Verwandt mit der Sonderung infolge der Methodik ist die durc

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1923 so weit

wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler

wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht

mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original

unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.

Der Übersichtlichkeit halber wurden die Fußnoten an das Ende der

jeweiligen Kapitel, das Inhaltsverzeichnis dagegen an den Anfang des

Texts verschoben.

Die Druckfehlerberichtigung wurde bereits in den laufenden Text

eingearbeitet.

Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der

folgenden Symbole gekennzeichnet:

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Philosophische Handbibliothek

Band V

[Illustration]

PHILOSOPHISCHE

HANDBIBLIOTHEK

[Illustration]

_Herausgegeben von_

Clemens Baeumker

Ludwig Baur

Max Ettlinger

unter Mitarbeit von

Matthias Baumgartner / Adolf Dyroff

Godehard Jos. Ebers / Josef Ant. Endres / Josef Geyser

Martin Grabmann / Johannes Lindworsky / Hans Meyer

Franz Sawicki / Josef Schwertschlager

Johann Peter Steffes / Michael Wittmann

[Illustration]

1923

Verlag Josef Kösel & Friedrich Pustet K.-G. München

Verlagsabteilung

Kempten

EXPERIMENTELLE

PSYCHOLOGIE

von

_Johannes Lindworsky S. J._

[Illustration]

Dritte, durchgesehene Auflage

Band V

der Philosophischen

Handbibliothek

[Illustration]

1923

Verlag Josef Kösel & Friedrich Pustet K.-G. München

Verlagsabteilung

Kempten

Alle Rechte vorbehalten

Nachdruck verboten

Made in Germany

*

Copyright 1923 by Josef Kösel & Friedrich Pustet, K.-G. München

Buchdruckerei des Verlag Josef Kösel & Friedrich Pustet, Kommandit-Ges.

Zweigniederlassung Kaufbeuren

Vorwort zur dritten Auflage

Ein doppeltes Ziel hatte sich diese Arbeit gesteckt: kurz und verlässig

zu berichten, was bisher über das Seelenleben des Erwachsenen erforscht

war, und die in diesem Bilde noch klaffenden Lücken sei es durch

eigene Untersuchungen, sei es durch Hypothesenbildung auszufüllen. Die

günstige Aufnahme, die das Buch gefunden -- auch die zweite Auflage

war vor Ablauf eines Jahres vergriffen --, dürfte beweisen, daß jenes

Doppelziel im wesentlichen erreicht wurde.

In der dritten Auflage wurden die inzwischen gezeitigten

Forschungsergebnisse verwertet, insoweit sie dem Plane des Buches

entsprechen und eine gewisse Abgeschlossenheit erlangt haben.

Zwei Wünsche, die mir von geschätzter Seite vorgetragen wurden, konnte

ich nicht erfüllen. Zunächst durfte ich ob des beschränkten Raumes

nicht mit solcher Breite schreiben, daß das Buch +mühelos+ von jedem

Gebildeten gelesen werden könnte. Wer es als Leitfaden neben den

Vorlesungen benützt -- und für Hochschüler ist die „Philosophische

Handbibliothek“ in erster Linie gedacht -- wird keine Schwierigkeiten

beim Studium finden. Andere Leser dürften bei etwas besinnlicher

Lektüre den Inhalt gleichfalls bewältigen und dann um so größeren

Gewinn davontragen. Zweitens wurde ein Abriß der Methoden, etwa als

Anhang gewünscht. Allein, was an Methodik für das Verständnis der

Tatsachen notwendig ist, wird stets an seinem Ort mitgeteilt. Im

übrigen möchte ich nicht der Täuschung Vorschub leisten, die Befähigung

zu psychologischer Forschungsarbeit lasse sich leichthin erwerben. Wer

eine genauere Einführung in die Anfangsgründe der Methodik wünscht,

sei auf das gediegene Werk von R. +Pauli+, „Psychologisches Praktikum“

3. Aufl. 1923, verwiesen, das sich u. a. auch durch ausgedehnte

Literaturnachweise auszeichnet. Noch weiter führende Literaturangaben

finden sich bei J. +Fröbes+, „Lehrbuch der experimentellen Psychologie“

2. Aufl. 1922/23. -- Der S. 90 zitierte Aufsatz ist zwar schon seit

geraumer Zeit gedruckt, wird aber vielleicht erst im nächsten Jahr

erscheinen.

+Köln+, im September 1923.

+Johannes Lindworsky+ S. J.

Druckfehlerberichtigung:

