorigen noch ähnlich. Es kann aber auch
ein Rot erscheinen: die neue Empfindung ist spezifisch verschieden.
Oder die Farbenempfindung wird durch eine Tonempfindung ersetzt: die
neue Empfindung ist zur früheren disparat. Nach der noch verbreiteten
Sprechweise von +Helmholtz+ wäre in dem vorletzten Falle eine neue
Qualität, im letzten eine neue Modalität erschienen. Schon weniger
durchsichtig sind die Verhältnisse bei der zweiten Eigenschaft der
Empfindung, der Intensität. Von der Intensität irgendeines Vorganges zu
reden, scheint vielen nur dann einen Sinn zu haben, wenn dieser Vorgang
eine +reine Intensitätsänderung+ zuläßt, d. h. wenn seine Intensität
sich ändern kann, ohne daß sich gleichzeitig auch die Qualität
verändert. Eine solche reine Intensitätsänderung wird allgemein
angenommen bei den Tönen, hingegen bei den Farbenempfindungen vielfach
angezweifelt, weshalb auch die Intensität als allgemeine Eigenschaft
der Empfindung angefochten wird. Die Frage nach der zeitlichen Dauer,
der dritten allgemeinen Eigenschaft, darf nicht mit der Frage nach
der Dauer des Reizes verwechselt werden, die erforderlich ist, damit
eine bestimmte Empfindung im Bewußtsein hervorgerufen werden könne. Es
fragt sich vielmehr, ob die voll entfaltete Empfindung, deren Dauer
bekanntlich sehr verschieden sein kann, überhaupt erlebbar sei, wenn
ihre zeitliche Dauer auf Null reduziert würde und die Empfindung in
einem unteilbaren Moment erlebt werden müßte. Eine beweisbare Antwort
wird sich auf diese Frage in keinem Sinne geben lassen. Es bleibt darum
auch fraglich, ob die zeitliche Ausdehnung eine allgemeine Eigenschaft
der Empfindung ist. Einer Empfindungseigenschaft ist es nämlich
wesentlich, daß sie nicht auf Null gebracht werden kann, ohne daß damit
die Empfindung selbst ihr Ende erreicht. Daß endlich die räumliche
Ausdehnung keine allgemeine Eigenschaft der Empfindung ist, dürfte kaum
bestritten werden. So wenig die Farbenempfindung ohne eine räumliche
Ausdehnung verwirklicht werden kann, so wenig scheint die Tonempfindung
ihrer zu bedürfen oder auch nur fähig zu sein. Man erkennt hieraus,
daß sich zwar die Empfindungserlebnisse unter einen allgemeinen Begriff
zusammenfassen lassen, daß dieser Begriff aber noch sehr verschieden
geartete Bewußtseinserscheinungen einschließt. Als wirklich allgemeine
Eigenschaft dieser verschiedenen Erlebnisse läßt sich eben nur die
Qualität und, in einem erweiterten Sinne, die Intensität nennen.
