Fünftes Kapitel

Wie Fürst Barsanuph Leipziger Lerchen und Danziger Goldwasser

frühstückte, einen Butterfleck auf die Kasimirhose bekam und den

Geheimen Sekretär Zinnober zum Geheimen Spezialrat erhob. - Die

Bilderbücher des Doktors Prosper Alpanus. - Wie ein Portier den

Studenten Fabian in den Finger biß, dieser ein Schleppkleid trug und

deshalb verhöhnt wurde. - Balthasars Flucht.

Es ist nicht länger zu verhehlen, daß der Minister der auswärtigen

Angelegenheiten, bei dem Herr Zinnober als Geheimer Expedient

angenommen, ein Abkömmling jenes Barons Prätextatus von Mondschein

war, der den Stammbaum der Fee Rosabelverde in den Turnierbüchern und

Chroniken vergebens suchte. Er hieß wie sein Ahnherr Prätextatus von

Mondschein, war von der feinsten Bildung, den angenehmsten Sitten,

verwechselte niemals das Mich und Mir, das Ihnen und Sie, schrieb

seinen Namen mit französischen Lettern sowie überhaupt eine leserliche

Hand und arbeitete sogar zuweilen selbst, vorzüglich wenn das Wetter

schlecht war. Fürst Barsanuph, ein Nachfolger des großen Paphnutz,

liebte ihn zärtlich, denn er hatte auf jede Frage eine Antwort,

spielte in den Erholungsstunden mit dem Fürsten Kegel, verstand sich

herrlich aufs Geld-Negoz und suchte in der Gavotte seinesgleichen.

Es gab sich, daß der Baron Prätextatus von Mondschein den Fürsten

eingeladen hatte zum Frühstück auf Leipziger Lerchen und ein Gläschen

Danziger Goldwasser. Als er nun hinkam in Mondscheins Haus, fand er im

Vorsaal unter mehreren angenehmen diplomatischen Herren den kleinen

Zinnober, der, auf seinem Stock gestemmt, ihn mit seinen Äugelein

anfunkelte und, ohne sich weiter an ihn zu kehren, eine gebratene

Lerche ins Maul steckte, die er soeben vom Tische gemaust. Sowie der

Fürst den Kleinen erblickte, lächelte er ihn gnädig an und sprach zum

Minister: "Mondschein! was haben Sie da für einen kleinen, hübschen,

verständigen Mann in Ihrem Hause? - Es ist gewiß derselbe, der die

wohl stilisierten und schön geschriebenen Berichte verfertigt, die ich

seit einiger Zeit von Ihnen erhalte?" "Allerdings, gnädigster Herr,"

erwiderte Mondschein. "Mir hat das Geschick ihn zugeführt als den

geistreichsten, geschicktesten Arbeiter in meinem Bureau. Er nennt

sich Zinnober, und ich empfehle den jungen herrlichen Mann ganz

vorzüglich Ihrer Huld und Gnade, mein bester Fürst! - Erst seit

wenigen Tagen ist er bei mir." "Und ebendeshalb," sprach ein junger

hübscher Mann, der sich indessen genähert, "und ebendeshalb hat, wie

Ew. Exzellenz zu bemerken erlauben werden, mein kleiner Kollege noch

gar nichts expediert. Die Berichte, die das Glück hatten, von Ihnen,

mein durchlauchtigster Fürst, mit Wohlgefallen bemerkt zu werden, sind

von mir verfaßt." "Was wollen Sie!" fuhr der Fürst ihn zornig an. -

Zinnober hatte sich dicht an den Fürsten geschoben und schmatzte, die

Lerche verzehrend, vor Gier und Appetit. - Der junge Mensch war es

wirklich, der jene Berichte verfaßt, aber: "Was wollen Sie," rief der

Fürst, "Sie haben ja noch gar nicht die Feder angerührt? - Und daß Sie

dicht bei mir gebratene Lerchen verzehren, so daß, wie ich zu meinem

großen Ärger bemerken muß, meine neue Kasimirhose bereits einen

Butterfleck bekommen, daß Sie dabei so unbillig schmatzen, ja! -

alles das beweiset hinlänglich Ihre völlige Untauglichkeit zu jeder

diplomatischen Laufbahn! - Gehen Sie fein nach Hause und lassen Sie

sich nicht wieder vor mir sehen, es sei denn, Sie brächten mir eine

nützliche Fleckkugel für meine Kasimirhose. - Vielleicht wird mir dann

wieder gnädig zumute!" Dann zum Zinnober: "Solche Jünglinge, wie Sie,

werter Zinnober, sind eine Zierde des Staats und verdienen ehrenvoll

ausgezeichnet zu werden! - Sie sind Geheimer Spezialrat, mein Bester!"

