Sechstes Kapitel

Wie der Geheime Spezialrat Zinnober in seinem Garten frisiert wurde

und im Grase ein Taubad nahm. - Der Orden des grüngefleckten Tigers.

- Glücklicher Einfall eines Theaterschneiders. - Wie das Fräulein

von Rosenschön sich mit Kaffee begoß und Prosper Alpanus ihr seine

Freundschaft versicherte.

Der Professor Mosch Terpin schwamm in lauter Wonne. "Konnte," sprach

er zu sich selbst, "konnte mir denn etwas Glücklicheres begegnen,

als daß der vortreffliche Geheime Spezialrat in mein Haus kam als

Studiosus? - Er heiratet meine Tochter - er wird mein Schwiegersohn,

durch ihn erlange ich die Gunst des vortrefflichen Fürsten Barsanuph

und steige nach auf der Leiter, die mein herrliches Zinnoberchen

hinaufklimmt. - Wahr ist es, daß es mir oft selbst unbegreiflich

vorkommt, wie das Mädchen, die Candida, so ganz und gar vernarrt sein

kann in den Kleinen. Sonst sieht das Frauenzimmer wohl mehr auf ein

hübsches Äußere, als auf besondere Geistesgaben, und schaue ich denn

nun zuweilen das Spezialmännlein an, so ist es mir, als ob er nicht

ganz hübsch zu nennen - sogar - bossu - still - St - St - die Wände

haben Ohren - Er ist des Fürsten Liebling, wird immer höher steigen -

höher hinauf und ist mein Schwiegersohn!" -

Mosch Terpin hatte recht, Candida äußerte die entschiedenste Neigung

für den Kleinen und sprach, gab hie und da einer, den Zinnobers

seltsamer Spuk nicht berückt hatte, zu verstehen, daß der Geheime

Spezialrat doch eigentlich ein fatales mißgestaltetes Ding sei,

sogleich von den wunderschönen Haaren, womit ihn die Natur begabt.

Niemand lächelte aber, wenn Candida also sprach, hämischer als der

Referendarius Pulcher.

Dieser stellte dem Zinnober nach auf Schritten und Tritten, und hierin

stand ihm getreulich der Geheime Sekretär Adrian bei, ebenderselbe

junge Mensch, den Zinnobers Zauber beinahe aus dem Bureau des

Ministers verdrängt hätte, und der des Fürsten Gunst nur durch die

vortreffliche Fleckkugel wieder gewann, die er ihm überreichte.

Der Geheime Spezialrat Zinnober bewohnte ein schönes Haus mit einem

noch schöneren Garten, in dessen Mitte sich ein mit dichtem Gebüsch

umgebener Platz befand, auf dem die herrlichsten Rosen blühten. Man

hatte bemerkt, daß allemal den neunten Tag Zinnober bei Tagesanbruch

leise aufstand, sich, so sauer es ihm werden mochte, ohne alle

Hülfe des Bedienten ankleidete, in den Garten hinabstieg und in den

Gebüschen verschwand, die jenen Platz umgaben.

Pulcher und Adrian, irgendein Geheimnis ahnend, wagten es in einer

Nacht, als Zinnober, wie sie von seinem Kammerdiener erfahren, vor

neun Tagen jenen Platz besucht hatte, die Gartenmauer zu übersteigen

und sich in den Gebüschen zu verbergen.

Kaum war der Morgen angebrochen, als sie den Kleinen daherwandeln

sahen, schnupfend und prustend, weil ihm, da er mitten durch ein

Blumenbeet ging, die tauichten Halme und Stauden um die Nase schlugen.

Als er auf dem Rasenplatz bei den Rosen angekommen, ging ein

süßtönendes Wehen durch die Büsche, und durchdringender wurde der

Rosenduft. Eine schöne verschleierte Frau mit Flügeln an den Schultern

schwebte herab, setzte sich auf den zierlichen Stuhl, der mitten unter

den Rosenbüschen stand, nahm mit den leisen Worten: "Komm, mein liebes

Kind," den kleinen Zinnober und kämmte ihm mit einem goldenen Kamm

sein langes Haar, das den Rücken hinabwallte. Das schien dem Kleinen

sehr wohl zu tun, denn er blinzelte mit den Äugelein und streckte

die Beinchen lang aus und knurrte und murrte beinahe wie ein Kater.