Literatur
A. +Messer+, Empfindung und Denken. 1908.
A. +Pfänder+, Einführung in die Psychologie.² 1920.
2. Kap. Die höheren Empfindungen
A. Die Gesichtsempfindungen
1. Qualitative Betrachtung der Gesichtsempfindungen
Unter den zahlreichen Inhalten, die wir als Empfindungen bezeichnen,
sondert sich leicht und scharf umgrenzt die umfangreiche Gruppe
aus, welche der Sprachgebrauch als +Farben+ zusammenfaßt. Eine rein
psychologische Beschreibung dieser Empfindungen läßt sich nicht
geben. Sie sind ein letztes Erlebnisdatum, das nur durch sich selbst
hinreichend gekennzeichnet wird. Für den Farbentüchtigen zerfallen sie
in zwei Hauptarten, in die farblosen Lichter, auch +neutrale+ oder
tonfreie Farben genannt, und in die +bunten Farben+. Die farblosen
Lichter lassen sich nach ihrer inhaltlichen Ähnlichkeit in eine
kontinuierliche Reihe (Qualitätenreihe) ordnen, an deren einem Ende
das tiefste Schwarz, an deren anderem Ende das blendendste Weiß zu
stehen kommt, während die verschiedenen Abstufungen des Grau beide
Enden verbinden. Geometrisch und symbolisch wäre diese Qualitätenreihe
durch eine begrenzte Gerade darzustellen. Prüfen wir die verschiedenen
Abschnitte der Schwarz-Weißreihe darauf, ob die betreffenden Inhalte
der Definition der Empfindung genügen, so erhebt sich nur die eine
Schwierigkeit, ob wirklich die Graunuancen als +einfache Inhalte+
anzusprechen sind. Weist doch eine jede eine Ähnlichkeit sowohl mit
Schwarz wie mit Weiß auf. Allein ähnlich sein bedeutet noch nicht
zusammengesetzt sein. Nur wo sich im erlebten Inhalt Teile absondern,
die als solche psychisch zu verwirklichen sind, da liegt eine Mehrheit
von Empfindungen vor. Dieser Gesichtspunkt gilt auch für die noch zu
besprechenden Abstufungen der bunten Farben.
Um die bunten Farben zu ordnen, denken wir uns, wir erlebten sie in
ihrer größtmöglichen Ausgesprochenheit. Zunächst sei ein reines Rot,
ein reines Gelb und zahlreiche Schattierungen von Orange gegeben.
Bringt man diese in eine Qualitätenreihe, so beginnt sie etwa mit
Rot; dann folgen jene Arten von Orange, die dem Rot ähnlicher sind
als dem Gelb, dann ein Orange, das gleichviel Ähnlichkeit mit Rot
wie mit Gelb hat, weiter Nuancen, die mehr dem Gelb als dem Rot
verwandt sind, und endlich das reine Gelb. Die beiden Enden der Reihe
zeigen keine derartige Ähnlichkeit miteinander, die Zwischenfarben
hingegen haben Ähnlichkeit mit Rot wie mit Gelb. Ausgehend vom Rot
läßt sich feststellen, daß die Rotähnlichkeit immer mehr ab- und die
Gelbähnlichkeit immer mehr zunimmt. Ebenso wie die Schwarz-Weißreihe
wäre auch die Rot-Gelbreihe durch eine begrenzte Gerade zu
symbolisieren. Die nämliche Betrachtung wiederholt sich bei den
zwischen Gelb und Grün, Grün und Blau, Blau und Rot einzuschließenden
Farbentönen. Die geometrische Symbolisierung ergibt also vier Gerade,
deren Endpunkte je zwei Geraden gemeinsam sind und die darum ein
geschlossenes Viereck bilden. An seinen Endpunkten liegen die vier
Urfarben (+Hering+) Rot, Gelb, Grün, Blau. Sie weisen miteinander
keine Ähnlichkeit nach Art der Zwischenfarben auf und bedingen darum
je einen Richtungswechsel in der gesamten Farbenreihe: das von Rot
bis an das Gelb vorhandene Rotmoment hört mit dem Gelb auf und ist in
der Gelb-Grünreihe nicht mehr zu beobachten usf. Ob die Seiten des
Farbenviereckes als gleich lang anzunehmen sind, wäre davon abhängig,
ob in jeder der vier Farbenreihen gleichviel unterscheidbare Farbentöne
erlebt werden können.
Wie von jeder Urfarbe zu ihren beiden Nachbarfarben, so gibt es auch
direkte Übergänge von den Urfarben und den eingeschlossenen Tönen
zu Weiß, zu Schwarz und zu sämtlichen Graunuancen. Dieser Tatsache
verleiht man einen passenden Ausdruck, indem man die Schwarz-Weißlinie
zu ungefähr gleichen Teilen nach oben und unten durch das Farbenviereck
gehen und somit die Längsachse eines Oktaeders bilden läßt. (Fig. 1.)
In diesem Farbenoktaeder haben alle erlebbaren Farben ihren bestimmten
Platz: die obere Spitze nimmt das Weiß, die untere das Schwarz ein,
während die Urfarben an den Ecken der mittleren Ebene liegen. Da aber
das Gelb dem Weiß ähnlicher ist als das Blau, so ist die Farbenebene
nicht senkrecht, sondern schräg zur Schwarz-Weißlinie einzuzeichnen.