- "Danke schönstens," schnarrte Zinnober, indem er den letzten Bissen

hinunterschluckte und sich das Maul wischte mit beiden Händchen,

"danke schönstens, ich werd' das Ding schon machen, wie es mir

zukommt."

"Wackres Selbstvertrauen," sprach der Fürst mit erhobener Stimme,

"wackres Selbstvertrauen zeugt von der innern Kraft, die dem würdigen

Staatsmann inwohnen muß!" - Und auf diesen Spruch nahm der Fürst ein

Schnäpschen Goldwasser, welches der Minister selbst ihm darreichte und

das ihm sehr wohl bekam. - Der neue Rat mußte Platz nehmen zwischen

dem Fürsten und Minister. Er verzehrte unglaublich viel Lerchen und

trank Malaga und Goldwasser durcheinander und schnarrte und brummte

zwischen den Zähnen und hantierte, da er kaum mit der spitzen Nase

über den Tisch reichen konnte, gewaltig mit den Händchen und Beinchen.

Als das Frühstück beendigt, riefen beide, der Fürst und der Minister:

"Er ist ein englischer Mensch, dieser Geheime Spezialrat!" - "Du

siehst," sprach Fabian zu seinem Freunde Balthasar, "du siehst so

fröhlich aus, deine Blicke leuchten in besonderen Feuer. - Du fühlst

dich glücklich? - Ach, Balthasar, du träumst vielleicht einen schönen

Traum, aber ich muß dich daraus erweckendes ist Freundes Pflicht!"

"Was hast du, was ist geschehen?" fragte Balthasar bestürzt.

"Ja," fuhr Fabian fort, "ja! - ich muß es dir sagen! Fasse dich

nur, mein Freund! - Bedenke, daß vielleicht kein Unfall in der Welt

schmerzlicher trifft und doch leichter zu verwinden ist, als eben

dieser! - Candida" -

"Um Gott," schrie Balthasar entsetzt, "Candida! - was ist mit Candida?

- ist sie hin - ist sie tot?"

"Ruhig," sprach Fabian weiter, "ruhig, mein Freund! - nicht tot

ist Candida, aber so gut als tot für dich! - Wisse, daß der kleine

Zinnober Geheimer Spezialrat geworden und so gut als versprochen ist

mit der schönen Candida, die, Gott weiß wie, in ihn ganz vernarrt sein

soll."

Fabian glaubte, daß Balthasar nun losbrechen werde in ungestüme,

verzweiflungsvolle Klagen und Verwünschungen. Statt dessen sprach er

mit ruhigem Lächeln: "Ist es nichts weiter als das, so gibt es keinen

Unfall, der mich betrüben könnte."

"Du liebst Candida nicht mehr?" fragte Fabian voll Erstaunen.

"Ich liebe," erwiderte Balthasar, "ich liebe das Himmelskind, das

herrliche Mädchen mit aller Inbrunst, mit aller Schwärmerei, die nur

in eines Jünglings Brust sich entzünden kann! Und ich weiß - ach ich

weiß es, daß Candida mich wieder liebt, daß nur ein verruchter Zauber

sie umstrickt hält, aber bald löse ich die Bande dieses Hexenwesens,

bald vernichte ich den Unhold, der die Arme betört." -

Balthasar erzählte nun dem Freunde ausführlich von dem wunderbaren

Mann, dem er in dem seltsamsten Fuhrwerk im Walde begegnet. Er

schloß damit, daß, sowie aus dem Stockknopf des zauberischen Wesens

ein Strahl in seine Brust gefunkelt, der feste Gedanken in ihm

aufgegangen, daß Zinnober nichts sei als ein Hexenmännlein, dessen

Macht jener Mann vernichten werde.