S. 104 Zeile 2 von unten lies: „objektiven“ statt „subjektiven“.

INHALTSVERZEICHNIS

Seite

Vorwort V

Inhalt VII

Abkürzungen XII

+Einleitung+

1. Die Eigenart der experimentellen Psychologie 1

2. Die geschichtliche Entwicklung der experimentellen Psychologie 2

3. Gegenstand und Aufgabe der experimentellen Psychologie 6

4. Quellen und Methoden der experimentellen Psychologie 10

5. Überblick über die verschiedenen Zweige der experimentellen

Psychologie 15

I. Buch.

Psychische Elemente und elementare

Verbindungen

Erster Abschnitt: Die Empfindungen

1. Kap. Die Empfindung im allgemeinen 16

2. Kap. Die höheren Empfindungen

A. Die Gesichtsempfindungen

1. Qualitative Betrachtung der Gesichtsempfindungen 20

2. Die Beziehung der Farbenempfindung zu den äußeren

Reizen 23

3. Die Gesetze der Farbenmischung 25

4. Der Simultankontrast 27

5. Die Umstimmung der Netzhaut 29

6. Die zeitlichen Verhältnisse der Lichtwirkung 30

7. Die örtlichen Verhältnisse der Lichtwirkung 31

8. Die Farbenblindheiten 32

9. Die Theorie des Hell- und Dunkelsehens.

Duplizitätstheorie 33

10. Die Theorien des Farbensehens 35

B. Die Gehörempfindungen

1. Qualitative Betrachtung der Gehörempfindungen 38

2. Die Beziehung der Tonempfindungen zu den äußeren Reizen 42

3. Die Theorie der Gehörempfindung 45

3. Kap. Die niederen Empfindungen

A. Die Geschmacksempfindungen

1. Qualitative Betrachtung der Geschmacksempfindungen 48

2. Reize und Organe des Geschmacksinnes 50

B. Die Geruchsempfindungen 51

C. Die Temperaturempfindungen 53

D. Die Druckempfindung 56

E. Die Schmerzempfindung 57

F. Die Organempfindungen 59

G. Die statischen Empfindungen 60

H. Die kinästhetischen Empfindungen 63

4. Kap. Das Gesetz der spezifischen Sinnesenergie 66

5. Kap. Die Psychophysik 68

1. Aufgaben und Methoden der Psychophysik 69

2. Das Webersche und das Fechnersche Gesetz 72

Zweiter Abschnitt: Empfindungskomplexe 75

1. Kap. Die gleichzeitigen Tonverbindungen

1. Die Tatsache der Tonverschmelzung 76

2. Gesetze der Tonverschmelzung 77

3. Die Erklärung der Konsonanz 78

2. Kap. Die optischen Raumeindrücke 79

A. Der optische Eindruck der Fläche

1. Das Flächenelement. Nativismus und Empirismus 80

2. Der blinde Fleck 83

3. Die kleinsten unterscheidbaren Raumgrößen in der Fläche 83

4. Unvollkommenheiten des Einauges 84

B. Die Erfassung der drei Dimensionen durch das Einauge

1. Das Aufrechtsehen und die horizontale Ordnung 85

2. Das Tiefensehen 87

C. Das Sehen mit beiden Augen

1. Doppeltsehen und Einfachsehen 89

2. Die Sehrichtung des Doppelauges 91

3. Das Tiefensehen mit zwei Augen 92

4. Der Ursprung der binokularen Tiefenwahrnehmung 94

3. Kap. Empfindungskomplexe des Tastsinnes

1. Der Raumsinn der Haut 96

2. Der Tastraum der Blinden 97

3. Theorie des Tastraumes 99

Dritter Abschnitt: Die absoluten Vorstellungen 102

Vierter Abschnitt: Verbindung der Vorstellungen mit Empfindungen

und Empfindungskomplexen 107

1. Die Synästhesien 107

2. Erscheinungsweisen der Farben 108

3. Die Sehgröße 110

4. Die nicht-optische Raumanschauung des Sehenden

a) Ortssinn und Lagewahrnehmung 112

b) Die Raumlokalisation im allgemeinen 115

Fünfter Abschnitt: Elementare Denkfunktionen

1. Die Beziehungserkenntnis 117

2. Das aktive Beziehen 119

3. Die Abstraktion 121

Sechster Abschnitt: Die Verbindung der Beziehungsfunktion mit

den Empfindungskomplexen

1. Kap. Die Gestaltwahrnehmung 123

2. Kap. Die Zeitwahrnehmung 125

3. Kap. Die Bewegungswahrnehmung 131

Siebter Abschnitt: Elementare Gefühle

1. Abgrenzung der elementaren oder sinnlichen Gefühle 137

2. Die Eigenart der sinnlichen Gefühle 138

3. Die Gefühlsdimensionen und -qualitäten 139

4. Die Beziehungen zwischen Empfindung und Gefühl 141

5. Verbindung und Lösung der Gefühle 142

6. Die physiologischen Begleiterscheinungen der Gefühle 144

7. Theorie der sinnlichen Gefühle 145

Achter Abschnitt: Das elementare Wollen 147

1. Überblick über die verschiedenen Willenstheorien 147

2. Die experimentelle Untersuchung des Willens 148

3. Das elementare Wollen nach den experimentellen

Ergebnissen 149

II. Buch.

Die Vorstellungserneuerung als Grundlage

der höheren psychischen Leistungen

Erster Abschnitt: Die allgemeinen Gesetze der

Vorstellungserneuerung 152

Zweiter Abschnitt: Die Assoziation als Grundlage der

Reproduktion 158

1. Kap. Gehirn und Bewußtsein

1. Das Nervensystem 159

2. Die Zuordnung einzelner Gehirnteile zu psychischen

Funktionen 160

2. Kap. Die Untersuchung besonderer Assoziationsgesetze

1. Die Methodik der Assoziationsforschung 163

2. Hauptergebnisse der Assoziationsforschung 165

a) Die Beziehungen zwischen der Zahl der Wiederholungen

und der Assoziationsstärke 165

b) Einfluß des Lernstoffes 167

c) Die Gesetzmäßigkeiten des Vergessens 168

d) Die Bedeutung des allgemeinen psychischen

Verhaltens 169

e) Nebenassoziationen 169

3. Kap. Ausdehnung der Betrachtung auf das Gesamtbewußtsein

1. Die Konstellation 170

a) Die Hilfen 171

b) Die Hemmungen 171

2. Die Komplexbildung 172

III. Buch.

Die höheren seelischen Leistungen des

Einzelnen

Erster Abschnitt: Die höheren Erkenntnisleistungen

1. Kap. Die Vergleichung 176

2. Kap. Die Dingerfassung 179

3. Kap. Wahrnehmung und Vorstellung 180

4. Kap. Begriffe und Kategorien 183

5. Kap. Die Gewißheit 187

6. Kap. Das schlußfolgernde Denken 189

7. Kap. Das produktive Denken 193

8. Kap. Urteil, Annahme und Frage

1. Das Urteil 196

2. Die Annahme 199

3. Die Frage 200

9. Kap. Die höheren Gedächtnisleistungen

1. Erinnerung und Wiedererkennen 201

2. Erinnerungstäuschungen 204

3. Die Aussage 207

10. Kap. Das Ichbewußtsein 208

Zweiter Abschnitt: Die höheren Gefühle

1. Eigenart der höheren Gefühle 214

2. Theorie und Einteilung der höheren Gefühle 215

3. Bemerkenswerte Arten der Gefühle 218

4. Gesetzmäßigkeiten des Gefühlslebens 222

5. Die Beziehungen des Gefühls zu anderen Funktionen 224

Dritter Abschnitt: Das Willensleben

1. Kap. Die Vorbereitung des Willensaktes 226

1. Das Wesen des Motives 226

2. Einteilung der Motive 227

3. Vorbedingungen für die Wirksamkeit von Motiven 228

2. Kap. Die unmittelbaren Wirkungen des Willensaktes

1. Die determinierenden Tendenzen 229

2. Das Gesetz der speziellen Determination 232

3. Die Messung der Willenskraft. Das assoziative

Äquivalent 233

3. Kap. Die Willenshandlung als Folge des Willensaktes

1. Die äußere Willenshandlung 236

2. Die innere Willenshandlung

a) Die Aufmerksamkeitsbewegung 241

1. Begriff und Arten der Aufmerksamkeit 242

2. Eigenschaften der Aufmerksamkeit 243

3. Die Bedingungen der Aufmerksamkeit 246

4. Die Wirkungen der Aufmerksamkeit 247

5. Die Theorie der Aufmerksamkeit 248

a) Die bisherigen Theorien 248

b) Die genetische Aufmerksamkeitstheorie 249

6. Störungen der Aufmerksamkeit 252

b) Die Vorstellungsbewegung 253

1. Die gebundene Vorstellungsbewegung 254

2. Die freie Vorstellungsbewegung. Die Phantasie

a) Die Gestaltung der freien Vorstellungsbewegung 255

b) Freie Vorstellungsbewegung und Phantasie 256

IV. Buch.

Die von der Gemeinschaft beeinflußten

seelischen Leistungen 261

Erster Abschnitt: Die Sprache

1. Die Leistungen der Sprache 261

2. Die Entstehung der Sprache 262

3. Die Sprachentwicklung 264

Zweiter Abschnitt: Die Sitte

1. Gebräuche 267

2. Die Konstanz der Kultur 268

3. Recht und Sittlichkeit 269

Dritter Abschnitt: Die Kunst 272

1. Das Schöne 272

2. Der ästhetische Eindruck 272

3. Die Entstehung und Entwicklung der Kunst 275

Vierter Abschnitt: Die Religion 277

1. Der Gottesglaube 277

2. Das Gebet 279

3. Religiöse Entwicklungen 280

V. Buch.

Ausnahmezustände der Seele

Erster Abschnitt: Der Schlaf 282

Zweiter Abschnitt: Der Traum 287

Dritter Abschnitt: Die Hypnose 294

Namenregister 299

Sachregister 300

ABKÜRZUNGEN

APs: Archiv für die gesamte Psychologie.