Das hatte wohl fünf Minuten gedauert, da strich noch einmal die

zauberische Frau mit einem Finger dem Kleinen die Scheitel entlang,

und Pulcher und Adrian gewahrten einen schmalen, feuerfarb glänzenden

Streif auf dem Haupte Zinnobers. Nun sprach die Frau: "Lebe wohl,

mein süßes Kind! - Sei klug, sei klug, so wie du kannst!" Der Kleine

sprach: "Adieu, Mütterchen, klug bin ich genug, du brauchst mir das

gar nicht so oft zu wiederholen." -

Die Frau erhob sich langsam und verschwand in den Lüften.

Pulcher und Adrian waren starr vor Erstaunen. Als nun aber Zinnober

davonschreiten wollte, sprang der Referendarius hervor und rief laut:

"Guten Morgen, Herr Geheimer Spezialrat! ei, wie schön haben Sie

sich frisieren lassen!" Zinnober schaute sich um und wollte, als er

den Referendarius erblickte, schnell davonrennen. Ungeschickt und

schwächlich auf den Beinchen, wie er nun aber war, stolperte er und

fiel in das hohe Gras, das die Halme über ihn zusammenschlug, und

er lag im Taubade. Pulcher sprang hinzu und half ihm auf die Beine,

aber Zinnober schnarrte ihn an: "Herr, wie kommen Sie hier in meinen

Garten! scheren Sie sich zum Teufel!" Und damit hüpfte und rannte er,

so rasch er nur vermochte, hinein ins Haus.

Pulcher schrieb dem Balthasar diese wunderbare Begebenheit und

versprach seine Aufmerksamkeit auf das kleine zauberische Ungetüm zu

verdoppeln. Zinnober schien über das, was ihm widerfahren, trostlos.

Er ließ sich zu Bette bringen und stöhnte und ächzte so, daß die

Kunde, wie er plötzlich erkrankt, bald zum Minister Mondschein, zum

Fürsten Barsanuph gelangte.

Fürst Barsanuph schickte sogleich seinen Leibarzt zu dem kleinen

Liebling.

"Mein vortrefflichster Geheimer Spezialrat," sprach der Leibarzt, als

er den Puls befühlt, "Sie opfern sich auf für den Staat. Angestrengte

Arbeit hat Sie aufs Krankenbett geworfen, anhaltendes Denken Ihnen das

unsägliche Leiden verursacht, das Sie empfinden müssen. Sie sehen im

Antlitz sehr blaß und eingefallen aus, aber Ihr wertes Haupt glüht

schrecklich! - Ei, ei! - doch keine Gehirnentzündung? Sollte das Wohl

des Staats dergleichen hervorgebracht haben? Kaum möglich! - Erlauben

Sie doch!" Der Leibarzt mochte wohl denselben roten Streif auf

Zinnobers Haupte gewahren, den Pulcher und Adrian entdeckt hatten. Er

wollte, nachdem er einige magnetische Striche aus der Ferne versucht,

den Kranken auch verschiedentlich angehaucht, worüber dieser merklich

mauzte und quinkelierte, nun mit der Hand hinfahren über das Haupt und

berührte dasselbe unversehens. Da sprang Zinnober, schäumend vor Wut,

in die Höhe und gab mit seinem kleinen Knochenhändchen dem Leibarzt,

der sich gerade ganz über ihn hingebeugt, eine solche derbe Ohrfeige,

daß es im ganzen Zimmer widerhallte.