"Aber," rief Fabian, als der Freund geendet, "aber Balthasar, wie

kannst du nur auf solches tolles, wunderliches Zeug verfallen? - Der

Mann, den du für einen Zauberer hältst, ist niemand anders als der

Doktor Prosper Alpanus, der unfern der Stadt auf seinem Landhause

wohnt. Wahr ist es, daß die wunderlichsten Gerüchte von ihm verbreitet

werden, so daß man ihn beinahe für einen zweiten Cagliostro halten

möchte; aber daran ist er selbst schuld. Er liebt es, sich in

mystisches Dunkel zu hüllen, den Schein eines mit den tiefsten

Geheimnissen der Natur vertrauten Mannes anzunehmen, der unbekannten

Kräften gebietet, und dabei hat er die bizarrsten Einfälle. So ist

zum Beispiel sein Fuhrwerk so seltsam beschaffen, daß ein Mensch, der

von lebhafter feuriger Fantasie ist, wie du, mein Freund, wohl dahin

gebracht werden kann, alles für eine Erscheinung aus irgendeinem

tollen Märchen zu halten. Höre also! - Sein Kabriolett hat die Form

einer Muschel und ist über und über versilbert, zwischen den Rädern

ist eine Drehorgel angebracht, welche, sowie der Wagen fährt, von

selbst spielt. Das, was du für einen Silberfasan hieltest, war gewiß

sein kleiner weißgekleideter Jockey, so wie du gewiß die Blätter des

ausgespreiteten Sonnenschirms für die Flügeldecken eines Goldkäfers

hieltest. Seinen beiden weißen Pferdchen läßt er große Hörner

anschrauben, damit es nur recht fabelhaft aussehn soll. Übrigens ist

es richtig, daß der Doktor Alpanus ein schönes spanisches Rohr trägt

mit einem herrlich funkelnden Kristall, der oben darauf sitzt als

Knopf und von dessen wunderlicher Wirkung man viel Fabelhaftes erzählt

oder vielmehr lügt. Den Strahl dieses Kristalls soll nämlich kaum ein

Auge ertragen. Verhüllt ihn der Doktor mit einem dünnen Schleier und

richtet man nun den festen Blick darauf, so soll das Bild der Person,

das man in dem innersten Gedanken trägt, außerhalb wie in einem

Hohlspiegel erscheinen." "In der Tat," fiel Balthasar dem Freunde ins

Wort, "in der Tat? Erzählt man das? - Was spricht man denn wohl noch

weiter von dem Herrn Doktor Prosper Alpanus?"

"Ach," erwiderte Fabian, "verlange doch nur nicht, daß ich von den

tollen Fratzen und Possen viel reden soll. Du weißt ja, daß es noch

bis jetzt abenteuerliche Leute gibt, die der gesunden Vernunft

entgegen an alle sogenannte Wunder alberner Ammenmärchen glauben."

"Ich will dir gestehen," fuhr Balthasar fort, "daß ich genötigt bin,

mich selbst zu der Partie dieser abenteuerlichen Leute ohne gesunde

Vernunft zu schlagen. Versilbertes Holz ist kein glänzendes

durchsichtiges Kristall, eine Drehorgel tönt nicht wie eine Harmonika,

ein Silberfasan ist kein Jockey und ein Sonnenschirm kein Goldkäfer.

Entweder war der wunderbare Mann, dem ich begegnete, nicht der Doktor

Prosper Alpanus, von dem du sprichst, oder der Doktor herrscht

wirklich über die außerordentlichsten Geheimnisse."

"Um," sprach Fabian, "um dich ganz von deinen seltsamen Träumereien zu

heilen, ist es am besten, daß ich dich geradezu hinführe zu dem Doktor

Prosper Alpanus. Dann wirst du es selbst verspüren, daß der Herr

Doktor ein ganz gewöhnlicher Arzt ist und keineswegs spazieren fährt

mit Einhörnern, Silberfasanen und Goldkäfern."

"Du sprichst," erwiderte Balthasar, indem ihm die Augen hell

auffunkelten, "du sprichst, mein Freund, den innigsten Wunsch meiner

Seele aus. - Wir wollen uns nur gleich auf den Weg machen."

Bald standen sie vor dem verschlossenen Gattertor des Parks, in

dessen Mitte das Landhaus des Doktor Alpanus lag. "Wie kommen wir nur

hinein?" sprach Fabian. "Ich denke, wir klopfen," erwiderte Balthasar

und faßte den metallenen Klöpfel, der dicht beim Schlosse angebracht

war.