CgEPs: Bericht über den ... Kongreß für experimentelle Psychologie.

FPs: Fortschritte der Psychologie

ZaPs: Zeitschrift für angewandte Psychologie.

ZPaPs: Zeitschrift für Pathopsychologie.

ZPs: Zeitschrift für Psychologie.

Einleitung

1. Die Eigenart der experimentellen Psychologie

In diesem Buche wird von seelischen Vorkommnissen die Rede sein:

wie wir die Farben sehen und die Töne hören; wie unsere Phantasie

arbeitet; wie das Gedächtnis seine Schätze gewinnt und verliert; wie

sich unser Gemüt regt; wie das menschliche Denken von Erkenntnis zu

Erkenntnis vordringt und unser Wille seine Ziele verfolgt. Solche und

ähnliche Vorgänge zu beobachten, sie im +einzelnen+ kennen zu lernen

und ihre Gesetzmäßigkeiten zu entdecken, das ist, allgemein gesprochen,

die Forscheraufgabe des Experimentalpsychologen. Anders lauten die

Fragen, die sich der Philosoph über das Seelische stellt: Woher

stammen die seelischen Vorkommnisse? Was ist die Seele? Ist die Seele

geistig, unsterblich, mit Freiheit begabt? Wie verhalten sich Leib

und Seele? Der charakteristische Unterschied zwischen den Interessen

des Philosophen und des Experimentalpsychologen springt in die Augen.

Dieser schaut auf die seelischen Einzeltatsachen, auf das Wie der

psychischen Erscheinungen. Der Philosoph hingegen bemüht sich um ihre

letzten Gründe: die Seele als Urgrund der Bewußtseinserscheinungen ist

sein eigentlicher Forschungsgegenstand.

Der verschiedene Gesichtspunkt, von dem aus beide das nämliche

Seelenleben betrachten, bedingt die Entstehung zweier verschiedener

Wissenschaften. Weil aber der Experimentalpsychologe sich um

Einzeltatsachen kümmert, weil er nicht nach letzten Gründen und

allgemeinsten Gesetzen fragt, darum kann seine Wissenschaft nicht

als Philosophie gelten. Sie steht aber im engsten Zusammenhang mit

der philosophischen Psychologie. Der Experimentalpsychologe muß

wenigstens einen Teil seiner Aufgabe gelöst haben, ehe der Philosoph

die seinige auch nur beginnen kann; wenigstens einige Einzeltatsachen

des Seelenlebens müssen festgestellt, beobachtet und beschrieben sein,

ehe sich Schlüsse auf die letzten Ursachen solcher Tatsachen ziehen

lassen. Und noch vor jeder genaueren Kenntnis beider Wissenschaften

darf man vermuten, daß die Schlußfolgerungen des Philosophen um so

mannigfacher und sicherer sein werden, je mehr Tatsachenmaterial

der Experimentalpsychologe zutage gefördert hat. Die experimentelle

Psychologie ist somit eine unentbehrliche Hilfswissenschaft der

Philosophie.

Mit dieser vorläufigen Bestimmung ist auch schon die Eigenart der

Experimentalpsychologie kundgetan: sie muß ihrer ganzen Natur nach

darauf ausgehen, mit möglichst großer Sicherheit und in reichster Fülle

seelische Tatsachen festzustellen. Es stehen ihr zu dieser Aufgabe,

wie wir später noch im einzelnen sehen werden, mancherlei Methoden zu

Gebote. Von der idealsten dieser Methoden, dem Experiment, hat sie

ihren Namen erhalten. Diese Bezeichnung ist freilich ein Notbehelf;

denn nicht alle Probleme unserer Wissenschaft können durch das

Experiment gelöst werden. Gleichwohl sagt man besser experimentelle

als empirische Psychologie, da auch die philosophische Psychologie

empirisch sein muß; auch sie hat von Tatsachen auszugehen, wenn anders

sie eine wissenschaftliche Psychologie sein will.

2. Die geschichtliche Entwicklung der experimentellen Psychologie

Die experimentelle Psychologie, wie sie soeben von uns aufgefaßt wurde,

hat noch keine Geschichte, ja genau genommen, liegt sie selbst noch

in der Zukunft. Die experimentelle Psychologie ist nämlich zurzeit in

dem Prozeß der Loslösung von der Philosophie begriffen, den die Physik

schon lange hinter sich hat. Gegenwärtig will ein Teil der Autoren

nur die experimentelle Psychologie allein gelten lassen, während die

Mehrheit die reinen Tatsachenfragen zusammen mit den philosophischen

behandelt, freilich zum Schaden beider. Nur wenige entschließen sich

zur klaren Sonderung beider Wissenschaften. Läßt sich sonach eine

Geschichte der experimentellen Psychologie noch nicht schreiben,

so kann man doch die Entwicklung kenntlich machen, die bis zu dem

gegenwärtigen Stadium der allmählichen Verselbständigung geführt hat.

Die Psychologie hat niemals völlig der empirischen Grundlage entbehrt.

Erfahrungen wie Träume, Erinnerungen u. ä. bildeten häufig den

Ausgangspunkt und die Anregung zu den psychologischen Erwägungen der

alten griechischen Philosophen. Man wird aber kaum sagen können,

daß selbst ein Aristoteles, dem doch schon eine Formulierung der

Assoziationsgesetze gelang, in ähnlicher Weise darauf ausgegangen

wäre, psychische Tatsachen zu sammeln, wie er biologische und

zoologische Beobachtungen beigebracht oder überliefert hat. Und

so blieb es auch in der Hauptsache im Mittelalter. Einige wenige

leicht zugängliche Selbstbeobachtungen waren der Unterbau, auf dem

sich alsbald das spekulativ erarbeitete System der lebenswichtigen

philosophisch-psychologischen Fragen erhob. Das braucht nicht zu

befremden. Denn dies sind Fragen, zu denen jeder Mensch irgendwie

Stellung nimmt, während die psychischen Einzelerscheinungen eine solche

Bedeutung zumeist nicht beanspruchen und infolge ihrer Alltäglichkeit

und engsten Zugehörigkeit zu unserem Ich nicht einmal unsere

Verwunderung erregen -- die doch nach Aristoteles allein den Anstoß zur

Forschung gibt.