[Illustration: Fig. 1. Die Farbenpyramide.
Nach _Titchener_, Lehrbuch der Psychologie S. 63. Leipzig 1910,
_Barth_.]
Jede Farbe kann prinzipiell durch drei Momente bestimmt und in das
Farbenoktaeder eingeordnet werden: durch den Farbenton, d. h. durch
ihre Ähnlichkeit mit einer der vier Urfarben, durch ihre Helligkeit,
d. h. durch ihre Ähnlichkeit mit Weiß und durch ihre Sättigung, d. h.
durch die Deutlichkeit der Buntheit bzw. ihre Unähnlichkeit mit den
Tönen der Schwarz-Weißreihe.
Ein anderes Problem bildet die Frage nach der Intensität der
+Farbenempfindungen+. Man wird hier zweckmäßig zwei Fragen
auseinanderhalten: Gibt es bei der Farbenempfindung eine
Intensitäts+steigerung+? und: Kann den Farbenempfindungen wenigstens
+eine+ Intensitäts+stufe+ zuerkannt werden? War unsere Anordnung
der Farben in das Oktaeder richtig, so ist die erste Frage zu
verneinen; denn wir bestimmten jede Farbe nur aus den drei Momenten
der spezifischen Qualität, der Helligkeit und der Sättigung; für
eine Intensitätssteigerung bleibt kein Raum. Auch wenn irgendeine
der Farben auf dem kürzesten Weg zum Verschwinden gebracht wird, so
geschieht das nicht durch Herabsetzung ihrer Intensität, sondern
dadurch, daß eine andere Empfindung an ihre Stelle tritt, mag diese
andere Empfindung eine bunte Farbe oder auch Schwarz sein. Denn auch
Schwarz ist als positive Empfindung anzusehen. Wird es ja ebenso wie
alle andern Farben erlebt und draußen scharf umgrenzt vorgefunden,
zum Unterschied von dem bloßen Ausfallen, dem Nichthaben einer
Empfindung. Darum kann auch die Schwarz-Weißreihe nicht als eine
Intensitätsreihe angesprochen werden, wie Helmholtz meinte. Man muß
sich bei dieser Erwägung vor verschiedenen Verwechslungen hüten. Ganz
außerhalb der Erörterung hat die +Intensität des+ die Empfindung
hervorrufenden +Reizes+ zu bleiben, da es sich nur um die psychischen
Inhalte handelt. Ferner darf man die Intensität der Farbe nicht ihrer
+Helligkeit+, d. h. ihrer Ähnlichkeit mit Weiß gleichsetzen. Auch
die als +Eindringlichkeit+ bezeichnete Fähigkeit einer Empfindung,
die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, gehört in einen ganz anderen
Problemkreis. Es muß vielmehr nach einer Empfindungseigenschaft
gesucht werden, wie sie deutlich bei den Tönen erlebt wird, die bei
gleichbleibender Qualität eine verschiedene Stärke besitzen können.
Fassen wir diese Intensität als Abstand von Null auf, so werden wir
jedem Ton eine bestimmte Intensität zuerkennen müssen, auch wenn
es einmal aus irgendeinem Grunde unmöglich würde, die Intensität
des Tones wie früher zu verändern. Aus dem gleichen Grunde wird man
auch jeder Farbenempfindung eine gewisse Intensitätsstufe zuerkennen
müssen, obwohl es unmöglich bleibt, diese herauf- oder herabzusetzen.
Neuerdings tritt +Stumpf+ für eine Intensitätsänderung der Farben
innerhalb enger Grenzen ein. (Vgl. +Stumpf+, Die Attribute der
Gesichtsempfindungen. 1917.)