Sowie er den Klöpfel aufhob, begann ein unterirdisches Murmeln wie

ein ferner Donner und schien zu verhallen in der tiefsten Tiefe. Das

Gattertor drehte sich langsam auf, sie traten ein und wanderten fort

durch einen langen, breiten Baumgang, durch den sie das Landhaus

erblickten. "Spürst du," sprach Fabian, "hier etwas Außerordentliches,

Zauberisches?" "Ich dächte," erwiderte Balthasar, "die Art, wie sich

das Gattertor öffnete, wäre doch nicht so ganz gewöhnlich gewesen,

und dann weiß ich nicht, wie mich hier alles so wunderbar, so magisch

anspricht. - Gibt es denn wohl auf weit und breit solche herrliche

Bäume als eben hier in diesem Park? - Ja, mancher Baum, manches

Gebüsch scheint ja mit seinen glänzenden Stämmen und smaragdenen

Blättern einem fremden unbekannten Lande anzugehören." -

Fabian bemerkte zwei Frösche von ungewöhnlicher Größe, die schon von

dem Gattertor an zu beiden Seiten der Wandelnden mitgehüpft waren.

"Schöner Park," rief Fabian, "in dem es solch Ungeziefer gibt!" und

bückte sich nieder, um einen kleinen Stein aufzuheben, mit dem er nach

den lustigen Fröschen zu werfen gedachte. Beide sprangen ins Gebüsch

und guckten ihn mit glänzenden menschlichen Augen an. "Wartet,

wartet!" rief Fabian, zielte nach dem einen und warf. In dem

Augenblick quäkte aber ein kleines häßliches Weib, das am Wege saß:

"Grobian! schmeiß' Er nicht ehrliche Leute, die hier im Garten mit

saurer Arbeit ihr bißchen Brot verdienen müssen." - "Komm nur, komm,"

murmelte Balthasar entsetzt, denn er merkte wohl, daß der Frosch sich

gestaltet zum alten Weibe. Ein Blick ins Gebüsch überzeugte ihn, daß

der andere Frosch, jetzt ein kleines Männlein geworden, sich mit

Ausjäten des Unkrauts beschäftigte. -

Vor dem Landhause befand sich ein großer schöner Rasenplatz, auf dem

die beiden Einhörner weideten, während die herrlichsten Akkorde in den

Lüften erklangen.

"Siehst du wohl, hörst du wohl?" sprach Balthasar.

"Ich sehe nichts weiter," erwiderte Fabian, "als zwei kleine Schimmel,

die Gras fressen, und was so in den Lüften tönt, sind wahrscheinlich

aufgehängte Äolsharfen."

Die herrliche einfache Architektur des mäßig großen, einstöckigen

Landhauses entzückte den Balthasar. Er zog an der Klingelschnur,

sogleich ging die Türe auf, und ein großer straußartiger, ganz

goldgelb gleißender Vogel stand als Portier vor den Freunden.

"Nun seh'," sprach Fabian zu Balthasar, "nun seh' einmal einer die

tolle Livree! - Will man auch nachher dem Kerl ein Trinkgeld geben,

hat er wohl eine Hand, es in die Westentasche zu schieben?"

Und damit wandte er sich zu dem Strauß, packte ihn bei den glänzenden

Flaumfedern, die unter dem Schnabel an der Kehle wie ein reiches Jabot

sich aufplusterten, und sprach: "Meld' Er uns bei dem Herrn Doktor,

mein scharmanter Freund!" - Der Strauß sagte aber nichts als:

_"Quirrrr"_ - und biß den Fabian in den Finger. "Tausend Sapperment,"

schrie Fabian, "der Kerl ist doch wohl am Ende ein verfluchter Vogel!"

In demselben Augenblick ging eine innere Türe auf, und der Doktor

selbst trat den Freunden entgegen. - Ein kleiner dünner, blasser Mann!