"Was wollen Sie," schrie Zinnober, "was wollen Sie von mir, was

krabbeln Sie mir herum auf meinem Kopfe! Ich bin gar nicht krank,

ich bin gesund, ganz gesund, werde gleich aufstehen und zum Minister

fahren in die Konferenz; scheren Sie sich fort!" -

Der Leibarzt eilte ganz erschrocken von dannen. Als er aber dem

Fürsten Barsanuph erzählte, wie es ihm ergangen, rief dieser entzückt

aus: "Was für ein Eifer für den Dienst des Staats! - welche Würde,

welche Hoheit im Betragen! - welch ein Mensch, dieser Zinnober!" -

"Mein bester Geheimer Spezialrat," sprach der Minister Prätextatus von

Mondschein zu dem kleinen Zinnober, "wie herrlich ist es, daß Sie,

Ihrer Krankheit nicht achtend, in die Konferenz kommen. Ich habe

in der wichtigen Angelegenheit mit dem Kakatukker Hofe ein Memoire

entworfen - _selbst_ entworfen und bitte, daß _Sie_ es dem Fürsten

vortragen, denn Ihr geistreicher Vortrag hebt das Ganze, für dessen

Verfasser mich dann der Fürst anerkennen soll." - Das Memoire, womit

Prätextatus glänzen wollte, hatte aber niemand anders verfaßt, als

Adrian.

Der Minister begab sich mit dem Kleinen zum Fürsten. Zinnober zog das

Memoire, das ihm der Minister gegeben, aus der Tasche und fing an zu

lesen. Da es damit aber nun gar nicht recht gehen wollte und er nur

lauter unverständliches Zeug murrte und schnurrte, nahm ihm der

Minister das Papier aus den Händen und las selbst.

Der Fürst schien ganz entzückt, er gab seinen Beifall zu erkennen,

ein Mal über das andere rufend: "Schön - gut gesagt - herrlich -

treffend!" -

Sowie der Minister geendet, schritt der Fürst geradezu los auf den

kleinen Zinnober, hob ihn in die Höhe, drückte ihn an seine Brust,

gerade dahin, wo ihm (dem Fürsten) der große Stern des grüngefleckten

Tigers saß, und stammelte und schluchzte, während ihm häufige Tränen

aus den Augen flossen: "Nein! - solch ein Mann - solch ein Talent!

- solcher Eifer - solche Liebe - es ist zu viel - zu viel!" Dann

gefaßter: "Zinnober! - ich erhebe Sie hiermit zu meinem Minister! -

Bleiben Sie dem Vaterlande hold und treu, bleiben Sie ein wackrer

Diener der Barsanuphe, von denen Sie geehrt - geliebt werden." Und

nun sich mit verdrüßlichem Blick zum Minister wendend: "Ich bemerke,

lieber Baron von Mondschein, daß seit einiger Zeit Ihre Kräfte

nachlassen. Ruhe auf Ihren Gütern wird Ihnen heilbringend sein! -

Leben Sie wohl!" -

Der Minister von Mondschein entfernte sich, unverständliche Worte

zwischen den Zähnen murmelnd und funkelnde Blicke werfend auf

Zinnober, der sich nach seiner Art sein Stöckchen in den Rücken

gestemmt, auf den Fußspitzen hoch in die Höhe hob und stolz und keck

umherblickte.

"Ich muß," sprach nun der Fürst, "ich muß Sie, mein lieber Zinnober,

gleich Ihrem hohen Verdienst gemäß auszeichnen; empfangen Sie daher

aus meinen Händen den Orden des grüngefleckten Tigers!"

Der Fürst wollte ihm nun das Ordensband, das er sich in der

Schnelligkeit von dem Kammerdiener reichen lassen, umhängen; aber

Zinnobers mißgestalteter Körperbau bewirkte, daß das Band durchaus

nicht normalmäßig sitzen wollte, indem es sich bald ungebührlich

heraufschob, bald ebenso hinabschlotterte.