2. Die Beziehung der Farbenempfindung zu den äußeren Reizen
Da die Empfindungen eine letzte psychische Gegebenheit sind, ist
es unmöglich, sie psychologisch zu erklären. Wir können aber über
manche ihrer Bedingungen Aufschlüsse gewinnen, wenn wir den rein
psychologischen Standpunkt verlassen und auf das körperliche Organ
wie auf die äußeren Reize achten, die an dem Zustandekommen der
Empfindungen beteiligt sind. Diese Grenzüberschreitung ist geboten,
weil wir ohne sie gewisse Gesetzmäßigkeiten nicht verstehen können, die
sich an den Bewußtseinsinhalten selbst zeigen.
Das Organ, durch welches die Farbeninhalte erstmals in unserem
Bewußtsein geweckt werden, ist das Auge. Sein Bau wird hier als
bekannt vorausgesetzt. Als +normale Reize+ wirken auf das Auge die
+Ätherwellen+ ein. Diese unterscheiden sich voneinander durch ihre
verschiedene +Länge+, ihre verschiedene +Intensität+ (Amplitude) und
durch ihre größere oder geringere +Reinheit+. Im allgemeinen hängt
der Farbenton von der Wellenlänge, die Helligkeit von der Intensität
und die Sättigung von der Reinheit ab. Stellt man im Spektralapparat
die reinen Farben her, so beginnen diese mit Rot, dem eine mittlere
Wellenlänge von rund 700 µµ entspricht. Urgelb entfällt dann auf die
Wellenlänge 580, Urgrün auf 500, Urblau auf 480. Für ultrarote und
ultraviolette Strahlen ist unser Auge nicht empfänglich. Alle Farben,
die nicht im Spektrum enthalten sind, müssen durch die Zusammensetzung
verschiedene Wellen erzeugt werden. So namentlich Weiß und Purpur.
Übrigens können auch jene bunten Farben, die im Spektrum eine eigene
Wellenlänge haben, durch die Vereinigung anderer Wellen hervorgerufen
werden. Nur der Schwarzempfindung entspricht kein äußerer Reiz.
Gleichwohl kann man durch bloßes Schließen der Augen oder durch
den Aufenthalt in einem lichtleeren Kaum noch nicht die tiefste
Schwarzempfindung erzeugen. Diese entsteht vielmehr, wenn man ein
dunkles Grau durch den Kontrast mit einem umgebenden Weiß vertieft.
Die Helligkeit der bunten Farben ist von zwei Faktoren abhängig.
Zunächst von der Wellenlänge; denn Gelb ist heller als Blau und Rot
(die spezifische Helligkeit der Farben). Sodann von der Intensität der
Reize. Nimmt die Intensität z. B. eines roten Lichtes zu, so wächst
innerhalb mittlerer Grenzen die Helligkeit (Weißlichkeit) des Rot.
Müssen wir schon diese Wirkung der mittleren Intensitätssteigerung als
eine qualitative Änderung der Farbenempfindung bezeichnen, so erst
recht die bei größerer Änderung der Intensität eintretende Änderung
der Farbe: Eine starke Vermehrung oder Verminderung der Intensität
des Farbenreizes beeinträchtigt auch den Farbenton. Rot und Grün
werden mit zunehmender Intensität des Lichtes direkt weiß; alle andern
Töne nähern sich dem Gelb oder Blau und gehen dann in Weiß über. Bei
starker Intensitätsabnahme hingegen dehnen sich im Spektrum Rot und
Grün aus. Ebenso verschiebt sich die Helligkeitsverteilung. Das
Maximum der Helligkeit rückt von Gelb nach Grün. Erscheint bei guter
Beleuchtung eine rote Fläche heller als eine blaue, so kehrt sich das
Helligkeitsverhältnis um, sobald man die beiden Farben sowie das Auge
verdunkelt. (Purkinjesches Phänomen.) Setzt man am Spektralapparat
die Lichtintensität noch weiter herab, so schwinden alle Farben, und
es bleibt ein farbloses Band zurück mit dem Helligkeitsmaximum an der
Stelle, wo zuvor das Grün gestanden hat.
Zur bequemeren Besprechung der Beziehungen zwischen Reiz und
Empfindung mußten wir auf die Farben+wahrnehmung+ übergreifen. Eine
+isolierte Empfindung+ ist ja im Grunde nur ein Abstraktionsprodukt.