- Er trug ein kleines samtnes Mützchen auf dem Haupte, unter dem

schönes Haar in langen Locken hervorströmte, ein langes erdgelbes

indisches Gewand und kleine rote Schnürstiefelchen, ob mit buntem

Pelz oder dem glänzenden Federbalg eines Vogels besetzt, war nicht

zu unterscheiden. Auf seinem Antlitz lag die Ruhe, die Gutmütigkeit

selbst, nur schien es seltsam, daß, wenn man ihn recht nahe, recht

scharf anblickte, es war, als schaue aus dem Gesicht noch ein

kleineres Gesichtchen wie aus einem gläsernen Gehäuse heraus.

"Ich erblickte," sprach nun leise und etwas gedehnt mit anmutigem

Lächeln Prosper Alpanus, "ich erblickte Sie, meine Herrn, aus dem

Fenster, ich wußte auch wohl schon früher, wenigstens was Sie

betrifft, lieber Herr Balthasar, daß Sie zu mir kommen würden. -

Folgen Sie mir gefälligst!" -

Prosper Alpanus führte sie in ein hohes rundes Zimmer, rings umher mit

himmelblauen Gardinen behängt. Das Licht fiel durch ein oben in der

Kuppel angebrachtes Fenster herab und warf seine Strahlen auf den

glänzend polierten, von einer Sphinx getragenen Marmortisch, der

mitten im Zimmer stand. Sonst war durchaus nichts Außerordentliches in

dem Gemach zu bemerken.

"Worin kann ich Ihnen dienen?" fragte Prosper Alpanus.

Da faßte sich Balthasar zusammen, erzählte, was sich mit dem kleinen

Zinnober begeben von seinem ersten Erscheinen in Kerepes an, und

schloß mit der Versicherung, wie in ihm der feste Gedanke aufgegangen,

daß er, Prosper Alpanus, der wohltätige Magus sei, der Zinnobers

verworfenem, abscheulichem Zauberwerk Einhalt tun werde.

Prosper Alpanus blieb schweigend in tiefen Gedanken stehen. Endlich,

nachdem wohl ein paar Minuten vergangen, begann er mit ernster

Miene und tiefem Ton: "Nach allem, was Sie mir erzählt, Balthasar,

unterliegt es gar keinem Zweifel, daß es mit dem kleinen Zinnober eine

besondere geheimnisvolle Bewandtnis hat. - Aber man muß fürs erste den

Feind kennen, den man bekämpfen, die Ursache wissen, deren Wirkung man

zerstören will. - Es steht zu vermuten, daß der kleine Zinnober nichts

anders ist, als ein Wurzelmännlein. Wir wollen doch gleich nachsehen."

Damit zog Prosper Alpanus an einer von den seidenen Schnüren, die rund

umher an der Decke des Zimmers herabhingen. Eine Gardine rauschte

auseinander, große Folianten in ganz vergoldeten Einbänden wurden

sichtbar, und eine zierliche, luftig leichte Treppe von Zedernholz

rollte hinab. Prosper Alpanus stieg diese Treppe heran und holte aus

der obersten Reihe einen Folianten, den er auf den Marmortisch legte,

nachdem er ihn mit einem großen Büschel blinkender Pfauenfedern

sorgfältig abgestaubt. "Dies Werk," sprach er dann, "handelt von den

Wurzelmännern, die sämtlich darin abgebildet; vielleicht finden Sie

Ihren feindlichen Zinnober darunter, und dann ist er in unsere Hände

geliefert."

Als Prosper Alpanus das Buch aufschlug, erblickten die

Freunde eine Menge sauber illuminierter Kupfertafeln, die die

allerverwunderlichsten mißgestaltetsten Männlein mit den tollsten

Fratzengesichtern darstellten, die man nur sehen konnte. Aber sowie

Prosper eins dieser Männlein auf dem Blatt berührte, wurd' es

lebendig, sprang heraus und gaukelte und hüpfte auf dem Marmortisch

gar possierlich umher und schnappte mit den Fingerchen und machte mit

den krummen Beinchen die allerschönsten Pirouetten und Entrechats

und sang dazu Quirr, Quapp, Pirr, Papp, bis es Prosper bei dem Kopfe

ergriff und wieder ins Buch legte, wo es sich alsbald ausglättete und

ausplättete zum bunten Bilde.

Auf dieselbe Weise wurden alle Bilder des Buchs durchgesehen, aber so

oft schon Balthasar rufen wollte: "Dies ist er, dies ist Zinnober!" so

mußte er doch, genauer hinblickend, zu seinem Leidwesen wahrnehmen,

daß das Männlein keinesweges Zinnober war.