Der Fürst war in dieser so wie in jeder andern solchen Sache, die

das eigentlichste Wohl des Staats betraf, sehr genau. Zwischen dem

Hüftknochen und dem Steißbein, in schräger Richtung drei Sechzehnteil

Zoll aufwärts vom letztern, mußte das am Bande befindliche

Ordenszeichen des grüngefleckten Tigers sitzen. Das war nicht

herauszubringen. Der Kammerdiener, drei Pagen, der Fürst legten Hand

an, alles Mühen blieb vergebens. Das verräterische Band rutschte hin

und her, und Zinnober begann unmutig zu quäken: "Was hantieren Sie

doch so schrecklich an meinem Leibe herum, lassen Sie doch das dumme

Ding hängen, wie es will, Minister bin ich doch nun einmal und bleib'

es!" -

"Wofür," sprach nun der Fürst zornig, "wofür habe ich denn Ordensräte,

wenn rücksichts der Bänder solche tolle Einrichtungen existieren, die

ganz meinem Willen entgegenlaufen? - Geduld, mein lieber Minister

Zinnober! bald soll das anders werden!"

Auf Befehl des Fürsten mußte sich nun der Ordensrat versammeln, dem

noch zwei Philosophen sowie ein Naturforscher, der eben, vom Nordpol

kommend, durchreiste, beigesellt wurden, die über die Frage, wie

auf die geschickteste Weise dem Minister Zinnober das Band des

grüngefleckten Tigers anzubringen, beratschlagen sollten. Um für

diese wichtige Beratung gehörige Kräfte zu sammeln, wurde sämtlichen

Mitgliedern aufgegeben, acht Tage vorher nicht zu denken; um dies

besser ausführen zu können und doch tätig zu bleiben im Dienste des

Staats, aber sich indessen mit dem Rechnungswesen zu beschäftigen.

Die Straßen vor dem Palast, wo die Ordensräte, Philosophen und

Naturforscher ihre Sitzung halten sollten, wurden mit dickem Stroh

belegt, damit das Gerassel der Wagen die weisen Männer nicht störe,

und ebendaher durfte auch nicht getrommelt, Musik gemacht, ja nicht

einmal laut gesprochen werden in der Nähe des Palastes. Im Palast

selbst tappte alles auf dicken Filzschuhen umher, und man verständigte

sich durch Zeichen.

Sieben Tage hindurch vom frühsten Morgen bis in den späten Abend

hatten die Sitzungen gedauert, und noch war an keinen Beschluß zu

denken.

Der Fürst, ganz ungeduldig, schickte ein Mal über das andere hin und

ließ ihnen sagen, es solle in des Teufels Namen ihnen doch endlich

etwas Gescheutes einfallen. Das half aber ganz und gar nichts.

Der Naturforscher hatte soviel möglich Zinnobers Natur erforscht,

Höhe und Breite seines Rückenauswuchses genommen und die genaueste

Berechnung darüber dem Ordensrat eingereicht. Er war es auch, der

endlich vorschlug, ob man nicht den Theaterschneider bei der Beratung

zuziehen wolle.

So seltsam dieser Vorschlag erscheinen mochte, wurde er doch in der

Angst und Not, in der sich alle befanden, einstimmig angenommen.

Der Theaterschneider Herr Kees war ein überaus gewandter, pfiffiger

Mann. Sowie ihm der schwierige Fall vorgetragen worden, sowie er

die Berechnungen des Naturforschers durchgesehen, war er mit dem

herrlichsten Mittel, wie das Ordensband zum normalmäßigen Sitzen

gebracht werden könne, bei der Hand.

An Brust und Rücken sollten nämlich eine gewisse Anzahl Knöpfe

angebracht und das Ordensband daran geknöpft werden. Der Versuch

gelang über die Maßen wohl.

Der Fürst war entzückt und billigte den Vorschlag des Ordensrates, den

Orden des grüngefleckten Tigers nunmehro in verschiedene Klassen zu

teilen, nach der Anzahl der Knöpfe, womit er gegeben wurde. Z.B. Orden

des grüngefleckten Tigers mit zwei Knöpfen - mit drei Knöpfen etc. Der

Minister Zinnober erhielt als ganz besondere Auszeichnung, die sonst

kein anderer verlangen könne, den Orden mit zwanzig brillantierten

Knöpfen, denn gerade zwanzig Knöpfe erforderte die wunderliche Form

seines Körpers.