Um die Aufmerksamkeit der Forscher auf die seelischen Prozesse zu

lenken, genügte die Abwendung +Descartes+’ von der herkömmlichen

Psychologie noch nicht, obwohl er in der Seele nicht mehr das Prinzip

des Lebens, sondern das des Bewußtseins sah; es bedurfte der Opposition

der englischen Aufklärungsphilosophie, die in ihrem tendenziösen Kampfe

gegen die grundlegenden Begriffe der Substanz und Kausalität die

Tatsachen der Assoziation in den Mittelpunkt der Betrachtung stellte.

So entstand die Assoziationspsychologie, begründet von +Locke+, +Hume+

und +Hartley+, erneuert von J. St. +Mill+ und zuletzt durch +Bain+

glänzend vertreten. Mit ihrer Leugnung des Denkens und Wollens regte

sie zu lebhaftem Widerspruch an und sah sich auch selbst gezwungen,

in stets erneuten Versuchen die seelischen Erscheinungen allein durch

Empfindung und Vorstellung verständlich zu machen. So hat sie sich

ohne Zweifel um das Studium der Bewußtseinsphänomene verdient gemacht.

Sie stand jedoch der tieferen Einsicht ins Seelenleben im Wege, wo

immer sie jede Erörterung über die seelischen Elemente in dogmatischer

Befangenheit von vorneherein ablehnte und die widerstrebenden Tatsachen

mit der Zwangsjacke sensistischer Terminologie vergewaltigte.

Eine zweite Wurzel der heutigen experimentellen Psychologie hat man

in der Anbahnung einer physiologischen Psychologie zu erblicken.

Es waren zunächst Theoretiker, die von der Physiologie wertvolle

Aufschlüsse erwarteten. Die extremsten unter ihnen waren allerdings

auf dem besten Wege, die Psychologie zugrunde zu richten. So schon der

Assoziationspsychologe +Priestley+, der die psychologische Analyse

durch die Physik des Nervensystems abgelöst wissen wollte, und ähnlich

+Comte+, der an jeder Selbstbeobachtung verzweifelnd, Physiologie und

Phrenologie an die Stelle der Psychologie setzte. Besonnener gingen

+Lotze+, +Horwicz+ und +Maudsley+ voran. Die eigentliche Befruchtung

durch die Physiologie ist aber den experimentierenden Physiologen

wie +Helmholtz+, +Weber+, +Hering+ zu danken. Sie bildeten wichtige

Methoden aus, deren sich später die Psychologen bedienten.

Das Geburtsjahr der experimentellen Psychologie ist das Jahr 1860, wo

+Fechners+ „Elemente der Psychophysik“ erschienen. Angeregt durch E. H.

+Webers+ Untersuchungen über den Tastsinn, hat Gustav Theodor Fechner

mit bewußter Absicht das Experiment zur Erzielung psychologischer

Erkenntnisse angewandt und die Grundlage zu der ausgedehnten

experimentellen Methodik geschaffen, deren sich heute die Psychologen

erfreuen. Mit stärkerer Heranziehung der Physiologie setzte W. +Wundt+

das Werk Fechners fort und erwarb sich namentlich durch die Gründung

des ersten psychologischen Laboratoriums bleibende Verdienste um die

neue Wissenschaft. Seitdem hat sie, gepflegt von einer stattlichen

Zahl hervorragender Forscher und empfohlen durch die Fülle der von

ihr in kurzer Frist festgestellten Tatsachen und Gesetzmäßigkeiten,

sich ihren Platz im System der Wissenschaften gesichert. Ein Markstein

in ihrer Entwicklung wird durch den Namen +Oswald Külpe+ bezeichnet,

insofern Külpe mit Entschiedenheit für die Verselbständigung der

experimentellen Psychologie als Einzelwissenschaft eintrat.

Gegenwärtig bahnt sich eine neue Entwicklung der Psychologie an.

Wie sich die Physik allmählich von der Naturphilosophie loslöste

und zur Experimentalphysik wurde, dann aber eine theoretische

Physik ausbildete, der nicht zuletzt die großen Fortschritte der

gesamten Physik zu danken sind, so melden sich heute die Ansätze zu

einer +theoretischen+ Psychologie. Während die experimentelle

Psychologie die Haupterscheinungen des Seelenlebens erforscht,

sucht die theoretische auf Grund der experimentellen Befunde die

allgemeinsten Gesetze des Psychischen aufzustellen, aus denen sich dann

die Einzelerscheinungen begreifen und ableiten lassen[1].

Hinsichtlich der bevorzugten Methoden lassen sich unter den heutigen

Psychologen drei Gruppen unterscheiden. Neben der großen Zahl der

prinzipiell experimentierenden Forscher finden sich solche, die

wie +Lipps+ und +Brentano+ nur die schlichte Selbstbeobachtung

heranziehen. Ihnen steht die phänomenologische Richtung nahe, deren

bedeutsamster Vertreter +Husserl+ ist. Sie geht allerdings nicht auf

die Herausstellung von psychischen Einzeltatsachen aus, sondern bemüht

sich, durch „Wesensschauung“ den Kern, das Wesentliche der seelischen

Erlebnisse aufzuzeigen. Der besonnene Experimentalpsychologe wird

weder die schlichte Selbstbeobachtung noch die phänomenologische

Wesensschauung aus seiner Werkstätte verbannen. Namentlich die letztere

kann ihm zur Vorbereitung wie zur Kontrolle der experimentellen

Forschung schätzenswerte Dienste leisten. Jedoch der Erfolg dürfte

schon heute dahin entschieden haben, daß beide Methoden für sich allein

kein ausreichendes Fundament mehr abgeben für den weitauslagernden Bau

der Tatsachenpsychologie.