"Das ist doch wunderlich genug," sprach Prosper Alpanus, als das Buch

zu Ende. - "Doch," fuhr er fort, "mag Zinnober vielleicht gar ein

Erdgeist sein. Sehen wir nach."

Damit hüpfte er mit seltener Behendigkeit abermals die Zederntreppe

herauf, holte einen andern Folianten, stäubte ihn säuberlich ab, legte

ihn auf den Marmortisch und schlug ihn auf, sprechend: "Dies Werk

handelt von den Erdgeistern, vielleicht haschen wir den Zinnober in

diesem Buche." Die Freunde erblickten wiederum eine Menge sauber

illuminierter Kupfertafeln, die abscheulich häßliche braungelbe

Unholde darstellten. Und wie sie Prosper Alpanus berührte, erhoben sie

weinerlich quäkende Klagen und krochen endlich schwerfällig heraus und

wälzten sich knurrend und ächzend auf dem Marmortische herum, bis der

Doktor sie wieder hineindrückte ins Buch.

Auch unter diesen hatte Balthasar den Zinnober nicht gefunden.

"Wunderlich, höchst wunderlich," sprach der Doktor und versank in

stummes Nachdenken.

"Der Käferkönig," fuhr er dann fort, "der Käferkönig kann es

nicht sein, denn der ist, wie ich gewiß weiß, eben jetzt anderswo

beschäftigt; Spinnenmarschall auch nicht, denn Spinnenmarschall ist

zwar häßlich, aber verständig und geschickt, lebt auch von seiner

Hände Arbeit, ohne sich andrer Taten anzumaßen. - Wunderlich - sehr

wunderlich." -

Er schwieg wieder einige Minuten, so daß man allerlei wunderbare

Stimmen, die bald in einzelnen Lauten, bald in vollen anschwellenden

Akkorden ringsumher ertönten, deutlich vernahm. "Sie haben überall

und immerfort recht artige Musik, lieber Herr Doktor," sprach Fabian.

Prosper Alpanus schien gar nicht auf Fabian zu achten, er faßte nur

den Balthasar ins Auge, indem er erst beide Arme nach ihm ausstreckte

und dann die Fingerspitzen gegen ihn hin bewegte, als besprenge er ihn

mit unsichtbaren Tropfen.

Endlich faßte der Doktor Balthasars beide Hände und sprach mit

freundlichem Ernst: "Nur die reinste Konsonanz des psychischen

Prinzips im Gesetz des Dualismus begünstigt die Operation, die ich

jetzt unternehmen werde. Folgen Sie mir!" -

Die Freunde folgten dem Doktor durch mehrere Zimmer, die außer einigen

seltsamen Tieren, die sich mit Lesen - Schreiben - Malen - Tanzen

beschäftigten, eben nichts Merkwürdiges enthielten, bis sich zwei

Flügeltüren öffneten, und die Freunde vor einen dichten Vorhang

traten, hinter den Prosper Alpanus verschwand und sie in dicker

Finsternis ließ. Der Vorhang rauschte auseinander, und die Freunde

befanden sich in einem, wie es schien, eirunden Saal, in dem ein

magisches Helldunkel verbreitet. Es war, betrachtete man die Wände,

als verlöre sich der Blick in unabsehbare grüne Haine und Blumenauen

mit plätschernden Quellen und Bächen. Der geheimnisvolle Duft eines

unbekannten Aroma wallte auf und nieder und schien die süßen Töne

der Harmonika hin und her zu tragen. Prosper Alpanus erschien ganz

weißgekleidet wie ein Brahmin und stellte in die Mitte des Saals einen

großen runden Kristallspiegel, über den er einen Flor warf.

"Treten Sie," sprach er dumpf und feierlich, "treten Sie vor diesen

Spiegel, Balthasar, richten Sie Ihre festen Gedanken auf Candida -

_wollen_ Sie mit ganzer Seele, daß sie sich Ihnen zeige in dem Moment,

der jetzt existiert in Raum und Zeit" -

Balthasar tat, wie ihm geheißen, indem Prosper Alpanus sich hinter ihn

stellte und mit beiden Händen Kreise um ihn beschrieb.