Der Schneider Kees erhielt den Orden des grüngefleckten Tigers mit

zwei goldnen Knöpfen und wurde, da der Fürst ihn, seines glückliches

Einfalls ungeachtet, für einen schlechten Schneider hielt und sich

daher nicht von ihm kleiden lassen wollte, zum Wirklichen Geheimen

Groß-Kostümierer des Fürsten ernannt. -

Aus dem Fenster seines Landhauses sah der Doktor Prosper Alpanus

gedankenvoll herab in seinen Park. Er hatte die ganze Nacht hindurch

sich damit beschäftigt, Balthasars Horoskop zu stellen und manches

dabei herausgebracht, was sich auf den kleinen Zinnober bezog. Am

wichtigsten das, was sich mit dem Kleinen im Garten begeben, als er

von Adrian und Pulcher belauscht wurde. Eben wollte Prosper Alpanus

seinen Einhörnern zurufen, daß sie die Muschel herbeiführen möchten,

weil er fort wolle nach Hoch-Jakobsheim, als ein Wagen daherrasselte

und vor dem Gattertor des Parks still hielt. Es hieß, das

Stiftsfräulein von Rosenschön wünsche den Herrn Doktor zu sprechen.

"Sehr willkommen," sprach Prosper Alpanus, und die Dame trat hinein.

Sie trug ein langes schwarzes Kleid und war in Schleier gehüllt wie

eine Matrone. Prosper Alpanus, von einer seltsamen Ahnung ergriffen,

nahm sein Rohr und ließ die funkelnden Strahlen des Knopfs auf die

Dame fallen. Da war es, als zuckten rauschend Blitze um sie her,

und sie stand da im weißen durchsichtigen Gewande, glänzende

Libellenflügel an den Schultern, weiße und rote Rosen durch das Haar

geflochten. - "Ei, ei," lispelte Prosper, nahm das Rohr unter seinen

Schlafrock, und sogleich stand die Dame wieder im vorigen Kostüm da.

Prosper Alpanus lud sie freundlich ein, sich niederzulassen. Fräulein

von Rosenschön sagte nun, wie es längst ihre Absicht gewesen, den

Herrn Doktor in seinem Landhause aufzusuchen, um die Bekanntschaft

eines Mannes zu machen, den die ganze Gegend als einen hochbegabten,

wohltätigen Weisen rühme. Gewiß werde er ihre Bitte gewährend, sich

des nahe gelegenen Fräuleinstifts ärztlich anzunehmen, da die alten

Damen darin oft kränkelten und ohne Hülfe blieben. Prosper Alpanus

erwiderte höflich, daß er zwar schon längst die Praxis aufgegeben,

aber doch ausnahmsweise die Stiftsdamen besuchen wolle, wenn es not

täte, und fragte dann, ob sie selbst, das Fräulein von Rosenschön,

vielleicht an irgendeinem Übel leide. Das Fräulein versicherte, daß

sie nur dann und wann ein rheumatisches Zucken in den Gliedern fühle,

wenn sie sich an der Morgenluft erkältet, jetzt aber ganz gesund sei,

und begann irgendein gleichgültiges Gespräch. Prosper fragte, ob sie,

da es noch früher Morgen, vielleicht eine Tasse Kaffee nehmen wolle;

die Rosenschön meinte, daß Stiftsfräuleins dergleichen niemals

verschmähten. Der Kaffee wurde gebracht, aber so sehr sich auch

Prosper mühen mochte, einzuschenken, die Tassen blieben leer,

ungeachtet der Kaffee aus der Kanne strömte. "Ei, ei" lächelte Prosper

Alpanus, "das ist böser Kaffee! - Wollten Sie, mein bestes Fräulein,

doch nur lieber selbst den Kaffee eingießen."