Verwandt mit der Sonderung infolge der Methodik ist die durch den

theoretischen Standpunkt hervorgerufene. Hier haben wir die „reinen“

Psychologen, die eine Ergänzung unseres psychologischen Wissens

durch die Physiologie ablehnen und nur auf die bewußten Prozesse

das psychologische Lehrgebäude errichten wollen. Dementsprechend

verzichten sie auch auf die Klärungen, die von der Physiologie zu

erhoffen sind. Ihnen gegenüber weist die größere Mehrzahl darauf hin,

daß die Kette der Bewußtseinserscheinungen nicht lückenlos ist und

daß sich außerdem gesetzmäßige Beziehungen zwischen physiologischen

Zuständen und gewissen Seelenvorgängen nachweisen lassen. Diese

Gruppe heißt also jeden Aufschluß willkommen, den die Physiologie zu

geben vermag; gleichwohl betont auch sie, je länger je mehr, daß die

seelischen Erscheinungen in erster Linie zu beachten sind. Innerhalb

dieser Gruppe stehen sich nun wieder zwei oder drei Richtungen

gegenüber. Die eine bekennt sich rundweg zur Assoziationspsychologie

und weigert sich vorerst noch, elementare Denk- und Wollenserlebnisse

anzunehmen. Die Schar ihrer Anhänger lichtet sich mit jedem Jahr;

ihr bedeutendster Vertreter ist heute Th. +Ziehen+. Über sie suchte

der angebliche Voluntarismus +Wundts+ hinauszukommen, ohne jedoch

mit seiner Apperzeptionslehre außerhalb des engsten Schülerkreises

Anklang zu finden. Die dritte Gruppe endlich ging namentlich aus

der Schule +Külpes+ hervor. Wie sie jede wissenschaftliche Methode

auszunutzen gewillt ist, so sträubt sie sich auch nicht, neue seelische

Grundphänomene anzuerkennen, wenn anders sie durch zuverlässige

Beobachtungen verbürgt sind. Infolgedessen hat sie, von der Wundtschen

Richtung ausgehend, ihren Standpunkt bezüglich der Probleme des

Denkens und Wollens in stets neu aufgegriffenen Untersuchungen

allmählich wesentlich geändert und damit die Verbindung mit den von der

aristotelischen Philosophie herkommenden Forschern gewonnen.

Literatur

M. +Dessoir+, Abriß einer Geschichte der Psychologie. 1911.

O. +Klemm+, Geschichte der Psychologie. 1911.

3. Gegenstand und Aufgabe der experimentellen Psychologie

Wir haben als den Gegenstand der experimentellen Psychologie schon oben

im allgemeinen die seelischen Vorkommnisse gekennzeichnet. Um ihn

schärfer zu umschreiben und gegen die Objekte anderer Wissenschaften,

namentlich der Naturwissenschaft, abzugrenzen, müssen wir von der

naiven Auffassung des Erwachsenen ausgehen.

Der von psychologischen und erkenntnistheoretischen Fragen noch

unberührte Erwachsene sieht sich einer Welt von äußeren Dingen

gegenübergestellt, die mit seinem Ich nichts zu tun haben. Seiner

Auffassung nach sind ihm nicht zuerst seine Bewußtseinserscheinungen

gegeben, sondern jene greifbaren Gegenstände, die er vor sich sieht.

Erlebnisse wie Schmerz und Freude lenken ihn erst auf seine Innenwelt

hin. Hat er weiterhin Gelegenheit, festzustellen, daß ein anderer

Dinge als rot bezeichnet, die er etwa gelb nennt, so wird er auf den

subjektiven Beitrag aufmerksam, den jeder Mensch zur Wahrnehmung der

äußeren Dinge hinzubringt. Die Abhängigkeit vom Subjekt wird ihm noch

deutlicher, sobald er einmal beobachtet, wie er selbst den nämlichen

äußeren Gegenstand unmittelbar nacheinander, ohne daß sich an dem

Objekt oder an den äußeren Bedingungen der Wahrnehmung etwas ändert,

bald so, bald anders erblickt, wie er z. B. die Drehungsrichtung eines

Windrades jetzt auf sich zu-, jetzt von sich abgewandt sieht. Nimmt

er noch hinzu, daß sich bei geschlossenen Augen oder im Traum ganz

ähnliche Ausblicke darbieten, wie bei offenen Augen und im Wachzustand,

dann wird ihm klar, daß die Bilder der äußeren Gegenstände fast mehr

von ihm stammen als von den fremden Objekten. Trotzdem hören die

äußeren Dinge nicht auf, dem wahrnehmenden Ich wie etwas Fremdes,

Getrenntes gegenüberzustehen, und dieser Eindruck bliebe erhalten,

auch wenn das Subjekt zur Überzeugung käme, daß die Außenwelt in

Wirklichkeit nicht bestünde.

Diese beiden Umstände: die relative Subjektivität von Schmerz,

Freude, Wahrnehmungen u. ä. einerseits und die unzerstörbare

Gegensätzlichkeit des betrachtenden Subjektes und der Außenwelt

anderseits ermöglichen es, den Gegenstand der experimentellen

Psychologie scharf zu umschreiben. +Alle seelischen Vorkommnisse sind

einem Subjekt zugehörig; sie alle sind einem Bewußtsein immanent+,

so daß kein anderer Mensch ein unmittelbares Wissen von ihnen hat.

Diese Eigenart kommt nicht nur meinen Bewußtseinsvorgängen, sondern

allen zu, die es vielleicht gibt; sie läßt sich aber in keiner

Weise von den Dingen aussagen, die dem Ich fremd gegenüberstehen;

sie seien denn Erlebnisse eines anderen Bewußtseins. Gegenstand der

experimentellen Psychologie sind sonach alle jene Phänomene, die ihrer

Natur nach bewußtseinsimmanent und unmittelbar nur für das erlebende

Subjekt erfaßbar sind. Dabei sehen wir natürlich von ihrer etwaigen

Erfaßbarkeit durch höhere als menschliche Wesen ab. Alle anderen Dinge,

auf welche diese Kennzeichnung nicht zutrifft, bilden den Gegenstand

anderer Wissenschaften; die körperlichen unter ihnen insbesondere geben

das Objekt für die Naturwissenschaften ab.

Der Gegenstand der experimentellen Psychologie ist also nicht

die substantielle Seele; denn zu ihr gelangen wir nur unter

der Führung der philosophischen Psychologie, die auf Grund der

Bewußtseinserscheinungen nachzuweisen hat, daß die psychischen

Erlebnisse einen substantiellen Träger voraussetzen. Wir können aber

auch nicht die gesamte Erfahrung als Gegenstand der Psychologie

bezeichnen, auch nicht mit der Einschränkung: insoweit die Erfahrung

von unserem Ich abhängig ist. Zu unserer Erfahrung gehören nämlich

auch die Dinge außerhalb des Ich. Sie stehen aber in unserer

Auffassung, von der wir als Psychologen auszugehen haben, als etwas

Wirkliches und von dem Ich Unabhängiges vor uns. Auch die naive

Auffassung unterscheidet, sobald sie nur einmal darauf hingewiesen

wird, sehr wohl zwischen dem Gesichtsbild des Tisches, das sich je

nach dem Standpunkt des Betrachtenden beständig ändert, und dem

unverändert bleibenden Tisch, der diese verschiedenen Gesichtsbilder

bedingt. Die äußere Erfahrung und die Bewußtseinsinhalte sind

somit zwei ganz getrennte Gegenstandsgebiete. Wir wenden uns aber

auch drittens gegen jene Psychologen, die z. B. die Farben aus dem

Stoffgebiete unserer Wissenschaft ausscheiden wollen. Allerdings

sprechen uns die Farben als objektive Eigenschaften der Außendinge

an, und wir müssen hier von diesem unmittelbaren Eindruck ausgehen.