Sie läßt sich einigermaßen annähernd veranschaulichen, doch nicht als
solche herstellen. (Vgl. W. +Baade+, Gibt es isolierte Empfindungen?
6. Kongreßbericht 1914.) -- Zum Studium der Farbenempfindungen
eignen sich nicht die +Oberflächenfarben+ der Gegenstände, da diese
durch ihre Verbindung mit den Dingen und durch unser Wissen davon
in ihrer Erscheinungsweise beeinflußt werden. Tauglicher sind die
von +Katz+ als +Flächenfarben+ bezeichneten Eindrücke, wie sie am
Spektralapparat oder bei Betrachtung einer farbigen Fläche durch
das Loch eines Schirmes erzielt werden. -- +Die Vergleichung bunter
Farben auf ihre Helligkeit+ ist auf direktem Wege nur sehr schwer
möglich. Man hilft sich, indem man versucht, jede der bunten Farben
zwischen ein Grau aus einer Grauskala einzuschließen, das sicher
heller, und ein anderes, das sicher dunkler ist als die betreffende
Farbe. Durch Übung kann man die Grenzen immer enger ziehen und
gewinnt so indirekt einen Maßstab für die Helligkeit der beiden
Farben. Über andere Methoden siehe +Langfeld+, Über heterochrome
Helligkeitsvergleichung ZPs 33. R. +Pauli+, Grundfragen der
Photometrie. (Die Naturwissenschaften Heft 41, 1913.)
3. Die Gesetze der Farbenmischung
Wirken mehrere Töne auf das Ohr ein, so entsteht eine Tonverbindung,
aus der sich die Einzeltöne bei etwas Übung leicht heraushören lassen.
Wirken jedoch mehrere farbige Lichter gleichzeitig auf den Sehnerv
ein, so entsteht im Bewußtsein nur eine einzige einfache Empfindung.
Nur die Rücksicht auf ihre Entstehung berechtigt die psychologisch
unzulässige Bezeichnung solcher Farben als Mischfarben. Die Gesetze
der Farbenmischung bilden die Hauptgrundlage für jede Theorie der
Gesichtsempfindung. Sie wurden darum schon von älteren Forschern wie
+Newton+, +Graßmann+, +Helmholtz+ eingehend behandelt.
Eine Mischfarbe läßt sich erzeugen, indem man auf einer farbigen
Kreisscheibe einen andersfarbigen Sektor anbringt und beide rotieren
läßt. Befestigt man darüber eine kleinere, konzentrische Scheibe, so
hat man die Möglichkeit, die am Rande erzeugte Mischfarbe mit der Farbe
der inneren Scheibe bequem zu vergleichen. Durch geeignete Wahl der
farbigen Scheiben ist es nun erreichbar, die Farbe des äußeren Ringes
der der inneren Scheibe gleichzumachen, d. h. eine +Farbengleichung+
herzustellen. Sie wird durch die Summe der Bogengrade der Mischfarben
einerseits und durch die verglichene Farbe anderseits ausgedrückt.
Mischt man auf die besagte Weise Rot mit Blau in bestimmter
Nuancierung, so erhält man Purpur, eine Farbe, die im Spektrum nicht
vorkommt. Nimmt man dagegen zu Rot Blaunuancen, die mehr nach Grün zu
liegen, so wird die Mischung immer ungesättigter -- wie überhaupt die
Mischfarben in der Regel weniger gesättigt sind als ihre Komponenten
-- und dem Grau ähnlicher, bis bei einem gewissen Grün eine tonfreie
Farbe entsteht: Ein bestimmtes Rot, mit einem bestimmten Grün gemischt,
ergibt ein bestimmtes Grau. Es läßt sich nun zeigen, daß für jede Farbe
eine andere existiert, die, mit ihr gemischt, Grau ergibt. (+Satz der
komplementären Farben.+) Mischt man jedoch zwei nichtkomplementäre
Farben, so erhält man eine bunte Mischfarbe, und zwar jene, die
innerhalb des Farbenviereckes auf der kürzeren Verbindungsstrecke der
beiden gemischten Farben liegt. (+Satz der Mischfarben.+) Wählt man
darum drei Farben so aus, daß die komplementäre einer jeden auf dem
Farbenviereck oder dem Farbenkreis zwischen den beiden andern liegt,
so kann man durch passende Mischungsverhältnisse alle Farbentöne
hervorrufen. Um möglichst gesättigte Mischfarben herzustellen, muß man
gewisse nichtkomplementäre Nuancen von Rot und Grün nebst Blauviolett
als Mischfarben benutzen. Auf Grund dieser Tatsachen ist endlich der
+dritte Satz+ verständlich, daß gleich aussehende Farben, miteinander
gemischt, gleich aussehende Mischungen ergeben.