Wenige Sekunden hatte es gedauert, als ein bläulicher Duft aus

dem Spiegel wallte. Candida, die holde Candida erschien in ihrer

lieblichen Gestalt mit aller Fülle des Lebens! Aber neben ihr, dicht

neben ihr saß der abscheuliche Zinnober und drückte ihr die Hände,

küßte sie - Und Candida hielt den Unhold mit einem Arm umschlungen

und liebkoste ihn! - Balthasar wollte laut aufschreien, aber Prosper

Alpanus faßte ihn bei beiden Schultern hart an, und der Schrei

erstickte in der Brust. "Ruhig," sprach Prosper leise, "ruhig

Balthasar! - Nehmen Sie dies Rohr und führen Sie Streiche gegen den

Kleinen, doch ohne sich von der Stelle zu rühren." Balthasar tat es

und gewahrte zu seiner Lust, wie der Kleine sich krümmte, umstülpte,

sich auf der Erde wälzte! - In der Wut sprang er vorwärts, da zerrann

das Bild in Dunst und Nebel, und Prosper Alpanus riß den tollen

Balthasar mit Gewalt zurück, laut rufend: "Halten Sie ein! -

zerschlagen Sie den magischen Spiegel, so sind wir alle verloren!

- Wir wollen in das Helle zurück." - Die Freunde verließen auf des

Doktors Geheiß den Saal und traten in ein anstoßendes helles Zimmer.

"Dem Himmel," rief Fabian, tief Atem schöpfend, "dem Himmel sei

gedankt, daß wir aus dem verwünschten Saal heraus sind. Die schwüle

Luft hat mir beinahe das Herz abgedrückt, und dann die albernen

Taschenspielereien dazu, die mir in tiefer Seele zuwider sind." -

Balthasar wollte antworten, als Prosper Alpanus eintrat. "Es ist,"

sprach er, "es ist nunmehr gewiß, daß der mißgestaltete Zinnober weder

ein Wurzelmann noch ein Erdgeist ist, sondern ein gewöhnlicher Mensch.

Aber es ist eine geheime zauberische Macht im Spiele, die zu erkennen

mir bis jetzt noch nicht gelungen, und ebendeshalb kann ich auch noch

nicht helfen. - Besuchen Sie mich bald wieder, Balthasar, wir wollen

dann sehen, was weiter zu beginnen. Auf Wiedersehn!" -

"Also," sprach Fabian, dicht an den Doktor hinantretend, "also ein

Zauberer sind Sie, Herr Doktor, und können mit all Ihrer Zauberkunst

nicht einmal dem kleinen erbärmlichen Zinnober zu Leibe? - Wissen Sie

wohl, daß ich Sie mitsamt Ihren bunten Bildern, Püppchen, magischen

Spiegeln, mit all Ihrem fratzenhaften Kram für einen rechten

ausgemachten Charlatan halte? - Der Balthasar, der ist verliebt und

macht Verse, dem können Sie allerlei Zeug einreden, aber bei mir

kommen Sie schlecht an! - Ich bin ein aufgeklärter Mensch und

statuiere durchaus keine Wunder!"

"Halten Sie," erwiderte Prosper Alpanus, indem er stärker und

herzlicher lachte, als man es ihm nach seinem ganzen Wesen wohl

zutrauen konnte, "halten Sie das, wie Sie wollen. Aber - bin ich

gleich nicht eben ein Zauberer, so gebiete ich doch über hübsche

Kunststückchen." "Aus Wieglebs 'Magie' wohl oder sonst!" - rief

Fabian. "Nun da finden Sie an unserm Professor Mosch Terpin Ihren

Meister und dürfen sich mit ihm nicht vergleichen, denn der ehrliche

Mann zeigt uns immer, daß alles natürlich zugeht und umgibt sich gar

nicht mit solcher geheimnisvoller Wirtschaft, als Sie, mein Herr

Doktor. - Nun, ich empfehle mich Ihnen gehorsamst!"

"Ei," sprach der Doktor, "sie werden doch nicht so im Zorn von mir

scheiden?"