Es wird sonach eine Wissenschaft erforderlich sein, die sich mit den

Körperfarben befaßt. Allein wir stellen auch fest, daß es Farben als

immanente Bewußtseinsinhalte gibt, so immanent, daß die individuelle

Verschiedenheit des Farbensehens sich jahrhundertelang versteckt

hielt und immer nur sehr indirekt nachgewiesen werden kann. Farben

und Töne gehören darum sehr wohl zu dem Forschungsgegenstand der

experimentellen Psychologie.

Die +Aufgabe+ der experimentellen Psychologie deckt sich im allgemeinen

mit der einer jeden Tatsachenwissenschaft: sie heißt Beschreiben,

Gruppieren, Erklären. Die bewußtseinsimmanenten Erlebnisse sind

möglichst adäquat zu beschreiben. Was eine solche +Beschreibung+

voraussetzt und welchen Schwierigkeiten sie gerade in der Psychologie

begegnet, davon soll hier noch keine Rede sein. Die induktive Art

unserer Einführung wird sie uns noch oft fühlbar machen. Gelingt

aber die Beschreibung der Erlebnisse, so wird ein Vergleich dieser

Beschreibungen zeigen, ob immer wieder neuartige, voneinander

verschiedene Phänomene auftauchen -- in diesem Falle müßte man an

der Begründung einer wissenschaftlichen experimentellen Psychologie

verzweifeln -- oder ob sich gleiche bzw. verwandte Erlebnisse finden,

die sich in fest umgrenzten +Gruppen anordnen+ lassen. Auch hier

hat die Psychologie größere Hindernisse zu überwinden als andere

Einzelwissenschaften. Die Erlebnisse als ganze gleichen einander

sehr wenig, und es bedarf der Analyse, um zu psychischen Einheiten

oder gar zu psychischen Elementen vorzudringen, die dann als gleich

behandelt werden können. Endlich hat die Experimentalpsychologie auch

eine +Erklärung+ der Bewußtseinserscheinungen zu versuchen. Doch ist

der Begriff dieser Aufgabe des Erklärens kein einheitlicher. Im Sinne

der positivistischen Naturwissenschaft nennt man es eine Erklärung,

wenn es gelingt, die Gesetzmäßigkeiten der Erscheinungen aufzuweisen.

Sobald diese bekannt sind, ist man imstande, beim Auftreten eines

bestimmten Phänomens die Bedingungen anzugeben, die es herbeigeführt

haben, wie man auch umgekehrt, sobald gewisse Bedingungen erfüllt

sind, voraussagen kann, welche Folge sich einstellen wird. Diese Art

der Erklärung setzt also die Beobachtung von Gesetzmäßigkeiten im

psychischen Geschehen voraus. Ob solche Gesetzmäßigkeiten überhaupt im

Bewußtseinsleben vorliegen, das kann erst die folgende Untersuchung

lehren. Sie ohne weiteres und auf allen Gebieten dieser Disziplin

voraussetzen, wie dies z. B. +James+ tut, nur deshalb, weil sonst eine

wissenschaftliche Psychologie unmöglich sei, das kann nicht mehr als

vorurteilslose Forschung gelten. Eine andere Art der Erklärung greift

über den Bereich der Bewußtseinstatsachen hinaus und sucht z. B.

in dem physikalischen Reiz und in der Beschaffenheit der nervösen

Substanz die Ursachen bzw. die Bedingungen der Empfindung. Auch diese

Art muß die Psychologie, wenn sie nicht reine, sondern physiologische

Psychologie ist, verwerten. In diesem Sinne wird oft nach der Ursache

einer psychologischen Gesetzmäßigkeit zu forschen sein; ob z. B. die

Gesetzmäßigkeiten des Farbenkontrastes letztlich auf seelische oder auf

körperliche Faktoren zurückzuführen sind.

4. Quellen und Methoden der experimentellen Psychologie

Weil unser Forschungsgegenstand die Bewußtseinserscheinungen sind, so

erblicken wir in der +Bewußtseinswelt+, jener Welt, die in eigenartiger

Weise neben dem Reich der sichtbaren Dinge besteht, +die naturgemäße

und wesentliche Quelle+ der psychologischen Wissenschaft. Wo immer

sich Bewußtsein findet, da kann der Psychologe versuchen, Kenntnisse

zu schöpfen. Der Bewußtseinswelten gibt es aber unzählbare: bei jedem

Menschen, jedem Tiere, und selbst die Bewußtseinswelten höherer

Wesen brauchen nicht notwendig von vorneherein unberücksichtigt zu

bleiben. Dieser erfreuliche Quellenreichtum wird nun leider in seinem

Werte dadurch vermindert, daß all diese Milliarden von Quellen bis

auf eine einzige fest ummauerte und versiegelte Quellen sind. Nur in

sein eigenes Bewußtsein eröffnet sich dem Forscher ein unmittelbarer,

freier Einblick. Wir sind jedoch zu der Annahme berechtigt, daß das

Bewußtseinsleben in einem mehr oder weniger eindeutigen Zusammenhang

mit seinen Äußerungen steht. Der Einzelne bemerkt auf jeden Fall, wie

sich regelmäßig mit einem Erlebnis der Freude ein bestimmter, äußerlich

wahrnehmbarer Ausdruck verbindet; bei schmerzlichen Erlebnissen

hingegen stellt sich mit derselben Regelmäßigkeit ein merklich

verschiedener Ausdruck ein. Ähnliche Ausdruckserscheinungen gewahre

ich nun bei den andern Menschen und vielfach auch bei Tieren und

gelange so mit einem Analogieschluß dahin, auch bei diesen die gleichen

oder verwandte Bewußtseinserscheinungen anzunehmen. Richten wir unser

praktisches Verhalten zur Umwelt nach diesen Analogieschlüssen ein, so

gibt uns die Erfahrung recht. Unsere Überzeugung von dem Vorhandensein

und der Gestaltung des fremden Bewußtseins wird dann naturgemäß so

lebendig, daß wir unmittelbar in die fremde Seele zu schauen meinen und

die Mittelbarkeit unseres Wissens oft zum eigenen Nachteil vergessen.