"Mit Vergnügen," erwiderte das Fräulein und ergriff die Kanne. Aber

ungeachtet kein Tropfen aus der Kanne quoll, wurde doch die Tasse

voller und voller, und der Kaffee strömte über auf den Tisch, auf

das Kleid des Stiftsfräuleins. - Sie setzte schnell die Kanne hin,

sogleich war der Kaffee spurlos verschwunden. Beide, Prosper Alpanus

und das Stiftsfräulein, schauten sich nun eine Weile schweigend an mit

seltsamen Blicken.

"Sie waren," begann nun die Dame, "Sie waren, mein Herr Doktor, gewiß

mit einem sehr anziehenden Buche beschäftigt, als ich eintrat."

"In der Tat," erwiderte der Doktor, "enthält dieses Buch gar

merkwürdige Dinge."

Damit wollte er das kleine Buch in vergoldetem Einbande, das vor ihm

auf dem Tisch lag, aufschlagen. Doch das blieb ein ganz vergebliches

Mühen, denn mit einem lauten Klipp, Klapp schlug das Buch sich immer

wieder zusammen. "Ei, ei," sprach Prosper Alpanus, "versuchen _Sie_

sich doch mit dem eigensinnigen Dinge hier, mein wertes Fräulein!"

Er reichte der Dame das Buch hin, das, sowie sie es nur berührte, sich

von selbst aufschlug. Aber alle Blätter lösten sich los und dehnten

sich aus zum Riesenfolio und rauschten umher im Zimmer.

Erschrocken fuhr das Fräulein zurück. Nun schlug der Doktor das Buch

zu mit Gewalt, und alle Blätter verschwanden.

"Aber," sprach nun Prosper Alpanus mit sanftem Lächeln, indem er sich

von seinem Sitze erhob, "aber mein bestes gnädiges Fräulein, was

verderben wir die Zeit mit solchen schnöden Tafelkünsten; denn anders

als ordinäre Tafelkunststücke sind es doch nicht, die wir bis jetzt

getrieben, schreiten wir doch lieber zu höheren Dingen." "Ich will

fort!" rief das Fräulein und erhob sich vorn Sitze.

"Ei," sprach Prosper Alpanus, "das möchte doch wohl nicht recht gut

angehen ohne meinen Willen; denn, meine Gnädige, ich muß es Ihnen nur

sagen, Sie sind jetzt ganz und gar in meiner Gewalt."

"In Ihrer Gewalt," rief das Fräulein zornig, "in Ihrer Gewalt, Herr

Doktor? - Törichte Einbildung!"

Und damit breitete sich ihr seidnes Kleid aus, und sie schwebte als

der schönste Trauermantel auf zur Decke des Zimmers. Doch sogleich

sauste und brauste auch Prosper Alpanus ihr nach als tüchtiger

Hirschkäfer. Ganz ermattet flatterte der Trauermantel herab und rannte

als kleines Mäuschen auf dem Boden umher. Aber der Hirschkäfer sprang

miauend und prustend ihm nach als grauer Kater. Das Mäuschen erhob

sich wieder als glänzender Kolibri, da erhoben sich allerlei seltsame

Stimmen rings um das Landhaus, und allerlei wunderbare Insekten

sumseten herbei, mit ihnen seltsames Waldgeflügel, und ein goldnes

Netz spann sich um die Fenster. Da stand mit einemmal die Fee

Rosabelverde, in aller Pracht und Hoheit strahlend, im glänzenden

weißen Gewande, den funkelnden Diamantgürtel umgetan, weiße und rote

Rosen durch die dunklen Locken geflochten, mitten im Zimmer. Vor ihr

der Magus im goldgestickten Talar, eine glänzende Krone auf dem Haupt,

das Rohr mit dem feuerstrahlenden Knopf in der Hand.

Rosabelverde schritt zu auf den Magus, da entfiel ihrem Haar ein

goldner Kamm und zerbrach, als sei er von Glas, auf dem Marmorboden.