Über die verschiedenen Methoden zur Herstellung der Farbenmischungen
vgl. +Fröbes+ I 51 f. Unstatthaft ist die Mischung von farbigen
Pigmenten oder Flüssigkeiten. -- Die Farbengleichungen verschiedener
Beobachter sind individuell etwas verschieden, weil die Netzhautmitte
der einzelnen Individuen eine verschieden starke Gelbpigmentierung
aufweist.
4. Der Simultankontrast
Legt man auf einen roten Grund ein kleineres Stück graues Papier und
fixiert etwa dessen Mitte während 1-2 Sekunden, so erscheint das graue
Papier grün gefärbt. Wiederholt man den Versuch mit den verschiedensten
Farben, so ergibt sich der Satz, daß jede Farbe in ihrer Umgebung ihre
komplementäre Farbe induziert (+Farbenkontrast+). Die Erscheinung
wird weit auffälliger, wenn man das bunte Umfeld und das graue Infeld
mit einem durchsichtigen Seidenpapier bedeckt (+Florkontrast+).
Entsprechend wird ein mittelgraues Papier auf weißem Grund verdunkelt,
auf schwarzem Grund aufgehellt (+Helligkeitskontrast+). Ist das
kontrastleidende Infeld gleichfalls gefärbt, so entsteht nach den
Gesetzen des vorigen Abschnittes eine Farbenmischung. Da nun die
Tendenz zur Induktion der Gegenfarbe von jedem Teilstück einer
farbigen oder hellen Fläche gilt, so läßt sich leicht ableiten, daß
die Sättigung bzw. Helligkeit innerhalb einer Fläche geringer sein
muß als am Rand (+Binnenkontrast und Randkontrast+). Dabei wird stets
eine Fixation des Blickes während einiger Sekunden vorausgesetzt.
Der Simultankontrast entsteht momentan, ist anfangs am deutlichsten
und geht dann rasch zurück. Entfernt man die beiden kontrastierenden
Felder ein wenig voneinander oder trennt man sie durch eine schwarze
Grenzlinie, so verringert sich der Kontrast oder verschwindet ganz.
Der Simultankontrast könnte auf den ersten Blick als eine
Beeinträchtigung unseres Sehens erscheinen. In Wirklichkeit kommt
er diesem sehr zustatten. Ohne den Simultankontrast wären nämlich
alle unsere Gesichtswahrnehmungen arg verschwommen. Infolge der
verschiedensten Unregelmäßigkeiten der brechenden Medien entsteht
nämlich auf der Netzhaut eine sehr unscharfe Abbildung des äußeren
Gegenstandes, der auch nur ein Gesichtsbild mit sehr ungenauen Umrissen
entsprechen könnte. Durch die Induktion der Gegenfarbe werden nun die
schwächeren, über das wahre Bild hinausragenden „Verzeichnungen“ mehr
oder weniger aufgehoben. Vom Standpunkt der noch zu besprechenden
+Hering+schen Farbentheorie beruht ein weiterer Vorteil des
Simultankontrastes darin, daß durch ihn die Netzhaut für die Aufnahme
des wandernden Farbeneindruckes gewissermaßen vorbereitet wird: die
Stelle der Netzhaut, die soeben infolge des Kontrastes zu einem roten
Objekt grün empfindet, ist in der besten Verfassung, um alsbald das
rote Objekt wahrzunehmen.