Neben der primären Quelle psychologischer Forschung, dem Bewußtsein,

lernen wir also +die Äußerungen des Bewußtseins als sekundäre Quellen+

kennen. Die Äußerungen des Bewußtseins sind entweder fließende und

begleiten einen gleichzeitig verlaufenden psychischen Vorgang, oder sie

verbleiben als dauernde Wirkungen früherer Bewußtseinserscheinungen. Zu

ersteren gehören die lebendige Sprache, die willkürlichen Bewegungen,

die unwillkürlichen Ausdrucksbewegungen u. a., zu letzteren die

Sprachdenkmäler, die Erzeugnisse von Kunst, Religion und Volksleben

u. ä. m. Eine dieser sekundären Quellen, die lebendige Sprache,

namentlich wenn sie, durch Frage und Antwort unterstützt, uns die

Selbstbeobachtungen anderer mitteilt, gestattet uns einen so klaren

Einblick in das fremde Bewußtsein, daß man mit Grund die Behauptung

wagen kann: wenigstens innerhalb gewisser Grenzen handle es sich da

schon nicht mehr um eine sekundäre Quelle, sondern die mitgeteilte

Selbstbeobachtung eines Fremden sei der eigenen Selbstbeobachtung des

Forschers gleichwertig. Dieses Problem restlos zu lösen, ist Aufgabe

der speziellen Erkenntnistheorie.

Die +Methoden+ der experimentellen Psychologie richten sich nach

ihren Quellen. Weil das Bewußtsein die primäre Quelle ist, ist

folgerichtig die +Selbstbeobachtung die primäre Methode+. Sie

gewährt die unmittelbarste Kenntnis der Seelenprozesse und bleibt

letzten Endes der Schlüssel zum Verständnis aller Ergebnisse, die

durch andere Methoden erzielt werden. Die Selbstbeobachtung kann

beabsichtigt oder unbeabsichtigt sein. Unbeabsichtigt wird sie stets

nur gelegentlich auftreten und darum nur spärliche Beiträge liefern.

Die beabsichtigte Selbstbeobachtung wird nun häufig +während+ des zu

beobachtenden Erlebnisses angestellt. Dadurch wird aber ihr Wert recht

zweifelhaft. Man braucht zwar nicht wie manche Autoren die absolute

Unmöglichkeit einer gleichzeitigen Selbstbeobachtung anzunehmen, aber

das läßt sich auch experimentell nachweisen, daß die gleichzeitige

Beobachtung modifizierend, wenn auch nicht notwendig fälschend auf

das Erlebnis einwirkt. Die gelegentliche Beobachtung hingegen stellt

sich in der Regel nicht während, sondern unmittelbar nach Ablauf des

seelischen Vorganges ein. Man kann sich leicht davon überzeugen, daß

ein Bewußtseinsphänomen unmittelbar nach seinem Ablauf nicht gänzlich

unserem Wissen entschwunden ist. Es steht gewissermaßen in seiner

Gesamtheit noch vor uns, ohne daß wir es im eigentlichen Sinne zu

reproduzieren brauchten. Man lasse sich z. B. eine mittelschwere

Kopfrechnung vorlegen, löse sie schnell und frage sich, wie man zur

Lösung gelangt ist. Man wird dann leicht angeben können, ob man einen

rechnerischen Kunstgriff gebraucht hat, ob man die Zahlen im Geiste

gesehen oder sie sogar phantasiemäßig niedergeschrieben usw. Die

Zuverlässigkeit solcher Angaben wird für uns über jeden Zweifel erhaben

sein. Ebensowenig wird man befürchten, die rückschauende Beobachtung

könne nachträglich das Erlebnis umgestalten. Das vermag nicht einmal

die Absicht zur rückschauenden Beobachtung, wenigstens solange sie

nicht eine bestimmte Erwartung einschließt.

Die +primäre+ wissenschaftliche +Methode der experimentellen

Psychologie ist somit die rückschauende Selbstbeobachtung+. Da aber

eine bloß gelegentliche Selbstbeobachtung nicht ausgiebig genug

ist, um auf sie eine ganze Wissenschaft aufzubauen, hat man sie

zur systematischen und experimentellen umgestaltet. Das Wesen des

+Experimentes+ beruht nun in der willkürlichen Herbeiführung eines

Vorganges zum Zwecke der wissenschaftlichen Beobachtung. Es macht den

Forscher von der Gunst des Zufalles unabhängig und ermöglicht eine

wiederholte und darum zuverlässige Beobachtung. Das psychologische

Experiment, das sich zwischen Versuchsperson und Versuchsleiter

abspielt, hat überdies den Vorteil, daß der beobachtenden

Versuchsperson die Absichten und Erwartungen des Versuchsleiters

verborgen bleiben können, wodurch ein unvoreingenommenes Erleben

und Beobachten seitens der Versuchsperson möglich wird. Das

psychologische Experiment kann nun einen doppelten Zweck verfolgen:

es kann darauf ausgehen, einen seelischen Prozeß überhaupt nur

herbeizuführen, damit er genau beobachtet werde. In diesem Falle ist

es nach neuerer Terminologie (+Baade+) ein +Darstellungsexperiment+.

Die eingehendste Selbstbeobachtung ist bei ihm die Hauptsache.

Der Forscher kann aber auch erkunden wollen, wie verschiedene

psychische (oder auch psychische und physische) Faktoren aufeinander

einwirken: wie z. B. das Lernen bei gleichzeitiger Ablenkung der

Aufmerksamkeit erfolgt -- in diesem Falle bezeichnet man den Versuch

als +Kausalexperiment+. Auch dies ist ohne jede Selbstbeobachtung nicht

auszuführen. Aber sie tritt hier wesentlich zurück. Die Hauptsache

ist hier die Leistung der Versuchsperson, etwa die Bewältigung der

Lernaufgabe mit und ohne Störung. Auf diese Weise kann der Psychologe

planmäßig den verschiedenen Erlebnissen und Erlebnisseiten, wie

auch dem kausalen Nexus unter ihnen nachgehen und dadurch seine

Beobachtung zu einer systematischen machen. Dementsprechend ist beim

Kausalexperiment die Variation der Versuchsbedingungen wesentlich, beim

Darstellungsexperiment hingegen entbehrlich.

In einem umfassenderen Sinne läßt sich das psychologische Experiment

folgendermaßen einteilen. Hinsichtlich seines +Zweckes+: Das

+Prüfungsexperiment+ (Test) fragt nach dem Gelingen einer Leistung.