Und damit strich er dem Fabian an beiden Armen einige Mal leise herab

von der Schulter bis zum Handgelenk, daß diesem ganz besonders zumute

wurde und er beklommen rief: "Was machen Sie denn, Herr Doktor!" -

"Gehen Sie, meine Herrn," sprach der Doktor, "Sie, Herr Balthasar,

hoffe ich recht bald wiederzusehen. - Bald wird die Hülfe gefunden

sein!"

"Er bekommt doch kein Trinkgeld, mein Freund," rief Fabian im

Herausgehen dem goldgelben Portier zu und faßte ihm nach dem Jabot.

Der Portier sagte aber wieder nichts als _"Quirrr"_ und biß abermals

den Fabian in den Finger.

"Bestie!" rief Fabian und rannte von dannen.

Die beiden Frösche ermangelten nicht, die beiden Freunde höflich zu

geleiten bis ans Gattertor, das sich mit einem dumpfen Donner öffnete

und schloß. - "Ich weiß," sprach Balthasar, als er auf der Landstraße

hinter dem Fabian herwandelte, "ich weiß gar nicht, Bruder, was du

heute für einen seltsamen Rock angezogen hast mit solch entsetzlich

langen Schößen und solch kurzen Ärmeln."

Fabian gewahrte zu seinem Erstaunen, daß sein kurzes Röckchen

hinterwärts bis zur Erde herabgewachsen, daß dagegen die sonst über

die Gnüge langen Ärmel hinaufgeschrumpft waren bis an den Ellbogen.

"Tausend Donner, was ist das!" rief er und zog und zupfte an den

Ärmeln und rückte die Schultern. Das schien auch zu helfen, aber wie

sie nun durchs Stadttor gingen, so schrumpften die Ärmel herauf, so

wuchsen die Rockschöße, daß alles Ziehens und Zupfens und Rückens

ungeachtet die Ärmel bald hoch oben an der Schulter saßen, Fabians

nackte Arme preisgebend, daß bald sich ihm eine Schleppe nachwälzte,

länger und länger sich dehnend. Alle Leute standen still und lachten

aus vollem Halse, die Straßenbuben rannten dutzendweise jubelnd und

jauchzend über den langen Talar und rissen Fabian um, und wie er sich

wieder aufraffte, fehlte kein Stückchen von der Schleppe, nein! - sie

war noch länger geworden. Und immer toller und toller wurde Gelächter,

Jubel und Geschrei, bis sich endlich Fabian, halb wahnsinnig, in ein

offnes Haus stürzte. - Sogleich war auch die Schleppe verschwunden.

Balthasar hatte gar nicht Zeit, sich über Fabians seltsame

Verzauberung viel zu verwundern; denn der Referendarius Pulcher faßte

ihn, riß ihn fort in eine abgelegene Straße und sprach: "Wie ist es

möglich, daß du nicht schon fort bist, daß du dich hier noch sehen

lassen kannst, da der Pedell mit dem Verhaftsbefehl dich schon

verfolgt." - "Was ist das, wovon sprichst du?" fragte Balthasar voll

Erstaunen. "So weit," fuhr der Referendarius fort, "so weit riß dich

der Wahnsinn der Eifersucht hin, daß du das Hausrecht verletztest,

feindlich einbrechend in Mosch Terpins Haus, daß du den Zinnober

überfielst bei seiner Braut, daß du den mißgestalteten Däumling halb

tot prügeltest!" - "Ich bitte dich," schrie Balthasar, "den ganzen Tag

war ich ja nicht in Kerepes, schändliche Lügen." - "O still, still,"

fiel ihm Pulcher ins Wort, "Fabians toller unsinniger Einfall, ein

Schleppkleid anzuziehen, rettet dich. Niemand achtet jetzt deiner!

- Entziehe dich nur der schimpflichen Verhaftung, das übrige wollen

wir denn schon ausfechten. Du darfst nicht mehr in deine Wohnung!

- Gib mir die Schlüssel, ich schicke dir alles nach. - Fort nach

Hoch-Jakobsheim!"

Und damit riß der Referendarius den Balthasar fort durch entlegene

Gassen, durchs Tor hin nach dem Dorfe Hoch-Jakobsheim, wo der berühmte

Gelehrte Ptolomäus Philadelphus sein merkwürdiges Buch über die

unbekannte Völkerschaft der Studenten schrieb.

Klein Zaches, genannt Zinnober: Ein Märchen · 第 7 / 12 题