"Weh mir! - weh mir!" rief die Fee.

Plötzlich saß wieder das Stiftsfräulein von Rosenschön im schwarzen

langen Kleide am Kaffeetisch, und ihr gegenüber der Doktor Prosper

Alpanus.

"Ich dächte," sprach Prosper Alpanus sehr ruhig, indem er in die

chinesischen Tassen den herrlichsten dampfenden Kaffee von Mokka ohne

Hindernis einschenkte, "ich dächte, mein bestes gnädiges Fräulein, wir

wüßten beide nun hinlänglich, wie wir miteinander daran sind. - Sehr

leid tut es mir, daß Ihr schöner Haarkamm zerbrach auf meinem harten

Fußboden."

"Nur meine Ungeschicklichkeit," erwiderte das Fräulein, mit Behagen

den Kaffee einschlürfend, "ist schuld daran. Auf diesen Boden muß man

sich hüten, etwas fallen zu lassen, denn irr' ich nicht, so sind diese

Steine mit den wunderbarsten Hieroglyphen beschrieben, welche manchem

nur gewöhnliche Marmoradern bedünken möchten."

"Abgenutzte Talismane, meine Gnädige," sprach Prosper, "abgenutzte

Talismane sind diese Steine, nichts weiter."

"Aber bester Doktor," rief das Fräulein, "wie ist es möglich, daß wir

uns nicht kennen lernten seit der frühesten Zeit, daß wir nicht ein

einziges Mal zusammentrafen auf unseren Wegen?"

"Diverse Erziehung, beste Dame," erwiderte Prosper Alpanus,

"diverse Erziehung ist lediglich daran schuld! Während Sie als das

hoffnungsvollste Mädchen in Dschinnistan sich ganz Ihrer reichen

Natur, Ihrem glücklichen Genie überlassen konnten, war ich, ein

trübseliger Student, in den Pyramiden eingeschlossen und hörte

Kollegia bei dem Professor Zoroaster, einem alten Knasterbart, der

aber verdammt viel wußte. Unter der Regierung des würdigen Fürsten

Demetrius nahm ich meinen Wohnsitz in diesem kleinen anmutigen

Ländchen."