Das +Forschungsexperiment+ nach der Natur eines psychischen

Vorganges, und zwar als +messendes+ (psychophysisches) nach dessen

Größenverhältnissen, als +darstellendes+ nach dessen Beschaffenheit,

als +Kausalexperiment+ nach dessen Abhängigkeit von verschiedenen

Bedingungen. Eine zweite Teilung ergibt sich aus dem +Verhalten der

Versuchsperson+ (Vp). Je nachdem diese von dem Zweck und der Anlage

des Experimentes weiß, ist das Verfahren ein +wissentliches+,

+halbwissentliches+ oder +unwissentliches+. Je nachdem ferner die Vp

an dem Zustandekommen des seelischen Erlebnisses beteiligt ist, kann

man das Experiment als ein +auslösendes+ (ein Sinnesreiz ruft ohne

weiteres eine Empfindung oder ein Gefühl hervor), ein +ausführendes+

(die Vp bringt willkürlich die gewünschte Erscheinung hervor, z. B.

sie erinnert sich willkürlich) oder ein +gemischtes+ nennen. Das

ausführende Experiment ist entweder ein +unvollkommenes+, wenn die Vp

willkürlich ein Erlebnis nachzumachen sucht (Schreibtischexperiment),

oder ein +vollkommenes+, wenn sie durch die Versuchsanordnung in eine

Lage gebracht wird, in der sie naturgemäß zu jenem Erlebnis gelangt.

Durch das Experiment ist nun die bloß gelegentliche Beobachtung nicht

völlig außer Kurs gesetzt. Gerade sie weist oft dem Psychologen

neue Probleme zur experimentellen Nachprüfung und sie bleibt

der einzige Zeuge für all jene Seelenvorgänge, die sich nicht

willkürlich herbeiführen lassen. Um nun auch die bloß gelegentlichen

Selbstbeobachtungen der Forschung dienstbar zu machen, ist man auf

ihre planmäßige Sammlung bedacht. Man verwendet dazu zweckmäßig den

+Fragebogen+. Je genauer dem Aussender eines solchen Bogens die

Zuverlässigkeit der Beantworter bekannt ist, je zugänglicher die

erfragten Erlebnisse einer durchschnittlichen Beobachtungsgabe sind

und je mehr die Fassung der Fragen, frei von jeder Suggestion, den

Beantworter zur Angabe von Tatsachen anleitet, von theoretisierenden

Äußerungen hingegen fernhält, um so brauchbarer wird das Ergebnis einer

solchen Rundfrage sein.

Insoweit die sekundären Quellen nicht eine Fixierung der

Selbstbeobachtung sind und somit zur primären Quelle hinleiten, können

sie alle als Wirkungen psychischer Prozesse gelten, Wirkungen, aus

denen sich mancherlei Schlüsse auf ihre Ursachen ziehen lassen. Sie

sind fertige geistige Produkte und demnach keinem experimentellen

Eingriff mehr zugänglich. Ihnen gegenüber sind nur noch die Methoden

der Analyse, des Vergleiches und der statistischen Verarbeitung

möglich. Von besonderem Werte ist dabei der Vergleich, der sich nach

Aufstellung einer Entwicklungsreihe des betreffenden psychischen

Produktes, etwa der Kinderzeichnungen, ausführen läßt.

Literatur

R. +Pauli+, Psychologisches Praktikum. 3. Aufl. 1923.

W. +Stern+, Die differentielle Psychologie. 3. Aufl. 1921.

5. Überblick über die verschiedenen Zweige der experimentellen

Psychologie

Wir geben im Anschluß an +Titchener+ einen Überblick über die

verschiedenen Zweige der experimentellen Psychologie.

I. Die Psychologie des normalen Seelenlebens.

A. Die individuelle Psychologie.

1. Die Psychologie des Menschen.

a) Allgemeine Psychologie: die Psychologie des Erwachsenen.

b) Die spezielle Psychologie der einzelnen Entwicklungsstadien (des

Kindes, des Greises u. ä.).

c) Die differentielle Psychologie; sie behandelt die psychischen

Unterschiede der Individuen.

d) Die genetische Psychologie; sie erforscht die Entwicklung der

Psyche im Laufe des Lebens.

2. Die Tierpsychologie. Ihre Unterabteilungen ähnlich wie bei 1.

3. Die vergleichende Psychologie. Sie befaßt sich mit der

Vergleichung der verschiedenen Entwicklungsstufen der Seele bei

Tier und Mensch.

B. Die kollektive Psychologie.

1. Die Völkerpsychologie schildert die Erscheinungsweise des

Seelischen in der Gemeinschaft.

2. Die ethnologische Psychologie oder die differentielle Psychologie

der verschiedenen Völker und Rassen.

3. Die Klassenpsychologie oder die differentielle Psychologie der

Gesellschaftsklassen und Berufe.

II. Die Psychologie des kranken, anormalen Seelenlebens.

Diese Einteilung wählt das Subjekt der psychischen Vorgänge zum

leitenden Gesichtspunkt. Sie kann ergänzt werden durch zwei andere

Einteilungen, die entweder die psychischen Funktionen oder die

Gegenstände der psychischen Funktionen berücksichtigen. Daraus

ergibt sich eine Psychologie der Vorstellung, des Willens usw. auf

der einen Seite, und eine Sprach-, Kunst-, Religionspsychologie auf

der anderen. Die Einteilung nach Gegenständen führt theoretisch zu

unbegrenzt vielen Zweigen der Psychologie. Praktisch werden indes

nur jene bestehen können, die sich auf einen bedeutsamen Gegenstand

beziehen oder eigenartige psychische Erscheinungen betreffen.

Wir besprechen im folgenden in erster Linie die Psychologie des

normalen und gebildeten Erwachsenen. Doch werden wir an gegebener

Stelle auch die andern Zweige der Psychologie zu Rate ziehen.

Fußnoten:

[1] Vgl. des Verfassers, „Umrißskizze zu einer theoretischen

Psychologie“ 2. Aufl. 1923.

I. Buch.

PSYCHISCHE ELEMENTE UND ELEMENTARE VERBINDUNGEN

ERSTER ABSCHNITT

Die Empfindungen

1. Kap. Die Empfindung im allgemeinen

Die Erlebnisse, die den Gegenstand der Psychologie bilden, zeigen sich

uns als eine so vielgestaltige, stets wechselnde Mannigfaltigkeit,

daß es auf den ersten Blick als unmöglich erscheinen möchte, sie

wissenschaftlich zu beherrschen. Wie soll man das kaleidoskopartige

Geschehen festhalten, beschreiben, benennen, in die Ordnung eines

Systems bannen und gar noch Gesetzmäßigkeiten bei ihm entdecken?

Dazu kommt, daß die seelischen Vorgänge vollendete Einheiten zu

sein scheinen. Mehr oder weniger selbständige Glieder, wie bei

einem Organismus, oder gar abgeschlossene Teile, wie die Bausteine

eines Hauses, bieten sich dem ersten Blicke nicht dar. Alles ist

eng miteinander verwachsen, eines scheint kontinuierlich ins andere

überzugehen. Dennoch bleibt ein Weg, der, wenn auch mühsam, durch das

nahezu unentwirrbare Dickicht führt: Wir können gleiche, ähnliche oder

wenigstens verwandte Seiten der verschiedenen Erlebnisse feststellen.

Experimentelle Psychologie · 第 1 / 30 段