"Wie," sprach das Fräulein, "und wurden nicht verwiesen, als Fürst

Paphnutius die Aufklärung einführte?" "Keineswegs," antwortete

Prosper, "es gelang mir vielmehr, mein eignes Ich ganz zu verhüllen,

indem ich mich mühte, Aufklärungssachen betreffend, ganz besondere

Kenntnisse zu beweisen in allerlei Schriften, die ich verbreitete. Ich

bewies, daß ohne des Fürsten Willen es niemals donnern und blitzen

müsse, und daß wir schönes Wetter und eine gute Ernte einzig und

allein seinen und seiner Noblesse Bemühungen zu verdanken, die in den

innern Gemächern darüber sehr weise beratschlage, während das gemeine

Volk draußen auf dem Acker gepflügt und gesäet. Fürst Paphnutius erhob

mich damals zum Geheimen Oberaufklärungs-Präsidenten, eine Stelle,

die ich mit meiner Hülle wie eine lästige Bürde abwarf, als der Sturm

vorüber. - Insgeheim war ich nützlich, wie ich konnte. Das heißt, was

wir, ich und Sie, meine Gnädige, wahrhaft nützlich nennen. - Wissen

Sie wohl, bestes Fräulein, daß _ich_ es war, der Sie warnte vor dem

Einbrechen der Aufklärungspolizei? - daß _ich_ es bin, dem Sie noch

das Besitztum der artigen Sächelchen verdanken, die Sie mir vorhin

gezeigt? - O mein Gott! liebe Stiftsdame, schauen Sie doch nur aus

diesen Fenstern! - Erkennen Sie denn nicht mehr diesen Park, in dem

Sie so oft lustwandelten und mit den freundlichen Geistern sprachen,

die in den Büschen - Blumen - Quellen wohnen? - Diesen Park hab' ich

gerettet durch meine Wissenschaft. Er steht noch da wie zur Zeit des

alten Demetrius. Fürst Barsanuph bekümmert sich, dem Himmel sei es

gedankt, nicht viel um das Zauberwesen, er ist ein leutseliger Herr

und läßt jeden gewähren, jeden zaubern, so viel er Lust hat, sobald

er es sich nur nicht merken läßt und die Abgaben richtig zahlt. So

leb' ich hier, wie Sie, liebe Dame, in Ihrem Stift, glücklich und

sorgenfrei!" -

"Doktor," rief das Fräulein, indem ihr die Tränen aus den Augen

stürzten, "Doktor, was sagen Sie! - welche Aufklärungen! - ja, ich

erkenne diesen Hain, wo ich die seligsten Freuden genoß! - Doktor! -

edelster Mann, dem ich so viel zu verdanken! - Und Sie können meinen

kleinen Schützling so hart verfolgen?" -

"Sie haben," erwiderte der Doktor, "Sie haben, mein bestes Fräulein,

von Ihrer angebornen Gutmütigkeit hingerissen, Ihre Gaben an einen

Unwürdigen verschleudert. Zinnober ist und bleibt, Ihrer gütigen Hülfe

ungeachtet, ein kleiner mißgestalteter Schlingel, der nun, da der

goldne Kamm zerbrochen, ganz in meine Hand gegeben ist."

"Haben Sie Mitleiden, o Doktor!" flehte das Fräulein.

"Aber schauen Sie doch nur gefälligst her," sprach Prosper, indem er

dem Fräulein Balthasars Horoskop, das er gestellt hatte, vorhielt.

Das Fräulein blickte hinein und rief dann voll Schmerz: "Ja! - wenn es

so beschaffen ist, so muß ich wohl weichen der höheren Macht. - Armer

Zinnober!" -

"Gestehen Sie, bestes Fräulein," sprach der Doktor lächelnd, "gestehen

Sie, daß die Damen oft sich in dem Bizarrsten sehr wohl gefallen,

den Einfall, den der Augenblick gebar, rastlos und rücksichtslos

verfolgend und jedes schmerzliche Berühren anderer Verhältnisse nicht

achtend! - Zinnober muß sein Schicksal verbüßen, aber dann soll er

noch zu unverdienter Ehre gelangen. Damit huldige ich Ihrer Macht,

Ihrer Güte, Ihrer Tugend. mein sehr wertes gnädigstes Fräulein!"

"Herrlicher, vortrefflicher Mann," rief das Fräulein, "bleiben Sie

mein Freund!" -

"Immerdar," erwiderte der Doktor. "Meine Freundschaft, meine innige

Zuneigung zu Ihnen, holde Fee, wird nie aufhören. Wenden Sie sich

getrost an mich in allen bedenklichen Fällen des Lebens, und - o

trinken Sie Kaffee bei mir, sooft es Ihnen zu Sinne kommt."

"Leben Sie wohl, mein würdigster Magus, nie werd' ich Ihre Huld, nie

diesen Kaffee vergessen!" So sprach das Fräulein und erhob sich, von

innerer Rührung ergriffen, zum Scheiden.

Prosper Alpanus begleitete sie ans Gattertor, während alle wunderbare

Stimmen des Waldes auf die lieblichste Weise erklangen.

Vor dem Tor stand, statt des Fräuleins Wagen, die mit den Einhörnern

bespannte Kristallmuschel des Doktors, hinter der der Goldkäfer seine

glänzenden Flügel ausbreitete. Auf dem Bock saß der Silberfasan und

kuckte, die goldnen Zügel im Schnabel haltend, das Fräulein mit klugen

Augen an.

In die seligste Zeit ihres herrlichsten Feenlebens fühlte sich die

Stiftsdame versetzt, als der Wagen, herrlich tönend, durch den

duftenden Wald rauschte.

Klein Zaches, genannt Zinnober: Ein Märchen · 第 8 / 12 题